Donauland

1. 7. 1924 "Nachrichten der Sektion Donauland": Dem Ehrenmitglied Johann Stüdl zum 85. Geburtstag.

Ihre Gründung verdankte die "Sektion Donauland" nicht zuletzt Johann Stüdl. der sich vehement für die Zulassung dieser Sektion zum Deutschen und Österrichischen Alpenverein eingesetzt hatte. Er konnte allerdings den Ausschluß aus dem Verein 3 Jahre später nicht verhindern.

Stüdl war Ehrenmitglied der Sektion, die in den "Nachrichten der Sektion Donauland "anläßlich seines 85. Geburtstages eine ausführliche Würdigung veröffentlichte.

                                   Nachrichten der Sektion "Donauland"

                                       Johann Stüdls 85. Geburtstag.
                                                       (Abschrift)

 

Am 27. Juni 1924 vollendet unser Ehrenmitglied, Rat Johann Stüdl, der einzige noch lebende Gründer des Deutschen, beziehungsweise Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, sein 85. Lebensjahr.

In wenigen Wochen werden die Delegierten der Alpenvereinssektionen zur fünfzigsten Hauptversammlung zusammentreten. So unlösbar ist die Geschichte unseres Vereines mit dem Namen und Wirken des Jubilars verknüpft, daß es sich bei dieser Gelegenheit mehr denn je ziemt, Rückschau zu halten auf Stüdls Leben und der Jugend namentlich die unauslöschlichen Verdienste dieses Mannes neuerlich zu Bewußtsein zu bringen.

Einer alten, hochangesehenen Prager Kaufmannsfamilie entstammend besuchte Stüdl das Kleinseitner Gymnasium, wo er - es wurde dies bedeutungsvoll für sein späteres Leben - mit den Söhnen des berühmten Landschaftsmalers und nachmaligen Schriftleiters der "Zeitschrift des D.u.Oe.A.V." Max Haushofer (Anmerkung: Nicht der Vater Max, sondern dessen Sohn Karl Haushofer wurde später Schriftleiter der "Zeitschrift des DuÖAV.), Carl und Max, enge Freundschaft schloß. Auf Einladung der Familie Haushofer kam er im Sommer 1857 auf die Fraueninsel im Chiemsee. Vom Gipfel der nahen Kampenwand erschaute er hier zum erstenmal die schneeige Tauernkette und seit damals war er dem Zauber der Berge verfallen.

In den folgenden Jahren besuchte er das Berchtesgadener Ländchen, die Zillertaler Alpen und Dolomiten und kam 1867 zum erstenmal nach Kals. Hier fühlte er sich bald heimisch und beschloß, den Plan seines nachmaligen Freundes Ing. Egid Pegger aus Lienz zu verwirklichen: Zur Erleichterung der Glockner-Besteigung auf der Vanitscharte (2800m) eine Hütte zu erbauen, sowie durch Erstellung einer Weganlage die direkte Ersteigung des Gipfels vom Teischnitzkees aus zu ermöglichen.

Bald darauf machte er brieflich die Bekanntschaft Carl Hofmanns; diese Bekanntschaft entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem innigen Freundschaftsbund, dem gleich glühende Begeisterung für alles Schöne und Edle die höchste Weihe verlieh. Das Wirken des Freundespaares umfing große bergsteigerische Unternehmungen, sowohl wie wichtige organisatorische Betätigung. Der erste direkte Abstieg von der Watzmannmittelspitze ins Wimbachtal, die Bezwingung der Oedenwinkelscharte fallen unter die ersteren. Als Ergebnis ihrer Tätigkeit bezeichnete Anton von Ruthner die Tatsache, "daß jetzt (1869) nach Hofmanns und Stüdls Forschungen, keine Gletschergruppe so gekannt ist, wie die Glocknergruppe".

Der hervorragende Anteil Stüdls, der natürlich auch Mitglied des Österreichischen Alpenvereins war, an der Gründung des Deutschen Alpenvereins bedarf hier keiner weiteren Schilderung. Im gleichen Jahre (1869) gründete er in Kals den ersten Führerverein in den Österreichischen Alpen, bald folgten diesem die Führervereine in Heiligenblut, Windischgarsten, Sulden und Trafoi. Er ließ es bei Gelegenheit dieser Gründungen nicht bei den organisatorischen Arbeiten bewenden, versah vielmehr die Führer auf seine Kosten mit der für Gletschertouren nötigen Ausrüstung.

Im folgenden Jahre, das Stüdl leider den Verlust seines Freundes Hofmann brachte, gründete er die Sektion Prag; im selben Jahr ließ er die Restaurierung der Johannishütte durchführen, die zu Ehren des Freundes den Namen Hofmannshütte erhielt. Im Jahre 1871 war er auch eifrigst bergsteigerisch tätig und führte namentlich in Begleitung Prof. Eduard Richters bemerkenswerte Touren in der Venediger- und Rieserfernergruppe durch. In diesem Jahr entwarf er eine Bergführerordnung für Tirol, die behördlich genehmigt, Grundlage aller übrigen Führerordnungen wurde.

Daß Stüdl den Bestrebungen, die auf Vereinigung der beiden Alpenvereine hinzielten, ein eifriger Anwalt war, versteht sich von selbst. Durch den Beschluß der Generalversammlung von Bludenz wurde diese Idee zur Tat, mit 1. Jänner 1874 begann der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein seine Wirksamkeit. Indes (1872) hatte sich Stüdl verehelicht, wurde aber seinem Lebensziele nicht untreu, wußte vielmehr seine Gattin für die alpine Idee zu gewinnen. Seine Tätigkeit nahm in der Folge einen bemerkenswerten Umfang an. Folgende Hüttenbauten sind sein Werk, wurden von ihm angeregt, nach seinen Plänen gebaut, eingerichtet oder verbessert: Stüdlhütte (1868), Hofmannshütte (1870), Klarahütte (1872, leider vor einigen Jahren durch eine Lawine zerstört), Pragerhütte (1873), Payerhütte (1875), Olpererhütte (1880), Höllerhütte (1883, früher Karlsbaderhütte), Rifflerhütte (1887). Auch die Erbauung der Dominicus - und der Dresdenerhütte ist auf Stüdls Initiative zurückzuführen. Aber noch weiterhin erstreckte sich seine Wirksamkeit auf dem Gebiete des Hüttenbaues: eine große Anzahl der ostalpinen Schutzhausbauten ist nach seinen Grundsätzen, niedergelegt in einer vorzüglichen Abhandlung in der "Zeitschrift" (Anmerkung: "Zeitschrift des deutschen und Österreichischen Alpenvereins") 1877, ausgeführt und eingerichtet worden, viele davon nach seinen eigenen, oder wenigstens von ihm begutachteten Plänen. Von der Gründung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins an in dessen Hüttenbau - Komité wirkend, entwarf er, als erste Autorität auf dem Gebiete des Hüttenbaues, 1879 die erste Weg- und Hüttenbau-Ordnung. Seine unvergänglichen Verdienste um die Entwicklung des Führerwesens sind bereits gewürdigt worden.

Stüdls Arbeitskraft erscheint umso bewunderungswürdiger, wenn man erwägt, daß zu all diesen Leistungen noch die Sorgen und Mühen einer ausgebreiteten Geschäftstätigkeit auf seinen Schultern lasteten. Mit seinem ganzen Herzen hing er an der Sektion Prag, die sich unter seiner, Alle befeuernden Leitung, zu einem der hervorragendsten Zweige des Gesamtvereins entwickelte. Die unermüdliche Tätigkeit für sie, wie für den Gesamtverein und die alpine Sache überhaupt hatte die tragikomische Folge, daß er später überhaupt nicht mehr die Zeit erübrigte, sich ausübend bergsteigerisch zu betätigen, eines der größten persönlichen Opfer, das der begeisterte Mann der Sache brachte, und das jeder Bergsteiger zu würdigen verstehen wird. Die Kenntnis der Alpen zu erweitern, ihre Bereisung zu erleichtern - dieser erste Punkt der Vereinssatzung war der Leitstern seines Wirkens, für dieses Ziel setzte der bewundernswürdige Mann ein Leben voll bergsteigerischer Tätigkeit , voll genialer organisatorischer Arbeit ein.

Johann Stüdls Lebensabend ist nicht ohne Schatten geblieben. Die politischen Ereignisse nach Beendigung des Krieges zwangen ihn, der Vaterstadt den Rücken zu kehren und im Alter des Psalmisten noch eine neue Heimat zu suchen. Er fand sie bei seinem Sohne in Salzburg, wo er sich inmitten seiner heißgeliebten Berge bald einbürgerte und wohlfühlte. Dort traf ihn ein neuer Schlag: Der einzige geliebte Sohn wurde durch tückische Krankheit hinweggerafft und nur die herzliche Teilnahme der Vielen, Vielen, die ihn liebten und verehrten, war dem alten Manne Trost. Und wieder hob ihn die Arbeit aus dem Leid. Seine Tätigkeit im Hauptausschuß, die Arbeit für die Sektion Salzburg, die Betreuung der eigenen Hütte und der Hütten der Sektion Prag half ihm über die schwersten Stunden hinweg, bot ihm neuerlich Lebensziel und Wirkungskreis.

Bitterste Enttäuschung empfand Stüdl, dessen ganzes Leben der Größe und Blüte des Vereins gegolten hatte, als in den letzten Jahren, da dieser unter den schweren Folgen des Weltkrieges litt und leiden mußte, mit rauher Hand Kreise in die Entwicklung des Alpenvereins eingriffen, denen es um alles eher als um die alpine Sache zu tun war. Mußte es da nicht selbstverständlich sein, daß Johann Stüdl, der sein ganzes Leben lang im Kampfe gegen Chauvinismus und nationalen Radikalismus gestanden hatte, seine ganze Persönlichkeit gegen solches Treiben einsetzte? Wie mußte doch gerade er, dessen Noblesse, wie Eduard Richter einmal sagte, nur noch von seiner Güte und Liebenswürdigkeit übertroffen wurde, unter solchen Dingen leiden!

Aber Optimismus und Idealismus Stüdls sind so festgegründet, daß er erst kürzlich in einem Briefe die Überzeugung aussprach, daß trotz allem "Vernunft wieder einkehren werde". Möge sie bald einkehren! Wahrlich, das wäre die schönste und beste Gabe für den liebenswürdigen, guten Menschen, bei dem in diesen Tagen unser aller Herzen weilten. Nicht Blumen noch Blüten, nicht die liebevollst dargebrachten Grüße würden seinen Lebensabend so erhellen, wie das Bewußtsein, die Schlacken, die den Glanz des silbernen Edelweiß heute trüben, wieder abfallen zu sehen. Daß die Zeit bald käme! Und mögen Johann Stüdl dann noch viele, viele frohe Tage in gleicher geistiger und körperlicher Frische beschieden sein, den Aufstieg des alpinen Gedankens und des Alpenvereins, seiner Schöpfung, zu schauen - am Abend eines Lebens, das reich war an Mühe und Arbeit und eben darum köstlich!

                                                     * * *

Eine Abordnung des Sektionsausschusses, bestehend aus Obmann- Stellvertreter Marmorek und Ausschußmitglied Arch. Neubrunn, sprach am 27. Juli bei Rat Stüdl in Graz vor, wo er seinen Jubeltag im Kreise seiner Familie verbrachte, um ihm die innigsten und herzlichsten Glückwünsche auszusprechen und ihm die Widmung der Sektion zu dem seltenen Feste zu überreichen. Dieselbe besteht aus einem natürlichen Felsblock vom Raxplateau, dem aus einer Spalte silberne Edelweißsterne entwachsen. An der Rückseite trägt der Block auf einer Platte eine entsprechende Widmung.

 

 

1. 2. 1925 "Donauland - Nachrichten": Nachruf anläßlich des Todes von Johann Stüdl.

Johann Stüdl starb am 29. Jänner 1925. Schon 3 Tage später brachte der "Alpenverein Donauland" in seiner Publikation "Donauland Nachrichten" einen tief empfundenen Nachruf und würdigte in 6 Kapiteln die Leistungen seines Ehrenmitgliedes für die Alpenvereine und die alpine Sache ganz allgemein.

Im Inhaltsverzeichnis können auch  einzelne Kapitel annavigiert werden.

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 Abschriften:

                                                Johann Stüdl †

 

                                                               Er war unser! Mag das stolze Wort
                                                      den lauten Schmerz gewaltig übertönen.
                                                                                                             Goethe

 

Johann Stüdl tot! Der letzte der Gründer des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins hat seine klaren Augen für immer geschlossen. Der unermüdliche Erschließer der Alpen, der begeisterte Anbeter der Natur in ihrer erhabensten Gestalt, der Bergwelt, ruht auf dem Totenacker des lieblichen Salzburg und der Untersberg blickt zu seiner letzten Ruhestatt herab. Johann Stüdl tot! Umso tiefer ist der Schmerz, als er ganz unvermutet schied, den wir vor Kurzem noch so rüstig sahen und so frisch, als könne nie und nimmer ihm das Alter etwas anhaben.

Johann Stüdl ist der gesamten Bergsteigerei gestorben. Er war Gründer des Alpenvereins, er war sein unermüdlicher Organisator durch mehr als ein halbes Jahrhundert, er war aber ein Bergsteiger auch der idealsten Richtung, der die Berge ein allen Menschen offenes Gotteshaus sind, wo Jeder Mühseligkeit und Last des Erdenlebens für kurze Zeit abwerfen, im Kampf mit der Natur in reinem Aether neue Kraft und neuen Lebensmut sich schaffen kann.

Johann Stüdl ist uns gestorben. Uns war er mehr, als manchen Andern. Denn uns war er nicht nur Lehrer, uns war er väterlicher Freund, der uns verkörperte, was wir den guten Geist des Alpenvereins nennen wollen. Als Rassenhaß und Engherzigkeit ihre Krallen ins feste Gefüge des Alpenvereins schlugen, da ward er zum mahnenden Gewissen, da waren es seine von jugendlichem Feuer getragenen Worte, denen wir's zu danken hatten, daß die Gründung der neuen Sektion überhaupt möglich war, die das erste an uns, aber nicht weniger am Alpenvereinsgedanken begangene Unrecht wieder gutmachte. Wie eine einsame, knorrige Eiche, die allein von einem einst herrlichgrünen Wald noch steht, ragte er mit seiner sich selbst und seinen Idealen stets treubleibenden Gesinnung in und über eine Zeit, die ihren Mantel nach dem Winde hängt. Und wie die einsame Eiche, von Stürmen umbraust, Blatt und Zweig zornig schüttelt, so eiferte Johann Stüdl in gerechtem Zorne mit dem Worte, so lange es ging, mit seiner unermüdlichen Feder zuletzt, als das alte Herz gebot, des Redners Erregung zu meiden. Wie eine Eiche stand er im Hassessturm, wie der Fels selbst, auf den er seinen Alpenverein gebaut zu haben glaubte und den der völkische Gischt nun tobend umbrandete.

Wäre das hohe Alter nicht gewesen, das ihm die Aufregungen der Münchner Hauptversammlung verbot, die Dinge hätten andere Wendung vielleicht genommen, hätte er selbst das Wort ergriffen in jener letzten Versammlung; dann schwerlich hätte dem Gewichte seiner Persönlichkeit das Argument der Gegner standgehalten. So konnte er seine Wünsche nur uns mitgeben. Dies aber unterließ er nicht. Als unsere Vertreter auf der Fahrt nach München durch Salzburg kamen, da stand der alte Herr am Wagen und tauschte Händedruck und manch ermunterndes Wort. Und als auf der Rückfahrt von München unsere Vertreter ihn besuchten und über die Tagung und ihren Ausgang berichteten, da liefen ihm die hellen Tränen über die gefurchten Wangen und immer wieder rief er schmerzlich: "Ich kann' s Ihnen nicht sagen, wie leid mir das tut und wie empört ich darüber bin! "

Johann Stüdl war unser! Denn nie hat er's unterlassen zu betonen, wie stolz er sich als Ehrenmitglied Donaulands bekenne, und oft, wenn wir der unwürdigen Angriffe unserer Gegner müde, nahe daran waren, die Flinte ins Korn zu werfen, hat uns der Gedanke fest bleiben lassen, daß Vater Stüdl mit uns sei.

Johann Stüdl hat unseren Ausschluß aus dem Alpenverein nicht lange überlebt, der - das wissen wir - ihm tief zu Herzen ging. Er ist dahin! Aber wie wir, solange er lebte, stets in Liebe und dankbarer Verehrung zu ihm emporgesehen haben, so werden Dankbarkeit und Liebe und Verehrung sein Bild stets umschweben bei jenen unter uns, denen das Glück ward, ihn gekannt zu haben und seiner Freundschaft gewürdigt zu werden. Für den weiteren Kreis unseres Vereins aber und für die, die nach uns kommen werden, mögen diese Blätter dafür zeugen, wie Johann Stüdl war und was er uns war!

 

                         H e i l  u n d  E h r e  s e i n e m  A n d e n k e n !

 

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                                         Johann Stüdls Lebenslauf.

 

Im Jahre 1839 als Sohn einer alt eingesessenen Prager Kaufmannsfamilie geboren, besuchte Stüdl nach Absolvierung der Vorschulen das Kleinseitner Gymnasium und dann die Oberklassen der Nikolander-Oberrealschule. Während des Studiums an dieser empfing er aus den begeisterten Schilderungen seines Lehrers Dr. Wilhelm Köhler über die Welt der Alpen zum ersten Male jene nachhaltigen Eindrücke, die dann für sein ganzes späteres Leben entscheidend bleiben sollten. Im Jahre 1856 bezog er die Prager und später die Dresdener Polytechnische Hochschule, gab aber dann das Studium auf, um das väterliche Geschäft, eine alte, weitbekannte Kolonialwarenhandlung , zu übernehmen.

Trotz stärkster geschäftliche Inanspruchnahme, war es ihm möglich, seiner Neigung zur alpinen Sache sich so ganz hinzugeben, und nur wenn man seine geschäftlichen Erfolge einerseits und den Umfang seiner Arbeiten im Dienste des Alpinismus und des Alpenvereins besonders andererseits voll kennt, ist man imstande zu ermessen, welche Fülle von Tatkraft, Energie und Ausdauer dem immer eher zarten Körper innewohnte. Mitglied des Österreichischen, nahm er an der Gründung des Deutschen Alpenvereins den tätigsten Anteil und ward endlich eifrigster Anwalt der schließlich 1874 erfolgten Vereinigung zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein. Vorher, 1870, hatte er die Sektion Prag des Deutschen Alpenvereins gegründet, deren erster Vorsitzender er war und durch ein halbes Jahrhundert blieb.

Neben der umfassenden Tätigkeit, die er sowohl für den Gesamtverein, wie für seine liebste Schöpfung, die Sektion Prag, entwickelte, und neben seinen geschäftlichen Tätigkeit fand dieser seltene Mann immer noch die Zeit, sich allen Aktionen des Deutschtums in Prag, dem er eine kräftige Stütze war, zu widmen. Ueberzeugter Verfechter der deutsch-freiheitlichen Sache im damaligen Böhmen stand er in erster Reihe in allen Angelegenheiten, die sie betrafen. Durch lange Jahre leitete er den Verein "Austria", der damals eine wichtige politische Rolle spielte. Daneben fungierte er als Laienrichter beim Prager Handelsgerichte, war Kurator der Böhmischen Sparkasse, Direktoriumsmitglied des Blinden-Asyls Francisco-Josephinum und des Waisen-Institutes. Stüdl war ob seines vielseitigen gemeinnützigen und humanitären Wirkens eine der volkstümlichsten Erscheinungen Prags und seine, durch die politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit erzwungene Übersiedlung nach Salzburg wurde in den freiheitlichen deutschen Kreisen der Stadt als schwerer Verlust empfunden. Seine großzügige Wirksamkeit hatte ihm die mannigfachsten Ehrungen und Auszeichnungen gebracht, neben dem Titel eines kaiserlichen Rates das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens, dann war er Besitzer des Roten Adler-, des St- Michaels- und des päpstlichen Sylvester-Ordens. Zahlreiche Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitgliede, die Sektion Prag zum Ehrenvorsitzenden, die Tiroler Gemeinden Kals und Matsch zu ihrem Ehrenbürger.

In spätem Alter war Stüdl, wie bereits erwähnt, noch gezwungen die Vaterstadt zu verlassen, ein Entschluß, der ihm unendlich schwer wurde, durch die politischen Verhältnisse aber dem alten Vorkämpfer fürs Deutschtum aufgezwungen ward. Er übersiedelte mit der Familie seines einzigen Sohnes Max nach Salzburg, wo ihn wenige Jahre später ein schwerer Schlag traf: der geliebte Sohn wurde ihm durch eine tückische Krankheit entrissen. Nur schwer konnte der alte Mann diesen Schmerz verwinden und nur die Fülle von Arbeit, die ihm sein Wirken für den Alpenverein und für die Sektion Salzburg bereitete, half ihm über die schwersten Stunden hinweg. Nach des Sohnes Tod betreute die Schwiegertochter den greisen Vater in liebevollster Weise.

Stüdl hatte sich im Jahre 1872 vermählt, seine Gattin ging ihm um viele Jahre im Tode voraus. Zwei Töchter, ein Bruder, Schwiegertochter und Schwiegersohn trauern inmitten einer Schar von Enkelkindern um den dahingeschiedenen Vater der Familie, um den besten, gütigsten, seltensten Mann.

                                                         * * *

In gleicher Trauer widmet die größere Familie seines Vereins ihm die nachfolgenden Blätter, bestimmt, von seinem Streben und Wirken, von seiner umfassenden Tätigkeit im Alpinismus ein Bild zu geben.

                                               Stüdl als Alpinist.

 

Wie schon vorstehend angeführt, hatten die Vorträge seines Lehrers in dem jungen Stüdl den Wunsch erweckt, die von Jenem geschilderten Wunder der Alpenwelt mit eigenen Augen zu schauen. Das erste Mal ward diesem Wunsch Erfüllung, als Stüdl auf Einladung des Landschaftsmalers Max Haushofer, mit dessen Söhnen Karl - nachmaligem Schriftleiter der "Zeitschrift des D.Oe.A.V." - und Max - später Professor an der Polytechnischen Hochschule zu München - eng befreundet war, den Sommer des Jahres 1857 auf der Fraueninselim Chiemsee verbrachte. Er bestieg damals die Kampenwand und erschaute von ihrem Gipfel zum ersten Mal die schneeige Tauernkette. Seit damals war er dem Zauber der Alpen ganz verfallen.

Im folgenden jahre verbrachte er abermals den Sommer auf der Fraueninsel und machte zahlreiche Ausflüge ins Bayrische Hochland. Dann kam eine längere Pause und drei Jahre später erst war es ihm beschieden, die Alpen wieder aufzusuchen. Er verbrachte den Sommer auf der Herrenrainer Alpe im Berchtesgadenerland und drang auch gelegentlich in die wilden Regionen dieser herrlichen Berge ein. Von dort wanderte er allein über Bad Kreuth und den Achensee nach dem Zillertal, besuchte Krimml und die Täler der Glocknergruppe und kehrte durch das Salzkammergut nach Hause zurück.

Im Jahre 1864 machte er eine Alpenreise in Gesellschaft von Professor Dr. Carl Haushofer und Dr. Carl Ruben, Wien, wobei sie den ersten touristischen Uebergang von der Schwarzensteinalpe, wo jetzt die Berliner Hütte steht, über den Schwarzenstein- und Schwarzenbachgletscher nach Luttach im Ahrntale ausführten. Die Tour hatte ein tragisches Nachspiel, weil einer ihrer beiden Führer auf dem Rückwege in einer Spalte tödlich verunglückte. Vom Ahrntale wanderte Stüdl in die Dolomiten.

Im Jahre 1867 suchte Stüdl in Gesellschaft seines Bruders Franz wieder das Berchtesgadenerländchen auf, bestieg zum dritten Mal den Watzmann, wanderte über das Steinerne Meer nach Saalfelden und wandte sich der Glocknergruppe zu. Bei dieser Gelegenheit kam er das erste Mal nach dem abgeschiedenen, traulichen Kals. Er machte nun seine erste Glocknerbesteigung, der die Ersteigung des Großvenedigers von Prägraten aus folgte. Nach Ueberschreitung des Vorderen Umbaltörls durchwanderte er abermals das Ahrntal und ging über den Brenner, um die Gletscherregion der Stubaier Alpen kennen zu lernen. Er bestieg zunächst den Habicht mit neuem Abstieg ins Mischbachtal, hierauf das Zuckerhütl mit neuem Abstieg zum Triebenkaarlferner ins Windachertal. Er erreichte Sölden, von wo er nach Vent hinaufstieg. Dort machte er die Bekanntschaft des um die Erschließung der Oetztaler Alpen hochverdienten Kuraten Franz Senn. Mit der Ersteigung der Wildspitze und der Kreuzspitze schloß er die Fahrten dieses Jahres ab.

Im nächsten Jahre suchte er wieder die Eisreviere des Oetztals auf, nachdem er im Suldental durch schlechtes Wetter zur Untätigkeit verurteilt worden war und hernach einige Tage in Kals verbracht hatte. Er bestieg abermals Wildspitze und Kreuzspitze und in Gesellschaft J. J. Weilenmanns die Weißkugel, wobei die Partie einen äußerst abenteuerlichen Abstieg durch die wilden Eisbrüche des Matschergletschers erzwang.

Hierauf suchte er wieder seine geliebte Glocknergruppe auf, in der mittlerweile der auf seine Kosten durchgeführte Bau einer Hütte auf der Vanitscharte - der heutigen Stüdlhütte - zu Ende kam. Stüdl versuchte nun die Lösung des Problems eines Überganges von der Kalser Seite über den Glocknerkamm zur Pasterze. Der erste Versuch scheiterte, doch wurde bei dieser Gelegenheit die erste Ersteigung des Gramul durchgeführt. Er bestieg hierauf in Gesellschaft des bekannten Alpinisten Theodor Lampart wieder den Glockner, wobei sich ihnen von der Adlersruhe aus der ausgezeichnete Alpinist und erfolgreiche Pionier Theodor Harpprecht anschloß. Stüdl stieg wieder zu seiner Hütte ab, bestieg den Romariswandkopf und machte zwei neue Versuche zur Auffindung des Überganges auf die Pasterze.

In diese Zeit fällt seine Bekanntschaft mit dem jungen Münchner Studenten Carl Hofmann. Dieser hatte auf seinen Alpenreisen mehrmals Stüdls Namen in den Fremdenbüchern gefunden und begann einen Briefwechsel, der in Kürze zu einem engen Verhältnis der beiden Männer führte. Bevor die beiden noch je sich gesehen hatten, gaben sie in ihren Briefen einander das Duwort, gewiß eine seltene Sache, in der aber die geistige und seelische Übereinstimmung dieser beiden Menschen, die später zu einem so idealen Freundschaftsbund führen sollte, unbewußt sich ankündigte. Die beiden Freunde verabredeten einen großartig angelegten Feldzug durch die Glocknergruppe, ihrer beider Lieblingsgebiet. Stüdl holte Hofmann in München ab und - gleichsam als Vorübung - ward zuerst der Watzmann bestiegen, wobei zum erstenmale der direkte Abstieg von der Mittelspitze ins Wimbachtal in mehr als abenteuerlicher Fahrt gelang.

In raschem Zuge wurde Uttendorf erreicht, wo die beiden ausgezeichneten Kalser Führer Thomas Groder - allgemein "Tomele" genannt - und der kühne Josef Schnell ihrer harrten. Die erste Tour war die Erstüberschreitung der Unteren Oedenwinkelscharte. Sie zählt zu den allerbedeutungsvollsten bis dahin in den Ostalpen durchgeführten Unternehmungen, deren böser Ruf sich noch bis in die heutige Zeit erhalten hat. Bei dieser Gelegenheit wurde ein von Stüdl ersonnenes Modell eines Eispickels in Anwendung gebracht. Es bestand darin, daß der damals vielfach noch als unerläßlich erachtete lange Bergstock, neben dem aber die Mitnahme einer Axt zum Schlagen von Stufen stets nötig war, mit einer solchen Axt kombiniert wurde, indem eine Pickelhaue auf den Bergstock angeschraubt wurde. Es sei hiebei daran erinnert, daß sogar die Brüder Zsigmondy bei einem Teil ihrer Touren sich dieses Modells bedienten und erst bei ihren späteren Fahrten den Eispickel in seiner heutigen Form in Gebrauch nahmen. Sodann bestiegen die Freunde den Glockner über den auf Stüdls Kosten hergestellten Weg (Stüdlgrat). (Hofmann führte damals noch mit Dr. Victor H e c h t aus Prag die erste Besteigung des Hochschobers (Anmerkung: von der Kalser Seite aus), fand den nach ihm benannten Abstieg von der Adlerssruhe zur Pasterze und bezwang schließlich die Glocknerwand.)

Von den gemeinsam noch durchgeführten weiteren Touren sind hervorzuheben: die dritte Überschreitung der Fuscherkarscharte, die erste Ersteigung des Schneewinkelkopfes mit Abstieg zur Pasterze, die dritte Ersteigung des Johannisberges, die erste Ersteigung der Hohen Riffel, ferner die Überschreitung des Riffeltores, Besteigung des Kitzsteinhorns mit neuem An- und Abstieg, die Besteigung des Wiesbachhorns vom Wasserfallboden, die erste Ersteigung des Hinteren Bratschenkopfes, der Glockerin und des Großen Bärenkopfes.

Stüdl suchte dann noch das Kals-Matreier Törl auf und hielt in dreitägiger Arbeit das wundervolle Panorama dieses unvergleichlichen Aussichtspunktes fest.

Das folgende Jahr des deutsch-französischen Krieges endete in grausamer Weise den jungen Freundschaftsbund und brachte Stüdl herbsten Schmerz: am 1. September 1870 traf Hofmann bei Bazailles das feindliche Blei. Stüdl hatte in diesem Jahr keine Touren unternommen.

Im Jahre 1871 nahm er seine bergsteigerische Tätigkeit wieder auf und konnte endlich die oft versuchte Überschreitung der drei Watzmannspitzen glücklich zu Ende führen. In der Glocknergruppe unternahm er in Gesellschaft seines Freundes Moritz Umlauft aus Prag die zweite Ersteigung des Fuscherkarkopfes und die erste Ersteigung des Sonnenwellecks.

Hierauf wandte er sich der Venedigergruppe zu; bei den Touren in dieser war Professor Eduard Richter sein Begleiter. Zuerst wurde der Großvenediger von Gschlöß aus erstiegen, dann die erste Ersteigung der Schlieferspitze vollführt, ferner die Dreiherrenspitze bezwungen, ein Versuch auf die Daberspitze gemacht, die zweite touristische Ersteigung der Rötspitze durchgeführt und schließlich der kühne Hochgall bestiegen, wobei die Schwierigkeit dieser touristischen Zweitersteigung denen der durch Hofmann durchgeführten ersten wenig nachstanden. Mit der Ersteigung der höchsten Spitze der Deferegger Alpen, des Lasörling schloß dieser erfolgreiche Feldzug ab.

Die bergsteigerische Tätigkeit Stüdls erlitt nun eine, von ihm auf anderem Gebiete glänzend wettgemachte Einbuße dadurch, daß die organisatorischen Aufgaben, welche ihm seine Tätigkeit für die Sektion Prag und den mittlerweile mächtig aufblühenden Alpenverein nach 1874 auferlegten, ihn mehr und mehr derart in Anspruch nahmen, daß er die eigene alpine Tätigkeit der zum Wohle des Vereines auszuübenden notgedrungen hintansetzen mußte. Er hat später oft und oft betont, wie sehr er es bedauere, daß hiedurch seine weitere Kenntnis weiterer Alpengebiete leiden mußte. Trotz dieses Umstandes und trotz Krankheit konnte er aber noch einmal (1877) bergsteigerischen Erfolg einheimsen, als er in Gesellschaft Professor R. Seyerlens (Stuttgart) einen neuen Anstieg auf den Schneebigen Nock (Rainerhorn) in der Rieserfernergruppe ausfindig machte. Die im Dienste des Alpenvereins gelegentlich vieler Hütteninspektionen und in Hüttenbauangelegenheiten im Verlauf seiner jahrzehntelangen Tätigkeit - und, wie wir wissen - bis ins späteste Alter ausgeführten zahlreichen Bergbesteigungen boten ihm für den freiwillig übernommenen Verzicht auf Touren in den ihm noch unbekannten Gebieten der Alpen einigermaßen Ersatz.

Es endet also hier die Periode in Stüdls Leben, die dem ausübenden Bergsteigertum galt. Zweiunddreißig Jahre zählte Stüdl, als er die Eisaxt des Pioniers der Glocknergruppe aus der Hand legte, in der Vollkraft seiner Jahre also entwickelte sich aus der Blüte ausübender Bergsteigerei die köstliche Frucht erschließerischer Tätigkeit in anderer Form, im Dienste und im Sinne des Alpenvereins. Sie nahm Stüdl neben den beruflichen Geschäften und Sorgen derart in Anspruch, daß auch seine alpin - schriftstellerische Betätigung, die bisher Hand in Hand gegangen war, eigentlich mit dem Jahre 1871 im Wesentlichen als abgeschlossen betrachtet werden kann. Eine wie reiche seine schriftstellerische Tätigkeit war, möge der nachfolgende Absatz beleuchten.

                                         Der alpine Schriftsteller.

 

Während Stüdls Vorläufer in der Erschließung der Glockner- und Venedigergruppe (Stüdls schriftstellerische Betätigung war zum größten Teile der Glocknergruppe gewidmet), Dr. Anton v. Ruthner, noch des ausgesprochen alpinen Organs zur Niederlegung seiner Erkenntnisse entbehrte - er benützte dazu bekanntlich die "Mitteilungen der K. k. Geographischen Gesellschaft zu Wien" - hatte Stüdl schon die Möglichkeit, in den Publikationen des Oesterreichischen Alpenvereins von seinen Unternehmungen zu berichten. Wir finden von ihm im "Jahrbuch des Oesterreichischen Alpenvereins" folgende Aufsätze: "Besteigung der Wildspitze (1868), "Besteigung des Zuckerhütls(1868), "Von der Habichtspitze durch das Mischbachtal nach Neustift" (1868), "Ersteigung der Weißkugel" (1869). Der erste Jahrgang der "Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins" (1869/70) brachte seinen Aufsatz "Die Untere Oedenwinkelscharte".

Inzwischen schritten Hofmann und Stüdl daran, die Ergebnisse ihrer Reisen im Glocknergebiet zu einer Monographie dieser Gruppe zu verarbeiten. Hofmann übernahm den größten Teil des Textes, während die Lieferung der Zeichnungen die Aufgabe Stüdls bildete. Dieser mit so vielen Gaben ausgestattete Mann war nämlich leidenschaftlicher Zeichner gleich seinem Zeitgenossen Payer und Emil Zsigmondy. Er glich darin vielen der Alpenpioniere, welche die Fähigkeit hatten, das Geschaute nicht nur schriftstellerisch sondern zumindest durch glückliche Umrißzeichnung festzuhalten und so ihren touristischen Nachfolgern wertvolle topographische Behelfe zu schaffen.

Bei Stüdl allerdings ging diese Fähigkeit über das Maß der Anderen hinaus. Die natürliche Anlage ward ihm Gegenstand liebevollster Pflege, so daß in späteren Jahren geradezu künstlerisch vollkommene Aquarelle unter seinem flinken Pinsel entstanden, wie das im Alpinen Museum zu München bewahrte, von der Sektion Prag gespendete Bild, auf welchem Stüdl in meisterhafter Weise den Anblick des Glocknerkammes von der Pasterze aus festzuhalten verstanden hat (entstanden Ende der 1860er Jahre). Bis spät ins Alter hat sich Stüdl die Lust am Malen und Zeichnen erhalten und erst 1923 zierte er die Vorderfront des neueröffneten Stahlhauses auf dem Torrenner Joch mit einem künstlerisch ausgeführten Scheibenbilde nach landesüblicher Sitte. Und ganz kurz vor seinem Tode hat es ihm noch Spaß gemacht, alle für seine Hütte erforderlichen Wegetafeln selbst herzustellen.

Das Manuskript der Glocknermonographie wurde an den Verlagsbuchhändler Dr. Eduard Amthor in Gera gesandt, welcher aber in dieser Sache keine besonders rühmliche Rolle spielte. Er hielt die Autoren lange hin, verlangte die verschiedensten Kürzungen und machte immer die mannigfachsten Einwendungen. Als nun, nach dem Tode Hofmanns, Stüdl mit der Sichtung und Ordnung des schriftstellerischen Nachlasses betraut wurde, verlangte er das Manuskript von Amthor zurück und übergab es dem Deutschen Alpenverein zur Veröffentlichung. Leider ist ein großer Teil der von Stüdl gelieferten Skizzen und Zeichnungen bei Amthor in Verlust geraten. Für diese Monographie steuerte Stüdl nebst der Einleitung folgende Aufsätze bei: "Kals", "Kalser Thörl", "Excursionen im Jahre 1868", "Das Fuscherthal", "Ueber die Fuscherkarscharte nach Heiligenblut", "Das Berger Thörl", "Die Hohenburg", "Ersteigung des Großen Wiesbachhorns vom Kaprunerthale aus", "Glockerin, Großer und Kleiner Bärenkopf", "Der Schwarzkopf" und "Von Ferleiten nach Kals".

Des weiteren schritt er an die Ausgabe der Schriften Hofmanns, welche unter dem Titel "Karl Hofmanns Gesammelte Schriften alpinen und vermischten Inhalts", verlegt bei Eduard Amthor, Gera 1871, erfolgte; ein Buch, das zu den Perlen der alpinen Literatur zählt und heute schon höchst selten geworden ist.

Die "Zeitschrift des DÖAV" brachte neben einer Kleinigkeit "Ein interessantes Blatt" den grundlegenden Aufsatz "Über Hüttenbau".

Im Jahre 1914, bei Beginn des Weltkrieges, veröffentlichte Stüdl in den "Mitteilungen": "Ein Gedenkblatt für Karl Hofmann" und beschloß seine schriftstellerische Tätigkeit ebenfalls in den "Mitteilungen" mit einem Nachruf auf Dr. Theodor Petersen, den an Jahren und Amtsdauer ältesten Sektionsvorstand (Frankfurt am Main) - neben Johann Stüdl.

Dem Stile nach gehörte Stüdl zu jener Gruppe alpiner Schriftsteller, welche, wie Ruthner, vor allem in der Aufhellung des topographischen Dunkels ihre Hauptaufgabe sehen, denn auch diese Tätigkeit soll dazu dienen, die Kenntnis der Alpen zu verbreiten und die Bereisung zu erleichtern. Seine Schreibweise ist klar und anschaulich; er nimmt auf alles Bezug, was den Alpenwanderer irgend zu wissen nottut, wie z.B. Gasthöfe, Führer, Fuhrwerkspreise usw. und dennoch bricht bei aller "praktischen" Schreibweise überall der Schwung seines begeisterten Herzens durch.

                                                Der Organisator.

 

Es war nur ganz natürlich, daß Stüdl als ernster Alpinist dem schon seit einigen Jahren bestehenden Oesterreichischen Alpenverein als Mitglied beitrat. Es scheint dies im Jahre 1866 geschehen zu sein, da er im Mitgliederverzeichnis des "Jahrbuch des OAV", 1866 zum ersten Male vorkommt. Wie früher bereits ausgeführt, betätigte er sich eifrigst in den Publikationen dieses Vereines.

Als die Dezentralisierungsbestrebungen im Österreichischen Alpenverein immer mehr und mehr an Boden gewannen, erkannte auch Stüdl deren Notwendigkeit und wurde so, als dieselben an dem Widerstande Ruthners scheiterten, zum Anwalt der Idee, einen neuen Alpenverein zu gründen. Neben ihm waren der schon früher genannte Kurat Franz Senn aus Vent und Carl Hofmann die treibenden Kräfte dieser Bewegung.

Als 1869 die Idee der Gründung eines Deutschen Alpenvereins zur Tat wurde, schritt Stüdl alsbald zur Gründung einer Sektion des neuen Vereins in seiner Heimatstadt Prag . Nach einigen erfolglosen Versuchen hatte er die Genugtuung, im Jahre 1870 die Gründung dieser Sektion durchführen zu können.

Neben anderen vorausblickenden Alpenfreunden, erkannte auch er bald die Nutzlosigkeit des Bestehens zweier Alpenvereine nebeneinander und stellte seine Kräfte gerne in den Dienst der Bemühungen, eine Verschmelzung der beiden Brudervereine zustandebringen. Diese Bemühungen waren schließlich von Erfolg gekrönt und im Jahre 1874 begann die Wirksamkeit des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, in welchem Stüdl beinahe durch ein halbes Jahrhundert eine dominierende Rolle zu spielen berufen war.

Inzwischen hatte er im Rahmen der Sektion Prag seine ausgezeichneten Fähigkeiten zu entfalten verstanden und seine Tätigkeit drehte sich nun in Gesamtverein und Sektion - oft ineinanderschmelzend - um zwei Dinge vor allem, denen sein ungeteiltes Interesse gewidmet war: die Frage der Weg - und Hüttenbauten und die Organisation des Führerwesens .

In beiden Zweigen hatte er sozusagen schon als Privatmann erfolgreiche Tätigkeit entfaltet und manche Erfahrung gesammelt. In dieses Gebiet fällt die Erbauung der nach ihm benannten Hütte auf der Vanitscharte und die Erstellung des Direkten Weges von dieser auf den Glocknergipfel (Stüdlgrat), welche er auf Anraten seines Freundes, Ingenieur Egid Pegger aus Lienz durchführen ließ. Die Hütte wurde, wie Eduard Richter in der "Erschließung der Ostalpen" bemerkte, "die Stammutter aller der schönen und prächtig ausgestatteten Hütten des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, wo die ersten Erfahrungen gesammelt, aber auch das erste Lehrgeld gezahlt wurde"; denn selbstverständlich war die Erstellung dieser Hütte nicht so ganz einfach abgelaufen.

Ebenso stattete Stüdl die Führer mit Rucksäcken, Seilen, Eispickeln, Schneebrillen, Laternen und Trinkbechern aus, um ihnen die Ausübung ihres Berufes zu erleichtern.

In der Folge richteten Stüdl und Hofmann ihr Augenmerk auf die von Erzherzog Johann im Jahre 1834 behufs Erleichterung von Touren auf der Gamsgrube an der Pasterze errichtete, mittlerweile aber dem Verfall nahe Hütte und leiteten deren bauliche Wiederherstellung in die Wege. Nach dem Tode Hofmanns erhielt diese Hütte zu seinen Ehren seinen Namen.

Nicht unerwähnt bleibe hier, daß bereits Stüdl erkannt hatte, welch ungeheuren Vorteil es bieten würde, wenn ein "speculatiuver Wirth" sich zur Errichtung eines Berggasthauses auf der Franz Josefshöhe entschließen würde; es war dies nicht das erste Mal, daß Stüdls geniales Auge für die Plätze zur Errichtung von Hütten den richtigen Blick hatte.

Im Jahre 1872 wußte er ein vermögendes Mitglied der Sektion Prag für den Plan der Erbauung einer Schutzhütte im Umbaltale, welches er auf seinen Wanderungen mit Professor Eduard Richter kennengelernt hatte, zu interessieren. So entstand die Clarahütte, welche er gelegentlich seiner Hochzeitsreise eröffnete.

Inzwischen war Stüdl unablässig bemüht, zu einer Regulierung der Führerangelegenheiten zu kommen. Schon 1870 wurde über seine Anregung auf der Generalversammlung zu München eine Kommission zur Organisierung des Führerwesens (Senn, Stüdl, Trautwein) eingesetzt. Er entwarf die Führerordnung für Tirol , welche nach Genehmigung durch die Statthalterei später als Muster und Grundlage für die staatlichen Führerordnungen diente. Im Anschlusse daran schritt er an die Gründung von Führervereinen und schuf solche in Kals, Heiligenblut, Windisch-Matrei, Sulden und Trafoi. Ebenso lag ihm die Regulierung der Führertarife am Herzen, wobei ihm besonders später sein Freund Dr. Hecht hilfreiche Hand leistete.

Im Jahre 1873 trat er mit einem neuen Hüttenbau-Projekt an die Öffentlichkeit, dem der Prager Hütte am Großvenediger. Leider wurde diese 1877 durch eine Lawine zerstört. Nach ihrem Wiederaufbau genügte sie bald dem starken Verkehre nicht mehr, und so entschloß sich Stüdl, durch die Sektion Prag den berühmten, 300 m höher gelegenen Neubau aufführen zu lassen, die "Neue Prager Hütte", welche infolge ihrer herrlichen Lage zu einem ungemein häufig besuchten Ziele wurde und der Stüdl bis in die letzten Jahre seine Obsorge und sein Interesse widmete.

Nunmehr schritt er an die Ausführung eines ungemein kühnen Planes, den Bau eines Schutzhauses auf dem Tabarettakamm, der Payerhütte . Durch die Erbauung dieser Hütte wuchs das Interesse an der ganzen (Anmerkung: Ortler-)Gruppe in ungeahntem Maße. In der Folge entstand dort eine ganze Reihe von Hütten, und so kam es, daß die Bevölkerung von Sulden in Stüdl den Hauptförderer ihres Tales erblickte, eine Ueberzeugung, die in der denkwürdigen Stüdlfeier vom Jahre 1897 in Sulden ihren festlichen Ausdruck fand. Ihm zu Ehren wurde eine Gedenktafel an der Suldener Straße beim Aufstiege zur Payerhütte errichtet.

Nach der Erbauung der Payerhütte konnte Stüdl den Hüttenbesitz seiner Sektion um die Johannishütte, welche ebenfalls durch Spenden von Seiten Erzherzog Johanns entstand, vermehren.

Sein Interesse wendete sich in der Folge dem Zillertale zu und er wußte die Sektion Prag zur Erbauung der Olpererhütte (1883) und Rifflerhütte (1888) zu bewegen, während es durch von privater Seite aufgebrachte Mittel gelang, noch eine weitere Hütte, die Dominikushütte im Zemmgrund zu erstellen.

In der Zwischenzeit konnte die Sektion Prag noch durch Erbauung der sogenannten Karlsbader Hütte die Besteigung der Weißkugel erleichtern, während die Erbauung einer Hütte in der Oberen Fernau (Stubaier Alpen) die Sektion Dresden übernahm (Dresdener Hütte).

Ebenso ließ sich Stüdl eine Verbesserung der mitunter recht primitiven Verpflegungsverhältnisse in den Alpentälern angelegen sein und ließ beispielsweise auf seine Kosten die Schwester des bekannten Bergführers, David Frankhauser in Roßhag (nachmaligen "Bewirtschafters" der Berliner Hütte) im Winter nach Prag kommen, wo er durchsetzte, daß sie im Küchenpersonal des Erzbischöflichen Palais Aufnahme fand. Bei ihrer Rückkehr in die Heimat versah er sie reichlich mit Kochgeschirr. Die angenehmen Folgen dieses Schrittes zeigten sich bald: die anderen Wirte im Zemm- und Zillergrund waren gezwungen, die von ihnen gebotene Verpflegung ebenfalls so gut zu gestalten, und seitdem ist in diesem Punkte eine bedeutende Besserung eingetreten, die ihren Einfluß bis auf die Berggasthäuser und bewirtschafteten Schutzhütten zu erstrecken vermochte.

Waren die angeführten Hütten durchwegs nach Plänen Stüdls ausgeführt worden, so wurden zahlreiche andere zumindest erst nach Begutachtung der Pläne durch ihn errichtet. Er war durch seine Tätigkeit zu einer unbestrittenen Autorität emporgewachsen, auf deren Wort in den Generalversammlungen des Alpenvereins das größte Gewicht gelegt wurde. Schon 1877 wurde er in das Weg - und Hüttenbau - Comité und 1888 in den Weg - und Hüttenbau - Ausschuß gewählt, dem er beinahe ununterbrochen bis zum Jahre 1909 angehörte, in welchem dieser Ausschuß infolge Aenderung der Vereinssatzungen seine Wirksamkeit an den Hauptausschuß abtrat.

In der Folge wurde nun Stüdl mehrere Male in den Hauptausschuß gewählt, in dem er immer eines der Referate über Wege- und Hüttenbauten führte. Das letzte mal gehörte Stüdl dem Hauptausschusse 1921 an.

Wir haben schon erwähnt, daß nach seinen oder nach von ihm begutachteten Plänen eine ganze Reihe von Hütten in den Ostalpen entstand. Beinahe bis in die letzten Lebensjahre hielt er noch regelmäßig Führertage ab und besuchte seine sowie die Hütten der Sektion Prag und Salzburg.

Sein Interesse für den Alpenverein galt aber nicht nur seinem Spezialgebiet, sondern allen das Wohl und Wehe des Vereines betreffenden Angelegenheiten. Und auch sein Eintreten in der "Donauland"- Frage war nicht nur der Freundschaft für uns, denen er in seiner freiheitlichen Gesinnung nahestand, entsprungen, sondern ebenso der Besorgnis um die Zukunft des Alpenvereins, die er durch das Eindringen der Tagesfragen in das bisher rein alpine Wirken des Vereines schwer gefährdet sah.

 

                                                         * * *

 

 

                                 Stüdls letzte Tage und letzte Fahrt.

 

Eine vorgeschrittene Arterienverkalkung warf den bis dahin so rüstigen Mann vor etwa zehn Tagen aufs Schmerzenlager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Bange Tage für die Familie, die den so lange lebensfrohen Mann körperlich verfallen und die letzten Tage nur mehr im Halbbewußtsein hindämmern sehen mußte.

Wie die Liebe zu den Bergen Stüdls ganzes Leben erfüllt hat, beschäftigte sie unermüdlich seinen schon lichten Höhen zustrebenden Geist und es berührt schmerzlich-versöhnend, wenn er im Dämmer seiner letzten Stunden wiederholt Nagelschuhe und Bergausrüstung verlangte, da er eine große Tour vorhabe. Seine letzten bei klarem Bewußtsein gesprochenen Worte waren:

"Die Berge waren der zweite Reichtum meines Lebens!"

Am 29. Jänner 8 Uhr früh verschied er sanft und ohne Todeskampf. Seine sterbliche Hülle wurde Samstag, den 31. Jänner 1925 auf dem Kommunalfriedhofe zu Salzburg zur ewigen Ruhe bestattet. Unser Verein war bei der Beisetzung durch den Obmann Karl Hanns Richter und die Ausschußmitglieder Doktor Glas, Ing. Lieblich, Neubrunn und Teller vertreten, die ein Gewinde aus Tannenreisig und Alpenblumen mit Schleifen in den Vereinsfarben am Sarge niederlegten.

Aus leuchtenden Nebeln hob sich die Sonne und ließ die beschneiten Gipfeln des Untersberges und der umliegenden Höhen erglänzen, als sechs junge Männer der Sektion Salzburg mit dem Abzeichen des Alpenvereins und der Bergwacht den Sarg zu Grabe trugen. An der offenen Gruft sprachen namens des Alpenvereins Exc. v. Sydow, namens der Sektion Salzburg Prof. Hackel, für die Sektion München Prof. Leuch und für den Deutschen Alpenverein Prag Prokurist Ginzel Abschiedsworte, worauf für unseren Verein Obmann Richter an den Sarg trat und dem Verblichenen nachrief: " Lieber Freund Stüdl! Du warst unser Freund und wir sind gekommen, von Dir Abschied zu nehmen. Wir haben nur einen Wunsch an Deinem Grabe: So zu werden, wie Du warst. Schlaf wohl!" Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne vergoldeten die Ruhestätte Johann Stüdls , des besten, liebsten, gütigsten Menschen, des aufrichtigsten Freundes Donaulands.

                                Er war unser! Mag das stolze Wort
                           den lauten Schmerz gewaltig übertönen.   

                            

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