Wanderungen 3

       Schon nach kurzer Rast, um 1/2 4 Uhr Morgens, mahnten uns die sorgsamen Führer zum Verlassen unseres behaglichen Plätzchens. Ich kann nicht läugnen, dass ich im ersten

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Augenblick das ganze Wiesbachhorn zum Kukuk wünschte. Ich hätte, statt jetzt schon vom Heuboden Abschied zu nehmen, lieber noch verschiedene Stunden in seinem Bereiche zugebracht; doch zum Glücke dauerte diese Schwachheit auch nur wenige Minuten. Und kostete es auch Anfangs eine gewisse Ueberwindung, die trägen Glieder wieder in Thätigkeit zu versetzen, so war doch rasch die alte Frische wieder erwacht, als ich vor die Thüre der Hütte trat und da mein erhabenes Reiseziel für den heutigen Tag vor mir liegen sah.

       "The Wiesbachhorn is not only the highest peak of the Fusch range, but one of the highest and noblest in the Eastern Alps. The ascent may in many respects be compared to that of the "Finsteraarhorn".

       So urtheilt der weitgereiste Engländer "Ball" in seinem Werke "The Eastern Alps" über unseren Gipfel.

       Fürwahr es ist ein stolzer Bau! Es ist nicht bloss der hervorragendste Berg des Fusch-Kapruner Kamms, sondern einer der schönsten Gipfel im weiten Gebiete der Ostalpen!

       Das Wiesbachhorn 11,318' 3577m hoch vermag allein als Rivale des Grossglockners im Gebiete des letzteren aufzutreten. Während dieser als schlanke Eisnadel sich erhebt, erscheint jenes als ein massiges, gegen Osten überhängendes Horn. Auf allen Seiten gleicht es mit seinen schneidigen Firngräten einem riesigen Eiskegel, nur gegen Osten, zum Fuscherthale, setzt es in steilen Felswänden hernieder.

       Es ist ein mächtiger Absturz: siebentausend Fuss beträgt seine Höhe. Der jähe Abfall gestattet nicht die Ansammlung grösserer Eismassen; trotz der bedeutenden Elevation vermochte nur ein kleiner Gletscher sich hier anzusetzen, der Pokeneigletscher, nach kurzer Zeit endigt er in dem schroffen Gewände.

       Dagegen fluthen zum Fuscherthale zwei grössere Gletscher von jenem Eisgrate herab, welcher das Grosse Wiesbachhorn gegen Südwesten mit der Glockerin, gegen Norden mit dem kleinen Wiesbachhorn verbindet: der Teufelsmühlgletscher und der Sandbodengletscher.

       Alle Expeditionen aus dem Fuscherthale

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nahmen bisher den Aufstieg über den ersteren dieser beiden Eisströme; es wäre interessant auch den Weg über den letzteren einmal zu versuchen, ich glaube, man würde dort keineswegs mit unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

       Es ist gar wohl erklärlich, dass nur wenige Auserwählte unter den Tausenden, die im Fuscherthale sehnsüchtig hinaufgeblickt zu jener luftigen Zinne, den Kampf mit ihr zu unternehmen wagten. Fünfmal erst wurde der höchste Punkt vom Fuscherthale aus erreicht.

     Die erste Ersteigung des Grossen Wiesbachhorn ist im Anfange dieses Jahrhunderts von zwei Bauern, Zanker und Zorner, aus Fusch ausgeführt worden.

       Im Jahre 1841 folgte Fürst Schwarzenberg, der jetzige Erzbischof von Prag. Er hat überhaupt in der Glocknergruppe eine Reihe von herrlichen Exkursionen aufzuweisen, so unter anderem die erste Ersteigung des Hohen Tenn und des Kitzsteinhorns. Noch im vergangenen Sommer unternahm er von Kals aus eine Glocknerfahrt und drang bis zur Adlersruhe vor, wo heftiger Sturm ihn zur Umkehr nöthigte. Durch eine hohe Begeisterung für die Natur ausgezeichnet, lebt sein Name noch jetzt im ganzen Salzburgerlande in manchem Denkmal fort, das er durch Zugänglichmachung der herrlichsten Alpenpartieen sich errichtete.
Fussnote: Z. B. durch die Herstellung eines Weges in den wilden Salzachöfen zwischen Werfen und Golling.
       Im Jahre 1854 erreichte der durch seine alpinen Schriften rühmlichst bekannte Dr. A. v . Ruthner die höchste Spitze, im folgenden Jahre Dr. Biziste, endlich 1861 Dr. Peyritsch, dessen Namen wir bereits oben unter denjenigen genannt haben, welche den Hohen Gang und die Bockkarscharte überschritten.

       Der kühne Bergsteiger P. Grohmann aus Wien wurde jedoch im Jahre 1862 wenige Schritte unterhalb des letzten Zieles durch furchtbaren Sturm zur Umkehr gezwungen.

       Vor kurzem wurde ein neuer Weg entdeckt. Der wackere Führer A. Hetz aus Kaprun, den wir bereits früher lobend zu erwähnen

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Gelegenheit hatten, gelangte im Jahre 1867 unter verhältnissmässig geringen Schwierigkeiten von der Westseite, d. h. aus dem Kaprunerthale auf das Grosse Wiesbachhorn.

       In Herrn Harpprecht aus Stuttgart fand er im Jahre 1868 seinen ersten Nachfolger. Es war der einzige Fremde, der vor uns vom Kaprunerthale aus den Gipfel erreichte.

       Für die Zukunft dürften wohl alle, oder doch weitaus die meisten Expeditionen auf das Grosse Wiesbachhorn das Kaprunerthal zum Ausgangspunkt nehmen. Die Parthie ist für geübte Bergsteiger ungefährlich und aus dem Kaprunerthale nicht einmal besonders anstrengend, zudem weniger zeitraubend als aus dem Fuscherthale. Bei meiner Ersteigung am 4. Juli 1869 wurden zum erstenmale die genannten beiden Wege vereinigt.

       Klarer als am vorhergehenden Abende lag jetzt das Terrain vor uns. Schon waren die Schatten der Morgendämmerung zurückgewichen, hell und deutlich breitete sich die grossartige Umwallung des Fuscherthales vor uns aus. Vor allem galt es jetzt, nochmals mit Hilfe unseres Senners den einzuschlagenden Weg festzusetzen.

       Wir erkannten, dass wir Anfangs gegen die rechte Seite ausbiegen müssten, um dann wieder zur Linken uns wendend, an geeigneter Stelle die Wände zu betreten, welche als die östlichen und südöstlichen Vorstufen von der Spitze des Grossen Wiesbachhorns gegen das Fuscherthal abfallen.

       Die Felsen bieten einen wilden Anblick, vollständig kahl und vegetationslos starren sie uns entgegen. Der Gesammtabfall vom Grossen Wiesbachhorn zum Fuscherthal beträgt 32,5 Grad. Doch steigert sich diese Neigung an manchen Stellen bis zu einem Maximum von mehr als 50 Graden. Da der horizontale Abstand vom Thale bis zum Gipfel ungefähr zwölftausend Fuss beträgt und der direkte Höhenunterschied über siebentausend Fuss, so ergibt sich für eine Klafter fast vier Fuss Steigung. Gewiss eine äusserst steile Erhebung! Doch bestehen die Wände aus sogenannten Bratschen, weichem, morschem Chlorit- und Glimmerschiefer, die ein tiefes und festes Eingreifen der Steigeisen gestatten. Dadurch allein

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werden die Schwierigkeiten und Gefahren der Partie verringert.

       Diese Wände steigen zu den Bratschenköpfen hinan, deren höchster, fast südlich vom Wiesbachhorn gelegen, von Sonklar mit 10,727 ' 3391m gemessen ist.

       Zwischen den Bratschenköpfen und dem Grossen Wiesbachhorn fliesst wild zerklüftet der Teufelsmühlgletscher herab, der wie schon bemerkt von Sonklar irrthümlich auf die Südseite der Bratschenköpfe dicht neben dem Hochgrubergletscher verlegt wurde, während sich in Wirklichkeit zwischen diesen beiden Eisströmen die Bratschenköpfe wie ein Keil erheben.

       Der Teufelsmühlgletscher kann seiner vielen Spalten wegen erst in seiner oberen Hälfte betreten werden, in seinem untern Theile bietet er ein Bild voll zerrissener, abenteuerlicher Eisformationen. Die höchste Spitze endlich unseres Berges wurde bis jetzt immer nur über den gegen Südwesten herabziehenden Eisgrat erreicht. Hier vereinigen sich die beiden Wege aus dem Fuscher- und aus dem Kaprunerthal.

       Doch auch nach rückwärts lasst uns den Blick werfen, die prächtige Umsäumung des Käferthales zu bewundern. Wir haben das berühmte Fuscher Eiskar vor uns liegen. Man versteht darunter die Eisströme, welche vom Sonnenwelleck, dem Fuscherkarkopf, dem Breitkopf und der Hohen Dock zum Käferthal herabziehen.

       Die zu beiden Seiten des Breitkopfs herabkommenden Fluten des Bockkar- und des Fuscherkargletschers verbanden sich vor nicht gar vielen Jahren zu einem grossen Gletscher, dem Wasserfallgletscher; er reichte bis zu jenem thurmhohen Fels-Circus, der sich über dem Käferthale erhebt; über die kolossalen Wände hinab brach die Gletscherzunge ab, ununterbrochen mächtige Eisblöcke in's Thal hinabsendend. Jetzt ist derselbe weit zurückgewichen, in selbstständigen Zungen endigen die beiden Arme.

       Wundervoll, besonders in später Nachmittagsstunde während des Hochsommers , ist der Anblick der zahllosen Wasserfälle; die Abflüsse dieser beiden Gletscher stürzen sich in vielen grösseren und kleineren Rinnsalen über die Wände herab, welche die oberste Bucht des Käferthales umschliessen.

       Ein eigenthümlicher

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Glanz lag über dem Fuschereiskar ausgebreitet, das Licht des Ostens, das in immer grelleren Tönen herüberleuchtete, schien sich in den blendenden Flächen wiederspiegeln zu wollen.

       In der Seele taucht mir die Erinnerung an die zaubervollsten Partieen der Glocknergruppe auf: Der Weisssee im Stubachthale, zu dessen Fluthen drei eisige Ströme herniederfliessen, der Mooserboden im Kaprunerthale mit seinen wilden Gletscherbrüchen, das Fuschereiskar mit seinen glitzernden Eisgebilden und seinen schäumenden Wasserfällen, endlich das Möllthal mit dem unvergleichlich schönen Pasterzengletscher: das sind Bilder, die unter sich um den Preis des Ruhmes ringend in ihrer Gesammtheit keinen Rivalen im Gebiete der Deutschen Alpen finden.

       Alle Vorbereitungen für die Fahrt waren jetzt getroffen. Rasch nahm ich nun auch Abschied von meinem Freunde Stüdl, dessen Schmerzen am rechten Fusse über Nacht bedeutend stärker geworden waren, so dass er nur hinkend auftreten konnte. Dass unter solchen Umständen an eine Ersteigung des Grossen Wiesbachhorns seinerseits nicht mehr zu denken war, ist selbstverständlich; er musste sich für den heutigen Tag zu einer weniger genussreichen Thalwanderung hinab durch das Fuscherthal und nach Kaprun entschliessen. In dem letzteren Dorfe wollten wir am Abend wieder zusammentreffen.

       Wir liessen ihm auch alles überflüssige Gepäck zurück, um es durch einen Träger nach Kaprun bringen zu lassen, wir selbst nahmen nur die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände mit uns, ausser unserem Proviant nur noch Gletscherseil und Eispickel, ferner Plaid, Fernrohr, Landkarten und einige Instrumente.

       Es war ½ 5 Uhr, als ich, begleitet von Schnell und Thomele, die Judenalpe verliess.

       Ueber dürre Wiesen gings hinan, es sind die sogenannten Pokeneigründe, zur Judenalpe und der etwas tiefer liegenden Vögalalpe gehörig. Anfangs trafen wir noch vereinzelt einige verkümmerte Tannen auf unserem Wege, bald aber waren auch diese verschwunden, nur steil ansteigende Matten

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umgaben uns.

       Im Frühjahre nehmen hier zahlreiche Lawinen ihren Weg hinab in's Thal, doch finden sie wenig, was sie mit fortreissen könnten. Hier ist kein Ort, wo sie gefährlich werden, dem Rasen auf jenen Abhängen vermögen sie nur geringen Schaden zuzufügen. Weit mehr zu fürchten sind sie im untern Theile des Fuscherthales; hier ist es besonders die westliche Thalwand, von welcher in manchem Frühjahre riesige Lawinen in's Thal herniederstürzen. Weit besser geschützt ist die dichtbewaldete rechte Seite des Thales.

       Eine kurze Strecke erst waren wir emporgekommen, als die ersten Strahlen der erwachenden Sonne den Gipfel des Grossen Wiesbachhorns trafen. Eine Spitze nach der andern in der weit gedehnten Umrandung des Fuscherthales flammte in glühendem Roth auf, immer tiefer drangen die goldenen Funken herab zu den Eisfeldern, die vom glitzernden Fuschereiskar gegen das Käferthal herniederziehen.

       Doch dieselbe Sonne, die uns nun dies wunderbare Bild gewährte, sie sollte uns bald zur unerträglichen Feindin werden. Sehnsüchtig schauen wir empor zu all den Bergen, die uns umstehen, zum hochgewölbten Fuscherkarkopf, zur schlanken Pyramide des Sonenwelleck, zum massigen Felsprisma der Hohen Dock: sie alle erheben sich so weit, weit über uns empor und doch überragt sie unser Ziel noch fast um Tausend Fuss. Führwahr! es ist nicht leicht zu erreichen, nachdem uns zur Erholung für den gestrigen Marsch nur wenige Stunden der Ruhe vergönnt gewesen.

       Kaum wird es Wunder nehmen, dass uns der Marsch über die steilen Grashalden, welche die untersten Terrassen des Wiesbachhorns bilden, nicht sonderlich behagen wollte. Wie leicht wäre unser heutiges Tagewerk gewesen, wenn wir gestern in entsprechender Höhe irgend ein Nachtquartier hätten benützen können! So aber hatten wir mehrere Tausend Fuss tief bis zur Thalsohle herabsteigen müssen, um ein Obdach zu finden. Hätten wir jedoch Decken oder Brennmaterial gehabt, um uns ein Feuer anzumachen, so hätten wir an den Abhängen der Hohen Dock über-

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nachten und am folgenden Tage leicht die Ersteigung der letzteren und noch einiger benachbarter Gipfel mit der des Wiesbachhorns verbinden können.

       Die Wiesen, über welche wir jetzt emporwanderten, werden von mehreren Bächen, meist in kleinen, unscheinbaren Rinnsalen durchzogen. Kurze, steile Schneefelder sind ihre Quellen. Ob nicht von diesen "Wiesbächen" der Name "Wiesbachhorn" abzuleiten ist? Es scheint mir dies jedenfalls die einfachste und natürlichste Erklärung des Wortes zu sein.

       In neuerer Zeit ist ein heftiger Federkrieg entstanden, ob Wiesbachhorn oder Vischbachhorn die richtigere Schreibart sei. Man hat es auch versucht, den letzteren Namen auf Fuschbachhorn zurückzuführen. Wohl kaum mit Recht. Die ortsübliche Bezeichnung ist bald Wiebachhorn, bald Vischbachhorn, fast scheint der letztere gebräuchlicher zu sein. Jedenfalls war der erstere Name, für den ich mich hier entschieden habe, in früherer Zeit allgemein verbreitet: der alte Schultes im Jahre 1804 schreibt Wiesbachhorn, ebenso Weidmann und Ruthner.

       Doch wir wollen hier nicht gelehrte etymologische Forschungen anstellen, lasst uns vielmehr rüstig weitersteigen, um möglichst bald auf unsere Spitze zu gelangen.

       Es war ¾ 7 Uhr, als wir die Bratschenwände betraten, ein kahles, vegetationsloses Gestein. Gleichmässig gelagert erheben sich die feinen Schieferplättchen in horizontaler Schichtung. Hier wurden die Steigeisen hervorgeholt.

Fussnote (Seite 260 - 261):
Ich war bei meinen Juli- und August-Exkursionen in der Glocknergruppe, dessgleichen auf allen Touren, die ich in früheren Jahren unternommen hatte, nur mit einfachen, ungegliederten Steigeisen versehen, wie sie die Führer und Holzknechte im Gebirg besitzen. Sie hatten sechs Zacken und wurden nur mittelst eines Riemens über den Rüst festgehalten. Um ihnen festen Halt zu gewähren, durften die Bergschuhe nicht mit Absätzen versehen sein, wie ja diese überhaupt bei Hochtouren nicht zu empfehlen sind, da man mit denselben leicht hängen bleiben kann und dadurch im Steigen gehindert wird.
Für meine zweite Reise in der Glocknergruppe im September 1869 hatte ich mir neue, zehn­zinkige Steigeisen anfertigen lassen, die aus drei Gliedern bestanden. Sie versahen den ganzen Fuss mit Stacheln und waren Anfangs trefflich zu benützen. Ein Riemen, der kreuzweise über den Fuss gespannt wurde, gab ihnen äusserst festen und sichern Halt. Nur einen, allerdings sehr grossen Nachtheil hatten sie: sie zerbrachen sehr rasch.
Dagegen bewährten sich die Steigeisen meines Freundes Stüdl ausgezeichnet: sie waren sechszinkig und zweigliedrig und wurden gleichfalls durch einen kreuzweise über den ganzen Fuss gelegten Riemen festgehalten. Diese Steigeisen, die nach meinem Dafürhalten für Fremde am meisten zu empfehlen sind, waren zu Neustift im Stubaithale angefertigt worden.

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       Auch das Seil wurde entrollt; es wäre nicht gerade nothwendig gewesen, dasselbe schon jetzt zur Anwendung zu bringen, aber immerhin besser zu viel Vorsicht als zu wenig. Es genügte jedoch, die Schlinge um den linken Arm zu nehmen. Und nun begann ein langwieriges Klettern über die steilen Felsstufen, das uns in den folgenden Stunden noch sauer genug werden sollte.

       Unser nächstes Ziel war der Vögalhacksedl, ein unbedeutender Felsvorsprung in den Wänden. Die Neigung betrug hier im Durchschnitt 40 Grad, doch wurde sie in den oberen Partieen noch steiler, gewiss eine respektable Steigung zumal wenn sie, wie hier, mehrere Tausend Fuss andauert. An manchen Stellen erhöhte sie sich bis zu mehr als 50 Grad, dann mussten die Arme beim Emporklettern kaum minder zur Thätigkeit kommen, als die Beine.

       Bald nach Ueberschreitung des ersten Bratschenkopfs, der gegen Osten vorgeschoben, vom Fuscherthale aus als selbständiger Gipfel erscheint, in Wirklichkeit aber nur ein Vorsprung im Felsengerüste ist, wendeten wir uns nach rechts, um wenn möglich schon hier auf den Teufelsmühlgletscher zu gelangen. Wir hofften, dort günstigere Terrainverhältnisse zu treffen.

       Führer Schnell wurde zur Recognoscirung des Weges ausgesendet. Er kehrte bald mit der Nachricht zurück, dass der Teufelsmühlgletscher allenthalben sehr zerklüftet sei und dass wir voraussichtlich in den Bratschen besser aufwärts kommen würden.

       Bis hierher hatten wir im Allgemeinen die gleiche Richtung eingeschlagen, wie die früheren Ersteiger des Grossen Wiesbachhorns. Jetzt wichen wir zum erstenmale davon ab. Während

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diese nämlich nach ungefähr 1 ½ - 2 Stunden stets die Bratschenwände verlassen hatten, um zur Rechten auf den Teufelsmühlgletscher überzusetzen, verfolgten wir bei unserer Ersteigung den Weg über die Bratschen empor bis zu einer Höhe von etwa 10,100'.

       Zur Linken nun ausbiegend kamen wir bis an den südlichen Rand der Wände und erblickten tief unter uns die Wellen des Hochgrubergletschers. Als riesiger Damm erheben sich die Bratschen zwischen dem letzteren und dem nördlichen davor gelegenen Teufelsmühlgletscher.

       Der Absturz gegen den Hochgrubergletscher ist noch weit steiler als der zum Fuscherthale, der eisige Strom schien fast senkrecht unter unseren Füssen zu liegen.

       Wir erkannten, dass es höchstwahrscheinlich der bequemste Anstieg aus dem Fuscherthal auf das Grosse Wiesbachhorn gewesen wäre, wenn wir gleich Anfangs dem letztgenannten Gletscher zugewandert wären und dann über die Einsattelung zwischen der Glockerin und dem höchsten der Bratschenköpfe das Firnfeld des Teufelsmühlgletschers betreten hätten. Als ich später bei meiner Ersteigung des Grossen und des Kleinen Bärenkopfs den Hochgrubergletscher seiner ganzen Ausdehnung nach überblicken konnte, da überzeugte ich mich, dass derselbe uns nur im obersten Theile wegen seiner starken Neigung einige Schwierigkeiten bereitet haben würde. Für heute war es jedoch nicht mehr möglich, diesen Weg zu wählen; der Hinabstieg von den Bratschen wäre sehr gefährlich, zudem äusserst zeitraubend gewesen. So behielten wir denn die bisherige Richtung bei.

       Mancher Tropfen bitteren Schweisses fiel von unserer Stirne. Immer häufiger wanderte die Theeflasche an den Mund, den brennenden Durst zu stillen. Seit dem Betreten der Bratschen war uns jeder Tropfen Wassers versagt gewesen. Wie weit das Wiesbachhorn sich noch über uns erhob! Bei jedem Schritte schien es sich mehr und mehr emporzuschwingen, frei und hoch erhaben trat die Spitze jetzt über dem mächtigen Sockel hervor. Da gab es noch manche Mühe zu überwinden.

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       Schroffer wurden die Bratschen, das Klettem begann immer schwieriger sich zu gestalten. Bitter wurden wir nun gestraft, dass wir erst so spät am Morgen unsere Fahrt angetreten hatten. Wahrhaft glühende Grüsse sandte uns die Sonne zu.

       Zu wiederholten Malen steuerten wir dem Teufelsmühlgletscher zu, immer wieder schienen uns die Felsen noch praktikabler zu sein, als der Gletscher mit seinen wildzerborstenen Eisbrüchen. Um diese zu umgehen, waren auch die früheren Ersteiger des Grossen Wiesbachhorns gezwungen gewesen, auf eine kurze Strecke wieder die Bratschen zu betreten.

       Müde der ewigen Abzweigungen gegen die rechte Seite, beschlossen wir endlich, in direkter Linie gegen den obersten Bratschenkopf hinanzusteigen. Die Zwischenräume unter den einzelnen Personen wurden nun bedeutend verringert, das Ende des Seiles aufgerollt. Die Gefahr, von den lockern Steinen getroffen zu werden, die leicht unter dem Tritte des Vormannes aus ihrer Lage gelöst wurden, erheischte einige Vorsicht und gebot es, so nahe als möglich hintereinander zu marschiren. War auch dieser Weg beschwerlich, so konnte man ihn, wenn er mit gehöriger Sorgfalt zurückgelegt wurde, doch nicht gerade als gefährlich bezeichnen.

       Mit gewandtem Auge spähte Schnell, der erste im Zuge, nach einem Durchweg. Aufmerksamkeit war für uns doppelt nothwendig. Bedenklich blickte ich manchmal zu Schnell empor, wenn er wieder leicht wie eine Katze über eine hohe Felsstufe hinaufgeklettert war. "Magst wohl aufisteik'n Herr Hofmann, es geht ganz gut!" rief er mir dann in lustig ermunterndem Tone zu.

       Endlich nach 3 ½ stündigem Herumklettern in den Wänden verliessen wir die letzteren nur wenige hundert Fuss unterhalb des höchsten Bratschenkopfes. Vor uns lag die weite Firnmulde des Teufelsmühlgletschers; den eigentlichen Eisstrom des letzteren hatten wir nicht betreten.

       Hier, vor dem Betreten des Gletschers wurde die erste grössere Rast gemacht. Wenig über Tausend Fuss trennten uns noch von unserm Ziele.

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       Mit vollen Zügen tranken wir hier, nachdem wir genügend abgekühlt waren, das erfrischende Schneewasser. Es wird, nicht mit Unrecht, dem letzteren die Wirkung beigelegt, dass es wie das Meerwasser statt den Durst zu stillen, denselben nur vermehre. Doch lässt sich dieses Uebel leicht vermeiden, wenn man irgend welche Zuthat dem Getränke beimengt. Trefflich mundete uns die Mischung von Wasser und Rum.

       Jetzt erst, schon nahe der Spitze, begann die Gletscherwanderung. Die grosse Hitze des heutigen Tages machte es nothwendig, Gesicht und Hals mit einer sehr dicken Lage von Fett zu bedecken. Wehe dem Leichtsinnigen, der es unterlässt, diese Vorsichtsmassregel bei Gletschertouren anzuwenden! Mit furchtbaren Schmerzen wird ihn der Sonnenbrand quälen, in Fetzen wird ihm die Haut herabhängen, von all' jenen Theilen des Körpers, die den Einwirkungen der Sonnenstrahlen direkt ausgesetzt waren. Nur durch starkes Einreiben mit Glycerin, Fett, Oel oder Schiesspulver kann er sich gegen das Uebel schützen.

       Ich wurde im vergangenen Jahre einst schwer für meinen Leichtsinn bestraft, als ich mit offenem Hemde über einen Gletscher wanderte und es versäumte, die Brust mir mit Fett einzureiben. Länger als eine Woche hatte ich heftige Schmerzen zu erdulden, bis sich die alte Haut vollständig abgelöst hatte. Weitaus als das vorzüglichste unter den genannten Mitteln dürfte meines Erachtens das Glycerin zu bezeichnen sein. Es ist weniger unangenehm aufzulegen als Oel oder Fett, weniger schmutzig als Schiesspulver, und gewährt den Vortheil, nicht so rasch wie diese einzutrocknen. Leider hatten wir uns erst bei unseren Septembertouren mit Glycerin versehen, so musste denn heute Fett an dessen Stelle treten.

       Auch die Schneebrillen wurden nun hervorgeholt, das Seil um die Mitte des Körpers genommen und die Abstände wieder auf vier Klafter verlängert. Die Führer waren gleichfalls durch Stüdll schon früher mit Gletscherbrillen versorgt worden.

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        Noch war der Himmel wolkenlos, wunderbar schön war die Aussicht, die wir jetzt bereits gegen Osten und Süden genossen. So manches stolze Haupt, das sich vor kurzer Zeit noch hoch über uns emporgehoben hatte, war jetzt schon unter unser Niveau herabgesunken. Es drängte uns, der Spitze zuzueilen, wo unser noch viel grössere Herrlichkeiten harren.

       Wieder setzte sich die Kolonne in Bewegnng. Voran schreitet Schnell. Er war voll Freude, dass er jetzt auch einmal auf das Wiesbachhorn steigen dürfe, das er so oft vom Glockner aus betrachtet hatte, ich folgte als der zweite im Zuge.

       Wir müssen zunächst die Firnmulde des Teufelsmühlgletschers durchqueren, um an den Fuss des eigentlichen Horns zu gelangen. Der Schnee war ausserordentlich weich, die Strahlen der Sonne hatten ja bereits seit mehreren Stunden ihre Wirkung auf denselben geübt. Bis zu den Knieen sinken wir bei jedem Schritte ein, besonders für den Voranschreitenden ein beschwerlicher Marsch. Demungeachtet kamen wir rasch vorwärts, der Weg war fast eben. Da wir nur wenig Klüfte trafen, so konnten wir beinahe direkt unserem nächsten Ziele, der zwischen dem Grossen Wiesbachhorn und der Glockerin gelegenen Scharte 10,463' 3307m Sonklar zusteuern.

       Wenige Minuten vor elf Uhr erreichten wir dieselbe. Ich habe, wie schon in der Einleitung erwähnt wurde, dieser Scharte, welche den Teufelsmühlgletscher von dem nordwestlich davon gegen das Kaprunerthal hinabfliessenden Oberen Wielingergletscher trennt, den Namen Wielingerscharte beigelegt. Auf einigen Platten von Chloritschiefer, die aus dem Firn hervorstanden, wurde die letzte Rast gemacht.

       Noch trennen uns fast Tausend Fuss von unserm Gipfel. Ein doppelkantiger Firnkamm zieht zu ihm empor, die eine Seite gegen das Fuscherthal, die andere gegen das Kaprunerthal gewendet; erst auf halber Höhe etwa vereinigen sich die beiden Kanten zu einer Schneide.Waren wir bisher auf einem Seitenaste des Fusch-Kapruner Scheidegebirges

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hinangestiegen, so hatten wir nun bei der Wielingerscharte den Hauptzug selbst des letzteren betreten.

       In nördlicher Richtung ging's jetzt aufwärts. Diesen Firngrat hatten wir Anfangs für das gefährlichste Stück unseres heutigen Tagewerks gehalten. Er erscheint allenthalben als äusserst steil; besonders von Westen aus gesehen, könnte man denselben leicht für unersteiglich halten. Und doch ist gerade diese letzte Strecke nicht sehr schwer zu bewältigen. Die Gesammtneigung derselben beträgt wenig über 30 Grad, an den steilsten Stellen zeigte uns das Klinometer nur 35 Grad, mässig genug, um uns bei der günstigen Beschaffenheit des Schnee's das Stufenhauen zu ersparen.

       Nun frisch darauf los! Noch einen letzten Anlauf, das trotzige Horn zu erobern, das sich so stolz vor uns erhob! Punkt zwölf Uhr standen wir am Ziel.

       "Das Herzogthum Salzburg wird kaum von einem andern Punkte so vollständig überblickt werden können, als vom Wiesbachhorn. All' seine Höhen und die Einschnitte seiner meisten Thäler liegen unverkennbar vor uns." Diesen Satz spricht eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete alpiner Forschung, Dr. A. v. Ruthner in seinem mehrerwähnten Werke aus.

       Und dieses Panorama war heute bei wolkenlosem Himmel vor uns entrollt. Nur zu oft zerstören die Dunstmassen, die schon in früher Morgenstunde aus den Eisfeldern emportauchen, den wohlerworbenen Lohn für all' die aufgewendeten Mühen und Beschwerden. Heute aber lag trotz der späten Tageszeit das ganze Gemälde vor unseren Augen, kaum war das kleinste Wölkchen am fernen Horizont zu entdecken. Alles wirkte zusammen, um uns in den Minuten, die wir auf der Spitze des Wiesbachhorns zubringen durften, einen ungetrübten Genuss zu bereiten. Bei einer Temperatur von 13 Grad R. herrschte vollständige Windstille, am Zündhölzchen, frei emporgehalten, konnte ich die Cigarre anzünden.

       Die höchste Spitze, die aus einer gegen Osten überhängenden Schneewächte bestand, bot eine gar unsichere Rastbank. Die Besorgnis, durchbrechen zu können und auf eine etwas

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unsanfte Weise schleunigst hinab in's Fuscherthal befördert zu werden, bewog uns, etwas unterhalb der Spitze uns zu lagern. Doch auch hier musste in dem steilen Abhange erst ein tiefer Sitz gegraben werden, um unsere Rast zu einer bequemen und gemüthlichen zu machen.

       Gezählt sind die Augenblicke, die wir hier zubringen dürfen. Lasst uns dieselben wohl benützen, schnell ist die Pracht wieder verschwunden und nur in der Erinnerung lebt sie als schwaches Spiegelbild vor unserer Seele.

       Grossglockner und Wiesbachhorn, die Kulminationspunkte der beiden hervorragendsten Kämme der Glocknergruppe, sie fordern unwillkürlich immer wieder zu einer Parallele auf. Doch nicht bloss die äussere Erscheinung, hier der massige Bau, überragt von kühn geformter Spitze, dort die zierliche, schlanke Eisnadel, auch das Panorama der beiden Eiszinnen bietet interessante Gegensätze. Dort stört kein Hemmniss, nur die Rundung des Erdballs, die unbegränzte Rundschau. Um siebenhundert Fuss überragt der Grossglockner das Wiesbachhorn, weiter und umfassender ist dort der Blick. Hier aber ist es der Glocknerkamm, der sich vor uns im Südwesten erhebt und uns die Fernsicht in dieser Richtung versperrt. Dagegen bietet gerade dieser Kamm selbst mit seinen schönen Gipfeln einen erhabenen Anblick. Welch' herrliche Formen!

       Man sagt mit Recht, dass die Aussicht vom Grossglockner zu viel Vogelperspektive sei, dass sie keinen Ruhepunkt gewähre, auf dem das Auge gern verweilen könne. Gewiss lässt sich das Gleiche nicht vom Grossen Wiesbachhorn behaupten. Gerade der Blick auf den Glocknerkamm ist es, der jenen Nachtheil aufhebt, ohne dass dadurch die Fernsicht stark beeinträchtigt würde. Immer wieder kehrt das Auge aus den endlosen Fernen zurück zu jenen Bergen, die sich da drüben emporbauen, nur durch die Pasterze von uns getrennt. Vielgepriesen ist der Blick vom Glockner hinab in's Möllthal mit seinen lachenden Fluren, hinab nach Heiligenblut. Doch auch hierin steht ihm das Wiesbachhorn nicht nach.

       Treten wir vor bis

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an den äussersten Rand der Schneewächte, die sich gegen Osten hinabneigt. Die Führer halten das Seil fest in ihren Händen, ohne Bangen darf ich hinabblicken über die thurmhohen Abstürze. Da liegen die Fluren des Fuscherthales zu meinen Füssen, vom glänzenden Bach durchzogen. Bis hinauf zum Käferthale, umwallt von den Riesen des Fuschereiskars, dringt der Blick. Vier Tausend Fuss hoch ist der Absturz des Glockners zur Pasterze, sieben Tausend Fuss misst die Wand, mit der unser Berg zum Fuscherthal absetzt.

       Auch Glockner und Venediger mögen in Vergleich gezogen werden, obwohl hiezu unser Gipfel bei Weitem keinen so günstigen Standpunkt gewährt, wie die zwischen den beiden Gruppen liegenden Berge - scharfkantig und schroff erhebt sich der Glockner, als sanft ansteigende Pyramide präsentirt sich der Venediger. Der Preis der Schönheit muss dem ersteren zugestanden werden, doch dominirender Centralpunkt ist der Venediger. Nach allen Richtungen hin entsendet er grosse primäre Gletscher. In gleichmässiger Gliederung ziehen im Norden, Osten und Süden tiefe Thaleinschnitte zu ihm empor.

       Leider ist uns durch die Venedigergruppe fast vollständig die Gletscherwelt des Zillerthals verdeckt. Nur über die tiefer gelegenen Einsattelungen der ersteren tritt die eine oder andere Spitze der Zillerthalergruppe in unseren Gesichtskreis.

       Dagegen ist die Oetzthaler- und die Ortlergruppe trotz ihrer grossen Entfernung gut zu erkennen. Auch die bedeutendsten Nebengruppen der Hohen Tauern sind in ihren höheren Spitzen sichtbar, die Rieserferner- und Hochschobergruppe, jene zur Rechten, diese zur Linken des Glockners. Einen weitaus kulminirenden Punkt hat der erstere im Hochgall aufzuweisen, während in der Schobergruppe ein eigentliches Centrum fehlt. Weder Petzeck noch Hochschober, die bedeutendsten Gipfel dieses Gebirgsstockes, können den Rang eines Knotenpunktes beanspruchen. Ein äusserst interessanter Theil der Deutschen Alpen

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ist uns leider durch den Glocknerkamm seiner grösseren Hälfte nach verdeckt: die südtiroler Berge, soweit sie dem Gebiete von Enneberg und Ampezzo angehören.

       Nur einzelne Spitzen derselben sind zwischen der Glocknerwand, dem zweithöchsten Berge der Ostalpen,
Fussnote: Vorausgesetzt, dass der Kleinglockner nicht als selbständiger Gipfel betrachtet wird, sondern die beiden Glocknerspitzen als ein Berg erscheinen.
dem Romariswandkopf und dem Schneewinkelkopf sichtbar, so die Schusterspitze zur Linken, die Vedretta Marmolada zur Rechten des Romariswandkopf's. Erst über dem Einschnitte des Möllthales ist wieder die Fortsetzung jener schönen Kette gegen Osten vollständig zu sehen. In jeder andern Richtung ist das Panorama des Grossen Wiesbachhorns so umfassend, wie das des Glockners.

       Ich will es nicht unternehmen, in detaillirten, ermüdenden Aufzählungen die Gipfel alle zu nennen, die von unserer Spitze aus sichtbar sind. Ich glaube, dass sich der Leser viel eher einen Begriff des Gesammteindruckes machen kann, wenn ihm in kurzen kräftigen Zügen nur die hervorragendsten Bilder aus dem unermesslichen Ganzen vor Augen geführt werden. Zudem ist ja das Panorama des Wiesbachhorns in vieler Beziehung dasselbe wie das des Glockners und da bei jenem vielbesuchten Berge ein näheres Eingehen auf die Rundsicht weit eher als wünschenswerth erscheint, als hier, so sei das Detail, um Wiederholungen zu vermeiden, für den letzteren verspart, hier nur einiges Wenige aus der reichen Fülle des Stoffes herausgegriffen.

       Rasch fliegt der Blick im Süden über die starren Karawanken, im Osten über die Gruppen der Rauriser und der Gasteiner Berge hinüber nach Norden, zu den prallen Wänden der Kalkalpen; hier lasst uns etwas länger verweilen: Winkt doch so manche wohlbekannte Spitze uns freundlich da entgegen. Weit überragen sie die einförmigen Wellen des Uebergangsgebirges, das sich zwischen dem krystallinischen Gürtel des Urgebirges und der wildzer-

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rissenen Kette der Kalkalpen ausbreitet.

       Nur eine schöne Spitze erhebt sich aus diesen reizlosen Zonen: es ist der Grosse Rettenstein im Spertenthale. Hoch steigt er als kühn geformte Pyramide über seine Umgebung empor.

       Ungleich interessanter als das Uebergangsgebirge ist der Zug der nördlichen Kalkalpen anzusehen. Als imposantes Massiv erhebt sich mit ihren hochgebetteten Gletschern die Dachsteingruppe, der östlichste Eckpfeiler der Kette. Zwischen den tief eingeschnittenen Furchen des Salzach- und des Saalachthales thürmen sich die wilden Massen des Berchtesgadener Lands auf.

       In auffallendem Gegensatze zu den zahllosen Bergspitzen ringsumher steht die höchste Erhebung jener Gruppe, die Uebergossene Alpe. Ein weites Eisfeld, nur von wenigen Felszähnen durchschnitten, ist über das Hochplateau derselben ausgebreitet, ein Unikum im ganzen Zuge der Nordalpen.

       Westlich neben dem Gebirgsstocke des Berchtesgadener Landes, diesen von der Gruppe der Lofer-Leoganger Steinberge trennend, ist die Sohle des Saalachthales in der Gegend von Saalfelden zu erblicken, die untere Hälfte des Mitterpinzgau's. Es ist der einzige grössere Einschnitt eines Hauptthales, der von unserer Warte aus mit seiner Thalsohle zu entdecken ist.

       Doch ist der Spiegel des Zeller See's nicht sichtbar; die Spitze, die dort so oft von Fremden und auch von Einheimischen für das Grosse Wiesbachhorn gehalten wird, ist nicht dieses, sondern dessen nördlicher Nachbar, der Hohe Tenn.

       In schönem Kontraste steht die nächste Gruppe der Kalkalpen westlich neben den Lofer-Leoganger Steinbergen, das Kaisergebirge, zu dem bedeutendsten Kamme des Berchtesgadener Landes, zum Watzmannkamm. Ersteres, von West nach Ost streichend, wendet uns seine Breitseite zu, als eine Reihe von imposanten Dreiecken präsentiren sich uns seine Spitzen, durch tiefe Scharten sind sie unter sich getrennt. Fast scheinen sie gleiche Höhe zu besitzen, erst bei genauerer Untersuchung erkennen wir, dass der östliche Gipfel, die Kaiserackerspitze und die beinahe in der Mitte des Gebirgsstockes liegende

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       Haltspitze die höchsten Punkte desselben seien. Der Watzmannkamm dagegen, von Süd nach Nord streichend bietet uns seine schmale Seite. Er gleicht einen scharf zulaufenden doppelgespaltenen Felsgiebel, gebildet durch die fast gleichhohe Nördliche und Südliche Watzmannspitze (Schönfeldspitze); der vordere, am weitesten gegen Norden stehende Gipfel, der zumeist bei Watzmannersteigungen erreicht wird, ist uns durch die beiden bedeutend höheren Spitzen verdeckt. Dies ist in gleicher Weise auf dem Grossglockner wie auf dem Grossen Wiesbachhorn der Fall. Es ist daher ein Irrthum, wenn die Touristen von der sogenannten Vorderen Watzmannspitze aus immer diese beiden Heroen der Hohen Tauern gesehen zu haben meinen.

       Aus dem weiten Gebirgszuge zwischen Inn und Achensee, fällt uns nur eine Spitze in hervorragender Weise in die Augen, durch ihre Höhe sowohl, wie durch ihre schöne pyramidale Gestalt ausgezeichnet. In gleicher Weise, wie vom Wiesbachhorn zog sie auch vom Glockner aus zu wiederholten Malen meine Aufmerksamkeit auf sich. Dort erhebt sie sich links hinter dem grossen Rettenstein, während sie vom Wiesbachhorn aus gesehen auf der rechten Seite dieses Berges emporsteigt. Dr. A. v. Ruthner, der diesen Gipfel gleichfalls erwähnt, hielt denselben für das Hintere Sonnenwendjoch. Nach meiner Ansicht ist es jedoch das Guffertjoch im Steinberger Thale, derselbe Berg, der von München aus über der Furche des Tegernsee's sichtbar ist. Gegen die Annahme, es sei dies das Hintere Sonnenwendjoch spricht nach meinem Dafürhalten schon die Gestalt dieses Berges, ausserdem die Thatsache, dass uns derselbe gerade seine Breitseite zukehrt, die diesem Gipfel viel eher das Aussehen eines weitgedehnten Rückens als einer Pyramide verleihen dürfte, da sie keineswegs eine so dominirende Spitze aufzuweisen hat, wie das Guffertjoch.

       Als die letzten deutlich unterscheidbaren Gruppen der Kalkalpen zeigen sich uns im Westen das Karwendel- und das Wettersteingebirge. Die Rolle des Dachsteins im Osten nimmt im Westen die Zugspitze ein.

       Aus den noch

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ferneren Bergen des Algäu's sind ebensowenig wie aus der im Norden der Kalkalpen sichtbaren Ebene einzelne Punkte mit Sicherheit zu erkennen.

       Noch mögen einige Worte über unsere nähere und nächste Umgebung hier gestattet sein. Dem Grossen Wiesbachhorn fehlt leider der Anblick des Pasterzengletschers. Gerade dieser bildet einen Hauptreiz im Panorama des Grossglockners. Nur die obersten Firnmulden desselben am Johannisberg sind von unserem Standpunkte aus zu erblicken. Deutlich sahen wir mit dem Fernrohre dort einen weissen Streifen, der sich quer an den Abhängen dieses Berges hinzog. Es waren die Spuren des am gestrigen Tage von uns zurückgelegten Weges.

       Dagegen geniessen wir eine weit vorzüglichere Uebersicht über den Nordrand unserer Gruppe, als sie der Glockner zu bieten vermag. Während gegen Süden einer der grössten Gletscher der europäischen Alpen in sanften Wellen hinabfluthet, bricht der Nordrand in jähen Wänden zum Kaprunerthale ab. Nur ein primärer Gletscher, der herrlich geformte Karlingergletscher, fliesst dem Mooserboden zu, der obersten Terrasse des Kaprunerthales. Er besitzt in seinem mittleren Theile einen wildzerschründeten Gletscherbruch, ein Chaos von abenteuerlichen Eisgebilden.

       Der zweite primäre Gletscher, der auf der Nordseite der Glocknergruppe sich befindet, der Oedenwinkelgletscher im Stubachthale, ist uns durch den Johannisberg und die Hohe Riffel verdeckt. Unter den Spitzen, die uns im Umkreis umgeben, möge noch hier der Bärenköpfe, des Johannisbergs und des Kitzsteinhorns gedacht werden.

       Schon jetzt fiel es mir auf, dass der auf Keil's und Sonklar's Karten als Grosser Bärenkopf bezeichnete Gipfel von dem weiter rechts zunächst der Glockerin stehenden Berg an Höhe übertroffen wird. Der letztere, in der Verlängerung einer vom Grossen Wiesbachhorn zur Glockerin gezogenen Linie stehend und dabei nur wenig zur Linken zurücktretend, schien sogar die Glockerin zu überragen und nach dem Grossen Wiesbachhorn der bedeutendste

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Gipfel des Fusch- Kaprunerkamms zu sein. Bei unserer am 18. September 1869 ausgeführten Ersteigung all' dieser Spitzen hatte ich Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Vermuthung vollends zu überzeugen. Doch sei das Nähere hierüber auf spätere Blätter verspart.

       So unansehnlich der Johannisberg vom Südrande des Pasterzengletschers aus erscheint, wo er einer sanften Schneekuppe gleicht und kaum die bedeutende Rolle ahnen lässt, die ihm in Wirklichkeit zukommt, so schön präsentirt er sich von Osten aus. Da schwingt sich die Spitze, kühn empor über die Eisfelder, die ihren Fuss umlagern. Als ich später den Gipfel selbst betrat, da überzeugte ich mich vollends, wie steil die Firnkanten sind, die zu demselben hinanziehen.

       Das Kitzsteinhorn endlich, die grösste Erhebung in dem Kamme zwischen dem Stubach- und dem Kaprunerthale, vermochte allein unter seinen Nachbarn sich Geltung zu verschaffen, obwohl es tief unter unserm Niveau liegt. So manchem Besucher des Zeller See's wird jene prächtige Zinne in unauslöschlicher Erinnerung verbleiben. Sie ist das schönste Bild unter den vielen, die in jenen reizenden Fluthen sich wiederspiegeln. Vermöge ihrer Höhe und ihrer günstigen Lage gewährt sie zudem einen äusserst lehrreichen Ueberblick über die Glocknergruppe. Noch auf dem Wiesbachhorn beschloss ich die Ersteigung dieses hohen Gipfels.

       Weit weniger Reiz dagegen vermochte das Kleine Wiesbachhorn auf mich auszuüben, das erst sichtbar wurde, als wir auf jener überhängenden Schneewächte, aus welcher unsere Spitze besteht, etwa zwanzig Schritte weit gegen die Nordseite vorgingen. Zwar ist es ein unerstiegener Berg, eine der wenigen Jungfrauen, die noch im Gebiete des Grossglockners zu finden sind. Und doch ist es sonst gerade das Wort "unerstiegen", das jeden Bergsteiger zu energischer Thätigkeit anzufeuern vermag. Das Kleine Wiesbachhorn scheint zwar nicht besonders schwierig erreichbar zu sein, doch kann es unmöglich eine lohnende Aussicht bieten. Der Hohe Tenn und das Grosse

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Wiesbachhorn überragen diesen Gipfel um ein bedeutendes Stück, den Blick gegen Norden und Süden gleichmässig vermauernd.

       Auch sein nördlicher Nachbar, der Hohe Tenn,

Fußnote:
Offenbar ist Keils Angabe unrichtig, der dem Kleinen Wiesbachhorn eine Höhe von 10,162' 3212m, dem Hohen Tenn 10,032' 3171m zuschreibt; der Hohe Tenn ist weit höher als das Kleine Wiesbachhorn; Sonklar hat denselben mit 10,663' 3370m gemessen; dies entspricht ohne Zweifel weit eher den tatsächlichen Höhenverhältnissen dieses Berges.

soviel bekannt, von der Fuscher Seite viermal, zum erstenmale durch den Kardinal Fürsten Schwarzenberg, von der Kapruner Seite einmal durch den Führer A. Hetz aus Kaprun erstiegen, vermag wohl an Grossartigkeit der Rundschau mit dem Grossen Wiesbachhorn sich nicht zu messen, obwohl er den Ueberblick über den Zeller See seiner ganzen Ausdehnung nach gestattet.

       Fuscherthal und Kaprunerthal sind die einzigen belebten Bilder in diesen weiten Gemächern der ewigen Erstarrung. Dort Judenalpe und Trauneralpe, hier die Limbergerterrasse mit den Hütten der Bauern- und der Limbergalpe - keine andern Wohnstätten blicken ausser ihnen zu uns empor. Von beiden Thälern sind jedoch gleichfalls nur die obersten Thalstufen zu überschauen, die tiefer gelegenen Theile sind uns durch den Hohen Tenn und dessen östliche und westliche Vorlagen verdeckt.

       Dagegen können wir diese Thäler gegen Süden bis zum Ursprunge verfolgen, das Kaprunerthal bis zum Mooserboden hinan, wo die Ache aus dem Thore des Karlingergletschers hervorbricht, das Fuscherthal bis zum Gletscher der Pfandlscharte, dem vielbesuchten Uebergang von Fusch nach Heiligenblut.

Noch hatten wir den Weg hinab in's Kaprunerthal zu recognosciren, zu welchem wir ja den Abstieg nehmen wollten. Da sah es freilich schlimm genug aus: steile Felswände, steile Gletscher - wir hatten die Wahl.

       Wie bereits erwähnt, ziehen aus dem Fuscher- und aus dem Kaprunerthale zwei Firnkanten zu unserer Spitze empor, die sich etwa auf halber Höbe zu einer Schneide vereinigen.

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       Die letztere Firnkante, jene aus dem Kaprunerthale, einen weiten, gegen Süden convexen Bogen beschreibend, theilt sich nördlich von der Wielingerscharte in zwei Aeste, deren einer gegen Nordwesten läuft und die nordöstliche Begrenzung des zwischen der Wielingerscharte, der Glockerin und dem Fochezkopf gelegenen Oberen Wielingergletschers bildet, während der zweite Ast, eine direkt nördliche Richtung einhaltend, die westliche Begrenzung des Unteren Wielingergletschers ist, zwischen dem Grossen Wiesbachhorn und dem Fochezkopf gelegen. In steilen Eiswänden stürzt unser Gipfel gegen den letzteren Gletscher ab.

       Wir beabsichtigten Anfangs, über den Unteren Wielingergletscher unseren Hinabweg einzuschlagen; er schien in seinem obersten Theile nicht schwierig zu sein, aber in seiner unteren Hälfte entwickelte jener Gletscher eine wahrhaft fürchterliche Zerklüftung.

       Leider wussten wir nicht, welchen Anstieg die beiden früheren Expeditionen auf das Grosse Wiesbachhorn genommen hatten. So mussten wir denn aufs Geradewohl unseren Marsch antreten, ein beim Abstieg ungleich schwierigeres Unternehmen, als beim Anstieg, da uns die tiefer liegenden Partien verborgen waren.

       Es war 1 Uhr. Wolkenlos war der Himmel während unseres einstündigen Aufhaltens geblieben. Wie ungern ich mich losriss von der Pracht, die uns umgab! Doch Thomele, der fromme Mann, drängte zum Aufbruch; morgen war Sonntag, da mussten wir in die Kirche gehen und die nächste ist ja weit entfernt, noch vier Stunden von den obersten Alphütten des Kaprunerthales. Da heisst es nicht lange säumen, wir wissen nicht, wie bald wir hinabkommen werden in's Thal.

       Schnell waren die wenigen Dinge, die wir aus dem Rücksack gepackt, wieder in ihrer schützenden Hülle verschlossen. Das Terrain hatte es gefordert, jeden Gegenstand unter specielle Aufsicht zu nehmen, wenn er nicht rasch eine Rutschfahrt hinab zum Unteren Wielingergletscher unternehmen sollte. Somit waren Landkarten und Fernrohr nur zu geringer Thätigkeit gekommen.

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       Vor meiner Abreise deponirte ich noch eine Flasche, wohlvergraben unter Schnee und Eis. Nur der Hals durfte nothdürftig aus der blendenden Hülle hervorschauen. Selbstverständlich erhielten auf dem Zettel, der in die Flasche eingeschlossen wurde, auch meine wackeren Führer das verdiente Lob. Desgleichen fanden die Statuten des Deutschen Alpenvereins darin ihren Platz. Leider scheint der Flasche ihr Aufenthalt da oben auf der luftigen Zinne nicht sonderlich behagt zu haben, vermuthlich trat sie schon nach kurzer Zeit den Weg zur Tiefe an. Als ich am 18. September den Gipfel wieder betrat, war sie spurlos verschwunden.

       Aeusserst schnell ging unsere Rückreise im obersten Theile von Statten; auf dem Rücken liegend, fuhr ich pfeilschnell hinab zur Wielingerscharte. Nur auf Augenblicke musste mit dem Bergstocke gebremst werden, wenn die Gewalt des Hinabschiessens zu stark zu werden drohte. Nie habe eine so grosse Strecke passirt, wo das Abfahren so leicht und ungefährlich unternommen werden konnte. Der vollständige Mangel an Klüften bot Garantie gegen jegliches Einbrechen.

       Herrlich war mir hiebei der Anblick der gegenüberliegenden Glockerin. Von Sekunde zu Sekunde schien sie sich höher emporzuheben, noch vor Kurzem war sie tief unter uns gewesen, jetzt wuchs sie mit riesenhafter Geschwindigkeit über mich empor. 4 ½ Minuten nach Verlassen des Wiesbachhorns war ich auf der Wielingerscharte angelangt, fast Tausend Fuss waren wie im Nu zurückgelegt worden.

       Wie Punkte erschienen mir Schnell und Thomele, die noch auf halber Höhe des Abhanges sich befanden. Als sie zu mir herabgekommen waren, erhielt ich eine tüchtige Strafpredigt über meinen angeblichen Leichtsinn. Die Kalser Führer rutschen nämlich immer stehend, nie sitzend, ab. Sie behaupten, dass man sich im Sitzen nicht rasch genug erhalten könne, wenn plötzlich ein Hinderniss in den Weg trete, die Gewalt eines solchen Hinabfahrens sei zu heftig.

       Ich kann ihrer Ansicht nicht beistimmen. Zu wiederholten Malen habe ich mich

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überzeugt, dass das Hinabgleiten im Sitzen weit sicherer ist, als im Stehen. Nur zu leicht wird man bei dem letztgenannten Modus procedendi durch irgend einen Aufstoss aus der Stellung geworfen, und ist diese einmal verloren, so kann leicht die Lage kritisch werden, besonders wenn man kopfüber zum Falle kommt. Gerade dies wird nach meinen Dafürhalten besser durch das Abfahren im Sitzen als im Stehen verhindert.

       Von nun an hiess es mit wachsamem Auge fortwandern. Wir befanden uns auf einem Terrain, das uns Allen vollständig fremd war. Dank dem vielen Neuschnee, der im Juni gefallen und auch jetzt noch nicht ganz abgeschmolzen war, hatten wir von Klüften nur wenig zu leiden. Dagegen handelte es sich nun darum, ob wir wirklich, wie wir Anfangs beabsichtigt hatten, über den Unteren Wielingergletscher hinabsteigen sollten, oder ob es nicht gerathener wäre, weiter zur Linken über den Oberen Wielingergletscher zwischen der Wielingerscharte und der Glockerin den Abstieg zu versuchen. Die letztere Passage schien uns jetzt mit weit weniger Schwierigkeiten verbunden zu sein. Dagegen fürchteten wir, dass die vom Grossen Wiesbachhorn zum Untern Wielingergletscher hinabziehende Firnkante uns wahrscheinlich nicht unbedeutende Hindernisse entgegensetzen würde.

       Wir hatten falsch gerechnet. Gerade über jene Firnschneide hätten wir am leichtesten den linken Rand des Unteren Wielingergletschers erreicht, und wären dann an dessen südlichem Ufer gefahrlos in's Thal hinabgekommen. Nun aber waren wir bereits in eine falsche Richtung gerathen. Je weiter wir auf die linke Seite gegen die Abhänge der Glockerin vorgingen, desto schwieriger schien dort die Fortsetzung unserer Wanderung sich gestalten zu wollen. Bald überzeugten wir uns, dass die thurmhohen Wände zu unseren Füssen eine Reihe von Gefahren uns bereiten würden.

       Eine kurze Berathung wurde gepflogen; das Resultat derselben war, dass wir hier von jedem weiteren Versuche abstanden. Da wir uns jedoch noch immer scheuten, die oben erwähnte Firnkante

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zum Unteren Wielingergletscher hinabzusteigen, so beschlossen wir, in gerader Linie auf den Fochezkopf zuzusteuern, einem kleinen Vorsprung im Westabfall des Fusch-Kaprunerkammes, der vom Thale aus einem Dreiecke gleicht und als selbständiger Gipfel erscheint, während ihm in Wirklichkeit diese letztere Eigenschaft keineswegs zukommt; schneebedeckt auf seiner Süd- und Nordseite, wendet er seine apere (schneefreie) Breitseite gegen Westen dem Kaprunerthale zu.

       Fusstief sanken wir bei jedem Schritte ein, die Sonnenstrahlen hatten den Firn ausserordentlich erweicht. Erst nahe am Ende des Firnfeldes trafen wir auf blankes Eis, doch nur auf eine kurze Strecke. Fünf Stufen genügten, um uns an den Felsenrand des Fochezkopfs sicher gelangen zu lassen. Es war das erste- und letztemal, dass der Eispickel am heutigen Tage zur Anwendung kam.

       Neuerdings zur Linken gewendet, ging es nun rasch über die weichen, schieferigen Abhänge hinab. Schon glaubten wir alle Gefahr überwunden zu haben. Da trat uns plötzlich ein unvermuthetes Hemmniss entgegen. Eine senkrechte Wand, etwa zwanzig Fuss hoch, rief uns unvermuthet ein Halt zu.

       Vergebens suchten wir den Feind zu umgehen, wir konnten weder zur Rechten noch zur Linken ausweichen. Sollten wir nun wieder einen grossen Theil des zurückgelegten Weges hinansteigen, um an einem anderen Orte neue, vielleicht nicht glücklichere Versuche zu machen? Das war gewiss der letzte Ausweg. So nahe winkte uns das günstige Terrain, mässig geneigte Schutthalden; unterhalb derselben ziehen die ersten Wiesengründe von jener Wand zur Furche des Thales hinab.

       Da liefert Schnell ein unvergleichliches Bravourstückchehen. Gemeinsam wird zuerst Thomele von uns beiden hinabgeseilt, der unten wie einen Waarenballen mich in Empfang nimmt, dann folgen Rücksäcke und Bergstöcke am Seile nach und dieses selbst, das für heute die letzte Pflicht erfüllt hat. Und jetzt kommt Schnell, der verwegene Geselle. In kühnem Sprunge setzt er auf

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eine Schieferplatte herab, die in der Mitte der Wand hervortritt, doch sie gewährt keinen Halt, sie bricht unter der Gewalt des Sprunges, dass hell die abprallenden Steigeisen klirren: Mit der vollen Gewalt des fallenden Körpers stösst Schnell auf dem Boden auf, zum Glück, dass tiefer Schutt die Unterlage bildet. Erschreckt eilen wir auf Schnell zu: "Hast Du Dir weh gethan?" "Dessmal wars g'scheidter g'wen, i hätt mein' Bergstock g'habt!" Es war Alles, was er uns zur Antwort gab.

       Fürwahr mit solchen Führern wie Schnell und Thomele, da ist's nicht schwer, gefährliche Wanderungen zu unternehmen.

       Die letzte Gefahr war nun besiegt, immer weiter erhob sich vor uns die Hohenburg, ein unbedeutender Gipfel zwischen den beiden obersten Hauptästen des Kaprunerthales, bald kamen wir zur Thalsohle hinab. Es war gerade 4 Uhr, als wir die Bauernalpe erreichten.

       Doch die Hütten waren verschlossen, kein Senner war weit und breit zu entdecken. Erst in der Limbergalpe konnten wir die ersehnte Milch erhalten. Den letzten Abschiedsgruss riefen wir hier der stolzen Spitze des Wiesbachhorns zu, die uns so wunderbaren Genuss bereitet hatte - ich ahnte nicht, dass mich der Zufall so bald wieder auf sie bringen würde.

       In der Kühle des Abends wanderten wir nun thalauswärts, dem freundlichen Dörfchen Kaprun zu. Doch sei die Schilderung dieses Weges für später aufgespart, für heute möge der Eindruck nicht mehr verwischt werden, den uns der Rivale des Glockners hinterlassen hat.

       Spät am Abend, als schon kein Sonnenstrahl mehr auf die schönen Berge fiel, trafen wir in Kaprun ein, herzlich begrüsst von Stüdl, den ein schlimmes Missgeschick zu einer weniger ruhmreichen Thalsohlenwanderung an diesem Tage verurtheilt hatte.

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        Zwei beschwerliche anstrengende Hochtouren hatten wir in den beiden letzten Tagen glücklich ausgeführt. Heute ist Sonntag, lasst uns den Tag zu ungestörter Rast benützen!

       Wohl reizte die noch immer günstige Witterung zu neuer Exkursion, schon dachte ich, nach Beendigung des Gottesdienstes dem Kitzsteinhorn einen Besuch abstatten zu wollen. Doch ich hatte dem eigenen Körper und den Gliedern meiner Führer seit 48 Stunden genug zugemuthet, das Projekt blieb unausgeführt.

       Auch mein zweiter Plan, am Nachmittag bis zu der Wasserfallalpe nach Kaprun zu wandern und dann am folgenden Morgen die Ersteigung des Johannisbergs mit dem Hinabweg nach Heiligenblut zu verbinden, musste unterbleiben. Denn Stüdl's Fussleiden hatte sich eher verschlimmert als verbessert, und die Freundesliebe gebot es, ihn nicht allein in einem ärmlichen, fast abgeschlossenen Dorfe zurückzulassen. Mein armer Freund! Begeistert für die Alpenwelt wie kaum ein zweiter sah er sich nun plötzlich zu peinlicher Unthätigkeit verurtheilt. Wenn nicht bald in seinem Zustande ein erfreulicher Umschwung eintrat, so konnte er im heurigen Jahre vielleicht nicht einmal nach Kals kommen, dem liebgewonnenen Tiroler Dörfchen, auf das er sich so ausserordentlich gefreut hatte.

       Schon war es beschlossen, dass er nach Hause zurückkehren werde, wenn nicht bis morgen sein Leiden sich so weit gebessert hätte, dass wir wenigstens über das Kapruner Thörl und den Stubach-Kalser Tauern nach Kals wandern könnten. Für heute ist sonach Kaprun unser Standquartier, wir haben Musse genug, nicht bloss das Dorf selbst, sondern auch dessen nächste Umgebung einer kleinen Musterung zu unterziehen.

       Es ist jammerschade, dass unsere Gebirgsbewohner so wenig spekulativen Sinn besitzen! Läge Kaprun in der

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Schweiz, wäre das Kaprunerthal ein Thal Savoyens, längst ständen da grossartige Gasthöfe, den Fremden die Schönheiten, welche die Natur ihnen hier bietet, auch wirklich leicht zugänglich und genussreich zu machen. So aber ist dem Touristen nichts weiter als eine primitive Bauernkneipe im Dorfe selbst, einige Alphütten im oberen Thale, ein einfacher Fussweg zur Erreichung der letzteren geboten.

       Kein Wunder, wenn da immer wieder Schweiz und abermals Schweiz das Losungswort bildet, unsere heimischen, nicht minder grossartigen Berge verhältnissmässig wenig, fast kaum beachtet werden. Doch die Klagen sind so oft schon laut geworden, so vielfach schon in ihren Ursachen und Folgen erörtert worden, dass eine weitere Auseinandersetzung derselben wohl als überflüssig betrachtet werden muss.

       So wollen wir denn mit dem wenigen uns begnügen, was der "Kapruner Wirth" uns zu bieten vermag, mit der freundlichen, herzlichen Aufnahme, und nicht weiter darüber grollen, dass wir umringt von Bauern in der Gaststube unser einfaches Mahl einnehmen müssen. Liegt ja doch hier im angeblichen Unglück ein Glück verborgen: Gar manches Wissenwerthe wird uns von unseren ungeschlachten Nachbarn mitgetheilt.

       Die Gemeinde Kaprun umfasst 17,500 Joch = 100,726,626 Quadratmeter = 10 073 Hektaren mit etwas über 400 Einwohnern. Sie gehört zu dem wohlhabendsten Bezirk des Pinzgau's zu Zell am See. Nach den Zusammenstellungen von F. Dürlinger, dem ich auch manche von den folgenden Daten verdanke, betrug das Steuerergebniss während der letzteren Jahre über Tausend Gulden mehr im Bezirk Zell am See als im Bezirk Mittersil, obwohl der letztere weit über ein Viertheil mehr Einwohner zählt.

Fussnote: Pinzgau von J. Dürlinger 1866, ein äusserst fleissig gearbeitetes, weniger für die Topographie, als für die Geschichte des Gau's verdienstvolles Werk

       Kaprun, das in alten Urkunden den Namen Chatabrunnen führt, liegt auf einer grossen Alluvialterrasse zu beiden Seiten der Ache, Kirche und Pfarrhaus auf der linken Seite

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derselben, während der Haupttheil des Dorfes auf dem rechten Ufer sich befindet.

       Das Kaprunerthal mündet gleich dem benachbarten Stubachthal, das wir bereits auf früherer Wanderung kennen gelernt haben, weit und eben in das Salzachthal.

       Besonders stattlich nimmt sich die Kirche aus, die auf einer kleinen Erhöhung stehend, eine weite Rundsicht bietet. Dahin lasst uns zuerst die Schritte lenken.
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      Wie aus dem vorliegenden Text hervorgeht, nützten Johann Stüdl und Karl Hofmann den 25. Juli 1869 zu einem Rasttag in Kaprun. Man kann daher davon ausgehen, dass Stüdl die Skizze (links) bei dieser Gelegenheit angefertigt hat. Sie zeigt Kaprun mit der Kirche (rechts im Bild angeschnitten) und dem Kitzsteinhorn und weist am rechten unteren Rand die Beschriftung: "Kaprun, 25. 7." auf.

       Die Lithographie zu dieser Zeichnung (Mitte) wurde im Verlag Amthor angefertigt, wo ursprünglich die Veröffentlichung einer Glockner-Monographie mit den Touren in der Glocknergruppe geplant war. Nach Zerwürfnissen mit dem Verleger erschienen sie aber unter dem Titel "Wanderungen in der Glocknergruppe" in der Zeitschrift des DAV, Band II, 1871. Bei Amthor waren damals einige Graphiken von Stüdl "unauffindbar". Vor 2 Jahren konnte dieses Blatt vom Salzburg Museum erworben werden und wurde uns freundlicherweise die Bewilligung zur Veröffentlichung in dieser Homepage erteilt.

       Das Foto (rechts) zeigt Kaprun heute aus einem ähnlichen Blickwinkel.

       Zum Vergrößern Bild anklicken.

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Es ist der sog. Schaufelberg, ein unbedeutender Ausläufer des Kitzsteinhorns, auf dem wir uns befinden. Das Gebäude selbst, am Anfange des 15. Jahrhunderts errichtet, gewährt uns nur wenig des Interessanten. Noch weniger vermochte der grässliche Gesang, der da drinnen in den dumpfen Hallen während des Gottesdienstes ertönte, uns zu fesseln. Dazu benützte die liebenswürdige Pinzgauer Jugend mit besonderer Vorliebe gerade die Kirche, um sich während des Gottesdienstes mit ununterbrochenen Neckereien zu amüsiren. Fast wäre der Spass schliesslich in eine gemüthliche Balgerei übergegangen. Alles vereinigte sich, um uns den Aufenthalt in der Kirche so rasch wiemöglich beendigen zu lassen.

       Wir wollen lieber hinaustreten vor dieselbe und die weite Gottesnatur bewundern, die sich vor unseren Augen entfaltet. Vor allem ist es die prächtige Pyramide des Kitzsteinhorns mit ihren tiefbegletscherten Nachbarn Schmiedinger und Hochkammer, welche mächtig im Süden emporstreben und zunächst den Blick auf sich ziehen. Es ist ein kühn geformter Bau, der ohne Zweifel zu den schönsten der Glocknergruppe, ja der ganzen Tauernkette zählt. Dominirend steigt er über seine Umgebung auf, der einzige Punkt in dem grossen Gebirgszug, zwischen dem Stubachthal und dem Kaprunerthal, der die Höhe von 10,000 Fuss überschreitet.

       Minder imposant präsentirt sich uns die rechte Thalwand des letzteren. Gegen Osten erhebt sich eine Viertelstunde über dem Dorfe das alte Schloss Kaprun. Man könnte es ein Bild der verfallenen Herrlichkeit des Pinzgau's nennen. Die Herren von Kaprun gehörten einst zu den reichsten Geschlechtern des Landes. Die Burg, in der Mitte

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des 12. Jahrhunderts erbaut, wurde im Jahre 1480 mit den dazu gehörigen Ländereien um 11,000 Dukaten verkauft, ein für den Geldwerth der damaligen Zeit enormer Preis.

       Zur Zeit der Bauernkriege im Jahre 1526 wurde das Schloss zerstört, doch musste es nach Unterwerfung der Aufrührer von diesen wieder hergestellt werden.

       Noch jetzt, wo das Gebäude in den Privatbesitz eines Bauern übergegangen ist, sind darin manche Sehenswürdigkeiten erhalten, so ein grosser Feuer- und Reck-Thurm. Merkwürdig sind auch fünf Kugeln, die am Burgthore in Form eines Würfel eingemauert sind. Das abergläubische Volk aber verlegt in jene Burg grosse Schätze, die von dem früheren Schlossherrn daselbst aufgehäuft worden sein sollen.

       Gegen Norden endlich übersehen wir einen grossen Theil des Salzachthales und den Zeller See, dessen Spiegel sogar von den Fenstern unseres Stübchens beim Kaprunerwirth sichtbar waren. 

       Wir haben bisher, das kleine Stück Weges zwischen der Unteren Oedenwinkelscharte und der Bockkarscharte über den Obersten Pasterzenboden ausgenommen, unsere Wanderungen immer nur auf der Nordseite der Hohen Tauern ausgeführt; bevor wir nun über das Kapruner Thörl und den Stubach-Kalser Tauern die Südseite derselben auf längere Zeit betreten, wollen wir noch einen kurzen Rückblick werfen auf den Boden, den wir verlassen, auf den Pinzgau.

       Wir haben hier zum erstenmale ein grösseres Stück desselben vor Augen und einige Worte über dieses merkwürdige Land dürften hier um so eher am Platze sein, da wir dasselbe bisher nur auf flüchtiger Fahrt von Zell am See nach Uttendorf berührt haben. Damals galt es die Vorbereitung zu weiter Reise, heute aber können wir den Ruhetag benützen, um das Gebiet näher kennen zu lernen, das uns umgibt.

       Der Name Pinzgau, lateinisch Bisoniium oder Bisontia, wird vielleicht nicht mit Unrecht von den Binsen hergeleitet, deren es allerdings zu jeder Zeit eine grosse Menge

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im Salzachthale gab.

Fußnote:
Merkwürdig ist es, dass unser Gau so oft zum sächlichen Geschlecht verurtheilt wird, obwohl er volle Berechtigung hat, den männlichen Artikel zu beanspruchen. Jedermann wird sagen der Gau, nicht das Gau, und doch liest und hört man viel öfter: das Pinzgau, das Ober­pinzgau, das Mitterpinzgau, das Unterpinzgau, als die richtigere Schreib-­ und Sprechart: der Pinzgau, der Oberpinzgau etc. etc.

       Die ältesten Einwohner des Landes sollen die Taurisker gewesen sein, d. h. das Volk an den Tauern (Thoren). So wurden nämlich die wenigen Uebergänge über jenes Gebirge genannt, das wir nun mit dem Gesammtnamen "Hohe Tauern" bezeichnen.

       In früheren Zeiten, da soll der Pinzgau ein äusserst gesegnetes Land gewesen sein. Koch-Sternfeld erzählt uns hierüber eine treffende Sage: "Der ewige Jude sei auf seiner Wanderung dreimal über die Tauern gekommen, das erste Mal habe er Weingärten, das zweitemal Wald, das dritte Mal nur mehr ewigen Schnee gefunden."

       Jedenfalls bürgen uns die geschichtlichen Quellen dafür, dass ehedem im Pinzgau ein weit grösserer Wohlstand geherrscht habe, als heut zu Tage. Verschiedene Ursachen wirkten zusammen, um diesen Umschwung herbeizuführen: Die Versumpfung des Thales, das Verschwinden des Bergsegens, die Auswanderung eines grossen Theiles der Bevölkerung zur Zeit der Reformation, der Verfall des ehemals sehr bedeutenden Güterverkehrs über die Tauern, endlich die schweren Kriege, welche das Ländchen besonders im Anfange dieses Jahrhunderts trafen und demselben tiefe Wunden beibrachten.

       Was die Versumpfung des Salzachthales betrifft, so ist darüber bereits viel hin- und hergestritten worden, ob sie jemals vollständig gehoben werden könne oder nicht. Thatsache ist es, dass trotz dem Aufwande von mehr als einer halben Million Gulden, welcher von Seiten der Österreichischen Staatsregierung seit dem Jahre 1822 zu diesem Zwecke gemacht wurde, das Uebel nichts weniger denn als gehoben betrachtet werden kann, dass im Gegentheil die Resultate für ziemlich unbedeutend erklärt werden müssen.

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       Zwar führt uns J. Dürlinger in seinem erwähnten Werke ein schlagendes Beispiel an, welche Fortschritte in der Beziehung gemacht worden seien: "Als Student habe er den Kanal zwischen dem Zeller See und Bruck auf einem Kahne durchfahren, jetzt könne man den Graben nach anhaltender trockener Witterung zu Fuss überschreiten." Allein dieses einzelne Beipiel vermag das unnmstössliche Faktum nicht aufzuheben, dass die Versumpfung des Thales im Allgemeinen verhältnissmässig nur wenig abgenommen hat.

       Zwei Faktoren sind es, welche in aller Zukunft nicht beseitigt werden können und welche aller Arbeit der schwachen Menschenhände immerdar spotten werden. Es sind einerseits die furchtbaren Stein- und Schlamm-Muren, welche von Zeit zu Zeit aus den Seitentälern hervorbrechen und die mit desto unwiderstehlicherer Gewalt andringen werden, je weiter mit der Entholzung dieses Thales vorgeschritten wird; eine eizige Schlammfluth, wie die des Mühlbaches, welche im Jahre 1798 das Dorf Niedersill zerstörte, kann das mühsame Werk von vielen Jahren wieder vernichten.

       Es ist dies anderseits das geringe natürliche Gefälle der Salzach so wohl im Ober- als auch im Unterpinzgau. Einige Zahlen mögen dies am schlagendsten beweisen. Vom Zusammenfluss der Salzach und der Krimmler Ache am Falkenstein bis Lend an der Umbiegung des Thales gegen Norden, somit auf eine Strecke von vierzehn Stunden, beträgt das Gefälle des Flusses bloss 948 Fuss; es treffen also auf die Stunde nicht ganz 68 Fuss.

       So scheint es fast, als ob das Urteil von Professor Dr. Lorenz in seiner Schrift: "Untersuchung über die Versumpfung in den obern Flussthälern der Salzach" (Wien 1857) zwar als unendlich traurig für die Landesbewohner doch nicht als übertrieben bezeichnet werden dürfe, dass Millionen nicht hinreichend, sondern nur nutzlos vergeudet wären, die Entsumpfung des Salzachthales herbeizuführen.

       Als zweiter Grund des herabgekommenen Wohlstandes des Thales wurde oben das Verschwinden des Bergsegens angegeben. Auch hierüber liegen uns bestimmte geschicht-

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liche Anhaltspunkte vor. Es ist Thatsache, dass früher ein äusserst schwunghafter Bergbau in den Seitenthälern der Salzach betrieben wurde, besonders unter den edlen Metallen auf Gold. Führte doch der Gau in Folge dessen sogar ehemals den Namen des „Edlen Pinzgau“.

       Die Zeiten sind längst verschwunden, der Bergbau ist immer mehr in Abnahme begriffen. Nachdem bereits in früheren Jahren die meisten Werke aufgelassen wurden, trat das Gleiche auch im Jahre 1864 bei den Bergwerken in Mühlbach und Dienten ein, so dass sich jetzt nur mehr im ganzen Pinzgau die Bergwerke in Rauris und Gastein erhalten haben, dazu noch der im Besitze einer Privatgesellschaft befindliche Bergbau im Leogangthale.

       In innigem Zusammenhange steht mit dem Versiegen des Bergsegens der dritte oben angeführte Grund, die Auswanderung eines grossen Theiles der Bevölkerung nach der Zeit der Reformation. Es ist wirklich staunenerregend, wenn man die Quellen der damaligen Zeit nachliest, welcher Gewissenszwang von dem Krummstab zu Salzburg auf das Ländchen ausgeübt wurde, mit welch' schweren Strafen diejenigen bedroht waren, welche sich erkühnten, anders denken zu wollen, als den Erzbischöfen von Salzburg lieb war. Doch ein näheres Eingehen auf diesen Punkt würde hier zu weit führen, es mag nur noch erwähnt werden, dass von den 30,000 Salzburgern, welche im Jahre 1732 aus dem Lande verwiesen wurden, weil sie ihren Glauben nicht abschwören wollten, ein grosser Bruchtheil auf den Pinzgau fällt. Besonders waren es viele Bergknappen, welche von diesem harten Loos betroffen wurden. Doch es schien, als wäre der Bergsegen mit ihnen fortgezogen, seit ihrer Auswanderung kam der Bergbau in immer rascheren Verfall.

       Auch die Abnahme des ehedem äusserst starken Güterverkehrs über die Tauern trug nicht unbedeutend zur Minderung des Wohlstandes bei. Besonders im 12. Jahrhundert soll derselbe in hoher Blüthe gestanden sein. Ein grosser Theil des italienisch-deutschen Handels nahm seinen Weg über die Tauern. Koch-Sternfeld berichtet uns, dass neben

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den älteren Tauernhäusern, die in früherer Zeit in weit grösserer Anzahl vorhanden gewesen seien als jetzt, Ställe für mehr als 100 Pferde angebaut waren. Ausserordentlich frequent sei der Verkehr über den Stubach-Kalser Tauern gewesen, so dass man sogar den Plan gefasst hatte, über denselben von Lienz im Pusterthal nach Salzburg eine Strasse anzulegen.

       Zwar wird nun, seitdem es Mode wurde, in's Gebirg Vergnügungsreisen zu unternehmen, durch den Fremdenzug im Pinzgau einigermassen der Entgang des Güterverkehrs, der jetzt erst fast ausschliesslich seine Bahn über die Schienenwege des Brenner und des Semmering genommen hat, wieder aufgewogen, doch gewiss nur theilweise. Hier nur ein Beispiel: Während in früheren Jahrhunderten grosse Karawanen ihren Weg über die Stubach- Kalser Tauern nahrnen, war ich im Jahre 1867 Anfangs September der dritte Tourist, der über jenen Pass nach Kals kam. Steht sich da Entgang und Ersatz in einem äquivalenten Verhältniss gegenüber?

       Als letzter unter den Gründen der Verarmung des Landes ist der Krieg genannt worden. Bereits oben bei Schloss Kaprun wurde der Bauernkrieg im 16. Jahrhundert angeführt. Am verderblichsten waren jedoch für den Pinzgau die napoleonischen Kriege am Anfange unseres Säkulums. Während am Ende des vorigen Jahrhunderts noch grosser Reichthum im Thale herrschte, erlitt derselbe den empfindlichsten Stoss durch das masslose Hausen der Franzosen. Allein an Requisitionen und Contributionen wurden nach den Zusammenstellungen von Dürlinger fast 30 Millionen Gulden dem Ländchen während dieser Jahre erpresst, die zahllosen übrigen Schäden und Verwüstungen, welche das Privateigenthum erlitt, nicht zu rechnen.

       In jene Zeit fällt auch die Säkularisation des alten Erzstiftes Salzburg, worauf der Gau nach verschiedenen Uebergangsperioden im Jahre 1816 dauernd an Oesterreich fiel. Wärend der Pinzgau für die Topographen aus Ober-, Mittel- und Unterpinzgau besteht, zerfällt er seiner politischen Eintheilung nach

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seither in 5 Bezirke: Lofer, Saalfelden, Zell am See,Taxenbach und Mittersill.

       Noch erübrigt es, zum Schlusse Einiges über die Bodenkultur und die Produkte des Salzachthales zu sagen. Während das angebaute Land an der Sonnenseite bis zu einer Höhe von 3500', an der Schattenseite bis 3300' hinanreicht, endigt die Waldregion in einer Höhe von ungefähr 5500, die Alpenregion von 8000 Fuss. Von den 460,000 Joch = 2,647,1145,000 Quadratmeter = 264,764 Hektaren, welche den Flächeninhalt des Pinzgau's ausmachen, ist nahezu der vierte Theil unproduktiver Boden und sumpfbedecktes Land. Ein zweiter Vierttheil trifft auf Wald, fast der ganze Rest auf Alpenweiden und Wiesen. Nur 23,000 Joch = 132,382,250 Quadratmeilen = 13,238 Hektaren sind Ackerland, wovon jedoch alljährlich immer nur die eine Hälfte, welche im vergangenen Jahre brach gelegen, angebaut werden kann.

       Aus diesen kurzen Angaben ergibt sich von selbst, welch bedeutendes Uebergewicht die Viehzucht vor dem Ackerbau im Pinzgau besitzt. In der That ist auch die erstere zu hoher Blüthe gelangt; sie bildet den Haupterwerbszweig des Landes. Ich traf auf meiner Reise von Lend nach Salzburg im verflossenen Jahre mit einem Viehhändler zusammen, welcher mich versicherte, dass er alljährlich dem Vögalbauern allein, allerdings dem begütertsten Besitzer des ganzen Unterpinzgau's um sieben Tausend Gulden Vieh durchschnittlich abkaufe.

Die Viehzucht des Salzachthales ist in jeder Beziehung ausgezeichnet, nicht nur gelten dessen Pferde als die besten schweren Zugthiere der gesammten Oesterreichischen Monarchie, sondern auch das Hornvieh ist von vorzüglicher Qualität. So gewann ein Bauer aus Kaprun im Jahre 1856 auf der Pariser Viehausstellung für einen Zuchtstier den ersten Preis mit 900 Francs nebst goldener Medaille. Nach den Angaben von Dürlinger ergab sich für die 5 Bezirke Lofer, Saalfelden, Zell am See, Taxenbach und Mittersill im Jahre 1862 ein Viehstand von 4814 Pferden, 30,285 Kühen, 31,222 anderem Hornvieh, 20,339 Ziegen, 43,282 Schafen und 6,266 Schweinen.

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Dabei ist noch in Anschlag zu bringen, dass in den Seitenthälern, besonders im Kaprunerthale, grosse Schafheerden, oft mehrere Tausend Stück, aus weiten Gegenden her, sogar aus Baiern, während der Sommermonate auf der Weide sich befinden.

       Diesen reichen Einnahmsquellen stehen aber die bedeutenden Kosten der Viehzucht, anderseits die Ausgaben für die durch die geringe Ertragsfähigkeit des Ackerlandes bedingte Einfuhr von Getreide gegenüber. Fast zwei Drittheile des Bedarfes an letzterem müssen alljährlich von auswärts beschafft werden. So stellt sich denn die grosse Einnahme nicht als übermässig dar im Zusammenhalt mit den Ausgaben, welchen die Grundbesitzer des Pinzgau's sich unterziehen müssen.

       Ganz verschiedene Resultate ergeben sich uns am Südabhange der Hohen Tauern: Dort geringe Viehzucht, aber genügender Ackerbau, keine grossen Grundeigenthümer, fast lauter kleine Parzellen; doch die dortigen Verhältnisse mögen später an geeigneterem Orte ihre Schilderung finden.

       Lasst uns jetzt wieder nach dem Bergstock greifen! Der Rasttag ist verflossen. Zugleich aber dem Glücke danken, das uns gerade heute den Ruhetag bescheerte. Denn am Nachmittag des 25. Juli's entlud sich ein furchtbares Gewitter, das uns schlimm genug mitgespielt hätte, wenn es uns auf den Abhängen des Kitzsteinhorns oder auf dem Wege zum Pasterzengletscher getroffen hätte.

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             "Von Kaprun nach Kals" (K. Hofmann)