1969 Franz Senn und Vent von Helene Gropp

Franz Senn (1831 - 1884)

Der vorliegende Beitrag wurde dem Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins von 1969 entnommen. Der besseren Lesbarkeit halber, wurde er gescannt, als Word-Datei konvertiert, und ist daher hier als Text-Element wiedergegeben. Absichtlich wurde jedoch die Schreibweise der damaligen Zeit beibehalten.(z.B. "ß" statt "ss" und Ähnliches.) Gliederung und Seiten-Nummern wurden dem Originaltext entsprechend übernommen.

Diese Biografie wurde anlässlich des 100-jährigen Bestehens des deutschen Alpenvereines, dessen Mitbegründer Franz Senn war, veröffentlicht. Die ersten drei Absätze tragen diesem Umstand Rechnung, und weisen vor allem darauf hin, dass das Wirken von Franz Senn für den Alpenverein in den ersten 100 Jahren beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Für die Homepage von Johann Stüdl sind aber diese Aspekte von untergeordneter Bedeutung, weshalb wir den Anfang dieses Beitrages weggelassen haben.  

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     Franz Senns Lebensbild muß man hineinstellen in die Umgebung, in der seine Gedan­ken sich gestalteten, in die Natur, die ihn und sein Werk prägte. So muß ich, ehe ich Senns Lebenslauf zu schildern versuche, den Leser zunächst nach Vent führen, in jenes weitabgeschiedene Tiroler Dorf, das zu den höchstgelegenen Siedlungen der Alpen gehört.

     Ich selbst geriet nach Vent auf der Suche nach möglichst einsamen, hochgelegenen Tal­schlüssen; nun ist Vent nichts weniger als ein Talschluß, sondern vielmehr ein Knoten­punkt oder eine Drehscheibe, wie sich zeigen wird, aber der stille und weltferne kleine Ort übt einen Zauber aus, der den, der ihm verfallen ist, nicht mehr losläßt.

     Fährt man die fünf Stufen des Otztals, des längsten Quertals der Ostalpen, mit seinem Wechsel von enger, düsterer Schlucht und freundlichem, weitem Becken hinauf bis Zwiesel-

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stein, so lädt eine vorzügliche Autostraße ein, geradewegs bis Obergurgl weiterzubrausen. Das tun auch die meisten.

       Wer aber in Zwieselstein aufpaßt, der entdeckt eine schmale, unscheinbare Bergstraße, durch ein großes Verbotsschild eher abschreckend als verlockend; die Straße ist einspurig und darf nur alle zwei Stunden zu bestimmten Zeiten befahren werden.

       Wen dies Wagnis reizt, dem erschließt sich das Venter Tal; es reicht am tiefsten in die Hochgebirgswelt hinein und ist von den höchsten Gipfeln der Otztaler umgeben.

       14 Kilometer sind es von Zwieselstein nach Vent; auf schmaler, steiler, kurvenreicher Straße durchfährt man ein so enges und tiefeingeschnittenes Tal, daß man nicht glauben möchte, "daß dahinter noch etwas sein kann". Kurz vor Vent aber bietet sich ein Anblick, der immer wieder neu und atemberaubend ist, so oft man ihn auch genoß: Plötzlich weitet sich das Tal zu einer weiten, sanftgewellten Fläche, links begrenzt durch einen mit Zirben und Lärchen bewaldeten Hang, in der Mitte, das Ganze beherrschend, die mächtige Tal­leitspitze, und rechts der großflächig ansteigende Fuß der Wildspitze, die das Tal um 1900 m überragt. Und mitten darin, winzig zwischen den mächtigen Hängen, das Dorf, genau 1893 m hoch. Gleich am Anfang das Kirchlein, und dahinter, auseinandergezogen, die 32 Häuser am Ufer der tief unten tobenden Ache.

       Bewegend ist der Eindruck von Weltabgeschiedenheit, Frieden und Ruhe, den diese kleine Häusergruppe vermittelt; man fühlt sich weit, weit wegversetzt aus der eigenen Welt und ihrem Alltagsleben.

       Charakteristisch ist die geologische Gestalt: In etwa 2500 m Höhe ist die seitliche Moränenleiste des eiszeitlichen Gletscherhochstandes deutlich zu erkennen, keine steilen Schroffen bestimmen das Bild, sondern weite, sanfte, großflächige Hänge, die der Land­schaft ihre Ruhe und majestätische Schönheit verleihen. Das ist das sogenannte Sanftrelief, das am Hochjoch sogar über den Alpenhauptkamm hinübergreift. Die breit ausladenden Landschaftsformen sind auch dem Gestein zu verdanken: Im Innerötztal herrscht der leicht verwitterbare Schiefer, der Einzelheiten zurücktreten läßt, so daß das Auge über endlose, gletschergekrönte Weiten blickt. Das weiche Schiefergestein mit seiner Neigung zu reichem Pflanzenwuchs erlaubte auch die Ansiedlung in dieser Hochlage.

       Um einen Begriff von der Verlorenheit des Dorfes innerhalb seiner Bergwelt zu geben, sei erwähnt, daß Vent zur Zeit auf einer Fläche von 70 Quadratkilometern gerade 120 Ein­ wohner hat, eine Zahl, die sich ziemlich konstant hält; jedes Jahr, wenn ich komme, pflegt es ein frisches Grab und ein neues Baby zu geben ...

       Nun ist aber Vent kein Talschluß, sondern eigentlich ein von Süden her übergreifender Teil Südtirols. Schaut man zurück, nach dort, woher man kam, so scheint das Tal verschlos­sen und verstellt, die Gipfel der Stubaier liegen quer wie ein Riegel im Hintergrund, eine Verbindung scheint nicht zu bestehen. Nach Südtirol hin ist Vent orientiert; links, östlich, führt das Niedertal weiter zum Niederjoch, und rechts, westlich, geht das Rofental über die Rofenhöfe, über die noch zu sprechen sein wird, zum Hochjoch in den Vintsch­gau und weiter nach Meran.

       Das Gefühl, in Vent vom Norden "abgeschnitten" zu sein, trügt nicht: Vent wurde nicht vom Otztal, sondern von Süden her besiedelt, und das macht seine Geschichte so interessant. Eine Urkunde von 1342 nennt es:"Vent in Vallis Snals", Vent im Schnalser Tal.

       Im Vintschgau lebte in der jüngeren Stein- und in der Bronzezeit, also in den letzten beiden Jahrtausenden v. Chr., ein illyrischer Stamm, die Venosten; aus "Vallis Venusta" wurde Vintschgau. Nachdem die Römer 15 v. Chr. das Gebiet erobert und der Provinz Rätien einverleibt hatten, entstanden aus der Romanisierung die Rätoromanen. Im 6. Jahrhundert n. Chr. eroberten bairische und alemannische Herzöge das Land, das seit

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dem 8. Jahrhundert zum fränkischen, seit dem 10. Jahrhundert zum deutschen Reich ge­hörte. Seit etwa 1200 regierten die Hohenstaufen das Gebiet; die Grafen von Tirol hatten aber ein eigenes Amt in Kastellbell im Untervintschgau, das bis 1827 der Gerichtsort für die Venter war, während das Ötztal zu Silz gehörte. Vent wird zuerst Ende des 8. Jahr­hunderts urkundlich erwähnt: "Vende ze Chur", es gehörte also damals zur Diözese Chur. Vor dem 8. Jahrhundert müssen demnach Hirten aus dem Vintschgau auf ihren Weidezügen über das Nieder- und das Hochjoch in das Venter Tal vorgedrungen sein. An der Talleitspitze werden sie sich orientiert haben; ihr Name besagt nicht, daß sie "durch das Teil leitet", sondern erklärt sich aus "do leit's", da liegt es! Hier also, am Fuß der Talleitspitze, siedelten sich die Venter an.

       Für den Namen "Vent" gibt es mehrere Erklärungen: venetisch-illyrisch "Venet", vom Venetberg; romanisch "ad vannas", in der Wanne; altdeutsch "Venn", Moor. Mir klingt das alles ein wenig weit hergeholt, und ich möchte der mündlichen Oberlieferung den Vorzug geben, die Vent von "Fund" ableitet, gefunden! Das würde auch gut zu "do leit's" passen.

       Allerdings sind viele Namen in diesem Gebiet romanischen Ursprungs. Einer der älte­sten Familiennamen in Vent, Gstrein, wird schon 1285 erwähnt; Gstrein kommt von "Castratus", der Hammel. Auch die Bergnamen Marzell, Vernagt, Similaun, Finail, Ramol, Schalf und Mutmal sind romanischen Ursprungs, während Samoar - am Sam­ germanisch ist, wie auch die Hof- und Flurnamen deutsch sind.

       1241 vermachte Graf Ulrich von Ulten, als er sich zur Heerfahrt gegen die Mongolen anschickte, seinen Eigenbesitz dem Hochstift in Brixen, darunter auch "Vende". 1280 wird Heinrich von Vende als Höriger der Herren von Montalban (Schnals) erwähnt. Damals bestand Vent aus vier Schwaighöfen- das sind Berghöfe, die von den Grundherren den Bauern zu Erbrecht und dauernder Bewirtschaftung gegen eine jährliche Abgabe von 200-300 Käsen überlassen wurden. Aus diesen vier Höfen bestand Vent noch zu Anfang dieses Jahrhunderts. Es waren, neben Kirche und Widum, der Ober-, Wein-, Wiesen- und Kellerhof, die heute noch, wenn auch unter anderen Namen, bestehen. Diese Höfe dienten also ursprünglich den Grafen von Tirol; nach 1300 ging Vent, das seit 1241 dem Hochstift in Brixen gehörte, als Schenkung an die Klöster von Schnals und Steinach bei Meran, geriet dann aber wieder unter die Grundherrschaft von Adligen aus dem Vintschgau. 1457 wird die "Nachbarschaft der vier Höfe von Vent" genannt. Vent gehörte zur Urpfarre Tschars im Vintschgau und damit, wie aus der ältesten Erwähnung "Vende ze Chur" schon her­ vorgeht, ein Jahrtausend lang, bis zu Josephs II. Neuordnung, zum schweizerischen Bistum Chur. In den Wirren der napoleonischen Zeit fiel es nacheinander an die Bistümer Augs­burgs, Trient und Brixen; seit 1919 gehört es zur Diözese Innsbruck".

       Seit dem Frieden von St. Germain, also seit der Abtrennung Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg, verläuft die Staatsgrenze über Nieder- und Hochjoch; aber noch jeden Sommer treiben Südtiroler Hirten Tausende von Schafen über die Gletscherpfade ins Nieder- und ins Rofental; die riesigen Herden, die heute noch so, wie wohl schon in der Bronzezeit, alljährlich den beschwerlichen Weg über die Joche machen und deren Hirten nicht viel anders als schon vor Jahrhunderten mit ihren Hunden in primitiven Schäferhütten hausen, sind das letzte Anzeichen der alten Zugehörigkeit von Vent nach Südtirol.

       Das Rofental ist durch zwei ganz eigenartige Dinge bedeutend: durch den Vernagt­gletscher und durch die Rofenhöfe. Durch den Vernagtferner drohte jahrhundertelang, vor dem starken Gletscherrückgang der letzten Zeit, dem ganzen Ötztal Gefahr. Er riegelte bei besonders starken Vorstößen das Rofental ab, so daß sich die Ache zu einem See aufstaute, der, als er in den Jahren 1599, 1677, 1770 und 1845 durchbrach, verheerende Überschwem-

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mungen anrichtete. Bis ins Inntal hinein verwüstete er das Land. Auf einem Bericht der Innsbrucker Regierung aus dem Jahre 1601 an Rudolf II. über den Vernagtgletscher beruht der Druckvermerk in den "Tyrolischen Landtafeln" von Burglechner 1611. Bei J. Walcher, "Nachrichten von den Eisbergen in Tyrol" 1773, findet sich die älteste Ansicht eines Tiroler Gletschers, es ist der Vernagtferner.

       Die Versuche, der Gefahr, die von ihm ausging, zu begegnen, legten den Grund zur alpinen Gletscherforschung.

       In dieser unheimlichen Nachbarschaft liegt der Rofenhof, auf einer Höhe von 2010 m der höchstgelegene Berghof der Ostalpen. Der Name Rofen kommt vom romanischen "rovina", der Bergsturz. Stolzer noch als die Geschichte Vents ist die des Rofenhofes. Schon 1280 wird er genannt, und Ludwig, der zweite Gemahl der Margareta Maultasch, verlieh den Rofenern Steuerfreiheit; Friedrich mit der leeren Tasche, der sich auf der Flucht vom Konzil von Konstanz 1415 eine Zeitlang in Rofen verborgen gehalten haben soll, bestätigte sie erneut. Rofen war laut Privileg des Kaisers Maximilian von 1496, ge­stützt auf eine Urkunde Ludwigs, des Grafen von Tirol, Herzogs von Bayern und Mark­grafen von Brandenburg (um 1348) unmittelbar dem Burggrafen auf Schloß Tirol unter­ stellt, also nicht wie Vent von Kastellbell abhängig. Diese Privilegien wurden 1647 und 1713 erneuert, und als einziger Berghof Tirols hatte Rofen bis 1810 das Recht des Burg­friedens. Die Rofner hatten sogar das Jagdrecht, das sonst nur Landesherren hatten, muß­ten aber dafür "die Jäger und Hunde des Hauptmanns aufnehmen und warten". Das Recht der Steuerfreiheit verloren sie erst 1849, als Vent zur Gemeinde Sölden kam. - 1637 wird die Familie Gstrein als Besitzer genannt, seit 1810 gehört der 1740 geteilte Hof der Familie Klotz. Den Rofenern merkt der, der sie genau kennt, übrigens noch heute an, daß sie sich dieser außerordentlichen Tradition wohl bewußt sind und das in ihrer Haltung den Ventern und den "Gäschten" gegenüber auch zu zeigen verstehen.

       Rofen liegt, etwa eine halbe Stunde von Vent, lawinensicher an der Westseite des Tals. Vom Leben dieser Bergbauern, das sich vom 13. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner harten und einsamen Form gleich blieb, muß erzählt werden.

       Von Oktober bis Mai waren die Rofener eingeschlossen. Der erste Ski, und damit die Möglichkeit, den Hof im Winter zu verlassen, gelangte 1906 nach Vent! Im Herbst mußte alles, was man brauchte, aus dem Schnalser Tal übers Hochjoch nach Vent gebracht wer­den- ohne Last schon bis Kurzras, dem nächsten Hof hinter dem Hochjoch, ein Weg von fünf bis sechs Stunden! So lebte die Familie fünf Monate in völliger Abgeschlossenheit; kam die Mutter nieder, so half die Magd; Kranke versuchte man, so weit man konnte, mit Kräutern zu heilen. Ging das Leben zu Ende, so wurde die Leiche auf dem kalten Speicher aufgebahrt und eingefroren, bis man im Mai den beschwerlichen Weg mit dem Sarg nach Kastellbell unternehmen konnte, wo das Begräbnis stattfand. Der alte Herr Klotz erzählte mir, daß seine Mutter als Kind noch mit dem Tranlämpchen auf den Speicher geschickt wurde, um irgendetwas zu holen. Um bequemer hantieren zu können, hängte sie dann den Ring des Lämpchens über den gekrümmten, steif gefrorenen Finger eines dort Auf­gebahrten, dem die Hände zu falten man versäumt hatte ...

       Von Allerheiligen bis Mariä Lichtmeß steigt die Wintersonne nicht über den Gipfel der Talleitspitze, so daß Rofen im Schatten liegt. Befragt nach dem fünf Monate langen Win­tergefängnis, das beim modernen Menschen wahrscheinlich schwerste Nervenkrisen aus­ lösen würde, meinte der alte Herr Klotz ganz ruhig, man sei eher froh gewesen, daß man seine Ruhe gehabt habe, entbehrt habe man jedenfalls nichts. Jeder sei seiner Arbeit nach­ gegangen, und Unfrieden?- Nein, an den erinnere er sich nicht, alle seien zufrieden ge­wesen. Angst vor Krankheit? "Daran dachte man nicht, ohne Arzt geht's eh besser!" Und

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Vitamine? "Des Morgens gab's an Brei, mittags Speck und Kartoffeln und abends selbst- gebackenes Brot, Milch und Kas."

       Heute wohnt man in Rofen in einem modernen Gasthof; aber die jahrhundertealte Ruhe und Selbstgenügsamkeit, die Härte und die Ergebenheit ins Unabänderliche der alten Bewohner spürt man noch in diesem winzigen Anwesen inmitten der unendlichen Weite und Einsamkeit des Hochgebirges.

       Wie hart das Leben in dieser Höhe ist, bezeichnen einige meteorologische Daten. Vent ist mit seiner Lage in 1900 m, mit einer Jahresdurchschnitts-temperatur von plus 1 Grad, auf Normalnull (Höhe über dem Meeresspiegel) bezogen, einem Ort am Polarkreis vergleichbar. In der Landesbeschrei­bung von Tirol von Staffler, 1830, heißt es "die sibirische Gemeinde". Immerhin hat noch der Juli eine Wahrscheinlichkeit von 5 %, daß es frieren kann; im Juli und im August kann es durchaus kräftig schneien. Der sonnigste und wolkenloseste Monat ist der November. Schnee liegt durchschnittlich 208 Tage.

       Bekanntlich ist das Höhenklima wesentlich ausgeglichener als das der Täler und des Alpenvorlandes. Vents Niederschlagsmenge ist relativ außerordentlich gering; die Nord­seeküste ist im Jahresmittel doppelt so oft bewölkt wie Vent, das jährlich höchstens 14 Nebeltage und zwei bis drei Gewitter hat. Das ist ein Heilklima, wie es dem von Davos vergleichbar ist. Damit und mit dem außerordentlich reinen, an der Westseite der Ache stark eisenhaltigen Wasser hängt es wohl zusammen, daß die Venter oft ein besonders hohes Alter erreichen. Ich weiß von vielen, die über 90 Jahre alt wurden, und das prak­tisch, ohne ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Niemand hat dieses Höhenklima treffender geschildert als Thomas Mann, der im "Zauberberg" den armen Joachim zu Hans Castorp sagen läßt, als im August ein Wetter­sturz Schnee bringt: "Aber die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so voneinan­der verschieden sind, weißt Du, sie vermischen sich sozusagen, und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock aus­zieht beim Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst Du ja schon, wie es im Som­mer hier ist. Kurz, es gibt Wintertage und Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben."

       Nun, das Wetter richtet sich in Vent wirklich nicht nach dem Kalender; aber die Berg­steiger und die Skiläufer kennen schon ihre Jahreszeiten. Der Skiläufer wählt, der län­geren Tage und der wärmeren Sonne wegen, den März; aber schöner noch scheint mir der Januar, wenn der unberührte Neuschnee und die frostklare Luft Bilder von überirdischem Glanz aus Zartblau und Rosa zauben und tiefe Stille über dem Tal ruht. Allerdings schlucken die Berge viel vom Horizont: Zur Zeit der Wintersonnenwende steht die Sonne so tief, daß sie nicht über die Berge steigen kann, da geht sie in Vent um 10.30 auf und um 13.15 unter.

       Aber auch die kurze Vegetationsperiode bringt immer neue Schönheiten. Da alle Höhen­grenzen im Ötztal höher liegen als sonst in den Ostalpen, ist die Flora durchaus nicht so karg, wie man annehmen könnte. Die Pflanzendecke ist geprägt durch die relative Armut an Niederschlägen und durch den Kalkmangel des Schiefergesteins. Der Ramolwald steigt bis etwa 2200 m hinauf; am Osthang der Talleitspitze wachsen Legföhren, hinter Rofen gibt es noch Zirben in 2400 m Höhe. Die höchstgelegenen Nadelhölzer finden sich hinter der Vernagthütte, am Hintergrasl, in 3010 m Höhe, es sind Joch-Kranewitten. Hier steigt auch die Alpenrose, die im Frühsommer Vents Hänge ringsum rot leuchten läßt, auf 2880 m!

       Im Sommer blühen und duften die Mähwiesen in Vent; das Tiroler Grauvieh mit dem silbrigen Fell und den weitgeschwungenen Hörnern weidet oberhalb. Herrlich ist ein Gang

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in der Sommersonne über die Wiesen, wenn bei jedem Schritt Schwärme kleiner, blauer Schmetterlinge emportaumeln und der kühle Wind sich mit dem heißen Blütenduft mischt.

       An der Ache gedeihen sogar noch Blatthölzer; es sind Weißbirken, Grünerlen und Strauchweiden; der herrschende Baum ist aber die kerzengerade Zirbe, der zu Füßen, mit Heide und Heidelbeeren durchsetzt, sich die Alpenrose ausbreitet.

       Über all dem Schönen und Bemerkenswerten, das man in Vent erfahren und erleben kann, ist aber wohl die reine, leichte Luft zu preisen, die die Lungen so weitet, daß man tief einatmen muß; dieser dünne, kühle Hauch, durch den die Sonnenstrahlen wie mit ­ tausend feinen Nadeln die Haut treffen, die Höhe, die den Ankömmling leicht trunken macht und ihm eine eigentümlich entspannte, der Erdenschwere entrückte Stimmung verleiht.

       Hier nun nahm Franz Senn im Oktober 1860 seine Tätigkeit als Kurat auf. 

       Er war am 19. März 1831 in Längenfeld als Bauernjunge geboren, hatte mit 20 Jahren in lnnsbruck bei den Jesuiten das Gymnasium absolviert und war, nach ein paar Semestern Philosophiestudium in München und Innsbruck und dem Theologiestudium in Brixen 1856 zum Priester geweiht worden. Nach Kooperatorstellen in Zams, Serfaus und Landeck meldete er sich nach Vent. Anlaß dazu war der gewaltige Eindruck, den er als Schuljunge auf einer Wanderung zum Vernagtferner bekommen hatte. Dieses Erlebnis hatte seine Liebe zum Hochgebirge geweckt, denn, die Ötztaler Bergwelt, die größte Massenerhebung der Ostalpen, weist mit 350 qkm auch den ausgedehntesten Gletscherbereich auf. Vent ist von einem Kranz von Dreitausendern umgeben, die vom Dorf aus in fünf bis acht Stun­den zu ersteigen sind. Eine Aufzählung der Gipfel erübrigt sich; sie stehen in jedem Reise­führer. Heute sind das Hochtouren, die, dank Vents "Hüttenkarussell", auch von älteren Semestern mit einiger Ausdauer und Erfahrung unter guter Führung gemacht werden können.

       Als Franz Senn aber nach Vent kam, war das Gebiet noch keineswegs systematisch erforscht - und eben das nahm er sich vor. Mancher Gipfel war noch namenlos, viele Gletscher waren noch nicht begangen oder galten als ungangbar. Specht hatte zwar schon als erster die Wildspitze bestiegen, und nach ihm Tuckett; der dritte auf dem Gipfel war bereits Franz Senn. Im Ganzen war das Gebiet unberührtes Neuland; Karten gab es nicht. So nahm Senn sich vor, neben seinen Pflichten als Kurat, Seelsorger und Lehrer, die Berg­welt zu erforschen. Mit den wenigen eingesessenen Bergführern machte er sich an jedem freien Tag auf, Strecke um Strecke abzuwandern, Gipfel um Gipfel zu bezwingen; er wurde zum, besessenen Bergsteiger. Als erster war er auf der Finailspitze, auf dem Flucht­kogel und auf der Hochvernagtspitze.

       Zu allererst aber mußte der Kurat in Vent sein Haus bestellen. Was fand er vor? Ein 1502 erbautes, 1712 vergrößertes Kirchlein - 1728 wurde Vent zur Kuratie erhoben - war 1802 durch eine Lawine zerstört worden; wie weit der Neubau 1860 vorgeschritten. war, weiß ich nicht; jedenfalls zeugt es von der Tatkraft Senns, daß am 7. August 1862 der Neubau, gleichzeitig mit der Herrichtung des alten Widums, des Pfarrhauses, geweiht werden konnte. Daß Senn die beim Kircbbau beschäftigten Handwerker gleich das Widum umbauen ließ, legt den Grund für Größe und Tragik seines Lebens. Als er nach Vent kam, hatte er sofort erkannt, daß dem Dorf wirtschaftlich geholfen werden könne, wenn man Fremde anzöge, und seine begeisterte Liebe zu den Bergen entfachte in ihm den brennen­ den Wunsch, möglichst vielen Menschen ihre Schönheit zu erschließen. Das, was er erreichen wollte, reifte also nicht in langen Jahren, sondern war ihm schlagartig klar. Und bezeich­nend für seinen impulsiven Charakter ist es, daß er sofort daran ging, das alte Widum, ein 1723 erbautes, eingescbossiges Häuschen, bis auf die Mauern des Erdgeschosses abzu-

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reißen, durch Anbauten die Grundfläche zu verdoppeln und den Bau aufzustocken. So hatte er zwar in kürzester Zeit für die damaligen Verhältnisse einen Prachtbau errichtet, in dem er "18 Fremdenbetten aufstellen konnte"; aber er hatte damit auch, indem er ein Gutteil seines Privatvermögens in den Bau steckte, den Grund zu seinen lebenslangen Geldnöten gelegt; das Ganze war, wie man heute sagen würde, stets ein Zuschußunter­nehmen.

       Dieses Haus ist das jetzige Hotel Kleon, das der Großvater der derzeitigen Besitzerin, der aus Riffian bei Meran zugezogen war und eine Gstreintochter geheiratet hatte, im Jahre 1908 von der Kirche kaufte, die ein kleineres Pfarrhaus davor baute, das 1951 von einer Lawine zerstört und 1953, etwas näher an die Kirche herangerückt, wieder aufge­baut wurde. Das Sennhaus müssen wir näher betrachten. An der Hauswand sitzt die alte, 1885 gestiftete Gedenktafel für Franz Senn. Die Fassade ist modernisiert. öffnet man aber die Haustür, so empfängt einen dort die alte Zeit. Den Hausgang überwölbt ein breites Tonnengewölbe mit Stichkappen, rechts geht es in die alte Gaststube, die, bis auf Kleinigkeiten, seit Senns Zeit unverändert zu sein scheint. Da steht der alte Ofen - wenn ihn auch heute die Zentralheizung ersetzt - mit der Bank daran, da ist noch der Herr­gottswinkel, wo Senn ihn angebracht haben mag. Wohl ist einem in der kleinen Stube, die damals noch schlichter war, und in der der Herr Kurat seine Gäste bewirtete. Glänzender Unterhalter, der er war, führte er hier beim Tiroler Roten seine abendelangen Gespräche mit ihnen. Der Speisesaal und die Küche sind spätere Anbauten, auch das Obergeschoß und der nördliche Teil des Baus sind jüngeren Datums.

       Links von der Haustür liegt seit zwei Jahren die moderne Bar. Ich habe den Raum aber noch in seiner alten Gestalt gekannt: Ringsum zirbengetäfelt, mit dem mächtigen Ofen und dem großen Tisch unterm Kreuz, an dem noch zu Anfang unseres Jahrhunderts Schule gehalten wurde; denn dies war Senns Schulstube. Einen Lehrer gab es noch nicht; der Kurat hielt im Winter den Unterricht, während der Raum im Sommer als Führerstube benutzt wurde. Ähnliche Zimmer findet man in Innsbruck im Tiroler Volkskunstmuseum, und es ist immer wieder ein Jammer festzustellen, wie die alte Substanz der Tiroler Heimatkunst durch das Bemühen, "modern" zu sein, zerstört wird.

       Senns Schlaf- und Arbeitszimmer, in einem Raum vereinigt, wie das in alten öster­reichischen Pfarrhäusern noch heute üblich ist, lag über dem Gastzimmer. Erinnerungen sind nicht mehr vorhanden. Merkwürdig weggewischt ist das Andenken an ihn - dies auffallende Ausgelöschtsein hängt wohl auch mit seinem unglücklichen Schicksal, überall in Geldnot zu sein und Schulden zu hinterlassen, zusammen.

       Nachdem Senn nun sein neues Widum erstellt hatte, widmete er sich der nächstliegenden Aufgabe: dem Straßenbau. Auch da hatte sein Weitblick sofort erkannt, daß Vent wirt­schaftlich lebensfähig und für Fremde erschließbar nur mit einer guten Straße sein konnte - es ist das Problem, das heute noch ebenso brennend wie damals ist.

       Er fand den seit dem Mittelalter unveränderten "gemein Hufschlag durchs Etztal" vor, einen armseligen Ziegenpfad, verfallen und verkommen, der, im Gegensatz zur heutigen Wegführung, am Ostufer der Ache von Zwieselstein übers Hochjoch nach Schnals führte. Senn wußte die Venter bald für die Vorteile einer guten Straße einzunehmen. Zunächst taten sie fleißig mit; aber bald erlahmten sie, die wohl wußten, daß im Sommer die Muren und im Winter die Lawinen "eh alles hin machen", in ihrem Wegebaueifer. So steckte Senn nicht nur sein letztes Geld darein, Arbeiter von auswärts heranzuziehen; er machte auch die ersten Schulden. 8000 Gulden kostete der Weg, und 1866 war er fertiggestellt, eine Pracht­straße für die damalige Zeit; denn "zwei Maultiere konnten bequem einander ausweichen".

       Dieser alte Sennweg ist in all seiner Verfallenheit noch deutlich zu erkennen - wenn er

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 von Zwieselstein bis Vent wiederhergestellt werden würde, könnte sich der Wanderer des herrlichen Tals erfreuen, ohne sich über die staubige Autostraße hinquälen zu müssen! Die beiden Vorbedingungen - der Weg und die Unterkunft - waren nun erfüllt, und wirklich zog Vent nun die Fremden mächtig an; es erlangte Weltruhm; es war überfüllt von Fremden; selbst aus Australien kamen die Bergsteiger.

       Hier fällt ein seltsamer Widerspruch in Senns Charakter auf: Sein sehnsüchtig und hartnäckig erstrebtes Ziel war erreicht; war aber sein Haus voll besetzt, so war er der Unglücklichste von allen; er litt maßlos unter der Unruhe. Am Ende der Saison blieb ihm dann, da er kein Geschäftsmann war, die traurige Erkenntnis, daß nicht nur kein Gewinn, sondern sogar neue Schuld entstanden war.

       Dem, der die Venter genau kennt, drängen sich da Parallelen auf - im Grunde geht es ihnen heute nicht anders ...

       Auch die Verwaltung des Kirchengeldes machte Senn offenbar zu schaffen. Seine Ein­tragungen in die Venter Kirchenchronik zeigen, wie schwer ihm das fiel. So schreibt er am Jahresschluß 1865: "In diesem Jahre geschah nichts Besonderes, weil ich zusammensparen wollte, um dann mit einem Schlage etwas Gehöriges zu leisten." 1866 mußte er für Meß­gewänder und Ähnliches 537 Gulden ausgeben, und 1867 war er wieder arm: "In diesem Jahre noch Nachwehen von vorher, sonst bloß Anschaffung der Kirchenbuschen und ein neues Glockenseil."

       1868 erfolgte die tragische Wende in Senns Schicksal. Noch bevor er sein Lebenswerk mit der Gründung des Deutschen Alpenvereins krönen konnte, durchlitt er die menschliche Katastrophe, die den Rest seines Lebens verdüsterte und die ihn wohl auch von der harten Wirklichkeit zeitweilig entfernte. Dort oben fühlt man sich dem Dasein der Welt auf selt­same Weise entrückt; das hingleitende Gefühl übernimmt gern die Herrschaft über die nüch­ternen Verstandeskräfte. Der Schlag, der Senn in diesem Jahr traf, trug ihm einen Nerven­schock ein, von dem er sich nie wieder erholen sollte und der seinem Charakterbild fortan bittere, düstere, zornige Züge beimischte.

       Eines armen Mädchens Kind, einen treuherzigen jungen Burschen, den Cyprian Gran­bichler, hatte er aufgenommen und als Bergführer ausgebildet. Die Entwicklung und Ordnung des Bergführerwesens lag ihm besonders am Herzen; er hatte in ihr eine wichtige Voraussetzung des alpinen Fremdenverkehrs erkannt. Es wird sich noch zeigen, wie er gerade dabei eine seiner schwersten Enttäuschungen erleben mußte. Den Cyper also, den er wie einen Sohn liebte, hatte er zum anerkannt besten Bergführer des Ötztals gemacht. Nicht nur seine Körperkräfte, auch seine Treue und seine Ausdauer zeichneten den Cyper vor allen anderen aus. Er war Senns ganzer Stolz. Mit ihm nun ging er, nach ein paar Urlaubswochen in Meran, am 7. November 1868, den wohlvertrauten Weg durchs Schnals­tal übers Hochjoch nach Vent. Es war ein Samstag. Am nächsten Morgen wollte er unbe­dingt in Vent die Messe lesen. Die beiden waren, sommerlich gekleidet, bei schönem Wetter aufgebrochen und hatten kaum Proviant mitgenommen; es konnte ja nichts passieren, sie hatten weiß Gott schon andere Touren miteinander gemacht ...

       Auf dem Hochjoch gerieten die beiden in einen so plötzlichen, heftigen Schneesturm, daß Granbichler zur Umkehr riet. Senn aber bestand darauf, weiterzugehen. Nun kam eine grauenhafte Nacht, sie verirrten sich, sie stürzten; bis zu den Schultern im Schnee kämpften sie sich vorwärts, Cyper, als der Stärkere, voran. Das bißchen Proviant war steifgefroren, die dünne Kleidung schützte nicht vor Kälte; Schritt für Schritt taumelten sie weiter, bis der treue Cyper, kurz vor den rettenden Rofenhöfen, erschöpft in den Schnee sank. Senn, der die Todesgefahr nicht sah, gelangte nach Rofen, schickte die Brüder Klotz zurück zu Granbichler, ihn zu holen, und eilte weiter nach Vent, immer in der

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 Meinung, der kräftige Cyper sei geborgen und erhole sich in Rofen. Aber, als jene bei Granbichler anlangten, war er schon tot. - Die Nachricht, die man Senn am Sonntag brachte, brach seine Lebenskraft völlig; die Selbstvorwürfe, er sei schuld an seines liebsten Menschen Tod, die Erinnerung an die grauenhafte Nacht stürzten ihn in eine schwere Nervenkrankheit, deren Leiden ihn bis zu seinem Ende nicht verließen*.

       Wer heute zum Hochjochhospiz oder zur Vernagthütte will, der kann auf der gegen­ überliegenden Talseite, dort, wo der Sennweg noch gut zu erkennen ist, kurz hinter Rofen die Gedenktafel entdecken, die 1869 angebracht wurde: "Zur Erinnerung an den ehren­geachteten Cyprian Granbichler, Gletscherführer aus Sölden, verstorben am 8. Novem­ ber 1868, nachdem er mit dem Hochwürdigen Herrn Kuraten Franz Senn das Hochjoch bei Schneesturm und Lawinen überschritten, hier der übermäßigen Anstrengung erlag - Wanderer, der Du hier vorüberziehst, gedenke des Mannes, der so manchem die Pfade dieser Eiswelt gewiesen."

       So sehen wir Franz Senn in dem Jahr, in dem er zum Mitbegründer des Alpenvereins wurde, nicht als den glücklichen, strahlenden Helden, sondern als einen armen, ver­schuldeten, kranken Mann, der eine unglaubliche Energie aufbringen mußte, nicht nur seinen Dienstpflichten als Kurat nachzukommen, sondern der sich darüber hinaus an­ schickte, sein eigentliches Lebenswerk zu vollenden.

       Das Jahr 1868 war eines der entscheidendsten in Senns Leben. Neben den Verlust seines Granbichler tritt der Beginn der Freundschaft mit Johann Stüdl aus Prag, ohne den Senns Gedanken nicht verwirklicht worden wären. Stüdl, begeisterter Bergsteiger wie Senn, war im Herbst 1867 in Vent gewesen, ohne Senn, der in Brixen war, anzutreffen. Aber das, was dieser bisher dort geleistet hatte, machte solchen Eindruck auf ihn, daß er von Prag aus "ein Scherflein zum Wegebau" sandte, das den Grundstein zu der Freundschaft legte. 1868 trafen sich dann die beiden in Vent und fanden sich sofort in den gemeinsamen Ge­danken und Zielen. Senns Briefe an Stüdl spiegeln dann durch viele Jahre eine rührende, geraqezu werbende Anhänglichkeit des einsamen Dorfpfarrers an den weltgewandten Freund und Mitkämpfer. (Lesen Sie diese Briefe hier: > Franz Senn an Johann Stüdl)

       Um zu verfolgen, wie es zur Gründung des Deutschen Alpenvereins kam, müssen wir kurz zurückblenden ins Jahr 1862, in dem in Wien durch Grohmann, v. Mojisisovics, v. Sommaruga und v. Ruthner der Oesterreichische Alpenverein gegründet worden war.

       Senn hatte als Hochgebirgsforscher schon einen Namen; so lud man ihn ein, beizutreten, und er tat es mit Freuden. Leider sah er sich in den folgenden Jahren mehr und mehr durch die Wiener enttäuscht; schon beim Wegebau hatten sie ihn im Stich gelassen- man lobte zwar sehr, aber erbetene Zuschüsse blieben aus. Überhaupt schienen sich die Wiener mehr aufs Schreiben und Theoretisieren als aufs Bergsteigen und Organisieren zu verlegen, und daher reifte der Gedanke in Senn, sich ganz zu lösen und einen Alpenverein zu gründen, der dem praktischen Alpinismus dienen sollte. Außerdem erkannte er, daß die Deutschen, die den Hauptanteil der Fremden bildeten, in den Alpenverein aufgenommen werden müßten; dagegen wehrten sich die Wiener aber hartnäckig. Den Gedanken, einen deutschen Verein zu gründen, legten sie dem Österreicher Senn als Verrat aus.

       Wie sollte nun der kleine Kurat im abgelegenen Vent seine Gedanken durchsetzen? Bedeutend wurde ein Gespräch mit den Münchner Buchhändlern Trautwein und Waitzen­bauer, die nach Vent gekommen waren, um Hochtouren zu unternehmen und die Senn in seine Pläne einweihte, ohne sie zunächst ganz gewinnen zu können. Ein Jahr später, 1868,

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* Franz Senn selbst hat 1868 im "Boten für Tirol uncf Vorarlberg" eine Schilderung dieses tragi­schen Ereignisses gegeben, die im nachfolgenden Beitrag gebracht wird. (Im Jahrbuch des Österreichischen Alpenvereins 1969, Alpenvereinszeitschrift Band 94 ab Seite 32 "Hochjochübergang im November 1868".) 

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hatte sich aber schon mit Senn, Stüdl, Trautwein und dem jungen Münchner Bergforscher Carl Hofmann ein Kreis gleichgesinnter Männer gebildet, aus dem nach langen, mühe­vollen Verhandlungen schließlich der Deutsche Alpenverein hervorgehen sollte.

       In seinem Neujahrsbrief 1869 an Stüdl, also nur wenige Wochen nach Granbichlers Tod, legt Senn bereits einen wohldurchdachten, differenzierten Satzungsentwurf für einen "Allgemeinen Deutschen Alpenverein" vor. Allgemein, weil, wie er schreibt, "die Schön­heit der deutschen Alpen nicht Eigentum einzelner, sondern aller ist, die sie genießen wollen".

       Der Bruch mit Wien konnte nicht ausbleiben, und der ebenso impulsive wie halsstarrige Senn arbeitete auch bewußt auf ihn hin. Er entschloß sich, selbst nach München zu reisen, wo er am 12. April 1869 zu letzten Vorgesprächen eintraf; von dort fuhr er nach Wien, wo ein letzter Einigungsversuch scheiterte, und dann über Prag, wo er Stüdl abholte, nach München zurück. Welch enorme Tatkraft und Zielstrebigkeit entwickelte dieser arme, kranke Dorfpfarrer, wie überzeugend und mitreißend muß seine Persönlichkeit gewesen sein! Dabei ist immer wieder sein organisatorischer Weitblick zu bewundern. Die Einfüh­rung von Sektionen, und damit die Auflösung des Wiener Zentralismus, ist sein Verdienst.

       Am 9. Mai 1869 wurde in München, in der "Blauen Traube", die konstituierende Sitzung gehalten; die vier Gründer des Deutschen Alpenvereins waren Senn, Hofmann, Stüdl und Trautwein. Gleichzeitig wurde die Sektion München ins Leben gerufen. Sektion auf Sektion folgte; nach einem Jahr hatte der DAV bereits 1070 Mitglieder.

       Stolz und froh konnte Senn nach Vent zurückreisen. Doch nur zu bald drückten ihn hier wieder die alten Sorgen.

       Wie schon erwähnt, hatte Senn früh erkannt, daß eine Grundbedingung für die Erschlie­ßung des Hochgebirges die Ausbildung zuverlässiger Bergführer war. So hatte er seine Führer jahrelang wie Schulbuben gedrillt und ihnen als oberstes Gesetz eingeschärft, daß der Bergführer für das Leben seines Schützlings verantwortlich sei. Um seine in ganz Tirol berühmten Führer zu legitimieren, hatte er eine Führerordnung ausgearbeitet, in der Rechte und Pflichten des Bergführers genau festgelegt waren; für die staatliche Anerkennung dieser Ordnung kämpfte er nun - vergebens. Der Staat bestimmte, daß sich jeder, der sich nur melde, Bergführer nennen dürfe. Damit war Senns jahrelange Arbeit mit einem Schlage zunichte. Darüber fand er, mit Recht, derbe Worte an Stüdl: "Die dümmsten Teufel sind der Hölle entronnen und sind plötzlich als Statthaltereiräthe, Bezirks­hauptmänner und Gemeindevorsteher in Tirol aufgetreten, um das Fremdenführerwesen zu organisieren ..."

       Dabei vergrößerte sich die Schuldenlast unaufhörlich, und alle Versuche, zu Geld zu kommen, endeten in neuer Verschuldung. So auch das Brizzi-Abenteuer.

       Wer auf die Kreuzspitze, Senns Lieblingsberg, steigen will, der kommt an einem verfal­lenen Gemäuer vorbei, der Brizzihütte. Kaum einer wird wissen, welche Bewandtnis es damit hat. Senn hatte, wie immer in jäher Begeisterung, einen jungen Maler, Brizzi, in sein Herz geschlossen. Der mußte ein Panorama von der Kreuzspitze anfertigen, das im Druck erscheinen und enormen Gewinn bringen sollte! Brizzi wurde, alles auf Senns Kosten, in eine Hirtenhütte, die ausgebaut und eingerichtet wurde, einquartiert und von Vent aus reichlich versorgt. Er ließ sich das wohl gefallen, aber Brauchbares leistete er nicht. Das Ganze endete, auch menschlich, mit einer schweren Enttäuschung für Senn. Das Panorama wurde von den Zeichnern Engelhardt und Jordan fertiggestellt und in Berlin gedruckt, seine Exemplare blieben unverkauft und vergrößerten die Schuldenlast.

Am 8. 2. 1870 schreibt Senn an Stüdl: "Wenn ich nur Aussicht erhalte, zur Deckung meines Defizits vom Vereine in den nächsten Jahren einmal einen ergiebigen Betrag zu

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bekommen. Ich gedenke, bei der nächsten Generalversammlung darüber zu sondieren ..." Aber die Lage wurde nur noch trostloser. Wegen des Kriegsausbruchs (zwischen Deutschland und Frankreich) 1870 waren die Sommergäste ausgeblieben, und Hofmann, der Münchner Mitbegründer des DAV, fiel in Frankreich. Senn wurde müde und mürbe. In Vent war er viel zu weit ab von der Ent­wicklung des Alpenvereins, als daß er ins Geschehen hätte eingreifen können, dazu quälten ihn die ewigen Geldsorgen und die körperlichen und seelischen Leiden seit Granbichlers Tod. 1870 hat er diesen noch nicht überwunden: "In den schlaflosen Nächten leide ich wieder an der heftigen Aufregung, wie im Herbste und Winter der beiden letzten Jahre, seit dem Unglück mit dem unvergeßlichen Cyper."

       Senn kapitulierte. Er konnte den Winter, er konnte den Schnee, der ihn an die grauen­ volle Nacht damals erinnerte, nicht mehr ertragen, er wollte fort von Vent.

       Bis jetzt war er nur Kurat. Um eine Pfarre zu erhalten, mußte er die Pfarrkonkurs­prüfung bestehen. Mit 40 Jahren nahm er auch dies noch in Angriff. Einen Krankenhaus­aufenthalt in Innsbruck und den anschließenden Erholungsaufenthalt in Matrei - er hatte ein Ohrenleiden, das ihn zeitweilig fast taub machte - benutzte er dazu, sich auf die Pfarrkonkursprüfung vorzubereiten, die er 1871 in Brixen "fast sehr gut" bestand. Nun konnte er sich nach einer Pfarre umsehen, und er bewarb sich in Neustift - vergebens.

       Wegen der Krankheit und der Prüfung hatte er sich nicht um die Alpenvereins­angelegenheiten kümmern können; so entglitten die Fäden nun ganz seinen Händen. Teils wollte man ihn, den man krank und überarbeitet wußte, schonen, teils war man auch wohl ganz froh, den oft unbequemen, streitbaren Kuraten ausgeschaltet zu wissen. Das spürte er, und es kränkte ihn tief. Der Zusammenschluß des Deutschen und des Oester­reichischen Alpenvereins bahnte sich sozusagen hinter seinem Rücken an und wurde am 23. August 1873 in Bludenz vollzogen, als Senn schon in Nauders war.

       Vorerst mußte er in Vent abwarten, bis eine Pfarre für ihn frei wurde, und im letzten Jahr dort war ihm alles zuwider: "Hier kann ich nichts anderes tun, außer ,Gehorsamen Diener' zu machen, Schlafstellen zu verteilen, den Führern ihre Rollen geben usw. ... Bin ich denn in Vent nur ein Sklave anderer?", schreibt er an Stüdl.

       So war ihm im Frühjahr 1872 die Beförderung zum Pfarrer und die Berufung nach Nauders wie eine Erlösung, wenn er auch lieber nach Neustift gegangen wäre.

       In der Venter Kirchenchronik steht seine letzte Eintragung; in fliegender Eile, förmlich gehetzt wie auf der Flucht, sind die Zeilen. hingeworfen:  

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Franz Senns letzte Eintragung in die Venter Kirchenchronik:

"Somit ... ist alles nicht bloß in Ordnung, sondern es bleiben der Kirche in Vent 10 Gulden übrig, welche ich dem Kirchprobsten Alois Gstrein eingehändigt habe­. Vent, am 18. Juni 1872 Franz Senn, Pf."

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       Das war also das Ende der elfeinhalb Jahre, in denen er die Grundlagen für das ge­schaffen hat, was seitdem Millionen Touristen wie selbstverständlich hingenommen haben. Erschütternd ist die Tragik dieses Mannes, dem bis ans Ende seines Lebens versagt bleiben sollte, Lohn und Anerkennung für seine Leistungen zu finden und für den alles Positive, was er wollte und tat, in Nachteil und Enttäuschung endete.

       Franz Senn verbrachte neun trübe Jahre in Nauders. Eine Typhusepidemie und eine Brandkatastrophe suchten das Dorf heim, dessen Bewohner ihm nicht die Herzlichkeit der Venter entgegenbrachten. Die Geldnot - er konnte die Zinsen für seine Schulden nicht mehr aufbringen - brachte ihn in größte Schwierigkeiten. Es war eine trostlose Zeit, in der die Verbindung zum Alpenverein ganz abriß.

       1881 kam endlich die ersehnte Berufung nach Neustift. Aber sein Lebenswerk und seine Lebenkraft hatte Senn in Vent zurückgelassen. Als verbrauchter und gebrochener Mann erlebte er hier nur einen schwachen Abglanz seiner ersten, glücklichen Venter Jahre. Am 31.Januar 1884 starb Franz Senn in Neustift, vergessen und verschuldet; der Nachlaß wurde versteigert.

       Wie sieht es nun heute in Vent, hundert Jahre danach, aus? Es ist das alte, echte, stille Bergsteigerdorf ohne Seilbahn, ohne Rummel und ohne "süßes Leben" geblieben. Zwar bietet es dem Massentouristen nichts und viele Bergsteiger gehen ohne Aufenthalt gleich hinauf auf die Hütten, aber ein kleiner Kreis von Stammgästen kehrt immer wieder: es sind jene, die den Frieden und die Einsamkeit suchen.

       Die so seltsam von allem Alltagsleben lösende Weltabgeschiedenheit, diese der Werk­tagshetze so entrückte stille Insel hält wie mit Zauberbanden fest. Das Festgehaltensein, das Thomas Mann im "Zauberberg" schildert, das Nichtloskommen, das drückt die alte Venter Sage von den "Saligen Fräulein" aus, die dem Wanderer von den Bergen her winken, so daß er sich nicht losreißen kann und ihnen ins Glück oder ins Verderben folgen muß.