Wanderungen 2

       Wir hatten für den heutigen Tag eine weite Wanderung vor uns. Es galt aus dem Oedenwinkelthal den Pasterzengletscher zu erreichen und dann über diesen hinab den Weg in's Fuscherthal zu finden. Als Hauptschwierigkeiten waren hiebei der Anstieg zum Pasterzengletscher und die Entdeckung des sogenannten Hohen Gangs zu betrachten, der von dem letzteren den einzigen relativ günstigen Abstieg in's Fuscherthal bietet.

       Zwei Wege standen uns offen, um aus dem Oedenwinkelthal auf die Pasterze zu gelangen, wir konnten dieselbe entweder zwischen dem Eiskögele und dem Johannisberg oder zwischen dem letzteren und der Hohen Riffel zu erreichen suchen. Einige Worte über die Beschaffenheit dieser beiden Scharten müssen hier wohl vorausgeschickt werden. Wir haben die erste Untere, die zweite Obere Oedenwinkelscharte genannt.

       Wie schon in der Einleitung bemerkt wurde, zweigt sich am Eiskögele 10,898' 3445m Keil der Glocknerkamm vom Tauernhauptkamm gegen Südosten ab, während von Sonklar und Keil irrthümlicher Weise der Schneewinkelkopf 11,176' 3532m Keil als Knotenpunkt betrachtet wird. Wir hatten Gelegenheit, uns sowohl am heutigen Tage bei der Ueberschreitung der Unteren Oedenwinkelscharte, als auch bei der später zu schildernden Ersteigung des Schneewinkelkopf von der Unrichtigkeit dieser Angabe zu überzeugen.

       Dieser ganze Theil der Glocknergruppe wird von den Kalsern

Seite 221

treffend mit dem Namen "Keeswinkel" bezeichnet.
Fussnote:
Kees ist im Salzburgischen die durchaus übliche Bezeichnung für Gletscher.
Die Namen: "Oedenwinkelgletscher, Oedenwinkelscharte, Schneewinkelkopf" beginnen erst seit neuerer Zeit, seitdem die Kalser Führer sich mit dem Studium der Sonklar'schen und Keil'schen Karten befassen, allmälig sich dort einbürgern. Die früheren Bezeichnungen waren: "Keeswinkel, Keeswinkelscharte, Keeswinkelkopf." Auch in den Katasterblättern von Salzburg ist an Stelle des jetzigen Schneewinkelkopf die Benennung "Keeswinkel" eingezeichnet.

       Doch bleiben wir, da nun einmal die Nomenklatur der Keil'schen und Sonklar'schen Karten die ursprünglcben Namen verdrängt hat, bei der ersteren stehen.

       Auch der Johannisberg, der sich zwischen der Unteren und Oberen Oedenwinkelscharte erhebt, führt diesen Namen erst seit wenigen Decennien, seit den Exkursionen, welche der Österreichische Erzherzog Johann in dem Gebiete des Grossglockner unternahm. Er hiess früher "Keeserkogl".

       So sanft nun auch die Abdachung des Hauptkammes zwischen dem Eiskögele und dem Johannisberg gegen Süden ist, so jäh ist der Absturz gegen Norden. In furchtbaren Felswänden setzt er zum Oedenwinkelgletscher hernieder.

Dr. A. v. Ruthner hat im Jahre 1859 die Untere Oedenwinkelscharte 10,050' 3177m Keil, 10,098' 3162m Sonklar vom Pasterzengletscher aus bei Gelegenheit seiner Ersteigung des Johannisberg betreten; vom Stubachthale aus ist dieselbe, soviel bekannt, noch nie erstiegen worden. Wir konnten trotz unserer eifrigen Erkundigungen nicht einmal ein Gerücht hierüber in Erfahrung bringen und gerade die Gemsenjäger entwickeln doch in der Erzählung derartiger Forceproductionen sonst eine grosse Geschicklichkeit.

       Wir können daher annehmen, dass unsere Ueberschreitung dieser Scharte die erste gewesen sei. Dagegen wurde die zwischen dem Johannisberg und der Hohen Riffel gelegene Obere Oedenwinkelscharte bereits dreimal zum Uebergange aus dem Stubachthale auf den Pasterzen-

Seite 222

gletscher benützt, und zwar zum erstenmale von Thomas Enzinger, Bauernsohn aus dem Stubachthale, dem Bruder des jetzigen Eigenthümers des Vögal- und des Enzingerhofes. Er führte allein die Wanderung von der Wurfalpe über die genannte Scharte und den Obersten Pasterzenboden hinab in's Fuscherthal aus, gewiss ein verwegenes Manöver, ohne Begleiter eine so gefährliche und langwierige Tour zu unternehmen.

Fussnote:
Dr. A. v. Ruthner, Berg und Gletscherreisen in den Österreichischen Hochalpen, Seite 158 ff. In meiner im ersten Hefte der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins (1869) enthaltenen Abhandlung über die drei Hauptkämme der Glocknergruppe habe ich den Thomas Enzinger als Vellererbauern bezeichnet, in gleicher Weise wie dies Dr. A. v. Ruthner a. a. 0. thut; dies ist, wie ich neuerlich erfahren habe, unrichtig.

       Ihm folgte am 9. Juni 1865 F. F. Tuckett und seine Gefährten mit zwei Schweizer Führern und dem Kalser Gräfler.

Fussnote:
Alpine Journal Vol. II. Nro. 11 Seite 335.

       Die dritte Ersteigung endlich wurde am 30. September 1868 von dem wackern Führer Anton Hetz aus Kaprun in Begleitung seines Bruders Peter und des Joseph Brandtner aus Kaprun unternommen.

Fussnote:
Jahrbuch des Oestreichischen Alpenvereins 1869 Seite 335.

       Diese Depression im Hauptkamm zwischen dem Johannisberg und der Hohen Riffel wurde von Tuckett "Johannisbergjoch" genannt. So sehr ich auch das Recht anerkenne, unbenannte Punkte mit entsprechenden Bezeichnungen zu versehen, so wenig auch gegen diesen Namen an und für sich etwas einzuwenden wäre, so erlaube ich mir doch, denselben lediglich aus dem Grunde fallen zu lassen, weil die Bezeichnung "Joch" eine in der Glocknergruppe durchaus ungebräuchliche ist. Auch der mitunter sowohl für die Untere als auch für die Obere Oedenwinkelscharte gebrauchte Name "Todtenlöcherpass" oder "Todtenlöcherscharte" erscheint als ungerechtfertigt. Die Todtenlöcher liegen nicht zwischen dem Johannisberg

Fussnote:
Dr. A. von Ruthner / a. a. 0. Seite 108 / erklärt den Namen Tothenlöcher daher, dass den in diese Felsschluchten geflüchteten Gemsen kein Ausweg bleibt und sie daher sicher den Schützen zum Opferfallen müssen.

Seite 223

und der Hohen Riffel, sondern zwischen der letzteren und dem Todtenkopf, nordwestlich von jener, südöstlich von diesem. Da nun aber die Einsattlung zwischen dem Johannisberg und der Hohen Riffel jedenfalls den relativ am öftesten unternommenen Uebergang aus dem Stubachthal auf den Pasterzengletscher bildet, ihr somit eine Bezeichnung vindicirt werden muss, dieselbe aber anderseits von den Kalsern gleichfalls dem Keeswinkel beigerechnet wird, so haben wir dieselbe folgerichtig "Obere Oedenwinkelscharte" benannt, im Gegensatz zu der vorerwähnten Scharte zwischen Eiskögele und Johannisberg, welcher wir den Namen "Untere Oedenwinkelscharte" gegeben haben. Dieser Uebergang auf die Pasterze ist zwar weniger gefahrvoll, als die untere Scharte, doch muss er immerhin zu den schwierigeren Pässen gerechnet werden. Eine Höhenangabe für denselben fanden wir nirgends verzeichnet; es mag ihm etwa die Höhe von 10,400' 3287m zu kommen.

       Wir wollten am heutigen Tage die Ersteigung der Unteren Oedenwinkelscharte in Angriff nehmen. Zwar war es uns nicht unbekannt, dass wir hiemit den schwierigeren der beiden Uebergangspunkte gewählt hatten, doch lag gerade in der Neuheit jener Tour ein gewisser Reiz. Ist es doch für jeden Bergsteiger ein Triumph, eine jungfräuliche Spitze, einen nie begangenen Pass zu erobern.

       Als wir vor die Hütte traten, goss der volle Mond sein Licht über die öden Steinmassen, die uns umringten, doch schon waren die ersten Boten des Tagesgestirns erwacht. Mit möglichster Beschleunigung trafen wir die letzten Vorbereitungen zur Fahrt. Doch mit der Einnahme des Frühstücks, mit der Vertheilung des Gepäcks etc. verstrich immerhin noch geraume Zeit, so dass wir erst kurz nach 4 Uhr unseren Marsch antreten konnten.

       Als Kuriosum mag hier noch erwähnt werden, dass unser Melker, der uns am verflossenen Abend so liebenswürdig emfangen hatte, als Lohn für seine Mühe und die bereiteten Speisen nur vierzig Neukreuzer begehrte. Man sieht, die Taxe war ihm noch nicht geläufig, die in den besuchteren

Seite 224

Thälern des Pinzgau's den Fremden gegenüber Usus ist. Er war ohne Zweifel überzeugt, einen hohen Preis für seine Dienstleistungen in Anschlag gebracht zu haben.

       In lustigem Marsche ging es nun dahin über die dürren, ausgetrockneten Wiesen, die den Riegel zwischen dem Wurfthal und der Thalniederung des Tauermoossee bedecken. Bald sahen wir den letzteren vor uns liegen. Der Pfad senkte sich langsam zu demselben hinab.

       Zusammengesetzt aus den Abflüssen des Oedenwinkel-, Riffel- und Schwarzkargletschers, wird er im Osten von jenem Zuge eingeschlossen, der sich von der Hohen Riffel gegen Norden zum Kitzsteinhorn ablöst und die Scheidewand zwischen den Thälern Stubach und Kaprun bildet; die Hohe Riffel, der Grosse und Kleine Eiser (nach ortsthümlicher Bezeichnung der Grosse und Kleine Eiskogl), der Schafkogl und die südwestlichen Abhänge des Kitzsteinhorn überragen die weite Alluvialterrasse und senden die Abflüsse kleiner, wildgeborstener Gletscher in zahlreichen Armen zu ihr hernieder. Den Schluss des Thalbeckens bildet der Oedenwinkelgletscher, bogenförmig herabfliessend vom Cen­tralkamme der Hohen Tauern. Die schlanke Pyramide des Medelz erhebt sich jenseits desselben und im Süden, neben ihr zur Linken steigt als mächtigerer Bau der Hohe Kasten empor. Steile Firnfelder senken sich von diesem zum Oedenwinkelgletscher herab. Im Westen dagegen wird das Tauermoos von jenem unbedeutenden Zuge begrenzt, der vom Medelz gegen Norden streicht und als Scheide zwischen den beiden Hauptästen des Stubachthales, Oedenwinkel­ (Tauermoos-) und Wasserfallthal auftritt.

       Es ist eine öde, nackte Hochgebirgsregion, eine weite Fels- und Eiswüste, kaum vermag das verkümmerte Grün der moorigen Fläche einige Abwechslung hervorzubringen.

       Der Tauermoossee kann sich mit seinem Nachbarn, dem Weisssee im Wasserfallthale, an Grossartigkeit nicht messen, doch darf er immerhin den schönsten Partien des Stubachthales beigezählt werden. In früheren Zeiten dagegen, als er noch nicht auf jene geringe Ausdehnung

Seite 225

reducirt war, die er jetzt einnimmt, als er noch bis zum Rande des Oedenwinkelgletschers sich erstreckte, da mag wohl das Bild ein ungleich schöneres gewesen sein, jetzt aber wird es durch den kahlen sumpfigen Raum beeinträchtigt, der sich zwischen dem Gletscher und dem See ausbreitet.

       Der Weg führt uns nun eine Zeit lang am rechten (östlichen) Ufer des Tauermoosbaches entlang, der bald nach seinem Ausfluss aus dem See einen schönen Wasserfall bildet. Auf einer primitiven Brücke heisst es hier den Bach übersetzen. Sie besteht aus einem einfachen runden Balken. Es ist derselbe Steg, der den berühmten Orographen Oberst K. v. Sonklar, als dieser im Jahre 1860 vom Kapruner-Thörl in's Stubachthal hinabstieg, einen so schlimmen Streich spielte und ihn zu einem nichts weniger als erbaulichen Bade in den eisigen Fluthen der Ache verurtheilte.

       Das Geländer, das damals mit Sonklar hinabstürzte, scheint seither als äusserst überflüssig nicht mehr reparirt worden zu sein, so dass nun die ganze Brücke durch einen schmalen, der Rinde beraubten Baumstamm gebildet ist, der noch dazu durch den Wasserstaub beständig glatt und schlüpfrig gehalten wird. Eine wahrhaft polizeiwidrige Einrichtung! Wie leicht wäre es, durch Anfügen eines zweiten und dritten Balkens die Brücke allgemein benützbar zu machen!

       Aber so sind nun einmal unsere Alpenbewohner! Sie treiben sogar lieber das Vieh, das zum Uebergang über den Stubach-Kalser Tauern den Weg durch das Tauermoosthal einschlagen muss, durch den oft hoch angeschwollenen Bach und setzen sich der Gefahr aus, dass dabei das eine und andere der Thiere vom stürmischen Bache fortgerissen werde, als dass sie ein Paar Baumstämme herauftragen.

       Solche Brücken scheinen jedoch von den Bewohnern des Stubachthales mit grosser Vorliebe kultivirt zu werden. Ein Analogon des soeben beschriebenen Steges findet sich im benachbarten Wasserfallthale, wo kurz unterhalb des Grünsee der Abfluss des letzteren gleichfalls auf einem einfachen Balken übersetzt werden

Seite 226

muss. Doch hat die letztgenannte Brücke vor der vor uns liegenden wenigstens den Vorzug, dass sie bei Weitern nicht so lang ist und auch nicht so hoch über der Ache sich befindet.

       Zuerst überschritten die beiden Führer ruhig und gelassen den schwankenden Steg, als ging's auf ebenem Boden dahin, ihnen folgte Freund Stüdl, auch er zeigte sich als sicherer Meister in der Kunst zu balanciren. Ich kam als der letzte und erreichte gleichfalls unversehrt das jenseitige Ufer.

       Ich kann es nicht läugnen, dass ich unwillkührlich ein gewisses Verlangen in mir spürte, den Balken rittlings zu übersetzen; doch der Gedanke, dass die andern aufrecht hinübergegangen, dass ich mir somit ein grosses physisches Armuthszeugniss ausgestellt hätte, bewog mich rasch, gleichfalls aufrecht über den Balken zu gehen. Was doch der Stolz ein mächtiger Motor unserem Herzen ist! Ob wohl einer von uns, wenn er allein gewesen wäre, gleichfalls mit so hochgetragenem Haupte seinen Weg verfolgt? Ob wir da nicht Alle rasch die Füsse hätten hinabhängen lassen und l'inexpressible zum Vorrücken verurtheilt hätten.

Wir befanden uns jetzt auf der linken (westlichen) Seite des Tauermoosbaches und wanderten von nun an bis zum Beginne des Oedenwinkelgletschers in jener sumpfigen Thalniederung fort, die wie schon erwähnt wurde, in früheren Jahren vom Tauermoossee erfüllt gewesen. Nimmt man das rasche Zurückgehen des Sees in den letzten Jahren, als Maassstab an, so wäre ohne Zweifel die Behauptung begründet, dass die Fluthen des Sees noch in historischer Zeit bis zum Oedenwinkelgletscher, d. h. fast bis zum Tauernhauptkamm sich erstreckt haben.

       Von Uttendorf bis hierher sind wir ungefähr 4500' gestiegen. Wir befinden uns jetzt in dem letzten jener vier Thalbecken, die zwischen der Mündung der Stubache und ihrem Ursprunge sich ausdehnen, vorausgesetzt, dass die weite Fläche am Ausgang des Stubachthales als selbstständige Terrasse in Anschlag gebracht werden darf. Die Tauermoosterrasse übertrifft die tiefer gelegenen Becken,

Seite 227

Enzingerboden und Vellern sowohl an Ausdehnung wie an Wildheit der Umgebung, dazu riefen jetzt die ersten Strahlen der auftauchenden Sonne, die an die höchsten uns umgeben­ den Eiszinnen anzuschlagen begannen und den prächtigen Hermelin in feurigen Purpur zu verwandeln schienen, eine zaubervolle Wirkung hervor.

       Frisch blies uns der Tauernwind entgegen, der Bote eines günstigen Wetters. Die Kühle des Morgens trieb zu raschen Schritten an. Das Thermometer, das bei den Hütten der Hohenkampalpe uns + 7° R. gezeigt hatte, war nun um einige Grade gesunken, so dass wir gerne durch eine etwas energischere Bewegung die fröstelnden Glieder zu erwärmen strebten.

       Unser Weg verlor sich bald nachdem wir den Tauernmoossee im Rücken hatten, in dem sumpfigen Wiesenland, das die Thalsohle erfüllt. In zahllosen Rinnsalen wird es vom Abfluss des Oedenwinkelgletschers durchzogen, oft war uns ein mühsames Umherirren zwischen denselben auferlegt.

       Immer weiter empor drang der Blick zu den Firnen des Oedenwinkelgletschers, dessen lang gedehnte Zunge allein wir bisher hatten überschauen können. Ein erhabenes Amphitheater, das sich nun bei jedem Schritte aufwärts schöner und weiter entrollte, thürmte sich vor uns empor, ein ernster Wächter des eisigen Stromes zu seinen Füssen. Neben dem bereits früher erwähnten Medelz und dem Hohen Kasten war nun zur Linken des letzteren das schlanke, feinzugespitzte Eiskögele erschienen, das zierlich in die Lüfte aufragte. In jähen Wänden setzt es zum Oedenwinkelgletscher hernieder, nur hier und da ist das schroffe Gestein von kleinen, stark geneigten Eisrinnen durchbrochen.

       Wir hielten die schöne Spitze, die offenbar den Knotenpunkt zwischen dem Glocknerkamm und dem Tauernhauptkamm bildet, Anfangs für den Schneewinkelkopf, überzeugten uns jedoch bald von der Unrichtigkeit dieser Ansicht, besonders als wir die Untere Oedenwinkelscharte wirklich erklommen hatten und da den eigentlichen Schneewinkelkopf vor uns liegen sahen.

       Einen nicht minder grossartigeren Anblick gewährt der zur Linken der Scharte sich erhebende

Seite 228

Johannisberg. Er gleicht dem Eiskögele, nur ist sein Gipfel noch feiner zugespitzt, noch höher emporgehoben, der Abfall seiner Felswände scheint noch wilder zu sein, als die der erstgenannten Pyramiden. Wir konnten es kaum glauben, dass diese furchtbaren Felsmauern demselben Berge angehören sollten, der uns bisher immer nur als sanfter, in blendend weissen Talar gehüllter Eisdom vor Augen getreten war.

       Ein bedeutender Unterschied macht sich da zwischen dem nördlichen und dem südlichen Abhange der Glocknergruppe geltend, hier mässig geneigte Terrassen, die langsam und gleichförmig herniederziehen, dort schroffe, jähe Abstürze.

       Noch ist in Kurzem der Ostumrandung des Oedenwinkelgletschers zu gedenken. Hier tritt als Knotenpunkt die Hohe Riffel auf. An ihr biegt der Centralkamm der Hohen Tauern gegen Osten um, während der Stubach­Kapruner Kamm die bisherige Nordrichtung desselben fortsetzt und über den Thorkopf, das Kapruner Thörl, den Kleinen und Grossen Eiser, Grieskogl und Geralkopf zum Kitzsteinhorn emporzieht.

       Es ist dies ein in geologischer Beziehung äusserst interessanter Gebirgszug. Während am Kapruner Thörl und an der Hohen Riffel die Venediger Gneis-Masse ihr Ende findet, besteht der Grosse Eiser aus Glimmerschiefer, das Kitzsteinhorn aus Kalkglimmerschiefer. Der Schichtenwende- und Mittelpunkt des inneren Kalkzuges dagegen ist der nordwestlich vom Kitzsteinhorn sich erhebende Grosse Schmiedinger, der nur wenig von jenem an Höhe übertroffen wird. Als unbedeutende Erhebung zweigt sich endlich von der Hohen Riffel gegen Nordwesten der Todtenkopf ab, der den Oedenwinkelgletscher gegen Nordosten einschliesst und sich als Scheide zwischen diesem und dem benachbarten Riffelgletscher erhebt.

       Dies ist die Umrandung des Eisflusses, der sich vor uns ausbreitet. In weitgestrecktem Bogen beschreibt sie einen riesigen Halbkreis, der als Cirkus sich über dem Gletscher emporbaut. Der Eindruck, den derselbe auf uns

Seite 229

machte, wurde noch vermehrt durch die thurmhohen, zehn bis elftausend Fuss hohen Felswände, die im Hintergrunde des Bildes emporsteigen und deren Effect noch besonders durch den tiefen, darüber ausgebreiteten Schatten gehoben wurde; sie boten einen prächtigen Gegensatz zu den bläulichen hellschimmernden Flächen des Gletschers; terrassenförmig in immer stärkerer Neigung zogen die eisigen Wellen zu dem kolossalen Gewände hinan, das seinen Fuss in die erstarrten Fluthen taucht.

Die Untere Oedenwinkelscharte vom Schafbühel aus. Links im Bild der Johannisberg, rechts das Eiskögele.

Anmerkung:
       Diese Zeichnung von Johann Stüdl erschien als Beilage zu dessen Aufsatz über die Bezwingung der Oedenwinkelscharte, den er bereits ein Jahr zuvor im Band I der Zeitschrift des DAV veröffentlichte.

       Wir glauben, dass dieses Bild die Beschreibung des Panoramas durch Karl Hofmann noch verständlicher macht, und man auch "das gewisse Misstrauen" gegenüber den "furchtbaren Wänden" verstehen kann, wenn man es vor Augen hat. Übrigens ist die Aufstiegsroute darin eingezeichnet. Bei Vergrößerung des Bildes durch Anklicken, kann man gut die Linie verfolgen, die vom rechten Bildrand seitlich über den Gletscher und die Schneefelder unterhalb des Eiskögele und schließlich - in der Bildmitte - fast senkrecht über die Wände zur Scharte rechts vom Johannisberg hinaufführt.

       Es mag verwundern, dass innerhalb eines Jahres in den beiden ersten Ausgaben der "Zeitschrift des DAV" über dasselbe Thema fast idente Beiträge erschienen.
2 Gründe waren dafür verantwortlich: Zunächst sollte die "Glocknermonogreaphie" im Verlag Amthor erscheinen. Stüdl und Hofmann arbeiteten gemeinschaftlich intensiv daran, doch kam es zu Zerwürfnissen mit dem Verleger, der sich dann auch weigerte, alle Texte und Bild-Unterlagen zurück zu geben, als der Vertrag mit ihm gelöst wurde, und der Beschluss gefasst war, die Berichte unter dem Titel "Wanderungen in der Glocknergruppe" in der AV-Zeitschrift - vermutlich in der Erstausgabe - zu veröffentlichen.

       Da starb Karl Hofmann am 2. September 1870 den Heldentod im Deutsch-Französischen Krieg und Stüdl allein sah sich wohl ausserstande, alle Kapitel rechtzeitig fertigzustellen. Sicher war es ihm aber ein Anliegen, zur ersten Publikation des erst ein Jahr zuvor gemeinsam mit Hofmann und 2 weiteren Freunden gegründeten DAV seinen Beitrag zu leisten. Auch eine Arbeit von Hofmann, der die Stelle des Schriftführers des jungen Vereines inne gehabt hatte, sollte jedenfalls erscheinen. So wählte er für die Ausgabe von 1870 den Aufsatz seines Freundes  über "Die Glocknergruppe" und schrieb selbst einen Beitrag über die - laut Hofmann - "schwierigste Tour", die sie gemeinsam unternommen hatten.

Nachzulesen sind diese beiden Beiträge hier: http://www.literature.at/viewer.alo?objid=1026430&page=1&viewmode=fullscreen und zwar jener von Karl Hofmann auf den Seiten 74 - 98, der von Stüdl Seite 117 - 139.

       Der Gesamtbericht über die "Wanderungen" wurde erst ein Jahr später gedruckt.

___________________________________________________________________

         Je unerwarteter dieses erhabene Gemälde uns entgegentrat, von dessen Schönheit wir noch nie etwas vernommen hatten, desto grösser war unsere Bewunderung bei der Betrachtung desselben. Dagegen konnten wir nicht ohne ein gewisses Misstrauen die furchtbaren Wände mustern, die wir am heutigen Tage zu erklimmen hatten, um zur Untern Oedenwinkelscharte hinanzusteigen. Das sollte ein saures Stück Arbeit werden!

       Ob es nicht gerathener ist, die ungleich leichtere Passage über die Obere Scharte zu wählen? Sie blickte bei Weitem nicht so tückisch auf uns hernieder. Doch weg mit dem Gedanken! Soll uns denn gleich die Erstlingstour des heurigen Jahres in jener Gruppe misslingen, die wir nach allen Richtungen durchkreuzen wollen, in der wir gerade die undurchforschten Theile zu durchwandern, die nie betretenen Scharten und Spitzen zu bezwingen uns vorgenommen hatten? Und jetzt sollten wir sofort auf die Ausführung des ersten Projectes verzichten, ohne nur wenigstens einen Versuch gewagt zu haben, obwohl alle Auspicien der Fahrt günstig sind, obwohl die Kräfte frisch, die eifrigsten und treuesten Führer an unserer Seite sind?

       Die Zweifel sind verschwunden! Die Untere Oedenwinkelscharte muss erstiegen werden! Es war fast 6 Uhr gewesen, als wir das Ende des Gletschers erreicht hatten, dem nach Keil eine Höhe von 7063' 2232m, nach Sonklar von 7069' 2234m zukommt; ein kleiner Tümpel befindet sich in der Nähe der linken Ecke desselben. Der Marsch von der Hohenkampalpe bis hierher hatte fast zwei Stunden in Anspruch genommen, obwohl

Seite 230

wir rasch ohne Aufenthalt fortgewandert waren, die Rast, die wir am Gletscherende hielten, war äusserst kurz, sie dauerte nur so lange, um einige Bissen Fleisch und Brod, sowie einen Schluck Wein zu uns zu nehmen. Die frische Temperatur +4 ° R machte einen längeren Aufenthalt nicht gerade erwünscht, zudem mussten wir mit unserer Zeit bedeutend sparsam zu Werke gehen.

       Der Oedenwinkelgletscher zeigt weder ein hübsches Gletscherthor wie dies doch so häufig bei den grösseren Gletschern der Fall ist, noch auch eine bedeutende Stirnmoräne, letzteres ein Beweis, dass derselbe keineswegs im Zurückgehen begriffen ist. Die Ursache dieses Ereignisses, das im Widerspruche mit den allseitig gemachten Beobachtungen über das Abnehmen der Gletscher in unserer Periode steht, mag darin liegen, dass der Eisstrom zwischen hohen Felswänden eingebettet ist, welche die Wirkung der Sonnenstrahlen abzuschwächen vermögen, dass anderseits seine mächtige Umsäumung gegen Süden die Einflüsse des Föhns bedeutend zu lindern, wenn nicht gänzlich abzuhalten im Stande ist.

       Der Oedenwinkelgletscher, dem nach Sonklar eine Gesammtarea von 1,500,000 Quadratklaftern = 5,396,006 Quadratmetern = 540 Hectaren zukommt, ist in seinem untersten Theile mit einer starken Lage von Schutt und Geröll bedeckt, welche das Gletscherende auf eine Ausdehnung von wenigstens 2000' vollständig überlagert; Thomele fand in demselben den schönen Kristall eines Rauchtopas.

       Die schiefrigen Wände, die den Eisstrom besonders auf seiner rechten (östlichen) Seite umschliessen, senden beständig grosse Steintrümmer auf denselben hernieder. Daher ist auch die rechte Seitenmoräne bedeutend stärker als die linke. Würde unser Gletscher einmal in's Zurückweichen kommen, so müsste er einen riesigen Schuttwall als Endmoräne hinterlassen. Jetzt aber schiebt er die zahllosen Steinmassen noch immer auf seinem Rücken fort, ohne sie zum Ablagern an seinem Rande bringen zu können.

       Gewiss gehört das Studium des Gletscherphänomens

Seite 231

zu den interessantesten, welche die abwechslungsreiche Alpenwelt uns bietet. Leider ist uns trotz der gediegenen Forschungen von Saussure, Agassiz, Forbes, Tyndall u. a. noch immer manches Räthsel ungelöst geblieben.

       So fanden wir z. B. auf dem Oedenwinkelgletscher jene bekannten, vielbesprochenen Schuttkegel in grosser Anzahl; sie erreichten eine Höhe von fast zwei Fuss und waren aus feinem Schlich gebildet. Wir zerstörten mehrere derselben und fanden sie im lnnern theils mit Eis, theils mit Sand wie an der Aussenfläche gefüllt. Lässt sich nun auch die Existenz jener Kegel, die nur an der Aussenseite mit Sand überdeckt, im lnnern dagegen aus kompaktem Eis gebildet sind, leicht dadurch erklären, dass das Eis an den Rändern eines solchen Sandhaufens zu schmelzen begann, daher ringsum eine kleine Vertiefung entstand, während die geschütztere Mitte den Einflüssen mehr zu widerstehen vermochte und daher um so höher emporgehoben erschien, je weiter das Eis an den Rändern abschmolz, so bleibt es doch unbegreiflich, wie die im Innern gleichfalls mit Sand ausgefüllten Kegel entstehen konnten. Man müsste höchsten annehmen, dass mit zunehmender Vertiefung an den Rändern die Theilchen von der Mitte herniederrollten und so jene gleichmässige Gestaltung hervorbrachten. Doch lässt es sich dann schwer erklären, wie die Kegel entstanden sind, die nicht in Aushöhlungen, in Vertiefungen des Eises sich befinden, sondern über dem Niveau des Gletschers sich erheben.

       Auch schöne Gletschertische sahen wir ringsumher, doch erreichten dieselben nicht die gleiche Höhe, wie sie die Gletschertische der benachbarten Pasterze aufzuweisen vermögen. Die Natur derselben kann hier wohl als allbekannt vorausgesetzt werden eine Besprechung derselben dürfte als überflüssig erscheinen. Die Gletschertische sind nur bis zum Beginn der Firnfelder, also auf dem festen Eis, auf dem eigentlichen Gletscher vorhanden In dem weicheren Firn dagegen sinken die Felsblöcke in die Oberfläche ein, die ihnen nicht mehr den gleichen Widerstand entgegenzuhalten vermag, wie das Eis der tieferen Gletscher-

Seite 232

theile, statt der Eissäulen bewirken die Felstrümmer hier tiefe runde Ausbuchtungen im Boden.

       Trotzdem, dass wir von Klüften nur wenig zu besorgen hatten, da dieselben nur in geringer Anzahl und unverdeckt durch trügerische Schneebrücken vor uns lagen, nahmen wir die Steigeisen unter die Füsse und verbanden uns der Vorsicht halber beim Betreten des Gletschers durch unser Seil.

       Die Neigung des Gletschers, die im untersten Theile 15 Grad, am Gletscherende selbst an den steilsten Stellen 22 Grad beträgt wurde im mittleren Theile bedeutend geringer, so dass wir fast eben dahinschritten.

       Ein grossartiges Schauspiel trat uns plötzlich während unseres Marschirens entgegen. Vom Hohen Kasten löste sich eine mächtige Eislawine und stürzte krachend und polternd auf den Gletscher herab. Zum Glück, dass wir weit entfernt waren von jenem Orte, wo die riesigen Eisblöcke herab gestürmt waren. Von Zeit zu Zeit wiederholte sich das Donnern, bald fielen von dieser bald von jener Wand Eis- und Steinlawinen in die Tiefe. Es waren wilde, schauerliche Bilder.

       Immer steiler wurde der Gletscher, dessen Firn wir jetzt betreten hatten, immer höher schienen die Wände emporzuwachsen, die sich am Rande desselben erhoben, je näher wir an sie herankamen.

       Um 8 Uhr 30 Minuten machten wir abermals eine kurze Rast, bevor wir das Ersteigen des letzten Schneefeldes vor dem Betreten der Felswände begannen. Das Klinometer zeigte uns eine Neigung von 47 Grad. Es war nothwendig Stufen zu hauen. Die Hacke wurde aus dem Rucksack hervorgeholt und Thomele's Bergstock in einen Eispickel verwandelt. Zwei Schrauben genügten, um die Hacke sicher daran zu befestigen.

       Es mag hier in Kurzem diese praktische Einrichtung näher beschrieben werden. Der Eispickel hat den Nachtheil, dass er bei einfachen, ungefährlichen Wanderungen ziemlich lästig zu tragen ist, der alte, eingebürgerte Bergstock bietet hier bei Weitern grössere Vortheile. Dagegen findet der erstere bei steilen Eis- und Firnhängen erst seine eigent-

Seite 233

liche Anwendung. Offenbar aber vereinigt man die Vortheile der beiden, wenn man im Augenblicke, wo es nothwendig ist, den Bergstock in einen Eispickel umändern kann.

Dieser, von Johann Stüdl gezeichnete Entwurf des neuen Eispickels war dem Beitrag "Wanderungen in der Glocknergruppe" im Band II der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins" von 1871 beigelegt.

       Freund Stüdl liess nun ein derartiges Instrument in Prag anfertigen, das wir allen jenen aus Erfahrung bestens empfehlen können, welche schwierige Hochtouren unternehmen wollen. Die beigegebene Zeichnung möge dasselbe erläutern.

       Wir haben dieses Instrument, das zugleich die Funktionen von Bergstock und Eispickel trefflich vereinigt, auf unseren sämmtlichen Touren mit uns geführt. Es fand in Thomele rasch seinen Mann, der es zu handhaben verstand. Auch unsere Besorgniss, dass die Schrauben locker werden könnten und dann die Hacke einmal gerade in einem kritischen Momente sich loslösen möchte, zeigte sich als durchaus unbegründet. Sie hielt fest und sicher.

       Mühsam war endlich jener schroffe Eishang überwunden, wir waren an den Wänden angelangt. Himmelhoch bauten sie sich vor uns empor, mit bangen Blicken sahen wir zu jener überhängenden Schneewächte empor, die oben an der Scharte hing und den Beginn des Pasterzengletschers uns anzeigte.

       Eifrig spähten wir umher, die günstigste Stelle zum Anstieg zu entdecken. Doch je länger wir rekognoscirten, desto unwahrscheinlicher schien sich das Gelingen unseres Projektes gestalten zu wollen. Es waren, wenn nicht unübersteigliche, so doch zum mindesten sehr bedeutende Hindernisse zu überwinden. Das Gestein bestand aus zerbröckeltem verwittertem Glimmerschiefer, der mit grosser Vorsicht betreten werden musste, da er nur sehr geringen Halt gewährte. So oft wir mit dem Fuss oder der Hand auf einen Stein uns stützen wollten, wich er trügerisch aus seiner Lage und bedrohte mit seinem Falle nicht nur denjenigen, der ihm Vertrauen geschenkt, sondern auch die Nachfolgenden im Zuge.

       Um die Gefahr im Emporklimmen über die Wände zu verringern und den Anstieg nicht zu verzögern, wurde das Seil in der Mitte entzwei geschnitten. So in zwei Partien

Seite 234

getheilt, begannen wir die Kletterübungen. Schnell hatte meine Führung unternommen, wir waren die erste Hälfte der Kolonne, während Freund Stüdl, der sich dem Schutze Thomele's anvertraut hatte, mit diesem das zweite Paar bildete.

       Bald nachdem wir jenen steilen Firnhang überwunden und die Felsen betreten hatten, mussten wir zum zweitenmale ein stark geneigtes Firnfeld überschreiten; auf eine kurze Felspartie folgte dann abermals eine Eiswand; die dritte, die jedoch diesmal nicht ihrer Länge nach erstiegen, sondern nach ihrer Breitseite von der Rechten zur Linken durchquert werden musste. Sie lag zwischen dem Felsabsturz eingebettet. Das Ueberschreiten derselben war um so unangenehmer, da unter uns die weite Bergkluft sich befand, mit welcher die Wände vom Gletscher abstanden. Dies hatte uns auch verhindert, weiter zur Linken, wo die Felsen etwas praktikabler eschienen, den Anstieg zu versuchen, da wir dort keine Möglichkeit sahen, über die klafterweite Spalte hinüberzukommen. Durch tiefe Stufen wurde die Schwierigkeit jener Traversirung so viel wie möglich verringert.

       Schon hatte ich mit Schnell den schroffen Eishang passirt, Stüdl sollte mit Thomele folgen, da entglitt dem ersteren der Bergstock, pfeilschnell schoss er hinab und blieb bei einem Felsvorsprung kurz oberhalb der erwähnten Bergkluft stecken. Da führte Thomele ein treffliches Bravourstückchen aus. Ohne Stufen zu hauen, stieg er den steilen Hang hinab, den Entronnenen heraufzuholen. Nach kurzer Zeit war er mit dem Bergstock wieder bei uns angelangt. Nach Ueberwindung jener Eiswand, der letzten, die wir zu überschreiten hatten, waren wir bei dem eigentlichen Felsabsturz angelangt, der hier eine Höhe von ungefähr zwei Tausend Fuss besitzen mag.

       Eine kleine Erhebung in der Depression des Kammes zwischen dem Eiskögele und dem Johannisberg bildet zwei fast gleich tiefe Einsenkungen. Die mehr nach links, näher am Johannisberg gelegene schien uns verhältnissmässig am leichtesten erreicht werden zu können, wir beschlossen daher auf diese

Seite 235

loszusteuern.

       Im Anfange ging es noch gut aufwärts, trefflich griffen die Steigeisen in das weiche morsche Gestein ein und gaben uns sicheren Halt. Als jedoch die Neigung, die in ihrer Gesammtheit von der Kammhöhe bis zu den obersten Firnfeldern drei und fünfzig Grad betrug, sich steiler zu gestalten begann, als im untersten Theile, da wurde das Emporklimmen immer schwieriger. Mühsam musste eine Position nach der andern erobert werden. Oft dauerte es lange Zeit, bis es uns wieder gelang, mit den Händen oder Füssen einen festen Anhaltspunkt zu finden, um auf die nächst höhere Stufe uns emporzuarbeiten.

       Da wir fürchteten, schliesslich doch an eine Stelle zu kommen, wo unserem weiteren Vordringen ein unerbittliches "Halt" entgegengerufen würde, so beschlossen wir, Führer Schnell zum Rekognosciren der oberen Partien auszusenden. Wir aber suchten uns unterdessen hinter einem Vorsprung vor den Felstrümmern zu schützen, die sich unter seinen Füssen ablösten und auf uns herabschossen.

       Trefflich vollzog Schnell seine Sendung, ein lauter Juchzer drang nach einiger Zeit zu uns herab und gleich darauf sahen wir den verwegenen Burschen hoch ober uns, wie eine Fliege schien er an dem Geschröffe angeklebt zu sein. Er rief uns zu, es ginge schon, er wolle gleich wieder zu uns herabkommen. Wie wir den kühnen Steiger beneideten! Wer doch auch solch' gestählte Muskeln wie er besässe! Wir sassen wieder hinter unserm Verstecke, zahllos stürmten grössere und kleinere Felsstücke an uns vorüber, dazwischen hörten wir wieder das eigenthümliche Klirren der Steigeisen, das uns bewies, wie thätig der wackere Schnell ober unseren Köpfen sei.

       Bald war er bei uns angelangt. Die Kunde, die er brachte, lautete nicht ungünstig. Er versicherte uns auf's bestimmteste, dass die nächste Strecke nicht besonders schlimm zu passiren sei. Und war auch diese Botschaft, gerade weil sie von Schnell kam, den nicht leicht ein Hinderniss zu schrecken vermochte, immerhin mit einiger

Seite 236

Vorsicht aufzunehmen, so trug sie doch wesentlich dazu bei, uns mit frischem Muth zu erfüllen.

       Abermals begannen wir unseren Weg fortzusetzen. Da wir beständig im tiefen Schatten der Wand emporgestiegen waren, so hatten wir ziemlich zu leiden unter den Einflüssen der niedrigen Temperatur; wir waren froh, dass wir durch einige Bewegung die erstarrten Glieder wieder erwärmen konnten. In gleicher Weise wie bisher erforderte auch jetzt unser weiteres Vordringen grosse Vorsicht. Doch war die Gefahr nicht gerade haarsträubend zu nennen. Zudem wussten wir ja das Ende des Seiles in den Händen der wackern Führer, auf die wir uns in jeder Beziehung verlassen durften.

       Es war zwölf Uhr, als wir die Stelle erreichten, bis wohin Schnell vorgedrungen war; sie lag etwa in der Mitte des Felsabsturzes. Von nun an wurde aber der Weg immer schwieriger. Wir hatten Stellen von siebzig Grad Neigung zu überwinden, senkrecht schien der Oedenwinkelgletscher unter unseren Füssen zu liegen. Stufe auf Stufe wurde nun unter den grössten Anstrengungen überwältigt; nur unseren treuen Führern, die immer eine kleine Strecke voranstiegen und dann, oft selbst nur auf einen tückischen Block, auf ein enige Zoll breites Schuttband gestützt am Seile uns emporhalfen, hatten wir es zu verdanken, dass wir unversehrt vorwärts kamen.

       Es durfte nie mehr als Einer zu gleicher Zeit in Bewegung sein, damit sich die Folgenden im Zuge so gut wie möglich vor dem unter den Schritten des Emporkletternden gelockerten Gerölle schützen konnten. Das Gefährlichste der Situation war jedoch, dass sich von den höheren Theilen der Wand über uns beständig Felstrümmer ablösten und mit rasender Schnelligkeit an uns vorbei ihren Weg zur Tiefe suchten. Es war ein ununterbrochenes Pfeifen und Sausen, wie Kugeln im Gefechte fuhren die Steine an unsern Köpfen vorüber, ohne dass es möglich gewesen wäre, vor jenen Feinden uns zu decken; denn das geringste Abweichen von dem oft ausserordentlich kleinen Raume, der uns zum

Seite 237

Halt für Fuss und Hand, für Knie und Ellbogen dienen musste, hätte uns rasch den beflügelten Geschossen nachgesendet.

       Schon war der Nachmittag herangebrochen, die Sonne sandte uns ihre wärmenden Strahlen zu, die wir mit Jubel begrüssten. Waren wir doch bis jetzt beständig im düstern Schatten der Wand emporgestiegen, umweht von eisigen Winden.

       Auch ein herrlicher Rückblick auf das Stubachthal war uns nun gestattet, auf den zwischen weiten Eisströmen eingebetteten Spiegel des Weisssee, dessen beryll­grüne Fluthen als reizender Juwel zu uns heraufleuchteten. Die tiefbegletscherten Gipfel der Landeckgruppe bauten sich jenseits derselben im Westen empor, überragt von den mächtigeren Zinnen des Venedigerstockes.

       Doch so schön auch jener Anblick war, wir hatten nicht Musse, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient hätte, es fehlte uns hiezu die nöthige Ruhe. Immer wieder wurde der Blick auf das Gewände abgelenkt, das noch einen heissen Kampf erforderte. In gleicher Weise, wie die bereits zurückgelegte Strecke, wurden auch die letzten Wände noch überwunden.

       Wenn Führer Schnell wie eine Katze über die nächsthöhere Stufe hinangeklettert war und dann möglichst sicheres Posto gefasst hatte, so folgte ich ihm am straff gespannten Seile, das nach Bedarf von meinem Beschützer gekürzt wurde. Natürlich suchte ich dabei meinem Schnell thunlichst wenig Arbeit zu bereiten, doch gab es demungeachtet so manche Stelle, die ich nur mit seiner Beihilfe überwältigen konnte.

       Waren wir dann an einem Platze angelangt, der uns einen günstigen Standpunkt bot, so folgte uns in gleicher Weise Thomele mit Freund Stüdl. So kamen wir langsam aufwärts.

       Doch sollten wir nicht ohne ein kleines Abenteuer, das beinahe schlimm geendet hätte, unser Ziel erreichen. Als Thomele sich einmal auf einen Block stützte, über welchen unmittelbar vorher ich mit Schnell emporgestiegen war, da wich derselbe plötzlich unter seinen Füssen, so dass Thomele nur mit den Händen sich erhalten konnte, während

Seite 238

seine Füsse frei über dem Abgrund hingen. Es war für uns, die wir zwar unmittelbar über ihm standen, aber doch zu weit entfernt um ihm rasch beizuspringen, ein grässlicher Anblick. Sein Sturz hätte unfehlbar auch meinen Freund Stüdl, der ja mit ihm durch das Seil verbunden war, mit in die Tiefe gerissen.

       Doch der Schrecken dauerte nur wenige Sekunden, mit Aufwendung aller Kräfte zog sich der riesige Mann empor, bald hatte er wieder einen sicheren Stand erreicht. Eine Centnerlast war mir damit vom Herzen gefallen.

       Endlich waren wir soweit emporgedrungen, dass das Gelingen unseres Anstieges keinem Zweifel mehr unterworfen war. Ueber eine schroffe Felsplatte emporsteigend, erblickten wir plötzlich die Firnschneide, die wir längere Zeit hindurch nicht mehr gesehen hatten. Sie lag kaum einige Klafter mehr über uns. Im Sturme ward sie erreicht. Auch unsere Furcht, diese Schneewächte würde so stark überhängen, dass es uns unmöglich würde, über sie hinauf zu kommen, war grundlos gewesen. Rasch hatten wir sie erstiegen, als endlose Fläche breitete sich vor uns die Pasterze aus.

       Jubelnd drückten wir uns die Hände - die überstandene Gefahr hatte auf uns Alle einen tiefen Eindruck hervorgebracht.

       Wir stehen auf der Pasterze. Vor uns breitet sich der grösste Eisstrom der Tauernkette aus, überragt von funkelnden Eispalästen, von schwarzen, düsteren Felsenmauern. Bevor wir die Wanderung über jene weiten Eisfelder unternehmen, lasst erst das Terrain uns näher kennen lernen, auf dem wir uns befinden. Das Vorhandensein all' derjenigen Eigenschaften, die wir als die interessantesten

Seite 239

Eigenthümlichkeiten eines Gletschers bewundern müssen, schön gegliederte Terrassen, riesige Moränen. prächtige Katarakte, endlich die überaus grossartige Umrahmung lassen die Pasterze als ein in Deutschlands Gebirgen unübertroffenes Eisgebilde erscheinen.

       An Ausdehnung in den Deutschen Alpen nur von dem Gepatschgletscher in der Oetzthaler Gebirgsgruppe überboten, nimmt sie unter den Gletschern Europa's die neunte Stelle ein. Die Area des Firnfeldes beträgt nach den Messungen des Österreichischen Topographen Obersten K. v. Sonklar 5,900,000 Quadratklafter, 21,224,291 Quadratmeter, 2122 Hektaren, die Area des eigentlichen Gletschers 1,700,000 Quadratklafter, 6,115,474 Quadratmeter, 612 Hektaren, des Gletschers 7,600,000 Quadratklafter, 2,733,976 Quadratmeter, 2734 Hektaren. Die grösste Länge des Firnfelds beträgt 13,500' 4267m, die des eigentlichen Gletschers 19,000' 6006m, somit die Gesammtlänge des Gletschers 32,500' 10,273m. Die grösste Breite des Firnfeldes zwischen dem Schneewinkelkopf und dem Mittleren Bärenkopf beträgt 15,960' 5045m, die grösste Breite des eigentlichen Gletschers bei den Burgställen 5040' 1593m.

       Die Längenaxe des Pasterzengletschers ist im Allgemeinen gegen Südost gerichtet, die des eigentlichen Gletschers und des westlichsten unter den drei Haupttheilen des Firnmeeres zeigt eine direkt südöstliche Richtung, dagegen hat der mittlere Haupttheil des Firnmeeres eine südliche, endlich der letzte, am weitesten gegen Osten gelegene Hauptkomponent des Firnmeeres eine südwestliche Richtung.

       Die Begrenzung des Pasterzengletschers ist bereits an früherer Stelle angegeben worden, sie möge hier nur in Kürze wiederholt werden. Die rechte Seite desselben wird ihrer ganzen Ausdehnung nach vom Glocknerkamm eingeschlossen, dagegen wird die obere Umbuchtung des Firnmeeres und die linke Seite des Gletschers durch den Tauernhauptkamm gebildet.

       Drei in Mitten des Eisstromes aufragende Felsen scheiden das Firnmeer vom eigentlichen Gletscher. Sie liegen in

Seite 240

einem von Süd gegen Nord laufenden, schwach gekrümmten Bogen, der eine äusserst geringe Ausbiegung gegen Westen zeigt. Es sind dies der Kleine, Mittlere und Grosse Burgstall, denen nach Keil eine Höhe von 7885' 2492m, 9012' 2848m und 9371' 2962m zukommt.

       Wir haben hier die auf den Keil'schen und Sonklar'schen Karten, sowie auf den Generalstabsblättern angegebene Bezeichnung Kleiner, Grosser und Hoher Burgstall verlassen. Da diese Namen Grosser und Hoher Burgstall auch von Einheimischen häufig verwechselt werden und als Grosser Burgstall bald der mittlere von den dreien bezeichnet wird, bald der am weitesten gegen Norden gelegene, welcher zwar nicht an Ausdehnung, wohl aber an Elevation der bedeutendste unter den drei Burgställen ist, schien uns diese Aenderung nicht ungerechtfertigt zu sein.

       Der eigentliche Gletscher, der an den Burgställen beginnt, wird durch den Absturz an der Franz-Josephs-­Höhe in zwei ungleiche Hälften geschieden, in eine verhältnissmässig kleine untere Terrasse, die eine wechselnde Neigung von fünf bis zu fünfzig Grad hat und in einen bedeutend grösseren oberen Theil, dessen Neigung zwischen zwei bis acht Grad schwankt. Es erscheint somit der Gletscher in seiner Gesamtausdehnung in drei sehr ungleiche Stufen getheilt, deren unterste und mittlere dem eigentlichen Gletscher angehören, während die oberste, an Ausdehnung weitaus die bedeutendste, das Firnmeer bildet. Die Neigung des letzteren beträgt im Durchschnitt 8 - 10 Grad. Die für diese drei Terrassen allgemein gebräuchlichen Namen sind: Unterer, Oberer und Oberster Pasterzenboden.

       Das Firnmeer der Pasterze besteht, wenn man die beiden im Norden und Süden des Grossglockner herabfliessenden Eisströme (Aeusseres und inneres Glocknerkar), die direkt in den eigentlichen Gletscher münden, nicht hinzurechnet, aus drei Faktoren. Der erste, am meisten gegen Westen gelegene, umfasst die Firnen zwischen der Glocknerwand und dem Johannisberg. Die tiefste Depression in

Seite 241

jenem Circus bildet die Untere Oedenwinkelscharte. Er umfasst jenen Theil der Glocknergruppe, der früher allgemein mit dem Namen "Keeswinkel" bezeichnet wurde. Die entsprechende Bezeichnung hiefür wäre sonach "Keeswinkelzufluss". Da jedoch, wie eben mitgetheilt wurde, die Benennung Keeswinkel immer mehr verdrängt wird, so dürfte als die beste Bezeichnung für diesen Komponenten der Name "Oedenwinkelzufluss" oder "Scheewinkelzufluss" sein. Den letzteren gebraucht auch K. v. Sonklar.

       Weitaus der ausgedehnteste unter den genannten drei Faktoren ist der mittlere, für welchen von Sonklar der Name "Riffelzufluss" gewählt wurde. Er erstreckt sich vom Johannisberg über die Hohe Riffel, den Vorderen und Mittleren Bärenkopf bis zum Eiswandbühel und findet seine Abgrenzung gegen den dritten, östlichen Haupttheil des Firnmeeres durch eine sanfte Schneekante, die vom Eiswandbühel zum Grossen Burgstall zieht. In mehreren Armen erstreckt er sich einerseits gegen die Obere Oedenwinkelscharte zwischen dem Johannisberg und der Hohen Riffel und den tiefen Kammeinschnitt des Riffelthors zwischen der letzteren und dem Vorderen Bärenkopf, anderseits zum Mittleren Bärenkopf und dem EiswandbüheL Die Umrandung dieses Komponenten bildet einen grossen, gegen Norden konvexen Halbkreis.

       Während der erstgenannte jener drei Zuflüsse zwischen dem kleinen Burgstall und dem Glocknerkamm, der zweite zwischen dem Mittleren und dem Kleinen Burgstall auf den Oberen Pasterzenboden herabkommt, zwängt sich der dritte, der den Namen "Im Wasserfall" führt, zwischen dem Westabhange der Freiwand einerseits und dem Grossen und Mittleren Burgstall anderseits hindurch, indem er seine eisigen Fluthen zu beiden Seiten eines aus dem Eise sich erhebenden Felsens, des sogenannten Wasserfallfelsens, herabsendet. In zwei Armen erstreckt er sich gegen die Bockkarscharte und die Fuscherkarscharte zu beiden Seiten des Breitkopfes.

Fussnote:
Diese Daten sind zum grössten Theile dem trefflichen Werke Sonklars: "Die Gebirgsgruppe der Hohen Tauern" entnommen.

Seite 242

       In seiner Gesammtausdehnung bildet das Firnmeer des Pasterzengletschers beinahe ein Quadrat, dessen Seiten gleichmässig gegen Osten und Westen, Süden und Norden gerichtet sind.

       Der eigentliche Gletscher ist, wie aus den oben angegebenen Neigungsverhältnissen zu ersehen ist, vor seinem Absturze zum Unteren Boden fast eben. Er ist, da er nur wenige Klüfte aufzuweisen hat, vollständig gefahrlos zu überschreiten. Auffallend mag besonders die wellenförmige Gestaltung desselben erscheinen; er gleicht von ferne einem überglastem, frisch gepflügten Ackerfelde, das von riesigen, der Längenaxe des Gletschers parallel verlaufenden Furchen durchzogen wird.

       Von den Moränen des Pasterzengletschers ist die linksseitige verhältnissmässig ausserordentlich gering, sie verschwindet an manchen Stellen fast vollständig unter dem Eise. Desto grössere Dimensionen zeigt die rechte Seitenmoräne, mit welchen sich die verschiedenen vom Kleinen Burgstall und von den Glocknerkaren herabziehenden Mittelmoränen schliesslich vereinigen. Besonders beim Absturz des Gletschers vom oberen auf den unteren Boden bilden dieselben ein wildes Trümmerchaos. Es ligen dort Blöcke mit einem Inhalt von vielen Kubikklaftern.

       Das Ende des Gletschers spaltet sich in zwei Arme, die zu beiden Seiten der als Keil zwischen denselben vorgeschobenen Magaritze herabfliessen. Ein vor wenigen Decennien noch sichtbarer Felskamm, der von der Magaritze gegen Nordwesten vorsprang und den Gletscher schon weiter oben, als dies jetzt der Fall ist, in zwei Arme theilte, ist nun unter dem Eise verschwunden. Die Pasterze ist nämlich besonders in den Jahren 1830-1850 stark vorgerückt. Herr Pfarrer Wawra in Heiligenblut gab uns die Versicherung, dass noch manche alte Männer des Dorfes sich gut an die Zeit erinnern könnten, wo sie vor vierzig und fünfzig Jahren an solchen Stellen Heu mähten, die nun von dicken Eismassen bedeckt sind.

       Der Pfandlschartenbach, der am südlichen Pfandlschartengletscher seinen Ursprung nimmt und unterhalb der Wallner-

Seite 243

hütte jetzt in den Gletscher einfliesst, setzte noch am Anfange dieses Jahrhunderts seinen Lauf neben dem letzteren fort und vereinigte sich erst später mit dem Abfluss desselben. Jetzt ist er vom Eise überwölbt und bricht gemeinsam mit dem Pasterzenbach aus dem linken Gletscherende hervor.

       In den letzten Jahren zeigt zwar der Gletscher wieder eine geringe Tendenz zum Zurückweichen, doch äusserst unbedeutend. Nur an den Seitenrändern ist das Eis um einige Fuss abgeschmolzen, das Gletscherende blieb unverändert. Es werden jedenfalls noch unzählig viele Jahre verfliessen, bis die in Heiligenblut allgemein verbreitete Sage, dass das Eis des Pasterzengletschers einst gänzlich verschwinden werde, wirklich in Erfüllung geht. Bis jetzt ist nur das Gegentheil eingetreten, der Eisstrom gewann immer mehr an Ausdehnung. Schon das Wort "Pasterze", nach Schlagintweit slavischen Ursprungs, dem die Bedeutung "Wiese" zukommt, weist darauf hin, dass in früheren Perioden da grüne Fluren sich befanden, wo nun ein Bild der Erstarrung sich uns entrollt. Ueberhaupt ist, entsprechend der Theorie, dass unser Erdball ehedem ein feurig-flüssiger Körper war, dessen Oberfläche mehr und mehr erkaltet, keineswegs anzunehmen, dass die Eisbedeckung immerfort weiter zurückgeht, wenn dies auch gerade in unserer Periode nun fast allgemein der Fall ist.

       Nach diesem kurzen Ueberblick über den Boden, den wir betreten haben, wollen wir uns wieder zur Unteren Oedenwinkelscharte zurückversetzen.

       Es war gerade drei Uhr, als wir die Einsattelung derselben erreicht hatten; unser Aufstieg von der Hohenkampalpe bis hierher hatte sonach elf Stunden in Anspruch genommen, von denen wir sechs in jenem wilden Gewände hatten zubringen müssen. Doch nun war auch das Schwierigste überstanden, das Schwierigste nicht bloss des heutigen Tages, sondern unserer sämmtlichen Touren in der Glocknergruppe. Es war uns beiden jener Anstieg als die gefähr-

Seite 244

lichste Partie erschienen, die wir jemals unternommen hatten.

       Wir hatten uns auf dem weichen Schnee gelagert, mein Kautschukmantel, den ich bei Exkursionen während des Hochsommers immer statt des Plaids bei mir trage, musste die Unterlage des Sitzes bilden. Jetzt erst fanden wir Gelegenheit unser Mittagsmahl einzunehmen und unseren Magen für die seit langer Zeit auferlegten Entbehrungen zu entschädigen. Rasch kreiste die Flasche unter der fröhlichen Schaar, hatte uns doch alle das Gefühl der überwundenen Gefahr in eine gehobenere Stimmung versetzt. Dazu umgibt uns ja ein Kranz von herrlichen Gemälden, die jedes für sich ein Meisterwerk der Natur in ihrer Vereinigung ein unübertrefflich schönes Ganze bilden.

       Da steigt er vor uns empor, der schlanke, majestätische Glockner, doppelgezackt erhebt er das stolze Haupt in die Lüfte. Dunkelgrüne, fast schwarze Felsdurchbrüche, aus Chloritschiefer bestehend, wechseln mit den steilen Eisrinnen ab, die von dem mächtigen Gipfel herabziehen. Die Pyramide des Glockners ist weitaus der Glanzpunkt des Panoramas, das sich vor unseren Augen entfaltet, doch auch die Silberburgen alle, die ihn umringen, sind es werth, mit Aufmerksamkeit betrachtet zu werden.

       Dicht neben uns zur Rechten baut sich neben dem feinzugespitzten Eiskögele das überhängende Horn des Schneewinkelkopfs empor; zierlich scheint es im Aether zu schweben. Kein Felsdurchbruch stört die Einheit der Farbe, in mackellosen Eismantel ist der Koloss gehüllt, ein Bild des ewigen Winters.

       Neben der sanften Kuppe des Romariswandkopfs ragt mit schroffer blendend weisser Firnkante die Glocknerwand auf, der zweithöchste Gipfel der Tauernkette. Sie gleicht von hier aus einer scharfen Eisnadel, das zerspaltene, zackige Geschröffe das sonst jenem Gipfel das Aussehen eines Fächers gibt, ist von unserem Standpunkt aus durch die erwähnte Firnschneide verdeckt.

       In weiter Ferne, jenseits der Wellen des Pasterzengletschers, breiten sich die grünen Gefilde des Möllthales aus, überragt von den Eiszinnen der Rauriser-

Seite 245

gruppe.

       Zur Linken über dem Pasterzengletscher erhebt sich das Sonnenwelleck, nur in seinem obersten Theile von funkelndem Silber bedeckt.

       Höher als dieses ragt neben ihm der Fuscherkarkopf auf, ein hochgewölbter Rücken. Auch dieser Name ist erst in neuerer Zeit entstanden, ehedem hiess der Berg "Fuscher Aar", in gleicher Weise wie mit dem Namen "Rauriser Hohe Aar" der höchste Gipfel des benachbarten Rauriserthales bezeichnet wurde. Noch Schultes, der Saussure des Grossglockner, nennt den Berg Fuscher Aar. In unbegreiflichem Streben hat man aus seinem Bruder da drüben im Rauriserthal einen "Hohen Narren" gemacht; jedenfalls kann sich der Fuscher Aar gratuliren, dass er nicht gleichfalls im Laufe der Jahre zum Fuscher Narren gestempelt wurde, sondern bloss die Abänderung in Fuscherkarkopf sich gefallen lassen musste, eine keineswegs unpassende Bezeichnung, denn jener Gipfel bildet ja die bedeutendste Erhebung und den Glanzpunkt des hochgepriesenen Fuschereiskars.

       Der König aber unter den Fuscherbergen, das prächtige Wiesbachhorn, das allein als Rivale des Grossglockner in dem Gebiete des letzteren aufzutreten vermag, ist uns von der unteren Oedenwinkelscharte aus durch den Johannisberg verdeckt.

       Mit mehr Musse und mit froherem Muthe als während der jüngstverflossenen Stunden können wir jetzt auch auf die im Westen emporsteigende Landeck- und Venedigergruppe unsere Blicke richten. Auch dort tauchen wundervolle Gletschergebilde auf.

       Während wir staunend die Herrlichkeiten durchflogen, die uns in reicher Fülle umringten, hatten unsere Führer aus den umherliegenden Felsplatten ein grosses Steinmannl erbaut. Wir deponirten in demselben ein Blatt Papier, das die Daten unserer Ersteigung enthielt. Als wir später im September bei unserer Ascension des Johannisbergs wieder in die Nähe der Unteren Oedenwinkelscharte kamen, da sahen wir dieses Steinmannl noch gut erhalten, es hatte, ohne zu wanken, den brausenden Stürmen des August getrotzt.

       Die geringe Temperatur, 2 Grad R., dazu der eisige

Seite 246

Wind, der uns sogleich beim Betreten der Scharte begrüsst hatte, liess uns den Aufenthalt auf derselben rasch beenden; zudem hatten wir noch einen weiten Weg vor uns; die nächste bewohnte Hütte, die Wallnerhütte an der Pasterze, war wenigstens 4-5 Stunden von uns entfernt.

       Wir hielten Kriegsrath, ob nicht der ursprüngliche Plan, in's Fuscherthal hinabzusteigen, aufgegeben werden sollte, da dort das nächstgelegene Obdach, die Judenalpe im Käferthale, mindestens zwei Stunden weiter entfernt war, als die Wallnerhütte, wir somit bei der späten Nachmittagsstunde jedenfalls erst nach Einbruch der Dunkelheit unser Ziel erreichen konnten; ausserdem schien es uns ziemlich zweifelhaft zu sein, ob wir wohl den sogenannten Hohen Gang, von dem wir wussten, dass er allein einen gefahrlosen Abstieg vom Obersten Pasterzengletscher in das Fuscherthal gewähre, auch wirklich finden würden. Keiner unserer beiden Führer hatte jemals diesen Weg zurückgelegt. Aus der Schilderung Dr. A. v. Ruthners, der im Jahre 1856 die Ueberschreitung desselben ausgeführt hatte, wussten wir, dass die Auffindung des Hohen Gangs ziemlich schwierig sei.

       Um aber derartige Entdeckungsreisen zu übernehmen oder vollends einen neuen Abstieg in's Fuscherthal zu versuchen, war die uns für den heutigen Tag noch zugemessene Zeit jedenfalls zu kurz. Wir konnten da leicht Gefahr laufen, von der Nacht auf dem Gletscher oder doch wenigstens in bedeutender Höhe überrascht zu werden.

       Freund Stüdl sprach sich entschieden dafür aus, den Weg zur Wallnerhütte einzuschlagen, ich dagegen war für den Abstieg in das Fuscherthal.

       Mir steckte schon jetzt für den folgenden Tag ein kühner Gedanke im Kopf, die klare Witterung reizte unwiderstehlich zur Unternehmung einer grösseren Hochtour. Welcher Berg aber konnte da eine grössere Anziehungskraft auf mich üben, als das Wiesbachhorn, jene grossartige Warte, die mir schon bei meiner ersten Glocknerfahrt im Jahre 1867 so verlockend vor Augen getreten war und deren Ersteigung damals nur wegen der zu weit vorgerückten Jahreszeit hatte unterbleiben müssen.

Seite 247

       Wieder standen wir in geordnetem Zuge, die beiden Theile des Seiles wurden zu einem Ganzen verbunden, die Steigeisen, die wir jetzt nicht mehr nöthig hatten, wurden in den Rücksack verbannt. Es war 3 Uhr 15 Minuten, als wir die Scharte verliessen, unsere Rast hatte kaum eine Viertelstunde gewährt.

       Eiligen Schrittes ging es dahin, den sanften Abhängen des Johannisbergs entlang, wir hatten den Riffelzufluss, der hier eine ausserordentliche Breite besitzt, seiner ganzen Ausdehnung nach zu durchqueren. Der Firn war durch die Sonnenstrahlen bedeutend erweicht, so dass wir bei jedem Schritte bis an's Knie einbrachen, besonders für den Voranschreitenden ein äusserst ermüdender Weg; Schnell und Thomele mussten immer abwechselnd an der Spitze des Zuges marschiren.

       Nachdem wir den Johannisberg bogenförmig umkreist hatten, senkte sich unser Weg gegen jene Einsattlung hin, welche weiter zu unserer Linken das Riffelthor bildet. Deutlich sahen wir das letztere, wir waren höchstens eine halbe Stunde davon entfernt.

       In direkt östlicher Richtung setzten wir hierauf unsern Marsch fort, mässig ansteigend gegen den Eiswandbühel. Vor uns lag jene Firnkante, die von dem letzteren zum Grossen Burgstall zieht und den Riffelzufluss von dem weiter östlich gelegenen, dritten Komponenten des Pasterzengletschers , dem Wasserfallzufluss, scheidet.

       Während wir an den südlichen Abhängen des Johannisbergs hinwanderten, wurde bereits das Grosse Wiesbachhorn, die schlanke Eisnadel, neben ihm die sanftgewölbte Schneekuppe des Kleinen Bärenkopfes und der langgedehnte Felsrücken der Hohen Dock sichtbar, die letztere einer abgestumpften Pyramide gleichend. Der erstgenannte Gipfel verschwand uns aber bald wieder bei der Fortsetzung unseres Weges in der tiefen Mulde, die in Mitten des Riffelzuflusses sich ausbreitet.

       Leider fanden wir nicht Zeit, die prächtigen Bilder alle zu bewundern, die uns hier umstanden, nur selten auch konnten wir dem mächtigen Glocknerkamme einen raschen Rückblick widmen, die riesigen Schlagschatten, die

Seite 248

er auf das weite Eismeer zu seinen Füssen warf, belehrten uns, dass die höchste Eile angewendet werden musste, wenn wir nicht in diesen Fels- und Eiswüsten die Nacht zubringen wollten.

       Im Laufschritt fast jagten wir dahin, das Einbrechen des einen oder andern in eine Kluft durfte nicht die mindeste Verzögerung verursachen. Besonders traf Freund Stüdl als dem letzten im Zuge häufig das Missgeschick, in den Tritten der Voranschreitenden einzusinken und dann auf etwas unsanfte Weise durch das stramm angespannte Seil immer wieder emporgerissen zu werden. Als Beweis der Schnelligkeit, mit der wir den beschriebenen Weg zurücklegten, mag es gelten, dass wir den ganzen weitgedehnten Riffelzufluss in der kurzen Zeit von 1 Stunde und 50 Minuten durchschritten hatten, um 5 Uhr 5 Minuten erreichten wir den Eiswandbühel.

       Bei einigen Platten von Chloritschiefer, die hier aus dem Schnee hervorstanden, wurde eine kleine Rast von einigen Minuten gemacht, um durch das eisige neben dem Felsen hervorsickernde Schmelzwasser uns zu laben.

       Vor uns lag jetzt die Bockkarscharte, jene Depression im Centralkamm der Hohen Tauern, die zwischen dem Eiswandbühel und dem Breitkopf (Bockkarkopf) sich befindet. Sie ist konstatirter Massen erst viermal, im Jahre 1856 von Dr. A. v. Ruthner,

Fussnote:
"Berg- und Gletscherfahrten in den österreichischen Hochalpen" Seite 140.

1861 von Dr. J. Peyritsch aus Wien,

Fussnote:
Privatmittheilung.

1866 von dem bekannten englischen Bergsteiger F. F. Tuckett

Fussnote:
Ball, "the eastern alps" Seite 247

und 1868 von dem Führer Anton Hetz aus Kaprun

Fussnote:
"Jahrbücher des österreichischen Alpenvereins 1869" Seite 335.

überschritten worden. Tuckett verband damit zugleich den Uebergang über die südlich von Breitkopf gelegenen Fuscherkarscharte, umkreiste somit förmlich diesen Berg. Doch soll ausserdem auch von Einheimischen, besonders von Gemsenjägern, die Bockkarscharte öfters passirt werden.

Seite 249

       Wir waren in hohem Grade erstaunt, als wir nach Ueberschreitung jenes Theiles des Wasserfallzuflusses, der zwischen dem Eiswandbühel und dem Breitkopf sich befindet, an den nördlichen Abhängen der letzteren ankamen und da plötzlich frische Fussspuren entdeckten, die offenbar erst aus den jüngst verflossenen Stunden ihren Ursprung nahmen. Die Spuren zogen sich vom Mittleren Bärenkopf gegen die Hohe Dock hin und verschwanden in dem Gestein der letzteren. Sie scheinen jedenfalls von Gemsenjägern hergerührt zu haben, da von anderen Touristen als von uns im heurigen Jahre die Bockkarscharte nicht betreten wurde.

       Es war 5 Uhr 45 Minuten als wir die Scharte betraten. Die Durchquerung des Firnmeeres der Pasterze von der Unteren Oedenwinkelscharte bis hierher hatte so mit nur 2 ½ Stunden in Anspruch genommen. Vor uns sahen wir den Bockkargletscher, eingeschlossen von der Hohen Dock, dem Kleinen und Mittleren Bärenkopf, Eiswandbühel und Breitkopf. In weiter Tiefe lag das Fuscherthal zwischen Wiesenhängen und düsteren Forsten eingebettet, fünf Tausend Fuss hoch standen wir noch oberhalb der ersten Alpe. Es ist klar, dass wir da kaum eine Sekunde innehielten, der Betrachtung des schönen Bildes uns hinzugeben.

       Der Bockkargletscher war hier von vielen Klüften durchzogen, wir mussten, um dieselben thunlichst zu vermeiden, einen kleinen Umweg machen und gegen die linke Seite ausbiegend, unsere Direktion gegen Norden der Hohen Dock zu einschlagen. Zudem wussten wir, dass dort ungefähr der Beginn des Hohen Gang's sei.

       In verhältnissmässig kurzer Zeit hatten wir die Firnen des Gletschers durchschritten und befanden uns an der linken Seitenmoräne. Neben uns floss der Gletscher steil hinab, wir sahen , dass uns der Abstieg über denselben hier grosse Schwierigkeiten entgegensetzen würde. Doch auch an den Abhängen der Hohen Dock, die hier in schroffen Wänden zum Bockkargletscher und dem Käferthale abfällt, konnten

Seite 250

wir nirgends jenes breite Schuttband entdecken, das den Namen "Hoher Gang" führt.

       Während wir nun hier uns einige Rast gönnten, die Steigeisen anlegten, dagegen das Gletscherseil nach fast zwölfstündiger Verwendung wieder einrollten, ging Thomele auf Rekognoscirung aus, um die gesuchte Passage zu erspähen. Nach wenigen Minuten verkündete uns ein Jauchzer das Gelingen seiner Entdeckungsreise. Wir folgten ihm rasch.

       Um eine Ecke biegend, sahen wir plötzlich den weiteren Weg durch die Natur selbst vorgezeichnet, vor uns liegen. Auch die gefürchteten Schwierigkeiten desselben waren im Verhältniss nur äusserst unbedeutend. Das zu überschreitende Schuttband hat überall eine Ausdehnung von 3 - 4 Fuss, oft von 8 - 10 Fuss. Es ist gegen das Käferthal zu mässig geneigt. Der Absturz gegen das letztere ist allerdings ausserordentlich schroff und jäh, doch bietet für den Schwindellosen der Hohe Gang demungeachtet wegen seiner Breite keine nennenswerthe Gefahr.

       In ungefähr 20 Minuten war auch diese Passage überwunden, um 6 Uhr 30 Minuten standen wir auf dem sogenannten Remsschartl, das zwischen der Hohen Dock und dem nordöstlich davon gelegenen Remsköpfl liegt.

       Ein überraschender Anblick bot sich uns hier dar: vor uns tauchte das gewaltige Felsgerüste des Grossen Wiesbachhorns empor, überragt von hellfunkelnder Firnkante. Ein massiger Bau, nur hier und da von kleinen Gletschern und Eisrinnen durchbrochen. Wie ganz anders war es uns an den Abhängen des Johannisberg entgegentreten, wie ganz anders sollten wir es später im Kaprunerthal wieder erblicken. Vor wenigen Stunden hat es einer überhängenden Eisnadel geglichen, jetzt war sie zum riesigen Felskolosse geworden und als wir nach wenigen Tagen dem Kaprunerthörl zuwanderten, da hatte sich derselbe Berg wieder in einen schlanken Zuckerhut verwandelt.

       Ueber Geröll stiegen wir nun in jene Mulde hinab, die durch das Ende des Hochgrubergletschers ausgefüllt wird. Der letztere befindet sich nicht, wie auf Sonklar's

Seite 251

Karte der Hohen Tauern verzeichnet ist, im Norden, sondern im Süden der Bratschenköpfe, zwischen diesen und der Hohen Dock. Er ist in seinem oberen Theile stark geneigt, an seinem Ausgange jedoch fast eben und von Schutt und Schlamm bedeckt. Eine starke Seitenmoräne, die mühsam überklettert werden musste, schliesst das linke Ufer ein.

       Wir hatten hier Gelegenheit, die bereits öfters angeregte Frage, ob das Grosse Wiesbachhorn wohl auch über den Hochgrubengletscher vom Fuscherthale aus erstiegen werden könne, näher zu untersuchen. Nach unserer Ansicht würde hiebei nur der Weg über die obersten Firnen dieses Gletschers, die von bedeutender Steilheit sind, einige Schwierigkeiten bieten, welche jedoch vermuthlich durch Stufenhauen leicht gehoben werden könnten.

       Wir betraten jetzt zum erstenmale Rasen, für unsere Augen, die den ganzen Tag nur blendendes Eis und kahlen Fels geschaut, ein wonnevoller Anblick. Jener Wiesenhang war aber stark geneigt, an manchen Stellen von kleinen, tückischen Wänden durchbrochen. Tief unten zu unseren Füssen sahen wir die Judenalpe liegen, schon waren die Schatten der Dämmerung über sie ausgebreitet, die Abschiedsgrüsse der sinkenden Sonne hatten nur die Spitze des Grossen Wiesbachhorn noch mit funkelndem Gold übergossen. In blauen Dunst schienen die fernen Berge in Nord und Ost gehüllt, die verwitterten Kalkmassen Berchtesgadens, die sanften Wellen des Salzburger Landes.

       Getrennt suchten wir nun unseren weiteren Weg zu verfolgen, jeder strebte so gut und so rasch wie möglich über die abschüssigen Wiesen hinabzukommen. Ich hielt mich in der Nähe Schnell's, Stüdl dagegen war mit Thomele etwas zurückgeblieben. Er hatte schon während des Marsches über den Obersten Pasterzenboden einen stechenden Schmerz am rechten Fusse gespürt, das Andenken an unseren vor zwei Tagen ausgeführten Abstieg von der Nördlichen Watzmannsspitze in's Wimbachthal. Das Uebel war durch den zurückgelegten Forcemarsch noch vermehrt worden.

       Bald erreichten wir auch die ersten Sträuche von

Seite 252

Alpenrosen; die dadurch bedeckten Unebenheiten des Bodens riefen zum öfteren in durchaus nicht erbaulicher Weise ein Ausgleiten hervor.

       Immer mächtiger wuchsen die Schatten der Nacht empor, wir vermochten es kaum mehr, die Hütten der Judenalpe da drunten im Thale zu erkennen. Mit geflügelten Schritten eilte ich meinem Schnell nach, der wie eine Katze in grossen Sätzen voransprang.

       Endlich, als schon vollständige Dunkelheit hereingebrochen war, fanden wir einen betretenen Weg. Wir verfolgten denselben eine Zeit lang, als wir beide mit Missbehagen bemerkten, dass wir nun ungefähr auf jenem Platze standen, wo wir vor Kurzem noch die Alpe hatten liegen sehen und jetzt konnten wir sie trotz eifrigen Spähen nirgends entdecken. Alles Rufen und Schreien blieb unbeantwortet, auch unsere beiden Reisegefährten waren uns seit geraumer Zeit entschwunden, wir sahen und hörten nichts mehr von ihnen. Unmuthig stolperten wir hin und her, da erblickten wir plötzlich einen kleinen Heustadel. Die Alphütten konnten unmöglich mehr ferne sein. Wir kehrten eine kleine Strecke zurück und sieh! da lag das ersehnte Obdach vor unseren Augen, an dem wir richtig vorhin vorbeigerannt waren, ohne es zu bemerken. Und als wir vor die Thüre der grössten unter den Hütten traten, da kamen im selben Augenblick auch Freund Stüdl und Thomele herbei, die gleich Anfangs die richtigere Direction eingeschlagen und ohne Umwege das Ziel erreicht hatten.

       Noch eingedenk des unfreundlichen Empfanges, der uns am gestrigen Abend um dieselbe Stunde in der Hohenkampalpe zu Theil geworden war, geriethen wir in desto grösseres Erstaunen, als uns der Senner der Judenalpe mit herzlichen Worten begrüsste. Er schien jedenfalls an den Besuch von Fremden mehr gewöhnt zu sein, als sein mürrischer Kollege drüben im Stubachthale.

       Es war 9 Uhr, das schwierige Tagewerk war vollendet. Bald erhellte das Herdfeuer den schwarzen Raum und während wir uns in eine möglichst behagliche Situation zu versetzen suchten, bemühte sich der Melker uns durch die Bereitung

Seite 253

von trefflichen Rahmnocken einen Beweis seiner gastronomischen Kunststücke zu liefern. Schmackhafte Milch, Thee, Wein und Fleischextrakt, Butterbrod, Käse, Eier und Fleisch, die nun bald in reicher Menge theils aus der Vorrathskammer des Senners, theils aus unserem Rücksack herbei wanderten, dienten dazu, unseren inneren Menschen vollends zufrieden zu stellen.

       Als wir nach beendigtem Souper vor die Hütte traten, da war der Vollmond aufgegangen und beleuchtete mit zauberischem Lichte die glitzernden Eisfelder des Fuschereiskars und den Riesenbau des Wiesbachhorns. Es war ein wundervolles Bild. Die Wände des Wiesbachhorns schienen noch gewaltiger geworden, die eisbelasteten Schultern noch höher emporgehoben zu sein. Der unbeschreiblich schöne Anblick liess alle Zweifel, die etwa noch in meinem Innern herrschten, rasch verfliegen: Am nächsten Tage muss der stolze Gipfel erobert werden.

       Durch den Melker liessen wir uns so gut wie möglich den Weg zeigen, den bis jetzt die früheren Ersteiger dieses Berges genommen hatten, er war von unserer Hütte aus fast vollständig zu übersehen. Elf Uhr war es vorüber, als wir endlich auf den duftigen Heuboden im obern Theil der Hütte stiegen. Bald lagen wir eingegraben im tiefen, weichen Heu, geordnet im Schlafe, wie wir es während des 17 stündigen Marsches gewesen.

       Gute Nacht Ihr schönen Berge! Auf Wiedersehen am kommenden Morgen!

weiter: > Seite 253, Kapitel 5
              "Ersteigung des Großen Wiesbachhorns aus dem Fuscherthale".
              (K. Hofmann)