Wanderungen 6

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        Welchem Besucher der Fuscherthales wird nicht jenes grossartige Hochthal bekannt sein, das durch seine rauhe Majestät, durch seine fesselnde Wildheit in jedem Beschauer einen überwältigenden Eindruck hervorruft! Ich meine das Käferthal, der oberste Theil der Fusch. Kein Tourist, der einmal in das Fuscherthal seine Schritte gelenkt, sollte zurückwandern ohne dasselbe besichtigt zu haben. Und selbst jenen Reisenden, welche nicht über die Pfandlscharte zu steigen beabsichtigen, dürfte es anzurathen sein, doch wenigstens bis zur Trauner Alpe zu gehen, wo das ganze Käferthal am besten überblickt werden kann.  

       Im Hintergrunde des Thales ragt die sanft gewölbte Kuppe des Breitkopf (Bockkarkopf) auf und scheidet jene beiden Gletscherströme, die in bläulich schimmernden Eisterrassen zum Thale herniederfluthen.

       Rechts (nördlich) von diesem Gipfel, entspringt der Bockkargletscher in einer weiten Mulde, die von der abgestumpften Felspyramide der Hohen Dock, vom Kleinen und Mittleren Bärenkopf, dem Eiswandbühl, der Bockkarscharte und dem oben erwähnten Breitkopf bogenförmig umsäumt wird; der obere Theil desselben ist weniger steil als der untere, wo die bedeutende Neigung ein beständiges Ablösen von grossen Eistrümmern zur Folge hat.

       Links (südlich) vom Breitkopf zieht der Fuscherkargletscher zum Käferthal herab und nimmt seinen Ursprung theilweise in jener flachen Einsattelung, die zwischen dem Breitkopf und dem Fuscherkarkopf eingeschnitten ist und die Fuscherkarscharte 9194' 2906m Keil bildet, theilweise in jenen Firnhängen, die zwischen dem Sonnenwelleck und dem Fuscherkarkopf sich ausbreiten. Auch der Fuscherkargletscher ist in seinen unteren Regionen stark zerklüftet, in gleicher Weise, wie der Bockkargletscher. Die beiden Eisströme sind durch einen aus der Mitte derselben hervorstehenden Felskamm gegen ihren Ausgang

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getrennt. In früheren Zeiten waren die beiden zu einem Gletscher, dem "Wasserfallgletscher" vereiniget, dessen Zunge bis an die über dem Käferthale sich erhebenden Felswände sich erstreckte. Durch das seit 10 Jahren beobachtete beständige Zurückweichen dieser beiden Arme ist nun der letztgenannte Gletscher verschwunden, namentlich steht jetzt das Ende des Fuscherkargletschers gegen jenes des Bockkargletschers weit zurück.

       In herrlichen Wasserfällen kommen die Abflüsse der beiden Gletscher zum Käferthale hernieder und tragen nicht wenig dazu bei, den Reiz des letzteren zu erhöhen. An warmen Tagen wird man oft bis 14 solcher silberner Fäden sehen, die sich über die senkrechten Wände hinabziehen. Mit dem Getöse dieser Wasserstürze vermischt sich gar oft ein dumpfes Krachen, welches das beständige Einstürzen der Eismassen verkündet. Diese eisigen Fluthen geben in Verbindung mit dem Abflusse des Pfandlschartengletschers der Fuscherache ihren Ursprung.

       Es lag in unserer Absicht, die Möglichkeit einer Passage über die Fuscherkarscharte sicher zu stellen, da wir darüber nirgends Bestimmtes erfahren konnten.

       Als wir aber nach Ferleiten kamen und im Fremdenbuche nachblätterten, fanden wir, dass wenige Tage vorher und zwar am 23. August die Gebrüder Calberla aus Dresden unter der Leitung des Mathias Asslaber, im Sommer 1869 Führer in Ferleiten, und Johann Tribuser aus Heiligenblut diese Scharte nach einem 9stündigen beschwerlichen Marsche erreicht hatten. Dass F. F. Tukett bereits im Jahre 1866 die Fuscherkarscharte überstiegen hatte, davon besassen wir damals noch nicht so sichere Kunde wie jetzt, wo wir nun allerdings durch Privatmittheilungen Näheres über jene Exkursion erfahren haben.

       Doch änderten wir, obwohl uns die Herren Calberla zuvorgekommen waren, doch nicht unseren Plan, umsomehr da wir mit der Ueberschreitung dieser Scharte die Ersteigung des Fuscherkarkopfes verbinden wollten, ein Unternehmen, das von dieser Seite aus noch nie in Angriff ge-

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nommen worden war. Auf jener Spitze hofften wir eine gute Uebersicht über die verschiedenen Bärenköpfe im Fusch- Kapruner- und im Tauern-Hauptkamme zu geniessen.

       Wir brachen von der Judenalpe am 10. September um 3 Uhr 45 Minuten auf. Tiefe Dämmerung lag noch über dem Thal ausgegossen, nur die über uns sich emporthürmenden Gletschermassen begannen in einem eigenthümlichen fahlen Lichte zu glänzen. An der nördlichen Seite des Käferthales stiegen wir anfangs über einige Wiesen empor.

       Der Thermometer zeigte uns eine Temperatur von 14° R. trotz der frühen Morgenstunde, dazu wehte uns heftiger Südwind entgegen, eine schlimme Vorbedeutung, obwohl der Himmel wolkenlos sich über uns wölbte. Unsere Befürchtungen waren nur zu gut begründet. Bald legten sich einzelne Nebelballen an die Spitzen des Fuscherkarkopfes und Sonnenwellecks. Einen erhabenen Lichteffekt riefen die sie treffenden Strahlen der aufgehenden Sonne hervor, der durch den Gegensatz zu der uns zugekehrten Schattenseite der genannten Spitzen noch mehr gehoben wurde.

       Wir verfolgten zunächst einen Schafsteig, welcher dem Hintergrunde des Thales zuläuft; später aber, als derselbe sich verlor, mussten wir sogar die Steigeisen anlegen, um das beständige Abgleiten auf der steilen glatten Grasfläche zu verhindern. Ueber einen Wildbach setzend, standen wir bald am Fusse der das Käferthal im Westen abschliessenden Felswände.

       Nun begann ein steileres Emporsteigen zuerst über stark geneigte Grasflächen, dann über Schutt und Felsen, bis wir um 7 Uhr 30 Minuten am Ausgange des Bockkargletschers ankamen.

       Das Wetter hatte sich immer ungünstiger gestaltet. Zu unser Rechten thürmten sich die terrassenförmig ansteigenden Felswände zum "Hohen Gang", darüber bis zur Spitze der Hohen Dock empor, zu unserer Linken hatten wir die Eismassen des Bockkargletschers.

       Wir entschlossen uns, zunächst über den letzteren

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unsere Wanderung fortzusetzen und stiegen nun über einen steilen Eisabhang zu dem tiefer liegenden Theile desselben.

       Nun aber begann eine äusserst gefährliche Arbeit und zwar mussten wir uns mitten durch einen Gletscherbruch hindurch unseren Weg suchen, um zum Fuscherkargletscher zu gelangen. Thomele wurde vorausgesendet um zu rekognosciren, wir folgten ihm langsam, ohne durch das Seil verbunden zu sein. Ein Chaos von Eistrümmern und Klüften war zu überschreiten, zwischen drohenden riesigen Eiswänden mussten wir uns durchwinden, in steter Gefahr bei dem alle Augenblicke zu gewärtigenden Einstürze derselben erschlagen zu werden. Der heisse Südwind machte die Situation noch gefährlicher, und in der That hörten wir ununterbrochen ringsumher das Krachen zusammenbrechender Eismassen. Freund Hofmann, der diessmal den Schluss des Zuges bildete, war einmal sogar nahe daran, erschlagen zu werden, da knapp hinter ihm unter furchtbarem Getöse eine mächtige Eiswand zusammenstürzte.

       Beinahe 1 Stunde brauchten wir, um zu jenem Felskamm zu gelangen, welcher den Fuscherkargletscher vom Bockkargletscher trennt. Um 9 Uhr 10 Minuten erreichten wir endlich den Fuscherkargletscher. Vor uns hatten wir nun eine beinahe überhängende Eiswand, links einen steilen Felsabsturz, an dessen Fusse die Abflüsse der uns überragenden Eismassen in hohen Katarakten vorüberflutheten.

       Hier machten wir Halt und berathschlagten , wie wir da weiter kommen könnten. Es war ein unheimliches Plätzchen. Von dem über uns befindlichen Breitkopf kollerten beständig Steine herab, wir mussten uns knapp an die Eiswand schmiegen, um die gefährlichen Geschosse über unsere Köpfe hinwegfliegen zu lassen, dabei wurden wir rasch durch das herabsickernde Wasser durchnässt. Wiederholte Versuche, direkt über jene Eiswand mit Hilfe von eingehauenen Stufen emporzukommen, misslangen, trotz der Tollkühnheit, die namentlich Much hiebei an den Tag legte.

       Da wurde der letztere ausgesendet das Hinderniss von der Seite des Felsens zu umgehen, sich über jenen

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auf die höher liegende Terrasse des Gletschers hinaufzuschwingen und von dort aus das Seil uns herabzulassen.

       Behend stieg er über die steilen vom Wasser überflutheten Felsen hinan und nachdem er einige Stufen im Eise sich gehauen, stand er bald am Rande der Eiswand über uns. Nun wurden die Bergstöcke und Rucksäcke hinaufgeseilt, sodann kletterte Freund Hofmann am Seil empor; doch war dies immerhin eine beschwerliche Aufgabe, bei welcher man vollauf Gelegenheit hatte, an dem rauhen Eiswand Hände und Kniee sich blutig zu reissen, zudem eine äusserst langsame Beförderungsart; ich beschloss daher mit Thomele, jenen wenn auch schlimmen Weg, den Much eingeschlagen hatte, hinaufzuklimmen.

       Die Füsse und Hände überfluthet von dem eisigen Wasser und in steter Gefahr, von den herabsausenden Steinen getroffen zu werden, kam ich endlich glücklich bei Hofmann an. Unverweilt setzten wir nun unseren Weg fort, und zwar hielten wir uns jetzt mehr auf dem linken Ufer des Fuscherkargletschers , der hier oben vom Bockkargletscher nur durch einen grossen vom Breitkopf herabhängenden Schuttwall getrennt ist. Von letztem waren beständig die erwähnten fatalen Steingeschosse herabgekollert.

       Obwohl die Neigung des Fuscherkargletschers im oberen Theile noch eine bedeutende ist und im Durchschnitte 30° beträgt, so finden sich hier doch nur wenig Klüfte, wesshalb unser weiterer Aufstieg ziemlich rasch vor sich ging. Je höher wir emporkamen, desto geringer wurde der Abfallswinkel und als wir uns der Fuscherkarscharte näherten, wurde die Schneefläche beinahe ganz eben.

       Die Scharte besteht aus einem breiten flachen Eissattel, der gegen den Pasterzengletscher gleichfalls sanft verläuft. Ebenso schliessen sich die Abhänge des Breitkopfes und des Fuscherkarkopfes Anfangs in mässiger Steigung an, und nur bei dem letzteren nimmt dieselbe in der oberen Hälfte bedeutend zu.

       Um 10 Uhr 15 Minuten erreichten wir die Scharte

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und suchten uns hinter einigen Felsstücken am Fusse des Fuscherkarkopfes vor dem heftigen Winde zu schützen. Dichte Nebel jagten hin und her, bald hüllten sie uns ein, bald gestatteten sie wieder einen theilweisen Einblick auf die uns umgebende Eiswelt.

       Unmittelbar über uns zogen die Felsabhänge des Fuscherkarkopfes empor, deren nördliche und nordwestliche Kanten gegen die Pasterze weit vorspringen und den Gletscher zwingen, im mächtigen Bogen auszuweichen. Aeusserst interessant ist hier die vorzügliche Ausprägung des Randtalus des Gletschers. Wie eine riesige Eisbastion ziehen die steilen Eisflächen desselben glatt und regelmässig empor, als wäre das Ganze sorgfältig gemauert und polirt, so dass man daran ganz deutlich die Schichtenbänder des Eises erkennen kann. Die Oberfläche dieses Theiles des Pasterzengletschers ist, wie schon erwähnt, wenig geneigt und ohne Klüfte. An dem gegen Norden vorspringenden Kamme des Fuscherkarkopfes wollten wir nun zum Gipfel emporsteigen. Jedoch die Ungunst des Wetters veranlasste uns, diesen Plan fallen zu lassen.

       Um doch wenigstens einen Ueber blick über die oberen Theile dieses Felskammes zu erlangen und uns Gewissheit über die Möglichkeit, den Gipfel auch von dieser Seite zu erreichen, zu verschaffen, kletterten wir etwa 300-400' hoch über den genannten Felsabhang empor, soweit bis wir uns überzeugen konnten, dass ein weiteres Vordringen bis zum Gipfel nicht mehr mit übergrossen Schwierigkeiten verbunden sein würde.

       Hier nun lagerten wir uns an einer gegen den eisigkalten Wind möglichst geschützten Stelle und warteten geduldig bis die Nebel sich etwas zerstreuen würden, um wenigstens einen Blick auf die Pasterze zu gestatten.

       Plötzlich reisst sich hoch in den Lüften der Wolkenschleier entzwei, stolze Spitzen und Kämme ragen mächtig vor uns empor. Der Anblick war von so grossartiger Wirkung, dass ich momentan ein Zauberbild vor mir zu haben wähnte, obwohl ich wusste, dass uns gegenüber nichts anderes als der Glocknerkamm sein konnte. Dadurch

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aber, dass die Nebel seinen Fuss umwogten, dann und wann auch die höheren Partien theilweise verdeckten und in Schatten und Farben einen eigenthümlichen Duft hervorbrachten, schien derselbe zu einem riesigen Titanengebilde emporzuwachsen. Niemals noch hatte der Glocknerkamm einen so überwältigenden Eindruck auf mich hervorgerufen, als in diesem Augenblicke, wo wir zähneklappernd und ungeachtet unserer Handschuhe und Plaids von bitterkaltem Froste durchschüttelt von jenem Felsgrate des Fuscherkarkopfes aus zu ihm hinüberlugten.

       Trotz diesem Ungemache verweilten wir lange Zeit auf diesem herrlichen Ruhesitz und erst als wir alle vor Kälte fast starr geworden waren, entschlossen wir uns wieder hinabzusteigen und unsere Wanderung fortzusetzen.

       Wir nahmen unseren Weg anfangs über die linke Seitenmoräne, später in jener Furche, die sich zwischen dem Abhang des Fuscherkarkopfes und dem Randtalus des Pasterzengletschers gebildet hat.

       In furchtbar steilen Felswänden setzt der Fuscherkarkopf auf der dem Johannisberg zugewandten Seite zur Pasterze hernieder. Nach und nach heiterte sich das Wetter immer mehr auf und wir begrüssten mit Jubel einen stolzen makellosen Schneedom, der aus dem Eismeere der Pasterze emportauchte.

Johannisberg 10/9 (10. September 1869), aus Johann Stüdls Skizzenbuch.

       Es war der Johannisberg, aber in so gänzlich veränderter Form, dass jene, welche denselben bisher nur von der Franz-Josephs-Höhe aus als eine sanft gewölbte Kuppe gesehen, in dieser Gestalt ihn gewiss nicht mehr erkennen würden. Sein Gipfel war so fein und anscheinend unnahbar zugespitzt, dass wir zum erstenmale vor demselben einen tüchtigen Respekt bekamen.

       Dort wo der Randtalus sich ganz verflacht, betraten wir den Pasterzengletscher, stets in der Richtung gegen die Gamsgrube fortwandernd. Vor uns gegen Südosten ragte der Grosse Burgstall, weiter gegen die Mitte der Mittlere empor, umgeben von prachtvollen Gletscherbrüchen.

       Immer noch hatten wir die Wände des Fuscherkar-

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kopfes zu unserer Linken , jedoch wurde die Neigung auf jener Seite, die dem Mittleren Pasterzenboden zugewendet ist, minder steil.

       Nach und nach heiterte sich der Himmel immer mehr auf und da wir hier gegen den Wind gut geschützt waren und die Mittagssonne ihre wärmenden Strahlen ungehindert uns zusenden konnte, so beschlossen wir im Angesichte eines so herrlichen Bildes, wie es der Johannisberg und der Glocknerkamm vom Kellersberg angefangen bis zum Eiskögele bieten, auf einem mit feinem weichen Schutt bedeckten Platze unweit der Gamsgrube auszuruhen. Diese besteht aus einem Einschnitte in dem Abhange des Fuscherkarkopfes dicht neben dem Gletscher. Man erspart sich durch den Weg über dieselbe das etwas bedenkliche Hinabsteigen vom Obersten auf den Mittleren (Oberen) Pasterzenboden.

       Wohl an zwei Stunden mag unsere Mittagsruhe gedauert haben, die auch von Einem und dem Anderen zu einem Schläfchen benützt wurde, bis wir uns wieder zum Weitergehen rüsteten. Ueber lockeren sandigen Boden betraten wir bald die ausgetrockneten Rasenabhänge, welche bis zur Johannishütte und darüber hinaus sich fortsetzen, und kamen 3 Uhr 15 Minuten bei derselben an.

       Wie herrlich wäre es gewesen, wenn wir hier hätten übernachten können. Aber das Innere der Hütte war durch den zeitweisen Aufenthalt der hier weidenden Schafheerden so verunreinigt und das ganze Gebäude in einem so defekten Zustande, dass es am Ende noch viel besser gewesen wäre, die Nacht im Freien zuzubringen.

       Die Besucher der Pasterze, namentlich jene, die in der Umgebung derselben grössere Touren beabsichtigen, finden jedoch die Hütte seit dem Sommer 1870 in vollständig bewohnbarem Zustande. Die Schlüssel hiezu sind bei den verlässlichsten Führern in den verschiedenen Thälern vertheilt.

Fussnote: In Heiligenblut beim Obmann des dortigen Führer-Vereines Anton Granögger, in Kals beim Glocknerwirthe Joh. Groder, in Uttendorf beim "Bäckerwirthe", in Kaprun beim Führer Anton Hetz, im Fuscherthale und zwar im Dorfe Fusch bei Herrn Pfarrer Nill, in Ferleiten im Wirtshause des Lukas Hansl und im Tauernhause.

Für diejenigen Touristen, welche bei ihren

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Exkursionen durch Zufall keine Schlüssel mitgenommen haben sollten, diene zur Kenntniss, dass der Melker der Wallnerhütte einen solchen zur Aufbewahrung erhalten.

       Als wir von hier aus zur Glocknerspitze emporblickten, sahen wir mit Hilfe unserer Fernröhre auf dem Firngrate, der vom Kleinglockner zur Adlersruhe hinabzieht, deutliche Fussspuren. Nachdem mir bekannt war, dass der Kardinal Fürst Schwarzenberg aus Prag an dem Tage, wo unsere beiden Führer Kals verliessen, Vorbereitung zur Glocknerfahrt getroffen hatte, so zweifelte ich nicht daran, dass dieselbe auch gelungen sei und hielt zu meiner grössten Freude diese breiten Spuren für jene der erwähnten Expedition. Leider wurde jedoch Fürst Schwarzenberg, wie wir später in Kals erfuhren, durch heftigen Sturm auf der Adlersruhe zur Rückkehr gezwungen, dagegen führte Herr Joseph Wiedemann aus Wien mit zwei Heiligenbluter Führern zu derselben Zeit, nachdem er den wildesten Anprall des Sturmes abgewartet, die Ersteigung glücklich aus. Von dieser letzteren Partie rührten die erwähnten Fussspuren her.

       Da wir nicht Ursache hatten uns zu beeilen, so verweilten wir auch bei der Johannishütte geraume Zeit und kamen über die Franz Joseph Höhe erst um 5 Uhr 45 Minuten Nachmittags bei der Wallnerhütte an. Hier beschlossen wir zu übernachten, um am anderen Tage die projektirte Besteigung des Fuscherkarkopfes und des Sonnenwellecks zu versuchen und zwar über den Freiwandeck-Gletscher, von welchem aus der erstere bereits einmal erreicht wurde und zwar vom Grafen Nimptsch unter Führung des Anton Hutter aus Fusch am 5. September 1865. (Siehe Jahrbuch des Oesterreichischen Alpenvereins Bd. 2, S. 342.)

       Die Perle des ganzen Glocknergebietes ist unstreitig jener Anblick, der dem Besucher von der Franz-Josephs- 

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Höhe geboten wird. Es ist ein Gemälde von so erhabener Schönheit, von so grossartiger Wirkung, dass etwas Aehnliches vielleicht nur in den prachtvollsten Theilen der Schweizer Gebirgswelt aufzufinden wäre. Der Uebergang über die Pfandlscharte nach Heiligenblut wird meist zu dem Zwecke ausgeführt, um den Besuch des genannten Aussichtspunktes damit zu verbinden, wodurch ein ganzer Tag, der einer Exkursion zur Franz Josephs Höhe von Heiligenblut aus gewidmet werden müsste, erspart wird. Fast zu allen Tageszeiten findet man Touristen hier, die dieses entzückende Bild bewundern.

       Der riesige Eisstrom der Pasterze, über welchen sich in einer Höhe von mehr als Viertausend Fuss in überwältigender Majestät der Glocknerkamm mit den beiden Glocknerspitzen und der Glocknerwand emporthürmt, der makellose Eistalar des Johannisbergs im Hintergrunde, zu dessen Füssen der Kleine und der Mittlere Burgstall gleich kolossalen Steinblöcken hervorstehen, zwischen beiden der charakteristische Eisbruch des Pasterzengletschers; diess vereinigt sich zu einer der grossartigsten Hochgebirgs-Scenerien unserer Alpen. Schaubach schildert den Eindruck dieses Anblickes, welchen er bei einer klaren hellen Mondnacht von der Johannishütte aus genoss, mit so hinreissenden Worten, dass man es wirklich bedauern muss, durch die frühere Unwohnlichkeit der Johannishütte einen solchen Hochgenuss entbehrt haben zu müssen.

       Ob es sich nicht trefflich rentiren würde, wenn ein spekulativer Wirth auf der Franz Josephs Höhe oder am Brettboden (Elisenrast) ein Gasthaus erbaute? Fast mit mathematischer Gewissheit könnte man die Frage bejahen. Vorläufig aber bildet nun wenigstens die Johannishütte wieder einen guten Ausgangspunkt für die vielen, beinahe 20, der grossartigsten Touren, welche von da aus auf verschiedene Pässe und Spitzen (den Glockner nicht ausgenommen) unternommen und meist ohne grosse Schwierigkeiten ausgeführt werden können.

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Möge dieses Buch hiezu einige Anregung bieten, es wird uns der beste Lohn für unsere Mühe und Arbeit sein!

       Der Uebergang über die Fuscherkarscharte ist ohne Zweifel weit interessanter, als jener über die Pfandlscharte und ebenso ist mit Gewissheit anzunehmen, dass sich ein weniger gefährlicher Weg vom Käferthal aus auffinden liesse, als wir zurückgelegt haben. Namentlich kann jener drohende Gletscherbruch, den ich oben geschildert, bei richtiger Terrainkenntniss umgangen werden, wie diess auch die Gebrüder Calberla gethan haben. Für diesen wäre die Fuscherkarscharte, in gleicher Weise, wie die benachbarte Bockkarscharte dem Uebergange über die Untere Pfandlscharte von rüstigen Bergsteigern vorzuziehen, weil dieser Weg mitten in das Herz der Glocknergruppe führt.

       Uebrigens empfiehlt der tüchtige Führer Anton Hutter im Dorfe Fusch einen ganz neuen eben so lohnenden Uebergang aus dem Käferthale und zwar oberhalb der Wasserfälle, unter dem östlichen Theile des Fuscherkargletschers hindurch und sodann hinauf zum Gamskar und über die Obere Pfandlscharte zum Schaflerloch und zur Wallnerhütte. Dieser Weg soll bedeutend lohnender und nur um eine Stunde (?) weiter sein, als über die untere Pfandlscharte. Jedenfalls scheint es mir zweifelhaft, dass diese Exkursion blos um eine Stunde weiter sein sollte. Auf alle Fälle aber wäre es für unternehmende Touristen eine dankbare Partie und immerhin eines Versuches werth.

       Ich will dem freundlichen Leser nicht erst all' die Qualen aufzählen, die das Uebernachten in der Wallnerhütte mit sich bringt, namentlich wenn eine bedeutende Zahl von Mähderleuten (Knechte, die zum Heumähen heraufkommen) den ohnehin äusserst beschränkten Raum der Hütte in Beschlag nehmen. Nur das sei bemerkt, dass wir nach einer höchst unerquicklichen Nacht das Wetter des anderen Morgens sehr ungünstig fanden. Wir gaben die projektirte Bergfahrt auf und beschlossen nach Heiligenblut und von dort aus nach Kals zu wandern. Die Restaurirung der Johannishütte war der eigent-

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liche Zweck unseres Besuches in Heiligenblut, wo wir zunächst mit dem Pfarrer, Herrn Joh. Wawra, einem überaus freundlichen und gefälligen Manne in erster Reihe, und sodann mit dem Wirthe Herrn Schober Rücksprache betreffs der Wiederherstellung der genannten Hütte nehmen wollten.

       So stiegen wir über die Grasabhänge zuerst zum Bache hinab, der aus dem Nassfelde zum Untersten Pasterzenboden herabfliesst und wanderten zum Brettboden, seit dem Besuche der Kaiserin Elisabeth "Elisenrast" genannt. Aus derselben Veranlassung wurde der Hohe Sattel, bis wohin Kaiser Franz Joseph hinanstieg, seither "Franz- Josephs- Hohe" benannt. - Es ist diess ein Grasabhang, der sich gerade gegenüber dem Ausgange des Pasterzengletschers befindet und einen prachtvollen Ueberblick über diesen grossartigsten der Eisströme unserer Deutschen Alpen gestattet.

       Hier, wo der Mittlere Pasterzenboden plötzlich zu einer um circa 800' niederen Stufe hinabsinkt, schieben und thürmen sich riesige, blaugrün schimmernde Eismassen übereinander und bilden einen wunderschönen Gletscherbruch, welcher den Reiz des Gesammtbildes wesentlich erhöht. Die unterste Gletscherterrasse der Pasterze heisst "Unterer Pasterzenboden", sie ist bei gehöriger Sorgfalt ebenso gefahrlos zu überschreiten, wie die beiden oberen Terrassen.

       Am südlichen Ende des Gletschers liegt die kleine Lacke des Grünsee's 6320', 1998m Keil. Ein Felsen am Gletscherende heisst Margaritze, wo die Möll unter den Eismassen hervorrauscht und sich sodann ein tiefes steiles Bett zwischen den Abhängen des Vorderen Leiterkopfes und denen der Albitzen ausgewühlt hat.

       Von der Elisenrast wendet sich der Weg der jungen Möll zu und zieht über Grasabhänge hoch über der Thalsohle hinab. Eine Stelle, die "Böse Platte" genannt, wo der Weg ehedem durch Wasserstürze, Erdrutschen und Lawinen beständig weggerissen wurde, ist jetzt durch Ein-

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Sprengung desselben in die Felswand zugänglicher gemacht. Im Zickzack windet sich der Fusssteig hinab. Bald sehen wir weit hinüber in das Möllthal, während in unnahbarer Tiefe zu unseren Füssen die Möll rauscht. Bald führt der Weg durch einen Wald an der Bricciuskapelle vorüber, die nun ganz verfallen ist. Von der gegenüberliegenden Wand stürzt der Leiterbach in drei Absätzen zur Tiefe, wird aber bei Weitem durch den Gössnitzfall übertroffen , den wir auf dem Wege von Heiligenblut nach Kals näher kennen lernen werden.

       Nun geht es theils über Wiesen theils an steinigen Thalgehängen entlang hinab zur Thalsohle "Im Winkel" genannt, wo uns der Weg auf die rechte Seite der Möll führt. An Bauernhäusern und Aeckern vorbei erreichen wir nach abermaliger Ueberschreitung der Möll und zweistündigem Marsche das liebliche Heiligenblut. Die hier erfolgte Rücksprache mit Herrn Pfarrer Wawra und mit dem Wirthe veranlasste uns, die Wiederherstellung der Johannishütte in die Hände der Führer Granögger, Tribuser und Pichler zu legen.

Nachdem der Zweck unseres Besuches erreicht war, machten wir uns nach eingenommenem Mittagsmahl neuerdings auf den Weg, um noch am selben Tage über das Berger Thörl nach Kals zu kommen.

        Drei Klassen von Reisenden hat Gott erschaffen: den bequemen Touristen, der gerne mit möglichst geringer Mühe sein werthes "Ich" von einem Orte zum andern bringt und dabei dennoch alle Glanzpunkte der Alpen sehen möchte; den gemüthlichen Bergwanderer, welcher gerade nicht zurückschreckt vor einem etwas beschwerlichen

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Gange, ihn vielleicht einer schönen Aussicht zu Liebe sogar mit Freuden unternimmt, aber dennoch im Allgemeinen seinen Gliedern keine grössere Anstrengung zumuthen will, als gerade unumgänglich nothwendig ist, endlich den thatendurstigen Bergsteiger, der rastlos emporstrebt zu schwindelnder Höhe, wo ihm die Unermesslichkeit erschlossen dünkt.

       Für jede dieser drei Touristen-Species wissen wir einen trefflichen Weg zu nennen, um von Heiligenblut nach Kais zu kommen. Die Angehörigen der erstgenannten Gruppe werden nach Winklern, sodann wenn ihnen der Weg nicht gar zu schlecht vorkommt über den Iselsberg nach Lienz fahren, lassen sich auf der wohlerhaltenen Poststrasse bis Huben bringen und wandern dann zu Fusse die kleine Strecke durch das Kalser Thal aufwärts nach Kals.

       Im grellen Gegensatze dazu werden die Mitglieder der letztgenannten Klasse von Reisenden es für das grossartigste Reiseziel betrachten, über den Grossglockner selbst von dem einen Dorfe zum anderen zu gelangen.

       Wiederum anders wird sich den Uebergang der gemüthliche Bergsteiger einrichten, d. h. derjenige, der zwar nicht nach den höchsten Regionen strebt, aber auch einen etwa sieben-stündigen Marsch nicht scheut, wenn er auch mit einigen Beschwerden verbunden ist, der schlage den Weg über das Berger Thörl ein, es ist diess die kürzeste Verbindung zwischen Kals und Heiligenblut.*) Die letztere Partie soll in den folgenden Zeilen einer kurzen Beschreibung unterzogen werden.

*) Fussnote:
Der verhältnissmässig lohnendste und gleichfalls nicht mit besonderen Schwierigkeiten verbundene Uebergang von Heiligenblut nach Kals ist es jedoch, von ersterem Dorfe zur Pasterze zu wandern, dann über den Vorderen Leiterkopf in's Leiterthal hinüberzusteigen und über das Berger Thörl seinen Weg fortzusetzen. Diese Partie nimmt etwa 8 - 9 Stunden in Anspruch.

       Der Weg von Heiligenblut bis zur Thalerweiterung "im Winkel" ist uns bereits bekannt. Wir setzen jedoch hier nicht wieder über die Möll, sondern wenden uns bei 

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einem Bauernhause gegen die linke Seite und steigen die waldigen Abhänge der Bärnstattwand hinan. Bald verkündet uns fernes Donnern ein erhabenes Naturschauspiel. Es ist der Gössnitzfall, an welchem der Weg unmittelbar vorüberführt, so dass wir denselben nun in seiner ganzen Grösse überblicken können. Aus einer engen Schlucht, hinter welcher man kaum ein so bedeutendes Thal vermuthet, stürzt der Gössnitzbach hervor und sendet weisse Schaummassen über die bemoosten Felswände herab in einen tiefen Kessel, aus welchem hohe Staubsäulen wieder zu uns emporwirbeln. Doch ist die Wassermasse nicht bedeutend genug, um diesen Fall zu den schönsten der Tauernkette zählen zu können.

       Wir steigen meist an den Waldabhängen des Krocker auf gutem Fusssteig hinan und wenden uns nach fast zweistündigem Marsche gegen Westen dem Leiterthale zu. Das Thal verengt sich, mächtige steile Felswände ragen himmelan und bilden eine unheimliche Schlucht. Auf schmalem schlüpfrigem Stege übersetzen wir den Leiterbach und steigen auf dessen linkem (nördlichen) Ufer über den sogenannten "Katzensteig" hinan.

       Nicht so ganz mit Unrecht ist der Weg etwas verrufen, da er hoch über dem Bache, oft knapp am Rande des Abgrundes hinanführt, oft ziemlich schmal, in raschem Wechsel bergan, bergab führend, ohne jedoch in dem schwindelfreien Wanderer gerade ein Unbehagen hervorzurufen. Dem mit Schwindel behafteten Touristen dagegen wird er an manchen Stellen etwas unheimlich erscheinen, namentlich dann, wenn er zu dem in der Tiefe rauschenden Leiterbache hinabsieht.

       Uebrigens haben die Mitglieder des Heiligenbluter Führervereines im Frühjahre und Spätherbste 1870 die schlimmsten Stellen des Weges derart verbessert, dass dieselben nunmehr ganz bequem zu betreten sind. Auch bauten die Führer am Fusse des sogenannten Bühels über den grossen Leiterbach einen Steg, der früher meist fehlte oder in Form eines kleinen morschen Brettes bestand und dadurch das Uebersetzen des Leiterbaches bedeutend erschwerte. Der Deutsche Alpen-

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verein hat dieses höchst anerkennenswerthe Unternehmen entsprechend subventionirt.

       Nach etwa 3 /4 Stunden ist diese fatale Strecke oberhalb des Leiterbaches überwunden, das Thal erweitert sich, der Steig wird bequemer und breiter. Am jenseitigen Ufer erblicken wir zwei Sennhütten der Leiteralpe, die früher bei den Glocknerbesteigungen von Heiligenblut aus als Nachtquartier dienen mussten.

       Gerade nördlich oberhalb der Hütten liegt zwischen dem Vorderen und Mittleren Leiterkopf die Stockerscharte, welche als Uebergangspunkt aus dem Leiterthale zum Oberen Pasterzenboden benützt wird; doch kann man auch um den Vorderen Leiterkopf herum zum Unteren Pasterzenboden und zwar bequemer als über die Stockerscharte gelangen.

       Wir setzen unseren Weg am linken Ufer fort. Hier liegen grosse Ueberreste von Lawinen, unter welchen der Bach hindurchfliesst. Der Weg führt nicht mehr so hoch über der Thalsohle, aber dennoch gab es hier einige Stellen, die vor der Verbesserung durch die Heiligenbluter Führer mit Vorsicht überschritten werden mussten. Damit hat man aber auch die letzte Passage im Rücken, die für Ungeübte einige Schwierigkeiten bieten könnte.

       Bei einer einsam stehenden Hütte, der Behausung eines Ochsenhirten, treten wir aus der Thalenge heraus, die einerseits durch die Leiterköpfe, andererseits durch den Krocker, den Handelberg und den Sunkopf gebildet wird. Es weichen nun jene der Schobergruppe angehörenden Ausläufer, welche die drei letztgenannten Gipfel enthalten, etwas zurück.

       Ueber den Gebirgsrücken, der die Glockner- und die Schobergruppe verbindet, führen die beiden Wege von Heiligenblut nach Kals: über das Berger Thörl 7686' 2429m Keil und über das Peischlach-Thörl 7774' 2452m Keil. Die beiden Einsattelungen sind durch den Karberg von einander getrennt. Bei dem sogenannten Bühel scheiden sich die Wege. Der eine führt anfänglich in südlicher Richtung durch ein ödes wildes Thal zum Peischlach-Thörl, von welchem der Peischlachbach herabkommt, um alsbald

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in den Leiterbach einzumünden. Der andere zieht an den grasreichen nordwestlichen Abhängen des Karberges zum Berger Thörl hinan. Weit lohnender und kürzer ist die Ueberschreitung des letzteren.

       Auf einem neuen bequemen Stege, der, wie früher schon erwähnt, mitunter ganz fehlte oder aus einem schmalen Brett bestand, übersetzen wir den Leiterbach und steigen im Zickzack die Grasabhänge empor.

       Der Glocknerkamm lässt hier seine schroffen wilden Felsabhänge blicken, namentlich das Schwerteck präsentirt sich als mächtige Felspyramide. Die ganze Umgebung ist meist öde und monoton. Während wir uns immer mehr und mehr der Scharte nähern, erheben sich zur Linken die verwitterten dunkeln Abhänge des Karberges, rechts ein Hügel, über welchen wir emporsteigen. Kaum haben wir denselben erreicht, so bietet sich uns ein reizender Anblick dar.

       Der Riesenbau des Glockner taucht plötzlich vor uns auf, dazu der leuchtende Schneeglanz der Adlersruhe, der Hohenwartkopf, die Scharte gleichen Namens, zu deren Füssen der Leitergletscher sich ausbreitet. Hier liegt der ganze Heiligenbluter Glocknerweg vor Augen, so dass wir einen Ersteiger Schritt für Schritt bis zur höchsten Spitze verfolgen könnten. Abgeschlossen wird das Leiterthal durch jenen Seitenkamm, der sich von der Adlersruhe in wilden Felszacken loslöst und die Burgwartscharte bildet, sich sodann zur Langen Wand und zur Glatten Schneid fortsetzt, bis er zum Berger Thörl herabsinkt, dessen höchster Punkt mit einem hölzernen Kreuze bezeichnet ist.

       Der Karberg kann als das Verbindungsglied mit der benachbarten Schobergruppe betrachtet werden. Bis zum Thörl braucht man von Heiligenblut gewöhnlich etwa 4 - 5 Stunden. Von da geht es meist über Grashalden rasch hinab, dem Berger Thale zu. Nicht genug daran, dass wir einen so köstlichen Anblick des Glockners unweit des Thörls gehabt haben, öffnet sich uns nach etwa einstündigem Hinabsteigen eine neue Glockneransicht im Hintergrunde des idyllischen Ködnitzthales. Hier sehen

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wir den Ködnitzgletscher und darüber die schroffen Felswände des Glockners sich emporthürmen. Dieser Anblick hat jedoch vor dem ersteren den Vorzug, dass er für sich ein abgeschlossenes Ganzes bildet und namentlich durch das herrliche Ködnitzthal, das saftige Grün der Matten, die braunen Sennhütten, die sich aus denselben so lieblich hervorheben, den Ködnitzbach, welcher in vielen Krümmungen durch dieses schöne Hochthal sich hindurchwindet, endlich durch die zu beiden Seiten mächtig emporstrebenden Abhänge der Freiwand und der Langenwand den grossartigen Eindruck wesentlich erhöht.

       Beständig hinabsteigend, dann und wann an Heustadeln vorüber, erreichen wir die breite Brücke über den Ködnitzbach, der hier die prachtvollsten Vordergründe bietet. Wir betreten hier jenen Weg, den alle Glocknerbesteiger von Kals aus einschlagen. Er führt uns Anfangs durch Wald eine kleine Strecke fort, bald kommen wir zu den ersten Bauernhäusern der Gemeinde Kals.

       Der Steig zieht sich hoch über der Thalsohle fort, sorgfältig eingezäunt und mit Steinen belegt. Die Abhänge zur Rechten sind trotz ihrer Steilheit mit Getreide angebaut und die vollen Harfen geben den Beweis einer hohen Fruchtbarkeit des Bodens. Immer mehr und mehr nähern wir uns jenem weiten Thalbecken, das wir bereits kennen gelernt haben, in welchem das nun bald erreichte Kals liegt. Der Weg über das Berger Thörl belohnt reichlich durch die beiden Glockneransichten die verhältnissmässig geringe Mühe, die man aufgewendet hat.

       Doch ich habe diese Partie in Vorstehendem nur skizzirt, wie sie sich uns bietet, wenn wir dieselbe bei schönem klaren Wetter zurücklegen, was leider am 11. September nicht der Fall war. Es goss in Strömen, so dass wir bis auf die Haut durchnässt in Kals ankamen.

       Dort erfuhren wir, dass Fürst Schwarzenberg nach der misslungenen Glocknerfahrt am heutigen Tage über den Stubacher Tauern gegangen sei. Tief bedauerten wir das Missgeschick, welches sämmtliche grösseren Touren dieses um die Glocknergruppe und insbesondere um das Bad St. Wolfgang so

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hochverdienten Alpenfreundes im Jahre 1869 verfolgte.

       Wenige Minuten nach unserer Ankunft sassen wir in dem traulichen Extrastübchen; eine merkwürdige Metamorphose war mit uns vorgegangen. Mit dicken Kalser Lodenhosen und Joppen waren wir eingehüllt, während unsere eigenen Kleider in der Küche dem wärmenden Herdfeuer ausgesetzt wurden. Das zweifelhafte Wetter der folgenden Tage benützte ich um abermals nach Lienz zu gehen, da ich betreffs der Organisation des Führerwesens in Kals einige Rücksprache mit dem überaus zuvorkommenden k. k. Bezirkshauptmanne Herrn Fidelis Ritter von Ratz zu pflegen hatte.

       Mittags den 13. September kam ich noch zur rechten Zeit nach Kals zurück, um die beabsichtigte Partie auf den Schneewinkelkopf und den für Nachmittag bestimmten Aufbruch zur Dorfer Alpe nicht zu verzögern.

        Da sich am Nachmittag des 13. September der Himmel etwas aufgeklärt hatte, so brachen wir bald nach der Rückkehr Stüdl's von Lienz, obwohl keineswegs mit Sicherheit ein günstiger Umschwung in der Witterung zu erwarten war, von Kals auf, um zunächst die Ersteigung des Schneewinkelkopfs zu versuchen. Es ist dies die nordwestliche Spitze des Glocknerkammes, nach Keil 11,176' 3532m hoch. Verschiedene Ursachen bewogen uns, diese Tour zu unternehmen. Wir wollten vor Allem uns darüber Gewissheit verschaffen, ob der Schneewinkelkopf wirklich, wie dies bisher allgemein angenommen wurde, der Knotenpunkt zwischen dem Tauernhauptkamm und dem Glocknerkamm sei, anderseits galt es einen Hinabweg zum Pasterzengletscher zu entdecken. Freund Stüdl hatte im Jahre 1868

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zu wiederholten Malen vergebliche Anstrengung gemacht, nordwestlich vom Glockner einen Verbindungsweg aus dem Dorferthale zur Pasterze aufzufinden. Er hatte leider an einem ungünstigen Platze, über den unterhalb des Romariswandkopfs gelegenen Teufelskamp hinab seine Versuche angestellt.

       Die Lösung des Projektes aus dem Dorferthale über den Glocknerkamm den grössten Gletscher der Hohen Tauern zu gewinnen, war eine unserer Hauptaufgaben für den Sommer 1869. Schon bei meiner Partie am 5. August dieses Jahres, war der Plan wenigstens theilweise ausgeführt worden, indem ich südöstlich vom Glockner, von der Adlersruhe aus, die Pasterze erreichte, nun sollte auch zwischen dem Glockner und dem Eiskögele zum zweitenmale der Abstieg zum Pasterzengletscher unternommen werden.

       Zu gleicher Zeit aber hatten wir bei unserem heutigen Aufbruch von Kals je nach Beschaffenheit der Witterung eine Reihe von hoch interessanten Exkursionen in Aussicht genommen; wir gedachten dieselben zu einer stattlichen Rundtour zu vereinigen. Wurde uns jetzt für die nächsten Tage klarer Himmel, zu Theil so durften wir unsere hauptsächlichsten Projekte als gelungen betrachten. Nach der Ersteigung des Schneewinkelkopfs sollte der Johannisberg auf der Pasterze, der Kulminationspunkt des Centralkammes, soweit er der Glocknergruppe angehört, in Angriff genommen und damit der Hinabweg über die unerstiegene Hohe Riffel und das Riffelthor in's Kaprunerthal in Verbindung gebracht werden. Von dort aus sollte dann einerseits die Ersteigung des Kitzsteinhorns, anderseits ein Besuch des noch am wenigsten durchforschten Winkels in der Eiswelt des Grossglockners, der Bärenköpfe und der Glockerin, an die Reihe kommen. Daran wollten wir noch den Abstieg in's Fuscherthal anknüpfen und dann auf dem nächsten Wege nach Kals zurückkehren.

       Das glänzende Wetterglück, das uns bei dieser Rundtour begünstigte, liess uns nicht bloss all' die angegebenen Partien glücklich vollenden, sondern auch, um unsere kühnsten Hoffnungen noch zu überbieten, sogar die noch-

 

 

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malige Ersteigung des Grossen Wiesbachhorns, sowie den Besuch des Fuscher Bades und des Schwarzkopfs damit vereinigen. So hatten wir denn innerhalb der acht Tage, welche die Rundreise in Anspruch nahm, eine reiche Fülle von Resultaten aufzuweisen: neun Gipfel, von denen drei über 11,000', fünf über 10,000' sich erheben, wurden innerhalb dieser Zeit erstiegen; drei darunter: Schneewinkelkopf, Hohe Riffel und Glockerin dürften sicher, da die eingezogenen Erkundigungen allseitig harmoniren, als jungfräulich bezeichnet werden.

       Begleitet von unseren beiden alterprobten Führern Thomas Groder und Joseph Schnell, welch' letzterer seit gestern wieder von seinem Abstecher in's Oetzthal nach Kals zurückgekehrt war, verliessen wir am Nachmittage um ¾ 4 Uhr das Groder'sche Gasthaus, um zu den höchstgelegenen Hütten des Dorferthales am selben Tage noch zu gelangen. Die Dorferalpe sollte den Ausgangspunkt für die morgige Fahrt bilden. Wir hatten uns ausserordentlich reich mit Wein und Proviant ausgerüstet, so dass die Rücksäcke unserer beiden Führer ungebührlich stark ausgestopft erschienen, in gleicher Weise wie vor wenigen Wochen, als wir von Uttendorf in's Stubachthal wanderten, die ersten Exkursionen in der Glocknergruppe zu unternehmen.

       Heute jedoch sollte der Transport besser von Statten gehen, als damals. Thomele musste das Rösslein seines ehrsamen Bruders Johannes, des Kalser Glocknerwirths, auf die Dorferalpe bringen. Diesem wurden jetzt die Rücksäcke aufgelegt, trotz des Sträubens des gutmüthigen Thomele, der lieber auf seinem Rücken die Last geschleppt hätte, statt sie dem Pferde anzuvertrauen. Ich hatte die langen Riemen meiner Steigeisen abgelöst und die Rucksäcke daran befestigt, so dass dieselben zu beiden Seiten wie Tragkörbe herabhingen. Auf diese Weise kamen wir bequem bis zur Stiege aufwärts, wo dann des steileren Pfades halber dem Thiere seine Bürde wieder abgenommen wurde. Auf der Höhe des Querriegels angelangt, wozu wir von Kais aus 1 ½ Stunden brauchten, kamen uns drei Kalser Führer

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entgegen, welche gerade von ihrem Marsche über den Stubach-Kalser Tauern in ihr Dorf zurückkehrten.

       Sie hatten am 11. September, an demselben Tage, wo ich mit Stüdl, Thomas und Michel Groder von der Wallnerhütte über Heiligenblut nach Kals wanderte und wo wir von den Fluthen des Himmels so unbarmherzig durchweicht worden waren, den Kardinal Fürsten Schwarzenberg und seine zahlreiche Reisegesellschaft über den Tauern geführt. Der Marsch war äusserst langsam von Statten gegangen, dazu war der Aufbruch von Kals erst um 7 Uhr Morgens erfolgt, die Jochhöhe erst um 3 Uhr Nachmittags erreicht worden. So kam es, dass Fürst Schwarzenberg tief in der Nacht, um ½ 12 Uhr, nach einer mehr als sechzehnstündigen Wanderung in Vellern eintraf; noch dazu hatte es seit Mittag fast ununterbrochen geregnet, so dass Alle bis auf die Haut durchnässt ihr Asyl erreichten. Am gestrigen Tage hatten sie dann den Weg nach Uttendorf vollends zurückgelegt.

       Nach kurzer Unterhaltung mit den drei Kalser Führern setzten wir unseren Weg in's Dorferthal fort, obwohl die Aussichten auf Gelingen unserer morgigen Fahrt tief herabgedrückt waren. Der Himmel hatte sich mit dichtem Gewölke überzogen, alle Augenblick drohte das Losbrechen eines Platzregens. Ich war in meiner Hoffnung so schwankend geworden, dass ich sogar den Vorschlag machte, nach Kals wieder zurückzugehen und dort auf die Besserung des Wetters zu warten. Doch diesmal gab Freund Stüdl den Ausschlag. Er wollte jedenfalls bis zur Dorferalpe gehen; hätten wir diesmal Unglück, so sei es ganz gleichgiltig, ob wir einen Metzgergang von drei oder von sechs Stunden gemacht hätten. Dies Argument war jedenfalls triftig, so war denn das Nachtquartier in der Dorferalpe für heute beschlossen.

Wir haben den Weg durch das Dorferthal bereits bei unserer Reise von Kaprun nach Kals kennen gelernt, es mögen daher an dieser Stelle nur noch wenige Worte beigefügt werden, die desshalb ihre Begründung haben mögen,

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weil die Wanderung im Thale aufwärts einen ganz anderen Charakter besitzt, als der Hinabweg, wo uns nur hie und da ein kleiner Rückblick hinan zum Ursprung des Thales gestattet war. Der Tauernhauptkamm, der von der Stiege aus vom Rothen Kalsertauern bis zum Eiskögele sichtbar ist, zeigt hier auf seiner Südseite eine riesige Ablagerung von Schutt und Geröll, so dass der oberste Cirkus des Kalserthales einer wilden Felswüste gleicht. Auf dem weiteren Wege zum Stubach-Kalser Tauern kann sich der Wanderer beim Uebersteigen der zahllosen Felstrümmer, über welche der Pfad führt, genugsam von der starken Verwitterung dieser Schieferzone überzeugen.

       Beim Hinabsteigen von der Stiege zur Maier Eben, der tiefst gelegenen unter den Ebenen des oberen Kalserthales, zeigen sich uns zur Linken der Grödöz- und der Muntanitzgletscher,

Fussnote:
Ueber den slavischen Ursprung dieser Namen, dessgleichen der übrigen auffallenden Wortformationen im Dorferthale siehe Seite 329.

die auch von Kals aus sichtbar sind. Sie gehören jener interessanten Gruppe zwischen dem Glocknerstock und dem Venedigerstock an, die von uns den Namen Landeckgruppe nach dem nördlich des Tauernhauptkammes sich erhebenden Landeckkopf erhielt und die für den Forscher noch ein weites Feld der Thätigkeit bietet. So viel bekannt, sind alle bedeutenderen Gipfel jener Gebirgsgruppe, die mehrere Spitzen über 10,000' enthält, noch unerstiegen. Als höchsten Punkt derselben gibt Sonklar die Laimetspitze 10,215' 3229m an, doch ist dieser Name im Kalserthale wenigstens vollständig unbekannt.

       Von besonderer Schönheit ist von unserem Wege aus der Blick auf die östliche Thalseite, auf den Glocknerkamm und dessen westlichen Abfall. An manchen Stellen sind sogar einzelne Spitzen desselben zu sehen, der Schneewinkelkopf und der Romariswandkopf, sowie die von denselben herabkommenden Gletscher, der Frusnitz- und der Laperwitzgletscher , welch letzterer in zwei Armen nördlich und südlich des Bühels hoch über der Thalsohle abbricht und uns seine prächtigen, blauschimmern- 

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den Eisabstürze zeigt. Diese beiden Gletscher zeichnen sich ausserdem durch eine ausserordentliche Dicke des Eises an ihrem Ende aus. Doch sind auch sie in gleicher Weise wie alle übrigen sekundären Gletscher der Glocknergruppe im Abnehmen begriffen; am auffälligsten ist dieses Phänomen beim Kastengletscher zu beobachten, der zwischen dem Eiskögele, dem Grossen, Mittleren und Kleinen Kasten eingebettet liegt. Er besitzt eine kolossale Stirnmoräne. Dessgleichens ist sein rechtes (westliches) Ufer von einer stark entwickelten Seitenmoräne eingeschlossen, die wie ein thurmhoher Wall ihn bekleidet und den Gletscher selbst von der Thalsohle aus verbirgt.

       Im fernsten Hintergrund des Thaies den nördlichen Schluss desselben bildend, ragt als feinzugespitzter Felskegel der Medelz auf, den wir bereits auf unseren Wanderungen über den Oedenwinkelgletscher und über den Stubach-Kalser Tauern kennen gelernt haben. Auch diese Spitzen waren am heutigen Tage trotzdem der Himmel mit Gewölk umzogen war, meist unverhüllt vor uns; dazu blies uns ein heftiger, kalter Nordwind entgegen. Die günstige Luftströmung allein liess uns für den folgenden Tag noch immer auf einen Umschwung in der Witterung hoffen.

       Um 7 Uhr trafen wir bei den Hütten der Dorferalpe ein und schlugen in der, dem Obern Wirth von Kais gehörigen Schneideralpe unser Nachtlager auf. Es war eine grosse reinliche Hütte, deren Sennerinnen uns freundlich aufnahmen und gerne das wenige was sie bieten konnten zur Verfügung stellten. Doch suchten wir, während unsere beiden Führer noch manches Pfeifchen Tabak am knisternden Herdfeuer schmauchten, schon um 8 Uhr unseren Heuboden auf.

       Im Gebirge scheint die Zeit der Nachtruhe gerade auf den Kopf gestellt zu sein. Für heute jedoch sollte unsere Nachtruhe mit einigen Hindernissen verbunden sein. Vor Allem machte der Abfluss des Luckengletschers, der Stotzbach, welcher westlich von der Dorferalpe in einem schönen, grossen Wasserfall zum Dorferbach herabeilt, einen fürchterlichen Lärm, so dass wir uns erst nach und

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nach an das Getöse gewöhnen mussten. Dazu heulte draussen ein wüthender Sturmwind, der eiskalt durch die Fugen der Hütte strich und uns zwang, so tief wie möglich unter die schützende Heudecke hineinzukriechen. Gegen Mitternacht kam jedoch ein neues, betrübsames Ereigniss hinzu, schwere Regentropfen plätscherten auf unser Dach hernieder und höhnten mit rastlosen Schlägen unsere Hoffnung. Da kümmerte ich mich nicht mehr weiter um die morgige Partie, ärgerlich zog ich den Plaid über die Ohren und grub mich noch tiefer in's Heu ein. Voll Resignation, dass wir nun morgen doch wieder nach Kals zurück müssten, liess ich Gott Aeolus da droben in den luftigen Höhen sein boshaftes Spiel treiben, rief dem Schneewinkelkopf ein zorniges Lebewohl zu und versank bald in tiefen Schlaf.

       Wie überrascht war ich, als Freund Stüdl am frühen Morgen zu mir heraufrief, ich solle doch auch einmal nun von meinem behaglichen Heuboden mich losreissen und ein wenig an die Schneewinkelköpfige Jungfrau denken, er und die beiden Führer seien schon lange auf, auch unser Frühstück sei bereits fertig. "Ja und das Wetter" war meine erste Frage; "Wolkenloser Himmel" kam als Antwort zurück. Wie mich diese Worte emporschnellten. Richtig! als ich vor die Hütte trat, da begrüsste mich zwar ein eisiger Nordwind, doch alle Spitzen ringsumher waren hell und rein. Die ersten Strahlen der Morgensonne spielten um die stolzen Zinnen. Je unverhoffter dies Glück gekommen war, desto grösser war meine Freude. Da alle Vorbereitungen getroffen waren und nur noch unser Frühstück eingenommen werden musste, so konnten wir schon wenige Minuten, nachdem ich vom Heuboden herabgekrabbelt war, unseren Marsch antreten.

       Ein doppeltes Flanellhemd, das ich angelegt hatte, sollte gegen die Kälte schützen, dazu hatten wir gleich jetzt dicke Fäustlinge angezogen, um die Hände warm zu erhalten. Die tiefe Temperatur, die schon im Thale herrschte, +1 Grad, machte diese Vorsichtsmassregeln nothwendig. Natürlich fiel das Quecksilber im Thermometer noch mehr, als wir

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in höhere Regionen kamen. Unsere wiederholten Beobachtungen zeigten uns fast während des ganzen Tages seinen Standpunkt unter Null. Es war gerade 6 Uhr als wir die Hütte verliessen. Direkt lenkten wir unsere Schritte dem Laperwitzgletscher zu, über welchem, von der Dorferalpe aus sichtbar, der Schneewinkelkopf sich erhebt. Die Firnen des Laperwitzgletschers ziehen steil zu ihm hinan, in seinem obersten Theile besteht er auf der rechten Seite aus einer schwarzen Felswand, die jetzt von den vielen Fleckchen Neuschnee weiss getigert erschien, auf seiner linken Seite dagegen ist er mit dem Eiskögele durch einen Firngrat verbunden, aus welchem ein mächtiger Felszahn hervorragt. Von der Pasterze aus gesehen, erscheint jedoch der Schneewinkelkopf als mackelloses Gletscherbild, kein Felsdurchbruch stört dort die weisse Umhüllung. Während der Gipfel im Dorferthale einer breiten massigen Kuppe gleicht, erscheint er dort als schöne, kühn aufragende Spitze.

       Um zum Abfluss des Laperwitzgletschers zu gelangen, hatten wir erst einen kleinen grasbedeckten Abhang zu überschreiten, der wie ein Riegel zwischen dem Laperwitzbach und der Böheim-Eben, wo die Hütten der Dorferalpe stehen, sich ausbreitet. Anfangs führte unser Weg durch einen kleinen, aus dünnen Baumstämmen bestehenden Wald hinan; dann schritten wir über Matten dahin. Die Stelle führt den Namen Golomizil.

       Um 7 ¼ Uhr hatten wir die Stirnmoräne des Laperwitzgletschers erreicht, die von starker Ausdehnung ist. Da das Gletscherende steil geneigt, dazu von einer Menge von Felstrümmern bedeckt war, die bei jedem Schritte auf ihrer glatten Unterlage aus der Stellung kamen und rasch ins Rutschen geriethen, so war das Emporkommen über diesen Eisabhang ziemlich beschwerlich. Die Neigung betrug hier an manchen Punkten über 30 Grad. Doch bald waren wir auf dem eigentlichen schuttfreien Eisstrom des vereinigten Frusnitz- und Laperwitzgletschers angelangt.

       Der uns hier gebotene Anblick war ausserordentlich schön; zu unserer Rechten fluthet der Frusnitzgletscher herab mit prachtvollen wildzerborstenen

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Eiskatarakten, überragt von jenem Kamme der zwischen der Glocknerwand und dem Romariswandkopf vom Glocknerkamm sich ablöst, gegen Südwesten streichend die Scheide zwischen Teischnitz- und Frusnitzgletscher bildend und gegen Westen in steilem Abfall zum Dorferthale sein Ende findet. Die in diesem Seitenkamme zweiter Ordnung befindliche Frusnitzscharte kann, wenn sie auch einen etwas beschwerlichen Weg bietet, zum direkten Uebergang aus dem obersten Kalserthale zur Stüdlhütte am Fusse des Grossglockners benützt werden, wodurch für Glocknerfahrer, die vom Norden her über den Stubach-Kalser Tauern kommen, immerhin ein Zeitgewinn von einigen Stunden erzielt wird, ja sogar von einem ganzen Tagemarsch, wenn man statt nach Kals hinabzugehen und dann am folgenden Tage zur Stüdlhütte wieder hinaufzusteigen, vom Stubach-Kalser Tauern über die Frusnitzscharte in einer Tour zu letzterer wandert und daselbst übernachtet, am kommenden Morgen die Glocknerfahrt anzutreten.

       Nach kurzer Zeit hatten wir jene kleine Strecke überschritten, wo der Frusnitzgletscher einen Arm dem Laperwitzgletscher zusendet. Eine nicht unbedeutende Mittelmoräne zieht sich von der Romariswand, welche zwischen den beiden Gletschern liegt, herab und charakterisirt die beiden Komponenten auch nach ihrer Vereinigung in einen Eisstrom. Zu unserer Linken dehnt sich vor uns fast direkt gegen Norden mit geringer Divergenz gegen Nordosten der Laperwitzgletscher aus, den wir nun seiner gesammten Länge nach zu überschreiten haben. Er zeigt eine auffallend gleichmässige Steigung, das Mittel aus mehreren Klinometermessungen ergab uns für den eigentlichen firnfreien Gletscher eine Gesammtneigung von 19 Grad, für Gletscher und Firnfeld, vom Gletscherende bis zur Spitze des Schneewinkelkopfs hinauf, eine Gesammtneigung von 24 Grad. Dies ist für einen Gletscher eine sehr bedeutende Neigung; es ergibt sich daraus, dass der Laperwitzgletscher unter den sämmtlichen primären und den grösseren sekundären Gletschern der Glockner-

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gruppe am stärksten geneigt ist. Auch die Länge desselben ist sehr respektabel, sie beträgt über 9000' ~ 2,9 Kilometer, es übertreffen ihn unter den sekundären Gletschern der Glocknergruppe in dieser Beziehung nur der Fuscherkar- und der Bockkargletscher im Fuscherthale. Dagegen besitzt der Laperwitzgletscher nur eine sehr geringe Breite, so dass er seiner Gesammtarea zufolge (29 Millionen Quadratfuss = 2,897,100 □ Meter) seinen Rang erst nach den drei primären Gletschern der Glocknergruppe: Pasterzen-, Oedenwinkel- und Karlingergletscher, und nach den sekundären Gletschern: Bockkar-, Fuscherkar-, Teischnitz- und Frusnitzgletscher einnimmt, somit die achte Stelle unter den Gletschern des ganzen Gebirgsstockes.

       Bei unserem Wege über den Laperwitzgletscher, der in seinem unteren Theile fast keine Spalten besass, so dass wir anfangs sogar ohne Seil aufwärts wanderten, hatten wir den sog. Bühel, der den Gletscher an seinem Ausgang in zwei Eisströme theilt, zu unserer Linken, die schwarzen Felsabstürze der Romariswand rechts ober uns. Zwischen beiden erheben sich im Hintergrunde, die Umrandung des Laperwitzgletschers zu vollenden, das Eiskögele und der Schneewinkelkopf, der letztere nur auf seiner rechten (südlichen) Seite über einigen steilen frisch beschneiten Felswänden als eine schöne, weisse Spitze aufsteigend. Sie bot uns einen interessanten, jedoch keineswegs besonders ermuthigenden Anblick dar; nicht als ob wir gerade übermässige Terrainschwierigkeiten zu befürchten hatten, aber fast ununterbrochen tanzten kleine weisse Wölkchen in tollem Wirbel um den Gipfel. Blies schon in der Tiefe der Wind ganz gehörig, so schien er in den höheren Regionen in einen wahren Orkan verwandelt zu sein. Da das Firmament fast wolkenlos war, so waren wir sehr erstaunt, demungeachtet den Schneewinkelkopf beständig mit einer Nebelkappe geschmückt zu sehen. Doch bald gewahrten wir unseren Irrthum: was wir für Nebel gehalten hatten, war nichts anderes, als zahllose, vom Sturme emporgerissene Firnkörner, die in wildem Reigen die Spitze umkreisten; es war uns ein

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schlimmes Omen, da oben musste ein fürchterlicher Sturm hausen - wir sollten bald genug Gelegenheit bekommen, uns von der Heftigkeit desselben zu überzeugen.

       Um den Einfluss der Kälte zu paralysiren, stiegen wir sehr rasch empor, das Blut in seinem gehörigen Kreislauf zu erhalten. Als wir den eigentlichen Gletscherstrom überschritten hatten und den Firn betraten, erforderte es die Vorsicht, das Seil in Anwendung zu bringen, denn hier trafen wir mehrere sehr breite Klüfte, von denen manche durch den Wind mit tückischen Schneebrücken bedeckt worden waren. Dazu kamen des öftern viele Fuss hohe Schneewehen, die aus feinen mehlartigen Schneemassen gebildet waren, so dass ein tiefes Einsinken leicht möglich gewesen wäre. Da wir jedoch die Felswand unterhalb der Spitze für die beschwerlichste Passage hielten und es hier jedenfalls gerathener erschien, in gesonderten Partien hinanzusteigen, so hatten wir uns gegen unsere Gewohnheit, auf dem Gletscher uns immer in einem Zuge zu verbinden, schon jetzt in zwei Gruppen getheilt; Schnell ging mit mir voraus, in einiger Entfernung folgten Stüdl und Thomele. Die Klüfte zwangen uns im obersten Theile zu manchem Umweg, vorsichtig prüfte der voranschreitende Schnell die Tragfähigkeit des Firnschnees, an mancher Stelle stiess der vorgesetzte Stock durch die Hülle durch und belehrte uns, dass hier eine nur nothdürftig überwehte Spalte vorhanden sei. Dann hiess es rechts oder links oft nach langem Probiren einen tauglichen Uebergang auffinden.

       Am schlimmsten war die Bergkluft zu überschreiten, mit welcher das Eis von der vorerwähnten Felswand abstand. Sie war allenthalben sehr breit und schien nirgends passirt werden zu können, so dass wir schon daran dachten, den Schneewinkelkopf gegen Norden zu umgehen, die Richtung zu der zwischen dem letztgenannten Gipfel und dem Eiskögele gelegenen Scharte einzuschlagen, dann von Nordwesten aus über den Firngrat, der jene beiden Gipfel verbindet, zur Spitze emporzusteigen; doch wäre dieser Weg, wie wir uns später überzeugten, seiner dama-

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ligen Beschaffenheit nach nicht gerade leicht ausführbar gewesen. Doch sollte es dazu nicht kommen. Nach einigem Suchen entdeckten wir ein schmales Firnband, das steil und dünn vom untern Rande der Bergkluft gegen den Felsabhang sich hinüberspannte. Behutsam wurde die Stelle von Schnell sondirt, das Resultat seiner Rekognoscirung schien befriedigend genug ausgefallen zu sein, denn nach wenigen Sekunden überschritt mein wackerer Gefährte die Schneebrücke. Ich hatte meinen Bergstock fest in den Boden eingestossen und mich daneben niedergekniet, um den Führer bei einem allenfallsigen Durchbrechen halten zu können, doch war die Vorsicht überflüssig gewesen, nach kurzer Zeit stand Schnell auf dem sicheren Felsen und bewachte nun in gleicher Weise mich, als ich die Spalte übersetzte.

       Hier, am Fusse des eigentlichen Schneewinkelkopfes, rasteten wir einige Minuten, um bis zur Ankunft unserer beiden Genossen der Weinflasche tüchtig zuzusprechen und unter unserem Proviante einige Verwüstung anzustellen. Nachdem Stüdl und Thomele bei uns eingetroffen waren, setzten wir dicht hintereinander unseren Weg fort, über die Schieferwand empor. Die Felsplatten waren fest an den Boden angefroren, bald mit einer glatten Eiskruste überzogen, bald mit dünnen Schichten Schnee's bedeckt. Wir trafen Stellen bis zu 50 Grad Neigung, doch war der Weg, da wir uns mit den Händen an den Platten festhalten konnten, nicht gefährlich. Dagegen verursachte uns das ununterbrochene Berühren der eisüberdeckten Felstrümmer eine vollständige Erstarrung der Finger, dazu kam uns schon jetzt nahe dem Gipfel ein furchtbarer Wind entgegen, das wenig erbauliche Zähne-Geklapper-Concert noch zu vermehren. Noch erhöht wurde diese unbehagliche Situation, als wir die Felspartie hinter uns hatten und jenen breiten Firnkamm betraten, der fast eben in nordwestlicher Richtung zum Schneewinkelkopf hinanzieht. Ein wahrhaft dämonischer Sturm umbrauste uns, wir befanden uns nun inmitten jener Schneewirbel, die wir schon unten auf dem Laperwitzgletscher beobachtet hatten. Der

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Wind riss rings um uns her die dünnen Firnscheiben auf und drehte sie wie Papierschnitzchen in der Luft umher. Manches Stück, oft spitz wie eine Nadel, wurde uns in's Gesicht geschleudert.

       So kam es, dass wir über jenen breiten, vollständig gefahrlosen Firnkamm, der uns bei günstigen Witterungsverhältnissen nicht die geringsten Schwierigkeiten entgegengesetzt hätte, nur äusserst schwer bis auf den höchsten Punkt vordringen konnten. Wir waren zweimal gezwungen, uns niederzuwerfen um die heftige Windsbraut in ihrem stärksten Anpralle über uns dahinsausen zu lassen; doch alle Hemnisse vermochten es nicht, uns von der Eroberung unseres Zieles abzuhalten: wir mussten bis zur Spitze vor, um die Verbindung des Glocknerkammes mit dem Centralkamm der Hohen Tauern zu übersehen. Da wir jedoch fürchteten, von der unbezähmbaren Macht des Sturmes hinabgeschleudert zu werden, so wurden die beiden Führer kurz unter der Spitze mit dem einen Ende des Seiles postirt, während Stüdl und ich, das andere desselben um den Leib gebunden, ein weiteres Vordringen versuchten. Doch erst beim zweiten Anlauf gelang es uns, die Spitze zu betreten.

       Es war 11 Uhr. Ein Blick belehrte uns von der Richtigkeit unserer Vermuthung: der Glocknerkamm löst sich nicht am Schneewinkelkopf, sondern am Eiskögele vom Tauernhauptkamm ab. Noch wurde ein flüchtiger Blick über unsere Umgebung geworfen, wir sahen den Grünsee und die nördliche Hälfte des Weisssee, an manchen Stellen die Thalsohle des Stubach- und des Dorferthales. Im Norden war der Zeller See und der Mitterpinzgau bis in die Gegend von Saalfelden sichtbar, im Südosten dagegen war uns der Grossglockner durch die Glocknerwand verdeckt, die uns hier ihre Schmalseite bot und in einer jähen Firnkante sich erhob. Unser Aufenthalt auf der Spitze dauerte höchstens zwei Minuten, Wind und Kälte (-8 Grad) trieben uns so rasch zurück, dass wir nicht einmal irgend ein Dokument zum Andenken an unsere Ersteigung hinterlassen konnten.

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        Wir beschlossen nun, einige Klafter unterhalb des Gipfels an der dem Pasterzengletscher zugekehrten Seite uns zu lagern, um unseren Hinabweg zu dem letzteren zu rekognosciren. Aber auch da waren wir nur nothdürftig gegen das wüthende Eindringen des Boreas geschützt, das Thermometer stand auf -6 Grad. Demungeachtet verweilten wir eine volle halbe Stunde. Unsere Führer hatten uns in dem harten Schnee eine Bank ausgegraben, auf welcher wir enge aneinander gerückt uns niedergelassen hatten, um Rundschau zu halten und unseren Vorräthen zuzusprechen. Als Beweis für die Heftigkeit der Kälte mag es gelten, dass der im Lederbecher neben uns auf den Boden niedergestellte Wein nach wenigen Minuten mit einer dünnen Eiskruste überzogen war.

       Der Wind aber wehte mit solcher Gewalt, dass wir dem Sturmband am Hute nicht mehr volles Vertrauen schenkten, sondern auch mit dem Taschentuch denselben festbanden. Gerade als Führer Schnell damit beschäftigt war, riss ihm ein Windstoss die Kopfbedeckung weg und schleuderte sie in grossem Bogen gegen die Pasterze hinab; da stand nun unser Freund mit entblösstem Haupte da, mit seinen flatternden Haaren trieben die luftigen Geister ein boshaftes Spiel. Doch Schnell liess sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, er wollte keineswegs ohne sich zu wehren, seinen Hut mit dem schönen Gemsbart den Firnen der Pasterze überlassen; trotz unserem drängenden Abmahnen sprang er rasch auf, den Verlorenen zu suchen. Mit der ihm eigenthümlichen Sicherheit stieg er den steilen Firnabhang hinab und siehe da! nach einigen Minuten hielt er triumphirend das geraubte Gut in die Höhe. Der Hut war etwa 300' unterhalb des Gipfels von unserem Standpunkte aus unsichtbar am Rande einer Kluft liegen geblieben. Bald war das Intermezzo vorüber, Schnell wieder an unserer Seite.

       Unsere hauptsächliche Aufmerksamkeit war natürlich dem Pasterzengletscher zugewendet, den wir hier seiner ganzen Ausdehnung nach bis hinab zur Franz- Josephs-Höhe und bis hinüber zum Mittleren Bärenkopf

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und zum Eiswandbühel überblicken konnten. Der Abstieg zu demselben schien nicht eben sehr schwierig sich gestalten zu wollen, doch überzeugten wir uns , dass wir jedenfalls einigen Kampf mit den oft ausserordentlich breiten Spalten zu bestehen haben würden. Am stärksten war die Zerklüftung unterhalb des Teufelskamp, über welchen Freund Stüdl im Jahre 1868 den Hinabweg versucht hatte; hohe blaue Eiswände, die oft in den abenteuerlichsten Formationen gegen die Nordseite abbrachen, boten hier einen wilden Anblick. Doch war die Zerrissenheit des Firnstromes in den tieferliegenden Theilen nicht mehr so bedeutend und hier dachten wir unsern Durchweg zu wählen.

       Deutlich erkannten wir, dass Stüdl hier im vergangenen Jahre gerade an der ungünstigsten Stelle den Abstieg unternommen hatte, den Weg vom Romariswandkopf direkt hinab zur Pasterze auszuführen, dürfte wahrscheinlich allezeit ein ungelöstes Problem bleiben.

       Da der Himmel ganz hell und klar war, so genossen wir am heutigen Tage eine prächtige Fernsicht, doch war es mehr unsere nähere Umgebung, die unser Interesse in Anspruch nahm. Das schönste Bild darunter war ohne Zweifel das Grosse Wiesbachhorn, das hier wie eine kühn gebogene Eisnadel da drüben im Scheidegebirge zwischen Fusch und Kaprun aufragte. Nächstdem zog der uns gerade gegenüberliegende Johannisberg, der offenbar von unserem Gipfel nur unbedeutend überragt wird, unsere Blicke auf sich. Da seine Ersteigung für den folgenden Tag projektirt war, falls uns der Hinabweg zum Pasterzengletscher gelingen sollte, so wurde dort gleichfalls das Terrain möglichst genau untersucht und schon jetzt die morgen einzuschlagende Richtung festgesetzt.

       Noch sei eines Gipfels der Glocknergruppe hier in Kurzem gedacht, des Fuscherkarkopfes. Es mag dem freundlichen Leser vielleicht noch erinnerlich sein, dass wir am 10. September die Ersteigung desselben von der Fuscherkarscharte aus in Angriff genommen hatten und nur durch den herrschenden dichten Nebel an der Ausführung unseres Planes verhindert

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wurden. Es ist von Dr. A. v. Ruthner die Behauptung aufgestellt worden, dass der Fuscherkarkopf von dieser Seite aus unersteiglich sei,

Fussnote:
Berg- und Gletscherreisen in den Oesterreichischen Hochalpcn Seite 146.

und neuerdings haben die Herren Calberla, welche wenige Tage vor uns die Fuscherkarscharte überschritten, gleichfalls diese Ansicht ausgesprochen.

Fussnote:
Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins I.Band LAbth. Seite 409.

Dieselbe dürfte jedoch nach unserem Dafürhalten sicher unbegründet sein. Die Neigung des Fuscherkarkopfes zur Fuscherkarscharte zeigte sich uns vom Schneewinkelkopf in ihrem richtigen Verhältniss, sie schien uns nicht so übermässig steil zu sein, dass eine Ersteigung des Gipfels von dieser Seite besondere Gefahren bieten würde.

       Ueberhaupt wäre es zu wünschen, dass man mit dem Worte "unersteiglich" etwas weniger freigebig wäre. Wenn unsere Gebirgsbewohner rasch damit zur Hand sind, so ist diess begreiflich, sie pflegen ja eine jede Hochtour solange als unmöglich zu bezeichnen, bis sie wirklich ausgeführt wurde, aber weitgewanderte Touristen, die selbst manche als unausführbar erklärte Fahrt glücklich zurückgelegt haben, sollten doch mit der Anwendung jenes Wortes etwas vorsichtiger zu Werke gehen. Die Behauptungen jener Herren werden hoffentlich bald einmal durch den direkten Gegenbeweis eines unerschrockenen Bergsteigers widerlegt werden.

       So angenehm es uns gewesen wäre, unseren Aufenthalt noch länger auszudehnen, so zwang uns doch die Kälte nach Verlauf einer halben Stunde wieder zum Aufbruche, wenn unsere Glieder nicht in vollständige Erstarrung übergehen sollten. So verliessen wir denn um ½ 12 Uhr unseren Ruheplatz. Wir kehrten zunächst auf den breiten Schneekamm zurück, der in nordwestlicher Richtung zur Spitze des Schneewinkelkopfes emporzieht. Ueber jenen Kamm abwärts steigend kamen wir nach wenigen Minuten zu einer unbedeutenden Einsattelung, die zwischen dem Schneewinkelkopfe und einer kleinen südöstlich davon ge-

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legenen, unbenannten Kammerhebung sich befindet, und begannen nun unseren Weg anfangs in der Richtung gegen den Mittleren Burgstall einzuschlagen, der die untere Grenze des Firnmeeres der Pasterze, den Beginn des eigentlichen Gletschers, bezeichnet. Wir hatten uns alle vier durch ein Seil verbunden, um das Einbrechen des Einen oder des Andern von der Gesellschaft in eine Kluft gefahrlos zu machen.

       Wir konnten in ziemlich gerader Linie unseren Weg verfolgen, eine einzige Gefahr hatten wir zu fürchten: von den unterhalb des Teufelskamp sich zeitweise ablösenden Eistrümmern getroffen zu werden; sie lagen, oft ganz frisch abgebrochen, um uns herum, zum Glück, dass die Kraft der Sonne am heutigen Tage nicht sehr wirksam auftreten konnte; bei anhaltend warmer Witterung wäre jener Weg wirklich nicht ohne Bedenken zu unternehmen. Zu unserer Rechten hatten wir dabei beständig die Fels- und Eiswände ober uns, mit denen der Romariswandkopf gegen die Pasterze zu abfällt, jener nördlich von dem erwähnten Gipfel aus den Firnen hervorstehende Felskamm, der sich in weitem Bogen um den Romariswandkopf herumzieht, führt den schon mehrmals angegebenen Namen Teufelskamp. Stüdl zeigte mir hiebei die Stelle, bis zu welcher er im vorhergehenden Jahre herabgestiegen war; sie sah schlimm genug aus, ich fand es nun wohl erklärlich, dass hier jedem weiteren Vordringen ein gebieterisches Halt entgegengerufen war.

       Als wir schon nahe dem Obersten Pasterzenboden waren, das Gelingen unseres Planes bereits zur Gewissheit erhoben schien, da hatten wir noch unvermuthet ein nicht unbedeutendes Hinderniss zu überwinden; wir hatten uns, um gleich die nächste Richtung einzuschlagen und möglichst rasch zwischen dem Glocknerkamm und dem Kleinen Burgstall hindurch auf den Oberen Pasterzenboden zu gelangen, statt mehr gegen die linke Seite uns zu halten, uns zu weit gegen rechts gewendet und kamen nun in ein Labyrinth von Klüften. Wir bogen natürlich sofort wieder etwas gegen die linke Seite um, doch mussten wir vorerst, um

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aus jenem Spaltenchaos herauszukommen, einen breiten Eisschrund auf einer nur wenig verlässigen Schneebrücke überschreiten. Die Tiefe derselben war so bedeutend, dass wir nirgends den Grund erblicken konnten. Schnell wagte zuerst den Gang über jenes schmale Firnband. Wir hatten, soweit dies auf dem abschüssigen Abhänge möglich war, fester Posto gefasst, um unseren Gefährten bei einem etwaigen Einsinken festhalten zu können. Um dies leichter zu erreichen, hatten wir uns selbst in einigen Zwischenräumen aufgestellt und das Seil stramm angespannt, damit uns der Ruck zu gleicher Zeit treffen würde, doch trat das gefürchtete Durchbrechen des Schnell nicht ein und als er am jenseitigen Rande der Schlucht einen sicheren Stand gefasst hatte, konnten wir ihm unbedenklich folgen. Es war die letzte schwierige Stelle gewesen, rasch kamen wir nun auf den Obersten Pasterzenboden hinab.

       Unser weiterer Weg bis hinab zur Johannishütte war ganz ungefährlich. Um vom Obersten auf den Oberen (Mittleren) Pasterzenboden zu gelangen, mussten wir über den Eisbruch, der hier den Gletscher seiner ganzen Breitseite nach in grossem Bogen durchzieht, zwischen dem kleinen Burgstall und dem Glocknerkamm hinabsteigen. Dieser Weg zeigte sich weit leichter, als wir gedacht hatten; zwar trafen wir auch hier viele Spalten, doch waren dieselben nirgends so breit, dass sie nicht hätten übersprungen werden können. So standen wir denn bald am Fusse des Kleinen Burgstall, eines etwa 500' hohen Felsens, der nur an seiner Südseite eine eisfreie Wand zeigt, auf allen andern Seiten aber vom Eise eingeschlossen ist.

       Zwei Mittelmoränen ziehen sich vom Kleinen Burgstall herab, die sich später m Verbindung mit einer zwischen dem Innern und dem Aeussern Glocknerkar herabkommenden dritten Mittelmoräne zu einer ausserordentlich starken rechten Seitenmoräne vereinigen. Weit geringere Ausdehnung zeigt, wie bereits oben bei der Beschreibung des Pasterzengletschers erwähnt wurde, die linke Seitenmoräne, die unterhalb der Johannis-

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hütte eine Zeit lang fast vollständig unter dem Eis verschwindet.

       Bis hierher hatte uns unser Weg beständig über den Schneewinkelkopf-Zufluss geführt, den westlichsten der Hauptkomponenten des Firnmeeres der Pasterze, jetzt durchschnitten wir den Oberen Pasterzenboden in diagonaler Richtung gegen die Johannishütte zu. Wind und Kälte hatten nur wenig nachgelassen, die zahlreichen Wassertümpel, die zwischen den Erhebungen und Senkungen des Eises sich befinden, trafen wir alle festgefroren. Der heftige Wind hatte dazu im ganzen Gesichte ein starkes Brennen hervorgerufen, so dass wir uns zu wiederholten Malen die Haut mit einer dicken Lage von Glycerin bedeckten. Das letztere zeigte sich am heutigen Tage als treffliches Präservativmittel, ohne dasselbe wären wir sicher nur mit furchtbar zerfetztem Gesichte zur Wallnerhütte gekommen. Doch fiel uns der heftige Nordwind in einer Beziehung lästig, so war er uns anderseits desto erwünschter, denn nicht nur bewirkte er eine anssergewöhnliche Klarheit und Durchsichtigkeit der Atmosphäre, sondern er versprach uns auch für den kommenden Morgen günstige Witterung.

       Um 3 Uhr, also 3 ½ Stunden nach unserem Abgange vom Schneewinkelkopf, hatten wir die Johannishütte erreicht. Nie fühlten wir die Unbrauchbarkeit derselben schmerzlicher, als am heutigen Tage. Trotz dem anstrengenden Wege, den wir heute bereits zurückgelegt hatten, mussten wir nun noch bis zur Wallnerhütte hinabsteigen, um dort ein elendes Nachtquartier zu erhalten, zudem unseren Marsch für die morgige Partie um 1 ½ Stunden verlängert zu sehen. Wenn es nicht gar so kalt gewesen wäre, so hätten wir uns leicht zum Uebernachten in der damals noch verfallenen Johannishütte entschliessen können, da wir mit genügendem Proviant versehen waren; doch kam der Gedanke nicht zur Ausführung, denn die Hütte war zu allem Ueberfluss auch noch mit einer Fülle von

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Schmutz und Unrath bedeckt; kein Wunder! ist ja doch dieses Werk eines edlen Menschenfreundes temporär zum Viehstalle degradirt worden!

       Im Sommer 1870 wurde mit Hilfe der Mitglieder des Heiligenbluter Führervereines diesem Uebelstande abgeholfen, indem zu Nutz und Frommen aller Pasterzenfahrer die Johannishütte wieder in brauchbarem Zustande sich befindet, mancher Gebirgsfreund wird uns für die Renovirung jenes Asyls Dank wissen.

       Bei unseren wiederholten Besuchen der Johannishütte war uns der prachtvolle Pasterzengletscher und seine grossartige Umsäumung nie so schön vor Auge getreten, wie in dieser Stunde, wir glaubten mit unseren Fernröhren sogar die kleine eiserne Pyramide auf der Spitze des Grossglockners zu erkennen. Nur die Sehnsucht nach einer behaglich durchwärmten Stube trieb uns nach einstündigem Verweilen zur Fortsetzung unseres Marsches an.

       Kurz nach 5 Uhr trafen wir in der Wallnerhütte ein. Es wiederholte sich auch diesmal die alte Historie von dem allzubeschränktem Raum, von dem Ausmessen des kleinen Fleckchens auf dem Heuboden, das jedem Einzelnen als Schlafstätte zu dienen hatte. Führer Schnell, der hier vor wenigen Tagen das Uebernachten auf der Heutristen gewählt hatte, zog heute doch den Aufenthalt in der Hütte vor, die, abgesehen von einer Reihe von kleinen und grossen Leiden, doch wenigstens den Vortheil bot, dass sie uns gegen die Kälte schützte.

       In einer Beziehung aber waren wir weit besser daran, als am 10. September, wo wir gleichfalls zum Zubringen einer Nacht in der Wallnerhütte verurtheilt waren: wir konnten mit der Gewissheit einschlafen, dass wir morgen zur Ersteigung des Johannisbergs ein herrliches Wetter bekommen würden.

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     "Der Johannisberg" (Hofmann).