Wanderungen in der Glocknergruppe

        Konzipiert war der Bericht über die Touren im Glocknergebiet für eine Glockner-Monographie im Verlag Eduard Amthor; aufgrund massiver Meinungsverschiedenheiten mit dem Verleger wurde sie jedoch in der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins veröffentlicht.  

       Die Zeitschriften des Deutschen (später Deutschen und Österreichischen) Alpenvereins waren die offiziellen Vereins-Publikationen, die allerdings nach dem Willen der Gründer des DAV nicht zu fixen Zeitpunkten, sondern nach Maßgabe des vorliegenden Text-Materials erscheinen sollten. Es waren also keine "Jahrbücher" wenn auch als Bücher gebunden.

      Der Beitrag "Wanderungen in der Glocknergruppe" von Karl Hofmann und Johann Stüdl wurde diesem Band II der Zeitschrift des DAV entnommen, der 3 "Hefte" (1870 und 1871) enthält.

Die "Wanderungen in der Glocknergruppe" wurden in 2 Teilen im 2. und 3. Heft veröffentlicht.

        Der Bericht umfasst nach der Einleitung und dem Kapitel "Über Karl Hofmann " 26 Kapitel und einen Anhang über die Flora des Gebietes auf insgesamt 392 Seiten. Wir haben die Seiten gescannt und die Textkörper in die Schrift „Calibri“ konvertiert. Im Wesentlichen wurde dadurch die gängige Rechtschreibung und Satzstellung der damaligen Zeit beibehalten. Lediglich eindeutige Druckfehler wurden korrigiert. Aus technischen Gründen war es notwendig, gesperrt gedruckte Textteile in Fettdruck wiederzugeben.

        Um den Beginn eines neuen Kapitels optisch besser zu kennzeichnen, haben wir die Titel gescannt und in Originalschrift eingefügt.

        Die Seiten sind numeriert, jedoch wurden die Autorennamen (jeweils auf den linken Seiten) und die Kapitel-Titel (jeweils auf den rechten Seiten)   weggelassen.

               Der besseren Lesbarkeit wegen, haben wir die Texte teilweise in mehr Absätze gegliedert, als dies im Original der Fall ist.

        Die Fußnoten sind im Originaltext am unteren Seitenrand eingefügt, erstrecken sich aber gelegentlich über 2 nebeneinanderliegende Seiten. Um Irritationen zu vermeiden, haben wir alle Fußnoten - als solche gekennzeichnet - in kleinerer Schrift, gleich in den Text eingefügt.

        Über das > Inhaltsverzeichnis der Seite "Lesestoff" können auch die einzelnen Kapitel annavigiert werden

        Die „artistischen Beilagen“ (Zeichnungen bzw. die Karte der Glocknergruppe) sind – dem damaligen Stand des Druckereiwesens am Ende des Buches eingeklebt worden. Wir haben sie hier an entsprechender Stelle in den Text eingebaut. Die Karte der Glocknergruppe von Peter Wiedermann sehen Sie hier:

       In die Homepage können nur Bilder in geringer Auflösung eingefügt werden. Aus diesem Grunde sind die in diese Karte eingezeichneten Touren von Hofmann und Stüdl kaum zu erkennen. Interessenten senden wir das Bild gerne per E-Mail in hoher Auflösung zu. Nützen Sie die Kontaktseite um uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.  

        Hofmann und Stüdl haben in ihrem Beitrag ausführlich die durchwanderte Landschaft beschrieben. Es wäre natürlich reizvoll, diesen Aufzeichnungen entsprechende Fotos gegenüberzustellen, doch waren solche nicht für alle Standpunkte verfügbar. Auch wollten wir die Wirkung der Texte nicht durch vorliegende Aufnahmen „verwässern“.

        Eine Ausnahme bildet das Kaprunertal (Kapitel 7 "Von Kaprun nach Kals"), das durch die Kraftwerksbauten von 1938 bis 1953 entscheidende landschaftliche Veränderungen erfuhr. Hier haben wir alten Aufnahmen (um 1910) neue Ansichten gegenübergestellt, um diese Veränderungen zu dokumentieren.

       Wohl aber haben wir - soweit vorhanden - jene Zeichnungen von Johann Stüdl eingefügt, die er auf diesen "Wanderungen" angefertigt hat. Sie sind großteils dem Original-Skizzenbuch (Hofmann nennt es in seinen Texten "Mappe") entnommen, welches sich im Besitz von Stüdls Enkelin Traute Lindinger (geb. Stüdl) befindet.
Siehe "Zeichner und Maler / Das Skizzenbuch immer dabei"
> Stüdls Skizzenbuch.

 

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       Die folgenden Blätter behandeln die  Reisen, welche Karl Hofmann, der unermüdliche, um die Erforschung der Alpen hoch verdiente, leider so früh dahingeschiedene Hochgebirgswanderer und der Schreiber dieser Zeilen theils allein, theils gemeinsam in den Jahren  1867, 1868 und 1869 im Gebiete der Glocknergruppe ausgeführt haben und deren Veröffentlichung der Deutsche Alpenverein übernommen - jener Verein, dessen eifrigster und verdienstvollster Mitbegründer und Förderer Karl Hofmann gewesen.

       Die Anordnung des Stoffes wurde so vorgenommen, dass abwechselnd bald  Wanderungen in den Regionen des ewigen Eises und Schnees, bald von den Besuchern der Alpen häufiger begangene Wege beschrieben sind.

       Hoffentlich werden dadurch diese Schilderungen sowohl unter denjenigen, welche an kühnen Berg- und Gletscherfahrten ihr Vergnügen finden, als auch unter Jenen, die sich mit der Erreichung geringer, doch lohnender Ziele begnügen, ihre Freunde erwerben.

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       Als Anhang wurde eine Abhandlung über die Flora der Glocknergruppe beigefügt, welche wir der Liebenswürdigkeit der in weiteren Kreisen bekannten Botaniker R. Hinterhuber in Mondsee und P. R. Hutter in Antholz verdanken. Zu nicht minderem Danke sind wir unserem gemeinsamen Freunde P. Wiedemann verpflichtet für die sorgfältige Ausarbeitung der beigegebenen Karte, an deren Vollendung derselbe sogar vom Kriegschauplatze aus regen Antheil nahm, sowie allen jenen Freunden, die uns bei der Abfassung dieser Schrift mit Rath und That unterstützten.

       Mir aber sei es vergönnt in folgenden Zeilen meinem unvergesslichen Freunde und treuen Reisegefährten, dem das Hauptverdienst an diesem Werke gebührt, jene Ehre zu erweisen, die er nicht nur als ein kühner, unermüdlicher Alpenfahrer und begeisterter Naturfreund, sondern auch als ein für Deutschlands Ehre und Ruhm gefallener Held in reichstem Maasse verdient.

       Karl Hofmann wurde am 26. October 1847 zu München geboren, wo sein Vater als Universitätsprofessor lebt.

       Seine ungewöhnliche geistige Begabung wurde von seinen Eltern durch eine vortreffliche Erziehung zur schönsten Entfaltung gebracht und damit seinem Gemüthsleben und Charakter jene Richtung und Grundlage gegeben, die nur durch die zarte Hand der Eltern, nie aber durch schablonenhafte Schulbildung hervorgerufen wird. Mit dem 18. Jahre verliess Hofmann das Maximiliansgymnasium und bezog die Universität seiner Vaterstadt.

       Jetzt, da der ganze Reichthum der Wissenschaft ihm aufgethan war, verfolgte er, grosser Ziele sich bewusst, mit ernstem Eifer seinen vorgezeichneten Weg, sein Streben nach innerer Vollendung richtend. Mit den Jahren, da sich sein Charakter immer mehr festigte und ausprägte, lernte man auch seinen Werth immer mehr schätzen und die Art, wie er die Conflikte des menschlichen Lebens, wo Ehrgeiz, wo Neigung und Abneigung, wo Idealisirung

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und Prosa in ewigem Kampfe mit einander ringen, zu lösen wusste, zeigte am besten die Reinheit und Gediegenheit seines Charakters.

       Sein offenes, freundliches Wesen, seine Herzensgüte, die Begeisterung, mit welcher er für alles Schöne und Gute, für alle Grosse und Edle eintrat, das Wahre und Ungezwungene, das in seinem Benehmen lag, sein nie versiegender Humor gewannen ihm alle Herzen um so schneller, als seine geistige Ueberlegenheit sich mit einem hohen Grade von Bescheidenheit vereinigte.

       Dabei waren Entschiedenheit und Festigkeit die Hauptzüge seines edlen Charakters. Seine grosse Energie, sein riesiger Fleiss und seine bewunderungswerthe Ausdauer liessen ihn von keiner noch so grossen Schwierigkeit zagend zurückschrecken und was er in die Hand nahm, dessen konnte man versichert sein: er that es ganz und gut.

       In dem kleinen aber gemüthlichen und anregenden Kreise von Männern, die, wiewohl an Alter und Beruf verschieden, durch die Liebe zu den Alpen, zur herrlichen Natur lange vor der Gründung des Deutschen Alpenvereins sich in München innig vereinten, war er stets das treibende, belebende Element und als der Deutsche Alpenverein in's Leben trat, wurde ihm das schwierige Amt eines Schriftführers übertragen, dem er sich mit rastlosem Eifer unterzog.

       Aber auch in anderen Vereinen wusste man bald seine Vorzüge zu schätzen und räumte ihm eine bevorzugte Stellung ein.

       Als tiefe reine Leidenschaft aber war in seinem Herzen seit Kindheits Tagen eine unaustilgbare Liebe zur wilden, grossen Bergnatur emporgewachsen. In der glänzenden Einsamkeit der Hochalpen suchte und fand er seine zweite Heimath, das Paradies und die Romantik seines Lebens; hatte er doch schon als zehnjähriger Knabe an

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der Hand seiner vortrefflichen Mutter vom Wendelstein herab die ganze Herrlichkeit dieses Paradieses geschaut und jenen Zauber in sich gesogen, der so manchem oft unbewusst sich in's Herz schleicht und stete Sehnsucht, stetes Heimweh nach den Bergen hinterlässt, als hätte es ihm der Berggeist angethan!

       Hoch und schlank gewachsen, voll Kraft und Elasticität war er wie dazu geschaffen all die Schwierigkeiten seiner Bergfahrten zu überwinden und Entbehrungen zu ertragen. Keine Gefahr war ihm zu gross, kein Gewänd zu steil, kein Marsch zu beschwerlich! Es gab wohl nie einen liebenswürdigeren und prächtigeren Reisegefährten als ihn. Auf Alles und Jegliches bedacht, zu Allem gerüstet, war er stets voll der zärtlichsten Theilnahme, voll der grössten Aufopferung.

       Dabei konnte ihn nichts aus seiner fröhlichen Laune bringen. Mochte die Natur sich tagelang in ihren grauen Regenmantel hüllen, mochten, wenn die Wanderung über Erwarten lang sich hinauszog, Hunger und Durst die Kräfte verzehren und statt gewohnten Lagers harter Felsgrund die müden Glieder aufnehmen, statt eines schützenden Daches nur der stürmische Nachthimmel das schlaflose Haupt überschatten; mochte auch, wenn es auf schmalem Fels- oder Eispfad dahinging, der kalte Tod aus den Abgründen heraufschauen und jeder Ausweg verschlossen scheinen: nie ging ihm Scherz und Muth zu Ende, sondern aus dem Schatze seiner frohen Gesänge sang er die besten der wilden Natur ins Gesicht, manchem müden Freunde zum Troste.

       Bewunderungswerth war hiebei sein Fleis. Jeder freie Augenblick auf der Wanderung wurde zur Aufzeichnung benützt. Wo andere nach überstandenen Strapazen Ruhe und Schlaf sich gönnten, da sass unser Hofmann beim flackernden Herdfeuer der Sennhütte oder beim spärlichen Lichte einer Talgkerze im Dorfwirthshause bis tief, tief in die Nacht hinein und schrieb mit grösster Emsigkeit all' die Erlebnisse des vergangenen Tages, all' die Beob-

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achtungen, die er gemacht in sein Notizbuch und als er hinauszog in den blutigen Kampf, wie oft sass er da am Bivouakfeuer und schrieb, trotz Müdigkeit und Mattigkeit, sich nicht eher Rast noch Ruhe gönnend, bis sein Tagebuch in Ordnung war.

       Die Wanderungen seiner Jugendtage beschränkten sich zumeist auf das baierische Gebirge, so im Jahre 1860, 1863, 1864. Im Jahre 1865 lernte er den sonnigen Rheingau kennen, aber nur um mit desto grösserem Eifer das Jahr darauf (1866) seine Alpenwanderungen nicht nur im baierischem Hochlande, sondern auch in den Tiroler und Salzburger Alpen fortzusetzen.

       Im Jahre 1867 zog er in Oberbaiern, in den Tauern (Grossglockner-Besteigung), Salzburg, Salzkammergut (Dachsteinbesteigung) umher. Das Jahr 1868 führte ihn nicht weniger als siebenmal in seine geliebten Alpen: in Oberbaiern (Zugspitzbesteigung), Tirol (erste Besteigung des Hochgall in der Rieserfernergruppe) und Salzburg.

       Seine bedeutendsten Reisen fallen in das letzte Jahr seiner Thätigkeit in den Alpen. Unter anderem machte er sich allein an die schwierige Aufgabe das wilde Kaisergebirge zu durchforschen, die er auch glücklich löste. Dann begab er sich mit Schreiber dieser Zeilen in das Berchtesgadener Land (Ersteigung der nörd­lichen Watzmannspitze mit dem direkten Abstieg in das Wimbachthal) und in die Glocknergruppe, die von uns mehrere Wochen lang nach allen Richtungen durchstreift wurde.

       Schliesslich besuchte er behufs Ausarbeitung eines "Salzburger Führers" das Salzkammergut und Steiermark. Es war das letztemal , dass sein Fuss die geliebten Thäler betrat. Die Anregung und den reinen Naturgenuss, die Erfahrungen und Entdeckungen auf dem Gebiete der Hochgebirgskunde, die er da machte, behielt er nicht für sich allein, sondern er suchte sie zum Gemeingute derjenigen zu machen, die an solchen Wanderungen Interesse haben.

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        Der Beifall, welchen seine anmuthigen, in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Schilderungen fanden, gibt den besten Beweis, dass er nicht nur den Bergstock, sondern auch die Feder trefflich zu führen wusste. Er veröffentliche folgende Aufsätze:

       Die Kolowrathöhle (Morgenblatt der Bairischen Zeitung 1866. N. 288).
       Der Hohe Göll (Morgenblatt der Bairischen Zeitung 1860. N. 308).
       Eine Glocknerfahrt (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung
              1868. N. 102 -104).
       Eine Dachsteinbesteigung (Sammler, Beilage zur Augsburger          
              Abendzeitung 1869. N. 60 -62).
       Das Wiesbachhorn (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung
              1870. N. 24 -25).
       Das Guffertjoch (Jahrbuch des Oesterreich. Alpenvereins Bd. 5.
              S. 287).
       Erste Besteigung des Hochgall (Jahrbuch des Oesterreich.
              Alpenvereins Bd. 5. S. 290).
       Aus dem Berchtesgadner Lande (Hoher Göll, Kahlersberg,
              Hundstod, Steinernes Meer. - Tourist N. 5-8).
       Aus der Glocknergruppe (Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins
              Bd. 1. S. 74).
       Das Kaisergebirge
(Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins Bd. I.
              S. 513).
       Der Untersberg (Alpenfreund Bd. 1. S. 36).
       Auf dem Watzmann
(Alpenfreund Bd. 1. S 81).
       Von Kals über den Grossglockner zur Pasterze (Alpenfreund
              Bd. II. S. 58).
       Das Kitzsteinhorn (Alpenfreund Bd. II. S. 58).
       Die Hohenburg im Kaprunerthal (Alpenfreund Bd. II. S. 233). ~

von denen die Meisten unter dem Titel "Gesammelte Schriften", bereichert durch mehrere launige Aufsätze verschiedenen Inhaltes, welche sich in seinem literarischen Nachlasse vorfanden, gesammelt erscheinen sollen.

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       Zu seinen grossen Verdiensten um die Erforschung der Alpen gesellt sich ganz vorzüglich die Mitbegründuug, die eifrige Förderung und Verbreitung des nun kräftig emporblühenden Deutschen Alpenvereines. Nur wer jene grossen Schwierigkeiten und vielen Arbeiten selbst kennt, die beim Entstehen des Vereines und namentlich im ersten Vereinsjahre zu überwinden waren, kann das Verdienst gebührend würdigen, das sich Hofmann durch seine unermüdliche Thätigkeit, durch den rastlosen Eifer, den er bei Begründung und als Schriftführer des Deutschen Alpenvereines an den Tag legte, erworben hat. Mit Freuden ergriff daher der Centralausschuss des Deutschen Alpenvereines die Gelegenheit, Hofmanns letzte und grösste Arbeit - die Monographie der Glocknergruppe in seiner Zeitschrift in entsprechender Ausstattung zu veröffentlichen und hat damit das Andenken seines verdienstvollsten Begründers auf das Schönste zu ehren gesucht.

Fußnote: Der Centralausschuss des Deutschen Alpenvereines nahm auch darauf Bedacht, den Namen Hofmann in jenem Gebiete zu verewigen, welches das Feld seiner letzten und vorzüglichsten Thätigkeit war - der Glocknergruppe. Nach geschehener Umfrage bei allen Sectionen wurde der Beschluss gefasst, die Johannishütte an der Pasterze, welche Hofmann in Verein mit seinem Freunde Stüdl auf gemeinschaftliche Kosten durch den Heiligenbluter Führerverein in wohnlichen Zustande herstellen liess und dadurch vor gänzlichem Zerfalle rettete, von nun an "Hofmannshütte" zu nennen. Hiebei können wir nicht unerwähnt lassen, dass sich unser geehrtes Mitglied Herr Aich von Aicheneg bereit erklärte, den Grund und Boden, auf welchem die Johannishütte steht und dessen Eigenthümer der Genannte ist, dem Deutschen Alpenvereine zu schenken, wenn der Name dieser Hütte von nun an in Hof­mannshütte umgetauft werde. Auch ist vom Centralausschuss beschlossen worden, die höchste Spitze der "Glocknerwand", die Hofmann zuerst bestieg, von nun an "Hofmannsspitze" zu nennen. An einem passenden Punkte der Glocknergruppe soll auch eine Gedenktafel von den Freunden Hofmanns errichtet werden. Die Redaktion.

Nur eine so hochbegabte Natur, wie die Hofmanns konnte in dem kurzen Zeitraume seiner eigentlichen Thätigkeit all' dieses leisten. Denn nicht allein, dass unser

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Freund in den verschiedenen Vereinen emsige Thätigkeit entfaltete, viele und gediegene Vorträge hielt, wie z. B. im Alpenvereine, sowie in der geographischen Gesellschaft in München, nicht genug daran, dass er der Rechtswissenschaft die grösste Aufmerksamkeit schenkte, ausserdem eine grosse literarische Thätigkeit entfaltete und jede von den Pflichten des Lebens freie Woche in den Bergen verbrachte, war er auch noch seines jüngsten Bruders eifriger und sorgfältiger Lehrer. Zu all' dem war er kein Stubenhocker, sondern liebte Geselligkeit und Frohsinn und so wurde seine Jugend eine Quelle reiner Erinnerungen, die das Herz stets frisch und jung bewahren.

       So kam das Jahr 1870. Nach einem Winter und Frühjahre voll emsiger Thätigkeit zur Vorbereitung zu seinem Staatsexamen einestheils und zum Entwerfen der gegenwärtigen Arbeit, nahte der Sommer heran, in welchem die Pläne zur Durchwanderung der Venediger-Gruppe und der benachbarten Gebiete in Gesellschaft seiner Freunde Peter Wiedemann und des Schreibers dieser Zeilen in Ausführung kommen sollten. Es wurde beabsichtigt, diess in noch eingehenderer Weise als in der Glocknergruppe zu thun, um möglichst reiche wissenschaftliche Resultate zu gewinnen. Denn Hofmann wollte längst nicht mehr als Tourist reisen, sondern in den durchwanderten Gebieten Neues auf dem Felde der topographischen Forschung leisten. Schon waren die Führer bestellt, die Messinstrumente bereit gelegt und alle Vorbereitungen zur Alpenfahrt getroffen, da sammelten sich mit unheimlicher Schnelligkeit die Wetterwolken des blutigsten aller Kriege.

       Nun waren all' die schönen Pläne vernichtet; Hofmann musste als Landwehrofficier des 6. Bataillons seiner Einberufung jeden Augenblick gewärtig sein. Mit vieler Mühe setzte er es noch vor dem Abmarsche durch, zum juridischen Staats­ Examen zugelassen zu werden, welches er am 20. Juli mit glänzendem Erfolge bestand. Von seiner Prüfung nach Hause heimkehrend fand er die Einberufungsordre zu seinem Bataillon nach Landshut auf dem Tische.

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       In der ersten Begeisterung, die so viele Tausende von deutschen Herzen im Angesicht dieses mit beispiellosem Uebermuthe von Seite Frankreichs hervorgerufenen Krieges erfasste, finden wir es bei dem Charakter unseres wackeren Freundes ganz und gar erklärlich, dass er in seiner Hingebung für das Vaterland sich aus der Landwehr in die Linie und zwar zum 2. Infanterieregiment versetzen liess, um einen unmittelbaren Antheil an der Vertheidigung des deutschen Landes nehmen zu können.

        Es war ein bedeutungsvoller Tag. Noch lagen in seinem kleinen idyllischen Studierstübchen die Pandekten aufgeschlagen, als sein Koffer statt für die Alpenreise, fürs Feld gepackt wurde. In vollstem Bewusstsein, dass er einem blutigen Ringen entgegengehe, in vollster Würdigung der hohen Bedeutung dieses Riesenkampfes, gefasst auf Alles, selbst den Tod , vertheilte er mit der grössten Sorgfalt allen seinen Hausrath unter seine Angehörigen und Freunde. Für jeden hatte er ein Andenken und einen letzten freundlichen Gruss.

       Den besten Beweis, mit welcher freudigen Begeisterung er in den Kampf zog und dass er mit dem Leben abgeschlossen, gibt eine Stelle des Abschiedsbriefes, den er an mich geschrieben. Sie lautet: - "Und nun mein lieber, lieber Freund! Leb' wohl - vielleicht auf ewig! Es ist ein harter, schwerer Kampf, in den ich ziehe und Du weisst, dass mir keine Gefahr zu gross ist, die ich nicht zu wagen bereit wäre. So glaube ich denn, dass die Chancen für Nimmerwiedersehen gewaltig gross sind. Muss es aber nun auch für ewig geschieden sein - ich scheide gerne, wenn es der Ehre und dem Ruhme meines deutschen Vaterlandes gilt!"

       Nichts weichliches übermannte ihn beim Abschiede von seinen Theuren. Unter scheinbarer Heiterkeit suchte er den eigenen tiefen Trennungsschmerz zu verbergen, um seinen Angehörigen das überaus Leidvolle des Abschiedes zu erleichtern.

       Trotz seiner Willensstärke und tapferen Gesinnung bat er aber seine Freunde, zur Stunde des Abmarsches nicht zu erscheinen, um ihm den Abschied nicht gar so schwer zu

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machen. Er war ein zärtlicher, dankbarer Sohn und ein treuer, opferwilliger Freund!

       So zog er dahin, einer aus der Blüthe der deutschen Jugend, zum schweren, blutigen Kampfe, in vollster Würdigung des hohen Berufes und eine leuchtende Weihe lag über ihm, dem Todgeweihten. Seine jugendlich schlanke Gestalt, sein blaues Auge, sein blondes Haar, das Feuer der Begeisterung, dass sich in seinem ganzen Wesen ausprägte, mahnte unwillkürlich an die Zeit der Befreiungskriege, an jene Gestalten, wie sie in Körners Liedern verherrlicht sind.

       In der Schlacht bei Wörth bekam er die Feuertaufe, wo er von 12 Uhr Mittags bis 5 Uhr Nachm. unausgesetzt im heftigsten feindlichen Feuer stand und mit grösster Bravour kämpfte.

       Schon da zeichnete er sich durch Muth und Todesverachtung in hervorragender Weise aus. Bereits waren seine Leute decimirt, die meisten Offiziere seines Bataillons theils todt, theils kampfunfähig, doch unaufhaltsam drang Hofmann an der Spitze seiner Leute unter dem dichtesten Kugelregen gegen die verschanzte Positionen auf den Höhen von Froschweiler, erstürmte durch einen meisterhaften Flankenangriff nach hartnäckigstem Kampfe die Schanze und machte viele Gefangene.

       Für diese Heldenthat soll er zur höchsten baierischen militärischen Auszeichnung, dem Max-Josephs-Orden, der dem öster­reichischen Maria-Theresienkreuze gleich steht, sowie für das eiserne Kreuz vorgeschlagen gewesen sein.

       In der Schlacht bei Sedan, in dem furchtbaren Kampfe um Bazeilles am 1. September, finden wir ihn wieder. Hier ist dem I. Armeecorps, den wackeren Baiern, die Aufgabe geworden, den Durchbruch des Feindes, welcher sich in und um Bazeilles mit Uebermacht festgesetzt und verschanzt hatte, gegen La Morcelles zu verhindern, um jeden Preis das Dorf schon am frühesten Morgen anzugreifen und den Feind aus demselben wo möglich zu vertreiben.

       Die Franzosen hielten aber mit ihren besten

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Truppen, mit noch intakter Marineartillerie und Infanterie das Dorf besetzt und setzten den heranstürmenden Baiern ein mörderisches Feuer aus ihren gedeckten Stellungen hinter der Parkmauer und den Abhängen des Schlossgartens entgegen, während die Baiern eine weite, ebene Wiese ohne jegliche Deckung zu durchsetzen hatten und so den feindlichen Geschossen gänzlich preisgegeben waren.

       Hier nun kämpfte Hofmann mit seiner todesmuthigen Schaar, deren Reihen sich unter den mörderischen Geschossen der Feinde mehr und mehr lichteten.

       In dem Augenblicke als er sich zu seinen Leuten umwendet und, den Säbel hochschwingend, ihnen zurief: "Vor Kinder! es ist ja für's Vaterland!" trifft ihn eine Kugel von der Seite und durchbohrt die treue Brust.

       In dem ersten Augenblick fühlt er seine schwere Verletzung nicht und dringt noch etwa 20 Schritte vorwärts, bis er zusammenstürzt. Sein treuer Diener und ein Soldat bringen ihn, den anfangs für todt geglaubten aus dem Kampfgewühle und tragen ihn in den zu einem französischen Lazareth umgewandelten Pavillon des Schlossgartens von Bazeilles.

       Dort fand ihn der unerschrockene Berichterstatter der Frankfurter Zeitung Hermann Voget, welcher unseren Freund wenige Tage vor diesem Kampf kennen gelernt und schnell lieb gewonnen hatte, und dem ich zumeist die folgende Schilderung, theils aus seinen naturwahren Berichten, theils aus einem Briefe an Hofmanns Eltern zu verdanken habe, unter einer grossen Zahl von schwerverwundeten Franzosen.

       Barmherzige Schwestern suchten die Qualen dieser Armen nach Möglichkeit zu lindern. Im Hintergrunde des Saales, auf einem der letzten Betten lag Hofmann und streckte schon vom Weitem die Hand entgegen, als er Voget's ansichtig wurde und dankte ihm für seine innige Theilnahme.

       Als ihm Voget die Nachricht von dem grossen Siege der deutschen Armee brachte, heiterten sich seine schmerzbewegten Züge auf und seine Augen strahlten in der reinsten Verklärung "Gerne und freudig lasse ich mein Leben für das theure Vaterland!"

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sagte er leise und wiederholte diess mehrmals und sang dazwischen in seiner Freude halblaut: "Lieb Vaterland magst ruhig sein."

       Nur zu bald stellten sich grässliche Schmerzen wieder ein und er bat Voget, seinen Aeltern zu schreiben und sie von seiner Verwundung zu benachrichtigen.

       Sein lebhaftester Wunsch war nach dem deutschen Lazareth gebracht zu werden. "Wenn ich nur von hier fort könnte, zu Deutschen, nur bei Deutschen sterben dürfte", sagte er, "diess französische Jammern und Fluchen ist mir entsetzlich und schmerzt mich fast mehr als meine Wunde!" In der That war es grauenhaft, das ewige bald fluchend, bald bittend ausgestossene "Mon Dieu, mon Dieu!" zu hören, das in zwanzigfachem Echo von allen Wänden wiederhallte. "Terrible, trop terrible!" rief sogar eine barmherzige Schwester aus, als sie weinend hinaus in's Freie eilte.

       Nachdem Voget Alles aufgeboten, um seinem jungen Freunde Trost und Linderung zu schaffen, war es den Bemühungen dieses wackeren Mannes gelungen ihn um 7 Uhr Abends in das deutsche Lazareth nach dem Schlosse zu Bazeilles zu bringen.

       Hofmann's Ankunft verursachte unter den Aerzten, von denen die meisten ihn von München her kannten, grosse Aufregung und alle legten die aufrichtigste Theilnahme ob des beklagenswerthen Zustandes des Verwundeten an denTag. Professor Nussbaum, der berühmte Chirurg, unter dessen Leitung das Lazareth stand, untersuchte sofort die Wunde Hofmann's und erklärte auf Befragen zum tiefsten Bedauern Aller, denen Hofmann so lieb und werth war, dieselbe für tödlich.

       Die Kugel hatte den linken Lungenflügel verletzt und war durch das Zwerchfell in die Eingeweide gedrungen, wo sie stecken blieb. An ein Herausziehen derselben war nicht zu denken und somit eine innere Verblutung unausweichlich. Um die namenlosen Schmerzen zu lindern, machte Dr. Nussbaum selbst eine Morphiumeinspritzung in die Wunde, wodurch momentane Linderung eintrat und Hofmann in leisen Schlummer verfiel. Doch verschlimmerte sich sein Zustand rasch und er gewann

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immer mehr den klaren Einblick in die Gefährlichkeit und Hoffnungslosigkeit seines Zustandes. Er sprach viel vom Sterben, jedoch ohne die leiseste Furcht und ruhig und gefasst sah er der letzten Stunde entgegen.

       Am Morgen des 2. September fand ihn Voget bereits sehr verändert. Sein Antlitz war blass, sein treues blaues Auge schien gebrochen und blickte müde und leidensatt. Die Schmerzen, die er litt, die Athemnoth in Folge der um sich greifenden Verblutung waren furchtbar.

       Er drückte wiederholt Voget's Hand, als wollte er bitten, diesen Händedruck den Seinen zu bringen, gab ihm zum Andenken seinen Ring und vertheilte einige seiner Sachen zur Erinnerung an seine Kameraden, deren Theilnahme ihn inniglich freute.

       Gegen ½ 11 Uhr Nachts hauchte er seine edle Seele aus. Professor Nussbaum, der viele Tapfere sterben sah, sagte von Hofmann's Tode, das sei der schönste Heldentod gewesen, den er je gesehen.

Fussnote: Sein Leichnam wurde im Schlossparke in Bazeilles bestattet, jedoch Anfang März dieses Jahres von dort in seine Heimath überführt und daselbst unter ausserordentlicher Betheilung der Bevölkerung Münchens am 7. des genannten Monates in deutsche Erde zur ewigen Ruhe gesenkt. Möge ihm die Erde seiner geliebten Heimath, die er mit seinem Blute vertheidigt, leicht sein!

       Ja er starb wie ein wahrer Held! Freudig gab er sein Leben hin - es war ein reiches, hoffnungsvolles Leben, reich an allem Guten, von Erfolgen gekrönt und er konnte sagen, dass er weiter gekommen als Tausende.

       In den herzergreifenden Schilderungen Hermann Vogets über diese Kämpfe finden wir folgenden treffenden und sehr bezeichnenden Ausspruch über unsern Freund: "Kein Linienoffizier that es ihm, dem Landwehrlieutenant, dem 23 jährigen Rechtspraktikanten an Kühnheit zuvor. Karl Hofmann, mit Stolz dürfen wir Deutsche es sagen, war ein Typus der gebildeten deutschen Jugend, die unseren Heeren die gewaltige moralische Kraft geliehen, jene Kraft,

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der wahrlich ein grosser Antheil an unseren Siegen gebührt!"

       Wer ihn gekannt, in dessen Herz lebt auch sein Angedenken fort als ein lichtes Denkmal aller menschlichen Tugend und Liebenswürdigkeit.

       Wohl ist sein reiches und hoffnungsvolles Leben dahin; aber es ging nicht verloren. Der Fuss, der so manchen kühnen Pfad beschritten, konnte keinen stolzeren Weg mehr gehen, als den Weg zum Siege und zum Heldentod. In der Morgendämmerung der Wiedergeburt Deutschlands brach sein Blick, und seine Hand, die so manches schöne Wort geschrieben, sie schrieb wie jeder der theueren Todten dieses Krieges einen letzten grossen Zug mit blinkendem Schwert auf das jüngste Blatt der Geschichte, wo Dinge und Tage verzeichnet stehen, die unvergänglich sind.

       Prag, den 21. März 1871.

 

                                                                                     Johann Stüdl.

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