Heinrich Wenzel

... war ein Bruder von Hermine Stüdl. Vermutlich durch seinen Schwager, Johann Stüdl beeinflusst, unternahm er einige größere Bergtouren in den Ostalpen und Dolomiten. Er war auch Mitglied der Sektion Prag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Herausragende Leistungen erbrachte er aber bei Felsklettereien in der Sächsischen Schweiz, wo er durch einige schwierige Erstersteigungen und Erstbegehungen zu den namhaften Erschließern dieses Gebirgsstockes gezählt werden kann.

Der folgende Aufsatz wurde im Februar 2015 in der Zeitschrift "Aus der Sächsischen Bergsteigergeschichte", Dresden, Heft 21, veröffentlicht.

Fotografien von Heinrich Wenzel: Archiv Elfriede Klein

Text: Albrecht Kittler, Oderwitzer Straße 10, 02747 Herrnhut, Kittler(at)online.de 



"Heinrich Wenzel, der bekannte Unbekannte"

Die Bergsteigergeschichte des Elbsandsteingebirges muß nicht neu geschrieben werden. Aber einer der ganz wichtigen Vertreter der Erschließergeneration ist in der Vergangenheit falsch "einsortiert" worden. Eine Abschrift der Geburtsurkunde aus dem in Leitmeritz gelagerten Matrikel hat vor allem Ende der 1990er Jahre für Aufsehen gesorgt, wähnte man sich doch nun dadurch im Besitz der "richtigen" Lebensdaten von Heinrich Wenzel, dem Erstbesteiger des Bloßstockes. Die jahrzehntelang benutzte Schreibweise im Kletterführer wurde geändert in "Wentzel" (u.a. Kittler: Kletterführer Böhmische Schweiz Band III, 1999; Heinicke: Kletterführer Sächsische Schweiz, Band Schrammsteine/Schmilkaer Gebiet (Seite 284), Auflage 2012).

Das dies aber ein Irrtum war und der Heinrich Wenzel nicht mit "t" geschrieben wird, hat sich im Laufe des Jahres 2013 durch neue Recherchen bestätigt. Anregungen dazu kamen aus dem Kletterführer 1908 von Rudolf Fehrmann, der in dem Führer u.a. Heinrich Wenzel für seine Unterstützung dankt, als auch aus der Festschrift zum 25jährigen Bestandsjubiläum der Sektion Teplitz-Nordböhmen 1912, in der Reginald Czermack Bezug auf Heinrich Wenzel in der bisher bekannten Schreibweise nimmt. Czermack erwähnt auch beiläufig, daß Wenzel der Schwager Stüdls gewesen sei.

Hier anzusetzen war logisch und letztendlich mit Erfolg beschieden. Schreibweise und Lebensdaten können nun richtig belegt werden: Die Familie Wenzel stammt aus Schönlinde im Böhmischen Niederland, wo Joseph Anton Wenzel am 9.3.1805 geboren wurde. Joseph Wenzel erlernte den Beruf des Buchhalters. Er starb am 7.4.1891 in Prag. Seine Ehefrau Antonia geb. Grohmann (13.7.1813-4.11.1897 Prag) stammte ebenfalls aus Schönlinde. Nach der Eheschließung 1835 wurden daselbst auch die ersten beiden Kinder (Auguste 1836 und Robert 1838) geboren. 1839 übersiedelte die junge Familie nach Wien, Krugerstraße 1011, wo Wenzel in das Wäschegeschäft seines Schwagers Joseph Grohmann eintrat. Hier wurde Heinrich Wenzel am 16.6.1840 geboren; 2 Jahre später folgte sein Bruder Othmar. Nach dem Tod des Schwagers verkaufte Vater Wenzel seinen Geschäftsanteil und erwarb in Prag in der Kleinen Karlsgasse das Wäsche- und Weißwarengeschäft "Zum Rumburger". Die weiteren Kinder Johanna (1844), Pius (1846), Antonie (1848), Joseph (1850), Hermine (verh. Stüdl, 1852) und Marie (1856) wurden in Prag geboren.

Heinrich wuchs in einer "gutbürgerlichen" Familie auf. In Prag genoß er seine Schulausbildung und ergriff wie sein älterer Bruder Robert den Beruf des Textilhändlers, um ins väterliche Geschäft einzusteigen. Offensichtlich war Heinrich aber bereits vor 1874 nach Tetschen an der Elbe übersiedelt, wo er als Kaufmann tätig war. Eine andere Berufsbezeichnung war "Agent".

Im Jahresbericht der Sektion Prag des DÖAV für 1874 wird er dort erstmals als Alpenvereinsmitglied aufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt (1872) hatte bereits der bekannte Alpinist und Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins Johann Stüdl (1839-1925) seine Schwester geheiratet und vermutlich die Sehnsucht zu den Bergen in der angeheirateten Familie, insbesondere bei seinem Schwager, begründet. Auf das Jahr 1880 zurückblickend steht im Jahresbericht der Sektion Prag des DÖAV zu lesen: "... im Juni fand ein gemeinsamer Ausflug mit unserer Nachbarsektion Dresden nach Lobositz und zur Ruine Koštial statt, der gewiß allen Teilnehmern in der angenehmsten Erinnerung geblieben. Nicht wenig trug zum Gelingen des Ganzen das Arrangement unseres Tetschner Mitgliedes des Herrn Heinrich Wenzel und die Mitwirkung unseres alpinen Quartettes bei." Die Bindung nach Prag riß also nicht ab. Inwieweit sich Wenzel zu dem später in Tetschen existierenden Kränzchen der dortigen Mitglieder der Sektion Prag des DÖAV hielt, konnte noch nicht festgestellt werden. Offensichtlich müssen Wenzels Geschäfte in Tetschen erfolgreich gewesen sein, denn immer wieder unterstützte er den Alpenverein Prag (u.a. für Payerhütte 16 Gulden, häufig 5 Gulden für Christbescherung usw.).

In Tetschen wohnte er in seinem eigenen Haus Nr. 741. Heinrich Wenzel starb als Junggeselle am 4.11.1911 an einem Gehirnschlag. Schon am 6.11. erfolgte die Überführung nach Prag, wo am 8.11.1911 auf dem Wolschaner Friedhof (Olšanske hrbitový, Vinohradská, Praha-Žižkov) die Beisetzung stattfand.

 

 

Eine Todesanzeige ist in der Tageszeitung in Tetschen nicht erschienen, nur diese Dankanzeige.

Die alpinistischen Erfolge von Heinrich Wenzel sind nicht aufsehenerregend, aber auch nicht nur Jochbummeleien. So wurden 1882 im Zillertal Triestner (2765 m) und Ingent (2917 m) bestiegen, 1883 der Großglockner (3798 m), 1884 gemeinsam mit Schwager Stüdl die Schesaplana (2965 m) und der Hochiss (2299 m) am Achensee. Auch 1891 war Wenzel mit Stüdl unterwegs und sie bestiegen das Schönbichler Horn (3134 m) und den Schwarzenstein (3369 m). 1892 bezwang Wenzel den Schalfkogel (3537 m) in den Ötztaler Alpen und von Sulden aus, gemeinsam mit Fritz Gerbing aus Bodenbach, die Cevedale (3769 m) über die Schaubachhütte. 1895 ging es über die Dresdner Hütte auf den Wilden Pfaff (3456 m) und den Becher (3196 m). Eine Wanderung durch die Dolomiten schloss sich an, bei welcher auch die Sachsendankhütte auf dem Nuvolau (2575 m) besucht wurde. 1897 dann der Ortler (3905 m) über die Payerhütte seiner Sektion, die Eisseespitze (3230 m) und erneut die Cevedale. Da war Wenzel bereits 57 Jahre alt.

Die Kletterei im Elbsandsteingebirge kann erst ab 1896 nachgewiesen werden. Dass Wenzel hier aber schon vorher zumindest wandern ging, belegt eine Notiz von einem Prager Alpenvereinsausflug im Jahre 1882 zum Rosenkamm, wo dem "Reisemarschall" Heinrich Wenzel für die vorzügliche Organisation und Führung gedankt wird. Seine bekannten Felsklettereien führte er alle als gestandener "älterer Herr" aus, was die damals erreichten Kletterleistungen umso höher einstufen läßt. Rudolf Fehrmann ordnet Wenzel den wichtigen Erschließern der Sächsischen Schweiz zu: "1899 wird ein neuer Grad der Schwierigkeit der Kaminkletterei gewonnen durch die erste Besteigung des Blossstockes. Verschiedene schon hatten versucht diese stolze Säule, die zu den gewaltigsten Gestalten unter der Kletterfelsen gehört, Herr zu werden, aber alle wurden zurückgeschlagen, bis Heinrich Wenzel und seine Begleiter am 28. Mai 1899 Sieger blieben. Von dieser Zeit an beginnt die Erschließung der Affensteingruppe, deren Gipfel die Bergsteiger bisher fern geblieben waren: Am 21. Juli 1899 setzten Fritz Brosin und Gefährten den Kletterschuh auf die Spitze der jetzigen "Brosinnadel", 1901 wurde unter Führung Hermann Sattlers zum erstenmale der Kreuzturm bestiegen, der seinen Nachbar, den Blossstock an Schwierigkeit wohl noch übertrifft. Wenzel, Sattler, Brosin, Fritz Gerbing gehören um die Wende des 19. Jahrhunderts zu den Führern des Klettersports. In der Zeit der ersten Besteigung des Kreuzturmes sind keine neuen Touren von besonderer Bedeutung zu nennen, und Blossstock und Kreuzturm galten als das Non plus ultra der Klettereien bis zum Jahre 1903." Vor allem mit den Gefährten Robert Püschner (1862-1908) und Fritz Gerbing (1855-1927) gelangen Heinrich Wenzel die bedeutenden Neutouren. Leider sind aus dieser Zeit keine Gipfelbücher erhalten, so daß deren gesamte Aktivitäten in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz nicht umfassend nachvollziehbar sind.

Erstbesteigungen und Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge:

Gerbingspitze Alter Weg IV; Heinrich Wenzel, Püschner, Gerbing, 1896 Fluchtwand Westweg IV; Heinrich Wenzel, Püschner, Gerbing, 11.11.1896 Neue Wenzelwand Alter Weg IV; Heinrich Wenzel, Gerbing, Püschner, 13.6.1897
Neue Wenzelwand Nordwestweg III; Heinrich Wenzel, Gerbing, Püschner, 13.6.1897, im Abstieg 25.3.1898
Falkenstein Gerbingvariante III; Fritz Gerbing, Püschner, Wenzel, 26.9.1897 Alte Wenzelwand Alter Weg II; Heinrich Wenzel, Gerbing, Püschner, um 1898 Alte Wenzelwand Nordwestweg I; Heinrich Wenzel, Gerbing, Püschner, um 1898
Südlicher Osterturm Wenzelweg IV; Heinrich Wenzel, Rohn, Püschner, 23.7.1898
Südlicher Osterturm
Brionvariante III; Georg Brion, Meylan, Wenzel, Oktober 1900
Bloßstock Alter Weg V; Heinrich Wenzel, Püschner, Gerbing, 28.5.1899 Brosinnadel Alter Weg V; Fritz Brosin, Wenzel, Püschner, Gerbing, 21.7.1899 Zinne (Falkenstein) Alter Weg IV; Heinrich Wenzel, Püschner, Gerbing, 17.9.1899
Morsche Zinne Westweg III; Heinrich Wenzel, Gerbing, Püschner, Rohn, 13.5.1900

Weitere Kletterwege wurden inzwischen anderen Bergsteigern zuerkannt bzw. sind als zu unselbständig eingestuft worden. Ansichten ändern sich auch über die Jahrzehnte!

 

 

Quellen:
- Denkschrift zur Erinnerung an den 25jährigen Bestand der Sektion
  Teplitz-Nordböhmen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereines
  1886-1911, Teplitz 1912
- Rudolf Fehrmann: Der Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz, Dresden
  1908 - Dietmar Heinicke u.a.: Kletterführer Sächsische Schweiz
  Band Schrammsteine und Schmilkaer Gebiet,
  Berg- und Naturverlag Rölke, 2012
- Schriftliche Mitteilungen (auch Fotos) von Frau Elfriede Klein, Salzburg
- Jahresberichte der Sektion Prag des DÖAV ab 1874, einsehbar unter
  www.dav-bibliothek.de/webOPAC/ 
- Internetseite zu Johann Stüdl www.johannstuedl.at, zuletzt abgerufen
  am 24.12.2014
- Nordböhmisches Tagblatt, Tetschen Jg. 1911
- Hans Pankotsch: Friedrich Gerbing, in IG-Heft 12, Dresden 2006
- Sterbebuch für die Stadt Tetschen,
  www.matriky.soalitomerice.cz/matriky_lite/pages  zuletzt abgerufen
  am 24.12.2014

 

 

Der Bloßstock von Westen. Der Wenzelkamin (= heute Alter Weg) beginnt hinter dem markanten Klemmblock in der Scharte. Der Bloßstock zählt zu den 10 bedeutendsten Klettergipfeln des Elbsandsteingebirges.