Theodor Trautwein, die "stille Seele" des Alpenvereins.

Eine kurze Lebensbeschreibung von Elfriede Klein, verfasst im März 2013.

Theodor Trautwein, gezeichnet von Otto Brandhuber.

Der vorliegende Text ist im Wesentlichen eine Zusammenfassung der Theodor Trautwein - Biografie von E. F. Hofmann aus der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Band 63, Jahrgang 1932, der auch das nebenstehende Portrait entnommen wurde. 

 

 

Kindheit und Jugend

    Am 19. Dezember 1833 wurde Theodor Trautwein in Stuttgart als einziges Kind von Karl Friedrich Trautwein und dessen zweiter Gattin Maria Anna Rosina zu Gilden, genannt "Christ", geboren. Die Mutter stammte aus Bremgarten, im schweizerischen Amt Bern. Sie war eine heitere, jugendlich strahlende Frau und liebevolle Mutter.

   Theodor hatte noch 2 Geschwister aus der 1. Ehe des Vaters, die allerdings um Einiges älter waren als er: Karl Josef, geboren am 27. 11. 1820, der nach 1844 nach Amerika auswanderte, wo er später als verschollen galt und Sophie Pauline, geboren 1823, die später den preußischen Ministerialsekretär Hesse in Berlin heiratete.

   Obwohl es keine Unterschiede in der Erziehung der Kinder gab, zeigte doch der große Altersunterschied Wirkung. Theodor war ein in sich gekehrtes, introvertiertes Kind, aber wissbegierig und lerneifrig. Er besuchte die Volks- und Lateinschule mit bestem Erfolg und hatte nur den einen Wunsch, die Universität zu besuchen, und zu studieren. Aber ähnlich wie bei Stüdl konnte auch für ihn dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen, wenn auch aus anderen Gründen. Während Stüdl aus einer begüterten Handels-Familie stammte, und nur der Tod des Vaters ihm den ungeliebten Kaufmannsberuf aufzwang, war im Hause Trautwein seit jeher Sparsamkeit angesagt. Des Vaters Einkommen als Professor an einer Mädchenschule war bescheiden; zudem war er häufig krank und brauchte immer wieder Urlaub. Trotzdem trachteten auch die Eltern Trautwein danach, ihrem begabten Sohn eine akademische Laufbahn angedeihen zu lassen.

 

 

Verlorene Träume.

   Dann aber brachen die Wirren der Revolution über Deutschland herein und mit ihnen Wirtschaftskrise und Inflation. Auch wenn der 15-jährige es nicht verstehen konnte und wollte, er musste sogar das Gymnasium abbrechen und als Kaufmannslehrling bei einem befreundeten Buchhändler mit zum Einkommen der Familie beitragen.

   Kaufmann! So hatte er sich seine Zukunft nicht vorgestellt! Unfroh, verschlossen und mürrisch stellte er sich dieser Aufgabe, aber auch gewissenhaft und zielstrebig, hoffte er doch, aus Eigenem den Schritt auf die Hochschule bewältigen zu können. 1852 schloss er die Lehre zur vollsten Zufriedenheit seines Lehrherren ab.

   Da starb ein Jahr später auch in dieser Familie der Vater und hinterließ die Seinen in kümmerlichen Verhältnissen. Auch hier versuchte ein Onkel der Witwe beizustehen. Finanzielle Unterstützung zu leisten vermochte er zwar nicht, aber er verschaffte der Mutter einen Nebenerwerb durch Privatunterricht. "Armut ist das schwerste Laster!" Diese Feststellung von Theodor Trautwein ist überliefert. Vielleicht dachte er an diese schwierigen Zeiten, als er sie traf, denn er begrub damals sein Wünschen und Sehnen.

   Der besseren Bezahlung wegen ging er als Buchhandlungsgehilfe zu "Oldenburg" in Bonn am Rhein. Auch hier stellte man ihm nur beste Zeugnisse aus. Seine Karriere war gesichert, und doch zog es ihn nach Süden. War es ein verlockendes Stellenangebot, das ihm den Weg nach München wies, oder hatte das Blut der Mutter, die aus den Bergen der Schweiz nach Deutschland gekommen war, auch in ihm die Liebe zur Bergnatur geweckt? Die Gründe, die ihn veranlassten, als Gehilfe in die "Lindauersche Buchhandlung und Verlag, Inhaber Karl Sauer" in München einzutreten, liegen im Dunkeln, doch die Zukunft von Theodor Trautwein wurde durch diesen Schritt nachhaltig positiv beeinflusst.

 

 

München und die "Lidauer'sche Buchhandlung und Verlag"

   Es war Februar 1858, als er in der Isarstadt eintraf, bei schönem Wetter offensichtlich, denn er erzählte später, wie sehr ihn die weiß-schimmernden Berge entzückt hatten, die sich mit ihren Spitzen und Zacken vom tiefblauen Winterhimmel abhoben und der klare Fluss mit den vereisten Ufern, der murmelnd und rauschend die Stadt durchströmte.

   Auch das Lidauer'sche Haus mit altertümlichen Holzlauben um den freundlichen Innenhof und kleinen, traulichen Zimmern, trug dazu bei, dass es Theodor von Anfang an gefiel in München. Trotzdem litt er - vor allem in der ersten Zeit an quälendem Heimweh. Doch er gab sein Bestes, voll ernster Pflichtbereitschaft und rastloser Energie. Er setzte sein ganzes Wissen und Können ein und wurde bald der "gute Geist" des Geschäftes.

   Im Gegenzug offenbarte sich ihm die ganze Vielfalt der Wissensschätze in den Buchbeständen. Hatte er dem Studium entsagen müssen, so konnte er doch lernen und sich weiterbilden nach Herzenslust. In seiner freien Zeit aber zog es ihn hinaus in die Natur. Er streifte umher, offenen Auges und sog die Schönheiten Bayerns in sich ein, Schwermut und Sorgen hinter sich lassend.

   Er wanderte auf unbegangenen Pfaden, durchschritt die herrlichen Wälder Südbayerns und erlebte begeistert die tiefblauen Alpenseen. Auf entlegenen Almen und Bergbauernhöfen kam er mit der Bevölkerung ins Gespräch und lernte deren Sorgen und Nöte kennen. Trautwein war kein Gipfelstürmer, wie Weilenmann aus der Schweiz, oder Tuckett aus England. Auch Anton von Ruthner aus Österreich und mehr und mehr dessen Landsmann Grohmann waren bekannte Namen in der Reihe der Bergpioniere.

Theodor Trautwein hingegen strebte nicht nach Gipfelruhm und wissenschaftlicher Forschung in den Bergen, er liebte die Wanderungen in unbekannte Winkel und Täler, die er auch ins Tirolerische hinein ausdehnte.

   Zwei glückliche Jahre ... Da starb plötzlich und unerwartet Karl Sauer ohne Nachkommen. Zu der Trauer um den verehrten Geschäftsherren gesellte sich die Sorge um die Zukunft. Mit einer Kündigung war zu rechnen, wenn das Geschäft verkauft wurde! Die Ängste waren unbegründet. Der Schwager des Verstorbenen, Karl Schöpping übernahm den Betrieb. Er versetzte den bisherigen Hauptgeschäftsführer Nedelen in sein Stammgeschäft nach Düsseldorf und wählte Trautwein zu dessen Nachfolger. Ein gewaltiger Schritt voran!

   Auch im Haus änderte sich manches, als der neue Firmeninhaber mit seiner Frau und einem Rudel Kinder nach München zog. Lebhaft und fröhlich ging es nun zu in den alten Mauern, und auch Trautwein dachte gelegentlich daran, dass es schön wäre, eine Familie zu gründen. Doch zunächst gab es manches, was ihn davon abhielt. Seine über 60-jährige Mutter bedurfte trotzdem sie nach wie vor Unterricht erteilte seiner Unterstützung, die mager genug ausfiel. Es belastete den Sohn dass er ihr keinen leichteren Lebensabend ermöglichen konnte. Auch wollte er eine Gattin nicht in einen Haushalt der Kümmerlichkeit heimführen. Erst musste er sich und den seinen bessere finanzielle Verhältnisse schaffen, was nun im Bereich des Möglichen lag.

   Zum Wohle des Betriebes stürzte er sich vermehrt in die Arbeit, die ja auch das Verlagswesen umfasste. So kannte er alle Neuveröffentlichungen unter anderem auch "Das Bayrische Hochland" von Ludwig Steub. Trautwein las das Buch mit Begeisterung. Bald kannte er auch den Verfasser, der mit seinem Werk versucht hatte, die Gleichgültigkeit gegenüber den Bergen, die bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung vorherrschte, zu vertreiben und Interesse und Hinwendung zu wecken. Trautwein erkannte klar, was diesem Buch fehlte, um das gesteckte Ziel zu erreichen: Die praktische Seite.

 

 

Trautwein wird Verleger.

   Zwar gab es noch einige Führer durch Bayern; die waren aber ungenau und veraltet. Sogar im Baedeker aus dem weltberühmten Reiseverlag gab es grobe Mängel. In seinem Zimmer aber häuften sich Aufzeichnungen und Notizen. Man brauchte sie nur zu sichten, zu ordnen und gegebenenfalls zu ergänzen und ein praktikabler Führer wäre fertig. Schöpping, sein Chef konnte allerdings diesen Überlegungen nichts abgewinnen. Er zweifelte ernstlich daran, dass sich für einen Führer abseits der Hochgebirge genügend Interessenten finden könnten, um ihn gewinnbringend aufzulegen. Trautwein aber war Feuer und Flamme und erwirkte die Zustimmung, das Werk auf eigene Kosten zu entwickeln.

   5 Jahre lang arbeitete er verbissen daran, oft bis tief in die Nächte. Jeden freien Tag nützte er, um ergänzende Nachforschungen zu betreiben und neue Erkenntnisse zu sammeln. Inzwischen arbeitete auch die Zeit für ihn und sein Werk: Die Periode der Romantik war angebrochen und brachte Hinwendung zur Natur und steigendes Interesse an der Alpenwelt.

 

 

Der Österreichische Alpenverein 

   1857/58 war in London der erste Alpine Club gegründet worden. 1862 entstand in Wien der Österreichische Alpenverein. 1863 lag dessen Jahrbuch im Lidauerschen Laden auf. Trautwein erkannte sofort die hervorragende Qualität dieses Werkes, das außerdem dieselben Ziele verfolgte, die auch ihm vorschwebten: Die Berge den Menschen näherzubringen. Ein reger Briefwechsel mit Wien setzte ein und Trautwein war bald nicht nur Mitglied, sondern auch ein eifriger Sachwalter des neuen Verbandes. Später wurde er ganz offiziell "Bevollmächtigter" des ÖAV in Deutschland.

   Auch von dieser Seite erhielt er wertvolle Unterstützung für sein Taschenbuch, dessen Inhalt mehr und mehr anschwoll. Weihnachten 1865 war es endlich so weit: Trautwein brachte seinen "Wegweiser durch Südbayern, Nordtirol und die angrenzenden deutschen Teile Salzburgs" heraus. Die Verlagsrechte blieben bei ihm, sein Dienstherr übernahm die "Komission", also den Vertrieb.

   Das eher unscheinbare Büchlein mit 145 eng beschriebenen Seiten, war in seinem Haupttext in 48 Abschnitte unterteilt. In der Einleitung fanden sich Ratschläge über Ausrüstung, Verköstigung, Unterkunftsmöglichkeiten und vieles mehr. Als sehr vorteilhaft für die damalige Zeit, da Deutschland in viele Kleinstaaten aufgesplittert war, erwies sich eine Geld- und Münztabelle der verschiedenen Währungen. Die Karte am Ende des Buches enthielt noch viele leere, unerforschte Gebiete, sowie namenlose Gipfel und Übergänge, die in vielen Benützern den Wunsch weckte, diese Lücken zu füllen. Aus Fachkreisen erhielt Trautwein manche Anerkennung; u.A. schrieb v. Ruthner einen sehr schmeichelhaften Brief. Vor allem aber wurde das Buch gerne gekauft! Noch ehe der Verfasser alle Änderungen und Ergänzungen durchführen konnte, die ihm übermittelt wurden, war schon eine Neuauflage notwendig.

   Viel Arbeit kam auf ihn zu, aber auch viel Freude. Trautwein trat aus seinem Schattendasein heraus und qualifizierte sich als erfolgreicher Unternehmer, denn das Büchlein war auch ein kommerzieller Erfolg. Er erhielt den ehrenvollen Auftrag, an der Zweitauflage von Schaubachs "Deutsche Alpen" mitzuwirken. Die Mitarbeit dauerte lange und wurde gut bezahlt. Mehr als bisher setzte sich Trautwein auch für den Österreichischen Alpenverein ein. Er warb neue Mitglieder und forcierte den Verkauf der Jahrbücher. Neue Namen tauchten auf: Neben Grohmann und v. Ruthner die weiteren Mitbegründer dieses Vereines, Sommaruga und Moisisivics, sowie Sonclar, der unzählige Gipfel in den Ostalpen vermessen hatte, schließlich Payer, der Dachstein- und Ortler - Pionier und spätere Polarforscher und Egid Pegger, der die Anregung zu Stüdlhütte und Stüdlgrat gegeben hatte und natürlich Johann Stüdl, der diese Ideen in die Tat umsetzte. Theodor Trautwein kannte sie bald alle, auch den Gletscherpfarrer aus dem hinteren Ötztal, Franz Senn. Lebenslange Freundschaften entstanden, insbesondere zu dem ihm wesensverwandten Stüdl aus Prag.

   Der Krieg zwischen Deutschland und Österreich, 1866 brachte für die junge alpine Bewegung herbe Rückschläge Die Grenzen wurden geschlossen, teilweise auch wegen der Rinderpest, die in Vorarlberg und Nordtirol wütete. Freilich währten diese Barrieren nicht lange, und stärker als vorher setzte ein regelrechter Ansturm auf die Alpengipfel ein. Während Senn - bis auf wenige Ausnahmen - fast im Alleingang mit seinem Lieblingsführer Cyprian Granbichler Gipfel um Gipfel in der Ötztaler Gruppe bezwang, trat in Deutschland der Feuergeist Karl Hofmann auf den Plan. Im Kaisergebirge erwarb er seine ersten touristischen Lorbeeren, den Dachstein bezwang er auf neuem Wege von Gosau aus, Untersberg, Göll, Watzmann bestieg er sozusagen "im Vorübergehen", ehe er sich schließlich auch den Hochalpen zuwandte. Nur um 14 Tage verfehlte er seinen nachmaligen Herzensfreund und Tourengefährten, als er den Glockner bestieg. Aber der Name Stüdl hatte in Kals schon einen guten Klang, und Hofmann brannte darauf, ihn kennenzulernen. Zunächst gelang ihm aber noch die Erstbesteigung des Hochgall in der Rieserfernergruppe, ehe die kalte Jahreszeit die alpinistische Ruhepause erzwang.

   Anläßlich der Gründung des Deutschen Alpenvereines trafen Hofmann und Stüdl erstmals zusammen, und verabredeten gemeinsame Touren auf den Watzmann und vor allem im Glocknergebiet, das sie in beispiellosen Gewaltmärschen gründlich erforschten. Die Ergebnisse dieser "Wanderungen in der Glocknergruppe" wurden in der von Trautwein redigierten "Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins", Band II ab Seite 173 veröffentlicht. 

   Auch Trautwein zog es nun wieder vermehrt in die Berge, als er 1867 seinen "Wegweiser" neu bearbeitete, Innsbruck, Bozen und Meran sollten in das Werk mit aufgenommen werden, Mit seinem liebsten Tourengefährten, dem Münchner Buchhändler Waitzenbauer durchquerte er Tirol von Nord nach Süd. Sie besuchten auch den Kuraten Franz Senn, in seinem Widum in Vent. Dieser, selbst Mitglied des Österreichischen Alpenvereines war mit dessen zentralistischer Organisation von Wien aus schon seit längerem unzufrieden. Vor allem störte ihn die einseitig wissenschaftliche und literarische Ausrichtung, die den weitaus größten Teil der verfügbaren Geldmittel verschlang, während für die in den Statuten festgelegte "Erleichterung der Bereisung der Alpen" durch Wegebauten und Unterkunftshütten so gut wie keine Gelder verfügbar waren.

   Senn hatte ja mit der Unterstützung durch den Alpenverein gerechnet, als er den Neubau des Widums und den Wegebau aus dem Ötztal hinauf nach Vent und weiter über das Hochjoch ins Schnalstal in Angriff nahm. Bis auf ein paar vergleichsweise lächerliche Spenden blieb er aber auf einem Schuldenberg sitzen, der ihn bis an sein Lebensende drückte und quälte. In den beiden Münchner Gästen, vor allem natürlich in Trautwein erblickte er nun die geeigneten Helfer, um einen neuen, besseren Verein auf den Weg zu bringen. Ein Alpenverein mit Sektionen nach Schweizer Muster schwebte ihm vor. Doch all sein Eifer und seine Überredungskünste waren vergeblich. Trautwein gestand zwar Mängel in der Organisation des ÖAV ein, doch hätte er es als schweren Verrat empfunden, als "Mandatar" des Vereines an ein Abschwenken von diesem auch nur zu denken!

   Dabei keimte im Verein auch schon die Spaltung von innen heraus. Anton von Ruthners autoritäre Führung war den Mitbegründern Grohmann und Moissisovics schon länger ein Dorn im Auge, und das Unbehagen wuchs, bis es schließlich zum offenen Bruch kam. Auch Johann Stüdl hatte, als er den Kalsern die finanzielle Unterstützung beim Bau der Hütte auf der Vanitscharte und des "Neuen Kalser Weges" über den Südgrat des Großglockners versprach, zunächst an eine Hilfe von Seiten des Alpenvereines gedacht. Sein Vermögen reichte aber aus, ohne nachhaltige Verschuldung die beiden Vorhaben aus eigenen Mitteln zu finanzieren.

   Auch ihm hatte Senn mündlich und vor allem brieflich seine Ideen eines "anderen" Vereines dargelegt. Wie Trautwein zögerte auch Stüdl aus ähnlichen Überlegungen. Sein stets verbindliches, ausgleichendes Naturell neigte eher dazu, in Wien eine Statutenänderung zu erreichen, um eine Konfrontation zu vermeiden. Hofmann, der Jungstar unter den bekannten Alpinisten gehörte ebenfalls zu den frühen Mitgliedern des Österreichischen Vereines. Er hatte sogar selbst schon Beiträge für das Jahrbuch verfasst und seine Unternehmungen in vielen anderen Medien publiziert. Er schätzte und achtete die wissenschaftliche und literarische Arbeit des Vereines durchaus; aber, er hatte auf seinen Fahrten auch die Nöte der Bergbewohner kennengelernt, er wusste von Lawinenunglücken, Vermurungen und Überschwemmungen, die zusätzliches Elend über die Bevölkerung brachten. Den Menschen in den Bergen zu helfen, sollte doch Vorrang haben vor bibliophilen Werken, und seien sie noch so interessant.

   Die Gründung einer "Geographischen Gesellschaft" in München schien ihm die ideale Ergänzung zum ÖAV. Gerade in diesem Jahr hatten schwere Überschwemmung in seiner engsten Heimat, Südbayern, einen Großteil der Ernten zerstört und damit viele Bauern um ihre Existenz gebracht. Hilfe für die Notleidenden kam aber auch von hier nicht. Zwar wurde gesammelt - ein ansehnlicher Betrag - doch dieser war für eine weitere Polar-Expedition des Gast-Vortragenden Capitain Coldeway bestimmt. Hofmann war empört!

 

 

Der Deutsche Alpenverein entsteht. 

   "Unsere Alpen zuerst!" Das war von nun an sein Ziel, und mit der ihm eigenen Tatkraft und Impulsivität ging er auch gleich ans Werk. Franz Senns Ideen und Ziele waren ab nun auch die seinen. Sein Freund Stüdl war schon halb gewonnen, wenn er auch noch immer hoffte, in Wien etwas bewegen zu können. Hofmann hatte in München eine "Alpinistenrunde" um sich geschart, die sich wöchentlich traf und sich gegenseitig anfeuerte zu neuen Taten. Auch hier warb er nun für die Ideen Senns: Ein Verein für die Deutschen Alpen und ihre Bewohner, ein Verein mit Sektionen sollte gegründet werden.

   Und Trautwein? Er war sein Mentor, beinahe seit Karl denken konnte. Schon als Kind war er wissbegierig und belesen und früh schon durfte er sich seine eigene Literatur in der Lidauer'schen Buchhandlung suchen. Der 10-jährige Karl hatte mit seiner Mutter den Wendelstein bestiegen und war seither glühender Verehrer der Hochgebirgswelt. Trautwein musste ihm alle Neuerscheinungen auf diesem Gebiet zum Lesen verschaffen; er konnte gar nicht genug davon haben. Anfangs belächelte Trautwein den Knaben, doch schon bald erkannte er, welche Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit in ihm steckte. Er genoss die die Gemeinsamkeit der Interessen und ließ sich von der Begeisterung des jungen Hofmann gerne anstecken. Eine herzliche Freundschaft verband die beiden als Karl noch Gymnasiast war, die erst mit dem tragischen Tod des 24-jährigen auf den Schlachtfeldern um Sédan im deutsch-französischen Krieg sein Ende fand.

   Nun suchte Hofmann auch Theodor umzustimmen: "Wir müssen den Alpen helfen, das ist unsere Pflicht!" Trautwein sah vieles ein, doch mit seinem Gewissen konnte er nur schwer ins Reine kommen. Vielleicht war die Reise von Senn und Stüdl nach Wien der letzte Anstoß, dessen es bedurfte, dass er seinen Wiederstand aufgab. Noch einmal sollte ernsthaft versucht werden, von Ruthner zum Einlenken zu bewegen, doch dieser wollte von Veränderungen nichts wissen. Dagegen gab es auch in Wien schon an die 100 Unzufriedene, die einem neugegründeten Deutschen Alpenverein beizutreten wünschten. Nun gab es keine Schranken mehr! Hofmanns Onkel, Oberlandesgerichtsrat Ernst Kleinschrod half bei der Abfassung der Statuten und am 9. Mai 1869 bildete sich der DAV zugleich mit der ersten "Sektion München".

   Trautwein zählte vom Anfang an zum Ausschuss und - noch wichtiger, er übernahm im 1. Jahr die Schriftleitung für die Publikationen des jungen Vereines. Ihm war es zu danken, dass die "Zeitschriften des DAV" dem Jahrbuch des Österreichischen Vereines bald zur ernsthaften Konkurrenz wurde. Trautwein bestand darauf, dass die Vereinshefte in zwangloser Folge erschienen, um Gelegenheit zu haben, auf aktuelle Geschehnisse früher reagieren zu können, als ein jährlich erscheinendes Buch. Auch stand man nicht unter Zeitdruck, wenn Dinge erst erörtert werden sollten oder andere Meinungen zu berücksichtigen waren.

   Trautwein brachte neben den enormen Kenntnissen der Alpinliteratur auch sein immenses Fachwissen auf kulturellem Gebiet in dieses Amt ein. Dazu sorgte er mit vorzüglichen Kartenbeilagen für noch größeres Interesse in Fachkreisen. Er wirkte aber auch in der Organisation des Vereines kräftig mit - fast unbemerkt und jedenfalls unbedankt; "ein namenloser Handlanger", wie er sich selbst manchmal bezeichnete.

   Er sorgte dafür, dass der Verein keine "Domäne Auserwählter", kein Verein der Gipfelstürmer war, sondern dass die alpine Bewegung für jeden interessant wurde. Mit Hofmann zusammen baute er das Vortragswesen des Vereines auf und übernahm auch mit ihm gemeinsam die Presseangelegenheiten. Senn und Stüdl organisierten das Führerwesen; Trautwein verfasste dafür Eingaben, Satzungen und erledigte den umfangreichen Schriftverkehr. Ein unermüdlicher Arbeiter stets mit Freude und Begeisterung in 1000 Angelegenheiten am Werk.

   Freilich hätte er alle diese Tätigkeiten nicht übernehmen können, hätte sein Dienstgeber Schöpping ihm nicht stets Entgegenkommen bewiesen. Wohl zahlte Trautwein der Firma eine Abfindung für den Arbeitsentgang während er die Schriftleitung der "Zeitschrift" inne hatte, aber viele Besprechungen und Sitzungen fanden im Hinterstübchen des Lidauer'schen Hauses statt - ohne Zeitausgleich. Selbstverständlich profitierte das Geschäft auch durch die Alpenvereinstätigkeit seines Prokuristen. Wer alpine Fachliteratur suchte, kam zuerst hierher und wurde sicher fündig.

   Dem jungen, aufstrebenden Verein stand aber die erste ernsthafte Prüfung bevor: Der Deutsch-französische Krieg brach aus und riss den eifrigsten, ideenreichsten, unermüdlichsten mitten aus seinem jugendfrohen Schaffen! Karl Hofmann starb den Heldentod im Ringen um Bazeilles. Trautwein trauerte tief und schmerzlich um seinen jungen Freund, wie viele andere auch! Hofmann, der Motor des Vereines dahingegangen! Was sollte nun werden? Hofmann war ja auch einer jener gewesen, die eine Vereinigung der beiden Alpenvereine anstrebten. Im Herbst 1869 war er noch in Wien gewesen, um dort für einen derartigen Schritt zu werben. Seine Bemühungen waren noch nicht von Erfolg gekrönt, doch wurde der Beschluss gefasst, Wien, mit der dortigen Sektion des DAV zum Vorort zu wählen, also, das Präsidium für 1870/71 nach Wien zu verlegen, um weitere Verhandlungen leichter führen zu können.

 

 

Gemeinsam - ein schwieriger Weg.

   Es gab ja auch in Wien viele Mitglieder, die beiden Vereinen angehörten und diese Bestrebungen unterstützten. Das Jahrbuch des ÖAV hatte sich seit der Gründung des deutschen Vereines mit seinen "Zeitschriften" zu einem Sorgenkind entwickelt. Es wurde zunehmend schwieriger, qualifizierte Beiträge zu erhalten und dem hohen Standard weiterhin gerecht zu werden. Das Angebot, wenigstens auf diesem Gebiet nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten, wurde daher - wohl gegen mancherlei Wiederstände - angenommen. Mojsisovics sollte die Redaktion leiten, ein "Münchner" ihm zur Seite gestellt werden. Trautwein sollte es sein, doch da gab es massive Schwierigkeiten. Für längere Zeit den Betrieb zu verlassen, um in Wien an dem neuen Jahrbuch zu arbeiten, das wollte Karl Schöpping seinem Prokuristen nicht zugestehen. Tat er es dennoch, riskierte er vielleicht die Kündigung. Man bot ihm in Wien ein Jahresgehalt von 300 fl, doch Trautwein konnte sich nicht durchringen. Seine Loyalität dem Unternehmen gegenüber, in dem er nun seit 13 Jahren gedient hatte, war stärker. "Rede doch Haushofer zu, die Redaktion in Wien zu übernehmen", schrieb er an Stüdl. Karl Haushofer, Stüdls Freund aus Jugendtagen, inzwischen Hochschullehrer in München, sagte zu, "wenn Trautwein ihm beistünde". Das wollte dieser gerne tun. Die Mithilfe freute ihn, und das gelungene Werk, die "Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins" konnte sich sehen lassen. Der erste Schritt zur Gemeinsamkeit war getan. Von Ruthner hatte sein Amt als Vorsitzender des ÖAV zurückgelegt, doch im Präsidium war man zu einer Fusionierung noch immer nicht bereit, obwohl der Gegensatz ein Unding, die Einigung einfach eine Notwendigkeit war!

Trautwein und Stüdl beschlossen, den Frieden zu erzwingen. Für 23. August 1873 war die Generalversammlung in Bludenz angesetzt. Da sollte es geschehen. Zunächst verschickten sie an alle "Doppelmitglieder" die folgende Einladung:

 

                           Hochgeehrter Herr!

   In der Voraussetzung, daß Sie als Mitglied beider Vereine die Fusion des Österreichischen und Deutschen Alpenvereins lebhaft wünschen, laden wir Sie ein, Ihr Einverständnis mit beiliegender Äußerung zu erklären, welche der am 16. folgenden Monats stattfindenden Jahresversammlung des Österreichischen Alpenvereins unterbreitet werden soll. Antragstellen und Vertretung von Stimmen nicht Anwesender ist bekanntlich unzulässig. Da die Zeit bereits drängt, so ersuchen wir Sie, anliegendes Blankett unterzeichnet  m i t  W e n d u n g  d e r      P o s t  d i r e k t  an

                                              Herrn J.A. Specht, Wien

zu senden; es wird darür gesorgt werden, daß unsere Bestrebungen zur Geltung kommen.

                                                  Mit Hochachtung!

        J. S t ü d l                                                                T h. T r a u t w e i n"

 

Diesen Text sollten die Angesprochenen per Post an J. A. Specht nach Wien senden:

   "Der Unterzeichnete erklärt sich mit der, von Herrn J. Stüdl, Prag und Th. Trautwein, München unterm 15. April erlassenen Erklärung einverstanden und wünscht diese seine Überzeugung in der Jahresversammlung des Ö. Alpenvereins zur Geltung gebracht.

    .................................................,                                                 April 1873

 

Der Deutsche und Österreichische  Alpenverein.

   Gleichzeitig versuchten sie auch in persönlichen Gesprächen den Anschlussgedanken weiter zu verbreiten. Vor allem Trautwein scheute keine Mühen und reiste viel umher, um der versöhnlichen Stimmung zum Durchbruch zu verhelfen. Tatsächlich gelang es in Bludenz endlich die Gemeinsamkeit durchzusetzen. Der Österreichische Alpenverein würde sich mit der Sektion Wien des DAV zur großen Sektion Austria vereinigen - neben München ab sofort die größte Sektion des nunmehr Deutschen und Österreichischen Alpenvereins.

   Die Mühen hatten sich gelohnt. Der Verein wuchs nun mächtig! Die Sektionen wetteiferten im Bau von Hütten und Wegen. Trautweins Lieblingsprojekt, einer Hütte auf der Zugspitze wurde nun Wirklichkeit. Die "Knorrhütte" entstand. Auch im Kaisergebirge wünschte er sich ein Unterkunftshaus, das allerdings erst später verwirklicht wurde. Oft gab Trautwein Hinweise für günstige Hüttenplätze und notwendige Wegebauten. Zum Beispiel kam die Anregung zum Bau der Payerhütte, dem Meisterwerk Johann Stüdls und seiner Sektion Prag von ihm.

 

 

Vom "Wegweiser" zum "Ostalpenführer". 

   Rastlos arbeitete er, denn auch sein "Wegweiser" verlangte immer wieder Erneuerungen und Ergänzungen. Systematisch gliederte Trautwein Gruppe um Gruppe ein: Südtirol, Steiermark, Kärnten, Krain, die Dolomiten, dann Oberitalien mit seinen Städten, eine ganz außergewöhnliche Neuerung. Trautweins Handbuch - längst war es kein "Büchlein" mehr - war anerkannt der beste aller Reise- und Wanderführer in diesen Gebieten. Er bewirkte aber auch, dass die anderen Verlage - allen voran Baedeker - große Anstrengungen unternahmen, um mit ihm Schritt zu halten. So wurde die Qualität derartiger Bücher insgesamt verbessert, und die Reise- und Wanderlust in der Bevölkerung stieg beständig.

   Was Trautwein und seinem "Wegweiser" fehlte, war ein fähiger Kartograph. Der lebte in Immenstadt: Anton Waltenberger, Bezirksgeometer, Allgäuerschließer, Gründer der Sektion Allgäu-Immenstadt des DuÖAV. Auch er gab Wanderführer heraus und zwar in Lamparts Verlag. Gute Bücher, das mußte auch Trautwein eingestehen, obwohl ihr Inhalt sich mit seinen Beschreibungen nicht selten überschnitt. Lampart wollte "Burgfrieden schaffen", wie es Waltenberger ausdrückte. Nicht gegeneinander, sondern miteinander sollten sie schaffen. Eine glückliche Wendung, denn zwischen Waltenberger und Trautwein entstand eine tiefe Freundschaft, eine erstaunliche Harmonie in Auffassung und Lebensweise. Ohne Meinungsverschiedenheiten umgrenzten sie ihre Arbeitsgebiete. Als Waltenberger nach München befördert wurde, trafen sie sich oft zu vertraulichen Gesprächen. Sie arbeiteten zusammen, beeinflussten einander gegenseitig auch stilistisch.

   1875/76 war die Einigkeit im Alpenverein wieder gefährdet. Wien trachtete danach, die Schriftleitung an sich zu bringen. Durch das Erscheinen der "Mitteilungen des DuÖAV" war die Arbeit mächtig angewachsen, und Haushofer war amtsmüde, aber die Veröffentlichungen wollte man in München nicht aus der Hand geben. Man trat an Trautwein heran. Er war der logische, der fähigste Schriftleiter. Doch Trautwein formulierte Bedingungen: Nur in einem fixen Arbeitsverhältnis mit einem Gehalt von 2000 Mark, dazu Nebenkosten für Büro etc. wollte er die Stelle einnehmen; außerdem verlangte er die ungeteilte Schriftleitung mit einem Vertrag auf 10 Jahre und völlige Freiheit in literarischen Entschlüssen. Dazu mussten die Statuten geändert werden, was nur in einer Generalversammlung möglich war.

   Die Hauptversammlung 1875 in Frankfurt aber brachte keine Einigung. Noch hatte Haushofer das Amt inne, doch er war leidend, konnte und wollte nicht länger weitermachen. Grohmann in Wien wollte Ißler den Posten übertragen, dem Bruder von Vater Trautweins erster Gattin, fast ein Familienmitglied Theodors also. Trautwein war empört und erwog ernstlich den Austritt aus dem Alpenverein.

   Stüdl, der ausgleichende Vermittler gab sein Bestes: Er besänftigte Trautwein, bestürmte Grohmann mahnte und verhandelte ... Bei der Generalversammlung 1876 in Bozen endlich die Einigung: "Trautwein übernimmt die Schriftleitung, ungeteilt, bei 2400 M Gehalt und einer Verpflichtung auf 3 Jahre." Er stürzte sich mit Feuereifer in die ihm gestellte Aufgabe und, nicht ohne Stolz erwähnte er später: "Die Zeitschrift des Alpenvereins ist sicher mein eigenstes Werk." Weniger Freude hatte er mit den "Mitteilungen". Sie waren eher seine Sorgenkinder. Doch sein alpines Wirken war weitum anerkannt.

   Am 1. Feber 1881 wurde ihm von Generaldirektor Halm die Stelle eines Assistenten, Kassiers und Rechnungsprüfers der Staatsbibliothek in München angeboten, bei einem Verdienst von 2000 M. Nun war er Beamter des Staates. Seine Finanzen nicht nur geordnet, sondern gut über dem Durchschnitt. Seiner greisen Mutter redete er zu, nun endlich die Arbeit ruhen zu lassen. Er konnte für sie sorgen und hätte sie gerne zu sich genommen. Aber Stuttgart verlassen wollte sie nicht. 3 Jahre später schlief sie sanft ins Jenseits hinüber.

 

 

Gattin Magdalena - "die brave, gute Hausgenossin". 

   Die Hochzeit des Sohnes hat sie nicht mehr erlebt, denn jetzt war es auch Zeit, einen Hausstand zu gründen:

 
                        "Ihre Vermählung beehren sich anzuzeigen 

        Theodor Trautwein                                            Magdalena Trautwein
k. Sekretär a. d. k. Hof- und Staatsbibliothek,                 geb. Schneider

                                 München, den 11. März 1884."

 

   Magdalena war die Tochter des Wasseraufsehers Franz Xaver Schneider und seiner Gattin Josefa. Sie war Witwe nach dem Buchhändler Irlbacher, und mit ihrem Sohn Josef zu den Eltern nach München gezogen. Die Freunde hatten gewarnt: "Sie taugt nicht für Dich!" "Sie hat nicht Deine Bildung!" "Sie ist zu alt! - 43 Jahre!" Die Verlobte schwieg. Der Bräutigam lächelte. Die Freunde wurden Trauzeugen: der Buchhändler Friedrich Karl Müller und der Obergeometer Waltenberger ...

   An seinen Freund Stüdl in Prag schrieb Trautwein noch im selben Jahr: "Mit meiner Verheiratung habe ich allen Grund zufrieden zu sein. Ich besitze ein Weib, das mir alle guten Eigenschaften einer Frau mit in die Ehe gebracht hat, Tugend, Häuslichkeit, ökonomischen Sinn, guten Humor und ein einfaches Wesen. Es geht alles ruhig seinen Weg und ich danke Gott für dieses unverdiente Glück, das er mir geschenkt hat." Die Ehe war glücklich, auch wenn den Gatten eigene Kinder versagt blieben. Mit dem Stiefsohn verstand sich Trautwein gut, obwohl dieser nicht, wie er es gerne gesehen hätte eine akademische Laufbahn einschlug, sondern einen handwerklichen Beruf anstrebte.

   1890 ordnete er seinen Nachlass. Es war ein ansehnliches Vermögen, in welches er seine Gattin testamentarisch als Alleinerbin einsetzte. Er hatte ja keine Verwandten mehr, außer einer Halbschwester, und die war gut versorgt.

   Die Arbeit aber wurde nicht weniger, sie wurde mehr, denn Lampart ward Trautweins Verleger. Der "Wegweiser", nunmehr "Ostalpenführer" genannt, wurde weltberühmt, ebenso der "Führer durch München", den Trautwein aus den "Morinischen Spaziergängen" zum unentbehrlichen Taschenbuch für alle Besucher der Bayern-Metropole gemacht hatte. Die Arbeit im Alpenverein hielt ihn weiterhin auf Trab. Er errichtete einen "Lesetisch" und organisierte einen "alpinen Fragekasten", sowie ein Archiv für seine Bildersammlung. Es gab kaum eine Sitzung, die er versäumte - kurz, er war unentbehrlich!

   Da wurde er krank! Magenverengung. Die Operation gelang, aber die Gattin machte sich Sorgen! Sie wollte ihn daheim haben. Sie hatte sein rastloses Arbeiten ja tatsächlich nie verstanden. Trautwein spürte auch selbst, dass er oft müde war. Da trat er von allen Ämtern im Alpenverein zurück; blieb nur noch in seinem Hauptberuf in der Bibliothek, wo er zum ersten Sekretär aufgestiegen war.

   Das 25jährige Jubiläum des Alpenvereines stand bevor. Theodor Trautwein sollte es nicht mehr erleben. Er starb an einer Lungenentzündung am 29. Juni 1894.

   Groß war der Kreis der Trauernden, groß die Lücke, die er hinterließ. Die Sektion München veranstaltete einen "Ehrenabend", um seiner zu gedenken.

Mehr noch trauerte seine Witwe, seine "brave, gute Hausgenossin". Seit 1911 ruht sie an seiner Seite auf dem Münchner Nordfriedhof.