Wanderungen 5

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       Wenn einem Touristen auf seinen Wanderungen im Hochlande ein Unfall begegnet und er hiedurch gezwungen wird, an einem Orte des Gebirgs längere Zeit zu verweilen, so ist es gewiss nicht gleichgültig, wo er die Tage seiner Reconvalescenz zubringen muss. Wie verzweifelt ist die Situation, wenn man z. B. an, eine elende Sennhütte festgebannt, auf die primitivste Hilfe angewiesen ist, um die Besserung des Leidens abzuwarten. Herzlich froh war ich daher, als endlich das traute Kals, wenn auch mit einiger Mühe und unter nicht unbedeutenden Schmerzen erreicht war, wo ich der aufmerksamsten Pflege meines leidenden Fusses versichert sein konnte.

       Doch will ich sie nicht erst aufzählen all die Beweise der zärtlichsten Sorge von Seiten der Wirthsleute Groder, der liebevollsten Theilnahme der gesammten Führerschaft und vieler Bewohner von Kals, sondern vielmehr die Zeit benützen, um den Leser mit dem Orte und dessen Bewohnern bekannt zu machen.

       Das Dörfchen Kals, nach Keil 4145' 1279m hoch gelegen, war bis in die jüngste Zeit beinahe ein gänzlich unbekannter Ort. Diess darf uns jedoch nicht wundern, sind ja viele andere, weit leichter zugänglichere, weit schönere und grossartigere Thäler unserer Alpen bis auf den heutigen Tag beinahe unbesucht, umsomehr denn Kals, das zwar eine reizende Lage mitten in den herrlichen Alpenscenerien hat, jedoch ringsum von hohen Bergen eingeschlossen ist, über welche meist nur Pässe von 7-8000' Höhe den Zugang vermitteln, während auch die Thalsohle bis heute noch nicht jene bequeme Verbindung mit der Poststrasse bietet, wie es im Interesse der Bewohner und der Touristen zu wün-

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schen wäre. Es ist daher leicht erklärlich, dass ein von der Aussenwelt so abgeschlossener, schwer zu erreichender Ort, trotz der Grossartigkeit der Natur, trotz seiner malerischen Lage so lange Zeit hindurch den Touristen unbekannt blieb.

       Erst die Entdeckung, dass der Grossglockner auch von Kals aus erstiegen werden könne, liess dieses mehr in den Vordergrund treten. Die Zunahme des Fremdenzuges nach jenem Dörfchen ist und bleibt mit der Geschichte der Glocknerfahrten innig verknüpft. Mit der grösseren Zugänglichkeit dieses Berges von der Südseite aus nahm auch der Fremdenbesuch einen raschen Aufschwung. Noch im Jahre 1868 kamen kaum 50 Touristen nach Kals, während in den vorigen Jahren 1869 und 1870 die Zahl derselben auf je 200 stieg, worunter namentlich sehr viele Engländer sich befanden.

       Die zur Gemeinde Kals gehörigen Häuser sind im ganzen Thal zerstreut, meist in einzelnen Gruppen beisammen; sie werden Rotten genannt. Im Ganzen zählt die Gemeinde an 2000 Seelen, die in 9 Rotten und 156 Häusern vertheilt sind; die meisten davon besitzt das Grossdorf nordwestlich von Kals. Beide Orte befinden sich in der grössten Erweiterung des Thales, umgeben von Feldern und Wiesen, an welchen sich meist wohl erhaltene Forste anschliessen; prachtvolle Bergformen ragen über die letzteren empor.

       Haben wir die höchstgelegenen Bauernhäuser des Kalserthales, nämlich den Tauerer und Spätling - (nicht Spöttling wie Sonklar angibt, jene Bezeichnung hat in dem späteren Reifen des Getreides ihren Ursprung) 4777' 1510m Sonklar - hinter uns, so blickt uns bald der schlanke Kirchthurm mit der weissgetünchten weithin sichtbaren Kirche entgegen. Zwischen Wiesen und Feldern, schliesslich am Rande des hohen Bachufers schlängelt sich der Weg dahin; bald betreten wir den Ort selbst.

Dieser befindet sich an dem Vereinigungspunkte des Kalser- und des Bergerbaches, die sich beide ein tiefes

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Bett gegraben, so dass der Ort selbst ziemlich hoch über dem Niveau des Baches liegt.

       Die Kirche steht in Mitten des Gottesackers, wie es zum grössten Theile in den Gebirgsdörfern üblich ist. Gegenüber der Kirche fällt uns unter den meist hölzernen Bauernhäusern ein nett und sauber gehaltenes Steingebäude auf. Es ist dies das obere Wirthshaus, dessen Besitzer der wohlhabendste Bauer des ganzen Kalserthales ist. Dieser letztere Umstand mag es auch erklären, dass derselbe auf die Einkehr der Touristen weniger Werth legt und nichts zu ihrer Bequemlichkeit thut.

       Hinter dem Wirthshause befindet sich die stattliche Pfarrwohnung, in welcher der allverehrte Pfarrer Herr Lercher waltet, - ein Mann, der gewiss allen Besuchern von Kals im freundlichsten Andenken steht. Nicht minder beliebt ist Herr Cooperator Stocker, der mit seinem offenen jovialen Wesen jedes Herz für sich gewinnt. Diese beiden Männer sind die unermüdlichsten und erfahrensten Rathgeber, die liebenswürdigsten Gesellschafter der Touristen, unverdrossene Dollmetscher zwischen letzteren und den Kalsern, deren schwierig zu verstehender Dialekt schon zu so manchen mehr oder minder ergötzlichen Missverständnissen geführt hat. Der nächste Weg, um hinab zum unteren Wirthshause zu gelangen, führt uns entweder der Kirchhofmauer entlang, oder noch kürzer durch den wohlgepflegten Kirchhof selbst und sodann ziemlich steil über einen sehr schlecht gepflasterten Weg hinab, zu den tiefer gelegenen Häusern, von denen das letzte des Ortes dem "Glocknerwirthe" Johann Groder gehört.

Diese Slizze des Unteren Wirths (Glocknerwirth) in Kals von Johann Stüdl entspricht insoferne nicht ganz seiner Beschreibung, als die Farben fehlen. Stüdl hat sich jedoch am unteren Bildrand, - teilweise auch im Bild selbst - Notizen bezüglich der Farben gemacht. Die Skizze ist dem original Text nicht beigegeben. Sie stammt aus Stüdls Skizzenbuch von 1868 /1869 (Im Besitz von Familie Lindinger/Klein) und wurde zur besseren Übersicht bei der Beschreibung des Hauses in die Homepage eingefügt.

       Schon der Kegelplan vor dem Hause kündigt uns an, dass wir uns in der Nähe einer Stätte befinden, wo wir gastlich aufgenommen werden. Das Haus selbst hat einen steinernen Unterbau, über dem sich zwei Stockwerk hoch das Holzgebäude erhebt; das dunkelbraune Gebälke sowie die zwei übereinander befindlichen Gallerien geben dem ganzen Gebäude etwas Malerisches. An der Südseite befindet sich ein nettes kleines Gärt-

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chen mit zierlichen Stauden und so manchem hübschen Pflänzchen.

       Hannes (statt Johann) der Wirth hat es sich nicht nehmen lassen, auch ein Schild aufzuhängen, das in seinem oberen Theile den Glockner aus Holz geschnitzt und mit den entsprechenden Farben bestrichen darstellt , während der untere Theil den Namen des Wirthes mit der Bezeichnung "Glocknerwirth" enthält. Allenthalben blicken uns aus den Fenstern sorgsam gepflegte Blumenstöcke entgegen, ein Beweis, dass da sinnige Frauenhände walten.

       Doch wir wollen eintreten. Kaum hat man unsere Bergstöcke klappern hören, so ist auch die Frau Wirthin da mit ihrem breitkrämpigen niederen Hütchen. Ein treuherziges "Grüss Gott" tönt uns entgegen. Die Art und Weise, wie uns dieser Gruss geboten wird, lässt sofort erkennen, das uns da kein erkünsteltes, kein spekulatives, sondern ein aus der Seele, aus vollem Herzen kommendes Willkomm entgegengebracht wird, und schon im ersten Augenblick fühlt sich jeder hier heimisch. Hinterdrein kommt gewöhnlich Hannes, der uns in seiner ungelenken aber biederen Weise empfängt, das Gepäck abnimmt und uns in eines der Zimmer führt, die zwar einfach eingerichtet sind, aber bescheidenen Ansprüchen vollständig genügen.

       So sauber und nett stets die Wirthin erscheint, so wenig sieht Hannes auf sein Aeusseres. Die Feldarbeit lässt ihm keine Zeit, immer auf seine Toilette bedacht zu sein, und so sehen wir ihn meist in einem nichts weniger als eleganten Anzuge. Gewöhnlich in Hemdärmeln, seinen lichtgrauen Filzhut von schwer zu beschreibender Form etwas zurückgeschoben, seine Haare in stetem Konflikte mit der neuesten Mode, meist auch seine blaue Arbeitsschürze umgebunden, präsentirt sich Hannes den Neuankommenden und streckt mit herzgewinnender Freundlichkeit seine schwielige Rechte entgegen.

       Nachdem wir es uns in dem freundlichen Stübchen behaglich gemacht, der schweren Bergschuhe uns entledigt, steigen wir hinab in das zu ebener Erde gelegene, seit dem Jahre 1868 neu hergerichtete Extrastübchen. Dank dem

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Oesterreichischen Alpenverein sind dessen Wände durch die Blätter des Pernhart'schen Glockner-Panorama's geschmückt. Dessgleichen hat der genannte Verein die Kalser zu grossem Danke verpflichtet, indem derselbe ihnen 5 Bände seiner Publikationen schenkte und dadurch einen bedeutenden Zuschuss leistete zu einer ansehnlichen Sammlung von alpinen Werken, die durch mehrere Alpenfreunde angelegt wurde und welche auch der Deutsche Alpenverein durch Einsendung seiner Zeitschrift bereichert. Ebenso ist für die besten Specialkarten gesorgt, die theils eingerahmt an den Wänden hängen, theils zur Benützung der Führer bei Exkursionen angeschafft wurden. Dadurch haben nicht nur die Kalser Führer, sondern auch die Touristen eine interessante Lektüre und sind die Regentage in Kals gar nicht so unangenehm, als so Mancher vermuthen dürfte.

       Dessgleichen wird das Studium des Fremdenbuches manche angenehme Stunde bereiten. Gegen Abend meist zur Zeit der Dämmerung stellen sich die beiden geistlichen Herren auf ein Glas Bier ein, ebenso der eine oder der andere Führer. Wenn uns da überall am langen Tische so zufriedene, fröhliche Gesichter entgegenblicken, da fühlt man sich so recht heimisch, - rasch könnte man vergessen, dass man viele viele Meilen von der Heimath entfernt ist.

       Man fühlt es, dass hier ein biederes, treuherziges Volk wohnt, offen, gerade, ohne jegliche Ankränkelung der Raffinirtheit und des industriösen Ausbeutens der Fremden. Ein durch und durch ehrliches unverdorbenes Völklein ist es, in dessen Mitte wir uns befinden, das zugleich auch den schönsten Menschenschlag von ganz Tirol repräsentirt. Kräftige hohe Gestalten mit echt germanischem Typus, blauen Augen, meist blonden Haaren und schönem Profil. Ein blonder Vollbart umrahmt ein edles Gesicht, das einen noch weit besseren Eindruck auf den Fremden machen würde, wenn die Kalser der Sitte entsagen wollten, sich das Haupthaar in die Stirne herabzukämmen.

       Ganz eigenthümlich ist die Kopfbedeckung derselben,

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welche aus einem sehr breitkrämpigen, nach oben sich verengenden Hute besteht, wie ja diese Form im Pusterthale allenthalben vorkommt. Die Kleidung besteht aus grauen oder braunen Lodenjoppen, die mitunter, namentlich beim Sonntagsanzuge, mit schwarzen Sammtaufschlägen besetzt sind. Einige tragen, vorzüglich an Sonn- und Feiertagen schwarze Kniehosen und hiezu weisse oder blaue Strümpfe, oft auch graue Tuchhosen, welche bis zur Hälfte der Waden hinabreichen.

       Der weibliche Theil der Bevölkerung kleidet sich meist in dunkle Farben, nur das Halstuch ist häufig von hellem rothen Seidenstoff. Auch bei diesen fehlen die breitkrämpigen Hüte nicht. Bei den Wohlhabenderen sind dieselben auf der inneren Seite der Krempe mit Goldborten verziert. Findet man je eine andere Kopfbedeckung unter ihnen, so kann man versichert sein, dass die Trägerinnen derselben aus einem anderen Thale stammen, entweder hier auf Besuch oder in Kals bedienstet sind. So finden wir in dieser Beziehung einen auffallenden Kontrast zu dem benachbarten Defereggenthal, wo der weibliche Theil der Bewohner kleine schmalkrämpige Filzhüte trägt, die wie eine Schüssel über den Kopf gestülpt erscheinen. Hier unterscheiden sich die Bewohner ganz naheliegender Thäler oft sehr wesentlich durch ihre Tracht, namentlich durch ihre Kopfbedeckung.

       Die Kalser sind ein emsiges arbeitsames und in ihren Ansprüchen an das Leben äusserst bescheidenes und genügsames Völkchen. Sie wissen mit dem meist sauer Erworbenen vortrefflich hauszuhalten; daher kommt es, dass sich sämmtliche eines gewissen Wohlstandes erfreuen. Das ganze Kalserthal wird unter den Einheimischen kaum einen Bettler aufzuweisen haben. Ein hoher Grad von Frömmigkeit ist den Kalsern eigen, so dass es schwerlich dem Touristen gelingen würde, einen oder den anderen Führer am Sonntage vor gehörter Messe zu irgend einer Bergpartie zu überreden. Mancher fühlt sein Gewissen schon dadurch belastet, wenn er den Nachmittagsgottesdienst versäumt hat.

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       Von lärmenden Vergnügungen, von Tanz- und Trinkgelagen sind die Kalser keine grossen Freunde, sie leben äusserst mässig. Nur bei Hochzeiten wird ein Tänzchen gemacht, das bereits um 8 Uhr Abends seinen Abschluss findet. Eine so solide Lebensweise bewirkt auch ein hohes Alter und in der That finden wir hier oft Leute, die das 70. und 80. Jahr überschritten haben und noch ganz gesund und kräftig den häuslichen Verrichtungen und den Arbeiten auf dem Felde nachgehen können. Unter den erwachsenen Verstorbenen war in den letzten Jahren der jüngste ein 70jähriges Weib!

       Ebenso mässig sind die Kalser im Genusse von Getränken. An Sonn- und Feiertagen, deren letztere es in Tirol leider noch eine gewaltige Menge gibt, pflegen die Dorfinsassen nach dem Früh- und Nachmittagsgottesdienst auf ein Gläschen rothen Tirolerweines beim unteren Wirthe vorzusprechen. Wohl geht es da recht lebhaft und lustig zu, doch kommen Fälle von Trunkenheit fast nie vor; um die zehnte Abendstunde ist das Wirthshaus leer. Geschieht es je einmal, dass bis Mitternacht gezecht wird, so pflegen es Leute aus den benachbarten Thälern zu sein, die hieher auf Besuch gekommen und sich gütlich thun wollen.

       Unter solchen Umständen können auch hier, wie an vielen Orten Tirols die Wirthshäuser von dem, was daselbst verzehrt wird, nicht bestehen, wenn nicht der eigentliche Erwerbszweig, Ackerbau und Viehzucht, die Grundlage ihrer Existenz bilden würde. Im Sommer pflegt das Untere, im Winter meist das Obere Wirthshaus von den Einheimischen besucht zu werden, weil es in der letztgenannten Jahreszeit beinahe gefährlich ist, ohne Steigeisen über den steilen beeisten Weg von der Kirche zum Unteren Wirth zu gelangen.

       In der wärmeren Jahreszeit beginnen die Hauptvergnügungen der Kalser und zwar das Kegelschieben und das Scheibenschiessen, ersteres an jedem Sonn- und Feiertag Nachmittags vor dem Unteren Wirthshause, das letztere nur dann, wenn ein "Best" auszuschiessen ist.

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        Den grössten Werth legen fast alle Bewohner der Alpen und so auch die Kalser auf das Scheibenschiessen. Im Jahre 1869 baute der Glocknerwirth in der Nähe des Wirthshauses einen recht netten Schiessstand, aus dessen Fenster auf 2 am jenseitigen Bachufer, an der Berglehne befindliche Scheiben geschossen wird. Da sehen wir bei solchen Gelegenheiten die verschiedenartigsten Kaliber und Formen von Schusswaffen, die hier von den Schützen gehandhabt werden. Bewunderungswerth ist die Sicherheit der Hand und die Schärfe der Schützen, deren Schüsse selten das Schwarz verfehlen. Dabei wird mit einem Eifer und einer Leidenschaft geschossen, als gelte es wer weiss was für hohen Preis zu erringen. Doch hier geht es um die Ehre und nicht um den ausgesetzten Preis.

       Die komischeste Gestalt unter den Schützen ist der Tischler von Kals, ein untersetzter starker Mann mit rundem fetten Gesicht und kleinen grauen Augen. Dieser lässt es nie an witzigen Einfällen mangeln, muss aber auch als Stichblatt des Spottes herhalten, wenn er schlecht schiesst, was ihm zu seinem Schmerze sehr oft passirt. Doch auch andere köstliche Figuren finden wir hier am Schiessstand, namentlich ist eine solche der verwegene Gemsjäger und Bergführer Joseph Kerer, der jedem Schusse, welcher fehl geht, im klagenden Tone eine Grabrede hält. Eine wahrhaft edle imponirende Gestalt ist dagegen der Schützenhauptmann-Stellvertreter Huter (nicht der Führer). Sein männlich schönes Gesicht mit dem langen flachsblonden Vollbarte und gelocktem Haare, der fein gebogenen Nase und den sanften blauen Augen ist der richtige Typus der Kalser. Ueber Allen aber wacht das sorgsame Auge des Schützenhauptmannes, unseres liebenswürdigen Freundes Lercher, der bei jedem Polier sich vergnügt die Hände reibt. Obwohl er selbst nie das Gewehr in die Hand nimmt, findet er in dem Vergnügen der Anderen seine grösste Freude.

       Nie werde ich jenen Sonntag Nachmittag vergessen, an welchem ich im Jahre 1867 in Begleitung meines Bru-

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ders Franz Kals zum allererstenmale berührte. Mich zog damals die Glocknerbesteigung gewaltig dahin; meine Sehnsucht wurde durch die Schilderung, die mir Dr. J. Wagl aus Gratz 2 Tage vorher in Ferleiten von den Kalsern machte, nur noch vermehrt.

       Als ich ankam, stand eine Menge schöner hoher Männergestalten in ihrem Sonntagsschmucke vor dem unteren Wirthshause, jeder grüsste uns freundlich; nicht minder herzlich war der Empfang von Seite des Wirthes und seiner Brüder, gleich als wäre ich ein langjähriger Stammgast in diesem Hause gewesen.

       Es ging im Hause recht lebhaft zu, denn gerade damals wurde ein Bestschiessen abgehalten, an dem sich sehr viele Schützen betheiligten. Ueber meinem Zimmer war der Schiessstand. Da war ein Gepolter und Getrampel, dass oft das ganze Haus erzitterte.

       Mir war aber vor Allem daran gelegen mit dem Führer, der mich von Heiligenblut herüber begleitet hatte, in Ordnung zu kommen und ging ich hinab in die Gaststube - damals gab es noch kein Extrastübchen - um den Führer aufzusuchen. Die Stube war so angefüllt, dass ich unter den vielen breitkrämpigen Hüten nur schwer die Physiognomie meines Führers erkennen konnte. Wie ich nun dastehe und suche, kommt Pfarrer Lercher auf mich zu und zeigt mir den Führer, indem er richtig voraussetzte, dass ich desshalb herabgekommen war.

       Er bat mich sodann, neben ihm Platz zu nehmen und suchte mich mit den Eigentümlichkeiten der Kalser, ihren Sitten und Gebräuchen bekannt zu machen, erzählte von den Glocknerersteigungen, beschrieb mir die einzelnen Führer, kurz er war auf das Eifrigste bemüht, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Auf einmal hub am Tische neben uns ein herrlicher mehrstimmiger Gesang an, - nicht etwa einer jener Wirthshausgesänge, die dann angestimmt werden, wenn der Wein die Köpfe erhitzt hat - sondern ein schönes regelrechtes Lied. Als Pfarrer Lercher mein Erstaunen und meine Freude darüber wahrnahm, ver-

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anlasste er die Leute ihre hübschesten Gesänge vorzutragen, worunter auch viele komische und sogar theilweise mit mimischer Darstellung verbundene waren. Namentlich zeichnete sich dabei ein Mann in den 70ger Jahren aus, der die Lieder mit einer Lebendigkeit und einem Feuer vortrug, welches bei seinem hohen Alter in Erstaunen setzte. Leider sind die beiden besten Sänger im Jahre 1869 gestorben und die Kalser Liedertafel nun ihrer besten Kräfte beraubt.

       Als das Gespräch auf das Bestschiessen kam und ich erwähnte, dass mein Bruder ein Schütze sei, so eilte Pfarrer Lercher sofort hinauf auf unsere Stube und lud meinen Bruder ein, am Schiessen Theil zu nehmen. Oben unter den Schützen angekommen, bot der brave Huter seinen Stutzen allsogleich meinem Bruder an, der mit freudestrahlendem Gesichte sich an diesem Vergnügen betheiligte. Nirgends habe ich mich so schnell heimisch gefühlt, nirgends ist man mir allerseits mit einer solchen Liebe entgegengekommen, wie eben in Kals, und nicht nur mir erging es so, sondern einem jeden Fremden, der in das Thal kam.

       Im September 1869 traf ich daselbst einen weitgereisten älteren Herrn aus Preussen, der sich nicht weniger als 4 mal von mir verabschiedete, um immer wieder nach ein paar Tagen nach Kals zurückzukehren, - so gut gefiel es ihm daselbst. Und ein Jahr darauf war er einer der ersten, die das traute Kals besuchten.

       Dass es hier nicht auf ein egoistisches Ausbeuten der Fremden angelegt ist, beweisen die ausserordentlich billigen Rechnungen für Unterkunft und Verköstigung, sowie die verhältnissmässig bescheidenen Führerlöhne. Möge jener biedere offene Sinn und jenes vom Herzen zum Herzen sprechende Benehmen stets die Zierde dieses braven Volkes bleiben, möge es stets sein ursprüngliches und daher wahres Wesen behalten, damit dessen urwüchsige Originalität und körniges Naturell als ein Bild klassischen Germanenthums uns erhalten bliebe!

       Wollen wir einmal die Umgebung dieses reizenden

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Ortes genauer ansehen. Wir brauchen uns nur wenige Schritte von dem Hause zu entfernen und in südlicher Richtung einen kleinen Wiesenhang zu ersteigen, von welchem wir die idyllische Lage des Dorfes bewundern können. Vor allem imponiren uns die bläulich grünen Wände der Bretterspitze 9024' 2852m Keil gegen Norden. Ein süd- westlicher Ausläufer dieser Spitze und des Ganimez engen das Thal im Norden der Art ein , dass es bloss für den Bach Raum bietet, während der Weg zum Dorferthale über die sogenannte Stiege hoch über der Thalsohle emporführt, um sich wieder tief hinab zu ziehen.

       Ueber diesem Thaleinschnitte ragen die Spitzen des Lückenkopfes 9729' 3075m Sonklar empor, dessen graues Gestein durch Schneefelder unterbrochen ist. Vor diesen schieben sich die zackigen Gipfel des Muntaniz 10024' 3168m Sonklar und Grödezberges 9820' 3104m Sonklar vor, sämmtliche zur Landeckgruppe gehörig, an welche sich der früher erwähnte Ganimez 10,048' 3176m Keil und der waldbewachsene Kendlkopf circa 9000' anschliessen. Hier hat bereits der Kals- Matreier Scheiderücken eine bedeutende Depression erlitten, die in dem Kals-Matreierthörl 7017' 2218m Sonklar ihren niedrigsten Punkt erreicht. Baum- und strauchlose Wiesenhänge ziehen zu dieser wellenförmigen Einsattelung hinan, deren niedrigster Punkt durch ein mit freiem Auge sichtbares Kreuz gezeichnet ist.

       Ueber den Waldabhängen gegen Westen sehen wir den kahlen, mit spärlichem Graswuchse bedeckten Kamm der Speikgrubenspitze 8395' 2653m Sonklar und des Rottenkogl 8722' 2757m Sonklar, welch letzterer namentlich einen vorzüglichen Aussichtspunkt auf die Glockner-, Venediger- und Schobergruppe, sowie auf die Berge Südtirols bildet. Ueber dem Ausgange gegen Süden schimmert uns aus bläulicher Ferne der Rothsteinkopf 8519' 2693m Sonklar entgegen.

       Im Südosten von Kals breiten sich die waldreichen Abhänge des Gornetschamp 8873' 2805m Sonklar aus, zugleich die südliche Thalwand des unteren Ködnitzthales bildend, durch welches in der Tiefe der Bergerbach seine

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trüben Fluthen wälzt. Nordöstlich erhebt der Schelatzberg 6514' 2059m Sonklar seinen sanft gewölbten Gipfel, mit spärlichem Baumwuchse bedeckt und vom Woletischnitz 8066' 2739m Sonklar überragt, dessen Wälder die Thalsohle gegen Norden abschliessen.

       Lassen wir das Auge über den Thalboden schweifen, so werden wir sofort gewahr, dass die Haupterwerbsquellen der Kalser Ackerbau und Viehzucht sind. Jedes halbwegs günstige Plätzchen ist hier zum Anbau von Getreide benützt, namentlich finden wir im Bergerthale, sowie im Kalserthale selbst die Bauerngehöfte oft hoch über der Thalsohle und überall den Boden, wo er nicht ganz und gar steril ist oder eine zu grosse Steilheit besitzt, zur Anlage von Feldern benützt.

       Wir begegnen hier allenthalben mächtigen Holzgerüsten, die aus zwei 14 - 16' hohen, 20 - 24' weit von einander eingerammten, mit Stützen versehenen Pfählen bestehen, durch welche 6 - 8 horizontale Querstangen über einander eingezogen sind. Dieses Gerüste nennt man hier "Harfen", wie solche auch in den benachbarten Kärntner Thälern, sowie in Kram im Gebrauche stehen. Sie haben den Zweck, das eingeerntete Getreide der Sonne und Luft auszusetzen und hiedurch das Ausreifen und Trocknen zu bewirken. An solchen Orten, wie Kals, die eine hohe Lage haben und von mächtigen Bergen eingeschlossen sind, denen dadurch der Zutritt der Sonnenstrahlen nur spät zu Theil wird und die bald wieder derselben beraubt werden, reift das Getreide ziemlich spät, oft erst im September, und da nicht vollständig. Es werden daher die Getreidegarben mit den Aehren nach aussen zwischen die Querstangen der Harfe gesteckt und der Einwirkung der Sonne und Luft so lange ausgesetzt, bis die Felder wieder aufs Neue bebaut sind.

       Das Getreide wird von den Bauern selbst zermalen, indem jeder von ihnen auch Eigenthümer einer, allerdings sehr primitiven Mühle ist. Diese werden vom Wasser getrieben, entweder durch ein oberschlächtiges Wasserrad oder durch eine Art Turbine, die unmittelbar

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den Mahlstein bewegt. Die Mühlen sind kleine hölzerne Hütten, oft finden wir mehrere hintereinander am Bachufer stehen.

       Der nächstwichtigste Erwerbszweig der Kalser ist die Viehzucht, für welche hier die Lage keineswegs ungünstig ist. Namentlich sind es die üppigen Fluren des Dorfer- und des oberen Bergerthales, sowie die sanften grasreichen Abhänge des Fiegerhorns, Woletischnitz und Schelatzberges, welche vortreffliche Weideplätze bieten.

       So abgeschlossen auch das Thal ist und so selten auch in früheren Jahren ein Reisender sich hierher verirrt hat, dennoch ist den Kalsern ein eigenthümlicher Trieb eigen, Neuerungen einzuführen, sich möglichst in den Einrichtungen zu vervollkommnen und den Ansprüchen der Touristen zu entsprechen. Mit welcher Bereitwilligkeit schritten die Führer zum Bau der Glocknerhütte auf der Vanitscharte und in staunend kurzer Zeit stand dieselbe fertig da. Mit welcher Opferwilligkeit und Ausdauer wurde von Seite der Kalser Führer an dem Glocknerwege gearbeitet und wie unendlich gering war der hiefür in Anspruch genommene Lohn. Unter anderen Umständen hätte eine so schwierige und gefährliche Arbeit wenigstens das zehnfache gekostet, wenn sich überhaupt Jemand gefunden hätte, eine solche Riesenarbeit auszuführen.

       Nicht minder eifrig in dem Bestreben, den Wünschen der Touristen gerecht zu werden, ist der Glocknerwirth Groder. Kaum war das Verlangen nach einem Extrastübchen laut geworden, so war auch der Wirth sofort bemüht, diesem Wunsche zu erfüllen und in gleicher Weise ist er ununterbrochen bestrebt, nach Kräften und so weit seine Verhältnisse es erlauben, die Einrichtungen in seinem Gasthause zu vervollkommnen; kein Jahr vergeht, in welchem nicht etwas Neues geschaffen wird.

       Die Führer von Kais gehören unstreitig zu den besten von ganz Tirol und einige von ihnen werden kaum ihres Gleichen in den Deutschen Alpen finden. Es herrscht unter ihnen ein edler Wetteifer in der Vervollständigung

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ihrer Kenntnisse über die Glocknergruppe; der berühmte Führer Schnell wurde bereits für die schwierigsten Touren in der Venediger-, Oezthaler- und Ortlergruppe verwendet.

       Die alpinen Werke der Kalser Bibliothek werden von ihnen eifrig gelesen und die daselbst vorhandenen Specialkarten fleissig benützt. Aber auch was ihre Ausrüstung zu Hochtouren anbelangt, lässt dieselbe nicht viel mehr zu wünschen übrig. Die Führer sind mit verlässlichen Seilen, mit Gletscherbrillen, Eisäxten versehen, an die Stelle der plumpen schweren Tragkörbe, in welche das Gepäck und der Proviant früher gelegt werden mussten, sind nun leichte praktische Rucksäcke getreten. Ebenso besitzen die Kalser seit jüngster Zeit eine Bergführerordnung; desgleichen ist nun ein jeder der zehn autorisirten Führer mit einem von der Behörde ausgestellten Bergführerbuch versehen. Auch ist nun bereits für den Fall, dass bei der Zunahme des Fremdenbesuches die zehn Führer nicht hinreichen dürften, wie es sich im Jahre 1869 einigemal traf, die Vorsorge getroffen, dass junge kräftige Bursche zum Führerdienste tüchtig eingeschult werden, um mit der Zeit die Zahl der Führer zu vermehren.

       Möchten die braven Kalser auf diesem Wege unbeirrt fortschreiten und sich von so mancher Schwierigkeit, so manchem augenblicklichen Fehlschlagen nicht abschrecken lassen! Kein langer Zeitraum dürfte dann mehr vergehen, bis die Kalser als Musterführer der ganzen Deutschen Alpen aufgestellt werden können und Kals nur einzige Glocknerstation sein wird, ein Prognostikon, das demselben übrigens bereits Amthor in seinem "Tirolerführer" gestellt hat.

       Wollen die Kalser aber jene goldenen Früchte ernten, die ein massenhafter Fremdenbesuch den Thalbewohnern bringt, so gibt es noch so manche schwere Aufgabe zu lösen. Vor Allem muss bis zu dem Zeitpunkte, wo die Pusterthaler Bahn dem Verkehre übergeben wird, für eine ordentliche Fahrstrasse von Kals nach Huben gesorgt werden, was bei den bescheidenen Mitteln der Thalbewohner

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und bei den grossen Terrainschwierigkeiten, die namentlich gleich an der steilen Thalmündung zu überwinden sind, nicht leicht zu bewerkstelligen sein dürfte.

       Obwohl ein Karrenweg auf dieser Strecke besteht, so ist derselbe für keinen ordentlichen Wagen zu benützen, da die Steigung an manchen Stellen eine sehr bedeutende ist. Die staunenswerthen Beispiele von Fleiss und Opfermuth, welche die Kalser Führer bereits gegeben haben, lassen jedoch hoffen, dass der gesunde Sinn auch der übrigen Thalbewohner die wichtigen Vortheile, welche eine ordentliche Fahrstrasse für das gesammte Thal mit sich bringt, erfassen und sie Alle zur thatkräftigen Mitwirkung und raschen Ausführung dieses Projektes vereinigen werde.

       Weniger problematisch dürfte die Anlegung eines Reitweges auf das Kals- Matreierthörl und zur Glocknerhütte sein, dessen Herstellung der strebsame Glocknerwirth zugesagt hat.

       Den freundlichen Leser wird es nach dem Vorhergehenden nicht wundern, wenn ich unter so lieben und braven Leuten, wie die Kalser es sind, und in der liebenswürdigen Gesellschaft meines Freundes Hofmann und meines Landsmanns Victor Hecht aus Prag mein Leiden weniger schmerzlich empfand. Die Schmerzen wurden nur dann fühlbarer, wenn sich meine Freunde zu neuen Bergpartien rüsteten, da zu dem physischen Schmerze sich noch das peinliche Bewusstsein, auf den Hochgenuss einer Bergtour verzichten zu müssen, hinzugesellte.

       Obwohl die Kalser Führer für die verschiedenen Exkursionen in der Glocknergruppe eingeschult waren, so fehlte ihnen dennoch jegliche Kenntniss bezüglich der benachbarten Schobergruppe; es schien daher nicht unwichtig den Versuch zu machen, den Hochschober 10,247' 3239m Sonklar auch von der Kalser Seite zu ersteigen, was bisher noch nie unternommen war. Da das Wetter sich günstig gestaltete, so wurde gleich für den andern Tag (28. Juli) von Freund Hofmann der Ausmarsch beschlossen, welcher Partie Herr Hecht sich anschloss.

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Hier sei nur in Kürze erwähnt, dass die beiden Freunde mit den Führern Joseph Schnell und Thomas Groder am genannten Tage um 4 Uhr 10 Minuten Nachmittag Kals verliessen und in 2 Stunden die Meningalpe im Lesachthaie erreichten, wo das Nachtlager aufgeschlagen wurde. Am andern Morgen (29. Juli) traten sie um 3 Uhr 55 Minuten ihren Weitermarsch an und erreichten, am Abflusse des Gletschers emporsteigend, um 5 Uhr 15 Minuten die mächtige Seitenmoräne des Gletschers selbst. Von hier stiegen sie in der Richtung gegen das Kreuzeck theils über Firn, theils über Felswände ohne grosse Schwierigkeiten empor und erreichten um 7 Uhr 57 Minuten die Scharte zwischen Hochschober und Kreuzeck. Von da wurde über einen mässig geneigten Firngrat um 8 Uhr 15 Minuten die Spitze erreicht.

       Die Aussicht war sehr befriedigend, namentlich auf die Berge Südtirols, anderseits auf die Glockner- und Venedigergruppe. Der Rückweg wurde nach 1 ½ stündigem Aufenthalte über den Kleinschober 10,002' 3162m Sonklar und das Schoberthörl 9189' 2904m Sonklar angetreten. Nachdem die steile Felswand zwischen Hochschober und Kleinschober glücklich passirt war, kamen sie an einen starkgeneigten, etwa 800' hohen Firnhang, der meinem Freunde Hofmann bald verhängnissvoll geworden wäre. Ohne angebunden zu sein, fing er an hinabzusteigen und wollte schliesslich sitzend abfahren, ohne zu bemerken, dass der Firnhang mit einer beinahe senkrechten Eiswand endigte. Führer Schnell, der sich über der letzteren befand, schaut zufällig zurück und sieht, wie der verwegene Hofmann Anstalten trifft, soeben seine Fahrt anzutreten. Aus Leibeskräften schreit nun Schnell hinauf, er möge um Gottes Willen innehalten. Zum grössten Glück war Hofmann noch nicht in der verhängnissvollen Fahrt begriffen und konnte noch rechtzeitig sein Vorhaben aufgeben, um Schritt für Schritt die Eiswand hinabzusteigen.

       Um 11 Uhr 5 Minuten war das Ende des Ralfgletschers, um 12 Uhr 45 Minuten

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die Meningalpe erreicht, um 2 ¼ Uhr traf die Gesellschaft wieder in Kals ein.

       Bald darauf vollzog sich ein anderes freudiges Ereigniss. Am Samstag den 31. Juli kamen die am Glocknerweg beschäftigten Führer nach Kals herab mit der Nachricht, dass derselbe, so weit das vorhandene Material gereicht hatte, gangbar gemacht sei und dass ein halbwegs geübter Bergsteiger binnen 2 ½ Stunden nun leicht von der Glocknerhütte zum höchsten Gipfel des Glockners gelangen könne. Da gab es einen Jubel, der nicht zu beschreiben ist.

       Wenn mir überhaupt diese Freude etwas verbittern konnte , so war es der Anblick der wackeren Führer, denen man die übermenschliche Anstrengung der Arbeit, die Strapazen und Entbehrungen jeglicher Art gar wohl ansah, welche eine Arbeit in solchen Regionen, wo Wind und Wetter einen so mächtigen Einfluss haben, mit sich bringen. Das Hauptverdienst, dass dieses Riesenwerk zu Stande kam, gebührt vor allem dem Rupert Groder, dem Bären unter den Kalser Führern, welcher mit solcher Kraft und Zähigkeit arbeitete, dass selbst seine Brüder und Freunde ihm ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kein Hinderniss schreckte ihn ab, keine Gefahr, keine Beschwerde war ihm zu gross, und mit seiner kolossalen Körperkraft trug er nicht wenig zum Gelingen dieses Unternehmens bei. Nächst diesem haben Michael, Thomas Groder und Josef Kerer das Hauptverdienst um den Glocknerweg, wie um den Aufbau der Hütte. Nur jener, der den neuen Glocknerweg selbst betreten wird, kann das Verdienst, das sich die Kalser durch die Ausführung einer so schwierigen und gefährlichen Arbeit erworben haben, gehörig würdigen. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass dieses Beispiel von Führern einzig dasteht, nicht nur in den Deutschen, sondern auch in den Schweizer Alpen.

       Es wäre zu wünschen, dass ein solcher Opfermuth von Seiten der Führer und Wirthe an anderen Orten der Alpen Nachahmung fände, nicht aber, durch die unverschämtesten Forderungen (wie die Bewohner am Fusse des Schnee-

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berges bei Wien*) die wohlmeinendsten Absichten der Alpenvereine und Alpenfreunde zu nichte machen.

*) Fussnote:  Dieselben verlangten für den Aufbau einer einfachen Schutzhütte auf dem Gipfel des Schneeberges Tausend Gulden.

       Selbstverständlich regte sich alsbald der Gedanke, den neuen Glocknerweg feierlich zu eröffnen. Ich konnte nur mit Wehmuth daran denken, da mein Fussleiden eher zu- als abnahm und ich jede Hoffnung auf irgend eine Bergpartie in weite unbestimmte Ferne gerückt sah, mich sogar mit den Gedanken vertraut machte, für dieses Jahr auf jegliche fernere Tour zu verzichten.

       Hocherfreut war ich durch die plötzliche Ankunft des Dr. med. Wagl aus Gratz, jenes bekannten Alpenfreundes und unermüdlichen Bergsteigers, der sich neuester Zeit durch die Auffindung eines beinahe gefahrlosen Ueberganges aus dem Klein- Iselthale direkt in das Krimmlerthal, sowie durch Anregung der Renovirung und Erweiterung der Johannishütte im Dorferthale, grosse Verdienste um die Venedigergruppe erworben hat. Seit meinem Zusammentreffen in Ferleiten im Jahre 1867 hatte ich diesen hochgeehrten Freund nicht mehr gesehen, desto grösser war daher meine Freude über das unverhoffte Zusammentreffen.

       Er war von mehreren Herren aus Lienz begleitet und wollte in ihrer Gesellschaft den Glockner ersteigen. Selbstverständlich schloss sich Hofmann dieser Partie an; am Nachmittag des 2. August brachen sie zur Glocknerhütte auf. Leider trat in der Nacht Sturm- und Schneegestöber ein, am anderen Morgen herrschte so schlechtes Wetter, dass die Gesellschaft unverrichteter Dinge zurückkehren musste. Der Regen schien sich in Permanenz erklären zu wollen. Dr. Wagl und die Lienzer Herren gingen fort in die Venedigergruppe, um dort die nur spärlich ihnen zugemessene freie Zeit auszunützen und so sassen wir am Abende des 3. August wieder im engeren Kreise in dem Extrastübchen beisammen, als plötzlich Pfarrer Lercher ein Telegramm an Freund Hofmann bringt. Böse Ahnungen stiegen in uns auf und wirklich es war ein Einberufungsschreiben meines 

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Freundes nach München zu den Herbstmanövern. Das war ein Blitzschlag aus heiterem Himmel ! Nicht genug daran, dass ich kampfunfähig war, muss nun mein treuer Reisegefährte unverhofft nach Hause eilen.

       All die schönen Hoffnungen, all die vielen interessanten Exkursionen, die noch auf dem Programme standen, waren mit einem Male zerstört. Mitten in der Arbeit, mitten in der Ausführung unserer Projekte begriffen, schien nun plötzlich das Werk vernichtet zu sein.

       Doch nicht ohne rühmlichen Abschied wollte sich Hofmann dem bösen Schicksal ergeben. Sofort wurde für den anderen Tag eine neue Glocknerpartie und die Eröffnung des Glocknerweges beschlossen und zu gleicher Zeit der Plan gefasst, damit den Versuch eines direkten Abstieges zur Pasterze zu verbinden.

       Als wollte der Himmel meinem Freunde diese letzte Bergpartie noch recht genussreich machen, leuchtete derselbe am anderen Morgen mit einer solchen Klarheit, wie sie nur selten in den Bergen uns bescheert ist. Der Zufall wollte es, dass an demselben Morgen die Lienzer Herren aus Windisch-Matrei nach Kals zurückkehrten und sich der Partie sofort anschlossen.

       Schliesslich kam, um der Feier eine noch grössere Bedeutung zu geben, mein Freund Egid Pegger aus Lienz mit seinem Bruder an, welch ersterer so grosse Verdienste um die Herstellung der Glocknerhütte und des Weges selbst hat.

       Wie gerne wäre ich mitgezogen zu jenem stolzen Gipfel, der mich seit vielen Jahren stets mit dem lebhaftesten Interesse erfüllte. Um mein Herzeleid zu vergrössern, war es auch der Tag der Trennung von meinem lieben treuen Gefährten Hofmann, der vom Glocknergipfel aus sofort seine Heimreise anzutreten gezwungen war. Mit schwerem Herzen trennten wir uns, doch gaben wir uns das beiderseitige Versprechen, sobald es die Militärpflicht des Einen und das Fussleiden des Anderen gestatten würde, wieder in der Glocknergruppe zusammenzutreffen, um den angefangenen Tourenciclus zu vollenden.

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*) Fussnote: Oft auch Kalser-Matreierthörl genannt.

       Einer der interessantesten und dankbarsten Aussichtspunkte, die wir in den Deutschen Alpen besitzen, ist das Kalserthörl. Dr. Anton von Ruthner sagt in dem trefflichen Werke "Berg- und Gletscher - Reisen" in den Oesterreichischen Alpen:
Fussnote: Seite 379 und 380.
"Ich habe viel grossartigere und eigenthümlichere, aber noch keine reizendere Hochgebirgs- Rundschau kennen gelernt, als die des Kalser-Matreierthörl's. Kaum besteht ein anderer Punkt in den österreichischen Alpen von der geringen Höhe des Kalserthörl's, von welchem man drei der gewaltigsten Eisstöcke, so nahe, so vollkommen und in so ausgezeichneter Gruppirung überblickt."

       Doch greifen wir zum Bergstock und sehen wir uns selbst jene Pracht an, die so gerühmt wird. Wir übersetzen wenige Schritte oberhalb, des Wirthshauses auf schmaler Brücke den Kalserbach und steigen den hohen, rechtseitigen Uferrand hinan. Hier blinkt uns das rothe Kreuz von der Höhe des Thörl' s freundlich entgegen.

       Der blaue Himmel verspricht einen herrlichen Genuss - also frisch vorwärts! Wir befinden uns mitten in den Feldern, die wir auf schmalem Pfade in der Richtung zu den letzten zwei Bauernhäusern durchschreiten. Von da führt unser Weg zu dem schlimmen Rosseckbach, der bei Hagelwetter und starken Regengüssen viel Unheil anstiftet. Ein kleines Stück weit gehen wir an demselben entlang, bis wir rechts zu einer Wiese einlenken, welche wir auf kaum sichtbarem Fusssteig überschreiten, um bald darauf in einen Wald zu treten. Nun geht es den Waldabhang etwas steil in steter Richtung gegen das Thörl im Zick-zack hinan, bis wir eine kleine 

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hölzerne Kapelle erreichen , welche einen reizenden Blick auf das Kalser Thal und dessen unmittelbar dominirende Höhen gestattet. Bis hierher ist etwa die Hälfte des Weges - eine kleine Stunde und damit auch der beschwerlichere Theil überstanden. Von da geht es eine Zeit lang fast eben fort , bis der Weg sich bei einem kleinen Bächlein theilt.

       Der eine führt rechts zu einer Sennhütte, der andere zum Thörl. Hier verlässt uns der Baumwuchs und wir betreten die grasreichen Abhänge des Kals-Matreier Scheiderückens, der nur hier und da mit spärlichen Gebüschen bewachsen, im obersten Theile kahl und nur mit gelblichen, vertrockneten Wiesen bedeckt ist.

       Mit jedem Schritte wird der Blick gegen die Glockner- und die Schobergruppe interessanter. Schon länger ragen die kühngeformten Gipfel des Glödis und Ganot empor, bald darauf wird auch die stolze Pyramide des Glockners mit der gezackten Glocknerwand sichtbar, die sich über ihr Gletscher-Piedestal mächtig aufthürmen. Ueber die sanften Windungen des Pfades steigen wir gemächlich hinan, schon winkt uns das Wahrzeichen unseres heutigen Zieles, das rothe Kreuz ganz nahe entgegen, in kurzer Zeit stehen wir neben demselben.

       Ein entzückender Anblick ist die Belohnung für die geringe Mühe des kaum zweistündigen Anstieges. Vor Allem lassen wir das Auge gegen Westen schweifen und laben uns an den majestätischen Kuppen und ausgebreiteten Gletschermassen der Venedigergruppe, deren Ausläufer gegen Matrei sowohl, als dem Iselthale entlang eine Reihe schroffer Felshörner bilden.

Um die Beschreibung der Rundsschau vom Kals-Matreier Thörl besser verfolgen zu können, haben wir hier die von Johann Stüdl angefertigten Zeichnungen eingefügt. (Zum Vergrößern anklicken.)

       In duftiger Ferne tauchen die Eis- und Felsspitzen des Maurer- und Umbalastes mit dem stolzen eisbedeckten Welitz empor, während der gegen Süden laufende Zug durch den mächtigen Gebirgsstock des Lasörling 9786' 3093m Sonklar theil weise verdeckt wird. Dieser Gipfel verräth sofort durch seine bevorzugte Stellung, dass er mit zu den dankbarsten Aussichtspunkten unserer Alpen gehört, dem vielleicht nur der durch meinen Freund Hecht als äusserst lohnende und leicht zugängliche

 

 

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Warte geschilderte Zunig 8753' 2767m Sonklar südwestlich von Windisch - Matrei einige Konkurrenz machen wird. Mit diesem letzteren Gipfel schliesst die westliche Hälfte des Panoramas ab.

       In der Tiefe breiten sich die sonnigen Fluren des Virgener Thales, das wir in seiner ganzen Ausdehnung überblicken können. Felder und Wiesen wechseln hier anmuthig ab, zwischen welchen die zerstreuten Gehöfte der Ortschaften Mitteldorf, Virgen, Ober- und Unter-Mauer liegen.

 

 

       Die Ostseite dieses Bildes ist nicht minder bezaubernd. Hier beginnt der Glocknerkamm mit den Firnen des Romariswandkopfs und steigt in wellenförmigen Linien zur Glocknerwand empor. Ueber all' diese Gipfel erhebt der Glockner sein stolzes Haupt und zeigt uns seine schroffste Seite. Von keinem Standpunkte kann man den Kalser Glocknerweg so gut überblicken, wie von hier aus. Mit einem guten Fernrohr sieht man auf einen Vorsprung der Freiwand zum Teischnitzthale ein kleines lichtes Pünktchen, die Glocknerhütte. Man kann von diesem Ausgangspunkte die beiden Glocknerwege Schritt für Schritt verfolgen und namentlich liegt der neue Weg vollständig übersichtlich vor Augen.

       An die Adlersruhe schliessen sich die Zacken der Burgwartscharte in dem Felskamm zwischen dem Ködnitz- und dem Leitergletscher. Ueber derselben erhebt sich der Hohenwartkopf, der Kellersberg und das Schwerteck, der übrige Theil des Glocknerkammes wird uns durch die Lange Wand entzogen, über welche bloss ein kleines Stück des Schwertecks hervorschaut. Das Verbindungsglied zwischen der Glockner- und der kaum weniger interessanten Schober-Gruppe bilden die Glatte Schneid und der Karberg, auch Bergerkopf genannt, zwischen welchen beiden das Bergerthörl eingeschnitten ist, während die Einsattelung zwischen dem letzteren und dem Peischlachkesselkopf das selten begangene Peischlachthörl bildet.

       Verfolgen wir unsere Rundschau weiter gegen Südosten, so gelangen wir zu der dritten prächtigen Gebirgsgruppe unseres Panoramas und zwar zu jener des Hochschobers.

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Obwohl dieselbe keine so hohen Spitzen wie die Glockner- und die Venedigergruppe aufzuweisen hat, so bieten doch die wild aufstrebenden Wände des pyramidenartigen Glödis und Ganot, sowie der eisbedeckte Gipfel des Hochschober, zu dessen Füssen der Ralfgletscher zum Thale hinabzieht, einen so imposanten Anblick, dass wir diesen Gebirgsstock fast als den malerischesten und effektvollsten Theil des ganzen Panoramas erklären möchten. Besonders grossartig ist der Eindruck dieser Rundschau , wenn wir am frühen Morgen, noch besser aber gegen Abend das Thörl erreichen. Die Mannigfaltigkeit und reiche Abwechslung der Gegensätze, das kahle Gestein, die leuchtenden Firnen der obersten Regionen, die von Sonnengold angehauchten Abhänge, dazu das Grün der Wälder und die üppigen Fluren des Thales, über welche sich mächtige Schlagschatten lagern, geben ein farbenprächtiges Bild, das gewiss jedem unauslöschlich in die Seele sich einprägen wird, der die geringe Mühe dieser Partie nicht gescheuet hat. - Leicht kann sich ja jeder Besucher von Kals den Hochgenuss verschaffen! - Haben wir noch dazu einen klaren Tag getroffen, wölbt sich über diese Pracht ein wolkenloser Himmel, so werden wir erst nach stundenlangem Verweilen es über das Herz bringen können, den herrlichen Aussichtspunkt wieder zu verlassen. Wenn der Tourist dem Besuche des Kaiser Thörls einen ganzen Tag widmet, und er wird es - wenn nur das Wetter günstig ist - sicher nicht bereuen, so kann er sich diesem Anblicke mit vollster Müsse hingeben, da der Rückweg nach Kals bloss eine Stunde und der Hinabweg nach Windisch-Matrei nicht mehr als 1 ½ Stunden in Anspruch nimmt.

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        Wenn meiner Exkursionen, die ich im Glocknergebiete in dem genannten Jahre versucht habe, hier flüchtig Erwähnung geschieht, so leitet mich dabei nur die Idee, jene Lücke auszufüllen, die in der Beschreibung des Glocknerkammes zwischen der Glocknerwand und dem Schneewinkelkopfe offen gelassen wurde.

       Der für Hochgebirgstouren so ungünstige Sommer des Jahres 1868 war auch für mich zum grössten Theile von negativen Resultaten begleitet. Nachdem ich durch strömenden Regen an der westlichen Grenze von Tirol im Suldenthale 8 Tage lang zur Unthätigkeit gezwungen war, ohne meinen Plan, die drei höchsten Gipfeln dieser Gruppe den Ortler, die Königsspitze und den Monte Cevedale zu ersteigen, ausführen zu können, eilte ich nach Kals in der Hoffnung, dass mir im Osten die Wettergötter geneigter sein würden, als im Westen.

       Angeregt durch den Plan meines Freundes Egid Pegger, einen Uebergangspunkt vom Teischnitz- oder Frussnitz- Gletscher über den Glocknerkamm hinab zum Obersten Pasterzenboden aufzufinden, drängte es mich dieses Projekt sofort auszuführen.

       Am 27. August um 4 ¾ Uhr Morgens trat ich auch wirklich in der Begleitung des Thomele (= Thomas Groder) und Peter Groder durch das Ködnitzthal meine Entdeckungsreise an. Es war ein klarer heller Tag. Der Glockner leuchtete uns in seinem hellen Firnkleide so freundlich entgegen, als wüsste er, dass sich ihm ein alter Bekannter nähert. Um 7 Uhr 55 Minuten hatten wir die Glocknerhütte erreicht und liessen nun daselbst den grössten Theil unseres Proviants zurück. Nach ¾ stündiger Rast brachen wir auf und stiegen den schuttbedeckten Abhang hinan, der sich zur rechten Seite der östlichen Zunge des Teischnitzgletschers erhebt. In 20 Minuten hatten wir das obere Plateau des letztge-

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nannten Gletschers erreicht und schritten, durch das Seil verbunden, in einem grossen Bogen gegen die mächtig sich aufthürmende Glocknerwand jenem Punkte zu, wo die steile westliche Firnkante der letzteren zu der Einsattelung des Glocknerkammes zwischen der genannten Spitze und dem Romariswandkopf herabzieht.

       Um 9 Uhr 15 Minuten war diese Stelle ohne Mühe erreicht, wir genossen eine prachtvolle Aussicht über die ganze Pasterze, so wie über die stolzen Eisgipfel, welche sie umstehen. In weiter Ferne reihten sich Spitze an Spitze, so dass ich hier schon eine Ahnung von jener Herrlichkeit vor Augen hatte, die mich am folgenden Tage vom Gipfel des Grossglockner entzücken sollte.

       So sehr auch mein Herz beim Betrachten dieser schönen Bilder aufjubelte, so peinlich berührte mich die Enttäuschung, mit welcher der Blick hinab zum Pasterzengletscher mich erfüllte. So jähe Fels- und Eiswände starrten uns entgegen , dass wir rasch unseren Plan , die Pasterze von hieraus zu gewinnen, wieder aufgaben.

       Ein eisig kalter Nordwind, der den schweren Firnschnee hoch aufwirbelte, und namentlich auf dem Eiskamme, wo wir standen, sein wildes Spiel trieb, machte das Verbleiben auf dem letzteren selbst ausserordentlich unangenehm. Trotz alledem schritten wir über den Glocknerkamm in nordwestlicher Richtung fort. Derselbe dürfte hier eine Höhe von circa 10,800' 3414m haben, und ist zum grössten Theile mit Firn bedeckt. Nach wenigen Schritten erreichten wir einen kleinen Felsabhang, der zugleich die Grenze der Firn-Region des Teischnitzgletschers und jener des Frussnitzgletschers bildet. Der Felsen verliert sich bald unter den bläulich grünen Gletscherbrüchen, die das höher gelegene Plateau des Teischnitzgletschers von jenem des Frussnitzgletschers trennen.

       Ein Firnkamm läuft zu der theilweise mit Eis bedeckten Kuppe des Kramul 10,289' 3252m Keil, die tiefste Einsenkung zwischen dem letzteren und dem Glocknerkamme wollen wir den Kramulsattel nennen, auf den wir später zurückkommen werden. Wir überschritten den vorerwähnten

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kleinen Felsabhang und standen in der Firn-Region des Frussnitzgletschers. Vor uns das sanft ansteigende Schneehorn des Romariswandkopfs, zu welchem sich der schneebedeckte Glocknerkamm in wellenförmigen Linien hinanzieht.

       Gleich bei der nächsten Einsenkung versuchten wir über den der Pasterze zugekehrten Abhang, Teufelskamp genannt, hinabzuklettern, wurden aber durch die zunehmende Steilheit desselben zur Rückkehr gezwungen. Im beständigen Kampfe mit dem rasenden Sturme schritten wir bis zum nächsten Kammeinschnitt weiter, um auch hier unser Glück zu versuchen. Es war beiläufig in der Mitte zwischen dem Romariswandkopfe und dem Fusse der Glocknerwand.

       Hier stiegen wir ein grosses Stück weit hinab, bis uns die zu starke Neigung des Schneehanges zum Einhalten zwang. Während wir nun berathschlagten, ob wir weiter hinabklimmen oder zurückkehren sollten, steigerte sich der Sturm zu einer solchen Heftigkeit, dass wir es für heute aufgeben mussten, unseren Plan durchzuführen und uns zum Rückweg entschlossen. Wir kletterten, vom Sturme arg gezaust, mit vieler Mühe den steilen Firnhang zurück und erreichten um 1 Uhr 13 Minuten wieder den obersten Kamm.

       Unseren Rückweg traten wir über das sanft geneigte Frussnitzkees in der Richtung des Kramulsattels an, den wir über einige Firnklüfte bald erreichten. Da der Tag so klar und hell und die Zeit noch nicht weit vorgeschritten war, so erklomm ich von hier über losen Steinschutt und Schieferplatten in wenigen Minuten den aussichtsreichen Kramul.

       So sanft ansteigend die oberste Region dieser beiden uns umgebenden Gletscher ist, so wild zerborsten sind ihre Eismassen, die zu den Thälern niederziehen. Die Eiszunge des Teischnitzgletscher spaltet sich vor ihrem Ausgange in zwei Arme. Der kleinere (östliche) Theil zieht zur Vanitscharte glatt und fast ohne Klüfte hinab. Einen desto wilderen Gletscherbruch zeigt das Ende des westlichen Theiles, der seine Eistrümmer und seinen Moränenschutt zum sogenannten Grauen Kees im Teischnitzthale herabsendet.

       In ähnlicher, ja noch grossartigerer Weise theilt

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sich der Frussnitzgletscher, wovon ein Arm in einem imposanten Eisfalle zum Laperwitzthal niederfluthet, sich dem Laperwitzgletscher anschmiegt, während der andere Arm in abenteuerlichen Eisbrüchen zum Frussnitzthale hinabfliesst.

       Den mächtigsten Eindruck übt von hier aus die Glocknerwand. Ich versuchte dieselbe zu zeichnen, wurde aber von der Kälte gemahnt, auf den Heimweg zu denken. Wir stiegen wieder zum Teischnitzgletscher hinab, umgingen in weitem Bogen gegen den Glockner die vielen Spalten, welche die Mitte des Gletschers durchfurchen und kamen binnen einer Stunde, vom Kramul aus, in der Glocknerhütte an, wo ich zu übernachten gedachte, um am anderen Tage meine Versuche fortzusetzen.

       Doch es sollte anders kommen. Am Abend trafen drei Augsburger Herren in der Hütte ein, welche für den nächsten Tag die Ersteigung des Grossglockners auszuführen gedachten. Die liebenswürdigen Einladungen dieser Herren, namentlich jene des Herrn Theodor Lampart, eines der Mitgründer und eifrigsten Förderer des Deutschen Alpenvereins, bewogen mich meinen Plan zu ändern und in der Gesellschaft dieser lustigen Gefährten den Glockner zu ersteigen. Binnen 3 Stunden 10 Minuten hatte ich über den alten Kaiser Glocknerweg den Gipfel desselben erreicht; auf der Adlersruhe stiess ich mit dem kühnen Bergsteiger Herrn Harpprecht aus Stuttgart zusammen, welcher unter der alleinigen Führung des Führers Schnell dem gleichen Ziele zustrebte. Die Aussicht war prachtvoll. Auch der Rückweg vom Glockner zurück zur Hütte wurde rasch binnen 2 Stunden ausgeführt.

       Nach dieser Tour musste ich meine beiden wackeren Führer entlassen, da sie sich durch den Schneeglanz, welchem sie ohne Schutz zwei Tage lang ausgesetzt waren, eine bedeutende Augenentzündung zugezogen hatten.

Fussnote:
Leider waren damals die Kalser Führer noch nicht mit Schneebrillen versehen, ein Mangel, der übrigens seither in ergiebiger Weise behoben wurde.

Während die zwei braven Männer nach Kals stiegen, um

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zwei andere Führer mit neuem Proviant für die Excursionen des folgenden Tages heraufzusenden, blieb ich in der Hütte allein zurück.

       Abends kamen die beiden muthigen Führer Michael Groder und der zwar noch junge aber äusserst strebsame und unerschrockene Andrä Kerer mit reichlichem Proviante beladen zur Hütte herauf. Am anderen Morgen (29. August) traten wir um 4 Uhr 40 Minuten unsere Reise abermals zum Glocknerkamme an und zwar diesmal über den Kramulsattel, den wir bereits um 6 Uhr erreichten.

       Von da setzten wir unseren Weg über den sanftansteigenden Frussnitzgletscher zum Gipfel des Romariswandkopfes fort, der mir zufolge seiner bedeutenden Höhe und ziemlich freien Lage ein viel versprechender Aussichtspunkt zu sein schien. Um 7 Uhr standen wir auf dem Gipfel desselben, dem nach Keil eine Höhe von 11,223' 3547m nach Sonklar 11,216' 3545m zukommt. Meine Vermuthung fand ich vollständig bestätiget. Der Romariswandkopf bietet eine vortreffliche Rundsicht, ähnlich der Adlersruhe, doch umfassender gegen Norden. Da die Glocknerwand und der Glockner selbst nichts Wesentliches verdeckten, so wäre jener Gipfel allen Besuchern der Glocknerhütte, denen die Ersteigung des Grossglockners zu beschwerlich erscheint, auf das Beste zu empfehlen.

       Vom Gipfel des Romariswandkopfes, der gegen den Grossglockner hin einem zur Pasterze überhängenden Schneehorne gleicht, gegen den Schneewinkelkopf dagegen aus Fels besteht, löst sich die steile, morsche Romariswand in südwestlicher Richtung ab und bildet die Scheide zwischen dem oberen Plateau des Frussnitzgletschers und dem bedeutend tieferen Laperwitzgletscher. Sie reicht bis zu dem Punkte, wo sie von den wilden Eisbrüchen des ersteren Gletschers überdeckt wird, die sich mit der Endzunge des Laperwitzgletschers vereinen. Vom Romariswandkopf zieht der Glocknerkamm gegen den Schneewinkelkopf, auf der Südseite theilweise als Felskamm auftretend, während er gegen die Pasterze zu übergletschert ist. Ein tiefer, scharfer Einschnitt trennt den Romariswandkopf von einem namenlosen Schneegipfel, der sich

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zwischen diesem und dem Schneewinkelkopf erhebt. Dieser Gipfel ist wieder vom Schneewinkelkopf durch eine Einsattelung geschieden, die uns den Abstieg vom Glocknerkamm zur Pasterze erst im folgenden Jahre ermöglichte.

       Nach kurzem Aufenthalte stiegen wir von der Spitze hinab und versuchten unmittelbar unterhalb der der Pasterze zugekehrten Seite des Gipfels den Hinabweg über die in fürchterlicher Steilheit zur letzteren niedergehenden Wände des Teufelskamp zu erzwingen. Diese Stelle führt nicht mit Unrecht ihren ominösen Namen, es ist ein schlimmes Gewände, brüchiges Gestein, oft mit Glatteis überdeckt. Wir banden uns an das Seil; Andrä Kerer ging voran, Michael Groder bildete den Schluss des Zuges. Nun stiegen wir über diesen steilen Abhang hinab. Je weiter wir kamen, desto ärger wurde die Neigung. Mein Hutrand stiess öfters an die Fussspitzen des über mir befindlichen Michel. Es war ein gefährliches Unternehmen, mehr aus Verzweiflung über das bisherige Missglücken, als aus ruhiger Erwägung hervorgerufen! Als wir jedoch oberhalb eines senkrechten Absturzes kamen, wo die Steine, die wir hinabwarfen, nicht mehr zum Vorschein gelangten, zudem dichter Nebel und Kälte auf uns einzustürmen begannen, traten wir den Rückzug an und stiegen behutsam in den gehauenen Stufen wieder empor. Es war 4 Uhr 15 Minuten, als wir aus diesem entsetzlichen Absturze empor tauchten.

       Missmuthig über das bisherige Fehlschlagen wollte ich wenigstens noch den Versuch machen, über die Romariswand zum Laperwitzgletscher so weit hinabzukommen, bis das Gelingen des Abstieges sicher wäre. Diess geschah auch, doch musste hiebei grosse Vorsicht angewendet werden, um nicht von dem äusserst morschen Gestein, das sich beständig unter unseren Füssen abbröckelte, getroffen zu werden. Bald überzeugten wir uns von der Möglichkeit des Abstieges und kehrten zum Frussnitzgletscher zurück, da wir den Proviant und unser Gepäck am Rande des Gletschers gelassen hatten. Wäre letzteres nicht der Fall gewesen, so hätten wir unseren Rückweg

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nicht mehr über die Glocknerhütte durch das Ködnitzthal sondern über den Laperwitzgletscher zur Dorferalm genommen.

       Als wir dem Kramulsattel zuschritten, war es 11 ½ Uhr. Um 12 Uhr 50 Minuten war die Glocknerhütte erreicht. Auch diese beiden Führer beklagten sich über heftige Augenschmerzen und da zudem der folgende Tag ein Sonntag war , wo kein Kalser Führer vor gehörter Messe zu einer Exkursion zu bewegen ist, so blieb mir nichts übrig als nach dreitägigem Kampiren in der Glocknerhütte nach Kals zurückzukehren.

       Ebenso missglückte durch die Ungunst des Wetters ein Versuch, den ich zwei Tage später am 1. September vom Obersten Pästerzenboden aus unternahm, über den Teufelskamp hinauf zu gelangen. Wir gingen von der Wallnerhütte über den Mittleren Pasterzenboden zwischen dem Kleinen Burgstall und dem Teufelskamp auf den Obersten Pasterzenboden und klommen ein Stück an dem Südostabhange des Johannisberges empor, um von da den Glocknerkamm zu rekognosciren. Leider fiel dichter Nebel ein, dazu raste ein so furchtbarer Schneesturm, dass wir es bloss bei einem kleinen Versuche, die Felswände des Teufelskamps emporzuklettern, bewenden liessen und über die Pfandelscharte nach Ferleiten eilten.

       Bei meinen Exkursionen im Jahre 1869, wo ich wiederholt Gelegenheit hatte, den Glocknerkamm genau zu mustern, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, dass, wenn es überhaupt möglich ist, zwischen der Glocknerwand und dem Romariswandkopf den Glocknerkamm zu überschreiten, es ungefähr in der Mitte zwischen den beiden genannten Gipfeln, über jenes Eiskar gelingen könnte, das vom Glocknerkamm in östlicher Richtung zur Pasterze hinabfliesst; doch werden jedenfalls die zahllosen Klüfte, die den Gletscher oft seiner ganzen Länge nach durchziehen, grosse Hindernisse entgegensetzen. Jedoch auf diesem Wege ist die Neigung nicht übermässig gross, und hinge somit das Gelingen dieser Partie zunächst von der Be-

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schaffenheit des Gletschers ab. Jede andere Stelle zwischen Glockner und Romariswandkopf bietet zu grässliche Gefahren, als dass ein Uebergang versucht werden könnte.

       Hundertfältig ist bereits die Naturschönheit des Fuscherthales in Wort und Bild gepriesen worden, es dürfte mir schwer werden, irgend welche neue interessante Seiten in der Schilderung dem Ganzen abzugewinnen. Doch um der Vollständigkeit willen muss auch dieses Thales gedacht werden.

       Welchem Alpenfreunde wird jener Name unbekannt sein, wer hat nicht von der Pracht des Fuscherthales erzählen hören? Zu all' dem kommt die leichte Zugänglichkeit und der Besitz zweier Hochpässe, wovon der eine in das Innerste der Gletscherwelt hineinführt, wodurch es bis jetzt mit Erfolg mit dem ebenso reizenden, in mancher Hinsicht sogar noch grossartigeren Kaprunerthal rivalisiren konnte.

       Als ich mich Anfang August 1869 von meinem Freunde Hofmann trennte und wir uns das Versprechen gaben, wenn möglich noch in demselben Jahre neuerdings in die Glocknergruppe zu eilen, um die so plötzlich unterbrochenen Touren wieder aufzunehmen, konnten wir uns keinen reizenderen Ort zu unserer Zusammenkunft wählen, als Ferleiten im Fuscherthale. Der 9. September war der Tag, an dem wir uns dort treffen wollten und an welchem unsere beiden altbewährten Kalser Führer Thomas Groder und Joseph Schnell dahin beschieden waren. Der Besuch einer befreundeten Familie in der Ramsau veranlasste mich durch das reizende Berchtesgadner Ländchen meinem Ziele zuzusteuern und so kam es, dass mich der klare schöne Morgen des verabredeten Tages in dem prächtigen Zell am See begrüsste.

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Es gibt wohl keinen genussreicheren Ausgangspunkt für das Fuscher oder Kaprunerthal, als den genannten Ort. In der erfrischenden Morgenkühle fuhr ich auf schaukelndem Schilflein über den See, wo aus dem Hintergrunde des Kaprunerthales so manche Eiszinne der Glocknergruppe zu mir herniederblickte. Nach einer halben Stunde landete ich am südöstlichen Ufer des Zeller See's und setzte nun zu Fuss meine Wanderung fort. Ein Fusssteig führt an dem malerischen Schlosse Fischhorn vorüber, in 13 Minuten zur Poststrasse, die das Salzachthal durchzieht.

       Nicht allein die reizende Lage, sondern auch die schöne Bauart dieses Schlosses mit seinen Thürmen und Erkern, seinen Umfassungsmauern und Wallgräben fesseln das Auge jedes Vorübergehenden; das Gebäude ist wohl erhalten und von dem jetzigen Besitzer, Fürsten Löwenstein, sorgfältig hergerichtet, so dass man glauben könnte, es wäre erst kürzlich vollendet worden, und doch datirt sein Ursprung bereits aus dem 11. Jahrhundert. Zwei Jahrhunderte später trat es in das Eigenthum der Bischöfe von Chiemsee und wurde im Jahre 1526 während der Bauernkriege von dem erbitterten Landvolke erstürmt, geplündert und theilweise zerstört. Erst 150 Jahre später baute es Bischof Preising neuerdings wieder auf. Von seinen Zinnen hat man eine treffliche Aussicht, sowohl auf den Zeller See und dessen prachtvolle Umgebung, als auch auf das weite Salzachthal und seine südliche Umgränzung.

       Wer das Dorf Bruck nicht berühren will, der kürzt ein Stück Weges ab, wenn er von der Fahrstrasse bei einem roth angestrichenen Kreuze rechts den Weg direkt zum Eingange des Fuscherthales einschlägt. Für jene aber, die von Osten kommen, bildet Bruck den besten Ausgangspunkt. Im Gasthause zur Post, Eigenthum des Lukas Hansl, der im Fuscherthale bedeutende Besitzungen hat, findet man gute Unterkunft und Fahrgelegenheit. Dieses Dorf ist im Jahre 1867 von einem grossen Brande heimgesucht worden, der einen Theil der malerischen Holzhäuser am rechten Ufer der Salzach zerstörte. Selbst die alte Kirche blieb nicht verschont und

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büsste den Thurm und das Dach ein, an deren Wiederherstellung jetzt noch eifrig gearbeitet wird.

       Das Salzachthal ist hier keineswegs besonders interessant und selbst der Eingang zum Fuscherthal, der uns gegenüber liegt, lässt noch nicht jene grossartigen Hochgebirgslandschaften vermuthen, welche dasselbe in sich schliesst. In dieser Beziehung wird es vom Kaprunerthale weit übertroffen, wo uns gleich an dessen Pforten der stolze Gipfel des Kitzsteinhorns mit seinen Gletschern begrüsst.

       Das Fuscherthal, auch "die Fusch" genannt, ist durch den Fusch-Kapruner Scheiderücken im Westen, den Centralkamm der Hohen Tauern im Süden und den Fusch-Rauriser Scheiderücken (Schwarzkopfkamm) im Westen begränzt und gehört zu jenen wenigen Querthälern der Tauernkette, deren Thalsohle verhältnissmässig eine geringe Neigung besitzt, ja im Hintergrunde sogar stundenweit fast eben fortläuft; daher ist auch die leichte Zugänglichkeit zu erklären. Der Fusch-Kapruner Scheiderücken zählt eine Reihe von hohen und schönen Eisgipfeln, unter denen das Grosse Wiesbachhorn den Glanzpunkt bildet.

       Dieser zweithöchste Kamm der Glocknergruppe beginnt mit dem bewaldeten Bruckerberg und zieht in meist unbedeutenden Kuppen in südöstlicher Richtung zum aussichtsreichen Imbachhorn 7812' 2469m Keil empor, das aus dem Hirzbachthale in 2 ½ Stunden leicht zu erreichen ist. Erst im Hohen Tenn, der namentlich von Zell am See einen so prächtigen Anblick gewährt, schwingt sich der Kamm über 10,000' empor, welche Höhe er mit Ausnahme des Wiesbachthörl 9481' 2997m Keil bis zu seinem Anschluss an den centralen Hauptkamm beibehält.

       Dadurch, dass der Fusch-Kaprunerkamm besonders in seiner oberen Region eine bedeutendere Neigung besitzt, erklärt es sich, dass nur ziemlich kleine Gletscher sich zu bilden vermochten. Bei dem raschen Vorrücken derselben lösen sich namentlich an heissen Sommertagen grosse Eismassen ab und verursachen durch ihr Herabfallen ein donnerähnliches Getöse. Die 11 Gletscher dieses Thales

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gehören ausschliesslich dem letztgenannten und dem centralen Hauptkamme an, während der Schwarzkopfkamm keine Eisgebilde aufzuweisen hat, ein Umstand, der schon in der bedeutend geringeren Kammhöhe des letzteren seine Erklärung findet. Die Eisbedeckung des Fuscherthales nimmt nach Sonklar einen Flächenraum von 0,3 geographischen Quadratmeilen ein.     

       Um 8 Uhr hatte ich den Eingang des Fuscherthales erreicht und wanderte nun auf guter Fahrstrasse am linken Bachufer fort. Zu beiden Seiten des Thalweges breiten sich üppige Wiesen und Felder an den sanften Thalgehängen aus, während höher hinauf schattige Wälder sich emporziehen. Hie und da unterbrechen Bauerngehöfte, allenthalben braune Heustadel die grünen und gelblichen Töne der Landschaft. In 1 ½ Stunden von Fischhorn aus war das Dorf Fusch erreicht, das in einer schönen Thalerweiterung liegt. Hier wohnt der Führer Anton Hutter, seines Zeichens ein Tischler, der zu den besten Führern des Fuscherthales gehört.

       Wer grössere Touren unter seiner Leitung unternehmen will, thut gut, wenn er denselben vorher direkt benachrichtigt, oder sich an den Pfarrer von Fusch Herrn P. Nill wendet, einen für unsere Alpen hochbegeisterten Mann, welcher sich in neuerer Zeit der Organisirung des Führerwesens im Fuscherthale sehr warm annimmt.

       Vor Fusch mündet das Sulzbachthal ein, in welchem sich zehn Sennhütten befinden. Zur Rechten öffnet sich das in mehrfacher Hinsicht interessante Hirzbachthal, über eine Meile lang, und reicht bis zum Hohen Tenn empor, welcher von diesem Thale aus bereits mehrmals ohne grosse Schwierigkeiten erstiegen wurde.

       Die Römer hatten im Hirzbachthale und zwar im Weichselgraben bei der Schiederalpe Bergbau getrieben, wie man im Fuscherthale überhaupt an mehreren Stellen Ueberreste vou solchen Bauten gefunden hat. Die beiden oben erwähnten Gruben wurden erst im Jahre 1800 aufgelassen.

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        Von der oberen Thalstufe des genannten Thales stürzt der Hirzbachfall unweit des Dorfes Fusch in hohen Cascaden herab und bietet durch die üppige Vegetation und malerische Umgebung ein reizendes Bild. Eine halbe Stunde hinter Fusch öffnet sich das dritte Seitenthal, das Weichselbachthal. Dieses überaus idyllische Thal mit seinem üppigen Blumenflor und herrlichen Matten und Wäldern nimmt seinen Ursprung an der Weichselwand und bildet in seinem oberen Theile einen mässig geneigten, sonnigen Thalgrund. Es fällt in kurzen Stufen bis zu dem Bad St. Wolfgang, ist aber von da an bis zu seiner Ausmündung beim Embacher ziemlich steil.

       Jene, die vom Salzachthale kommen und das Fuscher Bad besuchen wollen, können ein grosses Stück Weges abschneiden, wenn sie gleich im Dorfe Fusch an jenem Häuschen, wo der betreffende Wegweiser sich befindet, von der Strasse ablenken, und den angenehmen schattigen Fusspfad am rechten Ufer einschlagen. Es ist diess viel rathsamer, als von Embacher den schlechten und nicht so aussichtsreichen Fahrweg zum Bade zu benützen. Hier beginnt die Landschaft interessant zu werden.

       Wir sehen von dem Fusswege aus über die Thalenge gegen Ferleiten hin ein Stück jenes prachtvollen Hintergrundes, der dem Fuscherthale seine Berümtheit verleiht. Die Fuscher Ache hat sich, ehe sie den Weichselbach aufnimmt ein tiefes Bett in die Thalsohle eingeschnitten, zu beiden Seiten wird sie von dicht bewaldeten Abhängen eingeschlossen. Das Embachhorn wirft kühle Schatten darüber, während wir gegen Westen in erhabenen Formen das Wiesbachhorn emporragen sehen.

       Nach 1 ½ Stunden vom Dorf ist das Bad St. Wolfgang erreicht. In der Chronik wird schon im Jahre 1422 des Bades Fusch Erwähnung gethan.

       Dasselbe ist nächst Gastein das berühmteste Gesundheitsbad des Salzburger Landes. Seine Entdeckung soll wie jene von Gastein ein verwundeter Hirsch herbeigeführt haben.

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Es besitzt eine Quelle von ausserordentlich reinem Wasser, das eine Temperatur von 5 - 6° R. hat und sehr angenehm zu trinken ist. Sie wird hauptsächlich gegen Magenleiden, dann als Vor- oder Nachkur von Gastein angeordnet und soll der Gebrauch derselben oft von überraschend guter Wirkung sein.

Ob wohl die Quelle allein diese Resulate hervorbringt? Gewiss nicht! Die kräftig reine Alpenluft, die erquickenden Spaziergänge in diesem herrlichen Thale, die anregende Gesellschaft, die einfache regelmässige Lebensweise, zu der man nolens volens sich hier gezwungen sieht, tragen wohl nicht minder dazu bei, all' den unzähligen Patienten Genesung oder wenigstens Linderung ihrer Leiden zu bringen.

       Der Besuch von St. Wolfgang ist von Jahr zu Jahr im Steigen begriffen, besonders seitdem daselbst für angenehme Unterkunft gesorgt ist. Jetzt wird es in jedem Sommer von 400-500 Kurgästen besucht.

       Das Bad selbst besass in früheren Zeiten ein einziges Badhaus, jetzt dem als kühner Bergsteiger bekannten Gregor Mayer gehörig, ein einfacher Holzbau mit zwei Gallerien und dem landesüblichen vorspringenden Holzdache.

       Im Jahre 1832 liess der Kardinal Fürst Schwarzenberg ein steinernes zweistöckiges Haus aufführen, um den immer zahlreicher herbeiströmenden Besuchern des Bades ein genügendes Unterkommen zu bieten. Leider wurde dieses einem so edlen Zwecke gewidmete Gebäude im Winter des Jahres 1842/43 von einer Lawine zerstört und so blieb das etwa 150 Jahre alte braune Haus des Mayer die einzige Wohnstätte, bis zum Jahre 1852 wo derselbe ein grosses schönes Steingebäude unfern des ersteren auf einer weniger lawinengefährlichen Stelle errichtete. Nicht weit davon ist in neuester Zeit (1861 - 1867) abermals ein stattliches Badehaus entstanden, demselben Besitzer gehörig, während im Jahre 1864 Johann Holzer, auch Fuscher Hanns genannt, ein viertes Wohngebäude errichtete und seinem Schwiegersohne Martin Flatscher übergab.

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Der Fuscher Hanns war in früheren Jahren einer der verwegensten Führer, ist jedoch schon hoch betagt und leider so lahm, dass er nur auf einem Stocke gestüzt mühselig sich fortbewegen kann. Die Unterhaltung mit ihm ist sehr anregend und wenn er auf seine Wiesbachhornersteigung zu sprechen kommt, bei der er dem Kardinal Schwarzenberg als Führer gedient hatte, so leuchten seine Augen vor innerer Aufregung und Begeisterung.

       Oberhalb des Bades steht die im 15. Jahrhunderte aufgeführte Kirche, die aber 1702 durch Lawinen hart beschädiget, im letztgenannten Jahre sammt dem damaligen Badehause fast gänzlich zerstört wurde.

       Im vergangenen Sommer war der Fremdenverkehr so bedeutend, dass auch die jetzigen Räumlichkeiten manchmal kaum mehr ausreichten, um all' jene, die hier ihre Genesung zu finden hofften, aufzunehmen.

       Die eigentliche Badezeit erstreckt sich blos auf die Monate Juli und August, was durch die hohe Lage des Ortes leicht erklärlich ist. Wir trafen bei unserem Besuche des Bades am 18. September des vergangenen Jahres im Gasthause des Flatscher nur mehr einen einzigen Kurgast.

       Viele der lohnendsten Partien bieten sich hier zur Auswahl dar, unter welchen die Ersteigung des Schwarzkopfs 8748' 2765m Keil obenan steht. Weit leichtere, doch auch lohnende Ausflüge sind: Die Besteigung des Embachhorns 8196' 2591m Sonklar, nicht zu verwechseln mit dem Imbachhorn, welches sich im Fusch-Kapruner Scheiderücken befindet; ferner des Kasereck's 6057' 1914m Sonklar, des Kühkarl's (auch Kühkarköpfl) 7177' 2269m Sonklar.

       Andere Exkursionen, wie den Besuch von Ferleiten, das Käferthal, den Uebergang über das Hochthor und die Pfandelscharte brauche ich nicht ausdrücklich zu erwähnen.

       Doch kehren wir nach diesem kleinen Abstecher wieder zum Embacher zurück, wo uns eine schöne Ahorngruppe den langersehnten Schatten spendet. Wir setzen unseren Weg nach Ferleiten fort und gelangen nach wenigen Schritten

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zum Bärenwirth, einem recht guten Wirthshause. Bis hieher ist der Fahrweg gut erhalten, der weitere Weg ist jedoch ziemlich steil und schlecht, so dass es vorzuziehen ist, die kurze Strecke bis Ferleiten zu Fuss zurückzulegen, um so mehr, da von hier an bei jedem Schritte aufwärts die Pracht des Thales sich immer mehr und mehr entfaltet und die Wanderung somit äusserst genussreich wird.

       Vielleicht dürfte es im Interesse manches Reisenden gelegen sein, die Preise der Fahrgelegenheiten vom Bärenwirthe aus kennen zu lernen. Im Sommer besteht eine tägliche Postverbindung zwischen Bruck und dem Embacher Gute. Wer dieselbe für jene Strecke benützen will, hat 1 fl. 20 kr. zu zahlen. Der Postwagen geht um 2 Uhr Nachmittags von Bruck ab und kommt um 3 Uhr 20 Minuten beim Embacher Hofe an - umgekehrt fährt derselbe um 6 Uhr Abends vom Embacher Hofe fort und trifft um 7 Uhr 10 Minuten Abends in Bruck ein.

       Vom Bärenwirthe steigt die Strasse beständig an der linken Thalseite empor, während der Bach in der Tiefe zwischen jähen Schluchten Wasserstürze bildet. Als ich in diesen Abgrund hinabsah, war das Bachbett stellenweise mit riesigen Massen von Holzschwellen bedeckt, die sich bei der Holztrift aufgestaut hatten.

       Unheimlich war es aber anzusehen, wie mehrere Männer mit langen eisenbeschlagenen Stangen versehen, auf diesen Holzbarrikaden über den wildschäumenden Fluthen standen und die Stämme wieder flott zu machen suchten. Es war dies eine schwere und zugleich äusserst gefährliche Arbeit,

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wie überhaupt das Leben der meisten Thalbewohner hier eine fortlaufende Kette von Mühseligkeiten und Gefahren ist. Das Holzfällen im Winter und das Hinablassen desselben über die steilen mit tiefem Schnee bedeckten Thalhänge ist ebenso gefährlich, wie das Abfahren mit dem Heu , das man von den hoch oben gelegenen Heustadeln zur Winterszeit über die festgefrorenen Flächen hinab zum Thale bringen muss.

       Das Heu wird zu einem 2 - 3 Centner schweren Ballen zusammengeschnürt und der Knecht seilt sich an denselben und zwar vornan. Ein mit schwerer Eisenspitze und einem Widerhacken versehener Stock dient ihm als Steuer und Bremse und um die Wirkung desselben zu unterstützen, hat er an den Füssen noch lange Eisenstacheln angeschnallt. Sitzend fährt er mit einer grässlichen Schnelligkeit über den jähen Schneehang. Wehe ihm, wenn er nicht das gehörige Gleichgewicht zu halten weiss und nicht Kraft genug besitzt, dort wo es nöthig ist, zurückzuhalten und den verschiedenen Hindernissen auszuweichen. So mancher hat es mit seinem Leben büssen müssen!

       Eine Holzhütte bezeichnet den höchsten Punkt des Weges, der in etwa 40 Minuten erreicht ist. Der Einblick in den Hintergrund des Thales erweitert sich immer mehr. Schon erblickt man den Kloben, den Spielmann, ja sogar ein Stückchen des Sonnenwelleck, doch ein grosser Theil wird uns durch einen weit in das Thal vorspringenden bewaldeten Hügel noch verdeckt. Aber schon dieses Bild ist würdig, länger betrachtet zu werden. Dazu gewährt uns der dunkle Fichtenwald unmittelbar vor unseren Augen einen schönen Contrast zu den aus dem fernen Hintergrunde hervorleuchtenden Eisgipfeln.

       In weitem Bogen zieht unser Weg fort. Kaum haben wir in 10 Minuten den Waldsaum erreicht, so öffnet sich uns ein überraschendes Gemälde und bannt uns unwillkürlich an die Stelle, wo uns der Anblick dieser grossartigen Scenerie so plötzlich entgegentritt.

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        Ein grosser ebener Thalkessel, der sich zwei Stunden weit gegen die ihn einschliessenden herrlichen Berge hinzieht, breitet sich vor dem entzückten Auge aus.

       Der Thalboden besteht aus Wiesen und Aeckern, hie und da durch Felsblöcke, Gebüsch und Wälder unterbrochen. Rechts erblicken wir an einer Kapelle mehrere Hütten.

       Es ist diess das Tauernhaus von Ferleiten und dessen Wirtschaftsgebäude 3701' 1170m Keil. Ein junger strebsamer Wirth aus Dorf Fusch beabsichtigt dieses Gasthaus mit Frühjahr 1871 zu pachten und es ist gegründete Hoffnung vorhanden, dass derselbe allen Ansprüchen der Touristen gerecht wird, indem er nicht nur für gute und billige Verpflegung, sondern auch für verlässliche gute Führer mit bescheidenen Ansprüchen zu sorgen beabsichtigt.

       Auf der anderen Seite des Thales zu unserer Linken steht ein zweites Gasthaus, das dem reichbegüterten Lukas Hansl gehört und zumeist von den Fremden besucht wird.

       Darüber ragen die stolzen Gipfel des centralen Hauptkammes empor und bilden mit ihrem Gestein und ihren eisgekrönten Häuptern ein in seiner Art einzig schönes Bild.

       Vor Allem tritt der breite Fuscherkarkopf empor mit seinem von Felsrippen durchbrochenen Eistalar. Ihm an Höhe und Majestät fast gleich erhebt sich zu seiner Linken das noch unerstiegene Sonnenwelleck , mit dem ersteren durch einen Firngrat in Verbindung. Von beiden Gipfeln zieht der Fuscherkargletscher in wildzerbrochenen bläulich schillernden Eismassen herab.

       Nach Aussagen alter Leute im Thale sind diese Namen der beiden Gipfel nicht ganz richtig. Gewöhnlich werden die Spitzen nach jenem Terrain benannt, welches sich zu ihren Füssen unmittelbar ausbreitet. Es soll daher auch in früheren Zeiten jene Spitze , die aus dem eigentlichen Fuschereiskar emporragt, nun als Fuscherkarkopf in den Karten bezeichnet, eigentlich Fuschereiskarkopf geheissen haben, während jener Gipfel der nun Sonnenblick oder Sonnenwelleck (Sonnenwahleck) genannt wird, die Bezeichnung Fuscherkarkopf

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trug, dagegen die Einsattelung zwischen diesen beiden Gipfeln den Namen Sonnenwelleck führte.

       Doch sind die in den Karten vorkommenden Namen zu sehr unter Fremden wie auch unter den Thalbewohnern verbreitet, als dass diese leicht zu Verwechslungen veranlassende ursprüngliche Nomenklatur neuerdings aufgenommen werden dürfte.

       An das Sonnenwelleck schliesst sich das Gamskarl an. Der Bärenkogl tritt weiter zurück und lässt in der tiefen Einsattelung der Pfandlscharte dem gleichnamigen Gletscher Raum sich auszubreiten. Von dieser Scharte steigen die Gipfel des Spielmann und des Kloben empor, während der Breimkogl zu weit östlich liegt, als dass er noch vollständig übersehen werden könnte.

       Den Hauptreiz des Fuscherthales bilden vorzüglich die Gegensätze, die hier so grossartig zur Geltung kommen. Das üppige Grün der Wiesen, die dunklen Forste zwischen den saftigen Alpenmatten der tieferen Stufen, die kahlen Felsen, die bläulich schimmernden Gletscher, die leuchtenden Schneedome der Hochregion sind es eben, die das Ange so mächtig fesseln; dennoch erblickt man nirgends, soweit es gewöhnlich von den Touristen besucht wird, jene grossartigen Formen und rasche Abwechslung wie sie das Stubachthal und jene überwältigende Majestät wie sie das Kaprunerthal bietet.

       Trotz alldem musste ich jedesmal, so oft ich dieses Bild auch schon vor Augen gehabt, stets an diesem Waldsaume innehalten, um all' den Zauber, der hier verbreitet ist, immer von Neuem wieder zu bewundern.

       Zwischen Gebüschen zieht sich der Weg nun gegen das Thalbecken hinab. Nach wenigen Minuten verlässt jener Fussgänger, der nicht in das neuester Zeit ganz gute Tauernhaus einkehren will, den Fahrweg und steigt über einen Grasabhang zu einem schmalen Steg, der uns auf das jenseitige rechte Ufer führt. Wir steuern in gerader Richtung auf das Gasthaus des Lukas Hansl zu, das unter seinem unscheinbaren Aeusseren verhältnissmässig genügende Bequemlichkeit bietet. Die Verköstigung ist hier, wenn

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auch nicht billig zu nennen, so doch mässigen Anforderungen immerhin entsprechend. Ein ehemaliger Holzschupfen nebenan ist zu einer Art Veranda verwandelt worden und gewährt uns daselbst den Genuss einer wundervollen Rundschau.

       Es war kaum Mittag, als ich am genannten Tage hier ankam und sofort nach meinem Freunde Hofmann und den Kalser Führern fragte. Doch von all' diesen keine Spur. Ich trösteste mich, da die Stunde der Zusammenkunft auf 5 Uhr Nachmittags festgesetzt war. Auf einmal sehe ich eine hohe schlanke Gestalt mit einem riesigen Bergstocke in eiligen Schritten daherkommen. Es war mein treuer Gefährte! Eine herzliche Begrüssung erfolgte, wie es zwischen innigen Freunden, die so manche Strapazen und Gefahren mit einander schon getheilt haben, nicht anders sein kann.

       Da wurden gleich alle Schätze ausgekramt, die Hofmann durch Verwerthung der gemachten Erfahrungen sich angeschafft hatte. Zuerst der schwere wenigstens 7 ½ Fuss hohe Bergstock, auf dessen oberem Ende eine horizontalgestellte Eisengabel eingeschraubt war, - beim Traversiren von steilen Schnee- und Eishängen ein schätzbares Hilfsmittel. Sodann wurden die zehnzackigen Steigeisen untersucht, die sich mein Freund in München hatte anfertigen lassen, die jedoch gleich Anfangs einiges Kopfschütteln bei mir hervorriefen und richtig nach kurzem Gebrauche zerbrachen. Auch ein Fläschchen Glycerin wurde im Triumphe gezeigt, das eine Probe gegen mein System des Einschmierens mit Fett bei langen Wanderungen über Schnee ablegen sollte und sich auch wirklich als vortrefflich bewährte. Und so kam noch manch wichtiger Ausrüstungsgegenstand zum Vorschein.

       Bald sassen wir auf der Veranda beisammen und sahen mit gespannter Aufmerksamkeit auf jenen Weg, der sich vom Tauernübergange nach Ferleiten herabzieht, und auf welchem unsere Kalser kommen mussten. Namentlich war die Kellnerin ungeheuer gespannt, den Schnell kennen zu lernen, der sich auch bei ihr schon einen gewaltigen Ruf als verwegener Führer erworben hatte.

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        Unter den heitersten Gesprächen verstrich die Zeit im Fluge, schon stand die Sonne tief am Himmel, als wir wenige Minuten vor 5 Uhr in der Ferne zweier Spitzhüte ansichtig wurden. Allsogleich eilten wir ihnen entgegen. Es waren die beiden Kalser Thomas und Michael Groder. Letzterer trat an die Stelle des Schnell, welcher mit einem Berliner seit einiger Zeit in der Oetzthaler Gebirgsgruppe weilte, - sehr zum Bedauern der Kellnerin. - Der krausköpfige Michael ("Much") war übrigens ein nicht übler Ersatz für Schnell, da es auch ihm keineswegs an trefflichen Führertugenden fehlt.

       Nun hub ein Fragen und Erzählen an, so dass wir darüber fast vergassen, den Proviant herzurichten, dessen wir noch heute bedurften. Wir hatten nämlich beschlossen, heute in der Judenalpe zu übernachten, um anderen Tages unsere Septembertouren mit der Ueberschreitung der Fuscherkarscharte und etwaigen Ersteigung des Fuscherkarkopfs zu beginnen.

       So kam es denn, dass wir erst bei hereinbrechender Dunkelkeit von Ferleiten aufbrachen und trotz Laternenschein (wir hatten nicht weniger als sechs Laternen in unseren Rucksäcken, welche sämmtlich mein Freund Hofmann den Kaiser Führern zur Benützung bei Glocknerbesteigungen mitgebracht hatte) - erst nach einigen Irrfahrten unser Ziel, die Judenalpe, erreichten, welche uns bereits nach der Passage der Unteren Oedenwinkel- und der Bockkarscharte als Asyl gedient hatte.

       Nach einigem Pochen und Rufen wurde uns endlich die Thüre geöffnet und wir ebenso freundlich von Melker empfangen, wie dazumal. Waren es ja alte Bekannte, die heute bei ihm eintrafen.

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              "Ueber die Fuscherkarscharte nach Heiligenblut"
(J. Stüdl)