Wanderungen 4

       Die Hauptsorge für den heutigen Tag, Stüdl's Fussleiden, war, wenn auch nicht gehoben, doch soweit in Besserung übergangen, dass mein Freund fast ohne Schmerzen aufzutreten vermochte; so entschlossen wir uns denn, auf

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dem nächsten Wege nach Kals zu wandern.

       Um jedoch nicht abermals eine Ueberanstrengung herbeizuführen, wollten wir den etwas starken Tagmarsch in zwei Hälften theilen, am 20. Juli
(Anmerkung:
Muß heißen: 26. Juli. Vergleichen Sie dazu die handschriftlichen Eintragung Wirt über diese Tour von Johann Stüdl im > "Gästebuch von Kals" beim Unteren Wirt.)
sollte bis zur Wasserfallalpe im obersten Kaprunerthal marschirt und am folgenden Tag der Rest des Weges bis nach Kals zurückgelegt werden.

       Es war zehn Uhr, als wir Kaprun verliessen. Das Wetter sah nicht besonders günstig aus; die Luft war ausserordentlich schwül, so dass wir den baldigen Ausbruch eines Gewitters fürchteten. Ueber jene Alluvialterrasse, auf welcher das Dorf Kaprun liegt, die unterste Stufe des Thales 2401' 759m, ging es mässig ansteigend aufwärts. Zerstreute Gehöfte umgaben uns. Nach einer starken halben Stunde hatten wir den sogenannten Kesselbühel erreicht, einen Querriegel, mit welchem der äussere Kalkzug durch das Thal setzt und den Bach hart an die linke Thalwand drängt. Dort hat sich der letztere eine tiefe Rinne ausgewaschen, durch die er brausend und schäumend in hastigem Laufe seine Fluthen hindurchzwängt. "Im Winkel" heisst jene Strecke des Baches. Der Weg zieht sich weit gegen die rechte Seite hin, um den Kesselbühel zu überschreiten.

       Haben wir jenen Querriegel erreicht, so wollen wir es nicht versäumen, noch einen letzten Rückblick zu werfen über den schönen Zeller See und den hinter demselben emporsteigenden Südrand des Berchtesgadener Landes. Bis zum Kesselbühel hatten wir nicht bloss die Aussicht auf das herrliche Kitzsteinhorn zur Rechten, den Hohen Tenn zur Linken, sondern aus dem fernen Hintergrund des Thales war uns bereits eine von den Eiszinnen, die den Mooserboden umsäumen, der Vordere Bärenkopf, vor Augen getreten. Doch nur auf kurze Zeit, schnell war die funkelnde Spitze wieder verschwunden.

       Nach Ueberschreitung des Kesselbühels treten die beiden Thalwände näher aneinander, die Spitzen selbst sind uns durch waldige Vorstufen verdeckt; wir wandern zwischen den beiden bedeutendsten Nebenkämmen, die auf der Nordseite der Glocknergruppe sich befinden, zwischen dem Fusch-

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Kapruner und dem Stubach - Kapruner Scheidegebirge, die eines der prächtigsten Thäler der Tauernkette einschliessen. Das Kaprunerthal kann nicht nur vollberechtigt neben seinen gepriesenen Nachbarn Fuscherthal und Stubachthal auftreten, sondern muss sogar unter die berühmtesten Prachtwerke der gesammten Deutschen Alpen gezählt werden.

       Oberhalb des Kesselbühels haben wir die zweite Terrasse des Thales vor uns, die Würstelau, welche von ihrem Beginn an jenem Querriegel 2658' 840m bis zu den Wasserfällen 3887' 1229 m gleichmässig etwa 1 ½ Stunden lang ansteigt. Es ist ein mässig geneigter Alluvialboden, der sich in grauem und chloritischen Thonglimmerschiefer ausbreitet. Auf gutunterhaltenem Karrenwege stiegen wir hinan, doch ging die Reise äusserst langsam von Statten, denn Freund Stüdl's Zustand forderte grosse Vorsicht, zudem bot ja auch die uns umringende Gebirgswelt genug des Interessanten, um kleine Raststationen immerfort erwünscht zu machen.

       Bald nachdem wir den Kesselbühel im Rücken haben, kommt von der linken (westlichen) Thalseite

Fußnote:
Natürlich ist, wenn von der rechten oder von der linken Seite eines Baches gesprochen wird, immer die Stellung flussabwärts maassgebend, auch wenn wir dem Bache entgegenwandern.

der Grubalmbach aus dem Grubalmthale herab. Er nimmt am Hochkammer, nördlich vom Kitzsteinhorn, seinen Ursprung. Jener Berg ist von Alters her berühmt als Tummelplatz der Hexen, die hier auch als Wetterstifterinnen viel Unglück schon ausgekocht haben sollen. Ueberhaupt scheint das Grubalmthal reich an Sagen zu sein. Da droben bei der Grubalpe werden jetzt noch neun Löcher gezeigt, durch welche der Teufel einst mit einem Melker gefahren sein soll, als dieser in einer Wanne voll Milch ein Bad nahm. Wie doch allenthalben in unseren Alpen die Mythe von dem bestraften Uebermuth der Senner zu erzählen weiss!

       Wir haben das letzte Haus des Thales, den Hinterwald-Hof, erreicht. Theurer und schlechter Branntwein wurde uns dort oktroyirt. Aber Schnell schmunzelte so

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vergnügt, als das Wort "Schnaps" ihm an die Ohren schlug, dass wir gerne seinen Herzenswunsch erfüllten. Es ist zwar durchaus nicht räthlich, bei Gebirgstouren sich mit Branntwein oder Liqueur in grössrrer Menge zu versehen. Besser ist es, ein Paar Flaschen Wein mehr mitzunehmen, doch ist ein geringes Quantum von dem ersteren Getränke immerhin nicht zu verachten, da es mit Wasser vermischt eine ausserordentlich kühlende Wirkung hervorbringt. Zudem ist es bei einer plötzlichen Anwandlung von Uebelkeit ein nicht zu verschmähendes Heilmittel.

       Wir wandern jetzt in dem Schatten altehrwürdiger Lärchen aufwärts, es ist der sogenannte Ebenwald. Der bisher guterhaltene Fahrweg beginnt immer schlechter zu werden, bald verwandelt er sich in einen einfachen Saumpfad, der aber durchaus nicht beschwerlich genannt werden darf. Die Kapruner Ache ist uns fortwährend zur Rechten geblieben, bald unmittelbar neben dem Pfade, bald in geringer Entfernung von demselben. Wenn wir hier vom Wege etwas nach rechts abbiegen, so haben wir einen schönen Wasserfall vor Augen. In gleicher Weise, wie weiter unten "Im Winkel" hat sich auch hier der Bach sein Bett tief ausgewaschen. Es ist ein wilder Strub. Hoch aufwirbelnd türmt die gewaltige Wassermasse, besonders in später Nachmittagsstunde an heissen Sommertagen oder nach einem Gewitter mächtig angeschwollen, in einen engen schwarzen Kessel hinab, gewaltige Staubsäulen aus der Tiefe wieder emporsendend. Die Schönheit dieses Wasserfalls wird noch erhöht durch die Mündung eines Seitenbaches in den Kessel; er kommt in mehreren kleinen Rinnsalen von der westlichen Thalwand herab. Der Standpnnkt, den wir zum Beschauen jenes Bildes am besten einnehmen können, ist durch die Sorgfalt des Kapruner Führers Hetz mit einem schützenden Holzgeländer versehen worden.

       Noch ein zweiter Punkt, am Wege selbst gelegen, erregt unsere Aufmerksamkeit; es ist der Kapruner Käskeller, aus einer einfachen Vertiefung im Boden bestehend,

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überwölbt von einem höchst primitiven Dache. Bis hierher müssen die Käse von den Alphütten des oberen Thales herabgetragen werden, ein Weg von 2-3 Stunden.

       Wir trafen später in der Wasserfallalpe mit einem Kästräger zusammen; es war ein junger stämmiger Bursche. Er hatte am heutigen Tage bereits drei Gänge von der Alpe hinab zum Käskeller gemacht, die beiden erstenmale mit je drei, das drittemal mit vier Laib Käs. Bedenkt man, dass ein Laib ungefähr einen halben Zentner wiegt, so kann man sich einen Begriff von dem mühsamen Tagewerk jenes Mannes machen. Und dazu bestand sein ganzer Verdienst in einem Gulden! Für jeden Laib zehn Neukreuzer! Welch' harter Broderwerb!

       Vom Käskeller weg werden die Produkte der Alpen auf kleinen Wägen vollends in's Dorf hinabgeschafft.

       Zwei Stunden nach unserem Aufbruch von Kaprun hatten wir die Stegenfeldbrücke erreicht, und damit das Ende der zweiten Terrasse des Tales. Ein neuer prächtiger Anblick tritt uns hier vor Augen, ein grosser Wasserfall, mit welchem sich die Ache von der dritten Thalstufe herabstürzt. Das Kaprunerthal ist durch eine äusserst charakteristische Gliederung ausgezeichnet, abwechselnd weite Thalbecken mit hohen Stufen. Besonders schön präsentirt sich der letztgenannte Fall, wenn wir auf dem rechten Ufer des Baches eine kurze, Strecke hinansteigen. Die reiche Fülle des Wassers am heutigen Tage machte das Schauspiel besonders interessant, dazu kamen uns zur Linken noch eine Reihe von kleinen Bächlein fächerartig von einem Schneefelde herab, den Resten einer riesigen Schneelawine.

       Wir überschreiten nun die Stegenfeldbrücke und betreten damit zum erstenmale das linke Ufer der Ache, das wir nun bis kurz vor der Wasserfallalpe nicht mehr verlassen. In langen Windungen zieht sich der Pfad über jenen hohen Absatz empor, hinter welchem sich die weite Limbergterrasse ausbreitet. Die Stufe ist verhältnissmässig sehr bedeutend, sie beträgt über Tausend Fuss. 

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       Unser nächstes Ziel ist der Königsstuhl, ein frei hervorrageder Felsvorsprung. Schon nach kurzem Steigen haben wir, ein wenig vom Wege zur Linken abbiegend , einen herrlichen Blick hinab auf den Wasserfall, den wir vor Kurzem an der Stegenfeldbrücke bewundert haben.

       Auch möge nicht vergessen werden, von Zeit zu Zeit einen Rückblick auf das Kaprunerthal zu werfen, das sich in sanft geschlängelter Linie hinabzieht, überragt in weiter Ferne von den bleichen Felsmassen des Berchtesgadener Landes. Besonders der Watzmann mit seinen zwei Spitzen und neben ihm zur Linken der Hundstod, eine hochgeschwungene Felsgruppe, erheben sich mächtig über ihre Umgebung. Nicht minder schön ist noch weiter westlich jenseits des Saalachthales die Gruppe der Lofer-Leoganger Steinberge, aus welchen als weitaus dominirender Gipfel das Birnhorn bei Saalfelden hervortritt. Als wir vor zwei Tagen in später Nachmittagsstunde da herabwanderten, hatten wir einen herrlichen Anblick genossen. Hell und klar war die Rundsicht gewesen, ein duftiges Rosa war über die grauen Felsenhäupter ausgegossen, in immer grellere Tiuten gegen den fernen Westen übergehend, wo die Sonne blutroth wie von einem dunstigen Schleier umgeben uns erschienen war. Jetzt aber lag tiefschwarzes Gewölke im Westen. In langsamem Fluge schien es sich über das Salzachthal hinabzuziehen, immer düsterer zeigten sich uns die Berchtesgadener Berge, bald waren sie in ein undurchdringliches Dunkel eingehüllt. Blitz auf Blitz durchzuckte die Luft, rasch folgten die krachenden Donnerschläge. Da draussen im Salzachthale ging ein furchtbares Gewitter hernieder.

       Doch so grosser Reiz auch darin lag, hier stille zu stehen und unsere volle Aufmerksamkeit den wildtobenden Kräften der Natur zuzuwenden, wir durften nicht lange verweilen, wenn nicht auch wir von einem nassen Grusse betroffen werden wollten. Rasch stiegen wir die langen Windungen des Weges hinan, schon fielen vereinzelnde grosse schwere Regentropfen hernieder, als wir gerade noch im richtigen Augenblicke die Schranbachalpe erreichten,

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eine kümmerliche Alphütte, die etwa auf halber Höhe zwischen der Stegenfeldbrücke und dem Beginne der Limbergterrasse liegt.

       Hier konnten wir nun ruhig das Vorüberziehen des Hochwetters abwarten. Es hatte sich ohnedem auf das Hauptthal beschränkt, nur kleine unbedeutende Seitenkorps waren in dem Kaprunerthal vorgedrungen. Vorüber war nun die drückende Hitze, wir konnten unter geringerer Anstrengung als bisher unseren Weg fortsetzen.

       Immer näher winkte uns der Königsstuhl, der uns den Beginn des dritten Thalbeckens verkündete. Eine hohe Lärche, die Königstuhllärche, erhebt sich dort - es ist die Grenze des Baumwuchses im Hauptaste des Kaprunerthales. Endlich haben wir den letzten Anstieg überwunden, vor uns dehnt sich eine weite, mit feinem Schlich bedeckte Ebene aus: es ist die Limbergterrasse 4980' 1574m, die auch häufig den Namen "Im Wasserfall" führt.

       Nach wenigen Schritten bietet sich uns ein überraschendes Bild dar. Der mächtige Cirkus dieses Thalbodens hat sich entrollt, zum erstenmale dringt der Blick in die Geheimnisse der Gletscherwelt des Kaprunerthales, gleich als sollten wir vorbereitet werden auf die noch viel grössere Pracht, die uns am Mooserboden erwartet.

       Riesige Nebelballen hängen da und dort an den Wänden, doch sind die meisten Spitzen fast frei, jene luftigen Geschiebe dienen vielmehr als Staffage, um den Gesammteindruck zu erhöhen.

       Die beste Uebersicht geniessen wir, wenn wir noch eine kleine Strecke auf der westlichen Thalseite hinansteigen. Uns gerade gegenüber jenseits der Ache sind die Abhänge des Bauernbrachkopfs und des Hohen Tenn. Der letztere hat im Kontraste zum Fuscherthale, zu dem er einen ziemlich bedeutenden Gletscher herabsendet, uns hier nur steile Felsenhänge entgegenzusetzen, da und dort durchbrochen von kleinen Schneefeldern. Doch auch die letzteren verschwinden nach anhaltend warmer Witterung, dann blickt uns nur kahles Gestein entgegen. ln der unteren Hälfte ist der Berg noch mit kurzem dürrem

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Die Limbergalpe am Wasserfallboden im Jahre 1900 (Ansichtskarte) bot wohl noch einen ähnlichen Blick, wie ihn Karl Hofmann und Johann Stüdl bei ihrer Wanderung 33 Jahre zuvor erlebt hatten.
Durch den Bau der Limbergsperre der Tauernkraftwerke Kaprun füllte sich der gesamte Alluvialboden mit Wasser und es veränderte sich dieses Bild gravierend.

Gras bedeckt, das aber nicht mehr als Viehweide benützt werden kann; nur die Kletterer par excellence, die Schafe und Ziegen finden hier noch ihre Nahrung. Die obere Hälfte dagegen ist nackter, vegetationsloser Fels, sogenannte Bratschen, dasselbe Gestein, das wir bereits vorgestern zu Genüge kennen gelernt haben.

       Zur Linken neben dem Hohen Tenn, der uns hier seine Breitseite bietet und als langer, fast ebener Rücken erscheint, während er vom Zeller See, überhanpt vom Mitterpinzgau aus einer tief beeisten Spitze gleicht, ist im Fusch - Kaprunerkamm ein bedeutender Einschnitt, das Wiesbachthörl. Diese Scharte ist, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, noch nie zum Uebergange aus dem Kaprunerthale in's Fuscherthal benützt worden; sie soll erst einmal aus dem erstgenannten Thale von einem Kapruner Schafhirten betreten worden sein, der jedoch nicht den Abstieg in's Fuscherthal nahm, sondern auf seinem alten Wege wieder zurückkehrte. Die Gewinnung des Wiesbachthörls ist wohl kaum so schwierig, als man beim Anblick desselben vermuthen dürfte. Obwohl die Steigung eine bedeutende ist, so wird doch der Weg dem mit tüchtigen Steigeisen Versehenen keine sonderlichen Schwierigkeiten entgegensetzen, da er meist im Gebiete der Bratschen sich befindet, welche gemäss ihrer weichen Beschaffenheit überall ein tiefes, festes Eingreifen der Steigeisen gestatten und dadurch dem Bergsteiger einen sicheren Tritt gewähren.

       Weiter zur Rechten steigt der Kamm über das Kleine Wiesbachhorn, eine unansehnliche Erhebung, aus mehreren durch tiefe Scharten getrennten Felsthürmen bestehend, in jäher Steigung zur Eiszinne des Grossen Wiesbachhorns empor, ein prächtiger, in funkelndes Silber gehüllter Bau.

       Die höchste Spitze ist links über dem Fochezkopf sichtbar, einem pyramidal geformten Vorsprung im Westabhange des Fusch ­ Kaprunerkammes. Wir haben den Fochezkopf schon bei unserem Abstieg vom Wiesbachhorn zum Kaprunerthal kennen gelernt und dort die Erfahrung gemacht, dass derselbe keineswegs eine selbständige Spitze ist, wie der An-

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blick aus der Thalsohle vermuthen liesse.

       Zwischen dem Fochezkopf, der bei den Kapruner Melkern den Namen Fochizenkopf führt, und dem Grossen Wiesbachhorn fliesst wild zerklüftet der Untere Wielinger- oder Fochezgletscher herab. Besonders seine Zunge ist wegen ihrer starken Neigung ausserordentlich zerrissen, es ist kaum mehr ein Eisstrom, vielmehr ein abenteuerliches Konglomerat von Eisblöcken. Jener Gletscher ist seit einigen Jahrzehnten auffallend stark zurückgegangen. Seine Endmoräne besteht nicht aus einem Schuttwall, den der Gletscher langsam abgelagert hat, sondern aus einem Chaos von Steintrümmern, die in Folge des steilen Abfalls weit in's Thal herabrollten, so dass die Moräne eine Länge von mehreren Tausend Fuss zu besitzen scheint. Die Eiszunge des Gletschers ist an ihrem Ende kaum hundert Fuss breit und scheinbar in eine Reihe von Eisschollen getheilt. Jene Ansammlung von Felsblöcken und Schuttmassen unterhalb des Gletschers führt den Namen "Kalte Pein". Die Bezeichnung soll daher kommen, weil die Kapruner Schützen hier oft ihren Gemsenanstand nehmen und da wegen der hohen Lage und der Nähe des Gletschers manchmal grosse Kälte auszustehen haben.

       Zur Rechten neben dem Fochezkopf, etwas in den Hintergrund zurücktretend, folgt in dem Rahmen, der uns umgibt, die Glockerin; sie reicht mit ihrem Fusse bereits vollständig in die vierte Terrasse des Kaprunerthales, den Mooserboden, herab. Auch diese hat hier ihr Aussehen im Gegensatz zu dem Anblick, den sie vom Wiesbachhorn aus gewährt, sehr verändert. Während sie dort als mackelloser, durch keinen Felsdurchbruch gestörter Schneedom erschienen war, bietet sie uns hier einen ausserordentlich steilen Felsabsturz, überwölbt von blendend weisser Schneekuppe. Der Abfall ist so bedeutend, dass sich in den oberen Theilen kein grösserer Gletscher anzusetzen vermochte, erst weiter unten sind in zwei stark geneigten Mulden kleine, zerschründete Gletscher eingebettet, deren Abflüsse bereits zum Mooserboden herabziehen.

       Denselben Anblick, wie der eben beschriebene Gipfel, gewährt der weiter

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nach rechts stehende Grosse Bärenkopf. Dagegen ist der Kleine Bärenkopf nicht sichtbar.

       Gerade unter der Glockerin erhebt sich in Mitte der Thalsohle, direkt südlich von unserem Standpunkte, die Hohenburg 6044' 1910m. Sie steht am Ende der Limbergterrasse, am Beginne des Mooserbodens, und bietet gemäss ihrer günstigen Lage eine ausserordentlich schöne Uebersicht über das Amphiteater, das im Hintergrunde des Kaprunerthales sich emporthürmt. Eine ausführliche Schilderung dieses Gipfels wird im Folgenden von meinem Freunde Stüdl gegeben werden, der die Hohenburg besuchte, um das Bild des Mooserbodens zu zeichnen.

Anmerkung: In diesem Beitrag von Johann Stüdl haben wir auch die Lithographie jener Zeichnung eingefügt, die er für die "Glocknermonographie" im Verlag Amthor angefertigt hatte. Sie konnte vor einigen Jahren vom Salzburg Museum angekauft werden und wurde uns für diese Homepage zur Verfügung gestellt. Siehe >Kapitel 18 "Die Hohenburg" Seite 450.

       Etwas weiter zur Rechten erblicken wir die beiden Eckpfeiler des Riffelthors, über welches ein grassartiger Uebergang aus dem Kaprunerthale nach Heiligenblut führt, über die weiten Eismeere des Karlingergletschers und der Pasterze. Ueber jener Einsattelung ist von unserem Standpunkte aus die Spitze des Johannisbergs sichtbar, dessen Firnen einerseits zur Pasterze gegen Süden, anderseits zum Stubachthal gegen Norden herabreichen.

       Zwischen den beiden genannten Gipfeln, dem Vordem Bärenkopf und der Hohen Riffel spannt sich in weitem Bogen das Firnmeer des Karlingergletschers aus, auch Mooser- oder Kaprunergletscher genannt. Der riesige Kaprunergletscher mag wohl ehedem das ganze Kaprunerthal erfüllt und mit seiner Zunge bis zum Salzachthal hinab gereicht haben. Noch jetzt finden wir im Kaprunerthal, in gleicher Weise wie in den übrigen nördlichen Tauernthälern, eine Menge von wohlerhaltenen Gletscherschliffen.

       Noch möge hier eine Stelle aus dem Werke des alten Schultes "Reise zum Grossglockner", herausgegeben im Jahre 1804, erwähnt werden. Schultes führt uns an, dass "der westliche Schenkel des Pasterzengletschers bis nahe gegen Kaprun im Salzachthale hinabreiche und dass man von Heiligenblut bis zu jenem Schlosse hinabreiten könne". "Aber," fügt Schultes bei, "ich möchte weder mein Leben noch das meines treuen Thieres bei diesem Ritte in Gefahr bringen. Ein geübter Steiger hat wohl Mühe genug, durch die zackigen Gipfel und die

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beeisten Felsen hindurch zu wandern und über all' die Eisklüfte hinwegzusetzen, die hier so häufig und gefährlich sind." Zu jener Zeit, da die Sage entstand, dass man diese weiten Eisflächen zu Pferd passiren könne, hat man jedenfalls einen merkwürdigen Begriff von der Natur der Gletscher gehabt. Entweder müssen sie damals ganz anders gestaltet gewesen sein, als heut' zu Tage, oder, was mir wahrscheinlicher dünkt, grössere Gletscherwanderungen wurden in früheren Zeiten auch von den Eingeborenen nur äusserst selten, vielleicht nie unternommen.

       Der nächste Berg, der nach der Hohen Riffel in der Umsäumung des Kaprunerthales uns entgegentritt, gehört nicht mehr dem Tauernhauptkamm an, sondern bereits dem zweitbedeutendsten Kamm auf der Nordseite der Glocknergruppe, dem Stubach - Kaprunerkamm. Es ist dies der Thorkopf, der nördlich von der Hohen Riffel, südlich vom Kaprunerthörl liegt. Er steht mit seinem doppelzackigen schwarzen Felshaupte merkwürdig gegen die glitzernden Schneefelder ab, die seinen Fuss umgeben.

       Das Kapruner ­ Thörl selbst ist ebensowenig wie die westliche Ausbuchtung des Mooserbodens zu erblicken, dagegen tritt uns, wieder mehr im Vordergrunde, rechts oberhalb der Wasserfallalpe der Grieskogl mit dem Grieskoglgletscher vor Augen; letzterer führt jedoch im Kaprunerthale häufiger den Namen Hochweissfeld. Ein Theil des Abflusses desselben, der Ematbach, bildet kurz oberhalb der Wasserfallalpe eine schöne Kaskade und gab in Vereinigung mit dem zweiten Wasserfall, in welchem die Kapruner Ache vom Mooserboden zur Limbergterrasse herabstürmt, jener schönen Alpe ihren Namen.

       Zwischen dem Grieskogl und dem weiter nördlich unmittelbar neben dem Kitzsteinhorn gelegenen Geralkopf befindet sich die Geralscharte, über welche ein schwieriger, nicht ungefährlicher Uebergang aus dem Kaprunerthal in's Stubachthal führt. Sowohl der diesseitige Geralgletscher, als auch der jenseits der Scharte in das Wurfthal, einen Seitenast des Stubachthales, hinabziehende Wurfthalgletscher,

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sollen fürchterlich zerrissen sein. Von Fremden wurde, soviel bekannt, die Geralscharte noch nie überschritten, dagegen soll sie manchmal von Kapruner Schafhirten betreten werden, wenn diese ihren verloren gegangenen Schafen nachsteigen.

       Die höchste Spitze des Kitzsteinhorns selbst, auf dessen Westabhängen etwas oberhalb der Thalsohle unser Standpunkt ist, können wir jetzt nicht sehen; sie zeigt sich erst, wenn wir eine kurze Strecke in der Limbergterrasse aufwärts gewandert sind.

Diese Luftaufnahme des Kaprunertales Richtung Norden zeigt anstelle der Kapruner Ache, wie sie Karl Hofmann beschreibt, die beiden großen Stauseen am Wasserfall- (Limberg-) und Mooserboden. Der Blick über das Salzachtal und die Pinzgauer Grasberge bis zu den Kalkalpen ist aber im Wesentlichen unverändert. Zum Vergrößern anklicken.

       Wenden wir endlich noch den Blick gegen Norden, wo sich die riesigen Kalkmassen der Lofer - Leoganger Steinberge und des Berchtesgadener Landes bis zum Steinernen Meer hin ausdehnen, während tief unter unseren Füssen die Kapruner Ache sichtbar ist, nur zeitweise verborgen durch den dichten Wald, der sie zu beiden Seiten einschliesst, so haben wir das Rundgemälde vollständig verzeichnet, das sich uns von unserem erhabenen Ruheplätzchen aus entrollt.

       Dazu tragen die Alphütten, die in einzelnen Gruppen in der schönen Thalweitung stehen, die Limbergalpe, Bauernalpe und Wasserfallalpe und die zerstreut zwischen denselben weidenden Viehherden nicht minder zur Belebung des schönen Gesammtbildes bei.

       Nach mehr als viertelstündigem Aufenthalte verliessen wir endlich unser köstliches Belvedere, um wieder auf unseren Weg zurückzukehren. In etwa zehn Minuten hatten wir die Limbergalpe erreicht. Ohne uns jedoch hier aufzuhalten setzten wir unsern Marsch zur Wasserfallalpe fort, dem letzten Ziel für den heutigen Tag.

       Bald hinter der Limbergalpe verschwindet das Grosse Wiesbachhorn, dagegen tritt jetzt der Gipfel des Kitzsteinhorns deutlich hervor. Kurz vor der Wasserfallalpe übersetzten wir zum zweitenmale den Bach; bald nach drei Uhr Nachmittags hatten wir die Alpe erreicht und kehrten in der obersten der drei Hütten (Maierhütte) ein. Die Sennhütten der Wasserfallalpe, welche aneinandergebaut und nur durch Zwischenmauern im Innern geschieden sind, gehören drei Bauern (Wolkner, Itzbacher und Maier aus Fürth bei

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Kaprun, wesshalb die Alpe auch häufig mit dem Namen Fürtheralpe bezeichnet wird.)

       Wir hatten zu unserem Marsche von Kaprun bis hieher fünf Stunden gebraucht, doch ist dabei zu erwägen, dass wir sehr langsam gingen und zu wiederholten Malen Rast machten. Ein rüstiger Wanderer könnte zwar den Weg leicht in vier Stunden zurücklegen, aber nirgends ist Eile weniger zu empfehlen als im Kaprunerthale, da uns gar manches herrliche Wunder der Natur dadurch verloren ginge. Hier sei noch erwähnt, dass ein einigermassen geübter Tourist den Weg von Kaprun bis zum Mooserboden anstandslos ohne Führer unternehmen kann; es wäre beinahe eine Kunst hier den richtigen Pfad zu verfehlen.

       Noch ist es früh am Tage, wir haben genügend Zeit manches des Interessanten zu besehen. Wir wollen vor Allem uns vom Melker den Schlüssel zur Rainerhütte geben lassen, um den ersten grösseren Bau des Oesterreichischen Alpenvereins in Augenschein zu nehmen.

       Doch das ist nicht so leicht gethan, wie gesagt. Zwar liegt die Hütte nur einen Büchsenschuss von uns entfernt, auf schöner ebener Wiesenfläche, aber um zu ihr hinüberzukommen, haben wir erst den Bach zu übersetzen. Dazu muss uns eine elende Nothbrücke dienen, aus drei äusserst schmalen Hölzern bestehend, über welcher durch Auflegung von Erdreich eine Art Rinne gebildet ist. Die Brücke ist kaum einen Fuss breit, unter ihr eilt in raschem Laufe die Ache vorbei. Dazu muss man, um zum Stege zu gelangen, auf beiden Seiten einige schlüpfrige Felsblöcke hinansteigen. So scheint fast eine Reihe von Balancirkunststückchen nöthig zu sein, um nur einmal bis zur Stiftung des Oesterreichischen Alpenvereins hinkommen zu können.

       Im vergangenen Jahre, da führte allerdings zu jener von der Wasserfallalpe aus eine gute, breite Brücke, aber sie wurde im Frühjahre 1869 von den hochangeschwollenen Fluthen der Ache fortgerissen. Sie sollte im Sommer desselben Jahres wieder hergestellt werden, aber bei unserem Besuche des Kaprunerthales in der zweiten Hälfte Septem-

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bers war das Werk nur um ein Minimum weiter vorgeschritten, als am heutigen Tage. So musste denn als direkte Verbindung der Rainerhütte mit der Wasserfallalpe während des ganzen Jahres 1869 jener Steg dienen, der immerhin einige Bedenken einflösste, so dass sich viele Touristen lieber zu dem weiten Umweg bis zur Brücke zwischen der Wasserfallalpe und der Limbergalpe, etwa 10 Minuten unterhalb ersterer, wo der eigentliche Thalweg führt, entschlossen, um von einem Ufer auf das andere zu gelangen, als dass sie den gefahrdrohenden nächsten Weg gewählt hätten.

       Die Senner der Wasserfallalpe jedoch, welche an dem Missvergnügen der Fremden hierüber eine grosse Freude zu haben schienen, belustigten sich immer beim Herankommen von Fremden, indem sie in allem Ernste denselben mittheilten, den ersten von der Gesellschaft, der jenen Steg überschreiten wolle, hole immer der Teufel, er fiele ganz sicher in den Bach hinab. Doch ist zum Glücke bis jetzt ihre Prophezeiung stets unerfüllt geblieben.

       Auch wir haben die Brücke nun hinter uns, ohne dass einer aus unserer Mitte eine nähere Bekanntschaft mit den infernalischen Mächten gemacht hätte und wandern jetzt auf dem schönen Wiesenplan der Hütte zu. Es ist ein kleines Gebäude, von einem hölzernen Giebeldache überdeckt. Seine Länge beträgt 22', seine Breite 14', seine Wandhöhe 10'. Die Wände sind aus Stein. Zwei Fenster befinden sich auf der Süd- und der Ostseite der Hütte: auf letzterer ist auch die Thüre angebracht. Im Innern ist in der rechten Ecke ein offener Herd, während auf der Rückseite etwas erhöht die Lagerstätte angebracht ist. Auf einer Marmortafel ist der Name "Rainerhütte" eingeschrieben, welche Bezeichnung dem Bau nach dem Protektor des Oesterreichischen Alpenvereins gegeben wurde. Ausserdem ist die Hütte noch mit Tischen und Stühlen, Kochgeschirr, Fremdenbuch etc. etc. ausgestattet. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die für dieselbe aufgewendete Summe eine enorme genannt werden muss: über 750 Gulden! Die Behauptung, dass für diesen Auf-

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wand verhältnissmässig ausserordentlich wenig geleistet wurde, kann hier mit gutem Grund aufgestellt werden.

       Ausserdem wurde uns in übereinstimmender Weise von den Sennern der Wasserfallalpe versichert, die Hütte stehe an einem sehr lawinengefährlichen Ort; zudem ist sie auch vor herabfallenden Steintrümmern keineswegs gesichert, wie dies ja die vielen riesigen Blöcke beweisen, die den Platz umgeben. So scheint hier zwar allerdings für den Baumeister, denn das Material war hier am nächsten zur Hand, keineswegs aber für die Hütte selbst der günstigst gelegene Platz ausgesucht worden zu sein. Zudem ist die letztere nur mit Lehm, nicht mit Kalk gemauert. Die grosse Grube im Boden, die unmittelbar vor der Hütte sich befindet, wird nur zu schnell zur Verrätherin.

       Endlich fehlt jeglicher Fond, aus dem das Gebäude bei eventueller Beschädigung restaurirt werden könnte. Denn der Oesterreichische Alpenverein hat nach Mittheilung des Kapruner Führers A. Hetz, der es vorläufig übernommen hat, die Hütte mit dem nöthigen Brennmaterial zu versehen, für die Zukunft keine weitere Unterstützung in Aussicht gestellt. Ob da nicht bald durch Lawinen und Stürme der Bau in einen bedenklichen Zustand versetzt sein wird?

       Doch abgesehen von den bedeutenden Kosten, von denen jedoch, wie mir zu wiederholten Malen im Kaprunerthale versichert wurde, die Arbeitsleute für sämmtliches Material und die Errichtung der Hütte selbst nur einen kleinen Theil, nämlich 170 Gulden erhalten hätten,

Fußnote:
Der Melker in der Itzbachalpe gab uns auf unsere Frage, wie doch die Rainerhütte so viel Geld habe kosten können, folgenden drastischen Aufschluss: "Wenn i a Hand voll Mehl nehm' und gebs Dir und Du gibst es dem andern und der wieder am' Andern, nacha (dann) wird hübsch wen'g mehr überbleib'n bis i mei Mehl wieda z'rück krieg!"

und abgesehen von den Mängeln im Innern, die z. B. bis jetzt noch in der Abwesenheit eines gedielten oder doch wenigstens gepflasterten Bodens bestehen, erfüllt das Gebäude immerhin nur theilweise seinen Zweck. Ich will hier nicht

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vom Interesse des Bergsteigers reden, dem natürlich eine Zufluchtsstätte je höher je lieber zu seinen Exkursionen erwünscht ist, auch für den gewöhnlichen Touristen wäre es ohne Zweifel vortheilhafter, wenn die Vereinshütte sich nicht an einem Punkte befände, wo bereits, wenn auch nothdürftig, für Unterkunft gesorgt ist, wo kaum einen Büchsenschuss entfernt drei stattliche Alphütten stehen, sondern wenn dieselbe wenigstens am Thalschluss, auf dem Mooserboden, stünde, wie dies ja auch ursprünglich projectirt gewesen.

       Die hier erwähnten Klagen wurden mehrfach auch schon von Mitgliedern des Oesterreichischen Alpenvereins selbst im Fremdenbuch der Rainerhütte erhoben.

       Was den Besuch des Kaprunerthales betrifft, so ist derselbe geradezu unbegreiflich gering zu nennen. Im Jahre 1869 besuchten nicht mehr als zweiundzwanzig Reisende die Vereinshütte. So viele Namen enthält das Fremdenbuch der letzteren während des jüngst verflossenen Sommers.

Fußnote:
Privatmittheilung des Führers A. Hetz in Kaprun.

Es zeigt sich hierin sogar eine Abnahme gegen das vorhergehende Jahr. Läge das Kaprunerthal in der Schweiz, so würde es ohne Zweifel alljährlich von Tausenden von Touristen besucht und bewundert werden, die Deutschen Alpen jedoch werden nun einmal stiefmütterlich behandelt, obwohl schon unzählige Male der Satz aufgestellt wurde, dass sie keineswegs an Naturschönheit von den Schweizer Bergen übertroffen werden. So kommt es denn, dass trotz der Bemühungen eines Sonklar, eines Ruthner u. a. das Kaprunerthal noch immer nicht genügend gewürdigt wird.

       Nach Besichtigung der Vereinshütte und des schönen Panorama's, das sie uns bietet (Kitzsteinhorn, Bauernbrachkopf, Hoher Tenn, Kleines Wiesbachhorn, Unterer Wielingergletscher, Fochezkopf, Glockerin und Grosser Bärenkopf kehrten wir in die Wasserfallalpe zurück.

       Wir beschlossen, lieber in den Alphütten zu übernachten, wo uns in einem Heustadl eine gleich gute Schlafstätte zur Verfügung stand, wie in der Vereinshütte, anderseits wir am nächsten Morgen

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unser Frühstück, das wir doch in der Wasserfallalpe einnehmen mussten, gleich zur Hand hatten und nicht erst bei tiefer Dunkelheit den besprochenen Steg zu passiren hatten.

       Die Aussicht, welche sich uns bei den Alphütten bietet, ist etwas beschränkter, als auf dem jenseitigen Ufer. Die Hohenburg, an deren westlichem Fusse die Alpe steht, versperrt uns den Blick auf das Kleine Wiesbachhorn, den Fochezkopf, die Glockerin und den Grossen Bärenkopf, dagegen tritt hier deutlich die Spitze des Kitzsteinhorns hervor mit dem Hochkammergletscher, dessen Westrand von der Wasserfallalpe aus sichtbar ist, ferner der Grieskogl mit dem Geralgletscher und dem Hochweissfeld. Ein östlicher Ausläufer des Grieskogl, der Birksedlgrat, ist in ungefähr einer Stunde von hier aus leicht zu erreichen; er soll eine vorzügliche Rundschau über das Kaprunerthal und dessen eisige Zinnen bieten. Endlich schliessen das Bild, das uns auf der Wasserfallalpe umrahmt, gegen Norden die in weiter Ferne sich erhebenden Loferer und Leoganger Steinberge.

       Der Abend war herangerückt, allmählich sammelte sich um den Herd eine Schaar von Männern, die müde von ihrem schwerem Tagewerk heimkamen. Jeder wusste zu erzählen, zu klagen. Der "Kühbua" brachte die Nachricht, dass droben auf dem Mooserboden wieder ein grosses Stück vom Gletscher herabgebrochen sei, dass die riesigen Eisblöcke bis zur Thalsohle herabgefallen seien und viel Wiesboden zerschlagen hätten. Der "Schafler" besorgte, seine Unterthanen seien wieder in's Stubach hinübergestiegen. Er wäre ihnen heute gegen den Geralkopf hin nachgegangen, hätte jedoch die Spuren nicht mehr weiter verfolgen können, weil das Gewitter "alles in Rauch" eingehüllt hätte. Er müsse morgen in aller Frühe aufbrechen, um die Vagabunden zu entdecken. Führwahr! Es ist ein schwieriges Geschäft, das solch ein Schafhirte hat, dazu die grosse Verantwortung, wenn der strenge Bauer im Herbste Musterung hält und dann manch theures Haupt fehlt. Beim schlimmsten Wetter, bei grimmiger Kälte und strömendem Regen

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muss der Schafler hinauf auf die tückischen Höhen, seine Heerden zu bewachen.

       Auch der "Schwendtner", der die geringste Charge im Hofstaat des Melkers einnimmt und nur für die Reinlichkeit im Innern des Hauses und für die kleineren Geschäfte zu sorgen hat, war nun mit seinen Geschäften zu Ende gekommen und erbaute sich an dem unverhofften Genuss einer Cuba-Cigarre, die ich ihm geschenkt hatte - ein ungewohnter Genuss für den Gaumen eines Pinzgauer Aelplers. Schliesslich kam auch noch der Kästräger herbei, der arme, geplagte Mann, der am heutigen Tage bereits fünf Zentner von der Wasserfallalpe bis zum Käskeller hinabgeschleppt hatte. Er war still und verschlossen, auf unsere Fragen gab er nur kurze Antworten.

       Jetzt hatte auch der Melker das Abendmahl für seine Genossen aufgetragen, eine riesige Pfanne voll Muss. Wie rasch der Inhalt in den hungernden Mägen verschwand!

       Spät am Abend erschien noch ein Bettler, um ein Stück Butter flehend. Ist der Erwerb auch mühsam, so ist er doch auch einträglich. Nie wird ihm die Bitte versagt; auf ihren Wanderungen von einer Alphütte zur andern sammeln sich diese Leute in ihren blechernen Büchsen eine grosse Menge von Butter und Schmalz.

       Es war entschieden behaglich in der Hütte und wir fühlten uns im Kreise der Senner heimischer, als wenn wir allein drüben in der Rainerhütte uns aufgehalten hätten. Eine stattliche Menge von Thee und Butterbrod erhöhte noch die Annehmlichkeiten unserer Situation.

       Nur ein Malheur kam hinzu. Der Himmel hatte sich in später Nachmittagsstunde mit dichtem Gewölke umzogen, jetzt begann es leise, dann immer stärker auf unser Dach herabzuträufeln. Recht trostreiche Aussichten für morgen, um so mehr, da wir beschlossen hatten, am folgenden Tage unter allen Umständen, wie auch das Wetter sich gestalten würde, unseren Marsch nach Kals auszuführen. Wir fühlten beide eine gewisse Sehnsucht nach dem traulichen Tirolerdörfchen, nach dem gemüthlichen Fremdenstübchen in Johann Groder's gastlichem Hause.

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        Um von der Alphütte zum Heustadel hinüberzukommen, der uns als Nachtquartier zu dienen hatte, hiess es vorerst behutsam den Weg untersuchen. Da der Boden durch den Regen vollständig erweicht war und wir nur mit unseren Hausschuhen den tiefen Schmutz zu durchqueren hatten, so musste vorsichtig von Stein zu Stein gesprungen werden. Hier und da ertönte ein halbunterdrückter Schrei, wenn ein Satz misslungen war und der Fuss in die schmutzige Jauche getaucht wurde. Endlich war auch dieses Schreckniss überwunden und bald lagen wir eingegraben im tiefen Heu.

       Als wir am nächsten Morgen um ½ 3 Uhr unsere Lagerstätte verliessen, da war nur geringe Besserung eingetreten. Zwar fiel kein Regen mehr, aber die Wolken hingen tief, fast bis zur Thalsohle herab. Die Ueberschreitung des Kaprunerthörl's war, wie wir aus der Beschreibung des Orographen Obersten von Sonklar wussten, etwas schwierig, besonders war leicht möglich, die richtige Scharte zu verfehlen, die allein eine gute Passage gewährte. Zudem hatten weder unsere Führer, noch wir jemals den direkten Weg vom Kaprunerthörl zum Stubach Kalser Tauern zurückgelegt. Somit durfte die Ausführung unseres heutigen Unternehmens bei dichtem Nebel immerhin einige Bedenken erregen. Doch wollten wir jedenfalls einmal den Versuch riskiren.

       Rasch war unser Frühstück, bestehend in Thee und in einer grossen Schüssel voll warmer Milchsuppe, eingenommen. Um 3 ½ Uhr traten wir unsere Wanderung an. Ein Fuscher Bauer, der sich zum Führer heranbilden wollte und der zufällig am gestrigen Abend noch in der Wasserfallalpe eingetroffen war, bat, sich uns anschliessen zu dürfen, da er den Weg bis zum Kaprunerthörl gerne kennen lernen möchte. Somit bestand unsere Reisegesellschaft am heutigen Tage aus fünf Personen.

       Vor dem Verlassen der Maierhütte hatten wir mit unserem Melker noch einen kleinen Hader. Der gute Mann, der offenbar zu den unverschämtesten unter seinen Kollegen zu zählen ist, bean-

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spruchte für das wenige, das wir genossen hatten, und für seine Dienstleistung hiebei die Summe von 3 fl. 60 kr. Zu detaillirter Rechnung aufgefordert, brachte er mit grosser Anstrengung, obwohl er hiebei z. B. die Maass Milch zu 20 Kreuzer veranschlagte, nicht mehr als 3 Gulden zusammen. Die letzteren erhielt er, die 60 Kreuzer wurden gestrichen.

       In der Folge beklagte er sich sowohl Fremden als Einheimischen gegenüber über die angebliche Verkürzung, welche er durch uns erlitten hätte. Wir glauben jedoch hiebei vollständig im Rechte gewesen zu sein und können nur beifügen, dass wir alle Fremden vor der Einkehr in der Maierhütte warnen. Hingegen sei die benachbarte Itzbachhütte empfohlen, die uns bei unserem zweiten Besuche des Kaprunerthales zur Unterkunft diente. Der Melker in der letzteren taxirt seine Dienstleistungen keineswegs nach dem Massstabe der rheinischen und holländischen Gasthöfe; er besitzt jetzt auch den Schlüssel zur Rainerhütte, welche der Senner der Maierhütte nach dem mit uns geführten Streite fernerhin noch aufzubewahren sich weigerte.

       Im Zwielichte der Morgendämmerung gingen wir nun an der rechten Seite des Baches aufwärts, zunächst an jenem schönem Wasserfall vorüber, den der vom Hochweissfeld herabkommende Ematbach bildet. Auf einer Brücke setzten wir dann auf das linke Ufer über, um dasselbe bis zum Karlingergletscher nicht mehr zu verlassen.

       Zu unserer Linken hat sich hier die Kaprunerache, in gleicher Weise wie auf der Felsstufe zwischen der Limbergterrasse und dem Stegenfeld ein tiefes Bett ausgewaschen und eilt in schäumenden Kaskaden herab. Der Felsriegel, den wir hier zu überschreiten haben, besteht aus Kalk, Kalkglimmerschiefer und Chloritschiefer. Unser Weg, der jetzt bei Weitem nicht mehr so gut unterhalten ist, wie von Kaprun bis zur Wasserfallalpe, aber demungeachtet auch ohne Führer leicht zu finden ist, zieht sich zur Rechten etwas ausbiegend steil hinan. Gesträuche, besonders Alpenrosen-Stauden, bedecken den Boden. Leider verhinderte uns der Nebel, den prächtigen Rückblick zu geniessen, der

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Diese Aufnahme aus dem Jahre 1911 ist zwar vor den Staumauern am Mooserboden entstanden, doch entspricht sie nicht dem Bild, das sich Johann Stüdl und Karl Hofmann 1867 bot. Das Berghotel Mooserboden im Vordergrund wurde 1899 errichtet. Es versank aber 1954 in den Fluten des Stausees.
Die Prachtvolle Bergkulisse, die in diesem Beitrag beschrieben wurde, wird durch das blaugrüne Wasser des Sees noch unterstrichen und lockt alljährlich tausende Bewunderer an.

sich hier dem Wanderer auf das Kaprunerthal und die jenseits der Salzach aufsteigenden Kalkalpen bietet.

       Vor uns lag jetzt der Mooserboden, jenes gepriesene Prachtgemälde der deutschen Alpen, wo die Natur, wie Ruthner so treffend sagt, aus zwei Bestandtheilen, Fels und Eis, ein Meisterwerk geschaffen. Doch der Nebel liess uns am heutigen Tage nur den Gesammteindruck vermuthen, den hier ein klarer Himmel hervorrufen mag. Zwar war der dichte Schleier etwas lichter geworden, da und dort ragte eine Spitze aus den luftigen Geschieben hervor, doch war es stets nur ein Theil, den wir beschauen konnten.

       Als wir jedoch später im September vom Riffelthor zum Kaprunerthal herniederstiegen, da war ein schöner heller Tag, da trat uns erst die volle Pracht dieses kolossalen Circus vor Augen. Der Mooserboden 6088' 1924m hoch gelegen, ungefähr 7000' lang, 3000' breit, erstreckt sich von der Hohenburg bis zum Karlingergletscher, auch Mooser- oder Kaprunergletscher genannt. Er bildet die vierte Terrasse des schöngegliederten Kaprunerthales. In verschiedenen kleinen Rinnsalen wird er von zahlreichen Bächen durcheilt, den Abflüssen der vielen Eisfelder, die zu ihm herabziehen.

Anmerkung: Siehe dazu die Zeichnung "Der Mooserboden im Kaprunerthale von der Hohenburg" von Johann Stüdl im > Kapitel 18 "Die Hohenburg" Seite 450.

       Die Hohenburg wird in zwei Armen von der jetzigen (Anm. 1868) Kapruner Ache umflossen. Der stärkere Arm, auf der Westseite der letzteren herabkommend, bildet den sogenannten Mooseneingang über Modereck. Es ist der Weg, auf welchem wir heraufgestiegen. Der östlichere Arm dagegen, der den Namen "In Tressen" führt, entsteht durch die Vereinigung des vom Mooserboden herabströmenden Mitterbaches mit den Abflüssen der beiden Wielingergletscher.

       Der Weg zieht sich an den linkseitigen Thalhängen hin, oft an sumpfigen Stellen vorüber, welche zumal nach heftigem Regen unangenehm zu passiren sind. In kurzer Zeit standen wir am Fusse des Karlingergletschers. Das Wetter hatte sich immer günstiger gestaltet, bald brach die Sonne durch das dichte Gewölke und verkündete uns

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rasche Besserung für die folgenden Stunden.

       Zu unserer grössten Ueberraschung sahen wir auch plötzlich die stolze Spitze des Wiesbachhorns, das wie ein rauchender Krater aus dem Nebel sich hervorkämpfte. Als schlanke Eisnadel erschien der Gipfel. Mit unendlicher Freude hingen meine Blicke an dem schönen Berg, im Geiste verlebte ich nochmals die wundervolle Stunde, die ich da droben zugebracht!

       Wir betreten nun den dritten primären Gletscher der Glocknergruppe, den Karlingergletscher. Er besitzt einen Flächenraum von 1,400,000 Quadratklaftern = 5,036,272 Quadratmetern = 504 Hektaren und setzt sich zumeist aus den Firnen zusammen, welche ihm die Hohe Riffel und der Vordere Bärenkopf zusenden. Doch erhält er auch vom Thorkopf und vom Mittleren Bärenkopf Zuflüsse. Zur Rechten zwischen dem Thorkopf und dem Hocheiser zieht sich der Thörlgletscher zum Kaprunerthörl hinan. Ein Arm des Karlingergletschers reicht zu ihm hinab. Es ist höchst wahrscheinlich, dass auch die steile, zwischen den beiden Gleschern liegende Felswand, nördlich von jenem Arme, ehemals übergletschert war.

       Der Karlingergletscher zeigt in seinem unteren Theile nur eine geringe Steigung, 6 - 8 Grad, hingegen hat er in seiner Mitte einen steilen wilden Gletscherbruch; ein Chaos von Eiswänden, Thürmen, Nadeln hat sich dort gebildet, die besonders im Spätherbste, wenn der Schnee abgeschmolzen ist, eine herrliche Färbung des Eises zeigen. Von jenem Absturz bis zum Riffelthor zieht sich, gleichfalls von vielen Klüften durchzogen, das Firnmeer empor.

       Ein prächtiges Gletscherthor hatte sich am Ausgange des Gletschers gebildet, dessen Dicke hier etwa 60 Fuss beträgt. Schäumend brach daraus der Bach hervor, überwölbt von einer grossen, in Blau und Grün funkelnden Eisgrotte. Doch pflegt diese immer gegen Mitte August einzustürzen und erst im September bildet sich dann wieder ein neues, jedoch keineswegs mehr so bedeutendes Gletscherthor.

       Eine eigentliche Endmoräne, einen grossen Ring von Schutt und Felsblöcken, besitzt der Karlinger-

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gletscher nicht. Zwar ist sein Ende stark mit Geröll bedeckt, doch fehlt eine grössere Ablagerung des letzteren.

       Die Sage erzählt, dass der Raum, der jetzt von der Gletscherzunge bedeckt ist, in früherer Zeit eine grosse Wiese war. Als jedoch die Besitzer derselben über ihre Grenzen in Streit geriethen, da sei die Wiese plötzlich verschwunden und mit Eismassen erfüllt worden. Im Volksmunde aber hiessen jene Bauern seither "die Keesschieber." Wenn der Gletscher kracht und dröhnt, was besonders während der Mittagsstunden in den Tagen des Hochsommers der Fall ist, dann sagen die Leute, dass jetzt die Keesschieber wieder miteinander zanken und hadern.

       Zu erwähnen ist noch, dass der Karlingergletscher in der Mitte dieses Jahrhunderts stark im Vorrücken begriffen war. Der Mangel einer Stirnmoräne ist der beste Beweis dieser Thatsache. In den  jüngst verflossenen Jahren dagegen zeigte der Gletscher wieder eine schwache Tendenz zum Zurückweichen. Ganz anders die kleineren, secundären Gletscher der Glocknergruppe, die fast ausnahmslos in rascher Abnahme sich befinden.

       Wir haben die Steigeisen unter die Füsse genommen; zwar ist der Weg nicht im Entferntesten gefährlich zu nennen, doch ist die Hilfe jenes Gletscherkothurns auf glatten Eisflächen gewiss nicht zu verachten. Aber auch eine zweite Vorsicht musste noch gebraucht werden. Stüdl's kranker Fuss machte ein Ausgleiten und Hinabfallen in eine der vielen Spalten, die die Gletscherzunge der Länge nach durchzogen, leicht möglich. Er wurde daher von den beiden Führern sorgsam bei  jedem Schritte bewacht. Es war für meinen Freund gewiss keine angenehme Wanderung, jeder Tritt war schmerzlich; doch ging die Sache beim Aufwärtssteigen noch gut von Statten, schlimmer sollte sich das Uebel erst beim Hinabweg gestalten.

       Am Karlingergletscher finden sich im Verhältniss nur in geringem Masse die interessanten Erscheinungen des Gletschers, Mittelmoränen, Gletschertische, Sandkegel und dergleichen ausgebildet. Dagegen zeigt derselbe die Eigen-

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thümlicbkeit, dass seine Zunge nur schwach von Querspalten durchschnitten ist, während wie bereits angedeutet, eine grosse Anzahl von Längspalten sich in derselben befindet. Wir mussten während unseres Marsches eine Reihe solcher Spalten überspringen. Einen merkwürdigen Anblick bot uns hier ein grosser auf dem Eise liegender Felsblock, umgeben von mehreren kleineren Steintrümmern. Er war noch mit frischen Hasenstücken bedeckt, andere lagen zerstreut umher; der Block war offenbar erst vor wenigen Tagen von der linksseitigen Thalwand abgestürzt.

       Wir hatten unsere Richtung direkt gegen das Kaprunerthörl genommen und kamen jetzt an den Rand jenes Bogens, der mit seiner Ausbuchtung gegen Nordwesten vom Riffelthor zum Mooserboden herniederzieht; die Gesammtrichtung des Karlingergletschers ist nämlich im obern Theile eine nördliche, während sie im untern in eine nordöstliche übergeht. Die Klüfte wurden jetzt etwas bedeutender, sowohl was ihre Anzahl, als auch ihre Grösse betraf. Doch vermochten sie, da der Gletscher schneefrei war, nirgends die geringste Gefahr entgegenzusetzen. Wir hatten uns nicht einmal durch das Seil verbunden, doch wird dies eine wohl zu empfehlende Vorsicht sein, wenn der Gletscher von frischgefallenem Schnee bedeckt und da so manche trügerische Spalte dem Auge verborgen ist.

       Schlimm erging es unserem Begleiter aus dem Fuscherthale, der wegen Mangels an Steigeisen auf der durch den Regen des vorhergehenden Tages schlüpfrigen Fläche alle Augenblicke hinfiel.

       Rechts über uns sahen wir in einer kleinen Mulde eingebettet den Hocheisergletscher, dessen Abfluss über eine hohe Wand herabstürzt. Zur Linken zog beständig das Riffelthor meine Blicke auf sich. Es schien durchaus nicht so schwierig erreichbar zu sein, wie es von Dr. A. v. Ruthner in seinen "Berg- und Gletscherreisen" geschildert wurde. Besonders der Weg an der rechten Seite der Firnfelder war allem Anscheine nach durchaus ungefährlich. Schlimmer mag wohl der Weg gewesen sein,

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auf welchem ein österreichischer Officier, Herr Hermann Heiss, im Jahre 1869 das Riffelthor eroberte. Er brach allein mit Schnell als Führer von der Wurfalpe im Stubachthale auf, erreichte über den Tauermoossee und den Riffelgletscher das Kaprunerthörl und setzte dann seinen Marsch über jenen Arm, mit welchem der Karlingergletscher in den Thörlgletscher einmündet, direkt zum Riffelthore fort. Sie hatten hier einen äusserst steilen Eisbruch zu durchqueren; einmal mussten sie auf einem dünnen, schmalen Eisband, das sich in einer hohen Wölbung über eine unabsehbar tiefe Kluft spannte, ihren tollkühnen Weg verfolgen. Von der Kammhöhe überschritten sie das Firnmeer des Pasterzengletschers seiner ganzen Länge nach und trafen erst bei tiefer Dunkelheit in der Johannishütte ein, wo sie ein elendes Nachtqartier fanden.

       Schnell erzählte uns diese Fahrt, an die er sich mit einem gewissen Missbehagen zu erinnern schien. Allein mit einem Herrn einen unbekannten Weg über wild zerklüftete Gletscher zu unternehmen, das, meinte er, sei gar "a schieches G'spiel." Aber der Hermann, setzte er hinzu, der sei so schneidig gewesen, wie ihm noch kein Herr untergekommen sei. Bei jener Tour, da habe er auch sein Hündchen bei sich gehabt, das hätte aber bald nicht mehr weitergekonnt und da hätte er es in seine Kraxe legen und hinauf tragen müssen. Es sei überhaupt eine der schlimmsten Fahrten gewesen, die er je unternommen. Die Pasterze hätten sie erst so spät am Nachmittag erreicht, dass er ganz sicher geglaubt hätte, sie müssten auf dem Gletscher übernachten. Diese Partie war gewiss ein verwegenes Unternehmen und nach meinem Dafürhalten lässt sich hiebei das Mitnehmen eines einzigen Führers nicht rechtfertigen. Ich bin weit entfernt, gegen kühne Berg- und Gletscherwanderungen mich auszusprechen. Doch sollte nach meiner Ansicht mit dem Muth auch immer Vorsicht verbunden sein, und die letztere gebietet es, bei solchen Hochtouren stets zwei Führer bei sich zu haben. Besser noch zwei geübte Touristen mit einem Führer, als ein Tourist mit

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einem Führer; denn die Gesellschaft sollte bei derartigen Exkursionen doch wenigstens immer aus drei Personen bestehen.

       Wir mussten nun, um vom Karlingergletscher auf den Thörlgletscher zu gelangen, den stark geneigten Randtalus des ersteren herabsteigen und dann die riesigen Schuttwälle überklettern, die sich zwischen den beiden Eisströmen aufgehäuft haben.

       Hier nahm auch unser Begleiter, der Fuscher Bauer, der sich uns angeschlossen hatte, wieder Abschied von uns. Er hatte den Weg bis zum Kaprunerthörl, das uns jetzt nahe vor Augen lag, kennen gelernt und glaubte nun, bei Gelegenheit einen Fremden sicher hinüberführen zu können. Vorher aber machte er noch den Versuch, uns zum Marsche über das Riffelthor nach Heiligenblut zu bewegen. Den Weg, meinte er, würde er noch lieber versuchen, als das Kaprunerthörl. Gerne wäre ich auf seinen Vorschlag eingegangen, doch Freund Stüdl's Fussleiden gestattete nicht, die ohnedem schon hinreichend grosse Anstrengung des heutigen Tages noch zu vermehren. Jedenfalls war diese Unternehmungslust unseres Reisegefährten ein merkwürdiges Ereigniss. Sie stand in grellem Widerspruch mit der sprichwörtlich gewordenen Indolenz unserer Gebirgsbewohner.

       Wie schon erwähnt, besitzt der Thörlgletscher eine sehr starke Stirnmoräne, die wulstartig vor dem Karlingergletscher zusammengeschoben ist. Sonklar behauptet, dass der Thörlgletscher kurz vor dem Karlingergletscher sein Ende findet. Doch liegt die Vermuthung nahe, dass der Eisstrom des ersteren unter dem Schutte dennoch in den letzteren einmünde, wenn auch dem Auge nicht sichtbar. Die Abwesenheit eines grösseren Abflusses, sowie die Thatsache, dass der Thörlgletscher auch weiter oben noch mit dichten Massen von Geröll bedeckt ist, können immerhin zur Unterstützung der ausgesprochenen Vermuthung einiges beitragen. Die Schuttüberlagerung ist so bedeutend, dass man erst nach geraumer Zeit das Eis entdeckt, das darunter verborgen ist.

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       Wir befinden uns jetzt in der sogenannten Wintergasse. Zur rechten haben wir die Abhänge der Grossen und Kleinen Eisers (Eiskogls), deren höchste Spitzen jedoch nicht sichtbar sind, zur Linken schwarze, brüchige Felswände, abwechselnd mit Firnflächen, die vom hocherhobenen Doppelgipfel des Thorkopfs herabziehen. Wir haben hier auch ein für den Geologen interessantes Gebiet betreten. Am Kaprunerthörl und am Thorkopf, dem Beginne des Stubach - Kapruner Scheitelgebirgs, geht nämlich die Venediger Gneismasse, die sich von der Dreiherrnspitze im Westen bis zum Stubachthale im Osten erstreckt, in Glimmerschiefer über. Die Hohe Riffel und der Grosse Kasten, im Centralkamme gelegen, gehören noch der Venediger Gneismasse an; sie sind mit einer Hülle von grünen und grauen Schiefern bedeckt, die auf der Nordseite noch weit stärker als auf der Südseite auftreten. Der ganze Glocknerstock dagegen besteht seinen Hauptkomponenten nach aus Glimmerschiefer und Chloritschiefer.

       Das weiche, morsche Gestein bröckelt sich ausserordentlich leicht von den, den Thörlgletscher einschliessenden Wänden ab und bewirkt dadurch jene grossartige Schuttbedeckung des Gletschers, meines Wissens verhältnissmässig die bedeutendste unter allen Gletschern im Gebiete des Grossglockners.

       Der Marsch durch diese Steintrümmer kann nicht gerade bequem genannt werden. Der Eisstrom ist fast seiner ganzen Länge nach furchenartig von einer Menge kleiner Bäche durchzogen, dazu gewähren die aufliegenden Felsstücke auf ihrer schlüpfrigen Unterlage dem Fusse keinen sichern Tritt; alle Augenblicke kollerte ein Stein uns unter den Füssen weg, so dass wir froh waren, als wir die Firnen endlich betraten, die Anfangs wenig geneigt, im obern Theile jedoch ziemlich steil zum Kaprunerthörl emporziehen. Ein grosser Felsblock wurde hier zum Ruhesitz erkoren. Stüdl holte die Mappe hervor, um eine Zeichnung des Grossen Wiesbachhorns, dass sich uns hier besonders günstig zeigte, anzufertigen.

Anmerkung: Sie sehen hier die Original-Beilage zum Beitrag "Von Kaprun nach Kals" von Karl Hofmann: die Farblithographie von Stüdls Zeichnung des Großen Wiesbachhorns vom Kapruner Thörl aus.

Die Skizze dazu, von der hier die Rede ist, die Stüdl "... auf dem großen Felsblock ..." sitzend angefertigt hat, finden Sie hier: >"Zeichner und Maler / Das Skizzenbuch immer dabei".

Stüdl hat in der kolorierten Zeichnung am unteren Bildrand auch seinen Freund Karl Hofmann mit dem Führer Schnell abgebildet, die "... unterdessen die Wanderung zum Kaprunerthörl fortsetzten ...", weil, wie wie Hofmann bemerkte "... der Aufenthalt Stüdls mir zu lange dauerte ...".

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       Das Wetter hatte sich vollkommen befriedigend gestaltet, fast kein Wölkchen mehr war am Firmament zu erblicken. Da ich jedoch genugsam bereits die Aussicht hier bewundert hatte und der Aufenthalt Stüdl's mir zu lange dauerte, so setzte ich unterdessen unsere Wanderung zum Kaprunerthörl fort. Führer Schnell war mein Begleiter, während Thomele bei Stüdl zurückblieb.

       Auf das Firnfeld, das an den steilsten Stellen kaum dreissig Grad Neigung besass, folgt eine kleine Felspartie, unschwer zu überschreiten, und jetzt hatten wir das Kaprunerthörl erreicht. Von den verschiedenen Scharten, die sich uns boten, waren wir gleich Anfangs auf die am weitesten gegen die rechte, nördliche Seite zu gelegene herausgesteuert; sie war scheinbar die niedrigste, doch bietet sie keinen so guten Abstieg, wie der am weitesten zur Linken, gegen Süden, befindliche Kammeinschnitt.

       Hier lagerten wir uns, doch machten der kalte Wind, der über die Scharte herüberbrauste, und die niedrige Temperatur (+ 5 Grad) es nothwendig, einen möglichst geschützten Sitz aufzusuchen. Es war 8 Uhr, als ich mit Schnell das Thörl erreichte, wir hatten 4 ½ Stunden von der Wasserfallalpe bis hierher gebraucht, doch sind dabei unsere Rasten und unser langsames Marschiren in Anschlag zu bringen. Ein tüchtiger Fussgänger wird ohne Aufenthalt in ungefähr drei Stunden das Thörl erreichen können.

       Letzteres besteht, wie bereits erwähnt, aus einer tiefen Depression des Stubach - Kaprunerkammes zwischen dem Thorkopf und dem Kleinen Eiser; seine Höhe beträgt nach Keil 8464' 2675m, nach Sonklar 8428' 2664m; es hat eine sehr geringe Breite, nur 3 - 4 Fuss und besteht aus mehreren tiefen Scharten. Die Aussicht ist, wenn auch nicht grossartig zu nennen, immerhin sehr dankbar, sowohl der Rückblick auf das Thörl, den Karlingergletscher, den Mooserboden und dessen Umrandung, aus welcher vor Allem das Wiesbachhorn imposant emporragt, als auch gegen Westen, auf den prächtigen Weisssee und die denselben umsäumenden Spitzen der Landeckgruppe. Gegen Norden reicht der Blick nur

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auf eine kurze Strecke zum Stubachthal hinab, die Abhänge des Kleinen Eisers gestatten hier keine weite Fernsicht. Dagegen zog der Süden mit dem oft von tiefen Spalten durchzogenen Eisdom der Hohen Riffel und dem Grossen Riffelgletscher, der von jenem Gipfel zum Tauermoosthale (Oedenwinkelthal) herabzieht, besonders meine Aufmerksamkeit auf sich.

       Die Hohe Riffel war meines Wissens noch eine jungfräuliche Spitze. Da die Ersteigung derselben vom Pasterzengletscher aus im heurigen Jahre jedenfalls unternommen und damit der Abstieg entweder in's Kaprunerthal oder in's Stubachthal verbunden werden sollte, so rekognoscirte ich bereits jetzt den allenfalls hiebei einzuschlagenden Weg. Doch fiel die Untersuchung nicht gerade sehr befriedigend aus, ich überzeugte mich, dass der Weg von jener Spitze hinab über den Riffelgletscher in's Stubachthal nicht eben leicht genannt werden dürfte.

       Während ich durch das Fernrohr aufmerksam die Eishänge der Hohen Riffel musterte, erschütterte plötzlich ein donnerartiges Getöse die Luft. Eine grosse Eislawine hatte sich kurz unter dem Gipfel der letzteren losgelöst und brauste mit Sturmeseile auf die tiefer liegenden Stufen des Riffelgletschers herab, in riesigen Sprüngen eilten ein Paar gewaltige Eisblöcke der Hauptmasse voraus.

       Wie öd das Bild ist, das uns umgibt! Weit und breit keine Spur einer menschlichen Wohnstätte oder eines betretenen Weges, nur ewig starre Stein- und Eiswüsten umlagern uns.

       Als eine im ganzen Gebiete der Hohen Tauern wiederkehrende Eigenthümlichkeit mag hier die Gewohnheit erwähnt werden, dass die Uebergänge über den centralen Hauptkamm durchgehends mit den Namen "Thor" oder "Tauern" bezeichnet werden, während die Pässe über die Nebenkämme "Thörl" genannt werden. Nur in der Venedigergruppe findet sich hievon eine Ausnahme: die Uebergänge aus dem Ober- und Untersulzbachthal in's südliche Iselthal führen den Namen "Thörl", obgleich sie im

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Tauernhauptkamm liegen. Die nun ziemlich häufig auch angewendete Bezeichnung "Scharte" scheint erst seit einigen Jahren Eingang zu finden, die ursprüngliche Nomenklatur war ohne Zweifel nur Thor, respective Thörl. Ein treffendes Beispiel liefert hiezu der Punkt, auf dem wir stehen, das in einen Seitenkamm einschneidende Kaprunerthörl, während der benachbarte Pass vom Karlingergletscher über den Centralkamm auf den Pasterzengletscher den Namen Riffelthor besitzt.

       Nach etwa einer Stunde war auch Stüdl mit Thomele wieder bei uns eingetroffen, doch hatten wir ihnen schon von Weitem zugerufen, sich weiter gegen die linke Seite zu halten, wo ihnen ein bequemer Hinabweg geboten war.

       Ich aber stieg mit Schnell, ohne erst unseren Weg auf jenen südlicher gelegenen Kammeinschnitt zu nehmen, den wir von hier aus leicht in wenigen Minuten hätten erreichen können, direkt zum Riffelgletscher hinab. Es war dies ein durchaus ungefährliches Unternehmen; zwar waren die Felsen im Anfang etwas steil, bald aber folgten Wiesenhänge und Geröll.

       Keinenfalls ist der Weg so schwierig, wie man aus der von Oberst K. v. Sonklar im 3. Jahrbuch (1867) des Oesterreichischen Alpenvereins veröffentlichten Beschreibung desselben anzunehmen geneigt sein könnte. Im Gegentheil überzeugten wir uns, dass die Passage über das Kaprunerthörl mit Unrecht so sehr verrufen sei. Die Schwierigkeiten sind mässig genug, um sogar von einem mittelmässigen Bergsteiger gefahrlos überwunden zu werden; im höchsten Falle darf der Weg von Kaprun nach Kals anstrengend bezeichnet werden, aber auch das nur, wenn man den Marsch in einem Tage zurücklegt. Vertheilt man ihn dagegen auf zwei Tage, so ist selbst dieses Hinderniss gehoben.

       Doch empfiehlt es sich jedenfalls, mit Wein und Proviant sich reichlich zu versehen, denn von der Wasserfallalpe bis zu den Hütten der Dorferalpe im obersten Kalserthale ist auf eine ungefähr achtstündige Strecke keine menschliche Behausung mehr

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anzutreffen.

       Der Marsch von Kaprun nach Kals ist nach meinem Dafürhalten der umgekehrten Richtung vorzuziehen. Die Wanderung im Kaprunerthale aufwärts bis zum Mooserboden bietet eine stete Steigerung der Naturschönheiten, dessgleichen ist der Uebergang vom Kaprunerthörl zum Stubach-Kalser Tauern im Verhältniss zur entgegengesetzten Richtung weit interessanter, denn man nähert sich hier dem Weisssee von der Ostseite, wo er ohne Zweifel den schönsten Anblick gewährt. Der Marsch im Dorferthale abwärts bietet aber kaum mindere Genüsse, als der Weg von Kals in jenem Thale aufwärts zum Stubach-Kalser Tauern.

       Sowohl in Kals als auch in Kaprun ist nun auch für wegkundige Führer gesorgt, in ersterem sind Schnell und Thomas Groder, in letzterem A. Hetz, der wenige Wochen nach uns mit meinem Freunde Th. Trautwein aus München zum erstenmale den direkten Uebergang vom Kaprunerthörl zum Stubach-Kalser Tauern ausführte, als tüchtige Führer zu empfehlen.

       Wenige Minuten, nachdem wir von der Scharte aufgebrochen waren, hatten wir die rechte Seitenmoräne des Riffelgletschers erreicht. Sie ist ziemlich bedeutend, wie denn auch der Riffelgletscher in gleicher Weise wie der Thörlgletscher stark mit Geröll überdeckt ist. Besonders die linke Seitenmoräne und die Stirnmoräne zeigen Schuttablagerungen von ungewöhnlicher Ausdehnung.

       Der Riffelgletscher, den wir nun in der Richtung von Nordost gegen Südwest seiner ganzen Breite nach zu durchqueren hatten, ist nur sehr wenig von Klüften durchzogen. Eine Unzahl von Gletschertischen, oft von hohen hellschimmernden Eissäulen getragen, bedecken denselben und gewähren mit ihrer mannigfaltigen Abwechslung in Grösse und Gestalt ein merkwürdiges Bild. Ich kenne keinen zweiten Eisstrom der Glocknergruppe, der dieses schöne Gletscherphänomen in höherem Grade aufzuweisen hätte.

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       Nach Verlassen des Riffelgletschers, dessen stark entwickelte linke Seitenmoräne mit einiger Anstrengung überklettert werden musste, hatten wir die letzten Ausläufer jenes geringen Seitenkamms zu passiren, der sich von der Hohen Riffel über den Todtenkopf gegen Nordwesten ablöst und den Riffelgletscher vom tiefer liegenden Oedenwinkelgletscher scheidet.

       Auf Keils Karte der Glocknergruppe, die der mehrfach angeführten Ruthner'schen Arbeit beigegeben ist, findet sich der Todtenkopf nördlich von der Hohen Riffel, dagegen ist der von uns als Todtenkopf bezeichnete Gipfel mit dem Namen Thorspitze benannt. Dies ist unrichtig. Die Lage des Todtenkopfs wurde bereits näher erörtert, der nördlich von der Hohen Riffel sich erhebende Berg, ein doppeltgezackter Felsgipfel, vom obersten Kaprunerthale aus sichtbar, heisst Thorkopf, eine Thorspitze existirt nicht. Wir hatten besonders bei unserer im Folgenden zu schildernden Ersteigung der Hohen Riffel Gelegenheit, uns über diesen nur wenig bekannten Theil der Glocknergruppe eingehendere Kenntnisse zu erwerben.

       Bald nach, Ueberschreitung jenes Rückens zwischen dem Riffel- und Oedenwinkelgletscher sahen wir den letzteren zu unseren Füssen liegen. Der Abstieg zu demselben war ziemlich steil, meist über starkgeneigte Wiesen. Zumal für Freund Stüdl war dieser Weg sehr anstrengend; sein Fuss schmerzte ihn beim Abwärtsgehen weit mehr, als beim Emporsteigen.

       Wir sahen jetzt auch den Tauermoossee zu unserer Rechten, er bot von hier aus gesehen keinen besonders günstigen Anblick. Der Weg zu ihm hinab und weiter zur Hohenkamp- und zur Wurfalpe führt an der östlichen Seite des Riffelgletschers entlang und dann entweder auf der rechten oder der linken Seite des Tauermoosbaches abwärts. Doch ist der erstere Weg vorzuziehen, da man sich hier den Uebergang über jenen Balken erspart, auf dem die Ache passirt werden muss, diese primitive Brücke ist bereits oben bei der Beschreibung des Stubachthales geschildert worden.

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       Als ich beim Abstieg zum Oedenwinkelgletscher mich zu weit gegen die rechte Seite hielt, kam ich in ziemlich steile Felspartien, die mühsam überschritten werden mussten. Dagegen fanden Stüdl und die beiden Führer, die mehr nach links ziemlich weit über der Zunge des Oedenwinkelgletschers gewandert waren, einen ganz bequemen Abstieg: so kam es, dass ich erst nach manchem Umweg, als meine Gefährten fast schon in der Mitte des Gletschers waren, am Rande desselben eintraf. Raschen Schrittes holte ich dieselben jedoch nach kurzer Zeit wieder ein.

       Wir hatten den Oedenwinkelgletscher eine starke Viertelstunde vor dessen Ausgang betreten und überschritten nun denselben in der Richtung von Ost nach West. Am linken Ufer desselben angelangt, fanden wir dort blendend weisse quarzige Schieferstücke, die in den Gneissgehängen des Medelz eingelagert waren.

       Es folgte nun wieder ein geringer Anstieg zu jenem Kamme, der sich vom Medelz ablöst und gegen Norden zum Schafbühel zieht. Wir erstiegen denselben, indem wir etwas gegen die rechte Seite ausbogen. Die Höhe dieses Querriegels mag vom Gletscher weg etwa 300 Fuss betragen. Hier wurde nun die zweite grössere Rast gemacht und unserem Proviante wacker zugesprochen. Dazu trafen wir ein köstliches Wasser.

       Doch nur wenige Minuten dauerte das Diner und rasch befand sich wieder Stüdl's Zeichenstift in unermüdlicher Thätigkeit, den Oedenwinkelgletscher und dessen herrliche Umsäumung in die Mappe aufzunehmen. Der hiezu gewählte Standpunkt war ausserordentlich günstig.
Anmerkung: Diese Zeichnung des Oedenwinkelgletschers von Johann Stüdl finden Sie auf Seite 221.
       Vor Allem zog die Untere Oedenwinkelscharte den Blick auf sich, die nun von der Sonne beleuchtet uns weit grösseren Respect einflösste, als vor wenigen Tagen, wo ihre furchtbaren Felswände bei unserer Wanderung über den Oedenwinkelgletscher in tiefem Schatten uns vor Augen lagen. Genau sahen wir den Weg, den wir von hier aus zum Obersten Pasterzengletscher eingeschlagen

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hatten, in der Erinnerung zogen nochmals die peinlichen Stunden an uns vorüber, die wir in jenen wilden Felsabstürzen zugebracht hatten. Ein gewisses Wohlbehagen erfüllte uns hiebei, dass diese Aufgabe gelöst, dass die hiebei ausgestandenen Gefahren nicht zum zweitenmale zu überwinden waren.

       Aber auch die Westseite ist würdig, aufmerksam betrachtet zu werden. Dort funkelt der prächtige Weisssee zu uns herauf, eine Perle der Glocknergruppe. Drei Eisströme ziehen zu ihm hernieder, der Weisssee-, der Sonnblick­ und Granatenkoglgletscher, letzterer mit schön entwickelter Gletscherzunge. Unter den Bergen, die sich am Westrande desselben erheben, zeichnet sich vor Allem der Sonnblick aus 9598' 3 034m Keil. Ihm zur Linken steht nur der dem Tauernhauptkamm angehörige Granatenkogl 10046' 3175m Keil.

       In manchen Jahren soll es auch vorkommen, dass vom Weissseegletscher sich grosse Eisblöcke loslösen, die dann auf der Oberfläche des Sees umherschwimmen. Doch ist dieser Gletscher in jüngster Zeit etwas zurückgewichen, so dass sein Ende nicht mehr bis über den See hinabreicht. Ein grosses Schuttkar ist jetzt blossgelegt oberhalb der gewiss an Tausend Fuss hohen Felswand, mit welcher der Sonnblick gegen den See abfällt, grosse Geröllhalden hat hier der zurückgegangene Gletscher hinterlassen.

       Ich glaubte sogar seit dem Jahre 1867, wo ich zum erstenmale den herrlichen Weisssee gesehen hatte, bis zum Jahre 1869, eine ziemlich bedeutende Abnahme des Sonnblick- und Weissseegletschers bemerkt zu haben. Damals schien mir das Schuttkar am Rande der beiden vereinigten Gletscher noch keine so grosse Ausdehnung zu besitzen, wie jetzt. Vor nicht gar langer Zeit soll auch der von Süden, vom Tauernhauptkamm, herabkommende Granatenkoglgletscher noch seine Gletscherzunge in die eisigen Fluthen des See's getaucht haben.

       Die hier beigegebene Ansicht dieses See's, nach einer Oelskizze von Professor Max Haushofer sen. in München († 1866)

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gefertigt, zeigt uns noch die frühere Ausdehnung dieses Gletschers. Jetzt hat auch dieser etwas an Terrain verloren, doch weist er verhältnissmässig eine geringere Abnahme auf, als der benachbarte Weisssee- und Sonnblickgletscher.

       Weniger interessant als der Weisssee ist der etwas tiefer liegende Grünsee. Er entbehrt die schöne Gletscherumrandung, die der erstere aufzuweisen hat. Bezüglich der Benennung dieses See's herrscht ein buntes Wirrwarr, Keil nennt ihn Schwarzsee, Ruthner Weisssee (offenbar in Verwechslung mit dem eben beschriebenen, südlicher gelegenen See), Ball in seinen Eastern Alps Blausee, Sonklar endlich Grünsee. Die letztere Bezeichnung ist die richtige, sie harmonirt mit dem Namen, der unter den Eingebornen gebräuchlich ist.

       Auf dem Wege vom Weisssee zum Grünsee berührt man die einsame Rauhenwiegalpe, auch Franzosenhütte genannt. Sie bietet ein gleich elendes Unterkommen wie die in dem östlicheren Hauptaste des Stubachthales, im Oedenwinkelthal (Tauermoosthal) gelegene Hohenkampalpe. Als ich im Jahre 1867 auf meinem Marsche von Uttendorf nach Kals an diese Hütte kam, da war sie halb im Verfalle; nicht einmal eine ordentliche Thüre besass sie, womit sie der Melker hätte verschliessen können. Zum Glück befindet sich wenig in diesem traurigen Asyl, was die Habsucht eines Diebes zu reizen vermöchte. Mir aber bot damals die offene Thüre willkommene Gelegenheit, in das Innere der Hütte einzudringen und an den dort vorgefundenen Vorräthen von Gaismilch mich zu ergötzen. Der Melker musste sich mit den ihm als Entschädigung hinterlassenen Silbersechsern begnügen.

       Der Weg längs des Grünsee's führt nicht an der westlichen Seite des letzteren, wie auf Sonklars Karte der Hohen Tauern angegeben ist, sondern an dessen östlicher Seite hinab. Am Nordende des Grünsee muss dessen Abfluss in gleicher Weise wie die Ache im benachbarten Oedenwinkelthal auf einem einfachen Baumstamm übersetzt werden, doch ist diese Brücke bei weitem nicht so hoch, auch nicht so lang wie die letztere,

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dazu bietet der Balken eine breite Fläche.

       Vom Grünsee führt ein schlechter, verwachsener Pfad auf der linken Seite des in zahllosen Kaskaden hinabeilenden Baches in das schöne grüne Thalbecken des Enzingerbodens. Dieser Theil des Stubach- Kalser Tauernweges hat den Namen "Im Winkel". Der Weg vom Enzingerboden, wo sich die beiden Hauptäste des Stubachthales vereinigen, bis zur Hopfbachalpe, führt gleichfalls auf der linken Seite der Ache durch dichte Fichtenforste abwärts. Die Strecke von der Hopfbachalpe bis Uttendorf ist uns dagegen bereits aus früherer Schilderung bekannt.

       Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung, die dadurch ihre Rechtfertigung findet, dass dem Wege von Uttendorf zum Stubach-Kalser Tauern in diesem Buche kein eigenes Kapitel gewidmet werden konnte, auf unser Ruheplätzchen zurück. Freund Stüdl hatte seine Zeichnung vollendet, nach einstündigem Aufenthalte setzten wir unseren Marsch gegen die Tauernhöhe fort.

       Von Zeit zu Zeit einen Blick auf den wunderschönen Weisssee zu unserer Rechten werfend, stiegen wir über grosse Trümmermassen von Gneiss mässig aufwärts. Bald hatten wir den Tauernpfad erreicht, ziemlich weit über dem genannten See, nur eine kurze Strecke unterhalb der Jochhöhe. Die letzte halbe Stunde muss man noch über einen kleinen Gletscher, den sogenannten Stirrain, emporsteigen. Doch ist weder die Neigung bedeutend (Maximum 22 Grad), noch auch ist von Klüften das Mindeste zu besorgen. Kurz vor zwei Uhr endlich hatten wir den Pass erreicht; seine Höhe beträgt 8098' 2560m Keil.

       Die Aussicht ist nicht gerade umfassend zu nennen, aber der Blick einerseits gegen Norden auf den Weisssee und dessen Gletscher, auf die Thalwandungen der Stubache und auf die in der Ferne sichtbare Gruppe der Lofer­ Leoganger Steinberge, anderseits gegen Süden auf die Furche des Dorferthales und dessen Umwallung, endlich auf die

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untere Hälfte des vom Granatenkogl und vom Rothen Kalsertauern herabfliessenden Tauerngletschers bewirkt immerhin einen schönen Gesammteindruck.

       Wer dagegen eine weitere Rundsicht geniessen will, über Glocknerkamm und Landeckgruppe, über Stubachthal und Dorferthal, dem sei der Besuch der nordwestlich von der Jochhöhe sich erhebenden Tauernköpfe empfohlen. Ich habe den ersten derselben, den zunächst des Passes gelegenen 8825' 2789m Keil, im Jahre 1867 erstiegen und war durch die hier sich entfaltende Rundschau sehr befriedigt.

       Wir hatten neben dem einfachen Bildstöckl, das den Uebergang bezeichnet, Platz genommen und blickten mit Vergnügen hinab in das ersehnte Kalserthal. Doch vorerst war uns ein wenig trostreicher Anblick geboten. Ein Chaos von Felstrümmern bedeckte seinen obersten Theil, durch welches ein ziemlich unbequemer Abstieg unser harrte.

       Der Stubach- Kalser Tauern ist von allen regelmässig begangenen Tauernpässen weitaus am anstrengendsten zu überschreiten. Er wird daher auch von Einheimischen nur selten benützt, noch weniger aber von Fremden. Die Zahl der letzteren, welche die Wanderung von Uttendorf nach Kals oder umgekehrt vornehmen, ist nur sehr gering. In früheren Jahrhunderten dagegen soll über denselben ein vielbetretener, gut unterhaltener Saumpfad geführt haben, auf welchem ein grosser Theil des deutsch-italienischen Handelsverkehrs seinen Weg nahm.

       Auch jetzt wäre es ohne übermässigen Kostenaufwand möglich, einen praktikabeln Saumpfad wieder herzustellen. Doch wer sollte sich dessen annehmen? Die Kalser haben nicht einmal genug Mittel, um eine Strasse von Kals bis Huben im Iselthale zu bauen und so eine ordentliche Verbindung mit Lienz und dem Pusterthale zu bewirken, wie sollten sie da an die Verbesserung des Tauernweges denken? Während bei den übrigen Tauernpässen auch im Winter die Kommunikation nicht gänzlich unterbrochen bleibt, wird der Stubach-Kalser Tauern im Winter gewöhn-

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lich nur einmal überschritten. Es ist dies alljährlich zu Lichtmess, zu welcher Zeit immer ungefähr zwanzig Bewohner des Kalserthales auf einige Monate ihre Heimath verlassen, um jenseits der Tauern in Kitzbühel, Wörgl und im Unterinnthal als Weber ihren Unterhalt zu erwerben. Tag und Stunde des Abmarsches werden vorher angesagt; dann treffen die Auswanderer am Morgen des Reisetages bei den höchst gelegenen Höfen des Kalserthales, Spöttling und Tauererbauer, zusammen. Noch tief in der Nacht wird ihnen vor ihrem gefahrvollem Gange eine Messe gelesen, gegen vier Uhr Morgens erfolgt dann regelmässig der Aufbruch.

       In langer Reihe, der nächstfolgende stets in den Fussstapfen seines Vormanns eintretend, legen sie den Weg zuriick. Die schwierigste Aufgabe obliegt dem Voranschreitenden, zumal wenn der Schnee tief und weich ist. Nur kurze Zeit ist es dann möglich, an der Spitze des Zuges zu marschiren, denn das Waten in den ungeheuern Schneemassen ist äusserst beschwerlich. Ist die Kraft des Ersten erschöpft, so tritt er an die Seite, lässt die Kolonne an sich vorüberziehen und schliesst sich dann als der letzte im Zuge wieder an. Es ist dieselbe Art des Vorgehens, wie sie die Knappen des Rauriser Goldbergwerkes zu beobachten pflegen, wenn sie aus ihren Dörfern Rauris und Döllach nach kaum eintägiger Ruhe allwöchentlich zum Schauplatz ihrer mühevollen Arbeit neuerdings emporsteigen.

       Doch so gefahrdrohend auch ein solcher Tauernübergang im Winter ist, wenn sich Lawinen von den steilen Hängen ablösen, wenn ein Schneesturm einfällt, der es kaum gestattet, auf einen Schritt weit zu sehen, so leicht ist derselbe, wenn der Schnee fest gefroren ist. Mit geringerem Aufwand von Zeit und Mühe gelangen dann die Auswanderer in das jenseitige Salzachthal, als im Sommer, wo statt der sanften Schneeflächen Massen von Schutt und Geröll überschritten werden müssen. Bis Ende Juni und Anfang Juli kehren die Weber einzeln in ihre Heimath wieder zurück, ein jeder etwa 30-40 Gulden zurückgelegtes

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Geld mit sich bringend. Gleich den Italienern, die schaarenweise jenseits der Alpen, besonders in Baiern, als Arbeiter und Taglöhner sich aufhalten und dort den grössten Entbehrungen sich aussetzen, um möglichst viel "Erspartes" nach Hause senden zu können, so leben auch diese Kalser während der Monate, die sie in der Fremde zubringen, unendlich genügsam, um ein entsprechendes Sümmchen über den Tauern zurücktragen zu können.

       Bevor wir in das Kalserthal hinabsteigen, wollen wir noch einen kurzen Rückblick auf die verschiedenen Wege werfen, welche wir aus dem Salzachthal einschlagen können, um den Stubach-Kalser Tauern zu erreichen. Der eine, über den wir heraufgewandert sind, durch das Kaprunerthal und über das Kaprunerthörl empfiehlt sich ohne Zweifel für den geübten Touristen am meisten; er lehrt zugleich den schönsten Theil des Stubachthales und das ganze Kaprunerthal kennen, sowie drei interessante Gletscher der Glocknergruppe, Karlinger-, Thörl- und Riffelgletscher. Die Entfernungen, wenn man den Massstab eines rüstigen Gehers anlegt, sind: Von Kaprun bis zur Stegenfeldbrücke 2, von da bis zur Wasserfallalpe 2, weiter bis zum Kaprunerthörl 3, und von hier bis zum Stubach- Kalsertauern abermals 3 Stunden. Rechnet man hiezu den Weg von der Tauernhöhe bis nach Kals nahe an 5 Stunden, so ergibt sich von Kaprun bis Kals in Summa 15 Stunden, ohne Einrechnung der nöthigen Rasten, immerhin ein sehr anstrengender Tagmarsch.

       Dagegen gestaltet sich das Zahlenverhältniss zur Wanderung durch das Stubachthal kaum minder günstig: Von Uttendorf nach Vellern 2, zur Hopfbachalpe 1, von hier durch das Wasserfallthal zum Grünsee 1 ¾, zum Weisssee 1 ¼; zur Passhöhe 1 Stunde, somit im Ganzen von Uttendorf bis Kals 12 Stunden. Durch den östlicheren Hauptast dagegen, das Tauermoos- oder Oedenwinkelthal, durch welches der alte Tauernweg führte: Von Uttendorf zur Hopfbachalpe 3, zur Wurfalpe 1, zur Hohenkampalpe 1, zum Tauermoossee ½, zum Weisssee 1 ½, zur

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Tauernhöhe 1 Stunde, in Summa 13 Stunden. Der Weg von Kals bis zum Salzachthale erfordert also allenthalben mindestens einen Tag rüstiger Wanderung.

       Doch wir wollen jetzt aufbrechen, um zu dem schon oft erwähnten Kals hinabzusteigen, zu jenem Dörfchen, das für uns eine so grosse Anziehungskraft besass!

       Der frühen Jahreszeit und auch des starken Schneefalles halber, der vor wenigen Wochen stattgefunden hatte, trafen wir zunächst des Tauern noch mehrere grosse Schneefelder, über welche wir rasch abfahren konnten. Im September jedoch, besonders nach heissen Sommern, sind dieselben fast gänzlich verschwunden. Es folgten nun grosse Massen von Geröll, die mühsam überschritten werden mussten. Kaum waren die Spuren eines Pfades zu erkennen.

       Bald unter der Jochhöhe, der Wasserscheide zwischen Salalzach und Drau, übersieht man den Tauerngletscher seiner ganzen Ausdehnung nach, dessgleichen den Bärenkopfgletscher; insbesondere zeigt der erstere eine schöne Färbung des Eises. Die Abflüsse dieser beiden Gletscher füllen den Dorfersee, den wir eine starke Stunde nach unserem Aufbruch vom Stubach-Kalser Tauern erreichten. Er ist nicht so hübsch, wie der Weisssee im Stubachthale, doch kann er, wenn man ihn von seinem Nordende aus betrachtet, den Vergleieh mit dem Grünsee wohl aufnehmen.

       Einige interessante Felspartien umgeben ihn, die Trümmer eines Bergsturzes, ein grosser Block taucht hier seine Westseite hinab in die grünen Fluthen, lasst uns bis zum Rande dieses Felsblockes vorgehen und einen letzten Blick werfen auf die Tauernköpfe, auf den Granatenkogl , den Rothen Kalsertauern, den Bärenkopf und die von jenen meist über 10,000 Fuss hohen Gipfeln herabfliessenden Gletscher. Noch überwölben grosse Schneebrücken die Bäche, die von jenen Gletschern dem Dorfersee zueilen, wie aus einer Höhle brechen die schäumenden Fluthen hervor aus den Resten jener riesigen Lawinen, die da im Frühjahre immer ihren Weg hinab in's Thal nehmen. Der Abfluss des Dorfersee's

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ist dem Auge nicht sichtbar, er verschwindet unter dem Gerölle.

       Der steilste Abstieg war nun überwunden, eine fast ebene Strecke sollte nun kommen, erfüllt von einem Meer von Gneisstrümmern, die einst in gewaltigem Sturze von der linken Thalwand sich ablösten und die Thaisohle bedeckten. Schon auf der alten Anich'schen Karte von Tirol finden sich diese Geröllmassen verzeichnet. Bald traten uns auch zum erstenmale am heutigen Tage einzelne Baumgruppen vor Augen, zum erstenmale wanderten wir wieder auf schönem, ebenem Wiesenplan. Hoch oben an der linken Thalwand sind der Laperwitz- und der Frusnitzgletscher sichtbar, auf der rechten Seite der Luckengletscher, Grödöz­ und Muntanizgletscher. Unter diesen zeichnet sich zumeist der Frusnitzgletscher aus, der mehrere tausend Fuss über der Thalsohle in thurmhohen blauen Eiswänden abbricht.

       Im ersten Augenblick fallen uns hier sogleich die fremdländischen Bezeichnungen auf, der häufige Ausgang der Wörter auf itz, die merkwürdigen Wortformationen wie Grödöz und Muntaniz, vollends aber Namen wie Golomizíl, Wolitíschnitz, Górnetschamp, Spinawidról, Ganáz, Rumesoi, Gánimez u. s. f. Es sind befremdende Laute. Doch gibt uns die Geschichte den Schlüssel hiezu. Am Ende des 7., und Anfang des 8. Jahrhunderts wanderten in das Salzachthal slavische Stämme ein und drangen durch die Seitenthäler des letzteren über die Centralkette bis in die südlichen Tauernthäler vor. Sie scheinen hier sogar in grösserer Menge sich niedergelassen zu haben, als in den nördlichen Thälern. Doch verschmolzen sie sich rasch mit den Ureinwohnern, dem an den Thoren (Tauern) wohnenden Volke der Taurisker, die wahrscheinlich keltische Stämme waren; nur in den zahlreichen slavischen Ortsnamen lebt noch die Erinnerung an jene Einwanderung fort. Am deutlichsten zeigt sich uns dies in den beiden Wörtern Windisch-Matrei (Wenden) im Iselthale und Böheim - Eben (Böhmen) im Kalserthale.

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       Wir haben die Dorfer Eben erreicht,

Fussnote:
Die einzelnen Theile jener Terrasse des Dorferthales, die mit Alphütten besetzt ist, führen verschiedene Namen; sie werden "Eben" genannt, so heisst die oberste Strecke Böheim Eben, die unterste Maier Eben, die ganze Terrasse wird als Dorfer Eben bezeichnet.

zerstreut liegen die zahlreichen Hütten der Dorferalpe umher, gegen fünfzig an der Zahl. Zu unserer Rechten eilt der Stotzbach, der Abfluss des Luckengletschers, in mehrere Hundert Fuss hohem Satze herab zum Dorferbach. Er zeigte sich jetzt in später Nachmittagsstunde besonders schön, da er eine reiche Wasserfülle besass.

       Führer Schnell liess es sich nicht nehmen, uns in eine der Alphütten zu führen, wo seine Schwester als Sennerin sich aufhielt. Wie herzlich wir da empfangen wurden! Alle Kleinigkeiten, die in der Vorrathskammer der Hütte zu finden waren, wurden herbeigeschafft. Und als wir kräftig der köstlichen Milch zusetzten und ein Butterbrod nach dem andern in unserem Magen verschwand, da zeigte das Mädchen eine ungeheure Freude, dass es uns so trefflich schmeckte. Vergebens versuchten wir es, sie zum Abschied zur Annahme einer Gegengabe zu  bewegen. So musste denn ein herzliches Wort des Dankes ihren ganzen Lohn bilden. Wie uns die liebenswürdige Aufnahme, die frenndlichen Grüsse der biederen Leute anheimelten! Welch ein Unterschied zwischen dem mürrischen Benehmen der Pinzgauer und dem offenen, einnehmenden Wesen der Pusterthaler! Schon der Umstand, dass hier meist Sennerinnen, nicht mehr griesgrämige Melker die Alphütten bewohnen, macht einen wohlthuenden Eindruck.

       Bald nach unserem Aufbruch von der Dorferalpe wurde uns eine freudige Ueberraschung. Ein Freund Stüdl's, Herr Victor Hecht aus Prag, der vor Kurzem eine wohlgelungene Glocknerfahrt unternommen hatte, war, von dem unbestimmten Bewusstsein getrieben, dass wir heute ganz sicher über den Tauern kommen würden, eine weite

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Strecke uns entgegengewandert. Gemeinsam mit dem lieben Gefährten setzten wir nun unseren Weg nach Kals fort.

       Drei Stunden nach Verlassen des Stubach-Kalser Tauern hatten wir die sogenannte Stiege erreicht. Hier hat sich die Ache zu unserer Rechten eine tiefe, von senkrechten Felsenmauern eingeschlossene Schlucht ausgehöhlt, der Weg zieht etwa 600-800 Fuss an der linken Thalseite empor. Eine gute halbe Stunde müssen wir hier noch bergan steigen, harte Probe für die nun ermatteten Glieder.

       Doch lohnt uns für die aufgewendete Mühe ein prächtiger Rückblick auf das Dorferthal, das mit seiner wilden, einförmigen Umgebung bis zu seinem Ursprung sichtbar ist. Zur Rechten steigen über weite Schuttkare der Medelz und der Grosse Kasten empor, dessen Fuss der ausgeaperte Kastengletscher umgibt; eine kolossale Seiten- und Stirnmoräne zeigt uns der letztere, er ist seit einigen Jahrzehnten auffallend stark zurückgewichen.

       Auf der Höhe angelangt, entfaltet sich uns ein wundervoller Blick auf die grünen Gefilde des Kalserthales. Da drunten liegt Kals, das reizende Dörfchen, mit seinen kleinen Häusern, die sich gar traut an die freundliche Kirche anschmiegen. Ueber dem Thale aber, da erheben sich die Gipfel der Schobergruppe, vor Allem der eisbelastete Hochschober selbst mit seinen tiefbegletscherten Nachbarn. Genau wurde der Bursche in Augenschein genommen, wo er wohl am leichtesten gepackt werden könnte. Ich dachte schon in den nächsten Tagen an seine Ersteigung mich zu machen. In weiter Ferne endlich, im Südwesten, ragen in blauen Duft gehüllt die Berge jenseits des Iselthales empor.

       Nur kurze Zeit währte hier die Rast, es drängte uns, nach Kals hinabzukommen; aber es ist noch eine weite Strecke, die uns von unserem Ziele trennt. So nahe auch es uns zu winken scheint, so haben wir doch fast 1 ½ Stunden noch zurückzulegen. In ermüdendem Zickzack führt der Weg hinab. Doch auch diese letzte Arbeit sollte bald überwunden sein. Schon sind uns die Höfe

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des Spöttling und der Tauererbauern im Rücken, wir haben den Thalkessel erreicht, in dem die Häuser von Kals sich ausbreiten.

       Es ist Abend, bereits ist die Sonne untergegangen, die Leute kehren heim von ihrem Tagewerk, überall wird uns ein herzliches Willkommen entgegengerufen. Es war ja ihr Wohlthäter, Freund Stüdl, der "Glocknerherr", wie er seit Erbauung der Hütte auf der Vanitscharte und seit Herstellung des neuen Glocknerweges im Thale heisst. Jetzt kam uns auch Freund Lercher entgegen, der treffliche Pfarrherr von Kals. Wie kräftige Händedrücke da gewechselt wurden, wie viel es zu fragen und zu erzählen gab! Bei tiefer Dämmerung trafen wir endlich in dem Groder'schen Gasthause ein, nicht minder herzlich empfangen vom Wirthe und seinen wackeren Brüdern.

       Es war uns, als wären wir in eine zweite Heimath eingezogen!

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              "Kals" (J. Stüdl)