Wanderungen 1

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       Die Glocknergruppe gehört der Centralkette der Hohen Tauern an, jenem Gebirgszuge, der im Osten durch das Maltathal, die Arlscharte und das Grossarlthal, im Norden durch das Salzachthal, im Westen durch das Krimmler Achenthal, die Birnlücke und das Ahrenthal, im Süden durch das Rainthal, den Klammlpass, das Defereggen-, Kalser-, Ködnitz- und Bergerthal, das Bergerthörl, das Leiter- und Möllthal, endlich durch das Drauthal von Möllbrucken bis Spital begrenzt wird (Sonklar).

       In dieser ihrer Ausdehnung zerfällt die Centralkette in fünf selbstständige Gebirgsstöcke, die durch tiefe Depressionen geschieden, als isolirte Gruppen sich erheben. Es sind dies von West nach Ost die Venedigergruppe zwischen Birnlücke und Velber Tauern, die Landeckgruppe zwischen Velber und Stubach-Kalser Tauern, die Glocknergruppe zwischen Stubach-Kalser und Heiligenbluter Tauern, die Raurisergruppe zwischen dem Heiligenbluter und dem Malnitzer Tauern (auch Goldberg- oder Hohenaargruppe genannt), die Gasteinergruppe zwischen Mallnitzer Tauern und Arlscharte.

       Die so gegebene Eintheilung weicht von den bisher in mehrfacher Beziehung ab. Sonklar unterscheidet zunächst nur zwischen einer westlichen und einer östlichen Hälfte der Centralkette, Schaubach dagegen zählt nicht bloss alle Theile östlich des Velber Tauern zur Glocknergruppe, sondern rechnet auch noch die Schobergruppe zwischen Kalserthal und Möllthal hinzu, Ruthner endlich betrachtet als Westgrenze der Glocknergruppe den Velber Tauern; im Uebrigen dagegen stimmt seine Eintheilung der Centralkette der Hohen Tauern mit der oben angeführten überein.

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       Die Gliederung eines Gebirgszuges in verschiedene Gruppen ist jedenfalls durch die zwischen den einzelnen Theilen befindlichen Depressionen des Hauptkammes bedingt. Es erscheint somit in hohem Grade ungerechtfertigt, durch tiefe, weit auseinander liegende Kammeinschnitte getrennte Gebirgsstöcke nicht zu selbständiger Geltung kommen zu lassen. Bezüglich Schaubach's Ausdehnung der Glockner­gruppe auf die Rauriser und Gasteinergruppe ist dies nun allgemein anerkannt. Schon Ruthner wich in diesem Punkte von Schaubach ab und betrachtete die beiden genannten Gruppen nicht mehr als Unterabtheilungen der Glocknergruppe, sondern als für sich bestehende Theile. Dagegen behielt er Schaubachs Westbegrenzung des Glocknerstockes bei und betrachtete als solche den Velber Tauern, nicht wie hier geschieht, den Stubach-Kalser Tauern.

Fussnote: Aus den Tauern, Berg- und Gletscherreisen in den Österreichischen Hochalpen. Von Dr. Anton von Ruthner. Seite XV. (Wien 1864. Verlag von Carl Gerold's Sohn.)

       Ich kann ihm hierin nicht beistimmen. Der zwischen den beiden Depressionen befindliche Gebirgsstock bleibt an Höhe und an Ausdehnung des Gletscherareals nur wenig hinter der Rauriser Gruppe zurück. Er scheint mir daher mit gleichem Rechte wie die letztere als isolirte Gruppe bezeichnet werden zu müssen. Diesem Theile des Centralkammes der Hohen Tauern, von dem Salzachthale, dem Stubachthale, dem Stubach-Kalser Tauem, dem Kalser- und Tauernthale, dem Velber Tauern und dem Velberthale begrenzt, ist im Vorstehenden der Name "Landeckgruppe" vindicirt worden, und zwar in Ableitung von dem in der nördlichen Hälfte derselben gelegenen Landeckkopf. Der letztgenannte Gipfel ist zwar nicht der Kulminationspunkt jener Gebirgsgruppe, doch finden unter seinen Firnen die zwei bedeutendsten Thäler derselben ihren Ursprung, die Ammerthaler und die Dörfer Oed im Norden, das Landeckthal im Süden, alle drei secundäre Querthäler, das erste dem Velberthale, das zweite dem Stubachthale angehörend, während das

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Landeckthal in das Gebiet des Iselthales fällt. Auch Sonklar gebraucht in seinem Werke "die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" die Bezeichnung "Landeckstock".


       Ich kann nach dieser kurzer Einleitung auf das eigentliche Thema übergehen.

                                          Glocknergruppe.

       Halten wir die eben angeführte Ausdehnung fest, so ergeben sich als Grenzen derselben im Norden das Salzachthal, im Osten Rauriser- und Seitenwinkelthal, Heiligenbluter Tauern und Tauernthal; im Süden Möll- und Leiterthal, Bergerthörl, Berger- und Ködnitzthal; im Westen Kalserthal ; Stubach - Kalser Tauern und Stubachthal. In dieser ihrer Ausdehnung umfasst die Gruppe einen Flächenraum von circa acht Quadratmeilen.

       Unwillkürlich drängen sich uns einige Parallelen auf zwischen den zwei bedeutendsten Gruppen der Hohen Tauern, der Glockner- und der Venedigergruppe. Auffallende Gegensätze zeigen sich zwischen diesen beiden Gebirgsstöcken. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Glocknergruppe, dass ihre bedeutendsten Elevationen nicht im Hauptkamme, sondern in zwei Seitenästen, dem Glocknerkamm und dem Fusch-Kaprunerkamm, sich befinden, eine in unseren Alpen nicht selten wiederkehrende Erscheinung. Anders die Venedigergruppe. Sie erreicht zwar die erstere nicht an Höhe, aber sie übertrifft dieselbe einerseits an Ausdehnung des Gletscherareals, andererseits an Schönheit und Gleichförmigkeit der Gliederung.

       Während in der Venedigergruppe der Grossvenediger als eigentlicher Knotenpunkt auftritt, von welchem strahlenförmig grosse primäre Gletscher herniederfliessen, mangelt der Glocknergruppe ein derartiges Centrum. Ihr Herz bildet der Pasterzengletscher, dessen Umrandung zwar zu weit bedeutenderer Höhe sich emporbaut, als sie die erstere Gruppe aufzuweisen vermag, aber man vermisst darin einen dominirenden Centralpunkt.

       Drei Kämme der Glocknergruppe enthalten Spitzen über

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11,000'; zunächst jener Abschnitt des Tauernhauptkammes, der in unser Gebiet fällt, vom Stubach-KalserTauern und dem Heiligenbluter Tauern eingeschlossen. Im Allgemeinen eine Richtung von West nach Ost bewahrend, weist er eine gewaltige Ausbuchtung gegen Norden auf und bildet die nördliche und nordöstliche Begrenzung des Pasterzengletschers. Vom Stubach-Kalser Tauern 8098' 2560m Keil, 8109' 2563m Sonklar

Fussnote:
Bei Höhenangaben in Fuss sind durchgehends Wiener Fuss zu verstehen, 1 Wiener Fuss 0,316 Meter.

erhebt er sich, beständig die linkseitige Umrandung des Oedenwinkelgletschers bildend, gegen Südosten über den Medelz 9850' 3113m Kataster und den Hohen Kasten 10,869' 3435m Keil zum Eiskögele 10898' 3445m Keil, dem Knotenpunkt zwischen dem Hauptkamm und dem Glocknerkamm.

       Während nun von hier aus der Glocknerkamm die bisherige südöstliche Richtung des Tauernhauptkammes beibehält, biegt der letztere am Eiskögele in einem rechten Winkel fast direkt gegen Norden um , steigt nach der Einsenkung der Unteren Oedenwinkelscharte 10,050' 3177m Keil 10,098' 3192m Sonklar zu seinem höchsten Gipfel , dem schöngeformten Johannisberg, 11,016' 3482m Sonklar 11, 166' 3529m Ruthner empor. Es ist dies der einzige Gipfel unseres Hauptkammes, der sich zu einer Höhe von über 11,000' erhebt.

       Seine Nordrichtung beibehaltend, zieht der Hauptkamm von Johannisberg über die Obere Oedenwinkelscharte circa 10,400' 3290m (Schätzung) zur Hohen Riffel 10,600' 3350m Keil 10,609' 3353m Sonklar, indem er einerseits gegen Osten mächtige Firnströme dem Pasterzengletscher zusendet, anderseits gegen Westen in steilen Wänden zum Oedenwinkelgletscher abfällt. Die Hohe Riffel ist der einzige Gipfel der Glocknergruppe, der mit seinen Firnen in das Gebiet der drei primären Gletscher der Gruppe sich erstreckt, des Pasterzengletschers im Möllthale, des Oedenwinkelgletschers im Stubachthale, des Karlingergletschers im Kaprunerthale.

       Gegen Nordwesten zweigt

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sich von der Hohen Riffel ein Seitenast zum Todtenkopf 10,193' 3193m Keil ab.

Fussnote:
Die von Sonklar und Keil angeführte Bezeichnung Todtenspitz, dessgleichen Thorspitz (nördlich von der Hoben Riffel) habe ich fallen lassen, da der Name "Spitz" in der Glocknergruppe durchaus ungebräuchlich ist.

       An der Hohen Riffel biegt der Hauptkamm gegen Osten um und zieht über das Riffelthor 9602' 3035m Keil zum Vorderen 10,131' 3202m Keil und Mittleren Bärenkopf 10583' 3345m Keil, dem Eckpfeiler zwischen dem Hauptkamme und dem Fusch-Kaprunner Kamm. Im Vorderen Bärenkopf hat der Hauptkamm seine grösste Ausbuchtung gegen Norden erfahren. Von da an nimmt er abermals die vom Stubach-Kalser Tauern bis zum Eiskögele bewahrte Richtung gegen Südost an und behält dieselbe nun im Allgemeinen bis zum Heiligenbluter Tauern bei, parallel dem Glocknerkamm ziehend.

       Wie dieser die rechtseitige, so bildet nun der Hauptkamm die linkseitige Umrandung des Pasterzengletschers. Ueber den Eiswandbühel 10,023' 3168m Keil setzt er zur Bockkarscharte 9440' 2984m Keil 9636' 3046m Sonklar und zum Breitkopf (Bockkarkopf) 9950' 3145m Sonklar fort, dem Eckpfeiler zwischen dem Pasterzengletscher einerseits und dem Bockkar- und Fuscherkargletscher im Fuscherthale andererseits.

       In der südöstlich von Breitkopf gelegenen Fuscherkarscharte 9194' 2906m Keil 9098' 2876m Sonklar erreicht der Tauernhauptkamm, soweit er die Umbuchtung des Obersten Pasterzenbodens bildet, seine tiefste Depression, um gleich darauf im hochgewölbtem Fuscherkarkopf 10,501' 3319m Keil 10,565' 3339m Sonklar und der tadellos schönen Pyramide des Sonnenwellecks 10,277' 3248m Keil 10,349' 3271m Sonklar zum letztenmale über das Niveau von 10,000' sich zu erheben.

       Ueber die Obere Pfandlscharte circa 8800' 2782m (Schätzung) und den Bärenkopf (Pfandlschartenkopf) 9017' 2850m Keil folgt in der Untern Pfandlscharte abermals ein tiefer Kammeinschnitt 8392' 2650m Keil 8502' 2687m Sonklar.

       Zwischen der Unteren Pfandlscharte und dem Heiligenbluter Tauern schwingt sich der Hauptkamm nochmals zu einer Gruppe

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von schönen Gipfeln empor, ohne jedoch die Höhe von 10,000' zu erreichen. Es sind dies der Spielmann 9437' 2983m Keil, 9603' 3035m Sonklar, der Kloben 9610' 3037m Keil, 9653' 3051m Sonklar und der Brennkogl 9540' 3015m Militär-Triangulation.

       Die bedeutendste Erhebung, dieses im Westen von der Unteren Pfandlscharte, im Osten vom Heiligenbluter Tauern begrenzten Theiles der Glocknergruppe liegt nicht im Hauptkamm, sondern in einem von Spielmann gegen Süden sich ablösenden Seitenkamme. Es ist dies die Racherin, 9795' 3096m Sonklar. Nach Keil käme derselben sogar eine Höhe von 10,036' 3172m zu.

       Durch den Heiligenbluter Tauern (Hochthor) 8162' 2580m Keil, 8245' 2606m Sonklar wird, wie schon angeführt, der Hauptkamm der Glocknergruppe und damit die letztere selbst im Osten von der Rauriser- oder Goldberggruppe getrennt.

       Der zweite Kamm unseres Gebirgsstockes, der sich zu einer Höhe von über 11,000' erbebt, ist der Fusch-­Kaprunerkamm, der sich am Mittleren Bärenkopf vom Hauptkamme abzweigt, nach dem Glocknerkamm der bedeutendste Kamm der Gruppe. Anfangs vom Mittleren Bärenkopf bis zum Grossen Wiesbachhorn im Allgemeinen von Südwest nach Nordost streichend, biegt er bei letzterem fast direkt gegen Norden um und bewahrt diese Richtung in seinen letzten Ausläufern bis zur Salzach hin, südlich des Zellersee.

       Dieser Kamm enthält eine Reihe von Spitzen über 10,000' und erreicht in seinem Kulminationspunkt, dem Grossen Wiesbachhorn, die Höhe von 11,318' 3577m Militär-Triangulation. Dieser Kamm ist in seinen Anfängen vom Mittleren Bärenkopf an bis zur Glockerin auf Sonklars und Keils Karten der Hohen Tauern,

Fussnote:
In Sonklar's ausführlichem Werke: "Die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" enthalten.

resp. der Glocknergruppe,

Fussnote:
Dem Werk Dr. A. v. Ruthner's "Berg- und Gletscherreisen in den Österreichischen Hochalpen" beigegeben.

unrichtig gezeichnet.

       In einem gegen

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Nordwesten convexen Bogen zieht der Fusch-Kaprunerkamm vom Mittleren zum Kleinen Bärenkopf,

Fussnote:
Von diesem, dem Eckpfeiler zwischen dem Hochgruber- und dem Bockkargletscher, löst sich gegen Südosten ein Seitenast ab, welcher in der Hohen Dock 10,326' 3264m Keil, 10,518' 3325m Sonklar culminirt.

von da aus nördlich zum Grossen Bärenkopf. Dem ersteren kommt nach Keil eine Höhe von 10,517' 3324m, nach Sonklar von 10,714' 3386m zu, dem letzteren nach Keil eine Höhe von 10,696' 3381m, nach Sonklar von 11,068' 3498m. Unsere Messung ergab für den Kleinen Bärenkopf 10,695' 3380m, für den Grossen Bärenkopf 10,790' 3411m. Eine ausführliche Behandlung dieses noch am wenigsten aufgeklärten Winkels der Glocknergruppe soll bei der Schilderung der Ersteigung jener Gipfel gegeben werden.

       Der nächstfolgenden Spitze des Fusch-Kaprunerkammes, nordöstlich vom Grossen Bärenkopf gelegen, der Glockerin 10,903' 3446m Keil 10,949' 4361m Sonklar fällt nach Keils Angaben die bedeutendste Höhe im Fusch-Kaprunerkamm nach dem Grossen Wiesbachhorn zu. Thatsächlich wird sie jedoch vom Grossen Bärenkopf überragt und ist der dritthöchste Gipfel jenes Kammes. Schon das blosse Augenmaass vermag dies darzuthun. Wir fanden die Glockein 10,730' 3392m hoch, somit um 60' niedriger als den Grossen Bärenkopf.

       Gegen Westen setzt die Glockerin in gleicher Weise, wie der Grosse Bärenkopf in steilen Wänden zum Kaprunerthale hernieder, während die Ostabdachung eine verhältnissmässig weit sanftere ist. Die Glockerin bildet die grösste Ausbuchtung jenes schwach gekrümmten Bogens, der mit geringer Divergenz gegen Nordwesten in einer Gesammtrichtung von Südwest nach Nordost vom Grossen Bärenkopf zum Grossen Wiesbachhorn zieht.

Der zwischen dem letzteren und der Glockerin gelegenen Scharte habe ich den Namen Wielingerscharte beigelegt. Dieselbe hat nach Sonklar eine Höhe von 10,463' 3307m. Sie ist die Scheide zwischen dem Teufelsmühlgletscher im Osten und dem Oberen Wielingergletscher im Westen. Diese Scharte bildet den Fuss des eigentlichen Wiesbachhorn 11,318' 3977m Kataster-

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messung, das von hier aus in eisigen Kanten sich erbebt, einer der schönsten Gipfelbauten der Deutschen Alpen. Ueber das Kleine Wiesbachhorn, 10,162' 3213m Keil, 10,404' 3288m Sonklar setzt der Fusch-Kaprunerkamm gegen Norden fort und sinkt im Wiesbachthörl 9481' 2997m Keil, 9598' 3034m Sonklar zum erstenmale unter das Niveau von zehntausend Fuss herab, um jedoch rasch dasselbe im Hohen Tenn 10,032' 3171m Keil,
Fussnote:
Keil's Messung des Hohen Tenn ist offenbar unrichtig.
10,663' 3370m Sonklar und im Bauernbrachkopf 10,268' 3246m Sonklar wieder zu überschreiten. Von dem letztgenannten Gipfel an nimmt er gegen das Salzachthal zu rasch an Höhe ab. Seine letzte imposante Spitze ist das Imbachhorn 7812' 2469m Keil, 7776' 2458m Sonklar, das in den prächtigen Fluthen des Zeller See sich spiegelt.

Wir kommen zum dritten jener drei Kämme unseres Gebirgsstockes, deren Elevation über elftausend Fuss beträgt. Es ist dies der Glocknerkamm, der bedeutendste Kamm nicht bloss der Glocknergruppe, sondern der gesammten Tauernkette.

Er löst sich, wie schon oben erwähnt wurde, am Eiskögele vom Hauptkamme der Hohen Tauern ab. Die südöstliche Richtung des letzteren vom Stubach-Kalser Tauern bis zum Eiskögele beibehaltend, zieht er vom letztgenannten Gipfel zum Schneewinkelkopf 11,176' 3532m Keil und schwingt sich über den Romariswandkopf 11,223' 3547m Keil 11,216' 3545m Sonklar und die Glocknerwand 11,557' 3653m Keil, 11,749' 3714m Sonklar zur herrlichen Pyramide des Grossglockner empor 12,009' 3796m Kataster, 12,018' 3799m Keil, der vielgepriesenen Perle der Tauernkette. Erst auf der Adlersruhe 10,932' 3455m Keil fällt er unter eine Höhe von elftausend Fuss herab.

Noch enthält er in seiner weitern Fortsetzung gegen Südosten drei Spitzen über zehntausend Fuss, Hohenwartkopf 10,429' 3296m Keil, Kellersberg 10,305' 3257m Keil und Schwerteck 10,076 ' 3185m Keil und sinkt dann rasch über die als Scheidewand

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zwischen Pasterzen- und Leiterthal sich erhebenden Leiterköpfe: Hintere 9744' 3080m Keil, Mittlere 906O' 2864m Keil, Vordere 7887' 2493m Keil zum Möllthale ab. Beständig die südwestliche Umrandung des Pasterzengletschers bildend, setzt er zu letzterem in wildzerrissenen Eiswänden und steilen Felsmauern hernieder. Gerade der Anblik dieses Kammes ist es, der die Pasterze zum schönsten Gletscher der Deutschen Alpen macht.

       Noch erübrigt es, einige Worte über den Fusch­-Rauriser- und über den Stubach-Kaprunerkamm zu sagen. Der erstere ist weitaus der unbedeutendste der drei zwischen den nördlichen Parallelthälern der Glocknergruppe sich erhebenden Gebirgsrücken. Er ist gänzlich unbegletschert und erreicht in seinem höchsten Punkte, dem Schwarzkopf, nur die Höhe von 8748' 2765m Militär­ Triangulation. Dagegen steigt der letztere, der Stubach-Kaprunerkamm, in seinem Kulminationspunkte, dem Kitzsteinhorn, zu einer Höhe von 10,107' 3195m Militär­ Triangulation auf. Er zeichnet sich anderseits durch eine nicht unbedeutende Gletscherentwicklung aus. Drei sekundäre Querthäler, das Radensbach-, Mühlbach- und Dirkersbachthal, die zwischen Uttendorf und Piesendorf in die Salzach münden, nehmen hier ihren Ursprung.

        Fassen wir nun die Resultate bezüglich der Gipfelhöhe der Glocknergruppe kurz zusammen, so ergibt sich:
Gipfel über 12,000:
1 zum Glocknerkamm gehörig;
Gipfel über 11,000:
5, von denen 3 dem Glocknerkamm,

Fussnote:
Dabei ist der östliche Glocknergipfel, der sogenannte Kleinglockner
11,009' 3764m Kataster, 11,972' 3784m Keil nicht miteingerechnet.

1 dem Tauernhauptkamm und 1 dem Fusch-Kaprunerkamm angehören.

Fussnote:
Für den Grossen Bärenkopf ist hiebei unsere Messung angenommen.

Gipfel über 10,000:
20, von denen 3 dem Glocknerkamm,
9 dem Tauernhauptkamm, 7 dem Fusch-Kaprunerkamm, 1 dem Stubach-
Kaprunerkamm angehören.

       Eine bedeutende Anzahl von zum Theil beeisten Spitzen erhebt sich ferner zu einer Höhe von über 9000'. Die

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Gipfel über 11,000' sind ausnahmslos erstiegen, dagegen dürften von den zu einer Höhe von über 10,000' emporragenden Spitzen sicher noch der Vordere Bärenkopf, das Kleine Wiesbachhorn, das Sonnenwelleck und das Eiskögele, ferner Kellersberg, Schwerteck, Thorkopf und Todtenkopf jungfräulich sein. Bei allen diesen lässt sich vermuthlich der Ruhm eines first climber ohne übermässige Gefahren erringen.

       Was die Gletscherentwicklung der Glocknergruppe betrifft, so wurde bereits oben erwähnt, dass sie hierin von der Venedigergruppe weitaus übertroffen wird. Von den dreizehn primären Gletschern der Tauernkette gehören zehn der letzteren, nur drei der ersteren an: Pasterzen-, Oedenwinkel- und Karlingergletscher.

       Unter jenen dreizehn primären Gletschern der Tauernkette nimmt an Ausdehnung der Pasterzengletscher die erste, der Oedewinkelgletscher die elfte, der Karlingergletscher die zwölfte Stelle ein. Das von den primären Gletschern der Glocknergruppe bedeckte Gebiet besitzt einen Flächenraum von circa 10,500,000 Quadratklaftern = 37,772,044 Quadratmetern = 3777 Hektaren, dagegen beträgt die Ausdehnung der primären Gletscher der Venedigergrnppe circa 22,500,000 Quadratklafter = 80,940,094 Quadratmeter = 8094 Hektaren.

       Auch die Zahl der sekundären Gletscher ist sehr verschieden; die Glocknergruppe enthält 42 , während die Venedigergruppe deren 79 aufweist.

Bei der Schilderung unserer Exkursionen in der Glocknergruppe sollen auch die Gletscher, nicht bloss die primären, sondern auch die bedeutenderen unter den sekundären einer näheren Beschreibung unterzogen werden.

Zum Schlusse möge noch in Kurzem des Flusssystems unseres Gebirgsstockes gedacht werden: Fünf Querthäler erster Ordnung gehören der Glocknergruppe an: das Stubach-, Kapruner- und Fuscherthal im Norden, das Kalser- und Möllthal im Süden. Das Rauriserthal erstreckt sich nur mit seinem unbedeutenderen Arme, dem Seitenwinkel in unser Gebiet, sein Hauptast da-

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gegen zieht zur Rauriser (Goldberg-) Gruppe hinan.

       Während im Allgemeinen die nördliche Abdachung der Hohen Tauern eine schöne gleichförmige Gliederung, eine Reihe paraleller von Süden nach Norden streichender Thäler aufweist, die Südabdachung dagegen jener systematischen Gliederung entbehrt und von einem regellosen Netze von Thalspalten durchzogen erscheint, nimmt hierin die Glocknergruppe eine Ausnahmsstellung ein. Die fünf Hauptbäche, die in derselben ihren Ursprung am Tauernhauptkamm finden, ziehen von diesem fast in einem rechten Winkel hernieder. Nur das Möllthal zeigt in seinem obersten Laufe eine Abweichung gegen Südosten, statt eine zur Hauptrichtung des Centralkammes direkt senkrechte Lage zu bewahren. Die Umbiegung desselben gegen Osten und Nordosten in seiner unteren Hälfte kommt hier nicht mehr in Betracht.

       Weitaus das bedeutendste unter den genannten fünf Thälern ist das Möllthal; es hat in seiner oberen Hälfte vom Pasterzengletscher bis Winklern, wo die Umbiegung des Thales gegen Osten erfolgt, eine Länge von 4,9 in seiner untern Hälfte bis zur Mündung in das Drauthal eine Länge von 6,5, somit eine Gesammtausdehnung von 11,4 geographischen Meilen. Ausser dem schon erwähnten Pasterzengletscher senden noch sieben sekundäre Gletscher der Glocknergruppe dem Möllthale ihre Abflüsse zu.

       Das zweitbedeutendste Thal unter den primären Querthälern unseres Gebietes ist das Kalserthal, das von seinem Ursprung am Stubach-Kalser Tauern bis zu seiner Mündung in das Iselthal bei Peischlach eine Länge von 3,3 geographischen Meilen besitzt. Von den Gletschern des Kalserthales gehören sieben der Glocknergruppe an.

Eine nur wenig geringere Länge als das letztgenannte zeigt das Fuscherthal, das von seiner Entstehung am südlichen Pfandlschartengletscher bis zu seiner Vereinigung mit der Salzach eine Länge von 3,2 geographischen Meilen hat. Mit dem jenseitigen Möllthal steht es durch zwei häufig begangene Pässe, den Heiligenbluter Tauern (Hoch-

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thor) und die Untere Pfandlscharte in Verbindung. Die elf Gletscher des Fuscherthales, welche sämmtlich der Glocknergruppe angehören, sind in gleicher Weise wie die Gletscher des Kalserthales nur Gletscher zweiter Ordnung.

        Dagegen besitzt das westlich vom Fuscherthal gelegene Kaprunerthal, vom Karlingergletscher bis zum Dorf Kaprun 2,8 geographische Meilen lang, im Karlingergletscher, auch Mooser- oder Kaprunergletscher genannt, einen herrlich geformten, primären Gletscher, ausserdem noch elf Gletscher zweiter Ordnung,
Fussnote:
Sonklar nimmt nur zehn sekundäre Gletscher des Kaprunerthales an. Es wird jedoch von uns der Obere Wielingergletscher als selbständiger Gletscher betrachtet.
welche ebenso wie die Eisgebilde ausnahmsweise der Glocknergruppe beizuzählen sind.

       Das kürzeste von den fünf erwähnten Thälern ist das Stubachthal, das von seinem Ursprung am Stubach­ Kalser Tauern bis zu seiner Mündung in die Salzach eine Länge von 2,0 geographischen Meilen besitzt. Durch den genannten Pass ist es mit dem Kalserthal im Süden verbunden. Von den zehn Gletschern des Stubachthales gehören drei dem Landeckstock, sieben der Glocknergruppe an, unter diese gehörte der dritte primäre Gletscher der letzteren, der Oedenwinkelgletscher.

       Es weisen sonach die fünf bedeutendsten Thäler der Glocknergruppe, wie schon erwähnt, 3 primäre und 42 sekundäre Gletscher auf.

       Vor uns liegt der Zeller See, jene Perle des Salzburger Landes, wo sich dem Wanderer ein Doppelblick von wunderbarer Schönheit bietet.

       Wildgezackt, ohne Vorberge, steigt im Norden die Kalkmasse des Berchtesgadener Landes empor mit ihren abenteuerlich geformten Spitzen, Pfeilern, Hörnern, mit


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ihrem schroffen, drohenden Gewände, überragt von wilden Felstürmen. Es ist das Steinerne Meer, das uns hier mit seinem jähen Südabsturz vor Augen tritt. Da droben hinter jenen steilen Mauern breitet sich eine weite Steinwüste aus, die sich terrassenmässig zum Königssee hinaufzieht.

       Hier aber entdecken wir nichts von einem langgedehnten Hochplateau, wir glauben eine wohlgegliederte Bergkette vor uns zu haben. Die Sonne spielt mit ihren letzten Strahlen um das bleiche Gestein, schon sind die Schatten der Dämmerung über die Fluren des Mitterpinzgau ausgestreut, die zu Füssen jener Riesen das Saalachthal umrahmen.

       Lichtvoll dagegen blicken die höheren Seiten des Südens zu uns herüber. Dort thronen die glitzernden Zinnen der Tauern, dort baut sich das Urgebirge in mächtigen Stufen hinan zu schwindelnder Höhe, ein eisiger Schleier wallt von den Gipfeln hernieder, rosig gefärbt vom Grusse der sinkenden Sonne. Und in den klaren Fluthen des Sees spiegeln die Bilder sich wieder, als sollte zum zweitenmale ihre Pracht vor Augen treten.

       Dorthin, zu den Eispalästen des Südens, strebt unser Sinn, in ihre Tiefen einzudringen, die innersten Heiligthümer zu durchforschen, die sie in ihrem Schoosse bergen, das sei das Ziel der Reise. Ob wohl die Pläne uns gelingen werden? Ob wir wohl glücklich die Wanderungen alle vollenden werden, die da zu unternehmen sind? Wir gehen schönen Tagen entgegen, manch zaubervoller Blick wird sich dem Auge bieten, doch auch Gefahr und Mühe ist zu überwinden.

       Es waren ernste, fast feierliche Gedanken, die unser Herz erfüllten.

       Ich sass an der Seite meines treuen Freundes. Ein leichtes Wägelchen rollte mit uns an den Ufern des See's vorüber. Doch so einladend es auch ist, hier länger zu verweilen, den Schönheiten jenes See's die Schilderung zu widmen, die sie verdienen würden, so verlockend auch das trauliche Zell uns entgegenwinkt, den müden Gliedern hier Ruhe zu gewähren, wir müssen fort, es ist noch nicht das

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letzte Reiseziel, das wir für heute zu erreichen haben. Wir hatten für den 21. Juli zwei Kalser Führer nach Uttendorf im Oberpinzgau bestellt, auch wir mussten unser Versprechen halten und pünktlich beim Stelldichein erscheinen. So durfte denn unsere Ruhe in Zell nur so lange dauern, bis wir ein frisches Pferd erhalten hatten.

       In oberen Salzachthale ging's nun aufwärts. Schon war es Nacht. Der letzte Schimmer war vom Kitzsteinhorn gewichen, dem schönsten Bau im weiten Circus des Zeller Beckens. In düsteren Umrissen tauchten die Gipfel vor uns empor. Der Himmel, vor kurzem noch rein und sternenhell, hatte sich mit schwerem Gewölke umhüllt, das mit geflügelter Eile über die Tauernkette herüberzog. Im fernen Westen, dort wo die Berge des Tirolerlandes liegen, zuckte Blitz auf Blitz durch die Luft, ein ununterbrochenes Wetterleuchten zu uns herübersendend.

       Einförmig zieht die Strasse dahin. Zur Linken rauscht die Salzach neben uns, aus ihren Sümpfen stiegen Nebel auf, beleuchtet vom fahlen Mondlicht, das dann und  wann durch die schwarzen Wolken sich Bahn bricht. Verschwunden sind die  schönen Bilder des Zeller See, kahle  Höhen nur umgeben uns zu beiden Seiten. Die eisbelasteten Häupter, die dort durch die breite Furche des Kaprunerthals herniederblickten, sie waren längst hinter unscheinbaren  Vorbergen wieder zurückgetreten, nur ahnen liess sich die  Erhabenheit, die hinter diesen verborgen lag.

       Traurige Spuren der Zerstörung umgeben uns rings umher. Wo einst   fruchtbare Aecker gewesen, da ist nun ödes, mooriges Land. Und verkommen wie seine Felder, ist das Geschlecht, das sich hier angesiedelt. Vor Zeiten, da herrschte Reichthum und frischer Sinn im schönen Salzachthale, noch schildern uns alte Lieder, wie Mittersill ein Königreich gewesen. Doch jetzt erlahmt im ewigen Kampf mit den mächtigen Kräften der Natur jenes Volk, das so hart von den Elementen bedroht. Unaufhaltsam schreitet die Verwüstung des Thales vor. Alle Versuche, die Ueberschwemmungen des Flusses zu hemmen, waren von geringem Erfolge gekrönt.

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        Zu den Ueberschwemmungen der Salzach gesellt sich ein zweiter Feind, der zwar nicht so ununterbrochen wie dieser auf die Bewohner des Thales einstürmt, dagegen bei seinem Auftreten eine desto grössere Verwüstung herbeiführt.Es ist dies die Gefahr der Muhren, der Schlamm­ und Steinfluthen, die von Zeit zu Zeit aus den Seitenthälern hervorbrechen und alles zerstören, was in ihren Bereich fällt. Noch lebt im Pinzgau lebhaft die Erinnerung an jene grässliche Vernichtung fort, mit welcher im Jahre 1798 das Dorf Niedersill durch eine Muhre heimgesucht wurde. Und erst im vorigen Jahre war die benachbarte Ortschaft Uttendorf vom gleichen Schicksal bedroht. In einer Stunde ist da oft das jahrelange rastlose Streben des Landmannes vernichtet.

       Langsam schlich unser Rösslein durch die eintönigen Gefilde dahin, vergebens suchte es der Kutscher zu rascherer Thätigkeit anzutreiben. Das arme Thier war, seitdem die Touristenschwärme aus ihren staubigen Behausungen in die Berge hineingezogen waren, Tag für Tag fast unausgesetzt zur Arbeit verurtheilt. Kein Wunder, dass es da die Quäler, die ihm sogar bei Nacht die wohlverdiente Ruhe raubten, so langsam wie möglich an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen strebte.

       Wer wohl müder war, der an dem Wagen zog oder die drinnen sassen? Auch wir hatten heute ein schwieriges Tagewerk vollbracht. Hatten wir doch die vergangene Nacht hoch oben im wilden Geschröfe des Watzmann zugebracht, als wir in tollkühnem Muthe den Weg hinab ins Wimbachthal uns erzwingen wollten, und hatten dann die weite Strecke bis Saalfelden zu Fuss zurückgelegt!

       Freund Stüdl aber hatte sich in Gestalt eines übertretenen Fusses ein schlimmes Andenken an den heutigen Tag erworben, gewiss zumal am Beginne der eigentlichen Hochtouren ein bedenkliches Ereigniss. Auf manche herrliche Parthie musste er in den folgenden Wochen verzichten. Es war 10 Uhr, als wir die ersten Häuser von Uttendorf erreichten. Da hiess es nun schwer büssen für einen kleinen Fehler, den wir bei der Festsetzung des Rendezvous

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begangen hatten. Drei Wirthe sind im weiten Dorf. Wo werden wir unsere Führer finden? Wie hielten zuerst bei einem stattlichen Gasthaus, wenige Minuten vom Dorfe entfernt. Die Thüre war verschlossen, kein Licht im Hause zu entdecken. Da hatten wir nun vollauf Gelegenheit, vom festen, kerngesunden Schlaf der Pinzgauer uns zu überzeugen. Alles Rufen und Schreien war vergebens, das ganze Gebäude schien ausgestorben zu sein. Nur als wir unsere Bergstöcke zu Hilfe nahmen und mit Macht an die Thüre zu stossen begannen, da steckte scheltend der Hausknecht den Kopf zum Fenster heraus und recognoscirte die groben Gäste. "Sind hier zwei Kalser Führer angekommen, die auf zwei fremde Herren warten?" Ein brummendes "Nein" erfolgt, wir fuhren weiter, klirrend flogen die Fenster zu, ein derber Fluch begleitete uns auf die Reise.

       Das zweite Wirthshaus war erreicht. Es ist mitten im Dorfe gelegen; wir konnten nicht weiter fahren, denn grosse Steinhaufen, die Reste jener Muhre, die im verflossenen Sommer über Uttendorf hereingebrochen, bedeckte die Gassen. Neues Schreien, neues Lärmen; doch nur der Haushund erwachte und empfing uns mit wüthendem Gebell. Diesmal schien sogar die Unterstützung der Bergstöcke, die wir zu Hilfe riefen, erfolglos zu bleiben, nicht einmal das Beschiessen der Fenster mit Sand und kleinen Steinchen vermochte im tiefen Schlaf der Bewohner eine kleine Unterbrechung hervorzurufen. Schon entfloh dem Munde meines Freundes ein gefährliches Wort, er sprach von Pinzgauer Trotteln, die der T.... l holen sollte - zum Glück, dass Morpheus sie so fest belagert hielt, sonst wäre die Wahrscheinlichkeit, zum Schluss des heutigen Tages wegen Ruhestörung noch eine Tracht Schläge uns zu holen, in unerquickliche Gewissheit verwandelt worden. Endlich wiederholte sich das beim ersten Gasthause erlebte Schauspiel, nur ward diesmal die Intensität unserer Bemühungen durch einen etwas kernigeren Fluch belohnt, als das erstemal.

       Nun kam das dritte "Hotel" von Uttendorf an die Reihe, der sogenannte Bäckerwirth, der im obern Ende des Dorfes

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sich befand. Zum Glück wusste ich noch den Weg zu jenem, da ich vor zwei Jahren schon eine Nacht dort zugebracht hatte. In tiefster Finsterniss hiess es nun über das Geröll stolpern, das allenthalben zwischen den Häusern aufgehäuft war. Noch konnten wir bei Nacht nur undeutlich die Spuren der Verwüstung erkennen, die ein unscheinbares Bächlein im August des Jahres 1868 angerichtet hatte, erst am folgenden Tage übersahen wir die ganze Fülle jenes Unglücks. Welche Ueberraschung, als wir uns dem Bäckerwirthe näherten und schon von ferne einige Lebenszeichen an unser Ohr schlugen, bestehend in ziemlich misslungenen Gesangsproductionen. Eine Schaar von Kneipgenossen war trotz der späten Abendstunde bei vollen Branntweingläsern noch versammelt.

       Als wir zur Thüre eintraten, nach unseren Kalser Führern zu forschen, kam die Antwort unserer Frage zuvor: "Da sind die erwarteten Herrn!" rief uns die Zecherschaar entgegen. Die beiden Führer waren richtig schon am Nachmittag eingetroffen. Zwar hatten sie sich ermüdet vom langen Marsche über den Stubach-Kalser Tauern schon zu Bette begeben, doch konnten wir uns die Freude nicht versagen, noch jetzt sogleich die wackern Leute, die ja in den Vorjahren schon auf mancher Exkursion uns begleitet hatten, zu begrüssen und sie zu überzeugen, dass wir zwar spät, doch immerhin noch am festgesetzten Tage selbst das Stelldichein einhielten. Wie viele herzliche Händedrucke da getauscht wurden, wie viele Fragen sich da uns aufdrängten! Doch wir wollen das Alles auf den folgenden Tag verschieben, für heute ist es Zeit zur Ruhe.

       Rasch war ein frugales Mahl bereitet, nach Kurzem lagen auch wir in den langentbehrten Flaumen. Versäumtes hiess es nachholen, auf die Zukunft sich vorbereiten, die gleichfalls punkto Schlaf uns grosse Entbehrungen in Aussicht stellte: so kam es, dass wir am nächsten Morgen äusserst spät aus unseren Betten hervorkrochen. Nun erst kam es zu detaillirter Unterhaltung mit unseren Führern. Doch ist es an der Zeit, dem freund-

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lichen Leser die beiden Männer hier vorzuführen. Spielen sie ja doch in den folgenden Blättern die Hauptrolle; so wollen wir denn auch jetzt schon ein möglichst genaues Bild von ihnen entwerfen.

       Die Kalser haben sich innerhalb der wenigen Jahre, die seit den ersten Ersteigungen des Grossglockmer von der Tiroler Seite aus verstrichen sind, einen bedeutenden, weitverbreiteten Ruf als treffliche Führer erworben. Ganz besonders mag dies von unseren beiden Begleitern, Joseph Schnell und Thomas Groder gelten.

Ersterer, ein Mann in den vierziger Jahren, zeichnet sich durch ungemeine Verwegenheit aus. Er ist von kleiner untersetzter Gestalt, welche die Kraft und Ausdauer kaum erkennen lässt, die sich hinter dem unscheinbaren Aeussern verbirgt. Niemand würde beim ersten Anblicke jenes Mannes vermuthen, dass er den vielgepriesenen Führer Schnell vor sich habe.

       Doch wenn wir ins Gespräch mit ihm gekommen sind, wenn wir einmal das feurige blitzende Auge beobachtet, aus dem Muth und Entschlossenheit in aussergewöhnlichem Grade uns entgegenleuchtet, wenn im Laufe des Gespräches der Hut mit dem Gemsbart immer kühner auf die Seite gerückt wird, vollends wenn wir mit Schnell eine Partie unternommen haben und es vielleicht eine schwierige Passage zu bewältigen gab, da lernen wir erst die Talente jenes Mannes kennen, da haben wir dann den vollen Beweis, welch' zähe Kraft in jenem unansehnlichen Körper liegt. Das sind Muskeln und Sehnen aus Stahl und Eisen! Im Augenblicke der Gefahr, da funkelt sein Auge, da packt er mit unwiderstehlicher Energie den hartnäckigen Feind, da kennt er kein Hinderniss, das nicht zu besiegen wäre. Staunenswerthe Proben von Verwegenheit, ja Tollkühnheit hat er schon geliefert, selbst seine Rivalen, die Kalser Führer, erkennen ihm ausnahmslos hierin den Preis zu.

       Es wurde Schnell von manchem Touristen schon der Vorwurf gemacht , dass er zu hastig sei, dass er immer einen zweiten Schnell hinter sich zu haben wähne, dass er mitunter die Sorge für den Fremden etwas vernachlässige. Vielleicht ist diese Behauptung nicht ganz unbegründet.

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Doch dürfen wir hiebei nicht vergessen, dass dies höchstens auf durchaus ungefährlichen Wegen der Fall ist. Wenn aber einmal eine wirkliche Gefahr zu bewältigen ist, da wendet er seine volle Aufmerksamkeit dem Touristen zu, den er zu führen hat, da schützt er denselben mit Gefahr des eigenen Lebens; mit aller Treue, die Menschen möglich ist, geleitet er- den anvertrauten Schützling.

       Ich habe auf zahlreichen Touren Gelegenheit gehabt, Schnell's Führertugenden schätzen zu lernen, und wenn ich auch zugeben muss, dass er mitunter in die Kletterkünste des Touristen ein grösseres Vertrauen setzt, als diesem im Augenblicke lieb ist, so wird er ihm doch nach überstandener Partie nur Dank wissen; man lernt es da rasch, sich vom Führer so unabhängig wie möglich zu stellen, auf die eigenen Glieder, auf die eigene Stärke sich zu verlassen, kurz man lernt es, selbst zu steigen, ohne gerade Gefahr zu laufen, übermässig viel aufs Spiel zu setzen, denn immerfort bewacht der scharfe Blick des Leiters die Schritte des Fremden, bereit zur Hilfeleistung in jedem Augenblick.

       Schnell's Ruf ist bereits weit über die Grenzen seines Heimathsdöfchens hinausgedrungen. Schon war er zweimal als Führer im Oetzthal. In der Venediger und Ortlergruppe hat er mit meinem Freunde Th. Harpprecht aus Stuttgart eine Reihe von hervorragenden Exkursionen ausgeführt und zwar Neutouren in unbekannten Gegenden als alleiniger Führer. Sein Lokalinstinkt hat ihm da über so manche schwierige Klippe wegkommen helfen.

       Gewiss muss es jeden Deutschen mit grösstem Aerger erfüllen, wenn Fremde, zumal Engländer, mit Schweizer Führern in unsere schönen Berge kommen, die interessantesten Parthien mit auswärtigen Begleitern unternehmen, weil die einheimischen Führer nicht gut genug sind. Hätten wir überall solche Männer wie die Kalser sind, gewiss bliebe uns die Schande erspart. Doch hoffentlich ist die Revanche nicht mehr ferne, hoffentlich werden auch bald einmal Deutsche mit deutschen Führern in die Schweiz

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hineinkommen, und da drinnen das Recht der Wiedervergeltung üben!

       Grundverschieden von Schnell ist sein Gefährte Thomas Groder, der Präsident des Kalser Führervereins. Wir wollen ihn mit Freund Stüdl "Thomele" nennen, obwohl das Deminutiv nicht gerade verdienter Maassen ihm beigelegt wurde.

       Bedeutend jünger als der erstere ist er ein stämmiger hochgebauter Mann. Schon seine äussere Erscheinung weist auf ganz ungewöhnliche Körperstärke hin, riesige Kraft und Ausdauer lässt er auf den ersten Blick erkennen. Während Schnell einen schwarzen, struppigen Kinnbart trägt, der vollständig dem wilden Burschen entspricht, wird Thomele's Gesicht von einem schönen, blonden Vollbart umrahmt.

       Ein tiefer sinniger Ernst liegt über seinen Zügen ausgebreitet, nichts ist in all' seinen Bewegungen von jener Hast und Energie zu entdecken, die dem Schnell eigen ist. Bedächtig und ruhig sind seine Worte, gelassen und wohl überlegt ist sein Thun und Handeln. Thomele spricht ausserordentlich wenig, doch jedes Wort ist bedeutungsvoll. An Bildung ist er seinem Genossen weit überlegen, mit Freuden greift er jede Mittheilung auf, die ihm zu eigener Belehrung dienen kann. Durch Freund Stüdl's Sorgfalt ist in Kals eine kleine Sammlung von Büchern und Karten angelegt. Niemand ist eifriger mit ihnen beschäftigt als Thomele. Jede freie Stunde, die ihm seine Funktionen als Führer den Fremden, als Schmied den Kalsern gegenüber übrig lassen, verwendet er zum Studium. Schon jetzt hat er es zu trefflichen Resultaten gebracht, er versteht es ausgezeichnet die Karten zu benützen und nach ihnen allein durch ein ihm völlig unbekanntes Gebiet seinen Weg zu finden.

       Erreicht Thomele seinen Gefährten Schnell auch nicht an Verwegenheit, so ersetzt er dies durch eine grössere Sorgfalt, die er auf das Wohl seines Herrn verwendet. Er begnügt sich nicht, voranzusteigen und darüber bloss zu wachen, ob ihm sein Schützling auch sicher folgen würde, nein, er unterstützt immer thatsächlich, er hilft auch

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unaufgefordert demselben nach, gewiss dem Fremden angenehmer, als wenn er nach hartem Kampfe mit dem eigenen Stolze sich zum Bekenntniss verurtheilt sieht: "Jetzt Führer hilf, ich komm' allein nicht mehr fort!"

       Auch Thomele ist von unendlicher Treue seinem Herrn gegenüber, auch er würde für dessen Leben im Augenblicke der Gefahr sein eigenes Leben zum Pfande geben. Doch einen grossen Vorzug hat Thomele vor Schnell: Er packt den Stier nicht immer gleich bei den Hörnern, er strebt darnach, den besten Weg überall zu erspähen, er stürmt nicht direkt hinan in wildverwegenem Anlauf, er sucht und sucht, bis er den Punkt gefunden, wo sich der Feind am leichtesten bezwingen lässt.

       Beide aber zeichnen sich gleichmässig durch grosse Bescheidenheit in ihren Ansprüchen aus. Nie konnten wir über einen Schatten von Unzufriedenheit klagen.

Fussnote:
Es möge hier ein Irrthum berichtigt werden, der sich in das Jahrbuch des Oesterreichischen Alpenvereins Jahrgang 1869 Seite 285 eingeschlichen hat. Es wird hier ein Fall von Habsucht eines Kalser Führer angeführt, nämlich des Messners von Kals, und in einer Anmerkung der Redaktion der Führer Schnell als jener Messner bezeichnet. Es ist dagegen zu erwähnen, dass Schnell nie Messner von Kals war und vermuthlich es auch nie in seinem Leben werden wird, dass also hier eine Verwechslung der Personen vorliegt, dass anderseits der Messner, der allerdings im betreffenden Falle eine wenn auch geringe Ueberforderung stellte, gar nicht autorisirter Führer ist, sondern nur aushilfsweise als solcher figurirte. Zur Ehrenrettung der Kalser Führer mag noch beigefügt werden, dass jenes Verschulden des Messners gerade von ihrer Seite den strengsten Tadel erfuhr, dass derselbe eine energische Zurechtweisung erlitt und ihm mitgetheilt wurde, er würde bei einer abermaligen Uebertretung der Taxe auch nicht mehr aushilfsweise führen dürfen.

       So ersetzen sich denn diese beiden Männer mit ihren guten Eigenschaften und bilden ein Führerpaar, das wohl in den Deutschen Alpen seines Gleichen suchen wird. Unter ihrer Leitung durften wir unbedenklich jeden Weg zu unternehmen wagen. Auf eine komische Weise waren am verflossenen Abend die Gegensätze zwischen den beiden hervorgetreten, als wir

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sie nach unserer Ankunft in Uttendorf vom Schlafe erweckten, um ihnen den Beweis zu liefern, dass auch wir unser Versprechen gehalten. Lächelnd streckte uns Thomele die Hände entgegen, ein herzliches "Grüss' Gott" war der Empfang. Schnell aber warf die Arme auseinander und begrüsste uns mit lustigem Juchzer.

       Es dürfte hier nicht ungeeignet sein, einige Vergleiche zu ziehen zwischen den Salzburger Führern auf der Nordseite und den Kärntner und Tiroler Führern auf der Südseite der Tauernhauptkette. Es ist nicht zu läugnen, dass im Allgemeinen die letzteren den beiden erstgenannten weit vorzuziehen sind. In Kals besonders kommen uns als Führer lauter Männer entgegen, die beim ersten Anblick schon Vertrauen erwecken müssen. Unwillkürlich fühlt man sich sicher, man glaubt seine Pläne schon halb vollendet, wenn man von solch' herkulischen Gestalten sich geleitet weiss. Gelten doch die Kalser als die grössten Männer Deutschlands! Dazu sind sie äusserst bescheiden, gewissenhaft, fast zärtlich besorgt für den Fremden. Um diesem eine günstigere Lage zu bereiten, sind sie keinen Augenblick darüber schwankend, sich selbst Mühen und Entbehrungen aufzuerlegen. Die Kalser Führertaxe ist weitaus die billigste unter den sämmtlichen Tauern-Dörfern, denn erst in jüngster Zeit haben die Heiligenbluter Führer ihren Tarif herabgemindert und mit jenem von Kals in Einklang gebracht.

       Die Kalser Führer hatten im Jahre 1869 noch immer keine Führerbücher und erst nach langen Bemühungen meiner Freunde Stüdl und Pegger in Lienz gelang es im Frühjahre 1870 für die Kalser sowie für den ganzen Lienzer Bezirk eine Führerordnung und Führerbücher bei der Statthalterei zu erwirken.

       Eine etwas weniger hohe Stufe als die Kalser nehmen die Kärntner Führer ein. Es mögen zunächst hier nur die Heiligenbluter in Betracht kommen, das einzige Dorf Kärntens, das der Glocknergruppe beizuzählen ist. Heiligenblut war schon längst zu Berühmtheit ge-

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kommen, als Kals noch ein unbekanntes, dem Touristenzuge nicht erschlossenes Thal war. Die Heiligenbluter wurden als treffliche Führer allgemein gepriesen. Wenn jetzt dieselben vor den Kalser Führern in den Hintergrund treten mussten, so ist dies aus zwei Ursachen erklärlich: einmal war der Führertarif in Heiligenblut bedeutend höher als in Kals, ferner - und dies ist die Hauptsache - kamen die besten Führer jenes Dorfes seit mehreren Jahren kaum mehr dazu, wirklich zu führen. Sie waren dort vollständig in die Hände des Wirthes gegeben, der den einträglichen Führerverdienst zumeist seinen Knechten zukommen liess. Doch diese trüben Verhältnisse mögen in späteren Zeilen eine eingehende Schilderung finden.

       Die Heiligenbluter gleichen den Kasern nicht in Bezug auf wuchtigen Körperbau, doch finden sich auch unter ihnen Führer, die an Muth und Sorgfalt für den Fremden mit jenen rivalisiren können.

       Zum Schlusse noch einige Worte über die Pinzgauer Führer. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass auch diese den Kalsern im Allgemeinen weit nachstehen. Und wenn es auch Männer unter ihnen gab und noch gibt, die alle Führertugenden in sich vereinigen, einen Röderer, den bekannten Begleiter Dr. A. v. Ruthners auf dessen interessanten Exkursionen im Gebiete des Grossglockner, einen Hetz im Kaprunerthal, der an Strebsamkeit und Unternehmungsgeist all' seine Kollegen im Pinzgau weit übertrifft, so können sie doch in ihrer Gesammtheit mit den Kalser Führern sich nicht messen, weder in Bezug auf körperliche und geistige Ausbildung, noch auch in ihren Ansprüchen. Sie wissen ihre Dienstleistungen sehr hoch zu schätzen und gemäss ihren Forderungen wäre anzuempfehlen, dass sie weit mehr leisten, als die benachbarten Kalser.

       Doch es ist nun Zeit, nach Bergstock und Steigeisen zu greifen und unsere Wanderungen in der Glocknergruppe anzutreten. Wir haben am heutigen Tag den Marsch zu den höchsten Alphütten des Stubachthales zurückzulegen, um für morgen, wo eine weite und gefährliche Reise

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uns bevorsteht, einen möglichst grossen Vorsprung zu gewinnen.

       Die Vorbereitungen zur Fahrt waren getroffen, Wein und Proviant für zwei Tage lagen in stattlicher Menge vor uns aufgehäuft und harrten nur noch der Vertheilung in die einzelnen Rücksäcke.

Fussnote:
Durch Freund Stüdl's Sorgfalt waren die Kalser Führer mit Rücksäcken versehen worden, die offenbar weit bequemer sind, als die grossen, unbehilflichen Tragkörbe (Kraxen), deren sich die Kalser Führer früher bedienten.

       Es war eine schwere Last, noch vermehrt durch Gletscherseile, Steigeisen, Eispickel u.s.w. Trotzdem, dass Freund Stüdl und ich jeder seine eigenen Privatbedürfnisse auf dem Rücken trugen, hatten unsere beiden Führer doch gewaltig zu schleppen.

       Es war drei Uhr Nachmittags als wir, durchdrungen von der unumstösslichen Ueberzeugung, dass der Bäckerwirth uns der festgestellten Rechnung zu Folge gewiss für Millionäre hielt, von Uttendorf aufbrachen. Erst jetzt beim vollen Tageslicht, konnten wir die grässlichen Spuren der Verwüstung überschauen, die eine Muhre am 14. August 1868 über den armen Ort verhängt hatte. Riesige Massen von Geröll und Sand, ganze Bäume lagen jetzt noch , wo doch die bedeutendsten Spuren der Zerstörung schon hinweggeräumt worden waren, in den Gassen des Dorfes. Manche Gebäude waren ganz oder theilweise weggerissen oder mit Schutt erfüllt, die meisten waren einige Fuss von den verderblichen Geschieben umlagert.

       Die Ueberschwemmung wurde durch ein auf dem anstossenden Sonnberge eingefallenes Gewitter hervorgerufen, das eine Erdabplaikung in den Bachgraben verursachte. Der Dorfbach, welchen Namen jenes unscheinbare Wässerlein führt, wurde dadurch aufgestaut, so dass derselbe fast eine Stunde lang kein Wasser mehr nach Uttendorf entsendete. Endlich brach die Stauung durch, doch als der Bach daherrollte, da war er so mit Erde vermengt, dass man gar kein Wasser sah. Steine, Erdreich, Bäume stürzten wild vermengt zu Thal und vermehrten die Gewalt der Fluth.

       Der dadurch angerichtete Schaden wurde auf

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30,000 Gulden geschätzt.

       An demselben Tage reichte dieses Gewitter auch hinüber in das jenseits des Sonnbergs gelegene Glemthal, wo durch Verwüstungen an Alpen, Feldern u. s. w. ebenfalls ein Schaden von 30,000 Gulden entstand.

       Auf einer hölzernen Brücke überschreiten wir die Salzach und schlagen den Weg in das gerade südlich von Uttendorf zum Tauernhauptkamme hinanziehende Stubachthal ein, ein trotz seiner Naturschönheiten, die es mit dem benachbarten Kapruner- und Fuscherthal zu rivalisiren berechtigen, von Fremden nur äusserst selten besuchtes Seitenthal des Pinzgau's.

       Das Stubachthal öffnet sich weit und eben. Sein unterer Theil war offenbar einstmals ein Seebecken, doch vermag es keinen gegen das Hauptthal zu absperrenden Riegel aufzuweisen. Die Thalsohle ist im untersten Theile mit feinem Schlich bedeckt, zum Theile versumpft, so dass der Fussweg über lange Holzstege hinführt. Nach kurzer Zeit haben wir das Gehöfte des Enzinger Bauern erreicht.

       Die drei grossen Höfe des Stubachthales : Enzinger, Wiedrechtshauser und Vellern waren ehedem durch bedeutenden Reichthum ausgezeichnet, so dass ihre Besitzer die drei Pinzgauer Könige genannt waren. Und wenn sie auch längst von ihrem erhabenen Standpunkte herabgestiegen, so sind diese Bauerngüter auch jetzt noch immer stattlich genug, um zu den Besten des Landes gezählt zu werden.

       Georg Enzinger, der Eigenthümer des erstgenannten Gutes hat vor etwa 12 Jahren auch den grossen Vögalhof bei Walchen (Gemeinde Piesendorf) gekauft, so dass der Enzinger-Hof jetzt nunmehr Zulehen zum Vögal-Gute ist; Georg Enzinger ist weitaus der reichste Bauer des ganzen Unter-Pinzgau's; der Eigenthümer von Vellern ist dermalen Josef Gruber; der von Wiedrechtshausen Johann Deutinger. Der letztere stammt aus einem uralten, angesehenen Pinzgauer Geschlechte.

       Im Westen oberhalb des Wiedrechtshauser-Hofes befindet sich hoch oben im Gewände eine Höhle, die einst

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von einem wilden Menschenpaare bewohnt gewesen sein soll. Die Sage erzählt, dass noch die Spur eines eingedrückten Fusses dort zu sehen sei, wenn sie einmal verschwinden würde, dann werde der Segen aus dem Stubachthale weichen und das fruchtbare Land zerstört und verschüttet werden. Jener Eindruck ist wohl jetzt bereits geringer geworden; wollen wir zum Besten der braven Leute wünschen, dass er sich nicht ganz verwische.

       Langsam wandern wir im Thale aufwärts, schon sind die beiden Wächter, die seinen Eingang umstehen, die Enzinger-Wand im Westen, der Eigelpalfen im Osten, zurückgetreten. Der Weg, zuerst fast eben, beginnt allmählig zu steigen. Der Kalkglimmerschiefer geht jetzt in Kalk über, das Thal wird enger, und rascher eilt die Stubache in ihrem Bette dahin. Erst bei Vellern erweitert sich das Thal wieder und bildet abermals eine breite Alluvialterrasse.

       Glühende Strahlen sandte uns die Julisonne zu, wir fürchteten den Ausbruch eines Gewitters. Die Sorge war grundlos, für heute und die nächstfolgenden Tage sollte uns ein gnädiger Wettergott leuchten. In traulichem Gespräche wanderten wir dahin. Es gab ja so unendlich viel zu fragen, zu erzählen: Wie steht es mit der Stüdlhütte, wie mit dem neuen Glocknerweg, wann wird er wohl vollendet werden?

       Dann kam wieder Schnell an die Reihe, der Mann der so verwegen seinen Hut auf dem Ohre sitzen hatte, und musste all' die Touren zum Besten geben, die er im vergangenen Sommer mit dem kühnen Steiger Harpprecht in der Venedigergruppe ausgeführt hatte.

       So er­reichten wir Vellern rascher, als wir vermuthet hatten. Dazu war auch die Hitze des Tages durch die zahlreichen Erlen gelindert worden, die uns bald nach Betreten des Thales in ihrem Schatten aufgenommen hatten, auch die zahllosen Kaskadellen, in denen der Bach zu unserer Rechten mit seinen schaumgekrönten Wellen hinabstürmt, seinen stärkeren Genossen möglichst rasch zu erreichen, verbreiteten auf unserem Wege wohlthätige Kühlung.

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        Vellern liegt auf der linken Seite der Ache, während der Hauptweg auf dem rechten Ufer aufwärts führt. Eine kleine Kapelle, Ende des vorigen Jahrhunderts erbaut, steht bei dem ansehnlichen Gehöfte. Als ich im Jahre 1867 zum erstenmale über den Stubach-Kalser Tauern nach Kals wanderte, da habe ich in Vellern übernachtet. Das Prunkzimmer Hauses, geziert mit prächtigem Holzgetäfel war mir damals freundlich vom Beherrscher des Hofes angewiesen worden, reichlich wurde ich Abends und Morgens bewirthet und als ich beim Abschied nach der Zeche fragte, da wurde mir erwiedert, dass ich keine schulde. Nur mit Mühe konnte ich die Leute zur Annahme einer kleinen Gabe bewegen.

       Wo findet sich in Deutschlands weiten Gauen ein zweiter Ort, wo dem Fremden solch gastfreundlicher Sinn entgegengetragen wird? Gern hätten wir auch heute bei den biedern Leuten zugesprochen, doch hatten wir uns ohnedem schon etwas verspätet, und durften wenig Zeit mehr opfern.

       Es mag den Leser vielleicht befremden, dass ich hier dieselben Pinzgauer lobe, deren ich früher gerade nicht sehr rühmenswerth gedachte. Man möge nicht vergessen, dass oben von den Bewohnern des Salzachthales die Rede war, während wir hier ein Seitenthal besprechen. Ohne Zweifel aber macht sich ein grosser Unterschied geltend zwischen dem kernigeren Volke, das in den letzteren wohnt, und zwischen den verkümmerten, heruntergekommenen Bewohnern des Hauptthales.

       Bis Vellern führt ein gut unterhaltener Fahrweg; noch kann der Weg eine Stunde aufwärts bis zur Hopfbachalpe nothdürftig mit Karren befahren werden, von dort an verwandelt er sich in einen einfachen Fusspfad.

       Der letzte ständig bewohnte Punkt des Stubachthales ist ein einfaches Jägerhäuschen, das eine Viertelstunde südlich von Vellern sich befindet. Es liegt in jener weiten Alluvialterrasse, in welcher die erste Gabelung des Thales vor sich geht. Der Kalkzug hat sich hier wieder in Schiefer

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verwandelt. Auffallend ist die bräunliche Färbung desselben, die wohl von den zahlreichen das Gestein überdeckenden Flechten herrühren mag. Vor uns steigt die Teufelsmühle auf, aus verwittertem Fels bestehend. Immerfort lösen sich mächtige Trümmer ab von den gebröckelten Schieferwänden und fallen zerstörend in's Thal hinab. Mit Bangen blicken die Bewohner des Stubachthales auf diesen Feind, jeder heftige Regen kann neue Schuttmassen zum Absturz bringen und eine vernichtende Schlammfluth in's Thal herniedersenden.

       Die Teufelsmühle ist die letzte Spitze in jenem Seitenkamme, der sich am Rothen-Kalser Tauern vom Hauptkamme abzweigt und als Scheide zwischen dem Stubachthal (im engeren Sinne) und der Dorfer Oed auftritt ; von Sonklar wurde er mit dem Namen Stubacher Mitterkamm bezeichnet.

       Die Dorfer Oed ist ein wildes mit gewaltigen Steinhalden erfülltes Hochthal, das nur während der Sommermonate bewohnt ist (Dorferalpe).

       Von unserem Wege aus haben wir bald nachdem wir über Vellern hinausgewandert, einen interessanten Einblick in dieses verödete Thal. Ueber steile Stufen eilt der Bach herab, eine ununterbrochene Reihe von Wasserfällen bildend. Im Hintergrunde baut sich ein mächtiger Cirkus empor, dessen höchster Punkt der Landeckkopf ist. Schon früher wurde erwähnt, dass wir von diesem dem ganzen Gebirgsstock zwischen dem Velber- und dem Stubach-Kalser Tauern den Namen Landeck­gruppe beigelegt haben. Ein grosser, stark zerklüfteter Gletscher, der Landeckgletscher, zieht von diesem Gipfel zur Dorfer Oed hernieder, die unter dessen ewigen Firnen ihren Ursprung findet.

       Zur Linken neben dem Landeckkopf liegt die nur selten betretene Oed-Scharte, welche zum Uebergang in das jenseitige Landeckthal auch von Einheimischen nur selten benützt wird. Von einem Touristen jedoch wurde dieselbe noch nie überschritten.

       Der Landeckgletscher soll wegen der zahllosen Spalten, die ihn nach allen Richtungen durchqueren, ziemlich gefährlich zu passiren sein. In keinem Theile der Tauern, vielleicht

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sogar in keinem Winkel der Deutschen Alpen bietet sich dem Liebhaber von Erstlingstouren eine solche Auswahl dar, wie in der noch gänzlich undurchforschten Landeckgruppe. Und doch ist nicht zu zweifeln, dass die meist noch jungfräulichen Spitzen derselben gemäss ihrer günstigen Lage zwischen dem Glockner- und dem Venedigerstocke treffliche Aussichtspunkte bieten.

       Wir haben in mässigem Anstieg die Hopfbachalpe erreicht und damit das Ende unserer Wanderung im Hauptthale. Das letzte erhebt sich in einer steilen Stufe, über welche der Bach brausend herabstürzt, zu einem dritten Alluvialboden, dem Enzingerboden, einst ein Seebecken gleich den beiden unteren Terrassen.

       Hier findet die zweite Haupttheilung des Thales statt, der eine weiter gegen Osten zu gelegene Arm, der unter den Firnen des Oedenwinkelgletschers entsteht, führt den Namen Oedenwinkel- oder Tauermoosthal, während der westliche Ast, die bisherige Richtung des Thales fortsetzend, zum Stubach-Kalser Tauern hinanzieht; Sonklar hat demselben die Bezeichnung Wasserfallthal gegeben.

       Beide Bäche eilen in 300-400' hohen Wasserfällen zum Enzingerboden hinab, ersterer über Schieferwände, letzterer dagegen Gneis durchschneidend.

       Kurz nach der Hopfbachalpe verlassen wir das Hauptthal, biegen zur Linken in ein Seitenthal ein, das Wurfthal, welches unter den Gletschern des Stubach-Kapruner Kammes entspringt.

       In steilen Windungen führt der Pfad hinan; langsam verfolgten wir unseren Weg, waren wir doch alle mehr oder minder mit schweren Gepäck beladen. Je höher wir kamen, desto lohnender wurde der Rückblick hinab ins Stubachthal und über die Thalfurche desselben hinaus auf die sanften Bergwellen im Norden des Salzachthales.

       Wolkenlos wölbte sich der Himmel über uns. Ein eigenthümlicher, prächtiger Farbenton lag über die Höhen ausgebreitet, mit leisem Duft schienen sie übergossen zu sein. Immer höher wuchsen die Schatten im Thale empor, immer höher zog sich das glühende Roth auf die Spitzen der Berge zurück. Es ist ein unbeschreiblich herrlicher Genuss, am

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Abend bei untergehender Sonne im Hocbgebirg zu wandern, ein Zauber scheint ringsum ausgebreitet zu sein, ein Feengarten ist's, in dem wir zu weilen träumen.

       In tiefer Schlucht zu unserer Rechten tobte der Bach, wir konnten ihn nicht mehr sehen, nur sein dumpfes Brausen schlug an unser Ohr. Erst später, als wir auf einer Brücke zum andern Ufer übersetzten, trat der wilde Geselle wieder vor unsere Augen. In schäumendem, tobendem Sturze stürmte er hinab mit seinen hochangeschwollenen Wogen, ein schweres, milchartiges Gewässer. Es ist ein ächter Sohn der Gletscherwelt. Wir haben den Riegel erstiegen, über den er vor seiner Vereinigung mit der stärkeren Stubache hinabsetzen muss.

       Fast eben schreiten wir nun in einem weiten Kessel hinan, zu den drei Hütten der Wurfalpe. Ein Kranz von schönen Gipfeln, die westlichen Vorstufen des Kitzsteinhorns, umrahmt denselben, zwischen denen der kleine Wurfthalgletscher eingebettet liegt. In einer grossen, mehrere I00' hohen Kaskade stürzt der junge Wurfbach in jenen Kessel herab, nach kurzer Ruhe zum zweiten Satze sich zu bereiten.

       Schon herrschte Dämmerlicht, als wir die von fetten Wiesen umgebene Alpe erreichten. Die Hütten sind gross und gut erhalten, wir hatten beabsichtigt, für heute unser Nachtquartier in denselben aufzuschlagen, obwohl die Wurfalpe noch nicht die höchstgelegene Alpe des Thal es ist. Doch vergebens war alles Suchen nach einem menschlichen Wesen; die Hütten waren verschlossen - wir mussten unseren Weg zu der fast eine Stunde entfernten Hohenkampalpe fortsetzen.

       Ueber einen steilen, dichtbewachsenen Wiesenhang ging es nun empor, die immer mehr zunehmende Dunkelheit erforderte grosse Aufmerksamkeit, um die Spuren des Pfades, welche mitunter nur undeutlich zu erkennen waren, nicht zu verlieren. Über manches Gesträuch strauchelte der Fuss, nur der Sternenschimmer leuchtete uns auf unserem beschwerlichen Gang. Es war fast neun Uhr, als wir endlich die elenden, halbverfallenen Hütten der Hohenkampalpe vor uns liegen sahen. Aus lose aufeinanderliegenden Steinen

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aufgerichtet, die nur zum Scheine gegen die Unbilden des Wetters Schutz gewähren, werden sie höchstens während einiger Wochen des Hochsommers bewohnt.

       Wir traten in die grösste der Hütten ein. Das Herdfeuer war erloschen, wir konnten bei der herrschenden Finsterniss keinen einzigen Gegenstand unterscheiden. Aus dem Hintergrund des Hauses dagegen kam uns ein dumpfes Brummen entgegen. "He! Ist Niemand da?" " Was wollt's denn?" tönte die Gegenfrage zurück. Auf unsere Antwort, dass wir hier übernachten möchten, kam endlich scheltend und zankend ein Mann aus dem Dunkel hervor.

       Bald war ein Licht gemacht und in unserem vis-a-vis erkannten wir einen verwildert aussehenden alten Mann. Es war ein Angehöriger jener berüchtigten Familie der Pinzgauer Senner, der uns jenen unfreundlichen Empfang bereitet hatte. Mit scharfen Blicken wurden wir gemustert, was da für Landstreicher so spät am Abend kämen; neugierig streckten auch der "Kühbua" und der "Gaisbua" die Köpfe zu ihren Betten heraus, die im Hintergrunde am Rande der Hütte schichtenartig über einander angebracht waren.

       Das Examen währte lange und schien schliesslich nicht sehr zu unseren Gunsten auszufallen; denn der strenge major domus erklärte uns, dass er keinen Platz habe uns aufzunehmen. Wir sollten nur wieder zur Wurfalpe hinuntersteigen, da wären schönere Hütten, da gäbe es Platz im Ueberfluss. Fürwahr eine recht liebenswürdige Zumuthung! Freund Stüdl begann den Versuch zu machen, durch begütigende Worte den harten Sinn des Alten rühren zu wollen. Es misslang gänzlich, er blieb bei seinem vorigen Bescheid stehen.

       Da holte ich den wohlgefüllten Tabacksbeutel hervor. "Melker, magst nicht a Pfeif'n Tabak?" Schmunzelnd blickte er auf die erwünschte Gabe. "Melker, kennst scho die neuen Silberzehnerl'n, die's jetzt in Oestreich gibt?" Verlockend liess ich sie in der Tasche klappern. "No meinetweg'n, so will ich Enk halt b'halt'n, weil's in der Nacht do nimmer obifindt's."

Fussnote:
Hinunter findet.

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       Das Mittel hatte seine Wirkung gethan. Unser Senner wurde plötzlich ungemein freundlich. Er drückte uns aus eigenem Antrieb seine Bereitwilligkeit aus, uns etwas zu kochen, da wir ja vermuthlich grossen Hunger nach dem langen Marsche hätten.

       Bald war ein lustiges Feuer angemacht und aus Alpenkost in Verbindung mit dem mitgebrachten Wein und Proviant ein flottes Souper bereitet. Doch war es immerhin gut, die verdächtigen Kochkunststücke unseres Wirthes nicht näher zu kontrolliren, damit uns nicht rasch wieder der Appetit verginge.

       Ja diese Pinzgauer Senner, fürwahr das ist ein fürchterliches Geschlecht. Sie sind ohne Zweifel die lebendigsten Vertreter des Schmutzkultus. Die Unreinlichkeit dieser Leute ist sprichwörtlich geworden. Böse Zungen sagen ihnen nach, dass sie einmal im Jahre das Hemd - wechseln? o nein! das wäre zu opulent, aber doch wenigstens wenden. Die Verkommenheit und Verdummung der Bewohner des Salzachthaies ist leider unumstössliche Thatsache, ihren Höhenpunkt erreicht jedoch dieselbe ohne Zweifel bei jenen Repräsentanten des Volkes, welche die Sennhütten beherrschen.

       Selten wird es sein, dass ein Reisender in einer dieser Hütten wirklich freundlich empfangen wird, noch seltener aber wird es ihm gelingen, die Sprachtöne ihrer Inwohner zu verstehen. Vollends aber muss es als unumstössliche Nothwendigkeit gelten, sich die Augen zu verbinden, während der Senner das verlangte Muss oder dergleichen bereitet. Und selbst mit diesem Hilfsmittel muss der Feind im Magen gewaltig gross sein, um die Vertilgung der vorgesetzten Speise zu veranlassen. Welch ein Unterschied zwischen den schmutzigen Kasern des Salzburgerlandes mit ihren griesgrämigen Melkern und den reinlichen Hütten des baierischen Oberlandes mit ihren lustigen Sennerinnen! Welch frisches Leben da oft auf den Alpen herrscht! Zwar greifen auch hier manche bedenkliche Ausnahmen Platz, manches Ideal musste da schon vor dem strengen Auge einer nüchternen Kritik verschwinden. Und doch ist ohne Zweifel gerade der Punkt, dass im baierischen

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Oberland die Sennhütten vom Genus femininum beherrscht werden, der Hauptgrund jenes originellen Lebens und Treibens, das sich hier entfaltet. Es mag vielleicht nicht besonders im Interesse der Moralität liegen, dass die Alpen von jungen übermüthigen "Diandln" bezogen sind und doch welch grosses Stück von Volksthümlichkeit ginge mit dem Einzug der Senner in die schlichten Alphütten verloren!

       Die Arbeit auf den Alpen des Pinzgau's, zumal die Käsebereitung, ist weit schwieriger als im baierischen Oberlande. Grosse Körperkraft und Ausdauer sind hierzu erforderlich. Daher werden auch keine Weiber auf die Sennhütten geschickt. In früheren Zeiten jedoch war dies allerdings der Fall, bis die Patres Franciscani im Missionshause zu Hundsdorf (Unterpinzgau), emsig besorgt für die Erhaltung der Keuschheit des weiblichen Geschlechtes, dagegen zu eifern begannen. Sie setzten es durch, dass jede Sennerin, um eine Alpe zu befahren, das Approbatum der Patres haben musste, d. h. einen Schein, dass sie zur Sennerin befähigt sei. Man nannte dies spottweise "Sennerinnen Wappeln".

Den Landwirthen aber fiel endlich diese Verfügung lästig und um den zahllosen Neckereien zu entgehen, wurden nur noch männliche Dienstboten auf die Sennhütten geschickt.

       Unser Nachtmahl war vollendet, lasst nun durch einige Stunden Schlaf für den morgigen Kampf uns rüsten. Doch es wird schwer fallen, diesen Wunsch in ergiebiger Weise zu erfüllen. Die Hütte selbst bietet wenig Raum, wir müssen mit dem benachbarten Kälberstall uns begnügen. Wehe! das ist ein elendes Loch, kaum vier Fuss breit, nothdürftig mit einer geringen Lage von übelriechendem Heu versehen. Mit zweifelhaften Blicken mustern wir das traurige Nachtquartier, das wir trotz alledem nur mühsam hatten erringen können. Einem kranken Kalb hatte es unmittelbar vor uns zum Aufenthalte gedient, nun sollten wir dessen Liegerstatt einnehmen. Tröstliche Aussichten für die nächsten Stunden! Eine verfallene Thüre schien

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ursprünglich dazu bestimmt gewesen zu sein, den kleinen Raum von der Aussenwelt abzuschliessen. Sie konnte nun ihre Funktionen nur in äusserst geringem Grade erfüllen, nothdürftig vermochten wir uns gegen die Kälte der Nacht zu schützen.

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              "Die Untere Oedenwinkelscharte" (K. Hofmann)