1960 Dr. Heinrich Hackel: "Meine Berge, mein Leben".

1960 Textabschriften aus dem Buch "Meine Berge, mein Leben" von Dr. Heinrich Hackel.

Erschienen 1960 im Verlag "Das Bergland-Buch" Salzburg / Stuttgart.

 

 

 

 

  

Seite 220: Heinrich Hackel über seinen Freund Johann Stüdl:

 

   Nicht eine flüchtige Bekanntschaft, sondern dauernde Freundschaft verband mich mit Johann S t ü d l, der seinerzeit als "Nestor des Alpenvereins" das größte Ansehen genoß.

   Er war ja einer der Gründer des Deutschen Alpenvereins (1869), der sich dann fünf Jahre später mit dem älteren Österreichischen Alpenverein (1862) vereinigte. Die von ihm aus eigenen Mitteln erbaute Stüdlhütte am Großglockner war eine der ersten Schutzhütten in den Ostalpen, und die von ihm geführte Sektion Prag wurde eine der wichtigsten und rührigsten im Alpengebiet.

   Er besaß in Prag auf der Kleinseite hinter der Niklaskirche ein sehr gut gehendes Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft, das u. A. den "Prager Schinken" als Spezialität nach allen Teilen der großen österreichisch-ungarischen Monarchie und auch über die Grenzen hinaus versandte.

   Es muß für den schon alten Mann ein furchtbar schwerer Entschluß gewesen sein, daß er kurz nach dem ersten Weltkrieg Prag verließ, weil die Verhältnisse ihm als Deutschen das Verbleiben fast unmöglich machten. Er übersiedelte mit seiner Familie nach Salzburg und kaufte für seinen Sohn die Gastwirtschaft "Zur Birne" an.

   Als echter Alpenvereinler trat er sehr bald unserer Sektion bei und ließ sich auch in unseren Ausschuß kooptieren. Bis in seine letzten Jahre beseelte ihn ein unermüdlicher Tatendrang; wie oft kam er zu mir: "Lieber Freund! Ein armer Arbeitsloser steht vor Dir und bittet um Beschäftigung!" Er ließ sich zu allem anstellen; wenn es gar nichts anderes gab, so malte er Wegetafeln (Eine stand noch vor kurzem auf dem Jennersattel).

   Er war, besonders in seinen jüngeren Jahren ein Maleramateur von ungewöhnlichen Qualitäten; er malte nach alter Manier mit größter Genauigkeit: ein Bild, das die AV-Zeitschrift 1923 brachte, macht ganz den Eindruck einer Photographie; daher brauchte er auch zu seinen Arbeiten viel Zeit.

   Als unser amerikanisches Mitglied, Karl von Stahl, durch reiche Geldspenden die Erbauung des (dann nach ihm benannten) Schutzhauses auf dem Torrenner Joch ermöglicht hatte, wollte er ihm eine Weihnachtsfreude machen und ein Aquarellbild des Hauses schicken; und so ging er noch im Spätherbst (1923) für einige Tage auf das Joch.

   Das Haus war erst im Rohbau fertig und so mußte er mit den Bauarbeitern in einer Baracke hausen, für den alten Mann sicherlich kein geringes Opfer. Wenn die Leute das Frühstück kochten, scheuchte ihn der beizende Rauch vom Lager. Und ganz schlimm stand es um die "sanitären Anlagen"! Man sagte ihm, daß hinter den Latschen eine Latrine sei. Wie im Felde üblich, war über zwei eingerammte Pfosten eine Stange gelegt. Diesem System gegenüber aber war er "der Greis, der sich nicht zu helfen weiß". Er klagte: "Ich bin doch kein Vogerl!"

   Noch später ging er auch auf die Söldenhütte, um die herrliche Aussicht auf die Tauern und den Hochkönig zu malen, stieß aber dabei auf unerwartete Schwierigkeiten. Da er sich verpflichtet fühlte, jede Einzelheit auf das Papier zu bringen, betrachtete er die fernen Gipfel ständig durch das Fernglas. Dadurch fielen sie ihm aber immer zu groß aus und stimmten nicht mehr zu dem schon festgelegten Vorder- und Mittelgrund. Mißmutig lließ er die Hand sinken: das Werk blieb unvollendet; aus seinem Nachlass habe ich es mir, so wie es war, noch auf dem Reißbrett aufgespannt, erbeten.

Zu seinem 80. Geburtstag trafen aus aller Welt unzählige Glückwunschschreiben und Telegramme ein, ein Beweis, welch allgemeine Wertschätzung und Beliebtheit er genoß. So erfreulich das für ihn gewesen sein muß, war es zugleich auch belastend bei dem Gedanken, daß er sie alle beantworten müsse, was er nur schriftlich tun zu können vermeinte. Mit Mühe überredete ich ihn, sich Dankkarten drucken zu lassen, und ich erbot mich, die Adressen zu schreiben. Aber das ging nicht! Jeder hatte ja so lieb geschrieben, daß er wenigstens ein paar Zeilen schreiben mußte! Die Dankkarten blieben liegen, die Türme von Glückwunschschreiben blieben auf seinem Schreibtisch stehen, für ihn wahrscheinlich eine ständige Mahnung! Aber der alte Mann hatte nicht mehr die Spannkraft, da anzupacken.

Sein Begräbnis war eine Trauerfeier für den ganzen Alpenverein, der mit ihm seinen letzen "Gründer" verloren hatte. Überaus zahlreiche Bergsteiger gaben ihm das Geleite auf seinem letzten Wege. Die Grabrede zu halten fiel mir diesmal wohl noch schwerer als sonst.

(Lesen Sie diese Grabrede hier: Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 1925 Band 5, Seite 45 unten: „Zu Johann Stüdl’s Begräbnis“.
http://www.literature.at/viewer.aloobjid=1026197&
viewmode=fullscreen&rotate=&scale=3.33&page=67
)

Unser Alpenvereinspräsident Exz. v. Sydow, der aus Berlin herbeigeeilt war, fragte mich nachher: "Sie haben ihn wohl sehr gern gehabt?" Ja, das habe ich!

 

Seite 223: Vater Stüdls letzte Bergfahrt. Von Maria Hackel.

Hüttenbuch der Söldenhütte, S. 72: 25. Mai bis 4. Juni 1942: "Joh. Stüdl, Privatier, Salzburg, Ausschußmitglied der Sektion Salzburg, behufs Hütteninstandsetzung."

   Kleine Söldenhütte, du sonniges Almparadies am Südhang des Tennengebirges! Dir sollte die Ehre zuteil werden, dem lieben, alten Vater Stüdl das letztemal die Wunder der weiten Bergwelt ins junggebliebene Herz zu zaubern. Acht Tage haben deine trauten Räume ihn, den Ahnherren unserer großen Familie, beherbergt, auf daß ihm noch einmal das große, tiefe Glück des Bergerlebens zu eigen werde.

   Am 24. Mai 1924 war's, als Stüdl allein, nur von einem einheimischen Bauernjungen, der seinen Rucksack trug, begleitet, den eineinhalb Stunden weiten Weg von Pfarrwerfen nach Werfenweng ging und weiter bis zum letzten Bauernhof in der Wengerau, wo er nach einer Vereinbarung, die ich mit dem freundlichen Frommerbauern getroffen hatte, übernachten sollte. Ich war am Abend vorher auf die Söldenhütte gegangen, um den jüngsten Einbruch zu besichtigen und Vorkehrungen zum "Almauftrieb" zu treffen; so nennen wir, dem ortsüblichen Brauch entsprechend, die Rückschaffung des über den Winter ins Tal gebrachten Hütteninventars.

   Der folgende Tag, ein prächtiger Sonntag, verging unter eifrigem Schaffen, und in später Nachmittagsstunde lief ich fröhlich die steile, blütengesprenkelte Almwiese hinab, dann durch den vom Abendlicht erfüllten Wald und flink weiter durch die gleichmäßig geneigte, niedrig bebuschte Wengerau, bis ich aufatmend vor dem Hause des Frommerbauern stand. Wer aber sitzt da behaglich auf der Hausbank, das grüne Hütel mit der Spielhahnfeder auf dem Kopf, sorglich eingehüllt in den wärmenden Lodenkragen? - Vater Stüdl, der pünktlich das erste Ziel der von uns vorsichtig durchdachten Wanderung erreicht hatte. Froh schwenkte er sein Hütel, aber auf meine Frage, ob er Lust hätte, vielleicht heute noch in der abendlichen Kühle die restliche Hälfte des Weges zur Hütte (Normalzeit 1 ¾ Stunden) zurückzulegen, sagte er: nein, er übernachte lieber hier. Gut. Stüdl wußte stets, wieviel er seinem Alter zumuten durfte. Und so bereitete ich rasch auf dem großen Herd in der dunklen Küche, von der gutherzigen Kleinfrommerbäuerin mit Milch, Butter und Eiern versorgt, einen Schmarren und zwei große Schalen Kornkaffee dazu und freute mich herzlich über den Heißhunger meines lieben Schützlings, den ich als günstiges Zeichen seiner guten körperlichen Verfassung betrachtete. In der großen Bauernstube lag ein hochgefüllter Strohsack, mit grobem Bauernleinen sauber bedeckt, und ein rotgewürfeltes Kissen darauf. Es war also nach Vater Stüdls Überzeugung alles aufs beste vorbereitet, und so konnte ich mit der inzwischen schwer beladenen Wirtschafterin Kathel wieder zur Söldenhütte ansteigen. Wir vereinbarten nun, Stüdl solle morgen um 7 Uhr langsam durch die Wengerau bergan steigen, ich zeigte ihm den Weg: dort bei dem Lawinenrest münde der Almweg in den Wald ein, dort würde ich ihn erwarten, um ihm bei dem steilen Waldanstieg wenn nötig behilflich sein zu können. Und nun: "Gute Nacht, auf frohes Wiedersehen!"

   Wir zwei aber wandten uns wieder bergwärts. Unsere Nachtruhe lag noch in weiter Ferne; sie verkörperte sich in dem Pünktchen da droben ab der steilen Berghalde, zu dem wir in der heranschleichenden Dämmerung wunschlos pilgerten. Ich wußte von mancher Bergwanderung her, daß "Wunschlos-sein" das einzige Mittel war, das vorgesteckte Ziel zu erreichen. So war's auch diesmal. Wir hatten beide einen arbeitsreichen Tag hinter uns, große Rucksäcke mit Lebensmitteln auf dem Rücken - ich trug den Stüdls -, eine tropfende, sanfte Düfte ausatmende Petroleumkanne, einen Korb mit Eiern, eine Milchpitsche und eine Glasplatte in den Händen. O Maultier, du bist glücklich zu preisen, dass die gütige Vorsehung dir nicht auch noch Hände gegeben hat! Als schließlich der schlanke Alpenvereinsschlüssel die Hüttentür öffnete, lag tiefe Nacht über der Erde, und ein seltsames unirdisches Rauschen klang durch die schwere Bergstille.

   Morgens: Nebel! - Nebel! Ein feines Sprühen. Trostlos! Wird er es wagen? Soll ich hinunter? - Ja, ich muß. Ich warte bis halb 8 Uhr ... 10 Minuten vor 8 Uhr: jetzt wird er bald zum Lawinenrest kommen ... "Grüß Gott Kathel, ich geh; ich weiß nicht, wann wir kommen!" Den Mantel um und schon eile... nein, schon flieg ich die steile Berghalde hinab, weiter durch den tropfenden Wald und schon steh ich in hoffendem Bangen am Lawinenrest. - Doch nichts ist zu sehen! Er wird wohl bei der Frommerbäuerin geblieben sein! Schon gehe ich weiter abwärts, die Unruhe treibt mich. Jetzt habe ich eine kleine Bodenwelle erreicht, steige noch höher auf ein Felsköpfel und halte Umschau. - Was ist das? Aus dem hintersten Winkel der Wengerau sehe ich ein dunkles Fleckchen sich langsam herbewegen. Sollte das Stüdl sein? Dann ist er ja ganz falsch gegangen! Und ich rufe: "Stü-dl!" Einmal, zweimal; das dunkle Fleckchen stockt; ich winke, es winkt zurück ... ja, er ist's! Und bald stehe ich neben ihm und schaue halb lachend, halb ängstlich in seine brummigen Augen. Ja, wie kam denn das? "Ach, diese elende Markierung!" - mir gibt es einen Stich, verletzte Eitelkeit! Denn wir, mein Mann und ich, hatten sie angelegt. - Dort, wo man sie braucht, ist sie nicht" - zweiter Stich - "und so bin ich schließlich zu dem angegebenen Schneefeld gegangen" - um Gottes Willen, dem falschen - "und lauf nun schon eine Stunde in der Irre umher!" Er ist wirklich verärgert. Ich überlege kurz: Da nützt nur Energie, und ich sage: "Über die Markierung werden wir daheim noch sprechen. Jetzt dürfen Sie sich deswegen keinesfalls aufregen, das schadet Ihnen! Ich stelle nur eine Frage: Wollen Sie lieber zurück zum Frommerbauern, oder gehen wir gemeinsam ganz ruhig, Schritt für Schritt auf die Söldenhütte?" Und Stüdl antwortet kurz und bestimmt: "Ja, ich gehe hinauf!"- Wie bewundere ich diesen kräftigen Willen an dem 85jährigen Herren! Er wußte stets, was er wollte, dann ging's auch; denn er wollte stets nur, was er auch konnte. - Nun war ich ruhig: brauchten wir auch den ganzen Tag, wir kamen hinauf! Und mit seinem guten, sicheren, ins alte Leben verwachsenen Bergsteigerschritt trat er seine letzte Bergwanderung an.

   Wir gingen schweigsam, aber guten Mutes. Alle Viertelstunden fragte ich: "Wollen wir rasten?" Dann setzte er sich auf einen Stein, eine Wegböschung, und wenn ich meinte: "Werden Sie sich nicht verkühlen?" - denn alles war naß vom leise rieselnden Regen - dann sagte er: "Nein, nein, das schadet nichts!" Und ich gab mich zufrieden. Dann sprachen wir von der Schönheit des Nebelwetters, von der köstlichen, herben Luft und achteten nicht der Tropfen, die vom Rande des Hutes fielen. Und so kam Stüdl nach sechsstündigem (!), zielsicherem Aufwärtsstreben in denkbar bester Verfassung bei der Söldenhütte an: stahlharter Wille, weise gelenkt!

   Wir sind oben. Ich werfe eine Zentnerlast von meinem Herzen und atme auf, "Nun, Vater Stüdl, Bergheil! Und frohe, glückliche Tage in der Söldenhütte!"

   Sie segeln dahin: Tage voll leuchtendem Sonnenschein, Tage voll trübem Grau. Im Hüttel aber war es immer helle; da wurde fleißig gearbeitet. Wenn Vater Stüdl der jungen, braven Wirtschafterin zurief: "Kathele, was gibt's jetzt zu tun?", da kam die bittende Antwort: "Herr Stüdl, die Lampe brennt halt nicht - das Fenster wär' einzukitten - das Schloß sperrt nicht!" Und er zerlegt mit gefurchter Stirn die Lampe und putzt und ölt; er kittet das Fenster wie ein geborener Meister; er schreibt bedächtig Hüttentarife doppelt und dreifach; und legt die rechte Hand das vollendete Werk zur Seite, so greift die linke schon herzhaft das neue an. Lacht aber warmer Sonnenschein durch die Scheiben und blauen die Berge ringsum bis weit an den Horizont, dann sitzt er mit seinem karierten Reisekappel auf dem lichtumflossenen Platz vor der Hütte und zeichnet die herrliche Kette der weißen Tauern; er zeichnet stundenlang, unermüdlich. Mag kühle Bergluft wehen oder sengende Mittagshitze brüten, ihm, dem echten Bergsteiger ist das gleich. In einer Hand das Fernglas, malt er sorgfältigst, nicht großzügig-modern, aber wundersam fein, als ein Künstler der guten alten Zeit, und die Gedanken gehen mit und weisen dem Pinsel Wege, die er so oft gemacht. Was er sich aber vorgenommen, das muß er ausführen!

   Einst kam er eifrig und meldete mir als der "Hüttenmutter", daß in dem kleinen bewußten "Nebengebäude" hart am Zaun die Gucköffnung kein Glasfenster habe. Darauf entspinnt sich auf dem freien Platz vor der Hütte folgendes Gespräch:

   Ich: "Ach nein, das ist bei uns auf dem Lande nicht üblich!"

   Er: "Das kann aber doch nicht so bleiben, es zieht ja!"

   Ich: "Ach, das macht doch einem Touristen nichts!"

   Er (ausweichend) "Da muß eine Glasscheibe hinein!"

   Ich (noch ruhig): "Dann kann man's drinnen aber nicht mehr aushalten!"

   Er: Aber einem Touristen macht doch das nichts!"

   Ich (schon etwas erregt): "So wollen Sie's wirklich machen?"

   Er (langsam und ganz ruhig): "Ja, ich mache es."

Nun packt mich die Bosheit; ich verstecke alle brauchbaren Glasscheiben und bringe nur jämmerliche Scherben zum Vorschein. Aber mit heiligem Eifer macht sich Stüdl trotzdem an die Arbeit. Eingezwängt zwischen "Nebengebäude" und Almzaun müht er sich lange, zwei Glasscherben zu stückeln, und ruht nicht eher, als bis es ihm gelungen. Ob die Spalte zwischen beiden Teilen eine Konzession an die Touristen sein sollte, weiß ich nicht, denn ich hütete mich, dieses Thema nochmals zu berühren.

Die Woche neigt sich zu Ende, die Hütte steht schmuck und fertig zur Wiedereröffnung da. Vater Stüdl träumt auf seinem Malersitz. Da ruft er plötzlich: "Kathele, Kathele, das Haus wird erstürmt!" Wir stürzen hinaus. Überall klettert's lärmend und lachend den Steilhang herauf - eine Jungmädelschule! In Stüdl aber regt sich beim Anblick der heraufhetzenden Jugend der alte, erfahrene Alpinist. Schon steht er am Zaune und ruft mit kräftiger Stimme hinab: "Nicht - so - schnell! Nicht - so - schnell! Ein erfahrener Bergsteiger sagt Euch das! Lang - sa - mer!" Aber die Jugend kennt kein "Langsam"; sie stürmt weiter in überschäumender Maienlust, lachend umringt sie den alten, sonnengebräunten Mann mit den frohen Kinderaugen und läßt seine liebevollen Vorwürfe ob ihres Ungestüms nun doch etwas erschöpft, mit verlegenem Lächeln über sich ergehen.

   Jetzt gibt's für uns keine Hüttenarbeit mehr; alle Hände haben zu tun, um die jungen Mäuler zu füttern. Dann aber setzt das Geplauder ein, wie ein zwitscherndes Vogelkonzert am frühesten Frühlingsmorgen. Und Stüdl, jung mit den Jungen, spielt und plaudert munter mit. Abends wollen die Mädchen unserem alten Herren, den sie schon tief ins Herz geschlossen haben, ein Ständchen bringen. Die Kerze leuchtet in seinem Schlafkämmerchen auf; die Jüngste, die auf Vorposten gestellt ist, lugt durch die kleinen roten Vorhänge und berichtet getreulich, was sie sieht: jetzt zieht er die Schuhe aus, jetzt den Rock, jetzt die Socken; auf einmal prustet sie in sich hinein, läuft davon und flüstert: "Jetzt schaut er unters Bett!" Auf das hin stiebt die ganze Schar, wie eine aufgescheuchte Schafherde die Köpfe zusammensteckend, davon und schüttelt sich endlos vor Lachen. Doch halt! Er hat das Licht ausgelöscht! Ernst sein! Und andächtig und zart erklingt das Wiegenlied von Brahms durch die dämmernde Nacht. Mir aber greifen die Worte tief ins Herz.

   Noch ein Tag der Ruhe und des Friedens, dann naht der Abschied. - Ein Sommerabend voll schmerzlich wundersamer Milde! Vater Stüdls Blick hängt verloren an dem Größten dort in der Kette der Hohen Tauern: es ist ja "sein" Berg, der Großglockner, und er selbst hieß ja "der Glocknerherr"! Schweigen um uns. Ich störe sie nicht, die heilige Stunde; denn ich weiß, daß seine Seele jetzt den hohen, fernen Berg umkost und sucht und sucht, bis sie, allen Weltrichtungen zum Trotz, mit innengewandtem Sinn ein einsames Hüttchen erspäht - seine Hütte! ... Da greife ich sanft nach der gütigen Hand neben mir und streichle sie; ist mir's doch, als müßte ich einen kleinen Schmerz und eine heiße Sehnsucht im Keime ersticken!


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Zum vorletzten Absatz dieser Erzählung von Marie Hackel gab es eine nette Episode: Stüdls Enkelin Traute Lindinger, geb. Stüdl veranstaltete im Jahr 1982 anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel für ihren Großvater an seinem Sterbehaus in Salzburg, Judengasse 1, in Zussammenarbeit mit der Sektion Salzburg eine Ausstellung über Johann Stüdl in den Räumen der Sektion.

Ausschnitte aus "Vater Stüdls letzte Bergfahrt" wurden bei dieser Gelegenheit vorgetragen. Gerne erzählte Traute Lindiger die folgende nette Geschichte:

"Eine Dame (ihr Name war Frau Fannenböck) erkundigte sich bei mir interessiert über verschiedene Einzelheiten, daher fragte ich sie, ob sie Großpapa noch gekannt hat; da lächelte sie und sagte: 'Ich war eines der Mädchen aus der Staats-Gewerbeschule, die mit Frau Prof. Baumgartner den Schulausflug auf die Söldenhütte gemacht haben. Wir haben <Guten Abend, gute Nacht ... >, das Wiegenlied von Brahms gesungen, nachdem er das Licht ausgelöscht hatte.'

Sie bat mich dann noch, auf ihren Korb aufzupassen, sie käme gleich wieder ...
Sie kam und brachte mir 5 wunderbare rotgelbe, langstielige Rosen und sagte: 'Weil Sie sich so viel Mühe gemacht haben.' Die Rosen waren aber sicher für Großpapa."

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