Franz Senn, der "Gletscherpfarrer".

Kurzbiografie von Elfriede Klein, verfasst im Jänner 2013.

Kurat Franz Senn

Quellen: "Franz Senn" von E. F. Hofmann aus der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 1928 (59. Band) und "Franz Senn, Alpinismuspionier und Gründer des Alpenvereins" von Louis Oberwalder, Nicholas Mailänder, Hans Haid Franz Fliri und Peter Hablacher. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck. Österreichischer Alpenverein.

In dieser Biografie wird des öfteren auf Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl Bezug gemommen, beziehungsweise wurden Zitate daraus in den Text eingefügt. Abschriften dieser Briefe sind im oben angeführten Beitrag in der Zeitschrift des DuÖAV veröffentlicht worden. Eine Zusammenstellung derselben nach dem Datum ihres Erscheinens finden Sie hier: > 1868 - 1878  Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl.

 

Der "Sennhof" in Längenfeld

Franz Senn entstammt einer Bauernfamilie aus Längenfeld im mittleren Ötztal. Er wurde am 19. März 1831 als jüngstes von 7 Kindern des Ehepaares Josef Senn und Johanna, geb. Santner, geboren. 4 seiner Geschwister starben allerdings schon im Kleinkindalter.

Der Sennhof steht noch nahezu unverändert mit der barocken Hofkapelle in Unterlängenfeld und zeugt davon, dass die Familie zu den wohlhabenden Bauern des fruchtbaren Tales zählte. Vor allem der Flachs-Anbau brachte damals Reichtum in das Gebiet. Flachs aus dem Ötztal wurde weit über die Landesgrenzen hinaus exportiert.

Schule und Studium

       Franziskus, oder Franz, wie er gerufen wurde, wuchs zu einem lebhaften fröhlichen Buben heran, dessen Begabung fürs Lernen sich schon in der Volksschule zeigte. Diese wurde durch den Frühmesser (=Kooperator) Christian Falkner nach besten Kräften gefördert, wie der beliebte Geistliche, von allen "Nate" (= Vater) genannt, überhaupt ein Augenmerk auf alle seine begabten Schüler hatte, denen er nach Möglichkeit den Weg zu einer höheren Schulbildung ebnete. 61 seiner Schüler besuchten später das Jesuitengymnasium in Innsbruck oder andere Gymnasien.

       Zu dem jungen Franz, der auch ein eifriger Ministrant war, hegte der alte "Nate" eine besondere Zuneigung, und es verwundert nicht, dass auch Franz Senn in das Jesuitenkolleg in Innsbruck eintrat, das er 1851 mit der Matura abschloss.

       Mit seinem Mentor, Christian Falkner stand er ständig in brieflichem Kontakt, und er war es wohl auch, der die Anregung zum Philosophie-Studium in Innsbruck gegeben hat. 2 Semester studierte Senn auch in München, bis er 1853 seiner Berufung folgte und das Priesterseminar in Brixen besuchte, welches er 1856 mit der Priesterweihe abschloss.

Vent, das Gletscherdorf

       Zunächst übernahm er eine Kooperatorenstelle in Zams, später in Serfaus und Landeck.

       1860 schließlich kam er als Kurat nach Vent, dem abgeschiedenen Dorf in fast 1900m Seehöhe. Er hatte die kleine Gemeinde schon früher kennengelernt, weil diese im Zusammenhang mit den großen Naturkatastrophen des Ötztales traurige Berühmtheit erlangt hatte: Der Vernagtgletscher im Hintergrund des Rofentales, etwa eine Gehstunde von Vent entfernt, schob sich in unregelmäßigen Abständen rasch abwärts und verlegte der Rofener Ache ihren Weg ins Tal, wodurch sich ein sogenannter Wildsee aufstaute, der irgendwann durchbrach und dann mit seinen Wassermassen Verheerungen im ganzen weiteren Verlauf des Ötztales anrichtete. 1845 und 1848 hatte der Volksschüler Franz die Schrecken dieser Überflutungen miterlebt und die Schilderungen des Frühmessers Christian Falkner über die unheimlichen Eismassen in sich aufgesogen.

       Vent erlebte damals seine erste "Fremden-Invasion", die allerdings nicht der herrlichen Bergwelt galt, sondern Scharen von Neugierigen (etwa 700) waren einer staatlichen Besichtigungs-Komission gefolgt, um den Unheils-Gletscher zu erleben.

       Später, als Obergymnasiast wanderte Senn mit zwei Schulkameraden durch das verwüstete Tal bis an den Gletscherrand. Mit Schaudern erkannte er die gewaltige Kraft der Natur, aber auch ihre Schönheit zog ihn mächtig in seinen Bann. Und noch etwas ging damals schon dem Heranwachsenden durch den Kopf: Die Ungleichheit der Verhältnisse, in denen - wie in Vent - die arme Bergbevölkerung lebte, stets von Eisbrüchen, Muren und Lawinen bedroht; hingegen der Wohlstand der Städter, die aber von der Schönheit der Alpennatur kaum etwas mitbekamen.

       Die Berufung nach Vent war wahrscheinlich kein Zufall. Vermutlich hatte sich Senn um diese Stelle beworben und jedenfalls ging er in der 50 Seelen-Gemeinde gleich mit Feuereifer ans Werk. Die kleine Kirche war 1802 durch eine Staublawine bis auf den Turm zerstört worden, der Wiederaufbau aber noch nicht abgeschlossen.

       Da es kein eigenes Gasthaus gab, war das Widum gleichzeitig Unterkunft für Fremde. Darauf legte Kurat Senn gleich von Anfang an besonderen Wert, dass die Touristen gut untergebracht und verköstigt wurden, denn sie sollten durch ihre finanziellen Möglichkeiten die Lebensbedingungen in dem kleinen Ort verbessern helfen. Aus Serfaus holte er zwei fleißige, tüchtige Mädchen als Wirtschafterinnen. Aloisia und Elisabeth Purtscher erfüllten ihre Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit ihres Arbeitgebers und seiner Gäste. Allerdings erwies sich das Widum bald als viel zu klein, denn es diente der Gemeinde außerdem als Versammlungsort und Schule.

       Senn, der nach dem Tod der Eltern ein bisschen geerbt hatte, beschloss ein größeres Widum zu bauen. Die Handwerker waren ja schon mit dem Wiederaufbau der Kirche beschäftigt, und konnten gleich auch mit dem Neubau des Pfarrhauses beginnen. Schon im Juni wurde im Fremdenbuch die Fertigstellung des Hauses vermerkt und am 7. August 1862 kam hoher Besuch: Fürstbischof Gasser von Brixen übernachtete hier, um die neue Kirche und das Widum zu weihen.

Ausschnitt aus einer Zeichnung von Johann Stüdl: Vent mit dem neuen Widum. (vermutlich um 1867)

Cyprian Granbichler, der „Cyper“.

Cyprian Granbichler.

       Unter den Handwerkern war auch ein junger kräftiger Bursche, der Franz Senn wegen seiner Ruhe und Gewissenhaftigkeit auffiel, mit der er alle Arbeiten - er war Zimmermann - ausführte; dazu die immense Kraft, die ihn schwerste Tramen mit Leichtigkeit hochheben ließ. Cyprian Granbichler.

       Senn wusste, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammte und verhalf ihm daher durch Botengänge oder Hilfsdienste im Haus zu kleinem Nebenerwerb. Auch der Mutter, die den Buben alleine großgezogen hatte schickte er gelegentlich eine Unterstützung nach Sölden.

 

       Schon im Spätherbst nach seinem Einstand, und gründlicher im Sommer danach, hatte sich Senn dafür interessiert, inwieweit "sein" Gebiet schon erschlossen war, denn es waren in erster Linie Wissenschaftler, wie die Brüder Schlagintweit, Carl von Sonclar, Anton von Ruthner und andere, die hier schon Untersuchungen und Messungen durchgeführt hatten. Allein es gab noch kaum Kartenmaterial; viele Gipfel waren noch unbenannt und unerstiegen. Hier sah Senn nun eine seiner wichtigsten Aufgaben neben dem Priesterberuf.

       Auch um die Führer war es schlecht bestellt. Es waren durchwegs Bauernsöhne, allen voran die 4 Klotz - Brüder von den Rofener Höfen, die sich den Reisenden zur Verfügung stellten. Die Ortskenntnis dieser Leute war aber nicht sehr groß, und nicht selten kam es vor, dass eine Tour abgebrochen werden musste, weil der Führer sich weigerte weiter zu gehen. Gute, verlässliche Führer heranzubilden, das war eine weitere Aufgabe, die Senn in Angriff nehmen musste, wollte er Vent den Fremden als attraktives Ziel näher bringen.

       Zunächst machte er sich aber selbst auf den Weg, um die Gegend zu erkunden, Wege auf die Gipfel aufzufinden, um die lohnendsten Touren den Gästen empfehlen zu können. Sein Begleiter auf diesen Wanderungen war immer öfter Cyprian Granbichler, der "Cyper", wie er genannt wurde. Es stellte sich bald heraus, dass Cyper für den Führerberuf die besten Qualifikationen besaß. Seine Ausdauer und Leistungsfähigkeit waren staunenswert, seine ruhige Besonnenheit und sicherer Schritt ließen ihn auch schwierige Aufstiege mit Leichtigkeit bewältigen, sodass er schließlich als Meisterführer des Ötztales weitum bekannt wurde.

       Für Senn aber begann seine große Zeit als Alpenpionier. Im Buch "Entwicklung der Hochtouristik in den Österrichischen Alpen", von Dr. Gustav Gröger und Josef Rabl, herausgegeben 1890 vom Österreichischen Touristenklub sind nicht weniger als 16 Erstbesteigungen bzw. Erstüberschreitungen durch ihn vermerkt.

Erstersteigungen und andere touristisch herausragende Leistungen             von Franz Senn:

1861 oder 1862          Wahrscheinliche Erstersteigung des                                                        Vorderen  Brochkogel  3565 m                                 

                 1864          Alleinersteigung Ramolkogel, 3550 m

         8. 9. 1865           Erstersteigung Fineilspitze, 3516 m

       19. 9. 1865           Erstersteigung Hochvernagtspitze, 3539 m

   Oktober 1865            Erstersteigung Kreuzspitze, 3457 m

                 1866          Erstersteigung Mittlerer Seelenkogel, 3426 m

                 1868          Erstbegehung Südostgrat Hinterer Brochkogel, 3635 m

       15, 7. 1869           Erste touristische Ersteigung des                                                       Vorderen Diemkogel, 3372 m                                       

                 1869          Erstersteigung Fluchtkogel, 3500 m

       28. 7. 1869           Erstersteigung Mutmalspitze, 3528 m

       18. 9. 1869           Erstersteigung Vordere Hintereisspitze, 3437 m

                 1869          Erstersteigung Firmianschneide, 3491 m

       20. 7. 1870           Erstersteigung Hochvernagtwand, 3435 m

       24. 9. 1870          Erste Ersteigung des Wildspitze-Nordgipfels, 3772 m                                       vom Pitztal aus

                 1870           Dritte Ersteigung des Hinteren Brochkogel, 3635 m                                           auf neuem Weg über den Hochvernagtferner

                 1870           Erstersteigung Weißseespitze, 3526 m

                 1870           Erstersteigung Hinterer Spiegelkogel, 3426 m

 

       In Bergsteigerkreisen waren die Namen Vent und Senn bald bekannt und, wie Senn es erhofft hatte, setzte ein reger Touristenzuzug in das stille Dörfchen ein.

Der Wegebau – der Weg in die Schuldenfalle.

       Einen großen Mangel gab es allerdings. Der Weg nach Vent und über das Hochjoch ins Schnalstal war ein elender "Geißensteig", durch Muren und Lawinen teilweise gänzlich weggerissen und daher oft beschwerlich, ja sogar gefährlich zu begehen.

       Hier Abhilfe zu schaffen war ein weiteres vordringliches Anliegen des Kuraten. Sein Vermögen reichte aber für das Vorhaben, einen besseren Weg zu bauen jedenfalls nicht aus, daher begann Senn für dieses Vorhaben kleinere und größere Beträge zu sammeln und, er verstand es auch, die Bevölkerung dafür zu gewinnen, sich am Bau zu beteiligen. Mit großer Begeisterung ging es ans Werk ... allerdings erlahmte der Arbeitseifer nach und nach. Die Bauern hatten ja auch ihre eigenen Höfe zu bestellen und genügend Arbeit daheim. Es mussten Hilfskräfte von auswärts eingestellt werden, um weiter zu bauen. Auch die finanziellen Zuschüsse für den Bau flossen immer spärlicher. Senn investierte seine letzten eigenen Mittel, doch auch die reichten nicht.

       Der Weg aber musste gebaut werden, koste es, was es wolle! Senn nahm Kredite auf, um das Werk zu vollenden und verschuldete sich dabei so nachhaltig, dass die drückende Schuldenlast ihn sein ganzes weiteres Leben belastete.

       Dabei war er zunächst noch sehr optimistisch, beim Österreichischen Alpenverein größere Geldmittel flüssig machen zu können. Dieser Verein war 1862 in Wien gegründet worden und hatte in seinen Statuten als eines der Vereinsziele festgeschrieben "... das Reisen in die Berge zu erleichtern." Senn war mit einigen der Vereinsgründer persönlich bekannt und erhielt daher eine Einladung, dem ÖAV als Mitglied beizutreten, was er mit Begeisterung tat. Seine Eingabe an den Verein, um eine Finanzierung des Wegebaus in Vent brachte aber nur eine enttäuschende Spende von 100 Gulden, während die Gesamtkosten etwa 8000 Gulden betrugen! Später gab es zwar noch weitere Zuschüsse, die aber mit insgesamt etwa 1000 Gulden immer noch weit unter den Erwartungen des Kuraten lagen. Der zentralistisch, von Wien aus geführte Verein hatte sein Augenmerk vor allem auf die wissenschaftliche Erforschung der Alpen, auf Publikationen und Kartenwerke gelegt, in welche die Geldmittel des Vereines flossen.

       Auch eine Eingabe an den kaiserlichen Hof in Wien wurde mit einer Spende von lediglich 120 Gulden abgefertigt. Dabei war der Weg - 1866 fertiggestellt - eine Wohltat für die Bevölkerung gleichermaßen wie für die Touristen. Er war breit genug, dass 2 Mulis aneinander vorbeireiten konnten und in der Wegführung sicher angelegt.

       Es gab auch immer wieder Touristen, die mit einer kleinen Einlage ihre Zufriedenheit mit dem neuen Weg ausdrückten, wie zum Beispiel Johann Stüdl, der mit seinem Bruder Franz im September 1867 nach Vent gekommen war, um hier einige Bergtouren zu unternehmen. Er traf zwar den Kuraten nicht an, hinterließ aber ein Schreiben, in welchem er seine Anerkennung für den Widums- und Wegebau auch in Form eines Geldbetrages ausdrückte. Es war dies der Beginn einer sehr herzlichen Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Männern, die ein Leben lang anhalten sollte und in vielen Briefen ihren Ausdruck fand.

       Die ständigen finanziellen Sorgen von Franz Senn konnte aber auch Stüdl nicht wirklich mildern, zumal Senn durch missglückte Investitionen noch weitere Verbindlichkeiten anhäufte.

Charles Brizzi und das Panorma von der Wildspitze.

      Im Sommer 1868 kam ein Maler aus München in das Widum nach Vent: Charles Brizzi, der mit seinem erfrischenden Humor und seiner drolligen Art sich die Zuneigung des Kuraten erwarb. Aufopfernd pflegte ihn dieser, als er erkrankte, und nachdem es ihm wieder besser ging stiegen sie gemeinsam mehrmals auf die Kreuzspitze, Senns Lieblingsberg und bewunderten die herrliche Rundschau.

       Es entstand der Plan, dass Brizzi ein Panorama herstellen sollte, das Senn dann - vervielfältigt - an die Touristen verkaufen könnte. Senn adaptierte ein Hirtenhäuschen am Anstieg zum Grat, richtete es ein und sorgte wochenlang für die Verpflegung des Malers, der nun den Auftrag hatte, ein möglichst naturgetreues Bild dieser Landschaft zu malen, welches den Touristen als Orientierungshilfe dienen sollte.

       Als das Werk im Jahr darauf fertiggestellt war, musste Senn zu seiner Bestürzung feststellen, dass der Maler seiner künstlerischen Fantasie freien Lauf gelassen hatte, und das Panorama zwar farbenfroh und prächtig aussah, aber für den ihm zugedachten Zweck viel zu ungenau war. Er wollte es so nicht übernehmen, und es gab hässliche Auseinandersetzungen, die damit endeten, dass Senn vertragsgemäß den Maler auszahlte und seine Schuldenlast noch um einiges gewachsen war.

       Von einem anderen Künstler, dem Berliner Zeichner Engelhart ließ er neuerlich ein Panorama gestalten, das zwar seinen Vorstellungen entsprach und von welchem 1869 in Chromlithographie 800 Stück aufgelegt wurden, allein die erhofften Einnahmen blieben auch hier aus, da der Verkauf weit hinter den Erwartungen blieb.

Ausschnitt aus dem "Brizzi-Panorama".

       Von einem anderen Künstler, dem Berliner Zeichner Engelhart ließ er neuerlich ein Panorama gestalten, das zwar seinen Vorstellungen entsprach und von welchem 1869 in Chromlithographie 800 Stück aufgelegt wurden, allein die erhofften Einnahmen blieben auch hier aus, da der Verkauf weit hinter den Erwartungen blieb.

Das Unglück mit Cyper

       Diese Rückschläge trafen Franz Senn umso schwerer, als im Jahr davor, im November 1868 ein Unglück ihn getroffen hatte, das er sein Leben lang nicht mehr verwinden konnte.

       Er hatte - zusammen mit Cyper - nach den anstrengenden Sommermonaten einige Tage zur Erholung in Meran zugebracht. Auf dem Rückweg wurden sie von schweren Schneestürmen überrascht, und der Weg, den sie in wenigen Stunden zu überschreiten hofften, versank in hüfttiefem Schnee. Zyper war noch dazu nicht warm genug angezogen, und machte sogar den Vorschlag umzukehren. Senn aber wollte davon nichts wissen, denn der nächste Tag war ein Sonntag. Da musste er in Vent die Messe lesen. So kämpften sie sich also durch die Schneemassen, Cyper fast immer voran.

       Mehrmals kamen sie im dichten Nebel und Schneetreiben, später in der Dunkelheit vom Weg ab und mussten große Umwege in Kauf nehmen. Der Proviant war bald aufgebraucht oder so hart gefroren, dass sie ihn nicht genießen konnten. Unter größten Mühen und Qualen erreichten sie endlich doch den neuen Weg, fast 30 Stunden nach dem Aufbruch auf der Passhöhe.

       Senn schöpfte neue Hoffnung, aber Cyper war am Ende seiner Kräfte. "Ich kann nicht mehr" stöhnte er, ehe er zu Boden sank. Auch Senn war müde bis zum Umfallen! Den schweren Mann zu schleppen war ganz unmöglich! Deshalb versuchte er bei den Rofenhöfen Hilfe zu holen.

       Er hatte sogar Glück, denn der Bauer Ferdinand Klotz kam ihm entgegen, und wurde sogleich weitergesandt, um Cyper zu helfen. Senn eilte weiter nach Rofen und schickte auch noch den erfahrenen Nikodem Klotz um Cyper zu bergen. Er selbst schleppte sich endlich nach Vent, wo er todmüde ankam.

       Seinen Lieblingsführer, Freund und Weggefährten wähnte er gerettet und in Sicherheit. Doch die Hilfe war zu spät gekommen! Als Ferdinand Klotz ihn erreichte fand er einen Sterbenden, der in seinen Armen verschied. Cyprian Granbichler war nur 33 Jahre alt geworden.

       Sein Förderer und väterlicher Freund Franz Senn aber fiel in tiefste Verzweiflung, marterte sich mit schwersten Selbstvorwürfen, brütete tagelang dumpf vor sich hin und wurde mürrisch und stumpf. Dabei hatte auch bei ihm der kräftezehrende Marsch die Gesundheit angegriffen. Die halb-erfrorenen Gliedmaßen schmerzten und Entzündungen am ganzen Körper warfen ihn aufs Krankenlager, wo ihn im Fieber Alpträume und Wahnvorstellungen quälten.

       Sein Pflichtbewusstsein richtete ihn nach und nach wieder auf. Sein Beruf als Seelsorger verlangte Selbstbeherrschung und Disziplin. Seine ganz besondere Sorge galt nun der Mutter des Dahingegangenen. Er nahm die 70-jährige in seinem Widum auf und suchte sie durch Liebe und Güte zu trösten.

       Auch seine Briefschulden harrten der Erledigung. Der erste, dem er schrieb, war Johann Stüdl: "... Ich bin nämlich gegenwärtig immer untröstlich und voll Schmerz, weil ich meinen Liebsten, Theuersten verloren habe; Unser Führer, Cyprian Granbichler, ist zu den Toten gegangen, und zwar für m i c h - um m e i n Leben zu retten, infolge Erfrierens, Erschreckens und übermenschlicher Anstrengung, zuletzt wohl am Nervenschlag. ..."

 

Das „Alpenvereins-Projekt“

Die Gründer des Deutschen Alpenvereins.

       Zu Beginn des nächsten Jahres, "am 3. Januar 1869" schrieb Senn wieder an Stüdl. "Ich bin gegenwärtig vollends gesund, aber mein Herz ist immer noch voll Schmerz über Cypers Verlust. Diese Wunde wird in meinem ganzen Leben nicht vernarben."

       Dennoch kehrte langsam der alte Antrieb wieder zurück. Er berichtete von den Bemühungen, neue Führer zu akquirieren und heranzubilden und kam dann ausführlich auf "... unser Alpenvereinsprojekt ..." zu sprechen. Mit dem bekannten Hochtouristen Johannes Jakob Weilenmann aus der Schweiz hatte er ausführliche Gespräche über den dort tätigen Alpin-Club geführt, der in Sektionen gegliedert war, welche in ihrem jeweiligen Arbeitsgebiet wirkten.

       In seinem Brief an Stüdl hat Senn einen 10 Punkte umfassenden Statuten-Entwurf ausgearbeitet, die er diesem zur Begutachtung übermittelte. "Das sind beiläufig meine Gedanken, die ohne Ordnung hingeworfen sind, Der leitende Faden bei denselben war mir: praktische Richtung und Freiheit in der Organisation. Ich will natürlich keineswegs maßgebend sein. Ich bitte Sie deshalb mir unverhohlen Ihr Urteil bekannt zu geben."

       In diesem Schreiben erwähnt Senn auch den Touristenklub, der in Wien von einem ebenfalls unzufriedenen Mitglied des ÖAV, Gustav Jäger gegründet worden war, und der für den Alpenverein eine ernsthafte Konkurrenz darstellte. 

       Ehe Stüdl noch diesen Brief beantworten konnte, kamen von anderer Seite - aus München - mächtige Impulse. Karl Hofmann, mit dem Senn seit dem Unglück mit Cyprian in Briefkontakt stand, hatte in seiner Heimatstadt einen ansehnlichen Kreis von Alpinisten um sich geschart. Dazu gehörte auch der "Bevollmächtigte" des ÖAV in München, Theodor Trautwein. Hofmann, selbst Autor vieler Beiträge in den Publikationen des ÖAV und anderen Medien, vermisste ebenfalls im Österreichischen Verein die tätige Unterstützung der Bevölkerung in den Talorten der Alpen, die gerade in letzter Zeit durch schwere Überschwemmungen zu leiden hatte.

       Die Gründung einer "Geographischen Gesellschaft" in München weckte in ihm die Hoffnung, dass hier Besseres im Entstehen war. Umsonst, denn anstatt die Notleidenden zu unterstützen, wurde eine Sammlung zugunsten einer Eismeer-Expedition durchgeführt.

       Hofmann beschloss nun, die Anregungen Senns zur Gründung eines Deutschen Alpenvereines nach Schweizer Muster zu unterstützen, und mit der ihm eigenen Energie begann er sofort diese Idee in die Tat umzusetzen. Seine Initiative veranlasste Senn selbst nach München zu reisen, um bei den Vorbereitungen mitzuwirken.

       Stüdl aber zögerte noch. Es lag ihm nicht, den Verein, dem er selbst angehörte, zu brüskieren; er wollte noch einmal den Versuch unternehmen, dort eine Statutenänderung zu erreichen. Gemeinsam mit Senn fuhr er nach Wien um den Vorstand des ÖAV von der Sinnhaftigkeit eines derartigen Schrittes zu überzeugen. Ohne Erfolg! Vor allem der Vorsitzende, Dr. v. Ruthner lehnte diese Vorschläge kategorisch ab.

       Allerdings gab es in Wien eine große Gruppe von Mitgliedern, die die Bereitschaft bekundeten, einem Deutschen Alpenverein mit der vorgegebenen Richtung beitreten zu wollen.

       Hofmann hatte inzwischen seinen Onkel, Oberlandesgerichtspräsident v. Kleinschrod gewinnen können, der bei der Abfassung von Rundschreiben zur Werbung von Mitgliedern und vor allem bei der Erstellung der endgültigen Statuten wertvolle Hilfe leistete. Als Stüdl und Senn von Wien kommend in München eintrafen, konnte die Gründung des Deutschen Alpenvereins sofort in die Tat umgesetzt werden. Am 9. Mai 1869 fand im Gasthaus "Zur Blauen Traube" die konstituierende Sitzung statt.

Das Bergführerwesen

 

    Zufrieden und froh kehrte Senn nach Vent zurück, um sein nächstes Anliegen in Angriff zu nehmen: Die Organisation des Führerwesens. Qualifizierte Führer heranzubilden war ja von Anfang an sein Bestreben. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass sich auch weniger versierte Bauernburschen den Fremden als Führer anboten. Senn gelangte daher zu dem Schluss, dass eine zumindest für ganz Tirol gültige Führerordnung die Richtlinien festsetzen sollte, welche für die Ausübung des Führerberufes maßgebend waren.

   Stüdl hatte bei seinem ersten Besuch in Vent auch die Bemühungen des Kuraten um die Ausbildung der Bergführer anerkennend vermerkt und er übernahm manche Anregung aus Vent, als er in Kals den ersten Führerverein der Ostalpen gründete. Neu an seinem Konzept war die Organisation auf der Grundlage von Statuten, die Einrichtung eines Bergführerbüros und die sogenannte "Kehrordnung", die die Reihenfolge, in welcher die Führer beschäftigt wurden, regelte.

   Stüdl war daher für Senn auch der ideale Ansprechpartner in dieser Angelegenheit. In mehreren Briefen geht es immer wieder um dieses Thema. "Die Führerordnung soll, glaube ich, jedenfalls vom Deutschen Alpenverein endgültig ausgehen. ...", schrieb er am 4. Dezember 1869. Im Schreiben vom 3. April 1870 versucht er, Stüdls Sorgen zu zerstreuen: "Ich sehe gar nicht ein, daß bezüglich unseres Führerwesens so große Gefahr im Verzuge sein sollte, wie Du mir berichtest. Wie soll eine Behörde ohne Beihilfe von Alpenfreunden und Kennern im Stande sein, das Führerwesen zu organisieren? ..." Dass Stüdls Vorbehalte nicht ganz unbegründet waren, erfahren wir im Brief vom 23. November 1871. Senn und Stüdl hatten in der Zwischenzeit alles Mögliche versucht, um das Projekt voranzutreiben, und dann das: "... Das Führerwesen ist organisiert! Das klingt schön! Aber bei Gott! In meinen Ohren wie teuflische Musik. Hätte ich 1000 der ärgsten Schimpfwörter im Munde. Ich möchte sie alle diesen Schafsköpfen der Büreaukratie ins Gesicht schleudern. Wie? Was ist? Wirst Du fragen! Die dümmsten Teufel sind der Hölle entronnen und sind plötzlich als Statthaltereiräthe, Bezirkshauptmänner und Gemeindevorsteher in Tirol aufgetreten, um das Fremdenführerwesen zu organisieren. O mein lieber Freund! Waren doch wir 2 Esel - das ist der richtige Ausdruck - daß wir uns um die Durchsetzung unserer Führerordnung so abgemüht haben! ..." Was war geschehen? Senn musste sich erst "... befleißigen, ruhiger zu werden ...", um dann fortzufahren: " ... Der Bezirkshauptmann von Imst hat, ohne mit Jemanden Rücksprache zu nehmen, ganz einfach an die Bezirksvorsteher ein Zirkular erlassen, worin er sie auffordert, zum Fremdendienste taugliche Personen namhaft zu machen ... " Und weiter: " ... Die Herren Gemeindevorsteher hefteten eine geschriebene Aufforderung an die schwarze Tafel bei der Kirche an und weiter nichts. Wer sich meldet, ist Fremdenführer. 'Zu dem Geschäft ist ja jeder gut genug'. ..."

   Zu allem Überfluss fühlten sich die von Senn betreuten Führer durch diese Maßnahmen brüskiert und wollten keine Führerdienste mehr übernehmen. Letztendlich aber waren Sorgen, Mühen und Ärger nicht umsonst gewesen. Am 4. September erließ der Statthalter von Tirol und Vorarlberg die vom DAV geforderte Bergführerordnung und schließlich wurde die Durchführung und Kontrolle dem Alpenverein überlassen. Gewissenhafte Auslese nach menschlicher und fachlicher Eignung, fundierte Ausbildung und soziale Absicherung nach Unfällen machten den Führerberuf begehrt und anerkannt. Senn konnte diese Entwicklung in ihren Anfängen noch miterleben und sich über das Ergebnis seiner Bemühungen freuen.

Abschied von Vent

       Viel Erfreuliches hatte das Leben dem alternden Menschen Franz Senn leider nicht mehr zu bieten. Nicht nur das Unglück mit Cyper verleidete Senn den Aufenthalt in Vent in zunehmendem Maße. Es war vor allem der Trubel in seinem Widum, der ihn mehr und mehr belastete. An Stüdl schrieb er: " ... Dann kamen Reisende 1 bis 2, 3 bis 6, 12 bis 20, 30 bis 53, in Summa während des ganzen Sommers 750, darunter das Maximum über eine Nacht - 53. Mein Haus war beständig voll ..."

       Was er einst für Vent gewünscht, wofür er stets gearbeitet und sich schwer verschuldet hatte, war ihm nun zur größten Belastung geworden: Vent hatte Weltruf erlangt. Sogar aus Australien kamen Gäste um die vielgepriesene Alpenwelt des Ötztales zu erforschen. Der wunderbare Weg über das Joch brachte auch Gäste, die nur ins Schnalstal, in die Dolomiten oder weiter nach Süden unterwegs waren. " ... Tag und Nacht keine Ruhe! Hat man hie und da solche, will man schlafen ... ich versichere Dich, im nächsten Sommer will ich nicht mehr in Vent sein. ..." vertraute er Stüdl an.

       Tatsächlich hatte Senn beschlossen, Vent zu verlassen und um die Übernahme einer Pfarrei anzusuchen. Als Pfarrer würde er ein besseres Gehalt beziehen und so seinen Schuldenberg leichter abtragen können. Dafür brauchte er aber eine "Pfarrkonkursprüfung", auf die er sich nun mit großem Eifer vorbereitete. An Stüdl schrieb er: " ...Aber bedenke, ich habe bloß in den Monaten März und April expreß auf die Prüfung studiert, während andere 3 - 4 Jahre darauf verwenden. Ich habe damals selbst während des Mittagsessens mein Buch neben mir gehabt und war für nichts anderes zugänglich. ..." Trotz einer schweren Erkrankung - im rechten Ohr hatte sich innerhalb des Trommelfells ein Abszess gebildet, welches zu völliger Taubheit auf diesem Ohr führte; außerdem mussten die Gaumenmandeln entfernt werden - war es Senn möglich, in Brixen eine " ... fast sehr gute ..." Prüfung abzulegen.

Nauders am Reschenpass

Das Denkmal für Franz Senn in Nauders.

       Senn bewarb sich nun um die Pfarrei in Neustift im Stubaital, wurde aber nach Nauders am Reschenpass versetzt. Auch dies wieder eine Enttäuschung! Es verwundert daher nicht, dass ihm der Abschied von seinem geliebten Vent schwer wurde.

       Auch die Venter selbst konnten es kaum fassen, dass ihr Kurat das Dorf verlassen wollte. Sie wussten wohl, was sie ihm zu danken hatten, aber die Arbeiten waren doch noch nicht abgeschlossen! Das Hospiz am Hochjoch war erst im Rohbau ... eine Alpenvereinshütte, die Samoarhütte sollte gebaut werden ... Und wer sollte in Zukunft die Bergführer sammeln, leiten und betreuen? Senn hatte auch dafür vorgesorgt: Sein Freund, Josef Grüner in Sölden übernahm alle diese Agenden und führte sie in Senns Sinne weiter.

       Der nunmehr 40-jährige Franz Senn trat also 1872 seinen Dienst im Pfarrhof von Nauders an, mit den besten Vorsätzen, diese Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Trotzdem war das Eingewöhnen schwierig, denn er hatte es hier mit einem ganz anderen Menschenschlag zu tun, als in Vent. Durch die Lage des Ortes an einer wichtigen Passstraße hatten sich wohlhabende Kaufleute hier angesiedelt. Auch die Bauern waren dank des flacheren Geländes und des milderen Klimas viel besser gestellt, als jene in den Hochlagen des Ötztales. Hier musste er sich fast ausschließlich auf die seelsorgerischen Aufgaben beschränken, auf die Hilfe für alte und kranke Menschen.

       Die Umstellung fiel Senn nicht leicht, und, was er vielleicht am meisten vermisste, waren die hohen Berge, die zu entdecken und erschließen er immer auch als seine Berufung angesehen hatte. Hier gab es nichts zu entdecken in den eisfreien, unattraktiven "Hügeln".

       Zu all diesen wenig erfreulichen Gegebenheiten wurde seine neue Heimat im 2. Jahr seiner Tätigkeit von einer schweren Typhus-Epidemie betroffen, die unzählige Opfer forderte. Senn tat sein Möglichstes, um zu helfen, zu trösten und Maßnahmen zur Vorbeugung zu setzen. Zudem litt er persönlich an jedem offenen Grab.

       Ein Jahr später traf den Ort neuerlich eine Katastrophe. Ein Großbrand zerstörte oder beschädigte viele Häuser des Ortes. Senn bemühte sich um die Obdachlosen, verfasste Eingaben an die Statthalterei, den Alpenverein und andere Stellen wodurch auch eine ansehnliche Summe an Spenden zusammenkam, die Senn verwaltete und an die Notleidenden verteilte.

       Neid und Missgunst führten zu dem Gerücht, er hätte Teile dieser Gelder zurückbehalten, um seine eigenen Schulden abzudecken. Senn war zutiefst verletzt und attackierte in seiner Predigt die vermeintlichen Urheber massiv, was schließlich sogar zu seiner Verhaftung führte. Auch wenn er schon am nächsten Tag mit Musikbegleitung wieder abgeholt wurde, konnte er diese ungerechte Verleumdung doch nicht vergessen.

       Waren diese schlimmen Gerüchte vielleicht Ursache dafür, dass seine Gläubiger alte Darlehen plötzlich kündigten? In seiner Not wandte sich Senn an den Alpenverein und ersuchte dringend um finanzielle Unterstützung, die er in 3 Punkte gliederte:

" 1. Daß die Generalversammlung für den im Jahre 1862 zu Vent zur Beherbergung von Touristen aufgeführten Hausbau nachträglich eine ausgiebige Unterstützung, c. 700 fl., mir bewillige oder auf 3 - 4 Jahre wenigstens ein unverzinsliches Darlehen von c. 2000 fl. Bis spätestens kommenden Lichtmeß verabfolge.

2. Der Alpenverein, resp. Die einzelnen Sektionen desselben, wollen mir zum Verkaufe die in meinem Verlage noch vorhandenen Exemplare des Kreuzspitz- und Hochjochpanoramas, je c. 70 an Zahl abnehmen und zwar um den Verlagspreis, ersteres zu 3 fl., letzteres zu 1 fl 80 kr ö.W. pr. Exemplar.

3. Die Mutter des Cyprian Granbichler habe ich jetzt bald 10 Jahre bei mir und dadurch eine Ausgabe von c. 700 Gulden, wofür ich um Unterstützung ersuche."

Dringend bat er Freund Stüdl im Schreiben vom 28. August 1878 in der Generalversammlung des Vereines in Ischl ein gutes Wort für ihn einzulegen. "Willfahre doch, flehe ich, meiner Bitte." schließt er seinen Brief.

Auch Stüdls Intervention nützte nichts. Der Alpenverein konnte oder wollte dieses Ansuchen nicht erfüllen. Zum Einen, aus prinzipiellen Erwägungen - es sollten nicht nachträglich finanzielle Beiträge zu irgendwelchen Bauvorhaben geleistet werden; zum Anderen aber flossen nicht unbeträchtliche Spenden nach Nauders und in viele andere Tiroler Gemeinden, denn schwere Unwetter hatten gerade in diesem Jahr 1878 in weiten Teilen des Landes Überschwemmungen und Vermurungen zur Folge. In Nauders waren durch einen Felssturz 18 Personen ums Leben gekommen.

Eine kleine Spende empfand der Pfarrer eher als Hohn, denn als Hilfe in seiner Notlage, und sein Verhältnis zum Alpenverein wurde mehr und mehr getrübt. Seine finanzielle Lage gestattete es ihm auch nicht an Versammlungen teilzunehmen. Zudem sorgte er sich, dass bei der Fusionierung zwischen ÖAV und DAV wieder Wien zum ständigen Sitz des Zentralausschusses werden könnte. "Dann haben wir wieder den starren Centralismus und der Deutsche Alpenverein wird zu einer Mißgeburt . Gott gebe, dass meine Befürchtung illusorisch sei ..." lesen wir im Brief an Johann Stüdl vom 14. 12. 1871. Die Geschichte des Alpenvereines zeigt, dass diese Befürchtungen tatsächlich "illusorisch" waren, aber bewusst oder unbewusst wurde Senn, von dem doch die Gründung des Vereines hauptsächlich ausgegangen war vom Vereinsleben ausgeschlossen, und zu den Generalversammlungen - wenn überhaupt - viel zu spät eingeladen. Ach der Briefverkehr reduzierte sich zusehends und beschränkte sich zumeist auf Anfragen, die seine touristischen Kenntnisse betrafen. Trotzdem engagierte sich Senn auch weiterhin für den Alpenverein, indem er die Gründung der Sektion Landeck (1876) und Nauders (1881) förderte.

Versöhnlicher Ausklang in Neustift

Pfarrer Franz Senn in seinen letzten Lebensjahren.
Franz Senn Hütte
Gedenkstein für Franz Senn in Längenfeld.

       Endlich gab es aber doch noch eine erfreuliche Entwicklung für Franz Senn: 1981 wurde er in die ersehnte Pfarrei nach Neustift versetzt, mitten hinein in die wunderbare Bergwelt der Stubaier Alpen. Soweit es sein Gesundheitszustand erlaubte, suchte er bei kleineren Bergtouren Erholung und seelischen Ausgleich.

       Das Führerwesen in diesem Tal war noch bei weitem nicht richtig in Schwung gekommen. Da tat sich für Senn wieder ein Wirkungsfeld so recht nach seinem Sinn auf. Auch für den Bau einer Unterkunftshütte am Fuß des mächtigen Alpeiner Ferners setzte er sich ein. Sie trug später seinen Namen: Franz Senn Hütte.

       So besserte sich auch das Verhältnis zum Alpenverein zusehends.. Er sah, wie seine Werke gediehen und der Alpenverein mächtig wuchs mit vielen Sektionen, die in ihren Arbeitsgebieten fast unglaublichen Aufschwung brachten.

       Leider war ihm keine lange Lebenszeit mehr bestimmt. Eine schweres, schmerzhaftes Leiden warf ihn aufs Krankenlager. Franz Senn starb am 31. Jänner 1884 im 53. Lebensjahr.

       Was blieb von ihm, dem Bergpionier, dem Gründer des Alpenvereines, dem Organisator des Bergführerwesens, dem Bauherren in Vent? Die höchste Spitze der Kreuzköpfe, der Sennkogel trägt seinen Namen, ebenso wie die prächtige Sennhütte am Alpeiner Ferner. Der wunderbare Saumpfad von Zwieselstein ins Schnalsertal wird Sennweg genannt. Es gibt Gedenktafeln an seinem Geburtshaus in Längenfeld und am alten Widum in Vent. Es gibt Denkmäler in Nauders und Längenfeld. Und es gibt ein Grab auf dem Friedhof von Neustift ...

Das Grab von Franz Senn in Neustift