1928 Festansprache von Prof. August Gessner

1928 Festansprache von Prof. Gessner anläßlich des Umbaues der Stüdlhütte.

Prof. Dr.-Ing. August Gessner war Johann Stüdls Nachfolger als Obmann der Sektion Prag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, nachdem dieser 80-jährig Prag verlassen hatte, um nach Salzburg zu übersiedeln, wo er 1925 verstarb. Stüdl hatte die Sektion am 19. Mai 1870 gegründet und war mehr als 50 Jahre lang deren Vorsitzender.

Der Text dieser Ansprache wurde der Festschrift "100 Jahre Stüdl-Hütte" entnommen.  

 

       "Wir stehen heute auf alpin-historischem Boden. Im Jahre 1868, vor gerade 6o Jah­ren, ist hier von Johann Stüdl die erste hochalpine Schutzhütte erbaut worden, von jenem Mann, der dem Alpinismus sein Lebenswerk geweiht hat. Stüdl war nicht nur Erschließer der Berge des Glocknergebietes durch deren Erforschung, er hat auch dem breiteren Strom der Bergwanderer die Wege geebnet und als Organisator wirkend vor allem an der Wiege des D. u. ö. A.-V. Pate gestanden. Durch volle 50 Jahre hat er als Obmann die S. Prag des D. u. ö. A.-V. geleitet und es würde viel zu weit führen, wollte ich Ihnen hier ein erschöpfendes Bild seines Lebenswerkes bieten. Seine Hütte aber hat er gehütet wie ein Schatzkästlein und sie stets aus eigenen Mitteln unter großen Opfern erhalten. Bis in sein höchstes Alter ist er alljährlich heraufgepilgert zu seiner Lieblingsschöpfung und ihrer Erhaltung galt noch die Sorge seiner letzten Lebenstage. War es ursprünglich seine Absicht, bei seinem Ableben die Hütte als Ge­schenk in den Besitz des D. A.-V. Prag als des Rechtsnachfolgers der S. Prag übergehen zu lassen, so hat der traurige Ausgang des Krieges auch für ihn Verhältnisse geschaf­fen, die ihm die Durchführung dieses Gedankens unmöglich machten. In seiner letzt­willigen Verfügung aber, in der er gleichzeitig bestimmte, daß die Hütte für immer­währende Zeiten den Namen "Stüdlhütte" behalten soll, hat er dem D. A.-V. Prag ein Vorkaufsrecht gesichert. Es hätte der Klausel über die Beibehaltung des Namens nicht bedurft; denn der Name Stüdl ist dem D. A.-V. Prag geheiligt und wird nimmer vergessen werden. Zur selben Stunde, da wir hier in feierlicher Runde versammelt sind, legt ein Ausschußmitglied unseres Vereines einen Kranz aus grünem Reisig auf den Hügel, unter dem Johann Stüdl im ewigen Schlummer ruht.

       Es war für den D. A.-V. Prag eine Ehrenpflicht, von dem ihm eingeräumten Vor­kaufsrecht Gebrauch zu machen und die Hütte zu erwerben, umsomehr, als wir durch die Stüdlhütte das Kalser Gebiet in der südlichen Glocknergruppe als unser Arbeitsgebiet seit mehr als einem halben Jahrhundert betreut haben. Daß es uns möglich war, durch Ankauf der Stüdlhütte dieser Ehrenpflicht zu genügen, verdanken wir neben dem Entgegenkommen der Stüdlschen Erben vor allem der tatkräftigen Unter­stützung des Hauptausschusses des D. u. 0. A.-V., der uns in kritischen Stunden mit vorbildlich raschem Entschluß beisprang und dem ich auch von dieser Stelle aus nochmals den wärmsten Dank sagen will. Am 21. Juni 1925 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, durch den die Hütte in unseren Besitz kam.

       Schon die erste Bewirtschaftungszeit im Sommer 1925 überzeugte uns von der un­erläßlichen Notwendigkeit eines völligen Umbaues und einer wesentlichen Erwei­terung der Hütte, wenn diese den Anforderungen des ständig steigenden Verkehrs gerecht werden sollte. Im Jahre 1926 wurde der endgültige Plan für die Durchführung des Umbaues gefaßt, mit dem dann schon im Herbst desselben Jahres begonnen wurde. Im Frühsommer 1927 konnte die Hütte bereits mit wesentlich vergrößertem Belagraum dem Verkehr wieder übergeben werden. Im Herbst dieses Jahres wurden die Bauarbeiten im wesentlichen beendet und der laufende Frühsommer brachte die endgültige Fertigstellung des Baues und der Einrichtung. Nun steht die Stüdlhütte da als stolzer Bau, der zu den größten Schutzhütten der Ostalpen zählt, einen fast auf das dreifache vergrößerten Belagraum mit allen wesentlichen Nebenräumen auf­weist und die Spuren der alten Hütte kaum noch erkennen läßt. Unser Werk reiht sich den übrigen Schöpfungen des D. A.-V. Prag, dessen Arbeitsgebiet sich einst auf eine ganze Reihe der schönsten Gruppen in den Ostalpen erstreckte, würdig an die Seite. Mit Stolz dürfen wir auf unsere neuesten Schöpfungen blicken und uns des gelungenen Werkes erfreuen.

       Die Mühen und Sorgen, die Unsumme von Arbeit, die während der zweijährigen Bauperiode geleistet werden mußte, vermögen freilich nur jene zu ermessen, die selbst in solcher Höhe einen Bau durchgeführt haben. Die Beschaffung der notwendigen Geldmittel war dabei wohl eine große, aber nicht die größte Sorge, dank der groß­mütigen Unterstützung durch den Gesamtverein und die Opferwilligkeit unserer Mitglieder, die sich erst in jüngster Zeit durch reichliche Stiftung von Zimmerein­richtungen neuerlich bewährt hat. Nicht immer stand der Bau unter einem günstigen Stern und neben dem Wüten der Elemente hat uns auch menschliche Unzuverlässig­keit manche bittere Stunde bereitet. Wenn trotzdem die vorgesehenen Baufristen im wesentlichen eingehalten worden sind, so danken wir dies unserem wackeren Bau­unternehmer F. Köll aus Matrei, dem ich für die geleistete Arbeit hiemit öffentlich Dank sage. Von den Funktionären unseres Vereines sei neben dem gesamten Aus­schuß besonders unseres früheren Zahlmeisters Prokuristen J. Ginzel und unseres gegenwärtigen Kassiers Disponenten Dr. Repp gedacht. Den Löwenanteil an der Arbeit hat aber unser unermüdlicher Hüttenwart Adalbert Plott geleistet, der es in seiner bekannten Bescheidenheit ausdrücklich vermieden hat, dem heutigen Feste beizu­wohnen. Seiner unermüdlichen, selbstlosen Mühewaltung ist das Gelingen unseres Werkes vor allem zu verdanken. Mit warmer Anerkennung darf ich schließlich der Unterstützung unserer Kalser Führerschaft gedenken, der die Hütte auch zur weite­ren Betreuung anvertraut ist.

       So steht denn die neue Stüdlhütte auf stolzer Höhe, überragt vom Haupt des Großglockners, des Königs der norischen Alpen, der nunmehr den stolzen Namen des höchsten Berges der deutschen Ostalpen trägt, einen Namen, den er sich freilich durch ein unsagbar schmerzliches Opfer erworben hat. Gleich leuchtenden Augen blicken die Fenster in der Front unserer Hütte im Glanze der Abendsonne hinüber nach den Bergen des sonnigen Südlandes, die uns verloren gegangen sind. Der Boden aber, auf dem die Hütte ruht, ist gottlob noch Tiroler Boden geblieben. In den Bergen Osttirols, unter seiner biederen Bevölkerung haben wir, daheim selbst in fremdes Joch gespannt, eine zweite Heimat gefunden, die wir lieben mit der ganzen Glut, deren ein deutsches Bergsteigerherz fähig ist.

       Du traute Stüdlhütte, die du neuerstanden bist unter tausend Mühen und Sorgen, ich weihe deine gastlichen Räume allen Bergfahrern, die in dürstender Sehnsucht nach der Herrlichkeit der Berge zur Höhe wallen. Möge echt deutscher Bergsteigergeist dich durchwallen, wie seit sechs Dezennien so auch in alle Zukunft und dein Ehren­name dir Schutz sein wider alle Entweihung, wie des Allmächtigen Hand dich schirme gegen alle feindlichen Gewalten. Heil sei dir, Heil dem großen deutschen und österr. Alpenverein und Heil unserem über alles geliebten Volk, das zu neuer strahlender Höhe aufsteigen und blühen, wachsen und gedeihen möge, jetzt und immerdar."

 

 

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