1868 bis 1878 Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl

Diese Briefe sind der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins von 1928 entnommen, wo sie in der Franz Senn - Biografie von E. F. Hofmann - teilweise etwas gekürzt - abgedruckt worden sind.

In der > Kurzbiografie "Franz Senn, der Gletscherpfarrer" (Elfriede Klein 2013) wird auf diese Briefe immer wieder Bezug genommen.

                                                                              Vent am 2. Mai 1868

                     Hochgeehrter Herr!

   Ich habe Ihre beiden sehr lieben Schreiben richtig erhalten, mit dem Einschluß des Geldes, wofür ich den verbindlichsten Dank hiemit ausspreche, zögerte aber absichtlich mit der Antwort, weil ich hoffte, meine bereits vollendete Beschreibung der Ersteigung der Wildspitze und der Weißkugel als gedrucktes Exemplar mit der Antwort Ihnen übersenden zu können. Leider verhinderte mich eine plötzlich eintretende sehr heftige Krankheit. Zweimal dem Tode ziemlich nahe, konnte ich während des Monats März das Bett nicht verlassen, und habe erst jetzt, obschon ich noch zur Stunde an Fieber leide, die Kraft, einige Arbeiten zu verrichten. Ich bitte Sie deshalb dringend, gnädige Nachsicht mit mir zu haben.

   Herr Dr. Würger meldete mir neulich, daß Sie zugleich mit ihm im kommenden Herbst in Vent einzutreffen gedenken. Wie sehr freue ich mich darauf, Sie persönlich kennen zu lernen, mit Ihnen sprechen und Sie auf Parthien begleiten zu können.

   Ihrem Wunsche zufolge habe ich diesem Briefe die wortgetreue Abschrift der Notizen über die Ersteigung der "hinteren Schwärze" und der "Weißkugel" von Ernst Pfeiffer aus Wien beigelegt. Erlauben Sie mir dazu einige Randglossen. Ich selbst hatte früher schon zweimal versucht, die für unüberwindlich gehaltene Stolze (H. Schwärze) zu bezwingen, kehrte aber beidemale auf dem halben Wege um, wegen schlechter Witterung, da es mein Grundsatz ist, nie eine Spitze zu ersteigen, wenn Wolken oder Nebel die Aussicht zu hindern drohen. Auf meine diesbezüglichen Angaben hin unternahm Herr Pfeiffer diese großartige Partie. Meine mißglückten Versuche hatten aber doch den Erfolg, daß ich jetzt noch 2 andere Wege, außer dem Pfeiffers auf die Spitze kenne und namentlich einen davon für den praktikableren, als seinen, halte, mag er schreiben darüber, was er will. Dieser führt über den Schalferner und dann von der Pfaffentaler Seite auf die Spitze, ungefähr an derselben Stelle vorüber, wo Sie Lager geschlagen hatten. Ein solcher Versuch wäre jedenfalls ein schönes Stück Arbeit, nicht wahr? - Leider gibt uns Herr Pfeiffer in seinem Bericht gar keine geographischen oder dergl. Notizen, die von der hinteren Schwärze aus bez. Der nächsten Umgebung interessant sein müßten. Wollen wir die nicht erforschen?

   Der erste Ersteiger der Weißkugel war Herr Specht i. J. 1861, Kaufmann in Wien, auch der erste Ersteiger der Wildspitze; nach ihm kam der Engländer Tuckett mit Consorten und 1866 ich als der dritte, fand in einer Flasche ein Billet von Herrn Tuckett mit allen Namen und löste dieses gegen einen von mir geschriebenen mit meinem und Cyprians Namen ab, welchen Zettel mir Herr Pfeiffer nach seinen Parthien in Meran vorzeigte. Somit ist dieser Herr der vierte Ersteiger der Weißkugel.

   Aber jetzt, wo ich daran gehen soll, Ihnen einiges von der Weißkugel zu beschreiben, wird mir w a r m  u m ' s  H e r z. Unter all den vielen Spitzen, die ich erstiegenhabe, ist mir der Liebling die Weißkugel; diese ist die Königin aller Berge, nicht bloß in der Ötztaler-und Stubaiergruppe, sondern, was Aussicht betrifft , wie ich glaube von ganz Tirol oder nach weiterhin. Herr Tuckett schrieb mir am Tage nach Besteigung derselben von Trafoi aus unter anderem folgendes: "Ich habe nie etwas Schöneres gesehen, als von der Weißkugel." Dieses Urteil fällte Herr Tuckett, der berühmte Besteiger fast aller hohen Bergspitzen in den ganzen Alpen.

   Welche Deutlichkeit, Großartigkeit und Abwechslung im Bilde! Ich versichere Sie, ich sehne mich darnach wenigstens ein paarmal die Weißkugel zu besteigen. Den Rückweg würden wir am nächsten nach Matsch machen, wie bisher einzig Herr Tuckett es gethan, und ich werde mich bestreben, einen solchen, sicheren, bis zum nächsten Herbst ausfindig zu machen.

   Sie wünschen ferner eine Notiz über meine Besteigung der Wildspitze vom Mitterkarferner aus. Darüber in Kürze: Auf unserem Hinwege nahmen wir die Route am sog. Motzen, Abhange des Urkund, vorüber zum Mitterkarferner, zuerst über Steingerölle, dann über den ziemlich flach ansteigenden Ferner selbst zum Fuße des sog. Hallferners, der vom Fuß der Wildspitze zwischen Urkund und diesem sich fast senkrecht auf den Mitterkarferner hinabzieht und mit ihm vereinigt, und mußten uns so rechts vom Hallferner durch das sehr steile, vielfach durchbrochene, teilweise lockere Steingebilde und Gerölle des Urkund, oft kletternd, mit den Händen hindurchwinden, um endlich nach Überschreitung eines steilen Schneefeldes die gemeinschaftliche Höhe am Fuße der Wildspitze - in 2 Stunden strengen Gehens vom Mittelkarferner aus - zu erreichen. Dieser Weg erfordert 1 1/2 Stunde mehr Zeit und ist beschwerlicher und gefährlicher als über den Rosenkarferner. An diesem Mißverständnis sind übrigens die früheren, die von Herrn Dr. Ruthner ausschließlich privilegierten Wildspitzführer Nikodem und Leander Klotz schuld. Aber Gott sei Dank, jetzt haben wir andere genug und viel bessere.

   Auch ist die Ersteigung der Wildspitze kein Hexenwerk.

   Der erste Besteiger der Wildspitze am 3. August 1867 heißt: Eißner, k. k. Lieutnant." - Diese Besteigung ist ausgeführt bei sehr schlechtem Wetter, in verhältnismäßig kurzer Zeit, auf meinem Wege.

   Ihre Behauptung, "daß die Kreuzspitze ein ebenso interessantes Bild von ihrem Gipfel sehen lasse, wie der Similaun, und daß letzterer durch dieselbe sehr in den Hintergrund gedrängt worden," stimme ich unter folgenden Zusätzen vollständig bei. Der Similaun gibt eine Fernsicht, die weitum bloß von der Wildspitze und der Weißkugel übertroffen wird, eine fast unermeßliche, rücksichtlich der Rundschau. In der Nähe hingegen steht er weit hinter der Kreuzspitze. Sie kennen ja die prachtvolle Ansicht der vielen großen Gletscher, die sich um letztere im Halbkreis lagern und der majestätischen Gebirge, die um sie stehen - ein Bild, gewiß fast einzig in den Alpen und von Kennern der Schweiz in dieser nur vielleicht von dem Gornergrate als übertroffen erklärt, - ein Bild, sage ich, gegen welches der Similaun, abgesehen von der Fernsicht, fast nichts bietet, außer ein paar k l e i n e S t ü c k e  Ansicht vom Niederjoch-, Marzell- und Gurglerferner. Ich rechne es mir zum Verdienste, zuerst die günstige Lage der Kreuzspitze erkannt, sie im Herbste 1865 zuerst erstiegen, und in Folge dessen den Touristen empfohlen zu haben. Daß der Similaun von ihr in den Hintergrund gedrängt wurde, beweisen auch die Ersteigungen des letzten Sommers. Während jener nur 4 oder 5mal, wurde diese ungefähr 20mal von 50 - 60 Touristen bestiegen. lndem ich mich freue, im kommenden Herbste hoffentlich die Ehre zu haben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, zeichnet sich unter Versicherung vorzüglicher Hochachtung und verbindlichster Dankbarkeit

                                                Ihr ergebenster Diener Franz Senn, Kurat.

   Vent am 2. Mai 1868.

 

 

                                                                  Vent am 1. Dezember 1868

                    Euer Wohlgeboren! Hochgeehrter Freund!

   Halten Sie mir den letzten Titel der Aufschrift zugute; er kam gewiß von Herzen. Ich bin nämlich gegenwärtig immer untröstlich und v o l l  S c h m e r z , weil ich meinen Liebsten, Theuersten verloren habe: Unser Führer  Z y p r i a n  G r a n -   b i c h l e r  ist zu den Toten gegangen, und zwar für  m i c h - um  m e i n  Leben zu retten, in Folge Erfrierens, Erschreckens und übermenschlicher Anstrengung, zuletzt wohl am Nervenschlag.

   Was glauben Sie, wäre die Anregung des Gedankens, dem Zyper ein ehrendes Denkmal auf dem Friedhofe oder an der Unglücksstätte zu setzen? Um mich hätte er es jedenfalls verdient, und ich erblicke darin auch eine Aufmunterung für andere Führer. Freilich müßten die Kosten, da Zypers noch lebende Mutter gänzlich mittellos ist und höchstens an dem von Zyper in den letzten Jahren Ersparten zu leben hat, durch Teilnahme seiner Gönner gedeckt werden. Ich bitte Sie darüber gefälligst Ihre Ansicht mitzutheilen.

   Erst nach dieser Trauerbotschaft komme ich daran, Ihnen meinen verbindlichsten Dank für Übersendung Ihrer "Wildspitz-Ersteigung" und der schweizerischen Exkursionskarte auszusprechen. Letztere gefällt mir ganz vorzüglich und ich werde mich bestreben, eine ähnliche für unser Gebiet zu schaffen.

   Das Panorama der Kreuzspitze ist bis auf einen kleinen Teil vollendet, bloß gegen den Ortler hin nicht, wegen anhaltend schlechten Wetters; es werden somit heuer wahrscheinlich 3 Blätter erscheinen. Ich hoffe, daß es korrekt und schön wird. -

   Ich selbst konnte auch wegen schlechten Wetters heuer sehr wenig leisten, habe bloß in der ersten Hälfte September die "Hintere Schwärze" und als erste Ersteigung den "Schalfkogel" bezwungen, beide bei schönem Wetter und beide auf neuen Wegen und unter herrlicher Führung. Auf die hintere Schwärze waren meine Führer: unser theurer Zyper und Ignaz Schöpf aus Sölden. Wir gingen über den Schalfferner hinein, bogen um den Mutmal und kamen auf eine Einsattelung, ein neuer, durch uns entdeckter Paß in das Roßberg-Alpenthal und durch dieses nach Mitterkaser im Pfaffenthale, gar wenig beschwerlich und wunderschön. Auf die Spitze gingen wir theils über die Schneide, theils etwas unterhalb gegen Pfaffenthal. Den Rückweg nahmen wir auf der entgegengesetzten Marzellferner-Seite. Auf den Schalfkogel war ich und Ignaz Schöpf, unser Begleiter war der Student Johann Karlinger aus Längenfeld. Wir gingen über den Thiemferner und wieder zurück. Dies ist eine Parthie mit einem landschaftlichen Reize, wie ich bei uns keine zweite kenne. Jedenfalls und zum wenigsten nach Weißkugel, Wildspitze und Kreuzspitze die schönste, für einen Bergsteiger sehr leicht und am selben Tage Gurgl zu erreichen.

   Ferner habe ich am 10. Oktober S. Kaiser­liche Hoheit, den Erzherzog Rainer und seinen Kämmerer, Grafen Wurmbrand, auf die Wildspitze begleitet, bei ausgezeichnet schönem Wetter. Die ganze Kette der Berner Alpen sahen wir in vollster Ausdehnung und prachtvoller Beleuchtung. Das war auch Zy­pers letzte größere, glückliche Partie als Füh­rer. Danach war anhaltend schlechtes Wetter und die Saison zu Ende. -

   Herr Weilenmann hat mir das Führerregulativ der Schweiz noch nicht gesendet. Über un­ser Alpenvereinsprojekt etwas später!

   Mit Grüßen vom ganzen Hause und Empfehlung an Ihren Herrn Bruder

                                          Ihr in Hochachtung ergebenster Freund                                                                              Franz Senn.

P. S. Auch Ihr zweiter Führer auf die Wildspitze und Weilenmanns auf die Weißkugel, nämlich Josef Raffeiner von Schnals, vulgo Schmidle ist nach 18-tägiger Krankheit an Typhus in Vent mit Tod abgegangen. Schade um ihn!         

                                                                  Obiger

                                                                                  Vent, am 3. Januar 1869

                          Hochgeehrter Freund!

                                                  Glückseliges Neues Jahr!

   Möge es zu unserem zeitlichen und ewigen Wohle gedeihen! Dies wünsche ich besonders Ihnen aus dem tiefsten Grunde meines aufrichtigen Freundesherzens. Insbesondere möge Sie Gott der Herr segnen für die zahlreichen Beweise des Wohlwollens, die Sie mir gegeben und für die vielen Wohltaten, die Sie gespendet. Ich hoffe und wünsche ferner auch, daß unser Freundschaftsbund sich im neuen Jahre immer mehr befestigen werde.

   Über die Verhältnisse von Zypers Mutter werde ich Ihnen das nächstemal genau berichten. Erzherzog Rainer hat mir für Zyper zur beliebigen Verwendung 50 fl. Und sein Kämmerer Graf Wurmbrand 20 fl. geschickt . Von München habe ich Nachrichten, dass dort ebenfalls eine ziemliche Summe zu gleichem Zwecke beisammen sei.

   Ich bin gegenwärtig vollends gesund, aber mein Herz ist immer noch voll Schmerz über Zypers Verlust. Diese Wunde wird in meinem ganzen Leben nicht vernarben. Einziger Balsam ist mir die große, allseitige Teilnahme an unserem Mißgeschicke.

   Aber in die Tatsachen muß man sich fügen; deswegen denke ich gegenwärtig viel an Zypers und Raffeiners Nachfolger. Es haben sich mehrere auch schon gemeldet, unter anderen ein gewisser Ennemoser von Längenfeld und Gabriel Spechtenhauser von Unserer Frau, beide ehemalige Kaiserjäger, die mir gut gefallen und die ich wahrscheinlich protegieren werde. Doch sind es erst Anfänger und wie selten finden sich Zypers Eigenschaften in einer Person vereinigt!

   Wie es mit unserem Alpenvereinsprojekte steht, weiß ich selbst nicht zu sagen. Jedenfalls müssen wir ernstlich daran denken, etwas Reelles zustande zu bringen. - Ich will heute beginnen, Ihnen einige Gedanken darzulegen, und bitte Sie um Ihre Meinung darüber um so mehr, weil ich selbst über vieles im unklaren bin.

   Vor allem müssen sich einige Bergfreunde, die als solche einen Ruf und das richtige Verständnis haben, zusammentun, sich gegenseitig vollständig aufklären und dann die Prinzipien festsetzen. Welche sind diese Männer? Soweit meine Kenntnisse reichen, möchte ich folgende bezeichnen:

   1. ln Tirol: in Bozen Dr. Oettl, in lnnsbruck die Professoren Fischer und        Pfaundler und vielleicht meine Wenigkeit.

   2. Dr. Wagl in Graz, Grohmann in Wien, auch Mojsisovicz;

   3. in Prag: natürlicherweise meinen Freund Stüdl;

   4. in Deutschland: Trautwein, Waitzenbauer in München;

   5. Felix Liebeskind in Leipzig; in Berlin wüßte ich mehrere Herren. Julius Payer        sollten wir auch notwendig haben.

Sie werden sagen: "So viele sind nicht notwendig!" Ganz recht, ich wünsche es gar nicht; aber es sind auch mehrere aufgezählt, deren Teilnahme zweifelhaft ist. Gewiß ist dieselbe nur von folgenden: Stüdl, Senn, Grohmann, Oettl, Liebeskind und den Berlinern. Notwendig sollten wir auf unsere Seite zu ziehen suchen vorzüglich die Herren Payer, Waitzenbauer und Trautwein. Bei Herrn Waitzenbauer ist es mir aber im vergangenen Sommer nicht gelungen.

   Diese letzten zu fangen, ist also unsere erste Aufgabe. Sobald wir eins sind, handelt es sich um die Propositionen. Ich möchte ungefähr folgende in Vorschlag bringen:

   1. Der Verein soll nicht ein spezifisch Tiroler, sondern ein allgemeiner deutscher Alpenverein sein. Meine Gründe vermuten Sie wohl. Es sind vorzüglich 2: um mehr Teilnehmer heranzulocken und weil die Schönheit der deutschen Alpen nicht Eigentum einzelner, sondern aller ist, die sie genießen wollen.

   2. Gliederung des Vereins in den Stammverein und in Zweigvereine. Zum ersteren gehören alle Teilnehmer, letztere können sich an jedem beliebigen Orte Deutschlands bilden, wo sich eine bestimmte Anzahl Mitglieder zusammenfindet.

   3. Der Stammverein hat ein Komité oder Ausschuß mit Vorsitzenden u.s.w. , dessen von der Allgemeinheit Erwählte beliebig wohnen können. Ein Zweigverein muß zum wenigsten einen Obmann haben, ob auch Ausschuß, steht ihm anheim.

   4. Die Zweigvereine stehen zur Stammver­einsleitung in keinem anderen bindenden Verhältnis, als daß sie derselben von Zeit zu Zeit über ihre Leistungen genauen Bericht zu erstatten und die jährlichen Beträge in Geld zu erstatten haben.

   5. Jedes Mitglied des Vereins hat jährlich in denselben 4 fl. 50 Kr. ö.W = 3 preuß.Thlr. zu entrichten. Von diesen fließen zwei Drittheile in die Kasse des Stammvereins. 1 Drittheil, gemäß der Anzahl der Mitglieder, in die des Zweigvereins.

   6. Über die Kasse des Zweigvereins verfügt dieser frei. Über die Stammkasse entscheidet auf Vorschlag des Vereins oder Ausschusses die Generalversammlung, ohne den unten bezeichneten Zweck zu überschreiten.

   7. Jährlich findet eine Generalversammlung statt, von jedem Zweigverein muß dabei wenigstens 1 Mitglied erscheinen. Der Ort derselben wird auf jeder für das kommen­de Jahr festgesetzt. Die Zeit ist im Frühlinge oder Anfang Sommer. Zweigvereine können beliebig Versammlungen halten. Rechenschaftsberichte, Verträge, genaue Darle­gung des Geleisteten etc. ist Aufgabe der Generalversammlung.

   8. Zweck, Aufgabe des Vereins ist: Die Bergfreunde Deutschlands zu vereinter Thätigkeit zu verbinden. Diese Thätigkeit hat alles dasjenige zu umfassen, was auf Förde­rung des Touristenwesens unmittelbar wohl­tätigen Einfluß übt. Dergleichen ist: Hebung und Regelung des Führerwesens, Verbesserung der Unterkunft und der Wege an geeig­neten Punkten, ferner Bekanntmachung aller in den Alpen empfehlenswerten Parthien. Dies letztere kann geschehen durch perio­disch erscheinende Schriften, welche jedes Mitglied um einen möglichst billigen Preis erhalten soll; durch Einflußnahme auf Reise­handbücher etc. Wissenschaftliche Arbeiten werden sehr will­ kommen sein, bleiben aber Privatsache der beliebigen Aufgabe der Zweigvereine.

   9. Die Thätigkeit des Vereins erstreckt sich ausschließlich auf die gesamten deutschen Alpen.

 10. Die Gelder der Stammkasse werden bloß zu oben angedeuteten praktischen Zwecken verwendet; literarische Arbeiten und besonders artistische sind gänzlich ausgeschlossen, sowie auch Ausgaben auf Lokalitäten, Bibliotheken etc. Nur einer die Geschäfte führenden Persönlichkeit kann ein kleiner Entschädigungsbeitrag zugemittelt werden.

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   Das sind nun beiläufig meine Gedanken, die ohne Ordnung hingeworfen sind. Der leitende Faden bei denselben war mir: Praktische Richtung und Freiheit der Organisation. Ich will natürlich keineswegs maßgebend sein. Ich bitte Sie deshalb mir unverhohlen Ihr Urteil bekannt zu geben.

   Vom Alpenverein erhielt ich letzthin eine Anfrage, ob ich für das nächste Jahrbuch etwas schreiben wolle? Ich bin noch im Zweifel, was ich thun werde.

  Das Jahrbuch wollen sie diesmal "schon" im Juni erscheinen lassen! Der Witz dieser vergeblichen Eile ist handgreiflich: sie fürchten eben die Publikationen des "Touristen", welcher mit dem Alpenverein in keiner Beziehung steht, sondern nur ein Privatunternehmen des Herrn Gustav Jäger ist. Freund Grohmann schrieb mir kürzlich Lobenswertes über Jägers Unternehmen. Wenn der "Tourist" Wort hält, indem er verspricht, alles Interessante, selbst einen Bericht über die Sitzungen des Alpenvereins zu bringen, so ist das Jahrbuch überflüssig gemacht und damit auch die ganze Thätigkeit des Vereins ad nihibum reduziert.

   In welcher Blamage sitzen sie also da!

   Wenn ich an diese Mißverhältnisse denke, so reift der Entschluß immer mehr, dem Alpenverein keine Zeile zukommen zu lassen, dafür aber den "Touristen" zu unterstützen. Ich glaube sogar, daß man diesen bei der Ausführung unseres Vereinsplanes benützen könnte. Schreiben Sie mir baldmöglichst, ich bitte dringend! Sobald wir zwei uns über die Grundgedanken geeinigt haben, müssen wir vor allem übrigen Herrn Grohmann in das Geheimnis näher einweihen, was ich besorgen will. Dann soll das Manöver damit beginnen, das bisherige Gebaren des Wiener Alpenvereins in einer verbreiteten Zeitung, z. B. in der "Augsburger Allgemeinen", in das gehörige Licht zu stellen. Je hitziger der Kampf entbrennt, desto besser für uns; denn offenbar muß aus demselben ein fühlbares Bedürfnis nach etwas Neuem, Besseren hervorgehen.

   Ich bitte also nochmals dringend, mir von allen Ihren Ansichten gar nichts zu verhehlen.

   Mit vorzüglicher Hochaschtung Ihr ergebenster Freund

                                                                                                   Franz Senn

 

 

                                                                                    Vent, den 2. April 1869

                       Hochgeehrter Freund!

   Vergeben Sie mir, daß ich so lange auf eine Antwort warten ließ. Der Brief würde doch bis jetzt wegen sehr bedeutenden Schneefalls in Vent liegen geblieben sein.

   Ich gedenke, falls ich einen Stellvertreter für Vent bekomme, mit Freund Eduard nach München zu gehen, um dort finanzielle Geschäfte zu machen, und um die Angelegenheit bezügl. Zypers Denkmal und der Drucklegung des Kreuzspitzpanoramas zu ordnen. Letzteres, fürchte ich, möchte nicht so ausgefallen sein, wie ich gewünscht, vielmehr dürften Sie und Weilenmann mit der im letzten Sommer ausgesprochenen Befürchtung recht gehabt haben. Sobald ich es mit eigenen Augen gesehen, werde ich Ihnen das Nähere mittheilen.

   Wenn die Zeit es mir gestattet, werde ich vielleicht auch einen Abstecher nach Wien machen. In München gedenke ich ca. 10. April einzutreffen und 14 Tage zu verweilen. Wäre es gar nicht möglich, daß auch Sie dorthin kommen könnten? Wir könnten dann in freundschaftlich geselligem Kreise die bekannten wichtigen Fragen im Detail besprechen!

   Herr Weilenmann hat mir das berühmte Führer-Reglement gesandt. Sie erhalten es übersendet. Sie fragten mich zugleich um mein Urteil hierüber in Anwendung auf unsere Tiroler Verhältnisse; ich gestehe aber, daß ich Ihnen wegen der in jedem Bezirke Tirols eigenthümlichen Verhältnisse u.s.w. für jetzt kein entschiedenes Urtheil geben kann. Aber gerade in letzterer Beziehung versichere ich Sie, daß nach meiner Meinung, ein eigenmächtiges Handeln für eine einzelne Gruppe Tirols zu großem Nachtheile für das Ganze wäre. Ich bin zwar, wie Sie mir vorwerfen können, darin vorausgegangen, weil weder durch den Alpenverein, noch durch sonst Jemand eine Ordnung erzielt worden wäre. Wollen Sie aber, ich bitte Sie dringend, doch nicht zu voreilig mein Nachfolger sein. Eine einheitlich harmonierende Führerordnung für ganz Tirol ist jedenfalls vom größten Bedürfnisse. Wir selbst im Ötzthale sehen die Mängel unserer Führerordnung, obschon sie die beste von ganz Tirol sein dürfte, genügend ein, und sind deshalb auch bereit, passende Änderungen uns gefallen zu lassen. - Kurz gesagt: Ohne Harmonie ist keine richtige Führerordnung für Tirol möglich! Diese läßt sich aber nur, glaube ich, durch Verwirklichung meines oft ausgesprochenen Gedankens erzielen.

   Wie es scheint agitieren Sie noch immer für den Eintritt Grohmanns etc. in den Ausschuß des Wiener Alpenvereins. Ich kann es aber durchaus nicht verstehen. Was sollte Grohmann unter diesem Ausschuß tun, frage ich bloß. Welche praktische Thätigkeit kann denn ein ausschließlich in Wien ansässiger Alpenvereins-Ausschuß für die entfernten Alpen entfalten, und welche Theilnahme würde ein solcher gut organisierter "Wiener Alpenverein" - in den deutschen Ländern finden, wo man doch so viel Interesse für unsere Alpen hat, und dieselben weit mehr als von Wien aus und den ober- und unterösterreichischen Kronländern besucht? Ich versichere Sie, verehrter Freund, daß ich bei Anschlagung dieser Saiten geneigt wäre, eine scharfe Sprache zu führen. Als Beleg meiner Gedanken über einen allgemeinen Deutschen Alpenverein dient die Tatsache, daß sich bereits in mehreren größeren Städten Deutschlands Alpenklubs gebildet haben, die sich um den Wiener Alpenklub nicht bekümmern.

   Gerade über diese Angelegenheit möchte ich so gerne so bald als möglich mir Ihnen persönlich sprechen - ich hoffe in München - und eben dieselbe wird mich am wahrscheinlichsten auch nach Wien verlocken.

   Daß Zypers Mutter jetzt als meine Mutter bei mir ist, glaube ich, wenn ich nicht irre, geschrieben zu haben.

   Sie fragen mich, warum ich nicht über meine Bergparthien schreibe. Ich habe Geschäfte zu Hause, muß während des Winters manchesmal in das untere Ötzthal gehen, um die für den Sommer nöthigen Sachen an Platz zu bringen, habe heuer viele Correspondenzen, und bin manchmal, wenn schlechte Witterung im Anzuge ist, nicht in der Disposition eine ordentliche Arbeit zu machen. Dessenungeachtet habe ich doch einige größere Aufsätze in Bereitschaft.

   Mit herzlichen Grüßen von uns allen im Venter Widum Ihr ergebener Freund

                                                                                                      Franz Senn.

 

 

                                                                          Vent am 4. Dezember 1869.

                        Lieber hochgeehrter Freund!

   Dein willkommenes Schreiben erhielt ich vor 14 Tagen. Seitdem litt ich immer an Nervenaufregung und Fieber und führe noch heute die Feder mit zitternder Hand; doch geht es besser und hoffe ich bis nach einigen Tagen vollständig gesund zu sein. Ich freue mich Deiner Leistungen am Glockner mit Hofmann und gratuliere! Ich will nun vor allem Deine Fragen in Kürze beantworten.

   Die Touriustenzahl belief sich im letzten Sommer in Vent auf ca. 540. Jungfräuliche Spitzen wurden bloß folgende von mir etc. erstiegen: Firmisan, Diemkogel, Mutmal, Vordere Hintereisspitze und Fluchtkogel, das Taufkar-und Taschacherjoch und 2 neue Pässe zwischen Pitz- und Kaunerthal, nämlich das Madarsch und Rostizjoch. Einen neuen, besseren Übergang von Vent über den Gepatschferner haben wir ebenfalls gefunden. Auch gelang mir ein ziemlich bequemer und sicherer Abstieg von der Weißkugel nach Matsch.

   Führer in Vent sind außer Josef Scheiber folgende: Alois Ennemoser, Ignaz Schöpf, Josef Gstrein und Gabrield Spechtenhauser. Die beiden ersten sind mir die liebsten und kommen dem sel. Zyper sehr nahe: Jedenfalls vermisse ich den Schmiedle gar nicht, wohl aber fehlt der Cyper als Oberhaupt dieser trefflichen Leute. Indessen kann man sich bei allen möglichen Parthien in der Runde ihnen getrost anvertrauen.

   Die Klotzhütte ist als nacktes Gerippe fertig. Wenn nur der gute Benedikt das Geld nicht versaufen würde! Gänzlich ausgenüchtert ist er während es letzten Sommers wohl niemals; daher wird auch nie etwas Ordentliches unter Benedikts Aufsicht daraus werden, wenn er auch noch so viel zu betteln bekommt. Gegenwärtig ist er wieder in die Welt hinaus, und wird nicht unterlassen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit über mich wacker zu schimpfen.

   Dasselbe Schicksal habe ich in noch viel ausgiebigeren Maße von Brizzi zu erwarten. Als er nämlich im letzten Sommer in Vent mit noch zwei Herren ankam, um das Panorama fertig zu machen, sollte ich das Holz und für alle Proviant etc. auf die Hütte liefern, natürlich auf meine eigene Rechnung. Das war mir jedoch zu toll und zu kostspielig. Ich verlangte daher von den beiden anderen Herren, wenn sie länger droben bleiben wollten, von jedem täglich 4 fl.; auf diese schriftliche Nachricht von mir schoben alle drei zugleich über das Niederjoch ab.

   Indessen war das Panorama der Kreuzspitze von Engelhardt und seinem Freunde Jordan schon vollständig gezeichnet und wird dasselbe über Winter unter Engelhardts Leitung chromlithographisch in Berlin in Druck kommen. Sobald ich Näheres darüber weiß und die Kosten berechnet sind, gedenke ich eine Einladung zur Subskription darauf zu publizieren. Ich bitte Dich darüber um Deine Ansicht und Deinen einsichtsvollen Rat.

   Mit unserem Alpenverein bin ich ganz wohl zufrieden, nur wird es hoffentlich über Winter aus noch besser gehen. Meinerseits werde ich alles Mögliche zur Hebung desselben thun. Ins erste Heft habe ich Vernagtspitze und die beiläufige Statistik vom letzten Sommer geschrieben. Ferner habe ich im Sommer fast täglich Propaganda gemacht und sehr viele Beitrittsversprechen gemacht. Gut Ding' braucht gut Weil!

   Die Sektion lnnsbruck hat sich wesentlich erst auf mein Urgieren gebildet; nach Meran bin ich leider nicht gekommen; sonst würde dort, wo eine Sektion schon lan­ge vorbereitet ist, dasselbe geschehen sein. Die Sektion Ober-lnnthal wird bald kommen. Ich rechne zuversichtlich auf 40 bis 50 Mit­glieder.

   Unsere Wiener Sektion scheint mir zu intolerant und exclusiv zu sein, kurz, ich kenne mich nicht aus. Ich vermittle gerne unter dem Titel, dass in Wien ja mehrere Sektionen des Deutschen Alpenvereins, wenn sie sich nicht vereinigen können, nebeneinander bestehen könnten.

   Nun zur  F ü h r e r o r d n u n g  ! Ich glaube, wir soll­en dieselbe von unserem deutschen Alpen­verein aus  s o  b a l d  u n d  s o  k r ä f t i g  a l s   m ö g l i c h  in die Hand nehmen. Man will Dir für Kals die Führerordnung des Bezirks Vent aufdrängen. Es freut mich dies beinahe, denn höre! diese Führerordnung ist keine andere als die von mir entworfene Ötztaler Führerordnung mit einigen Zusätzen, welche die Statthalte­rei gemacht hat.

   Was thun wir nun? Ich wünsche nichts sehn­licher als eine für ganz Tirol (wenigstens) einheitliche Führerordnung. Und warum soll­ten wir nicht eine solche zu Stande bringen können? Ich schlage folgendes vor: wir zwei, Grohmann, Hofmann und Trautwein wollen die Sache in die Hand nehmen, diskutieren u.s.w., bis wir uns vereinigen, dann treten wir mit dem Elaborate vor die Öffentlichkeit. Die Führerordnung soll, glaube ich, jeden­falls vom deutschen Alpenverein endgültig ausgehen; von der Regierung sie bestätigen lassen, wenn sie mag, kann man noch im­mer thun. -

Die Münchner Freunde werden sich über mein letztes Schreiben an Waizenbauer wahrscheinlich beklagen! Ich war in den Nerven zu sehr aufgeregt und werde deshalb um Vergebung bitten. -

                                Dein Dich liebender Freund

                                                                                                      Franz Senn.

 

 

                                                                                  Vent, am 7. März 1870

                        Hochgeehrter, Theuerster Freund!

   Dein letzter Brief hat mir neuerdings den sichersten Beweis geliefert, daß Du mir ein wahrer und aufrichtiger Freund - erster Linie - bist. Herzlichen Dank für alle Deine Mittheilungen und guten Ratschläge! Letztere habe ich seitdem getreulich befolgt und kann Dich zum Belege dessen versichern, daß ich mit den Freunden in München schon lange wieder schmalzgut bin.

   Warum habe ich Dir also nicht früher geantwortet? Bloß wegen unserer Angelegenheit der Führerordnung. Ich thue nämlich in dieser Hinsicht nie einen bedeutenden Schritt, ohne mit den Führern gesprochen und ihr Einverständnis, wenn möglich, eingeholt zu haben. Dies geschieht bei uns alljährlich im Winter auf einer offenen Führerkonferenz, wobei ich den Vorsitz führe und Vorschläge mache. Bei der Abstimmung haben bloß die bisher autorisierten Führer des Ötzthales ihr Votum abzugeben. Die diesjährige Führerkonferenz hatten wir am 24. Februar d. J., daher meine Verzögerung im Antworten. -

   Du schriebst mir im letzten Briefe: "Wie sehne ich mich in diesen neu eröffneten Regionen, hoffentlich an Deiner Seite herumstreifen zu können."

   O Freund! Wie sehr würde mich das freuen! Doch was sage ich von freuen - dies versteht sich von selbst! Ich sage vielmehr: D u  m u ß t , m u ß t , m u ß t  i m      k o m m e n d e n  S o m m e r  durch längere Zeit unser Gebiet mit mir durchwandern. Ich benöthige dich  d r i n g e n d , u n u m g ä n g l i c h . Du weißt, daß ich schon seit langem im Projekt hatte, ein Werklein über das Ötzthal zu schreiben. Inzwischen habe ich mit Amthor mich verständigt und das bestimmte Wort gegeben. Amthor überläßt den Reinertrag vollständig mir, d. h. zu Gunsten meines Wegebau-Defizits. Mein Projekt muß über den kommenden Sommer und Winter aus zur Reife gelangen, d. h. das Werklein fertig werden. Deshalb werde ich dafür sorgen, daß ich für Vent einen geistlichen Stellvertreter erhalte, um ungehindert jeden schönen Tag zu Parthien benützen zu können. Die Grenzorte, bis wohin meine Forschung reichen soll, sind: St. Leonhard im Pitzthale, Feuchten im Kaunerthale, Hinterkirch in Langtaufers, Marsch und Schnalserthal. Daß ich für diesen Bezirk auch eine neue, gründliche Karte haben will, versteht sich von selbst; ebenso, daß ich auch Ethnographisches u.s.w. berücksichtige. Wie soll nun aber ich allein im Stande sein, so etwas in relativ kurzer Zeit zu bemeistern? Meine geistlichen Kollegen in der Nachbarschaft werden mir helfen; aber denk' an die Karte, Auffassung und Notierung bei den verschiedenen Touren u.s.w. und Du wirst leicht begreifen, daß ich noch dringender als Hofmann eines treuen Freundes benötige, der mir in allem verhilflich ist. Die Zeichnungen noch dazu, die ich haben will, nicht zu vergessen! Wäre ich persönlich bei Dir, würde ich so lange flehend um das "Jawort" zu Deinen Füßen fallen, bis ich es erhielte. Wo fände ich einen beßeren Helfer als in Dir? Wir beide zusammen können mit Hilfe unserer Instrumente alles machen. Also komm! Ich bitte um unserer Freundschaft willen, komm gewiß! Ich rechne darauf!

   Komm! Komm! Komm!

   Deine betreffenden Zusätze zur Führerordnung, noch mehr die Absicht der Statthalterei von Tirol, das Führerwesen in ganz Tirol einförmig à la Ordnung von Imst einzuführen, verschiedene Anfragen, die ich diesbezüglich von der Bezirkshauptmannschaft Imst erhielt, aber bis dato noch unbeantwortet ließ, machten mir oftmaliges und langes Kopfzerbrechen. Der bisherigen Gewohnheit gemäß entschied ich mich dafür, vor der Führerkonferenz  n i c h t s , gar keinen Schritt zu thun. Bei dieser brachte ich aber alles und noch manches Neue zur Sprache. Wir haben einen Führerverein seit einem Jahre bereits und zwar in ganz ähnlicher Weise, wie Du im Pusterthale. Darüber ein anderes Mal mehr!

   Ich muß schließen.

                                           Dein verbindlicher Freund  

                                                                                                        Fr. Senn

 

 

                                                                                  Vent, den 3. April 1870

                               Hochgeehrter Freund!

   Ich sehe gar nicht ein, daß bezüglich unseres Führerwesens so große Gefahr im Verzuge sein sollte, wie Du mir berichtet.

   Wie soll eine Behörde ohne Beihilfe von Alpenfreunden und Kennern im Stande sein, das Führerwesen zu organisieren? Ich bin entschieden der Ansicht, daß man hier der Regierung nicht zu großes Feld einräumen darf.

   In der 2. Hälfte Mai komme ich nach Innsbruck und München und hoffentlich treffen wir uns dort zur Besprechung.

   Herzlich grüßend und nächstens mehr von Deinem hochschätzenden

                                                                                   Freunde Franz Senn.

 

 

                                                                                   Vent, am 8. April 1870.

                                 Hochgeehrter Freund!

   Mit Ungeduld erwarte ich nähere Nachrichten von Dir und aus München, jedenfalls werde ich bei der Generalversammlung erscheinen. D u  s e l b s t          d a r f s t   k e i n e s w e g s  f e h l e n . -

   Wenn ich nur Aussicht erhalte, zur Deckung meines Defizits vom Vereine in den nächsten Jahren einmal einen ergiebigen Betrag zu bekommen. Ich gedenke bei der nächsten Generalversammlung darüber zu sondieren. -

   Nun noch etwas über das Kreuzspitzpanorama! Die Zeichner Engelhardt und Jordan sind mit der Arbeit fertig; Engelhardt hat unter seiner Leitung in Berlin Litographie-Zeichner und Drucker und verspricht etwas  G u t e s . Es erscheinen 4 Blätter. Jedes beiläufig so groß wie das vom Ramolkogel. Ich werde nächstens Subskriptionsbögen in die Welt hinausschicken. Das ganze Panorama wird auf diesem Wege 2 Thlr. Oder 3 fl. Ö. W. in Silber kosten. Was sagst Du dazu?

   Schreibe mir bitte so bald als möglich!

                                 Herzlichsten Gruß und auf Wiedersehen,

                                                              Dein aufrichtiger Freund! Franz Senn

P.S. Sektion Ober-Innthal zählt bereits einige 20 Mitglieder.

 

 

                                                                               Vent, den 14. Nov. 1870                                  Viellieber Freund!

                                                                        Motto:                                                                         "Man bittet um Lesegeduld"

   Das ist ein impertinenter Mensch - ein unverschämter Kerl, der Senn! Unbegreiflich! Daß er nie schreibt und gegen allen Anstand auf wiederholte Briefe keine Antwort gibt.

   Was ist aus dem abgelegenen Winkel des finsteren, unkultivierten Bärenlandes auch anderes zu erwarten?

   Aber nun höre! Der grobe und dumme Tiroler kann auch ein bißchen pfiffig sein!

   Du wirst wissen, daß ich während des Sommers grundsätzlich nie einen Privatbrief oder dergleichen schreibe. Erst gestern Nachmittag habe ich mein Korrespondenzbüreau eröffnet und an Redakteur Mojsisovicz geschrieben; gegenwärtiges Schreiben ist das Zweite. Du wirst fragen, warum ich nicht früher, Ende Sommer angefangen habe!? Gerade damals und zuerst im Herbste war beständig schönes Wetter, welches ich zu Bergparthien benützen mußte, habe auch wirklich einige recht hübsche gemacht. Nach Verlauf dieser Zeit ging ich 14 Tage nach Innsbruck und Meran, namentlich um an letzterem Orte eine Sektion zu gründen und in Innsbruck unsere Führer Organisations-Geschichte zu betreiben. Leider kam ich von der Reise krank nach Hause. Ich litt seitdem bis gestern an demselben gastrischen Fieber, welches ich nach der unseligen Hochjochparthie durch 1 ½ Jahre in meiner Krippe hatte. Erst seit gestern fühle ich mich, obwohl schwach, doch ziemlich wohl und kann anfangen, etwas zu essen; bloß in den schlaflosen Nächten leide ich wieder an der heftigen Aufregung, wie im Herbste und Winter der beiden letzten Jahre, seit dem Unglück mit dem unvergeßlichen Zyper.

   Noch ein anderes Motiv meiner Zögerung wird Dir wahrscheinlich Dr. Bereitter aus Innsbruck mitgetheilt haben: Ich sei über Dich etwas böse. Es hatte mich, aufrichtig gestanden, etwas unangenehm berührt, daß Du eigenmächtig, allein in unserer Führerangelegenheit vorgehen werdest; zudem stecktest Du mir - nach meiner Ansicht - immer etwas zu viel hinter der Regierung. Das nützt nichts und wird, glaube ich, zu nichts führen. Unsere gemeinschaftliche Eingabe sendete ich in der 1. Hälfte des Juli d. J. an die Statthalterei. Seither vernahm ich über die ganze Sache kein Wort mehr. Da hast Du es mit Deiner Regierung!

   Es wird Dich gewiß interessieren, über meine wichtigeren Bergfahrten dieses Jahres zu hören:

   1. Das hohe Köpfle, erste Ersteigung.

   2. Die Nagel- oder Vernagelwand, erste Ersteigung.

   3. Quer über den Gepatschferner auf die  W e i ß s e e s p i t z e , auf        halsbrecherischem Wege direkt ins Malagger Alpenthal.

   4. Von Vent über das Taufkarjoch nach Planggeros.

   5. Von Planggeros auf die  n ö r d l i c h e  W i l d s p i t z e  und von dieser        über den Grat auf die südliche und herunter nach Vent - einer der ersten
       Glanzpunkte unter meinen Bergtouren.

   6. Auf neuem Wege auf den Hinteren Brochkogel.

   7. Mit Gaber allein in die Gepatschalpe. Tags darauf

   8. auf den  G l o c k t h u r m  - herrlicher Punkt, ziemlich leicht - über        Krumgampenferner und -joch nach Hinterkirch in Langtaufers.

   9. Über das Langtauferjoch nach Vent zurück.

 10. Auf den nördlichen Weißkogl.

   Ich werde heuer wohl auch viel schreiben, den Touristenkalender 1870 sorgfältig zusammenstellen und der Redaktion übersenden müssen, ebenso vielleicht auch manches andere. Wie Du also siehst, wird es an mir nicht fehlen. Wenn nur auch andere, die in der Lage sind, ihr Schärflein beitragen möchten. Jedenfalls müssen wir aus allen Kräften die neue Redaktion unterstützen, damit sie etwas besseres zustande bringt, als das letzte Jahrbuch des österr. Alpenvereins bietet.

   Das Kreuzspitzpanorama ist schon lange fertig, schön, zu meiner vollen Zufriedenheit. Ein Exemplar davon habe ich schon lange in meinen Händen, hätte auch dem Maler Engelhardt auf wiederholte Briefe antworten sollen, warum habe ich es aber nicht gethan? Weil ich nicht in der Lage war, ihm Geld schicken zu können, wie er es verlangt. Obschon ich im vergangenen Sommer fast täglich einige Reisende hatte, - so habe ich doch, da ich gut eingerichtet war, als Wirth einen Schaden erlitten, daß ich gegenwärtig an Spezereien und Wein bei 900 fl. Ö. W. schuldig bin, bloß für dieses Jahr und habe kein Geld es zu bezahlen. Ich stehe bei den Betreffenden wohl in Kredit; aber was hilft dies, wenn ich in so trostloser Lage bin? Der Druck von 800 Exemplaren des Panoramas kostet mir 800 preuß. Thaler. Davon habe ich im Frühjahr von München aus 150 Thlr. Bezahlt, das übrige bin ich schuldig und woher nehmen? Im Ötzthale und bei uns weit und breit ist heuer, als Folge des Krieges, kein Geld. Ich wagte es deshalb auch nie, Engelhardt einen leeren Brief zu schicken, von Woche zu Woche hoffend, daß es besser werde, aber vergebens. Jetzt steht der Winter da und für mich keine andere Aussicht mehr, als provisorisch um Unterstützung bei einzelnen Sektionen des deutschen Alpenvereins anzusuchen. Mein Plan ist folgender: So lange Krieg ist, läßt sich gar nichts machen; aber in Hoffnung auf baldigen Frieden werde ich bei einzelnen Sektionskassen um ein kleines "Anlehen", also, wie es sich versteht, gegen Wiedergabe anklopfen, werde nächstens Subskriptionsbögen aussenden und hoffe dann, wenn Friede bleibt, etwas mehr als ins Reine zu kommen. Die Sektionen, an die ich appelieren will, sind Augsburg, München, Prag, Leipzig und Berlin. Wenn also jede dieser Sektionen mir ungefähr mit 100 fl. Vorderhand behilflich wäre, so würde ich geborgen sein und könnte das ganze Panorama ablösen. Bei all den genannten Sektionen , vielleicht mit Ausnahme von Leipzig und Prag (?), dürften doch so viele Abonnenten zusammen-kommen, daß der Erlös bei jeder Sektion die Summe von 100 fl. Wenigstens beträgt. Mit Ausnahme der 2 fraglichen bin ich dessen versichert. Mit den übrigen Auslagen kommt mir 1 Exemplar des Panoramas auf 1 ½ Thlr. oder wenigstens auf 2 fl. ö. W. in Silber zu stehen. Es hat eine Breite von 70 Zoll und eine Höhe von 8 Zoll. Die Subskriptionslisten werde ich verfassen nach dem Schöntauferspitzpanorama von Grefe in Wien. Ein Blick auf beide zugleich sagt mir - nach meiner Ansichnt - daß mein Panorama viel schöner, großartiger und korrekter ist, als das Grefes, und dazu um wohl etwas wohlfeiler. Was sagst Du nun dazu?

   Leider die schlimme Zeit! Eben deswegen stelle ich hiemit eine dringende und freundschaftliche Bitte an Dich: Wäre es nicht möglich, in oben bezeichnetem Sinne ein kleines Darlehen für kurze Zeit, spätestens bis Mitte kommenden Sommers, aus der Kasse der Sektion Prag zur Herausgabe und Expedierung meines Kreuzspitzpoanoramas zu erhalten? Ich bitte Dich dringend, Dich dafür zu verwenden und  s o b a l d  a l s  m ö g l i c h namentlich in dieser Beziehung mir Antwort zu ertheilen. Wie eben gesagt, wirst Du nächstens 1 Exemplar zur Einsicht erhalten. -

   Ich muß aus freundschaftlicher Rücksicht für diesmal unterlassen, noch manch andere Klagen in Dein Freundesherz auszugießen. Ich weiß ja, daß Du selbst ein so feinfühlendes Herz hast, daß man nicht leicht irgend eine Saite anschlagen darf, ohne eine Falte Deines Herzens zu berühren. Ich habe nicht im Sinne und k e i n e  U r s a c h e , Dich jemals zu verwunden, aber eines ist mir ein Bedürfnis, eine Nothwendigkeit: eine gewiß nicht vernarbte Wunde wieder aufzureißen. Du warst so freundlich - ich schreibe jetzt unter Thränen - mir über die Verwundung und den Tod unseres theuren, einzigen Freundes Hofmasnn schnell zu berichten. Anstatt all meine übrigen Gefühle, die ich hatte und noch habe, Dir zu schildern, will ich Dir bloß erzählen, wie es mir beim Empfange jener Nachricht ergangen ist. -

   Ich erhielt Deine Schreiben bez. Hofmann jedesmal Abends, da ich in einiger Gesellschaft bei Tische war. Ich habe den Inhalt öffentlich vorgebracht und mußte dann weinen, öffentlich, und um mich auszuweinen, einige Zeit vor die Haustüre hinausgehen. Man holte mich, wollte mich beschwichtigen; alles vergebens. Der liebe, theure Hofmann, der dritte in unsrem Bunde ist nicht mehr! Ich kann seitdem, so oft ich daran denke, und das täglich oftmals - es fast nie thun, ohne Thränen zu vergießen. Um so mehr kann ich auch Deinen Schmerz bemessen! Wir haben an ihm nicht nur unseren i n n i g s t e n  F r e u n d , sondern auch die Alpenwelt und unser Verein das  t h ä t i g s t e  u n d  e i f r i g s t e  Mitglied verloren.

   O wäre es mir vergönnt, mich in Dein Herz ebenso einzunisten, wie es Hofmann war! Ich sehe genug ein, daß ich dessen nicht so würdig und Dir das biete, wie der Selige; aber könnte sich nicht ein Mittel finden, daß wir wenigstens in unserer Freundschaft noch mehr als bisher verbunden würden? Wie wäre es nun, lieber Freund, wenn wir es auf einen solchen Versuch ankommen ließen? - Was hast Du für den nächsten Sommer an Bergtouren vor? Willst Du vielleicht Deine und Hofmanns projektierte Arbeit in der Venedigergruppe vollenden? Ich muß, aus Freundes Pflicht, Dich dringend, sehr entschieden davor warnen. Ich kenne das menschliche Herz , desto mehr das meines guten Freundes. Wenn Du im                n ä c h s t e n  S o m m e r  a l l e i n  in die Venedigergruppe gehen willst, so wirst Du bei jedem Schritt den seligen Hofmann vermissen, Dein Herz wird beständig bluten. Ich glaube, für Dich wäre es im nächsten Sommer angezeigt, an der Seite eines guten Freundes in einem anderen Alpengebiethe, als dem von Dir und Hofmann projektierten, herumzustreifen. Wenn ich mir nun erlaube, Dir einen Vorschlag zu machen, so muß ich im Vorhinein bekennen, daß auch mein eigenes Interesse zur Hälfte mit im Spiele ist. Ich bin wenigstens ebenso, wie andere, freundschaftlicher Liebe bedürftig, - darüber einmal Näheres - und könnte mir ein guter Freund, wie Du bist, so viele Dienste erweisen. Ich habe Dich ja schon in den letzten Jahren wiederholt gebeten, mit mir auf die Berge zu gehen; da ich mir auch schmeichle, neben Hofmann einer Deiner ersten alpinen Freunde zu sein, und Du mir schon ein  g e w i s s e s  Versprechen gegeben hast, so hoffe ich sogar, einigen Anspruch zu haben, daß Du meinem Vorschlage entgegenkommst. - Derselbe ist folgender:

   Ich mache mich, wie schon lange beabsichtigt, von Vent durch einen geistlichen Stellvertreter frei. Wir gehen dann mitsammen in der Ötzthaler- und Ortlergruppe herum. In der ersteren habe ich noch gar vieles zu thun, die letztere ist mir ganz neu. Für erstere brauche ich, um meinen Plan auszuführen, wenigstens drei gute Wochen. Da ich mich heuer in Handhabung etc. meines Höhenmeßinstrumentes - eines kleinen, bequemen Theodeliten - etwas eingeübt habe, wird die trigonometrische Höhenmessung nächst dem Geographischen und Touristischen meine Hauptaufgabe sein und muß deshalb auch manche mir schon bekannte        H o c h t o u r  im Venter Bezirke wiederholen.

   Dies würde Dir gewiß konvenieren. Ferner möchte ich gerne im Gurgler- und Pfaffenthaler-Gebiethe Parthien machen und zwischen dem Schnalser- und Pitzthale im Halbkreise. Diese Tour würde bei schönem Wetter in 20 Tagen zu machen sein. In der Ortlergruppe stünde ich dann ganz zu Deiner Verfügung. Unser Hauptführer würde jedenfalls Alois Ennemoser, jetzt eine Berühmtheit, sein müssen, gegen tägliche 2 - 3 fl.

   Du kannst Dich für den nächsten Sommer doch hoffentlich auf 2 Monate ca. frei machen, - ich werde es ebenfalls - somit muß der Plan gelingen. Nun höre weiter! Wenn Du im nächsten Sommer, entsprechend meinen Gedanken, d.h. ohne uns vorher an diese oder jene Parthie binden zu wollen, wirklich zu mir kommst, um mit mir wenigstens einige Wochen lang zu gehen, dann gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich 1 oder 2 Jahre lang darnach während des Sommers zu Deiner Verfügung stehe, und dann in jeder Beziehung, mit all meinen Leistungen, die ich vermag,     D e i n  zu sein.

   O Freund! O Theurer! Schlage ein und sage ja! - Mit ungeheurer Sehnsucht erwarte ich Deine Antwort. Eben fällt mir ein, noch ein Bedenken, das Du haben könntest, lösen zu müssen. Du glaubst vielleicht, daß ich im Sommer für längere Zeit, nämlich in den Jahren 72, 73 u.s.w. von Vent nicht fortkommen könne. Mit diesen Bedenken wärst Du  g a n z  falsch daran. Entweder bin ich noch in Vent oder nicht - je nach meinem Belieben. Im ersteren Falle wird mein Geschäft auch ohne mich genug besorgt und ich bin der Wirtschaft so satt, daß ich während des Sommers fast unmöglich mehr daselbst sitzen bleiben kann. Bin ich nicht mehr in Vent, was sehr wahrscheinlich ist, so gehe ich an keinen anderen Ort, als wo ich mich im Sommer frei machen kann, d. h. an einen Ort, wo 1 oder 2 Geistliche neben mir sind und ich daher, ohne Aushilfe zu benöthigen, desto leichter los werde. Anders werde ich es gar nicht thun; namentlich werde ich das Bergsteigen in meinem ganzen Leben, so lange die Kräfte reichen, auf das emsigste betreiben.

   Also Freund! Nur keine Bedenken! -

   Ich bitte Dich dringend, mein Zögern im Antworten nicht mehr zu berücksichtigen, dafür aber meine aufrichtige Freundeshand mit warmem Drucke im Geiste zu empfangen. O seien wir die Alten! O werden wir noch innigere Freunde! Das Mittel dazu habe ich weitläufig angegeben.

   O! Verschmähe es nicht! Schreibe mir, bitte, bald, baldigst! Auch ich werde mich bessern.

                           Herzlich grüßend, Dein Dich liebender Freund

                                                     Franz Senn.

 

 

                                                                                Vent, am 4. Jänner 1871.

                                      Theuerster Freund!

   Ich bin Dir jetzt auf 2 Briefe Antwort schuldig; ehe ich aber mit derselben beginne, wünsche ich Dir ein recht glückliches Neues Jahr und vor allem gute Gesundheit. O könnte ich doch wenigstens für einige Minuten bei Dir sein und Dich umarmen! Hoffentlich wird dies im kommenden Sommer geschehen und unser Beisammensein längere Zeit dauern.

   Bezüglich unserer Angelegenheit über Führerwesen, bitte mir von meinem letzten Schreiben nichts übel zu nehmen; ich bin mit Deinen Erklärungen und Schritten vollkommen einverstanden und zufrieden.

   In Bezug auf das Kreuzspitzpanorama folgendes: Sämtliche Sektionen, an die ich geschrieben, wollen mir durch Subskribierung und Zahlung helfen! Dr. Scholz in Berlin hofft wenigstens 100 Thlr. Auf diese Weise zusammenzubringen, ebenso zeigen sich namentlich die Münchner und Wiener sehr eifrig. Der Zentralausschuß wird an sämtliche Sektionen unseres Vereines eine Aufforderung zur Subskribierung ergehen lassen.

   Bis Ende Januar sollte Engelhadt ungefähr 400 Thaler von uns Allen in Händen haben, denn vor dies nicht der Fall ist, will der Drucker mit dem Druck der Masse nicht beginnen.

   Nochmals alles Gute wünschend, zeichnet unter herzlichem Gruße und Empfehlungen, Dein aufrichtiger

                                                                                      Freund Franz Senn.

 

 

                                                                                    Vent, am 12. April 1871

                                          Liebster Freund!

   Verzeihe, daß ich so lange nicht geschrieben. Ich bin nämlich im eifrigen Studieren auf die Pfarrkonkursprüfung begriffen. Sobald diese vorüber ist, werde ich wieder ein noch eifriger alpiner Schreiber und Korrespondent mit Freunden sein. Inzwischen mußt Du mir schon gütigst gestatten, daß ich mich auf das nothwendigste beschränke.

   Was unsere Fremdenführerordnung betrifft, theile ich ganz Deine, der Innsbrucker und vieler anderer Gesinnung, nämlich die ganze Angelegenheit, wenn sie die Statthalterei nicht bald erledigt, in unsere eigenen Hände zu legen. Neulich habe ich an den betreffenden Referenten Grafen Arz ein Urgenz-Schreiben gerichtet.

   Bezüglich der Vertheilung der Berggebiethe unter die Sektionen soll die Statthalterei kein Wort darein reden, sondern dies ist Sache der Sektionen. Diese müssen sich verständigen über die Frage, wie die Gebiethe vertheilt werden, auf andere Weise kann unmöglich ein praktischer Erfolg erzielt werden. Ein Einzelner kann wohl Vorschläge machen, wird aber in dem ganzen Alpengebiethe sich schwer zurechtfinden. Auch ist nicht zu übersehen, daß unsere neue Führerordnung, wenn sie genehmigt wird, bloß für Tirol und Vorarlberg Geltung erlangt, ehe man nicht auch in den andern Kronländern und in Baiern die geeigneten Schritte macht. - Daraus folgt, daß man in dieser Beziehung gar nichts thun kann, ehe nicht die Führerordnung von der Statthalterei in Tirol genehmigt ist. Sobald dies geschehen, heißt es mit vereinten Kräften wirken. Ich verspreche Dir feierlich, dann gewiß mein Scherflein nach Kräften dazu beizutragen.

   O komme im Sommer gewiß zu mir! Wie sehne ich mich Dich begrüßen zu können!

                     Herzlichen Gruß von Deinem liebenden Freunde

                                                Franz Senn.

 

 

                                                                          Vent, am 23. November 1871

                                 Lieber, theuerster Freund!

   ln welcher Stimmung gegen mich beginnst Du das Lesen dieses Schreibens! Bist Du vielleicht schon so bitterböse auf mich, daß Du mir die Freundschaft gekündigt hast? Habe Nachsicht mit mir, wie sie auch Gott im Himmel mit jedem bußfertigen Sünder hat. Ich will nun auch als solcher zu Deinen Füßen fallen und ein aufrichtiges mea culpa bekennen. Aber, wie fast jeder Pönitent erlaube auch ich mir zu meinen Gunsten eine Beschönigung der Unterlassungssünde anzubringen. -

   Du wirst durch Beretter vernommen haben, daß ich anfangs Mai auf einer Reise in Innsbruck schwer erkrankt bin und ein anhaltendes Ohrenleiden mit einem Abszesse im rechten Ohre innerhalb des Trommelfells sich entwickelt, welches vollständige Schwerhörigkeit, Perforation des Trommelfells, Herausschneidung der Gaumenmandeln, Verbot jeder anstrengenden Bergparthie u.s.w. zur Folge hatte. Welche Stimmung sich da meiner bemächtigte, wirst Du begreifen. Nach der Krankheit in Innsbruck war ich durch 6 Wochen Rekonvaleszent bei Herrrn Dekan Staudacher in Matrei, in strengster Diät, und erst am Ende dieser Zeit war ich im Stande, einiges von den theologischen Studien zu wiederholen, um so noch dem Zwecke meiner Reise nachkommen zu können, die Pfarrkonkursprüfung in Brixen zu machen. Aber bedenke, ich habe bloß in den Monaten März und April expreß auf die Prüfung studiert, während andere 3 - 4 Jahre darauf verwenden. Ich habe damals selbst während des Mittagsessens mein Buch neben mir gehabt und war für nichts anderes zugänglich. So war es, ungeachtet der inzwischen eingetretenen Krankheit, möglich, eine  f a s t  s e h r  g u t e  P r ü f u n g  abzulegen. Zur Zeit der Prüfung in Brixen, welche 2 Tage dauerte, war ich körperlich ganz gesund, bloß daß ich mit dem rechten Ohre gar nichts hörte. Hernach ging ich einige Tage zur Erholung nach Bozen und Meran, und gerade diesem Abstecher in das südliche Klima habe ich es zu verdanken, daß der Ausfluß durch das rechte Ohr sich vollständig legte. Ich kehrte sofort nach Vent zurück, allwo ich am 25. Juni ankam. Die Strapazen der Reise gestatteten es mir durch einige Zeit nicht, außer dem Offiziellen etwas zu thun.

   Dann kamen Reisende 1 - 2, 3 - 6, 12 - 20, 30 - 53, in Summa während des ganzen Sommers 750, darunter das Maximum über eine Nacht - 53. Mein Haus war beständig voll. Würdest Du an meiner Stelle in der Lage sein, Briefe zu schreiben etc.? in der Regel Tag und Nacht keine Ruhe! Hat man hie und da solche, will man schlafen.- Ich versichere Dich, im nächsten Sommer will ich nicht mehr in Vent sein. Meine Köchin, die Lise, ist jetzt immer unpäßlich und will noch einen Sommer in Vent nicht mehr aushalten können. Mein Ohrenleiden und die Schwerhörigkeit wurde so gut, daß ich schon seit längerer Zeit mit dem bösen rechten Ohr die Beichte hören konnte. Das linke Ohr ist infolge der Mandeloperation ganz gut.

    Nun wirst Du mich hoffentlich bis zum Herbste von meiner Schuld absolvieren. Zeitweises Fieber, leider! Abwesenheit, Geschäfte, schlechter Humor wegen schlimmen Wetters u.s.w. entschuldigt für die Herbstzeit.

   Nun lieber, theurer Freund! Solltest Du nach dieser Darlegung dennoch mir einen Theil Deiner freundschaftlichen Gesinnung entzogen haben, wäre ich untröstlich. Bei Gott! Hängt denn die Freundschaft an einem Faden, ein paar Blättern Papier - oder vielmehr an höheren Interessen?

   Vom Sommer habe ich noch etwas anzuführen. Es war mein Plan bei der Hofmannsfeier Dich zu überraschen, ferner wollte ich jedenfalls bei der Generalversammlung in Salzburg Dich begrüßen, keines von beiden war wegen der großen Touristenzahl und des Mangels an einem geistlichen Vertreter möglich.- Ich habe es jetzt sozusagen "handgreiflich" in meinen Händen, daß ich von Vent nicht fortkommen kann, und im Sommer in Vent nichts thun kann, außer: "Gehorsamen Diener" zu machen, Schlafstellen zu vertheilen, den Führern ihre Rollen zu geben u.s.w. Ich bedanke mich für diese Geschäfte!

   Ich habe sie jetzt 11 Jahre gethan; es kann sie nun ein anderer versuchen. - Bin ich denn in Vent bloß ein Sklave anderer? Und wer bin ich jetzt anders? Über diese Verhältnisse wirst Du meinem Unwillen beistimmen müssen! -

   Wenn dann im Herbste, wie jetzt, die Abrechnung zwischen plus und minus geschehen und ich in Folge davon keinen Kreuzer Geld mehr im Beutel habe, sollte aus dem Unwillen nicht eine Erbitterung werden?

   Wenn man ferner für verschiedene Bemühungen in alpiner Beziehung nicht bloß keine Anerkennung findet, sondern sich förmlich auf die Seite geschoben sieht? Was sagst Du dazu? Sollte da die Erbitterung nicht zum förmlichen Zorne heranreifen?

   Ich habe über diese Dinge schon viele schlaflose Nächte zugebracht. Ob es einmal möglich sein wird, meine finanzielle Seite in Ordnung zu bringen? - Mein lieber Freund! Ich weine über dies viele Thränen, aber allein, weil ich ja allein bin. - - - Inzwischen denke ich mir oft: "O was? 'soll mich alles fünferln, dann hat meinetwegen um 6 Uhr (Vent) Feierabend!" Dies ist ein gewöhnlicher Spruch, welcher mit Modifizierung in ganz Tirol geläufig ist.

   Er paßt auch ganz gut für meine Verhältnisse. Du wirst aber statt der Klagen spezielle Beleuchtung der Ursachen wünschen! Nun wohl! Ich hatte in Rücksicht auf meine alpinen Bemühungen und die daraus entstandenen Schulden erwartet, daß die Sektionen des deutschen Alpenvereins wenigstens recht vielfach auf mein Kreuzspitzpanorama subskribieren und daß ich dabei vom Zentralausschuß nachdrücklich unterstützt werde. Wie steht es in der That? Subskriptionen sehr wenige, und von einer Unterstützung habe ich nie etwas vernommen oder empfunden. Ja, ich habe von Seiten des Zentralausschuß seit letzten Winter keine einzige Nachricht erhalten. Den genauen Bericht über die Zeit der Generalversammlung erhielt ich erst 8 Tage vor derselben. Von den Resultaten derselben weiß ich bis heute nichts, mit Ausnahme einiger Notizen in Privatschreiben von Dr. Petersen und Trautwein. Hauptsächlich weiß ich, daß in Salzburg viel mehr politisiert, als über Alpinismus verhandelt wurde. Nun, das dient freilich ganz vorzüglich dazu, einem die Galle in die Glieder zu treiben.

   Aber, was braucht sich der Kurat von Vent um diese Angelegenheiten zu bekümmern, wenn schon die Gründung des Alpenvereins hauptsächlich von ihm ausgegangen ist!?

   Die geringe Betheiligung an der Subskription auf das Kreuzspitzpanorama hatte zur Folge, daß ich in Berlin nur langsam zahlen konnte, daß mir nur 400 Exemplare gedruckt wurden und daß ich für dieselben viel mehr bezahlen mußte, als anfänglich contrahiert war. Ich habe die Beweise sozusagen in meinen Händen, daß ich anstatt Profit zu machen, Schaden leiden muß. - So unterstützt man zweckdienliche Unternehmungen!

In betreff der Einhaltung meiner Wege thun die Bauern fast gar nichts und an der Regierung habe ich keine Hilfe. Die Bauern von Kurzras verweigern die Durchfahrt für unsere Maultiere und die Re­gierung hilft nicht. Sollte man da nicht alles zum Kuckuck wünschen!?

Das Beste zuletzt, aber setze Dich vorher in Bereitschaft, Ausdrücke zu vernehmen, welche Du selten hören wirst: "Das Führerwesen ist organisiert", das klingt schön, aber bei Gott! ln meinen Ohren wie teuflische Musik. Hätte ich 1000 der ärgsten Schimpfwörter im Munde, ich möchte sie alle diesen Schafsköpfen der Büreaukratie ins Gesicht schleudern. Wie? Was ist? Wirst Du fragen! Die dümmsten Teufel sind der Hölle entronnen und sind plötzlich als Statthaltereiräthe, Bezirkshauptmänner und Gemeindevorsteher in Tirol aufgetreten, um das Fremdenführewesen zu organisieren. O mein Lieber Freund! Waren wir doch 2 Esel - das ist der richtige Ausdruck - daß wir uns um die Durchsetzung unserer Führerord­nung bei der Statthalterei so abgemüht ha­ben. Wir beide haben Ursache, jeden dies­falsigen Schritt bitter zu bereuen. -

Ich will mich nun befleißigen, ruhiger zu werden um die ganze Geschichte einfach erzählen zu können. Ich war in dieser Angelegenheit im Gan­zen 5 mal persönlich bei der Statthalterei in lnnsbruck, das letztemal in der Mitte des vergangenen Oktober. Da erhielt ich zur Antwort, es sei jetzt erledigt und an die Be­zirkshauptmannschaften abgegeben. Der Bezirkshauptmann von lmst hat, ohne sonst mit jemandem Rücksprache zu nehmen, ganz einfach an die Gemeindevorsteher ein Zirkular erlassen, worin er sie auffordert, zum Fremdendienste taugliche Personen nam­haft zu machen, worin auch in erster Linie die Unterstellung des Führerwesens unter die Aufsicht der politischen Behörde hervorge­hoben ist u.s. w., hingegen einer Vermittlung der Alpenvereine, der Alpenfreunde, keine Erwähnung geschieht. Die Herren Gemein­devorsteher hefteten eine geschriebene Aufforderung an die schwarze Tafel bei der Kirche an und weiter nichts. Wer sich mel­det, der ist Fremdenführer, zu dem Geschäft ist da jeder gut genug. Letzteren Grundsatz hat der Vorsteher von Sölden mir gegenüber ausdrücklich ausgesprochen. lnfolge der öffentlichen Aufforderung hat der eminente Führer Alois Ennemoser sein bisheriges Füh­rerbuch einfach dem Vorsteher mit der Bemerkung übergeben: Wenn die Sache so ist mit der Regierung, gehe ich als Fremdenfüh­rer gar nicht mehr. - Alle von unseren guten Führern wollen bloß unter dem Alpenverein stehen. ln Sölden haben sich in Folge der Publizierung 12, sage 12 Individuen gemel­det, und zwar alles Lumpen oder unkundige Leute, mit Ausnahme eines Einzigen. - Die Venter und Gurgler Führer haben von der Sa­che gar nichts gehört. Was soll nun aus die­ser Geschichte werden? Die schlechtesten Burschen von Sölden, die nichts wissen, kei­nen Berg, ja nicht einmal einen Weg kennen, werden behördlich autorisierte Fremdenfüh­rer und unsern bisherigen guten Leuten ist es zu schlecht, neben solchem Gesindel zu figurieren und treten ab. - Finis coronat opus - das Ende krönt das Werk.

Es ist schwerlich anzunehmen, daß im Ötzthal allein unsere Bemühungen einen traurigen Ausgang finden. Was haben wir also? Offenbar den Teufelslohn! Was ist nun zu machen? -

Nach meinem Dafürhalten muß der Deutsche Alpenverein das Führerwesen ganz allein in die Hände nehmen. Vorderhand habe ich bereits dem Bezirkshauptmann in lmst und dem Gemeindevorsteher in Sölden energische Gegenvorstellungen gemacht. Ferner werde ich an dem CentralausschuB Bericht erstatten u.s. w. Entweder muß mir die Sache unseres Führerwesens ins Reine kommen oder ich werde mich in keiner Beziehung mehr an dem Alpenverein betheiligen - - - Dixi!

Inzwischen war ich noch der dumme Mensch, die Gründung der Sektion Ötz-Oberinnthal energisch zu betreiben. Der Bezirk Sölden der Sektion Ober-lnnthal zählt bereits 18 Mitglieder. - Die Leute in Sölden freuen mich, sie sind wißbegierig, interessiert und wollen lernen. Bereits ist der Anfang zu einer alpinen Bibliothek gemacht. Wie Du siehst, bin ich ungeachtet meines Mißmuthes dennoch thätig und werde es bleiben, bis ich einmal in einen gar zu sauren Apfel werde gebissen haben. -

Von Bergtouren kann ich heuer wegen des doktorlichen Verbotes nichts besonderes nennen.

Mit meiner Gesundheit habe ich jetzt Ursache zufrieden zu sein. Ich höre sogar mit dem rechten Ohr ganz passabel. Wie geht es Dir? Darf ich hoffen, daß Du mir bald antwortest? Spätestens 14 Tage nach jeder Antwort werde ich Dir in diesem Winter jedesmal schreiben.

Es zeichnet Dein Dich herzlich liebender Freund

Franz Senn.

                                                                         Vent, am 14. Dezember 1871

                                            Lieber Freund!

   Meine bitterböse Stimmung im letzten Brief wirst Du mir hoffentlich nicht übel genommen haben; nicht Personen, sondern Thatsachen haben mich so gestimmt. Deine Unzufriedenheit mit dem Central-Ausschuß theilt auch Freund Trautwein, ich ebenfalls schon lange. Doch es geschieht Euch recht! Warum habt Ihr in Salzburg Wien gewählt? Nach meiner Ansicht hätte ein anderswo sitzender Central-Ausschuß leichter mit dem österr: Alpenverein gehandelt um eine Verständigung herbeizuführen, als die Sektion Wien, die dahin zu streben scheint, daß der Centralausschuß künftighin beständig in Wien bleibt. Dann haben wir wieder den starren Centralismus und der Deutsche Alpenverein wird zu einer Mißgeburt. Gott gebe, daß meine Befürchtung illusorisch sei ...

   Von unseren Fremdenführern sind die beiden besten nicht mehr: Ennemoser will's nicht mehr sein und Huber ist von einem Baum im Walde tödlich getroffen worden. -

   Touristen waren in Vent ca. 750. Fürs Hochjoch reichten in der Regel 6 Maulthiere nicht aus.-

   Deine und Hofmanns Arbeit über die Glocknergruppe hat mir sehr gut gefallen. Ich danke und gratuliere. Im Geheimen, unter 4 Augen, kann ich Dir mittheilen, daß ich um die Pfarre Neustift im Stubai kompetiert habe. Von der Erledigung weiß ich noch nichts, sie muß aber bald kommen. Du wirst begreifen, wie sehr mir dieser Platz passen würde.

   Nicht wahr, wir wollen wieder die alten Freunde sein und bleiben. Schreibe mir bald wieder! Ich werde mit Antworten gewiß nie mehr so lange säumen, wie im letzten Sommer.

   Herzlich grüßend zeichnet Dein alter treuer Freund.

                                                                                               Franz Senn.

 

 

                                                              Nauders (Tirol), am 28. August 1878

                                               Lieber Freund!

   Ich bitte Dich, so freundlich zu sein, die Entäußerung eines schweren Herzeleides und einer dringenden Bitte gütigst entgegenzunehmen!

   Schon vor 1. Juli ds. J. habe ich an den CentralausschuB unseres Alpenvereins in München folgende Anträge zur Vorbringung auf der diesjährigen Generalversammlung des D.u.Oe.A.V in Ischl gestellt.

   1. Daß die Generalversammlung für den im Jahre 1862 zu Vent zur Beherbergung von Touristen aufgeführten Hausbau nachträglich entweder eine ausgiebige Unterstützung c. 700 fl., oder auf 3 - 4 Jahre wenigstens ein unverzinsliches Darlehen von c. 2000 fl. bis spätestens kommenden Lichtmeß verabfolge.

   2. Der Alpenverein, resp. die einzelnen Sektionen desselben, wollen mir zum Verkaufe die, in meinem Verlag noch vorhandenen Exemplare des Kreuzspitz- und Hochjochpanoramas, je c. 70 an der Zahl abnehmen und zwar um den Verlagspreis, ersteres zu 3 fl. letzteres zu 1 fl. 80 kr. ö. W . pr. Exemplar.

   Der 3. Vorschlag war eine Bitte um Unterstützung für die  n o c h  g e g e n -     w ä r t i g  b e i   m i r  i m  H a u s e  l e b e n d e  M u t t e r  des verunglückten Führers Cyprian Granbichler. Als Antwort auf diese 3 Vorschläge erfolgte vom Herren Präsidenten die Mitteilung, daß die Vorschläge 1 und 2 nicht angenommen werden zur Vorlage bei der Generalver­sammlung, weil der Central-Ausschuß fürch­te, damit ein zu gefährliches Prävenire zu spielen, wenn der Alpenverein in Zukunft frü­her im alpinen Interesse gemachte Schulden bezahlen sollte. Vorschlag 3 soll erst nach erfolgter Statuten-Entwerfung über den Füh­rer-Unterstützungsverein erledigt werden. So im Kurzen dieses!

   Inzwischen traf ich Präsidenten S. auf sei­ner Durchreise in Nauders und theilte ihm persönlich mein Anliegen mit, worauf er mir empfahl, dieselbe einem Herrn außer dem Ausschuss, speziell Dir, zur Vorbringung bei der Generalversammlung zu übergeben. Daß Du dies nun thust, ist meine  d r i n g e n d e  Bitte an Dich. Du gehst doch sicherlich nach lschl, ich aber kann, namentlich aus finanzi­ellen Gründen, leider nicht gehen.

   Zur Begründung des ersten Punktes dient die Thatsache, daß ich das Haus in Vent, das Widum, ausschließlich nur im tourischen Interesse gebaut habe, und dazu c. 2000 fl aus eigenen Mitteln verwenden mußte, wofür ich nur vom Alpenverein eine Entschädigung erwarten kann. Und warum denn nicht?

   Wie stände die Bereisung des Venter Ge­bietes und das ganze Ötzthal da ohne dieses Haus? Ohne dasselbe wären unter anderem auch keine Wege gebaut worden, wäre wahrscheinlich das Meiste unterblieben, was ich in touristischer Beziehung und für den Alpenverein bekannter Weise geleis­tet habe. Warum sollte man den Bau eines solchen Hauses nicht unterstützen, wo man doch sonst an der Landstraße und kultivier­ten Orten viel näher gelegene Stationen, z. B. Gepatsch, große Summen Geldes ver­wendet hat, um Touristenhäuser oder Hütten zu errichten?

   Bezüglich des 2. Punktes muss ich zu dem angeführten Mittel greifen, weil ich leider zu wenig Gelegenheit und zu wenig Zeit habe, um die Panoramen einzeln versenden zu können.

   Die Mutter des Cyprian Granbichler habe ich jetzt bald 10 Jahre bei mir und dadurch eine Ausgabe von ca. 700 Gulden.

    Lieber Freund!, ich stehe in so schlechten finanziellen Verhältnissen, daß ich in Konkurs kommen muß, wenn ich nicht Hilfe erhal­te. Ausführliche Begründung werde ich Dir durch Herrn Dr. Alois Egger in Ischl zur rech­ten Zeit zukommen lassen. Willfahre doch, flehe ich, meiner Bitte!

                                         Mit freundlichem Gruß!

                                                                                                      Franz Senn. 

 

 

 

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