Dr. Victor Hecht - Ein Leben in der 2. Reihe

Eine Kurzbiografie von Elfriede Klein , verfasst im Juli 2013

Dr. Victor Hecht

Die Informationen zu diesem Beitrag sind der Festschrift zum 60-jährigen Bestehen des Deutschen Alpenvereins Prag (1870 - 1920 "Sektion Prag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins") entnommen.

   Nur wenig wissen wir über die Kindheit und Jugend dieses Weggefährten von Johann Stüdl. Zumindest das Jahr seiner Geburt ist bekannt: 1847.  Seine Eltern, August Hecht und Marie geb. Graf starben früh. Victor und sein jüngerer Bruder (dieser emigrierte später nach Amerika, wo er als verschollen galt) wuchsen bei ihrem wohlhabenden Großvater auf. Dieser,  Josef August Hecht, bewohnte das ansehnliche Gut „Katzengrün“ nahe der Stadt Eger. Ungewöhnlich für die damalige Zeit legte Großvater Hecht bei der Erziehung besonderes Gewicht auf körperliche Ertüchtigung. Schon früh war Victor ein ausdauernder Wanderer mit einer großen Liebe zur Natur. Der Grundstein für seine späteren alpinistischen Erfolge wurde hier gelegt.

 

   Freilich konnten ihm weder der alternde Großvater (geb. 1792) noch dessen Bedienstete die Liebe verständnisvoller Eltern ersetzen.  Dies mag die Ursache für Victors manchmal introvertierte, eigenbrötlerische Art gewesen sein, obwohl er im Freundeskreis als liebenswürdiger Plauderer gerne gesehen war.

 

   Sicher hätte ihn der Großvater gerne zum Kaufmann, wie er selbst einer war, ausgebildet; doch dieser Beruf reizte den Buben nicht. Victor besuchte die Schulen mit Eifer, denn schon früh war es sein Ziel zu studieren. An der Universität in Prag schloss er das Jura-Studium ab, trat in verschiedenen Anwalts-Kanzleien als Konzipient ein und eröffnete schließlich eine eigene Anwaltskanzlei. Auch dieser Beruf befriedigte ihn allerdings nicht; doch sein Vermögen (aus dem Verkauf von „Katzengrün nach dem Tode des Großvaters) gestattete es ihm, oft für lange Zeit der Kanzlei fernzubleiben und ausgedehnte Wanderungen und Bergtouren zu unternehmen.

 

   Er war kein „Gipfelstürmer“, wie viele andere seiner Generation, obwohl er einige Erstersteigungen aufzuweisen hatte und 3000er geradezu „sammelte“. Es waren dies allerdings großteils „Nebengipfel“, deren Bezwingung zwar in den Fachbüchern des Alpinismus vermerkt wurden, die aber weiter kein großes Aufsehen erregten. Die Bedeutung Hechts auf bergsteigerischem Gebiet lag vor allem in der Auffindung neuer Übergänge in den Alpen, wofür er als kühner und gewandter Gletschergänger prädestiniert war. So überquerte er als erster das Taschacher Joch in den Ötztaler Alpen und bewältigte auch als erster den überaus schwierigen Übergang vom Umbalgletscher über die Simonyspitze zum Krimmler Gletscher – 2 Beispiele nur, von vielen.

 

   Interessant ist, dass im Buch „Entwicklung der Hochtouristik in den Österreichischen Alpen“ von Dr. Gustav Gröger und Joseph Rabl (herausgegeben vom Österreichischen Touristen-Club 1890), wo alle Erstersteigungen und Erstbegehungen aufgelistet sind, Hecht mehr Einträge (19) aufweist, als Stüdl (11) und Hofmann (14). (siehe: > "Der Bergpionier/Der Hochtourist")

 

   Da Hecht aber literarisch nicht so bewandert war, wie Hofmann und auch kein Zeichentalent wie Stüdl aufzuweisen hatte, fanden seine alpinen Erfolge selten den Weg in die allgemeine Bergliteratur der damaligen Zeit.

 

   Viele Bergsteigergrößen waren mit Hecht befreundet, unternahmen auch die eine oder andere Tour mit ihm gemeinsam, wie zum Beispiel Hofmann, der mit Hecht zusammen den Weg von Kals aus auf den Hochschober erkundete (Siehe > „Der Bergpionier/Oedenwinkelscharte und Bockkarscharte/Hochschober“). Sein unstetes Wesen verhinderten aber längerfristig gemeinsame Unternehmungen.

 

   Bevorzugt unternahm Hecht seine Touren allein mit dem Führer Hanns Pinggera aus Sulden, der bereit war, auch sehr waghalsige Klettereien und Gletscher-Touren mitzumachen. Dabei blieb Victor vor Unfällen und Abstürzen nicht  verschont, die allerdings bis auf schmerzhafte Verstauchungen, Prellungen und Fleischwunden immer glimpflich ausgingen.

 

   Zu Hechts großem Bergsteiger-Bekanntenkreis gehörte auch Hermine Groß (später verheiratete Kmoch), die mit ihm einige große Touren in den Dolomiten und der Ortler-Gruppe unternommen hat. Auch die Gründung der Filiale der Sektion Prag des DAV in Dietach bei Wels durch Hermine Groß ging wahrscheinlich auf die Initiative Hechts zurück (Siehe > „Der Alpenverein/Die Sektion Prag“). Manch einer munkelte schon, die beiden würden vielleicht heiraten, doch auch diese Freundschaft verblasste mit der Zeit …

 

   Auch später schreckte Victor bei Damenbekanntschaften vor dem Entscheidenden Schritt zur Ehe immer wieder zurück. Überliefert ist in diesem Zusammenhang sein Ausspruch vom 13. 12. 1872: „Ich werde die Berge nicht aufgeben, solange ich noch gerade Glieder habe und einen Kreuzer in der Tasche. Solange werde ich auch nicht heiraten und später kriege ich dann ohnehin keine Frau mehr!“

 

   Bleibende Verdienste hat sich Hecht allerdings um den Alpenverein und ganz speziell um die Sektion Prag erworben. Sicher ist es zum guten Teil auch sein Verdienst, dass Die Gründung dieser Sektion überhaupt zustande kam. Hecht hatte zu allen Bergbegeisterten in Prag und Umgebung Kontakt und brachte diese mit Johann Stüdl zusammen. Unentgeltlich stand er diesem und später auch anderen Vereinsmitgliedern mit juristischem  Rat zur Seite.

 

   Im Verlaufe der Vereinsgeschichte übernahm er verschiedene Ämter: Beisitzer (1876, 1879, 1880, 1882 und 1884), Schriftführer (1881); seine größten Verdienste erwarb er sich aber als Führerreferent, ein schwieriges, undankbares Amt, das er ab 1985 12 Jahre lang mit Geschick, Takt, großer Opferwilligkeit und Vereinsliebe ausübte. Wir wissen ja von Johann Stüdl, der von Anfang an die Organisation des Führerwesens auf seine Fahnen geheftet hatte, wie schwer es manchmal war, trotz Zank und Eifersüchtelei die  Führer zu gemeinsamem Handeln zu überreden. Nicht selten wurden die Verträge, wenn sie unterschriftsreif vorlagen, wieder verworfen.

 

   Hecht zeigte in den Verhandlungen beispiellose Geduld. Er entwickelte ein genau ausgeklügeltes System, um möglichst große Gerechtigkeit zu gewährleisten: Mit dem Schrittzähler in der Tasche ging er selbst fast alle Touren  ab, ehe die Tarife festgesetzt wurden. So erwarb er sich das Vertrauen der Führer, wenngleich auch ihm Rückschritte nicht erspart blieben.

 

   Freilich hatte auch Stüdl seinen Verdienst daran, dass Hecht trotz aller Widrigkeiten bei der Stange blieb. Stüdls Prokurist und Sektionssekretär Vinzenz Buschek hat in einem Brief von 1930 dessen Bemühungen geschildert; ein köstliches Dokument, das einmal mehr Hechts Unzuverlässigkeit dokumentiert: „Herr Dr. Hecht hat die sämtlichen Tarife für das Gebiet der Sektion Prag entworfen, weil er ja alle die Touren auch selbst mit den Führern gemacht hatte. Um aber die Drucklegung fertigstellen zu können, mußte ihn Herr Stüdl wiederholt zu einem guten Abendessen einladen, um mit ihm alles endgültig durchzuprüfen. Dabei mußte es aber heißen ‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘, denn nach dem guten Essen und dem trefflichen Trunk wäre es mit der Arbeit wahrscheinlich nicht weit gekommen.

Einmal trafen sich beide zufällig, um gemeinsam in die Alpen zu fahren. Das benützte Herr Stüdl sofort, zog die Tarife aus der Tasche und vertiefte sich in dieselben mit Herrn Hecht; das war gut, sonst wäre wieder alles liegen geblieben“.

 

   Dieser Bericht enthüllt noch ein weiteres „Laster“, das Hechts Gesundheit systematisch untergrub: Hecht  trank gerne einmal „eins über den Durst“, wobei er schwere, starke Weine bevorzugte; und er rauchte auch übermäßig, vor allem in Gesellschaft. Da er die Einsamkeit in seiner Wohnung mied, war er häufig auswärts zu Gast.

 

   Warnende Symptome waren schon lange aufgetreten, ehe ihn 1890 beim Aufstieg auf den Langkofel (Dolomiten) die Kräfte verließen und er auf einem Felsband sitzend, frierend und fiebernd die Nacht verbringen musste. Ein schwerer Nervenzusammenbruch war die Folge. Seither war das sklerotische Krankheitsbild offensichtlich und Bergtouren für den erst 43-jährigen nicht mehr möglich.

 

   Noch betätigte er sich in der Sektion als Schriftführer und wurde verdientermaßen zum Ehrenmitglied ernannt, doch bald war er nur mehr ein Schatten seiner selbst. Nun rächte es sich auch, dass er mit seinem Vermögen so sorglos umgegangen war, denn auch seine Praxis konnte er nicht mehr weiter führen und die Kunden verliefen sich nach und nach.

 

   Freunde aus besseren Zeiten halfen zwar, so gut es ging, doch konnten sie den geistigen Verfall nicht stoppen, Schmerzen und Lähmungserscheinungen nicht lindern, sodass die Übersiedlung in eine einschlägige Krankenanstalt in Linz nötig wurde, wo Victor Hecht am 16. Juni 1904 verstarb - ein müder Greis  mit schneeweißem Haar im 57. Lebensjahr!