12. 9. 1968 "Osttiroler Bote" 100 Jahre Stüdlhütte.

12. 9. 1968 "Osttiroler Bote" 100 Jahre Stüdlhütte.

"Osttiroler Bote", Donnerstag, 12. September 1968 Nummer 37 - Seite 5 

 

                       Und in da Stüdlhüttn, do isch ma gern gelitten

Gratulationen und Geschenke um die Hundertjährige, die sich zum Geburtstag fesch Herausgeputzt hat - Festabend am 7. September beim Taurer in Kals, Gotteslob und Hüttenfröhlichkeit am 8. September auf der Fanatscharte

       "Ich stehe zuriefst bewundernd vor der Art, wie die Sektion Prag das Werk meines Großvaters weitergeführt hat und, ich bin zutiefst beeindruckt von ihrem Idealismus und ihrer Arbeitsfreude." Mit diesem Satz schloß ein Enkel des Erbauers der Stüdlhütte, Dr. Hans  S t ü d l, der in Linz wohnt, die Erinnerungsworte an seinen Großvater beim Festabend zur 100-Jahr-Feier der Stüdlhütte. Und der 1. Vorsitzende der Sektion, Dr. L i p p e r t, fügte an eine Würdigung des kaiserlichen Rates, der die Sektion nicht nur gegründet hat, sondern ihr auch 51 Jahre vorgestanden ist, an die Erinnerung und Dankesworte für die Hüttenerbauer und alle, die sich während der 100 Jahre ihres Bestehens um sie bemüht haben, ein Gedenken an die Opfer, die der Berg gefordert hat, sowie den Wunsch, daß das Bergsteigerheim auf der Fanantscharte auch im 2. Jahrhundert in Friede und Freiheit seine Aufgabe erfüllen möge.

       Es war ein Familienfest der Sektion im besten Sinne. Es führte die ergrauten Mitglieder aus allen Windrichtungen zusammen, in die sie politische Ereignisse verstreut hatten; es führte sie zusammen im gemütlichen Speisesaal des Gasthofs "Taurer", noch heimeliger und heimatlicher aber auf der Hütte, denn sie ist keine verlorene Heimat, sondern zur zweiten Heimat geworden, wie es Vorstandsmitglied  S c h w a n t n e r formulierte. Mit ihnen waren die Enkel Stüdls gekommen: Dr. Hans Stüdl aus Linz, Prof. Dr. Gernot Reinitzer und Ing. Diemo Reinitzer aus Graz, Traute Lindinger aus Salzburg, Wolf Stüdl aus Saalfelden und Gerda Stüdl (Anmerkung:sollte Gerda Reinitzer heißen) aus Karlsruhe.

       Freundlicher Beifall begrüßte insbesondere Thomas  H u t e r , der schon durch 17 Jahre in vorbildlichem Art und vollem Einsatz, wie es im Laufe der Feier mehrfach betont wurde, die Hütte bewirtschaftet und betreut, sowie Bürgermeister Stefan  S c h n e i d e r . Dieser meisterte mit seinen schweren Bergbauernhänden geschickt die Gitarre und führte mit seiner kräftigen Stimme eine Kalser Sängerrunde an: "Wir Kinder der Berge". Vertreter des Verwaltungsausschusses des DAV, eine Reihe österreichischer und deutscher Sektionen waren anwesend, noch mehr waren Glückwunschschreiben von solchen eingelangt.

       Einige Blitzlichter auf den Menschen Stüdl und sein Privatleben warf in humorvoller Art sein Enkel Dr. Hans Stüdl, der sich nach dem frühen Tod seines Vaters im Alter von 5 bis 6 Jahren eng an seinen Großvater anschloß. Als eine hervorstechende Eigenart sah er an ihm eine außerordentliche Präzision, die sich u.a. in seinen, mit gestochener Schrift bis in kleinste Details geschriebenen Tourenberichten wiederspiegelt. Als Geldquellen für seine großen Unternehmungen in den Bergen dienten Stüdl einerseits sein Delikatessengeschäft auf der Kleinseite in Prag, das die Aristokratie der Goldenen Stadt zu seinen Kunden zählte, andererseits eine systematisch organisierte Bettelei. In einem Brief ist folgende Klage enthalten: "Die ewige Bettelei des Stüdl für den Alpenverein übersteigt jedes vernünftige Maß, sie ist untragbar!".

Bilduntertitel rechts oben: Unterm AV-Edelweiß der 1.Vorsitzende der Sektion Prag, Dr. Josef Lippert bei der Verlesung von Grußbotschaften. Links OBR. Dipl.-Ing. Gatterer, der Alpinspektor des Amtes für Landwirtschaft. Seine Anwesenheit, wie die des Hptm. Pöchhacker erinnerten daran, daß nach den Unwettern gerade auch am Weg zur Stüdlhütte durch das Ködnitztal große und schwierige Wiederherstellungsarbeiten zu leisten waren.

Bilduntertitel unten: Bild links: Da Bürgermoasta mit da Klampfn ... - Bild rechts: Dr. Hans Stüdl (stehend) gibt Anekdötchen von seinem Großvater zum besten. Rechts ein zweiter Enkel, Prof. Dr. Reinitzer, Graz.

 

"Osttiroler Bote", Donnerstag, 12. September 1968 Nummer 37 - Seite 6

 

       Mit 28 Jahren ist Stüdl erstmals von Heiligenblut her über das Bergertörl nach Kals gekommen und hat dort schwebende Pläne über einen Hüttenbau am Großglockner mit der ihm eigenen Initiative in die Tat umgesetzt und reiche Leute in das abgelegene Dorf gebracht. Köstlich war auch die Anekdote über die damalige Biwakausrüstung: 2 Lodenmäntel, 2 Regenschirme und 2 Decken.

       Dr.  L i p p e r t, der selbst in Prag wohnte und das Heimathaus Stüdls gut kannte, hob besonders die Energie und durchschlagskraft des Kaufherren aus Prag hervor, mit der er sein Leben überdauernde Werke im alpinen Raum geschaffen hat.

       "Z'höchst drobn auf dem Glocknerspitz, do isch a feiner Sitz", gaben die Kalser Sänger frohgemut drauf und weiter gings mit nicht alltäglich gehörten Bergliedern und -jodlern, darunter auch die innige Weise von unserem Nationalrat Kranebitter "Wenn i dahoam mog sein". Daß in der Feierstunde besinnliches Gedenken an die einstige Heimat mitschwang, war aus manchen Gesichtern zu lesen oder auch symbolisch an der erneuerten Egerländertracht zu sehen, welche die Gattin des Hüttenwartes Dipl. Ing.  H e c k l  trug, die beide sich recht fürsorglich um Gäste und Gelingen des Abends erfolgreich mühten. Dieser durfte jedoch nicht allzulang ausgedehnt werden, denn ab ½ 5 Uhr früh verkehrte schon der "Luknerexpreß" und begann die Wanderung zur 100-jährigen Hütte. Die rund 250 Bergfreunde, darunter Bez. Hauptmann Dr.  D o b l a n d e r , Bgm.  S c h n e i d e r , Bez.-Gend.-Kmdt.   S c h e r e r , ein Gutteil der Kalser Musikkapelle mit KPM. Sepp  H u t e r, Vertreter von alpinen Vereinigungen, erkannten die Stüdlhütte aber kaum wieder. Sie hatte sich geradezu zu einem stattlichen Alpenhaus gemausert: Neue Fensterstöcke und -läden, neue Tür, das Giebeldreieck in frischer Lärchenschindelung, neuer Verputz, frisch geweißt, grün gestrichenes Dach, umflattert von Fahnen und umrankt mit Girlanden, so sah die "Jubilarin" wahrhaft jugendfrisch aus. Die Erneuerung der Hütte kann auch sinnbildhaft für das sich immer wieder erneuernde Leben im Alpenverein durch seine Jugend gesehen werden und Alpenvereinsjugend war es, die zum Jubiläumstag einen Kranz auf dem Grabe Stüdls im Salzburger Kommunalfriedhof niederlegte. Stüdl selber lebt in seinen Enkeln und Urenkeln - eine davon feierte das Jubiläum richtigerweise mit der Begehung des Stüdlgrates - und in seinen Werken weiter. "Sein Geist muß auch in uns weiterleben", rief Hüttenwart  H e c k e l der um die Hütte versammelten Bergsteigergemeinschaft im Gruß zu.

       Nach Bergsteigerart kurz und kernig hielten sich auch folgende Redner:

       Der Vertreter des Hauptausschusses des Deutschen Alpenvereins: Es möge der Sektion gelingen, stets die richtigen Leute vorne zu haben und das Heim seiner ursprünglichen Aufgabe zu erhalten.

       Der  H ü t t e n w a r t  d e r  h ö c h s t g e l e g e n e n  H ü t t e  Ö s t e r -   r e i c h s , der Adlersruhe, für den Österr. Alpenclub: Die Sektion Prag hat das Erbe Stüdls in vorbildlicher Art verschönt und ausgebaut. Vielleicht hat gerade in der schweren Zeit des Heimatverlustes viele der Gedanke an dieses Stückchen Heimat oder an das Psalmwort aufgemuntert: Hebe Deine Augen auf zu den Bergen, von denen Dir Hilfe kommt.

       Bez.-Hauptmann Dr. D o b l a n d e r  als Vertreter der staatlichen Behörde: Wir wollen dankbar aller jener Männer gedenken, die auf dieser Höhe dieses Bergsteigerheim geschaffen und betreut haben. Möge es das einfache, schlichte Heim in den Bergen und für die Prager ein Stückchen Heimat bleiben.

       Stefan  S c h n e i d e r  auf kalserisch: Ols Bürgamoaschtar mecht i olle herzlich begriaßn und der Sektion und dem Hüttenwart donkn, daß sie die Hitte wieda so schian hergerichtet und ein Werk g'schoffn hobn, dos für die Gemeinde a Reklame isch. Da Thomas (Hüttenwirt) isch a originala Mensch, den hobn olle gern. Mia Kolsa sein holt so und mia solln a so bleibn. Des gfollt in die Leit und es soll bei uns gmiatlich sein und jeda soll si wohlfühln.

       Als Nachbarn gratulierten der 1. V o r s i t z e n d e  d e r  S e k t i o n  W i e n  (Salmhütte) und ein Vertreter der Sektion  E i c h s t ä t t  (Glorerhütte).

       An den Wänden hinrollender, sich brechender Donner von gezündeten           Dynamit-Stäben, Marschklänge und Meßweisen der Musikkapelle, die auf 2 800 m Höhe teilweise freilich etwas anders als im Tale klangen, unterstrichen die Festlichkeit. Pfarrer Josef Furtschegger von Kals feierte vor der Hütte das heilige Opfer als Dank an Gott, als Bitte für alle Anwesenden und deren Angehörige und als Gedenken an alle diejenigen, die nicht mehr unter uns weilen. Den Toten der Berge und den verstorbenen Angehörigen galt noch im Besonderen ein Vaterunser und das Lied vom guten Kameraden. Der Pfarrer legte in seiner wohlwollenden Ansprache die Meßintention näher aus und empfahl als besten Dank für den schönen Festtag: Angesichts der Schönheiten der Schöpfung ein dankbares Herz Gott und den Menschen gegenüber zu haben und zu halten.

       Berechtigt wurde mehrfach anerkennend die Arbeit des Hüttenwartes und seiner Gattin gewürdigt, die nicht nur zum Jubiläum der Hütte ein Festkleid geben ließen, sondern auch in einem Sonderheft der "Prager Nachrichten" mit dem Titel "100 Jahre Stüdlhütte" viel, teilweise noch unbekanntes, Chronikmaterial über die Geschichte und über die Besucherfrequenzen der Hütte zusammengetragen haben. 

       Echte Mitfreude wirkte sich auch in Geschenken aus: Eine holländische Bergfrendin widmete ein Paar niedliche Tschöggelen (Holzschühlein), Dipl.-Ing.      K a u e r  ein Aquarell von Prag. Auch der Hüttenwirt der Adlersruhe, Simon            O b e r l o h r , betätigte sich mit humorvollen Plakatzeichnungen "künstlerisch". Sie verbildlichten vor allem das große Ereignis, daß der Hüttenwart höchst eigenhändig mit einem Gamsbock die Grundlage für das allseits belobte Festmahl auf der Hütte lieferte. Rötel dazu ließ die Stimmungspegel rasch steigen und der "Stoff" hatte schon wieder die Gitarre in der Hand, dienstbare Geister aus Ainet verstärkten die Kalser Sänger und sogar der Herr Bezirkshauptmann stimmte frohgelaunt in die Berglieder, die in der gedrängt vollen Hüttenstube erklangen, ein.

       Der Andrang zur Jubelfeier überrundete das vierte Tausend der Hüttenbesucher des heurigen Sommers. Dieser noch nie erreichte Rekord war gewiß auch das schönste Geschenk zum Hundertjährigen und erfolgverheißender Beginn des zweiten Säculums.

Bilduntertitel: Zum Beginn der Feier spricht Hüttenwart Dipl.-Ing. Heckl die Grußworte.                                                             Fotos: P. Duregger

 

 

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