Wanderungen 7

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        So interessant eine Ersteigung des Johannisbergs ist, die über das weite Eismeer des Pasterzengletschers führt und den lohnendsten Ueberblick über das letztere gewährt, so wurde dieselbe doch erst zweimal und zwar in verhältnissmässig grossen Zwischenräumen ausgeführt, das erstemal im Jahre 1844 von einer Gesellschaft, die aus vier Herren und zwei Heiligenbluter Führern bestand, das zweitemal im Jahre 1859 von Dr. A. von Ruthner mit seinem Ferleitener Führer Röderer und mit dem Heiligenbluter Führer Plattl. Seither wurden zwar wiederholte Versuche, theilweise von renommirten Bergsteigern unternommen, die jedoch ausnahmslos, zumal wegen der Ungunst der Witterung, erfolglos blieben. So ist Herr K. Bädeker, wie er uns in einem Privatbriefe mittheilt, im verflossenen Jahre kurz vor unserer Ersteigung zu wiederholten Malen von Heiligenblut aufgebrochen, um den Johannisberg zu erobern, immer wieder trieb ihn Regen und Nebel zurück. In einer Woche hat er viermal den Weg von Heiligenblut bis zur Wallnerhütte zurückgelegt! Trotz seiner Beharrlichkeit musste er endlich das Möllthal verlassen, ohne sein Projekt zur Ausführung gebracht zu haben.

       Der Johannisberg bildet den Kulminationspunkt des Tauernhauptkamms, so weit derselbe der Glocknergruppe angehört. Dr. A. v. Ruthner hat denselben barometrisch mit 11,166' 3529m gemessen, die trigonometrische Messung Sonklars ergab dafür eine Höhe von 11,016' 3482m, doch scheint Ruthners Angabe näher an die thatsächliche Elevation des Gipfels zu kommen, sowohl dem blossen Augenmass entsprechend, das dem Johannisberg ungefähr die gleiche Erhebung wie dem Schneewinkelkopf 11,176' 3532m zuschreibt, als auch in Uebereinstimmnng mit unserer Aneroidbestimmung, welche mit der Messung Ruthners mehr harmonirte als mit der Sonklars. Wir haben unsere eigenen

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Messungen gerade desshalb, weil sie nur mit einem nicht gerade vollkommen verlässigen Metallbarometer ausgeführt sind, durchaus nicht als maassgebend betrachtet, sondern dieselben hauptsächlich nur dazu benützt, um bei den oft sehr bedeutenden Differenzen zwischen den Höhenangaben auf Sonklars und Keils Karten, die eine oder die andere als die vermuthlich richtigere Messung zu betrachten und diese dann in die beigegebene Karte der Glocknergruppe einzufügen. Nur bei drei Gipfeln, bei der Glockerin, dem Grossen und dem Kleinen Bärenkopf haben wir unsere eigene Messung denen Keil's und Sonklar's vorgezogen, da die letzteren hier eklatante Unrichtigkeiten zeigten. Doch davon später!

       Wir hatten den Johannisberg schon auf unseren früheren Exkursionen kennen gelernt und zu wiederholten Malen bereits Gelegenheit gehabt, uns von der wechselvollen Gestaltung jenes Gipfels zu überzeugen; so sanft gewölbt die Schneekuppe von Süden und Südosten aus sich präsentirt, so leicht sie dem auf der Franz-Josephs-Höhe Stehenden erreichbar scheint, so majestätisch erhebt sich die Spitze, von irgend einer andern Seite aus gesehen. Als wir vor einigen Tagen auf der Fuscherkarscharte standen, da war die sanfte Kuppe in eine Eisnadel verwandelt, ein Bild so erhaben wie der Glockner selbst, als wir wenige Stunden nach der Ersteigung des Johannisbergs vom Gipfel der Hohen Riffel zu ihm hinüberblickten, da war er zu einer scharfkantigen Eispyramide geworden. Als wir jedoch vor fast zwei Monaten zur Unteren Oedenwinkelscharte hinangestiegen waren, da wollten wir kaum glauben, dass die furchtbaren Felswände, die damals zu unserer Linken sich erhoben, demselben Berge angehören sollten, den wir bisher immer nur mit tadellos reinem Eistalar vor Augen gehabt hatten.

       Der Johannisberg führte vor nicht gar langen Jahren noch die Bezeichnung "Keeserkogl"; er gehört jenem Theile der Glocknergruppe an, der noch jetzt in Kals theil-

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weise den Namen Keeswinkel führt.

Fussnote:
Siehe oben Seite 221.

       Zur Erinnerung an den Erzherzog Johann von Oesterreich, der im Anfang der dreissiger Jahre mehrere Exkursionen im Gebiete des Grossglockners unternahm, unter anderem auch bis zum Riffelthor zwischen der Pasterze und dem Karlinger Gletscher vordrang, wurde der Keeserkogl seines althergebrachten und nicht unpassenden Namens beraubt und zur Umtaufung in "Johannisberg" verurtheilt. Ja noch mehr, sogar die Bezeichnung "Herzogshut" musste er sich gefallen lassen, doch hat sich die letztere nie recht einbürgern wollen. Dagegen hat die Benennung "Johannisberg" den alten "Keeserkogl" nun vollständig verdrängt.

       Betrachten wir von Südosten, etwa von der Franz-Josephs-Höhe aus, den Johannisberg, so finden wir, dass er auf beiden Seiten von zwei Eisthälern eingeschlossen ist. Das eine zieht von der Unteren Oedenwinkelscharte herab, ein östlich davon sich erhebender Firnkamm trennt den Schneewinkelkopfzufluss vom Riffelzufluss. Dieses Eisthal, das sich in der Richtung zwischen dem Glocknerkamm und dem Kleinen Burgstall verliert, wird unseren Weg bis zum Fuss des eigentlichen Johannisbergs, d. h. des letzten steil ansteigenden Gipfels bilden.

       Das andere Eisthal dagegen, von dem die Hohe Riffel mit dem Johannisberg verbindenden Firngrat östlich gelegen, deutet auf eine weit bedeutendere Depression im Hauptkamm, auf das Riffelthor. Der mächtige Firnstrom, der dieses letztere Eisthal bildet, hat von Sonklar den Namen Riffelzufluss erhalten. Es ist der grösste unter den drei Hauptkomponenten des Firnmeeres der Pasterze. Zwischen dem Kleinen und dem Mittleren Burgstall fluthet der erstarrte Strom in jähen Eiskatarakten hinab auf die zweite Terrasse des Gletschers, auf den Oberen Pasterzenboden, wo er erst allmählig zu langsamer, gleichmässiger Bewegung sich beruhigt. Dieser Absturz vom Obersten zum Oberen Pasterzengletscher ist zwar nicht so schön wie der tiefer liegende Abbruch zum Unteren Pasterzen-

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boden, er zeigt nicht die gleiche, in Tausend Nuancen schillernde Färbung des Eises, aber er ist weit wilder, weit grösser. Dr. A. von Ruthuer versuchte es im Jahre 1855 vergebens, über den Mittleren Burgstall auf die zweite Terrasse des Pasterzengletschers hinabzukommen. Dagegen gelang dies im Jahre 1865 - allerdings
im Frühsommer - dem Engländer F. F. Tuckett.

Fussnote:
Alpine Journal Vol. II Septemberheft 1865, Nr. 11, Seite 139.

Der letztere hat überhaupt in unseren Deutschen Hochalpen eine Reihe von brillanten Erfolgen aufzuweisen, unter den deutschen Bergsteigern können ihm wohl nur wenige würdig an die Seite treten.

       Zwischen jenen beiden Eismulden gelegen, steigt der Johannisberg auf seiner linken Seite von der Unteren Oedenwinkelscharte aus über einen kleinen, kaum als selbstständige Erhebung zu betrachtenden Vorsprung zur höchsten Spitze empor. Derselbe führt keinen eigenen Namen, ist jedoch von der Franz-Josephs-Höhe, ebenso von der Johannishütte aus deutlich zu erkennen. Auch die geringe zwischen den zwei Einsenkungen der Unteren Oedenwinkelscharte gelegene Elevation im Hauptkamm, die von den beiden genannten Punkten aus sichtbar ist, hat keine eigene Benennung. Auf der rechten Seite dagegen sendet der Johannisberg eine Firnkante in der Richtung gegen Südosten herab, welche eine sehr mässige Neigung besitzt. Ueber diese hatten die beiden Exkursionen in den Jahren 1844 und 1849 die Spitze erreicht. Auch wir hatten beschlossen, den Anstieg über jenen südöstlich streichenden Firnkamm zu wählen, unvermuthet trat jedoch im Laufe der Partie eine Modifikation des gefassten Planes ein.

       Die Nacht in der Wallnerhütte war glücklich überstanden, der Morgen des 15. September war wundervoll klar über uns aufgegangen.

       Um ½ 6 Uhr verliessen wir die Hütte. In langen Windungen ging es über die reifbedeckten Wiesenhänge hinan, es herrschte eine Temperatur von + 1 Grad. Der heftige Nordwind hatte zwar an seiner Gewalt ver-  

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loren, doch war er noch immer stark genug, um uns, da unser Marsch ihm gerade entgegen ging, beim Aufwärtssteigen zu belästigen.

       Ein zauberhafter Anblick bot sich uns dar, als wir die Franz Josephs Höhe betraten und vor uns nun plötzlich die meilenweite Fläche der Pasterze ausgebreitet sahen, überragt von ihrer gewaltigen Umrahmung. Die Sonne traf gerade mit ihren ersten Strahlen auf das schwarze, doppelspitzige Haupt des Glockner, bald standen auch die übrigen Zinnen des Glocknerkammes, die zerscharteten Thürme der Glocknerwand, der Romariswandkopf und der spitze Schneewinkelkopf mit flammendem Roth übergossen, nach wenigen Sekunden färbten die Morgengrüsse des erwachenden Feuerballs auch den Johannisberg mit leuchtendem Purpur, jene geheimnissvolle Burg im fernsten Rahmen des Bildes. Unwillkürlich schlug unser Herz höher, als wir staunend die erdrückende Fülle von Pracht und Erhabenheit vor uns sich entrollen sahen. Ein solcher Moment entschädigt uns für Tausend kleine Beschwerden, für unzählige mühevolle Stunden.

       Wir waren fast eine halbe Stunde stehen geblieben, die Grossartigkeit des Gemäldes mit ganzer Seele zu erfassen, jeder Augenblick schien uns eine neue Herrlichkeit vor Augen führen zu wollen.

       Ohne die Johannishütte zu berühren, schlugen wir nun gleich direkt unsere Richtung gegen den Kleinen Burgstall ein, wir wollten auch diesmal wieder den Obersten Pasterzenboden zwischen dem Glocknerkamm und dem Kleinen Burgstall gewinnen, also auf demselben Wege, auf dem wir gestern herabgestiegen waren. Wohl wäre es uns der Abwechslung halber lieber gewesen, einmal die Eiskatarakte zwischen dem Kleinen und dem Mittleren Burgstall zu überschreiten, doch verhinderte uns die Länge des am heutigen Tage zurücklegenden Marsches an jeglichem Experimentiren, wir konnten nicht wissen, welche Schwierigkeiten uns der Uebergang vom Johannisberg zur Hohen Riffel und der Hinabweg von letzterer in's Kaprunerthal entgegensetzen

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würde.

Fussnote:
Soviel bekannt, wurde bis jetzt die Ueberschreitung des Riffelthores viermal ausgeführt: 1855 von Dr. A v. Ruthner, 1861 von Dr. Peiritsch, 1864 von H. Heiss, 1868 von Dr. Schoberlechner.

Nach Dr. A. von Ruthner war die Passage vom Riffelthor über den Karlingergletscher zum Mooserboden sogar "sehr gefährlich". Zudem waren die Tage bereits stark im Abnehmen begriffen. So blieb denn das Projekt, den Tukett'schen Weg zur Gewinnung des Obersten Pasterzenbodens mitten durch den wilden Eisbruch zwischen dem Kleinen und dem Mittleren Burgstall zu nehmen, unausgeführt und der uns schon bekannte Durchgang zwischen dem Glocknerkamm und dem Kleinen Burgstall wurde neuerdings als der kürzeste und leichteste Weg eingeschlagen.

       Der Marsch über die zahllosen Furchen des Pasterzengletschers, zwischen denen die einzelnen Wassertümpel alle noch mit einer dicken Eiskruste überzogen waren, bot mir heute ein besonderes Interesse. Ich hatte dabei beständig den Glockner vor Augen und mehr als jemals vorher regte sich in mir die Lust, den direkten Anstieg von der Pasterze auf die höchste Glocknerspitze einmal auszuführen, also mit Umgehung der Scharte im sogenannten Glocknerkasten emporzusteigen. Es wäre dies ein grossartiges Unternehmen doch müssten hiebei sehr bedeutende Hindernisse überwältigt werden. Vor Allem wäre da ein furchtbar zerklüfteter Eisabhang zu überschreiten, um zu jener steilen Eisrinne zu gelangen, die in einer Höhe von ungefähr 3000' zur Scharte emporzieht. Bei tiefem Schnee, etwa im Juni, wenn die meisten Spalten noch mit festen Schneemassen bedeckt sind, liesse sich diese Stelle am leichtesten passiren. Die Neigung jener Eisrinne beträgt in ihrer Gesammtheit 62 Grad, ist also von aussergewöhnlicher Steilheit, so dass, wenn nicht der Schnee besonders günstig ist , bis hinauf zur Scharte Stufen gehauen werden müssten. Ob es jedoch räthlicher wäre, die nebenanstehenden Felswände zu betreten, kann ich nicht mit Bestimmtheit entscheiden; sie sind zwar

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gleichfalls sehr schroff, doch dürften sie wenigstens stellenweise gut gangbar sein, um so mehr, da sie fast ausschliesslich aus Chloritschiefer bestehen, der von allen Schieferarten weitaus den sichersten Halt gewährt. Mein Freund Grohmann in Wien hat zuerst den Gedanken angeregt, jenen Anstieg zu versuchen, doch blieb derselbe bis zur Stunde noch unausgeführt. Ich hätte im Jahre 1869 sehr gerne auch auf diesem Wege einmal den Glockner erstiegen, aber Thomele, unser kluger und bedächtiger Generalstabsmeister, widersprach immer mit Entschiedenheit einem derartigen Unternehmen, das er als tollkühn, noch dazu als vollkommen zwecklos erklärte, nachdem dicht nebenan ein guter Weg auf den Gipfel führe. Thomele hatte nicht unrecht und doch war ich jedesmal, so oft wir miteinander über die Pasterze wanderten, in einen Wortstreit mit ihm gerathen. Für mich lag etwas unendlich Reizendes in diesem Glockneranstieg; doch wäre es jetzt sicher fast unmöglich gewesen, nur bis zum Fuss jener Eisrinne emporzusteigen, die Zerrissenheit des Eises war in der späten Jahreszeit eine gräuliche, dazu breitete sich zwischen der mehrerwähnten Eisrinne und der Pasterze eine mindestens 10 Klafter breite Bergkluft aus, die nirgends überschritten werden konnte und so den Zugang vollständig versperrte.

       Für dieses Jahr war somit die Exkursion unausführbar geworden, doch zweifle ich nicht daran, dass sie über kurz oder lang von einem verwegenen Bergsteiger unternommen wird. "Die Fremden wer'n alleweil besser im Steig'n" sagte einst Schnell zu uns; "sie wer'n bald goar keine Führer mehr brauch'n!"

       Als wir am Kleinen Burgstall angelangt waren, verbanden wir uns durch das Seil, denn nun kamen wir in das seiner vielen Klüfte halber sehr gefürchtete Revier des Obersten Pasterzenbodens. Wir machten die Distanzen zwischen den einzelnen Gehenden möglichst gross, denn die Spalten sind hier oft mehrere Klafter weit, dazu waren sie heute durch den Nordwind der letzten Tage stark verweht, so dass leicht mehrere zusammen in eine Eisschlucht hätten

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einbrechen können. Anfangs schritten wir auf demselben Wege aufwärts, über welchen wir gestern vom Schneewinkelkopf herabgekommen waren; die Fussspuren waren noch gut erhalten, wir konnten sie in langer Kette bis fast hinauf zur Spitze des Schneewinkelkopfs überblicken. Nachdem wir jedoch unterhalb des Teufelskamp vorübergekommen waren, verliessen wir dieselben und schlugen weiter gegen die rechte Seite unsere Richtung direkt gegen den Johannisberg ein.

       Das Wetter war prachtvoll, kein Wölkchen war zu erblicken; doch hatten wir noch immer einiges vom Nordwind zu leiden, der zwar nicht mehr mit gleicher Wuth wie am gestrigen Tage einherraste, aber immerhin noch stark genug war. Da er uns gerade entgegen kam, so erschwerte er uns einigermassen das Athmen, doch hoben wir seine Wirkung durch desto langsameres Vordringen wieder auf.

       Je höher wir kamen, um so schöner baute sich der Johannisberg vor uns empor. Terrassenförmig stieg er an bis zu seinem höchsten, in eine stolze Spitze auslaufenden Gipfel. Zwei Firngräte senken sich von ihm herab, der eine gegen Südsüdwest zur Unteren Oedenwinkelscharte, der andere gegen Südost in der Richtung gegen den Mittleren Burgstall zu. Ueber den letztern sollte nach unserem ursprünglichen Plane der Anstieg ausgeführt werden; da jedoch jene Firnschneide in ihrer oberen Hälfte eine weite tiefe Einschartung zeigte, als wäre dort ein Stück des Kammes in eine grosse Höhle hinabgesunken, so beschlossen wir die Spitze in direktem Anlaufe, also so ziemlich von Süden aus, zwischen jenen beiden Firnkanten zu ersteigen. Dabei täuschten wir uns jedoch entschieden sowohl über die noch zurückzulegende Wegstrecke, als auch über die Neigung des obersten Firnabhangs.

       Es war um 10 Uhr; unser Weg von der Wallnerhütte bis hierher hatte 4 ½ Stunden in Anspruch genommen. Wir dachten von da aus in einer starken halben Stunde, die Spitze zu erreichen. Wir hatten uns stark verrechnet.

       Hier wurde eine kleine Rast gemacht; schon jetzt

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hatten wir einen herrlichen Ueberblick anf den ganzen Pasterzengletscher, nur der unterste Theil desselben unterhalb des zweiten Absturzes war uns verborgen. Doch hielten wir hier bloss geringe Zeit, dachten wir doch nach Kurzem von der Spitze des Johannisberges eine desto schönere Rundschau zu geniessen.

       Die Klüfte, die uns bis jetzt verhältnissmässig nur wenig belästigt hatten und meist auf festen Schneebrücken rasch überschritten werden konnten, begannen nun in grösserer Anzahl und in grösserer Breite aufzutreten. Wir kamen manchmal an Stellen, wo es hohl unter jedem Schritte klang, als gingen wir über ein Gewölbe dahin, und dieses dauerte oft grosse Strecken weit. Demungeachtet konnten wir oft ziemlich gerade aufwärts unsern Weg fortsetzen, ohne zu grossen Umwegen gezwungen zu sein. Dagegen schien die Spitze, der wir uns so nahe geglaubt hatten, nach Verlauf einer halben Stunde noch immer gleich weit von uns entfernt zu sein, stets kamen neue Terrassen zum Vorschein, und wenn wir die eine überschritten hatten, in der festen Ueberzeugung, nun am Fusse der letzten Erhebung zu stehen, so sahen wir zu unserem Aerger abermals neue Eisstufen vor uns auftauchen.

       Dazu nöthigten uns jetzt manchmal breite Spalten zu einem Zickzackmarsche. Die Neigung wurde immer bedeutender und steigerte sich schliesslich bis zu 42 Grad. Da wir hier auf blankes Eis trafen, so musste auf eine kleine Strecke der Eispickel seine Thätigkeit beginnen. Endlich waren wir der höchsten Zinne augenscheinlich ganz nahe gekommen, doch durften wir auch jetzt noch nicht das letzte Bollwerk in frischem Anlauf erstürmen, wir wussten nicht, ob dasselbe nicht vielleicht aus einer gegen Norden überhängenden Schneewechte bestände. Thomele stieg daher langsam voraus, von den übrigen Gliedern der Gesellschaft fest am Seile gehalten. Am obersten Rande angelangt beugte er sich vorsichtig über die Firnkante, um das jenseitige Terrain zu untersuchen. Er fand den Gipfel vollständig sicher, auch gegen Norden war er keineswegs unterhöhlt. Nun folgten wir

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ihm rasch; um ½ 12 Uhr, 6 Stunden nach unserem Aufbruch von der Wallnerhütte, standen wir am Ziele.

       Zunächst galt es, einen bequemen Ruhesitz ausfindig zu machen, denn der Gipfel des Johannisbergs lief zur Zeit unserer Ersteigung in eine so scharfe Spitze aus, dass höchstens eine Person darauf Platz finden konnte. Sofort ging es daher an ein rüstiges Arbeiten: Thomele ebnete, da wir uns, um die volle Rundsicht zu geniessen, nur ungern an einem der Abhänge lagern wollten, die Spitze mit dem Eispickel, so dass wir nach wenigen Minuten gemüthlich alle Vier auf dem höchsten Punkte uns niedersetzen konnten.

       Das Panorama des Johannisbergs übertrifft in mancher Hinsicht sogar das des Grossglockners und des Grossen Wiesbachhorns, obwohl es mit diesen beiden Gipfeln nicht in Bezug auf die Fernsicht verglichen werden kann. Ohne Zweifel bietet unser Standpunkt die belehrendste Uebersicht über die Glocknergruppe selbst; vielleicht, dass ihm hierin der Fuscherkarkopf gleichkommt, aber auch jenem mangelt der herrliche Blick über die gesammte Längenaxe des Pasterzengletschers, der von hier aus in weiten Wellen gegen das Möllthal hinabfluthet. Die grünen Gefilde des letzteren bilden einen wohlthuenden Gegensatz zu dem starren Reiche des Boreas, das uns umgibt.

       Nicht minder grossartig war unsere Aussicht gegen Nordwesten hinab zum Oedenwinkelgletscher, der tief unter uns zwischen hohen Felsenmauern eingebettet liegt. Die im Norden sich erhebende Hohe Riffel, die vom Johannisberg aus jenseits der Kammeinsenkung der Oberen Oedenwinkelscharte als sanftgewölbte Schneekuppe sich erhob, schien von hier aus nicht schwer erreichbar zu sein. Ein Firngrat, der nur unserem Gipfel zunächst einen steilen Neigungswinkel zeigte, dann aber langsam sich verflachte, zog zu ihr hinüber; wir waren von diesem Anblicke sehr befriedigt, der Weg zu jener Eiszinne hinüber konnte uns keine besonderen Gefahren entgegensetzen. Dessgleichen überzeugten wir uns, dass der Abstieg von der Hohen

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Riffel zum Riffelthor ganz leicht zu bewerkstelligen sei.

       Jenseits desselben war über dem tiefen Einschnitt des Kaprunerthales der Zeller See mit dem lieblichen Markte Zell und das breite Saalachthal bis zu den Hohlwegen sichtbar; dagegen waren uns von den See'n des Stubachthales sowohl der Tauernmoossee wie der Grünsee vollständig verdeckt, vom Weisssee konnten wir nur die westliche Hälfte übersehen.

       Majestätisch stieg vor uns der Glocknerkamm auf, der uns im Grossglockner selbst fast noch um Tausend Fuss überragte. Er glich wahrhaftig einem Titanenbau, so kolossal, so ehrfurchterregend war seine Gestalt. Leider verdeckt uns der Glocknerkamm, da er vom Schneewinkelkopf bis zum Grossglockner den Johannisberg überragt, fast vollständig die Kalkalpen Südtirols. Ebenso versperrt uns das Grosse Wiesbachhorn, das sich von hier in gleicher Weise wie vom Schneewinkelkopf als feinzugespitzte gegen die rechte Seite überhängende Eisnadel zeigte, die Fernsicht gegen Nordosten.

       Von den Bergen des Tauernhauptkammes dagegen nahm nur der Fuscherkarkopf neben unserem Gipfel eine ansehnliche Stellung ein, doch vermochte er nicht uns die Fernsicht zu stören, über ihm hinweg erblickten wir die Gruppe der Rauriser Berge mit dem Hohen Aar, noch weiter zurück die Gasteiner Berge mit dem Ankogl und der Hochalmspitze. Dessgleichen hatten wir gegen Westen eine herrliche Aussicht auf die Landeckgruppe und die die letztere noch überragenden Spitzen des Venedigerstockes.

       Wie schade, dass uns das Schöne auf Erden oft mit einem so bitteren Beigeschmack geboten ist! So grossartig der Punkt war, auf dem die Pracht der Natur verschwenderisch vor uns entfaltet lag, so trieb uns die herrschende Kälte (- 2 Grad) und der eisige Nordwind doch bald wieder zurück; wir mussten etwas unterhalb der Spitze auf dem Südabhange, wo wir am besten geschützt waren, einen neuen Ruhesitz uns aufsuchen. Der Sturm war, wenn auch nicht mehr so heftig wie am gestrigen Tage auf dem Schneewinkelkopf, doch noch immer stark genug

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gewesen, um grosse Firntafeln vom Boden aufzureissen und sie uns in Gestalt von zahllosen feinen Eissplittern in's Gesicht zu schleudern. Dagegen war der Platz, den wir jetzt einnahmen, ganz annehmbar, das Thermometer stieg in der Sonne rasch auf 5 Grad.

Johann Stüdl: "Der Großglockner vom Johannisberg aus gezeichnet".

Freund Stüdl hatte sogar die Mappe aus dem Rücksack hervorgeholt, um auch dem Glockner neben den vielen anderen Gipfeln, die bereits ihre Aufnahme darin gefunden hatten, gleichfalls seinen Platz anzuweisen. Doch schon nach kurzer Zeit wanderte die Mappe wieder an ihren Aufbewahrungsort, die Hand fuhr zurück in den wohlgefütterten Fäustling. Um ½ 1 Uhr, nach einstündigem Verweilen auf dem Johannisberg, brachen wir auf, um unseren Weg weiter nach Norden zu verfolgen.

        Wir hatten beschlossen, unseren Hinabweg vom Johannisberg über das zwischen dem Vorderen Bärenkopf und der Hohen Riffel gelegene Riffelthor 9602' 3035m Keil in's Kaprunerthal einzuschlagen und damit zugleich die Ersteigung des letztgenannten Gipfels, dem nach Keil eine Höhe von 10,600' 3350m nach Sonklar von 10,609 3353m zukommt, in Verbindung zu bringen, insbesondere aus dem Grunde, um eine genaue Uebersicht über den Scheidekamm zwischen dem Riffelgletscher und dem Oedenwinkelgletscher zu gewinnen. Die Hohe Riffel war, so viel bekannt, vor uns noch nie erstiegen worden, dagegen wurde das Riffelthor bereits zu wiederholten Malen zum Uebergang aus dem Kaprunerthal nach Heiligenblut und Ferleiten oder umgekehrt benützt (s. oben).

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        Der beste Weg hinüber zu jenem Gipfel war jener Firnkamm, der vom Johannisberg gegen Norden herabzieht. Doch musste derselbe im obersten Theile sehr vorsichtig betreten werden; er besass hier eine Neigung von 50 Grad. Der tiefe Schnee, der uns bei jedem Tritte fast bis zum Kniee einsinken machte, erleichterte uns bedeutend jene Strecke. Ist dagegen der Grat mit Eis bedeckt, so wird dessen Ueberschreitung jedenfalls nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten, um so mehr, da er auf beiden Seiten, gegen Osten und Westen, sehr steil abfällt.

       Nach kurzer Zeit hatten wir diese Stelle hinter uns und schritten nun mässig abwärts steigend der Depression des Tauernhauptkammes zwischen dem Johannisberg und der Hohen Riffel zu; wir haben diese Einsattelung mit dem Namen "Obere Oedenwinkelscharte" belegt.

Fussnote:
Vgl. Seite 220.
       Wir konnten von hier aus beständig den Weg übersehen, der vom Oedenwinkelgletscher her auf die Pasterze führt. Deutlich erkannten wir, dass derselbe zwar keineswegs mühelos ist, aber doch für einen geübten Bergsteiger keine übermässigen Anstrengungen erfordert. Die Obere Oedenwinkelscharte, die noch nicht gemessen ist, mag etwa um 200' von der Hohen Riffel überragt werden. Leider konnten wir, da uns ohnedem die Zeit für den heutigen Tagemarsch etwas knapp zugemessen war und uns noch ein langer, vielleicht auch beschwerlicher Weg hinab in's Kaprunerthal bevorstand, hier keine Aneroidmessung vornehmen, die jedenfalls einigen Aufenthalt hervorgerufen hätte.

       Unser Anstieg zur Hohen Riffel war des tiefen weichen Schnee's halber sehr anstrengend, um so mehr, da uns noch immer ein heftiger Nordwind entgegenblies, doch dauerte dieser Weg zum Glück nur eine kurze Strecke. Eine Stunde nach Verlassen des Johannisberges standen wir am Ziele. Ganz verschieden zeigte sich jetzt der Gipfel, da wir ihn nun direkt vor uns hatten, im Gegensatz zu dem Eindrucke, den er uns vom Johannisberg aus

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gemacht hatte. Während er dort als unscheinbare Schneekuppe erschienen war, erkannten wir nun, dass er in Wirklichkeit aus einer kaum ⅓ bis ¼ Fuss breiten, scharf zulaufenden Firnkante bestehe. Wir konnten nur rittlings darauf Platz finden und so bis zur höchsten Erhebung emporkommen. Führer Schnell jedoch, der seine Fertigkeit im Balanciren zeigen wollte, ging über die Schneide aufrecht hin, bis er plötzlich mit dem rechten Fusse durchbrach und sich nun gleichfalls dazu veranlasst sah, einen gewissen Körpertheil, der keiner näheren Bezeichnung bedarf, in Berührung mit der kalten Unterlage zu bringen.

       So sassen wir denn geordnet wie im Marsche hintereinander, der eine Fuss erstreckte sich gegen den Pasterzengletscher in's Gebiet der Drau, der andere dagegen gehörte dem Flusssystem der Salzach an. Die Hohe Riffel ist der einzige Berg, der den Eckpfeiler der drei primären Gletscher der Glocknergruppe bildet und sowohl der Pasterze, wie auch dem Oedenwinkel- und dem Karlingergletscher mächtige Firnströme zusendet.

       Das Panorama war das denkbar wildeste: keine menschliche Behausung ringsumher, nur in weiter Ferne die schöne Bucht des Saalachthales, in deren Nähe der Zeller See zu uns emporblickte. In gleicher Weise wie auf dem Johannisberg hatten wir auch hier einen weiten Ueberblick über die langgedehnte Kette der nördlichen Kalkalpen, unter denen besonders die über dem Zeller See emporsteigenden Berge des Berchtesgadener Landes mächtig hervortraten. Während uns vom Johannisberg die Kalkalpen Südtirols fast vollständig verdeckt waren, zeigten sich uns von der Hohen Riffel aus wenigstens einzelne Gipfel zur Rechten neben dem Glocknerkamm, Vedretta Marmolada, Monte Cristallo und die zwischen denselben gelegenen Berge. Die Aussicht auf den Glocknerkamm ist uns jedoch durch den Johannisberg fast gänzlich versperrt, nur die oberste Spitze des Grossglockners, dessgleichen der Schneewinkelkopf waren sichtbar. Ein weiter Streifen zog sich vom Gipfel des letzteren gegen den Pasterzengletscher hinab - es waren die Spuren unseres

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gestrigen Weges. Nicht unerwähnt mag auch bleiben, dass die Hohe Riffel der einzige Punkt ist, von welchem die vier See'n: Weisssee, Grünsee, Tauermoos- und Zeller See übersehen werden können.

       Einen furchtbaren Anblick boten hier die Wände, die ober dem zu unseren Füssen eingebetteten Oedenwinkelgletscher zur Unteren Oedenwinkelscharte sich emporthürmten. Sie schienen senkrecht zu sein. Die düstere Farbe der Wände war am heutigen Tage wie getigert: unzählige weisse Pünktchen, die Reste des letzten Schneefalles im Anfange Septembers, waren zwischen den schwarzen Felsen vertheilt. Hätten wir zuerst von der Hohen Riffel aus jenen Absturz gesehen, bevor wir die Ersteigung derselben ausführten, wir hätten uns wohl nie an jene gefahrvolle Partie gewagt. Wir konnten nicht umhin, uns jetzt noch zu gratuliren, dass jener Weg bereits glücklich ausgeführt war, wir hätten ihn jetzt wohl nicht mehr unternommen!

Einen günstigen Ueberblick bot uns die Hohe Riffel endlich auch über den Riffelgletscher und den zwischen dem letzteren und dem Oedenwinkelgletscher sich erhebenden Felskamm, welcher den Todtenkopf enthält. Zwischen diesem und unserem Gipfel auf der dem Oedenwinkelgletscher zugekehrten Seite liegen die Todtenlöcher, die bisher immer irrthümlich bald zwischen Schneewinkelkopf und Johannisberg (Schlagintweit), bald zwischen Johannisberg und Hohe Riffel (Sonklar und Keil) verlegt wurden. Die Erklärung dieses Namens wurde schon oben besprochen.

       Gegen Norden endlich löst sich von der Hohen Riffel jener Gebirgszug ab, der über den Thorkopf, einen wildgezackten, nur mit seinen obersten Kanten aus dem Karlingergletscher hervortretenden Felsenkamm, zum Kaprunerthörl hinabsinkt, dann rasch über den Kleinen und Grossen Eiser zum Kitzsteinhorn sich emporschwingt und die Thäler Stubach und Kaprun scheidet. Ihm zur Rechten reicht unser Blick über den weiten Karlingergletscher hinab zum Mooserboden.

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Es war der Weg, den wir zunächst nun einzuschlagen hatten.  

       Unser Aufenthalt auf der Hohen Riffel dauerte nur eine Viertelstunde, um ¾ 2 Uhr brachen wir wieder auf, um unseren Marsch fortzusetzen. Wir stiegen zunächst eine kleine Strecke gegen Süden von unserer Firnschneide hinab, um dann unterhalb derselben eine östliche Richtung einzuhalten. Da wir wenig Klüfte trafen, so kamen wir sehr rasch vorwärts, nur das Waten in dem weichen Schnee war lästig; wir sanken bei jedem Schritte so tief ein, dass der Schnee oft über unsere Gamaschen, die bis zum Knie gingen, emporreichte. Nach kurzer Zeit standen wir an dem Einschnitte im Tauernhauptkamm, der zwischen der Hohen Riffel und dem Vorderen Bärenkopf sich befindet; es ist das Riffelthor 9602' 3035m. Vor uns liegt der Karlingergletscher ausgebreitet; er ist bis zum Mooserboden hinab zu übersehen, während über demselben in weiter Ferne der Zeller See hervorleuchtet.

       Es begann nun ein Weg, den Dr. A. v. Ruthner, der erste Ersteiger des Riffelthores, als "sehr gefährlich" bezeichnet.

Fussnote:
Berg- und Gletscherreisen I. S. 157.

Schon im Jahre 1832 war Erzherzog Johann von Oesterreich, der von der Pasterze aus zum Mooserboden hinabsteigen wollte, durch die arge Zerklüftung des Karlingergletschers abgehalten worden, seinen Plan auszuführen. Im Jahre 1855 folgte Ruthner, der mit seinem Führer Röderer den Weg in umgekehrter Richtung ausführte. Auch er traf den Karlingergletscher noch stark zerrissen; jedenfalls scheinen im Jahre 1869 die Terrainverhältnisse günstiger gewesen zu sein, denn wenn wir auch auf eine Menge von Spalten trafen, die den Gletscher nach allen Richtungen hin durchzogen, so war doch bei Anwendung der gehörigen Vorsicht die Ueberschreitung des Eisstromes keineswegs "sehr gefährlich" zu nennen. Wir stiessen nirgends auf bedeutendere Hindernisse.

       Ueberhaupt sind die meisten Gletscher, mögen sie auch noch so gefahr-

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drohend aussehen, gut zu passiren, wenn man nur einmal in Gletscherwanderungen sich einige Erfahrung gesammelt, im Gebrauche des Bergstockes und der Steigeisen sich eine gewisse Fertigkeit erworben hat, dazu die erforderlichen Sicherheitsmassregeln genau beobachtet, vor Allem die wichtigste: das Seil stets stramm gespannt zu halten. Nichts kann der ganzen Expedition gefährlicher werden, als die Ausserachtlassung der letzteren Vorschrift. Wie leicht ereignet es sich, dass man in eine verborgene Kluft einbricht! ist dabei das Seil zwischen den einzelnen Reisenden fest angezogen, so trifft der Ruck, welcher durch das Einsinken des Einen hervorgerufen wird, alle Uebrigen zu gleicher Zeit, sie werden leicht mit vereinten Kräften ein tieferes Einbrechen verhindern können; hängt dagegen das Seil schlaff herab, so hat der Nächstfolgende allein der Gewalt des fallenden Körpers Widerstand zu leisten. Schnell wird er umgerissen und die ganze Gesellschaft in eine verderbliche Lage gebracht. Selbstverständlich sollte ferner jedesmal, so oft man auf einem nicht ganz schneefreien Gletscher sich befindet, das Seil seine Anwendung finden; zumal auf Firnfeldern ist diess dringend geboten, wenn sie auch scheinbar von keiner einzigen Kluft durchzogen sind. In hundert Fällen können sie anstandslos überschritten werden und doch einmal kann die trügerische Decke brechen und einen schlimmen Ausgang herbeiführen. Die Verunglückung eines Kieler Studenten im Jahre 1866 bei Gelegenheit einer Ersteigung des Venediger sei hierin ein warnendes Beispiel; sie war lediglich dadurch herbeigeführt worden, dass die Gesellschaft es versäumt hatte, sich durch das Seil zu verbinden. Jener Student war in eine Spalte eingesunken und konnte trotz aller Anstrengungen nicht mehr gerettet werden. Als das Opfer eines wahrhaft unverantwortlichen Leichtsinns musste er zu Grunde gehen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Jahre 1864 im Zemmgrunde am Schwarzensteingletscher (Zillerthaler Gruppe), wo einer der Führer meines Freundes Stüdl am Rückwege wegen dem Ausserachtlassen dieser Vorschrift

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den Tod fand.

Fussnote:
Siehe die Zeitschrift "Tourist" 1869 Seite 403.

       Doch lasst uns jetzt unseren Hinabweg zum Mooserboden beginnen! Der Karlingergletscher umfasst mit seinen Firnen den weiten Circus vom Thorkopf über die Hohe Riffel, das Riffelthor und den Vorderen Bärenkopf bis zum Mittleren Bärenkopf. Er erscheint zunächst zusammengesetzt aus zwei Hauptkomponenten, deren einer von der Hohen Riffel und vom Thorkopf, der andere von den Bärenköpfen herabfliesst. Bei ihrer Vereinigung oberhalb des eigentlichen, d. h. schneefreien Gletschers bilden diese beiden Ströme einen wildzerrissenen Gletscherbruch. Um den letzteren zu umgehen, hielten wir uns vom Anfang an möglichst weit gegen die rechte Seite des Gletschers, um gleich Dr. A. v. Ruthner später über die Moräne unsere Wanderung fortzusetzen. Doch zeigte sich in der Folge dieser Weg keineswegs als günstiger, so dass wir denselben rasch wieder verliessen.

       Unser Zug war geordnet, wie wir schon auf den frühern Partien meist gethan: an der Spitze schritt Schnell, dann folgte ich, hierauf Stüdl, endlich Thomele, der als der Stärkste unter uns die Voranschreitenden sicher am Seile zu halten hatte.

       Schon kurze Zeit nach Verlassen des Riffelthores begannen die Klüfte uns zu necken. Wir müssten um so vorsichtiger weitergehen, da uns die tieferliegenden Terrassen meist verborgen waren, wie ja überhaupt der Weg über einen unbekannten Gletscher hinab immer weit schwieriger ist, als der Aufstieg, wo man stets das zu überwindende Terrain vor Augen hat und sich die besten Passagen aussuchen kann. Hier und da waren wir zu einem Umweg gezwungen, doch trafen wir, wie schon erwähnt, auf keine erheblichen Hindernisse. Wir hatten uns so weit gegen die rechte Seite gehalten, dass wir schliesslich dicht unter den steilen Eisabhängen des Vorderen Bärenkopfs uns befanden.

       Hier trafen wir die einzige Stelle, die uns ein etwas längeres Suchen auferlegte. Wir waren mitten in einem Heere von Kreuz- und Querspalten.

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Nachdem wir jedoch diese Stelle im Rücken hatten, ging der weitere Weg leicht von Statten.

       Um 3 Uhr 15 Minuten betraten wir die rechte Seitenmoräne des Karlingergletschers. Sie ist sehr stark entwickelt und nöthigte uns zu einem beschwerlichen Klettern über die grossen Felsblöcke und Schlammhaufen, so dass wir es nach kurzer Zeit vorzogen, auf den Gletscher zurückzukehren. Hier passirte mir das Malheur, dass mir plötzlich ein Steigeisen unter dem Fusse brach, so dass mir die folgende Strecke bis zum Mooserboden hinab oft genugsam Veranlassung gab, die Vortheile der scharfen Eisenzinken schätzen zu lernen, ihren Mangel zu vermissen. Es wird häufig die Behauptung aufgestellt, dass die Steigeisen selbst auf grösseren Touren ein ganz entbehrlicher Ausrüstungsgegenstand seien. Ich bin ganz entgegengesetzter Meinung. Wer sich einmal mit der Anwendung derselben hinlänglich vertraut gemacht, der wird ihre Beihilfe gewiss nicht genug achten; sie dienen erstlich dazu, dem Steiger sowohl auf steilen Wiesenabhängen und in Felswänden, ganz besonders aber auf glatten abschüssigen Eisflächen einen sicheren Halt zu verschaffen.

       Stets ziemlich nach dem rechten Ufer des Karlingergletschers hinabsteigend, erreichten wir um 4 Uhr die fast ebene Zunge desselben. Langsam durchquerten wir dieselbe in der Richtung gegen die linke Seite, oft hielten wir kleine Rasten, um den Blick nach rückwärts zu werfen. Um 5 Uhr am Gletscherende angelangt, waren wir sehr erstaunt, die schöne Eishöhle, aus welcher Ende Juli der Bach hervorgebrochen war, bei Weitem nicht mehr gleich gross zu sehen, wie früher. Dieses herrliche Gletscherthor war im August eingestürzt, an dessen Stelle hatte sich seither ein neues gebildet, das jedoch das frühere nicht an Schönheit erreichte. 

       Unsere weitere Wanderung hinab zur Wasserfallalpe war äusserst genussreich. Eine prächtige Abendbeleuchtung lag über unsere erhabene Umgebung ausgebreitet. Wohin wir blickten, tauchte in unserer Seele die Erinnerung an

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glücklich vollbrachten Wanderungen auf. Hier das stolze Wiesbachhorn, dort Johannisberg und Hohe Riffel, die enge Schlucht des Kaprunerthörls , das wir vor mehreren Wochen überschritten hatten. Wie traurig waren damals die Verhältnisse. Ein Fussleiden bei Beginn der Exkursionen! Wie viel schöner war es doch am heutigen Tage! Vor uns erhob sich das Kitzsteinhorn , es zeigt uns hier riesige Felsmassen, im Gegensatz zu der schlanken zierlichen Spitze, die es, vom Zeller See aus gesehen, darbietet.

       Ein entzückender Anblick ward uns zu Theil, als wir am Rande des Mooserbodens angelangt waren. In der Tiefe schlängelt sich, vielfach gewunden, die Kaprunerache durch die Limbergterrasse hin, bis sie an dem Rande derselben zu neuem Sturze sich bereitet. In weiter Ferne aber tauchen darüber die Gruppe der Lofer-Leoganger Steinberge auf; hoch erhebt sich das Rothhorn über seine Umgebung. Sie schauen gar sonderbar aus, diese grauen verwitterten Felsen, im Gegensatz zu den glitzernden Eispalästen, in deren Innerem wir stehen. Der Weg hinab bis zur Wasserfallalpe wurde bereits früher beschrieben, er kann hier wohl übergangen werden. Um 7 Uhr, somit 13 ½ Stunden nach unserem Aufbruche von der Wallnerhütte, hatten wir die Wasserfallalpe erreicht. Wir kehrten diessmal nicht mehr, wie das Erstemal in der Meierhütte, mit dessen Melker wir bei unserem ersten Besuche des Kaprunerthales in Streit gerathen waren, sondern in der benachbarten Itzbachhütte ein, dort fanden wir freundliche Aufnahme und ein gutes Unterkommen. Der Senner der Meierhütte, der Anfangs auch den Schlüssel zur Vereinshütte besessen hatte, war, seitdem wir ihn wegen seiner unverschämten Forderungen zu Recht gewiesen, gegen alle Besuche von Touristen misstrauisch geworden. Als wir bei seiner Alphütte ankamen, und den Kopf durch die Thüre hineinsteckten, da rief er, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen, uns zu, wir sollten nur in der nächsten Hütte einkehren, er gebe Niemanden mehr Einlass, seitdem ihm ein Paar Herren seinen, Verdienst

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gestohlen hätten. Der gute Mann hielt also unseren damaligen Abstrich an seiner hohen Rechnung für Diebstahl! Wie wir später erfuhren, theilte er diess auch unter gründlicher Entstellung der Thatsachen mehreren Fremden mit. Wir haben bereits oben den wirklichen Sachverhalt dargestellt, keinesfalls ist es zum Nachtheile der Touristen, dass nun der Melker der Itzbachhütte dieselben beherbergt. Im Kreise der Kapruner Hirten brachten wir unter gemüthlichen Gesprächen den Abend zu; doch schon kurze Zeit nach Einnahme unseres Nachtmahles balancirten wir über den schmalen Steg hinüber zur Vereinshütte um dort auf dem Heulager nicht minder köstlich zu ruhen, wie in den schwellenden Betten des grossartigsten Hotels.

        Es war fast Uebermuth, nach diesen anstrengenden Touren heute - 16. September - abermals an eine Exkursion zu denken, noch dazu an eine solche, die voraussichtlich nicht ohne einige Schwierigkeiten auszuführen war. Doch bewogen uns verschiedene Gründe, die projektirte Rast erst am folgenden Tage zu halten und die Ersteigung des Kitzsteinhorns, die gleichfalls auf unserem Programme für den Sommer 1869 stand, lieber heute als morgen in Angriff zu nehmen.

       Vor Allem war die scharfe Nordostströmung, die uns in den jüngst verflossenen Tagen so wundervoll klaren Himmel gebracht hatte, in entschiedenen West umgeschlagen, so dass ein rascher Umschwung der Witterungsverhältnisse zu befürchten war. Da durfte die Partie nicht lange aufgeschoben werden.

       Anderseits aber stand uns gerade für den heutigen Tag ein wegkundiger Mann zur Verfügung, der bereits früher bei der ersten Ersteigung des Kitzsteinhorns in den fünfziger Jahren

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durch den Kardinal Fürsten Schwarzenberg betheiligt gewesen war, ein Zufall, der um so mehr benützt werden musste, da unser Führer Groder schon gestern Mittags am Johannisberg, noch mehr aber am Abend in der Wasserfallalpe über Appetitlosigkeit und Uebelkeit geklagt hatte, wohl eine Folge der letzten strapaziösen Tagmärsche. Somit war denn schon am Abende des vorhergehenden Tages die Partie auf das Kitzsteinhorn definitiv beschlossen worden. Mit Hilfe der Senner in der Wasserfallalpe wurde der einzuschlagende Weg so gut wie möglich festgesetzt.

       Unser Begleiter, der an die Stelle des Thom. Groder zu treten hatte, war Balthasar Banzl, ein ehemaliger Bergknappe, den sein Gewerke weit umher, ja sogar bis in die Türkei hatte wandern lassen.

       Jene erste Ersteigung des Kitzsteinhorns durch den Fürsten Schwarzenberg war aus dem benachbarten Mühlbachthal unternommen worden, der Weg aus dem Kaprunerthale war dem Banzl vollständig unbekannt. Dieser Missstand sollte uns erst im Verlaufe des Tages recht fühlbar werden, als uns dichter Nebel an genauer Orientirung hinderte. Somit kam denn dem letzteren für die heutige Exkursion lediglich die Rolle eines Trägers zu, er gewährte uns wenigstens den einen Vortheil, dass wir und Schnell ohne jegliches Gepäck steigen konnten.

       Das Kitzsteinhorn, 10107' 3195m, dessen Gipfel nordwestlich von der Wasserfallalpe aus sichtbar ist, bildet den Kulminationspunkt in jenem Kamme, der sich an der Hohen Riffel vom Tauernhauptkamme ablöst und in beinahe direkt nördlicher Richtung verlaufend, die Thäler Stubach und Kaprun scheidet. In seiner südlichen Hälfte besteht dieser Gebirgszug aus Glimmerschiefer, in seiner nördlichen aus Kalk. Das Kitzsteinhorn selbst besteht aus Kalkglimmerschiefer.

       Als Knotenpunkt des Stubach-Kapruner Kammes erscheint der nordwestlich vom Kitzsteinhorn gelegene Hohe Schmiedinger 9733' 3076m. Hier spaltet sich der Kamm in vier Aeste, welche im Allgemeinen gegen Nordwesten und Norden streichend, drei sekundäre Quer-

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thäler einschliessen: Radensberger-, Mühlbach- und Dirkersbachthal; keines dieser drei Thäler reicht mit seinem Ursprung bis zum Centralkamm der Hohen Tauern hinan. Die Höhe des Stubach-Kapruner Kammes sinkt zwischen der Hohen Riffel und dem Kitzsteinhorn nur im Kapruner Thörl unter das Niveau von 9000' herab, vermuthlich enthält es sogar ausser dem letztgenannten Gipfel auch in dem nördlich von der Hohen Riffel befindlichen Thorkopf noch einen zweiten Punkt, der über die Höhe von 10,000' emporsteigt. Eine Messung über den Thorkopf konnten wir nirgends auffinden.

       Der Abfallswinkel des Kitzsteinhorns zur Limbergterrasse ist ziemlich bedeutend, er beträgt circa 30 Grad, woraus bei einer relativen Erhebung desselben von über 6000' und einem horizontalen Abstand von circa 11 ,000' fast 3 ⅛' Steigung auf eine Klafter resultirt. Weniger steil ist der Abfall gegen die Westseite zum Mühlbachthal; er beträgt 22 Grad. Es treffen dort, wenn man Lakor als Standpunkt nimmt, bei einem direkten Höhenunterschied von beinahe 4000' und einer horizontalen Entfernung von 9000', 2 ½ ' Steigung auf eine Klafter.

       Es war ½ 7  Uhr, als wir von der Wasserfallalpe aufbrachen, allerdings etwas spät zum Antritte einer Hochtour, doch der Schlaf auf dem trefflichen Heulager in der Rainerhütte hatte uns zu gut behagt, als dass wir schon in früher Morgenstunde uns davon hätten losreissen mögen. Zudem hatten wir von der Gluth der Sonne nur wenig zu befürchten, das Thermometer hatte uns in den jüngsten Tagen nur selten eine Temperatur von über Null gezeigt, so dass wir ordentlich froh gewesen wären, wieder einmal tüchtig durchwärmt zu werden.

       Am schlimmsten sah es mit der Verproviantirung aus, eine einzige Flasche Wein stand noch zur Disposition, unsere Vorräthe an Fleisch und Eiern waren fast vollständig aufgezehrt; da musste wieder Thee und Fleischextrakt an Stelle des Weins treten, schmale Alpenkost: Brod und Käse, dazu eine Büchse mit Butter gefüllt, sollten den kompakten Stoff bilden.

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        Wir nahmen unsere Richtung zunächst nicht direkt gegen die höchste Spitze, die Neigung der Wände wäre hier zu bedeutend gewesen, unser nächstes Ziel war vielmehr der zwischen dem Kitzsteinhorn und der Hochkammer gelegene Hochkammergletscher, dessen Ostrand von der Wasserfallalpe aus sichtbar ist. Wir mussten also etwas zur Rechten ausbiegen, um dann nach Erreichung der Kammhöhe gegen Süden gewendet die eigentliche Spitze anzusteigen.

       Noch war der Himmel wolkenlos, als wir unsere Tour antraten, aber eine eigenthümliche Röthe lag draussen über den Loferer Steinbergen ausgebreitet - ein schlimmes Zeichen! Das alte Sprichwort "Morgenroth Abendkoth" sollte heute noch buchstäblich in Erfüllung gehen.

       Bald nachdem wir das linke Ufer der Ache betreten hatten, begann der Anstieg. Es ging sehr langsam vor sich, denn in unseren Gliedern war immerhin noch ein kleines Andenken an dem gestrigen und vorgestrigen Marsch zurückgeblieben. Ueber steile Wiesen empor verfolgten wir unseren Weg; um leichter emporzukommen, überwanden wir die stark geneigten Abhänge in weitem Zickzack- Marsche. Da die Grashalden ziemlich schlüpfrig waren, legten wir schon jetzt die Steigeisen an, um einen sichern Tritt zu erlangen, obwohl diese Hilfe wenigstens im Anfang nicht gerade nothwendig gewesen wäre. Doch ich kam hiebei in eine schlechte Lage; meine Steigeisen waren mir gestern auf dem Wege vom Riffelthor hinab zum Mooserboden zerbrochen. Ich hatte den Patienten nach Kaprun schicken müssen, um sie dort dem Schmiede in die Kur zu geben, für heute sollten die Steigeisen, die mir der Melker in der Wasserfallalpe geliehen hatte, die meinigen ersetzen. Da hatte ich nun vollauf Gelegenheit, den Breitenunterschied zwischen meinen Füssen und dem Pedal eines Kapruner Senners kennen zu lernen; obwohl meine Bergschuhe durchaus nicht schmal zu nennen waren, so waren die Steigeisen, deren ich mich am heutigen Tage zu bedienen hatte, doch mindestens noch um einen halben Zoll breiter und zogen es daher vor, statt ruhig an der

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Sohle sitzen zu bleiben, beständig divergirende Bewegung nach rechts oder links zu machen, so dass die Zinken viel häufiger auf irgend einer Seite in die Luft emporstarrten als dass sie ihrer Bestimmung gemäss sich mit dem Boden in nähere Verbindung gesetzt hätten. Alle Augenblicke war ich gezwungen, die Widerspenstigen in ihre eigentliche Lage zurückzuversetzen.

       Noch waren wir nicht weit emporgekommen, als aus dem Salzachthale herauf ein dichter Nebelstreifen hergezogen kam. Er füllte die ganze Sohle des Kaprunerthales aus und schien wie ein riesiger Wurm langsam fortzuschleichen und ringelnd seine kolossalen Glieder vorzuschieben, während einzelne Streifen, gleich Arme in den Schluchten zu beiden Seiten des Thaies herankrochen. In merkwürdigem Gegensatz dazu standen die höheren Theile des Tauernhauptkammes und des Fusch-Kapruner Kammes, die unverhüllt die reinen, weissen Häupter in den Aether erhoben. Es war ein Wechsel volles Spiel: gerne hatten wir demselben unsere ganze Aufmerksamkeit zugewendet, aber gerade diese abenteuerlichen Nebelgebilde zwangen uns, ohne Aufenthalt unseren Weg fortzusetzen.

     Rastlos stiegen wir fort, ich mit Schnell voran, Freund Stüdl mit Banzl bildete die zweite Hälfte des Zuges. Wir hatten uns gleich Anfangs wieder in zwei Partieen getheilt. Während ich mit meinem Begleiter, um eine allzuweite Ausbiegung gegen die rechte Seite hin zu vermeiden, ziemlich direkt emporgestiegen waren, hatte Stüdl dem Rathe des Banzl gefolgt und einen weiten Bogen nach rechts beschrieben, doch nicht gerade zu seinem Vortheile; sie kamen an eine kleine Wand, die mühsam überklettert werden musste, während ich und Führer Schnell einen ganz praktikabeln Aufstieg fanden und schon geraume Zeit rasten konnten, bis endlich unsere Gefährten zu dem Platze emporkamen, wo wir Siesta hielten. Es war dies ein kleiner, gegen Osten vorspringender Seitenkamm, über welchen empor wir nun gemeinsam den Hauptkamm des Stubach-Kapruner Scheidegebirges zu erreichen strebten.

       Der Punkt war von

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der Wasserfallalpe aus wohl sichtbar gewesen, die Senner hatten uns denselben als unser nächstes Reiseziel bezeichnet. Um jedoch von hier aus den Rand des Hochkamniergletschers zu gewinnen, mussten wir einige steile Felspartieen überklettern. Führer Schnell schritt als der erste in der Kolonne voran. Die Bedenken seines Pseudo-Kollegen Banzl dass wir hier etwa nicht hinaufkämen, beantwortete er mit geringschätzendem Lächeln. Banzls Besorgniss war auch vollständig unbegründet gewesen, leicht wurde die Strecke zurückgelegt nnd nach kurzer Zeit standen wir am Rande des Hochkammergletschers.

       Hier wurde nun die erste grössere Rast gemacht. Es war zehn Uhr. Die Nebelmassen, die Anfangs nur vereinzelnd vorgedrungen waren, hatten rasch an Ausdehnung zugenommen. Schon war der ganze Norden in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt, auch unsere Spitze selbst war mit einem dichten, luftigen Helme bewaffnet, immer weiter drang erobernd der tückische Feind in dem Circus des Mooserboden empor.

       Da beschlossen wir, um nicht schliesslich die ganze Frucht der Mühen und Beschwerden zu verlieren, schon jetzt eine genaue Musterung des Fusch- Kaprunerkammes vorzunehmen, den wir hier vollständig überblicken konnten. Als jedoch Freund Stüdl die Mappe hervorholte und mit Eifer zu zeichnen begann, da dauerte mir die Ruhe fast zu lang und ich begann eifrig auf Fortsetzung der Fahrt zu dringen, sonst käme schliesslich noch Regen herbei und dann sei für den heutigen Tag nur ein Misserfolg zu verzeichnen. Doch diesmal war Freund Stüdl unerbittlich, gemüthlich spazierte sein Bleistift auf dem Papiere umher, bedächtig wurde eine Spitze an die andere gereiht. Da blieb mir nichts anders übrig, als grollend und schmollend ein Butterbrod nach dem anderen zu vertilgen und dazu immerfort die Spitze des Kitzsteinhorn zu bewachen, um welche die Nebel eifrig wie kleine Kobolde hin- und herhuschten.

       Ein Firngrat zog sich zu ihr empor, jähe Kanten gegen Ost und West herabsendend. Dadurch gewinnt der Gipfel die schöne pyra-

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midale Form, die ihn besonders vom Zeller See aus in so hervorragender Weise kennzeichnet, die ihn dort zu dem herrlichsten Bilde macht in dem glänzenden Gemälde, das jenen See umrahmt. Man möchte dort die Spitze fast für unersteiglich halten, so steil hebt sie sich über ihren breiten Felssockel empor.

       Endlich war die Zeichenmappe zugeklappt, ¾ Stunden der Geduldprobe waren glücklich überwunden. Um auf jenen Firngrat zu gelangen, der vom Kitzsteinhorn gegen Norden zieht, mussten wir, nachdem wir nur ein kurze Strecke auf dem Hochkammergletscher fortgewandert waren, ein stark geneigtes Firnfeld emporsteigen, dessen Abfällswinkel bis zu 40 Grad betrug. Doch machte die günstige Beschaffenheit des Schnee's, der einen festen sicheren Tritt gewährte, das Stufenhauen entbehrlich. Nur im obersten Theile, wo wir auf hartgefrorene, übereiste Stellen trafen, kam der Eispickel auf kurze Zeit zur Anwendung. Wir betraten hierauf eine etwa 50 Fuss hohe Felswand, die aus abschüssigen Platten bestand und mit einiger Vorsicht überwunden werden musste. Das Seil, durch welches wir uns schon auf den Hochkammergletscher verbunden hatten, fand hier eine analoge Anwendung, wie bei der Ersteigung der Unteren Oedenwinkelscharte; Schnell war voran geklettert, mit seiner Hilfe folgten wir, indem wir am herabgelassenen Seile emporstiegen. Schon nach wenigen Minuten war diese Passage zurückgelegt, wir standen jetzt auf dem Firngrat, der zur höchsten Spitze emporzieht. Seine Neigung beträgt im Durchschnitt wenig über 20 Grad, selbst an den steilsten Stellen kamen wir ohne Stufen aufwärts, da der Schnee weich war und wir bei jedem Schritte fusstief einsanken. Um 12 ¼ Uhr hatten wir die Spitze erreicht, 5 ¾ Stunden nach unserem Aufbruche von der Wasserfallalpe.

       Die Aussicht war trotz der ungünstigen Auspicien, unter denen wir die Fahrt angetreten hatten, ziemlich befriedigend. Zwar lag im Norden ein dichter Nebelschleier ausgebreitet, wir konnten weder den Zeller See, der

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vom Kitzsteinhorn seiner ganzen Ausdehnung nach überschaut werden kann, noch die jenseits desselben aufsteigenden Kalkalpen erblicken. Dagegen war die Aussicht gegen Süden und Westen, auf die Glockner- und die Venedigergruppe, fast ganz rein, wenn gleich in den tiefer liegenden Theilen sich auch dort Nebel gelagert hatten. Gerade dadurch war der Gegensatz um so interessanter, dass die Spitzen wie Inseln aus einem Meere, das ihren Fuss umhüllte, hervorragten. So konnten wir denn, trotzdem das Panorama nur lückenhaft vor uns lag, es gar wohl ermessen, welch herrlicher Aussichtspunkt das Kitzsteinhorn ist. Es muss bei klarer Witterung eine Rundschau von ausgezeichneter Schönheit bieten.

       Wir hatten, um uns einigermassen gegen Wind und Kälte zu schützen, neben einigen Felsblöcken an der Südseite gelagert. Aber auch hier zeigte der Thermometer -2 Grad. Der Nebel, der Anfangs unsere Spitze bedeckt hatte, war etwas lichter geworden, sie war während unseres dreiviertelstündigen Aufenthaltes auf derselben zu wiederholten Malen auf mehrere Minuten frei von Nebel. Dagegen blieb uns die Thalsohle des Stubach- und des Kaprunerthales beständig verborgen. Wir erkannten, welch bedeutendes Gletscherareal der Stubach-Kapruner Scheiderücken besitzt; auf allen Seiten ist unsere Spitze von Eisfeldern umlagert, von denen manche einen ziemlich hervorragenden Rang unter den sekundären Gletschern der Glocknergruppe einnehmen mögen. Vor Allem zeichnet sich hier der nordwestlich vom Kitzsteinhorn zwischen diesem und dem Hohen Schmiedinger gelegene Schmiedingergletscher aus, dessen Abfluss das Grubalmthal bildet. Ein Firnkamm zieht sich von unseren Gipfel gegen Westen hinab zu dem bereits dem Stubachthal angehörigen Magnetköpfl, einer sanft gewölbten Schneekuppe; zwischen diesem und dem Kitzsteinhorn dehnen sich die obersten Firnen des Schmiedingergletschers aus.

       Auch südlich von unserem Standpunkte zwischen dem Kitzsteinhorn und dem Grossen Eiser zeigt der Stubach-Kapruner Kamm eine starke Glet-

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scherbedeckung. Zu beiden Seiten, sowohl gegen Osten zum Kaprunerthal, als auch gegen Westen zum Stubachthal fliessen ausgedehnte, meist wildzerrissene Eisströme hinab, hier das Hochweissfeld und der Geralgletscher, dort der Maurerkargletscher und der Wurfthalgletscher, dessen Abfluss den schönen Wasserfall ober der Wurfalpe bildet. Wir haben denselben bereits auf unserer Wanderung durch das Stubachthal kennen gelernt. Auch die bereits an anderem Orte erwähnte Geralscharte südlich des Geralkopfes, welche den nächsten Uebergang von der Wasserfallalpe in's Stubachthal bildet, lag vor unseren Augen; wir überzeugten uns, dass die Ueberschreitung derselben wegen der grossen Zerklüftung der Gletscher jedenfalls mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein würde. Das Gleiche wäre bezüglich des Abstieges vom Kitzsteinhorn zum Stubachthal der Fall gewesen, den wir Anfangs als eventuellen Rückweg ins Auge gefasst hatten. Der Absturz unseres Gipfels gegen Süden ist sehr steil, wir hatten dies bereits mehrmals bei früheren Exkursionen bemerkt, jetzt lag uns derselbe deutlich vor Augen. Von Süden gesehen gleicht das Kitzsteinhorn allenthalben einer über ihre Umgebung hoch emporragenden Felsnadel, deren Kanten sich ausserordentlich jäh herabsenken und die mit ihren tiefschwarzen Wänden grell absticht gegen das blendende Weiss, das ihren Fuss umlagert.

       Die Spitze selbst trafen wir schneefrei; sie bestand aus mehreren grossen Felsblöcken. Es fiel uns auf, dass, nachdem doch der ganze Kamm, über welchen wir heraufgestiegen waren, mit frischem, weichem Schnee bedeckt war,' wohl noch aus den kalten Tagen Anfangs Septembers stammend, gerade auf dem höchsten Punkte, das weisse Kleid bereits verschwunden war. Die Schneehülle schien hier weit weniger Widerstandsfähigkeit zu besitzen, als in den tiefer liegenden Theilen. Uebrigens ist der letzterwähnte, gegen Norden hinabziehende Grat in manchen Jahren nach anhaltend warmer Witterung kein Firnkamm, wie wir ihn zur Zeit unserer Ersteigung trafen, sondern

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in einen Felskainm verwandelt, der dann einen noch, günstigeren Anstieg gewährt. Ueberhaupt war unser Weg von der Wasserfallalpe aus jedenfalls beschwerlicher gewesen, als wenn wenn wir durch das Mühlbach- oder das Grubalmthal heraufgestiegen wären, wie dies auch bei den drei früheren Besteigungen des Kitzsteinhorn durch den Kardinal Fürsten Schwarzenberg, durch meinen Freund Grohmann aus Wien und durch Führer A. Hetz aus Kaprun der Fall war.

       Auf dem Gipfel selbst war nur ein einziges Zeichen einer menschlichen Anwesenheit in Form eines Stück Holzes zu bemerken; wir liessen in einer Flasche einen Zettel mit den Daten unserer Partie zurück, wohl geborgen unter einem grossen Felsblock. Wie wir nachträglich erfuhren, sollte am 18. September, also zwei Tage nach unserer Partie, eine grosses trigonometrisches Signal auf der Spitze errichtet werden, doch konnten wir nicht erfahren, ob dieser Plan wirklich zur Ausführung kam. Wir bemühten uns an jenem Tage vergebens von Grossen Wiesbachhorn, später von der Glockerin und vom Grossen Bärenkopf aus jenes Signal zu entdecken, wir konnten selbst mit Hilfe unserer Fernrohre uns hierüber keine Sicherheit verschaffen.

       Es war nun 1 Uhr. So gerne wir auch noch längere Zeit auf der Spitze zugebracht hatten, trotz der Nebel, die uns mit unermüdlicher Hast umschwärmten, so wagten wir es doch nicht, unseren Aufenthalt weiter auszudehnen. Schwere Wolkenmassen hatten sich im Süden aufgethürmt und zogen rasch über den Glocknerkamm herüber, die schönen Zinnen in dichte Nacht verhüllend. Plötzlich bemerkten wir auch, dass dort ein heftiges Gewitter sich gesammelt hatte, Blitz auf Blitz durchzuckte die schwarzen Wolkenballen, ferne hallte der Donner nach. Dazu hatte sich ein brausender Sturmwind erhoben, der auch uns rasch den Besuch schlimmer Gäste verkündete. Da begann in uns das Bewusstsein einer unheimlichen Situation sich zu regen, und so interessant auch die rollenden Wolkenungethüme waren, die eine Spitze nach der andern rings-

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umher zu verschlingen schienen, den Kreis der Rundsicht immer enger zogen, so grossartig es auch gewesen wäre, das Vorüberbrausen des Gewitters auf unserem hohen Throne hier abzuwarten und dabei all jene erhabenen Erscheinungen zu beobachten, die ein Hochwetter in den Alpenregionen mit sich bringt, so wäre auf der andern Seite doch auch manche Gefahr hiebei zu befürchten gewesen; wir beschlossen, möglichst rasch unseren Rückzug in's Werk zu setzen. Es wäre offenbar das Richtige gewesen, wenn wir auf demselben Wege zur Wasserfallalpe zurückgekehrt wären, auf dem wir heraufgestiegen waren, doch aller Ungunst der Witterung zum Trotze blieben wir auch diesmal unserem Grundsatze treu, bei jeder Exkursion einen vom Heraufweg verschiedenen Abstieg einzuschlagen. Bei keiner Tour sollte uns aber dieses Prinzip so übel bekommen, wie am heutigen Tage. Fast wären wir zum Uebernachten auf dem Gletscher verurtheilt worden. Banzl war, wie bereits erwähnt wurde, Theilnehmer an der ersten Ersteigung des Kitzsteinhorns gewesen , die aus dem Mühlbachthale unternommen worden war. Im Vertrauen darauf, dass er diesen Weg genau kennen würde, wollten wir gleichfalls nun dahin unseren Rückweg einschlagen. Da wir für den folgenden Tag ohnedem keine grössere Partie projektirt hatten, so hätten wir dann morgen leicht zur Wasserfallalpe zurückkehren können, die den Ausgangspunkt für unsere nächste Hochtour, für die Ersteigung des Grossen Wiesbachhorn zu bilden hatte. Doch da hatten wir uns in der Ortskenntniss unseres Freundes Banzl gründlich verrechnet. Wir betraten jenen Firnkamm, der vom Kitzsteinhorn gegen Westen zum Magnetköpfl herabzieht. Führer Schnell an der Spitze, fuhren wir in langer Reihe über die Schneefelder hinab. Doch waren wir dabei durch das Seil verbunden, zudem befanden wir uns nicht direkt hintereinander sondern in diagonaler Linie, staffelförmig geordnet, dazu mit möglichst fest gespanntem Seile, da uns das Terrain

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unbekannt war und somit das Einbrechen in eine Kluft leicht möglich gewesen wäre. In der Einbuchtung des Kammes zwischen dem Kitzsteinhorn und dem Magnetköpfl angelangt, wendeten wir uns zur Rechten gegen Norden und legten ein zweitesmal eine grosse Strecke durch Abfahren leicht zurück.

       Nun aber war unsere Wissenschaft zu Ende: wir standen auf dem grossen, stark zerklüfteten Schmiedingergletscher; dichter, undurchdringlicher Nebel umgab uns, so dass wir kaum einige Schritt weit sehen konnten. Banzl erklärte bald, dass er sich nicht mehr auskenne, er glaube diesen Weg das erstemal nicht gemacht zu haben. Bald auch begann die Situation unangenehm genug zu werden; wir kamen in ein Chaos von Klüften die oft auf äusserst schmalen, dünnen Schneebrücken übersetzt werden müssten. Dazu verhinderte der Nebel jegliche Orientirung. Jetzt begann es zu allem Ueberflusse auch noch zu regnen, anfangs leise, dann mit immer grösserer Macht. Wir wollten den Plaid nicht anlegen, weil uns derselbe im Marsche lästig fiel, da hatten wir nach kurzer Zeit von Nässe und Kälte stark zu leiden. Durch das häufige Ausbiegen nach rechts und links, wozu uns die vielen Spalten zwangen, hatten wir rasch die Richtung verloren, so dass wir dieselbe schliesslich nur mit Hilfe des Kompasses einzuhalten vermochten. Ja diese schönen Berge, die uns bei klarem Himmel so unendliche Genüsse gewähren, wie tückisch können sie dem Wanderer werden, wenn Sturm und Nebel sie umhüllt! Wie droht uns da Gefahr auf jedem Schritte, da ist's nicht mehr Freude und Entzücken, die uns umringen, da zieht fast Grausen ein in unser Herz, schrecklich dünken uns die öden, todten Eiswüsten, die uns umstarren!

       Wir waren geraume Zeit auf dem Eise umher gewandert, in ewigem Zickzack gar manchen Umweg beschreibend. Wir wussten nicht mehr, ob wir dem Kaprunerthal oder dem Mühlbachthal zusteuerten. Da begann die Zerklüftung immer stärker zu werden, dazu entlud sich jetzt ein wahrer Platzregen über uns. Der Nebel war so dicht geworden,

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dass nur mühsam der nächste im Zuge den Voranschreitenden sehen, nur durch die Verbindung mit dem Seile fühlen konnte, obwohl der Zwischenraum zwischen den Einzelnen kaum mehr als zwei Klafter betrug. Wir mussten auf's geradewohl fortzukommen suchen. Da machte ich allen Ernstes den Vorschlag, auf unseren Spuren zur Spitze zurückzukehen und dann über unseren alten Weg zum Hochkammergletscher hinabzusteigen. Hoffentlich konnten wir noch vor Einbruch der Nacht den Rand des letzteren erreichen und dann wenigstens auf Fels bivouakiren, während wir hier vielleicht auf dem Eise die Nacht zubringen müssten.

       Eine kurze, aber lebhafte Debatte entspann sich, besonders Schnell trat mir energisch entgegen. Er versicherte uns, dass die Geschichte gar nicht so "schiech" sei, wie sie ausschaue, wir sollten nur rüstig weitermarschiren, das Ende des Gletscher könne nicht mehr gar ferne sein und wenn wir dieses einmal erreicht hätten, dann wolle er schon dafür sorgen, dass wir glücklich hinab kämen. Endlich entschlossen wir uns, dem wackeren Schnell zu folgen und meinen Vorschlag, der als ultima spes immer noch seine Anwendung finden konnte, für den äussersten Fall aufzusparen. Es zeigte sich, dass Schnell richtig prophezeit hatte.

       Der Schmiedingergletscher, bot uns in seiner Mitte, auf welcher wir uns nun befanden, kaum mehr ein praktikables Vorwärtskommen. Zwar habe ich später vernommen, dass derselbe bei heiterem Wetter durchaus leicht zu passiren sei, doch waren wir eben bei dem furchtbaren Nebel in ein arges Geklüfte gerathen. Wir standen daher hier von jedem weiteren Vordringen ab und wendeten uns in scharfer Biegung der rechten Seite zu. Wir dachten nun den Gletscher seiner Breitseite nach zu durchqueren und zur östlichen Seitenmoräne zu gelangen. Ohne grosse Schwierigkeit gelang uns dieses, aber der Hinabweg über die Moräne selbst zeigte sich als unausführbar. Sie war nur äusserst schwach entwickelt, bald verschwand sie vollständig, an ihre Stelle traten steile Felswände, die aus

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schlüpfrigen Platten bestehend, uns nach kurzer Zeit wieder zur Rückkehr auf den Gletscher zwangen. Doch hatten wir nun wenigstens von Klüften nicht mehr so viel zu leiden.

       Wir kamen eine Strecke weit rasch vorwärts. Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass wir bald das Gletscherende erreichen würde. Das Eis war an manchen Stellen stark mit Schutt und Schlamm bedeckt, doch verhinderten uns Regen und Nebel noch immer an der Uebersicht. Wie in einen Sack gehüllt, schritten wir fort. Von Ferne hörten wir ein dumpfes Brausen, wir fürchteten, am Ende des Gletschers angelangt, einen hohen Wasserfall zu treffen, der uns dann doch noch trotz allen Anstrengungen zur Rückkehr zwingen würde. Aber auch diese Besorgniss war unbegründet gewesen. Es war nur das Rauschen der Gletscherbäche, die durch den heftigen Regen hoch angeschwollen waren.

       Das rettende Terrain stand uns näher, als wir vermuthet hatten. Beständig an der rechten Seite der Gletscherzunge abwärts wandernd, erreichten wir bald die Stirnmoräne des Gletschers, nachdem wir nur noch im letzten Theil einen ziemlich steilen Eisabhang hatten hinabsteigen müssen Bald war auch die Stirnmoräne überklettert und wir standen wieder auf mässig geneigtem Wiesenboden.

       Doch wo waren wir nun? Das war schwer zu sagen. Unsere Landkarten konnten bei dem starken Regen nicht benützt werden, dazu hätte ja doch der dichte Nebel all' unserer Bemühungen gespottet, wenn wir auch nach der Karte unsere Direktion hätten nehmen wollen. Zum Glück war jetzt der Nebel etwas lichter geworden und plötzlich regte sich da auch die Ortskenntniss unseres Freundes Banzl, die bisher so viel wie nicht vorhanden gewesen war. Er erklärte uns mit Bestimmtheit, dass er die Gegend nun erkenne und auch den weiteren Weg hinab zur Wasserfallalpe wisse. Wir waren im Zeferetthal, einem westlichen Seitenaste des Kaprunerthales. Nach kurzer Zeit müssten wir nach der Versicherung Banzl's zur Zeferetalpe kommen und von da aus führe ein Weg hinab zur Limbergalpe. Führer Schnell, der uns bis hierher mit bewunderungs-

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würdiger Sicherheit durch ein ihm vollständig unbekanntes Gebiet geleitet hatte, wurde nun unter der Versicherung unserer besonderen Anerkennung für seine Verdienste der Funktion als Generalstabsmeister der Expedition enthoben, Banzl trat an die Spitze des Zuges. Mit lobenswerthem Geschicke fand er seinen Weg hinab zur Zeferetalpe, wo wir denn auch kurz vor 4 Uhr nach dreistündiger Irrfahrt glücklich eintrafen.

       Mit erstaunten Blicken wurden wir vom Senner empfangen, er hielt uns wohl im ersten Augenblick für eine sicherheitswidrige Gesellschaft, denn unser ganzer Aufzug war nichts weniger als vertrauenerweckend. Erst nach und nach trat ein kleiner Umschwung in seinen Gesinnungen ein und er setzte uns bereitwillig die erbetene Milch und Butter vor. Wir suchten es uns in der Hütte so bequem wie möglich zu machen, doch war dies immerhin mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn der Raum war so enge, dass kaum 4 Personen darin Platz finden konnten.

       Trotzdem der Regen noch immer mit gleicher Heftigkeit herniederprasselte, wie bereits seit mehreren Stunden, so beschlossen wir doch nach einem Aufenthalte von wenigen Minuten unseren Weg fortzusetzen, da wir heute noch auf jeden Fall bis zur Wasserfallalpe gehen wollten und unsere Kleider ohnedem kaum mehr ein grösseres Quantum von Regenwasser aufzunehmen vermochten, als sie zur Zeit bereits besassen.

       Der Weg hinab zur Limbergalpe war furchtbar durchweicht. Von Zeit zu Zeit, wenn sich auf Augenblicke die Nebelmassen zertheilten, sahen wir tief unten zu unserer Linken das rauchende Kaprunerthal, zu welchem der Zeferetbach in hohen Katarakten hinabeilt. Wir hielten uns aber beständig ziemlich weit oben an der westlichen Thalwand, um uns dadurch den Anstieg vom Stegfeld, wo der Zeferetbach in die Kapruner Ache mündet, zur Limbergterasse zu ersparen. Unser Weg, der oft durch Gestrüpp, oft über Wiesen abwärts führte, war wegen der schlüpfrigen Abhänge keineswegs leicht zurückzulegen.

       Endlich erreichten wir den Thalweg kurz oberhalb der

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Schranbachalpe, so dass wir nun mit grösserer Bequemlichkeit unseren Marsch fortsetzen konnten. Bald nachdem wir die Limbergterrasse betreten hatten, begann auch der Regen seine Thätigkeit einzustellen, langsam vertheilten sich die Nebelmassen, so dass allmälig eine Spitze nach der andern in dem schönen Cirkus des Kaprunerthales hervortauchte. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass wir in den folgenden Tagen neuerdings ein prächtiges Wetter bekommen würden.

       Kurz vor 6 Uhr trafen wir endlich wieder in der Wasserfallalpe ein, mit schallendem Gelächter vom lustigen Melker der Itzbachhütte empfangen. Freilich "Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen." Doch liessen wir uns dies gern gefallen, wir waren Alle von Herzen froh, das behagliche Asyl wieder erreicht zu haben und nicht da droben auf eisiger Höhe durchnässt bis auf die Haut zum Bivouak gezwungen worden zu sein. Als wir den Sennern, die allmählig von ihrem Tagewerk heimgekehrt waren und zu ihrem Abendmahl sich in der Hütte versammelt hatten, unseren Weg mittheilten, da benannten sie in übereinstimmender Weise den Gletscher, über welchen wir herabgekommen, als "Grubolmerkees" (Grubalmgletscher), welchen Namen er von dem nördlich vom Zeferetthale in's Kaprunerthal mündenden Grubalmthal führt, doch konnten wir diesen Namen auf keiner Karte und in keinem Buche entdecken.

       Unter heiteren Scherzen flog der Abend dahin, indem wir an dem gewaltigen Herdfeuer unsere feuchten Kleider trockneten. Wir dampften Alle unter der wohlthuenden Einwirkung der Wärme allmählich auf, grosse Dunstwolken entflogen unserer Umhüllung, um gemeinsam mit den Rauchwolken des Feuers zum Dach der Hütte emporzusteigen. Den ganzen Abend hindurch währte die Austrocknungsarbeit, immer wieder entdeckten wir neue Stellen, die noch einen nicht unbedeutenden Wassergehalt besassen. Erst spät am Abend, als wir nach langer Mühe endlich genügsam ausgeräuchert waren, suchten wir unser gemüthliches Heulager in der Rainerhütte auf.

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        Nach drei so anstrengenden Touren, wie wir sie nun rasch hintereinander ausgeführt hatten, war gewiss ein Rasttag verdient. Wir beschlosen somit am 17. September in der Wasserfallalpe zu bleiben und erst am folgenden Tage, sobald wir von Kaprun aus mit frischem Proviante versehen sein würden, neuerdings eine grössere Hochtour anzutreten.

       Den heutigen Tag aber wollte ich jedenfalls dazu benützen, den pompösen Schluss des Kaprunerthales von der Hohenburg aus zu skiziren. So schnürte ich denn, während Freund Hofmann in der Wasserfallalpe zurückblieb, um die Erlebnisse und Erfahrungen der jüngst verflossenen Tage aufzuzeichnen, meinen Rucksack und stieg den bequemen Fusssteig gleich hinter den Hütten der Wasserfallalpe am nördlichen Abhänge der Hohenburg hinan.

       Es war ein prächtiger Morgen, das Gewitter, das uns gestern so schlimm mitgespielt, hatte uns für heute wenigstens einen ausserordentlich klaren und durchsichtigen Himmel bewirkt. Wir lernten bereits aus früheren Schilderungen jenen mächtigen Querriegel kennen, der den Mooserboden von der Limbergterrasse trennt, dessen höchster, mit üppigem Graswuchse bedeckter Gipfel den oben erwähnten Namen trägt. Er ist leicht in etwa einer Stunde von der Wasserfallalpe zu erreichen und bietet unstreitig die günstigste Uebersicht über den Mooserboden und seine Umgebung da die Hohenburg sich ungefähr noch Tausend Fuss über der letztgenannten Terrasse erhebt.

Diese Zeichnung war ursprünglich für die "Glocknermonographie" vorgesehen, die im Verlag Amthor erscheinen sollte. Einige Arbeiten Stüdls, u.A. auch diese Lithographie konnten im Verlag nicht mehr aufgefunden werden, nachdem der Vertrag aufgrund von massiven Differenzen gelöst worden war.  Vor einigen Jahren konnte dieses Blatt vom Salzburg Museum angekauft werden und wurde uns freundlicherweise für diese Homepage zur Verfügung gestellt.

       Hier tritt uns ein Bild von so hinreissender Grossartigkeit, von so zaubervoller Pracht vor die Augen, dass ich nicht Anstand nehme, demselben einen der ersten Plätze anzuweisen unter den hervorragendsten Schönheiten unserer Alpenwelt.

       Der Thalgrund des Mooserbodens, den wir hier voll-

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ständig überblickten, ist beinahe ganz eben, als wenn er von einem Kunstgärtner sorgfältig planirt wäre. Durch das Gerölle, womit derselbe zum grössten Theile bedeckt ist, winden sich in unzähligen glitzernden Adern die Bäche hindurch, die den verschiedenen Gletschern ihren Ursprung verdanken.

       Den Hintergrund des Thales schliesst die mächtige Zunge des Karlingergletschers ab, der einestheils vom Riffelthor und der Hohen Riffel herabzieht, andererseits bedeutende Zuflüsse vom Vorderen, Mittleren und Kleinen Bärenkopfe erhält. Kurz bevor er den Thalboden erreicht, bildet er einen etwa 200' hohen wilden Gletscherbruch. Ueber diesem mächtigen Gletscher ragen die Hohe Riffel und der Vordere Bärenkopf auf, zwischen beiden ist das Riffelthor als ein flacher, zu beiden Seiten sanft ansteigender Firnsattel eingeschnitten.

       Rechts vom Vorderen Bärenkopf über der Stelle, wo er sich aus dem Einschnitte des Riffelthores erhebt, ragt die Schneespitze des Johannisbergs herein. Zu beiden Seiten des Thales erheben sich unmittelbar aus der Thalebene gewaltige Felsmauern, namentlich imponiren die schroffen kahlen Wände zu unserer Linken durch ihre Grösse und ihre immense Steilheit. Ueber diesem Felsgerüste fluthen hohe Gletscherabbrüche mit ihren lasurblauen Eiswänden herab.

       Wenn wir unsere Rundschau vom Karlingergletscher nach links fortsetzen, so fällt uns als Ausläufer des kleinen Bärenkopfs ein Schneehorn auf, das zwei Gletscherströme bis beinahe zum Thalgrund hinabsendet; namentlich zeigt der uns näher liegende ein Chaos von prächtigen Eisnadeln, Klüften und Wänden, wie es nur die grosse Schroffheit der Unterlage erklärlich macht. Beide Gletscher verdanken ihr Entstehen jener Firnregion, die zwischen dem Kleinen und Grossen Bärenkopf liegt.

       In schwindelnder Höhe über uns erheben sich in furchtbar steilen Felswänden der Grosse Bärenkopf und die Glockerin, zwischen beiden ein prachtvoller Eiskatarakt, der in seinen frischen Bruchflächen eine wunderschön bläulich schimmernde Farbe zeigt. Von da lösten sich während meines Verweilens auf der Hohen-

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burg nicht weniger als fünf Eismassen ab und stürzten unter Donnergepolter hinab über die Felswände von Terrasse zu Terrasse, von einem Felsschrofen zum andern, sich bald spaltend, bald wieder vereinigend, bis die unterste Mulde all' die kolossalen Eistrümmer zu einem Chaos verband, das nach jedem neuen Sturze weiter gegen den Thalgrund seine Arme vorzuschieben schien.

       Gegen Nordosten erheben sich über der Bauernalpe die nicht minder schroffen Abhänge des Fochezkopfes , welcher den rechten Eckpfeiler des Oberen Wielinger Gletschers bildet, während die steilen Abhänge des Hohen Tenn über dem Unteren Wielingergletscher emporsteigen.

       Die nördliche Seite des Panoramas gestattet uns einen Blick auf die Lofer-Leoganger Steinberge, die über dem Thalausgauge sichtbar werden. Gehen wir nordwärts gewendet auf den Stubach-Kapruner Scheiderücken über, so imponirt uns auch von dieser Seite eine Spitze von vorzüglicher Schönheit, die kühne Pyramide des Kitzsteinhorns, die uns hier ihre schroffste Seite zukehrt und von da aus fast unersteiglich scheinen möchte. Die in diesem Kamme näher an uns herantretenden Gipfel besitzen bei Weitem nicht mehr jenes Gepräge einer erhabenen Hochnatur, wie das Kitzsteinhorn. Es sind dies der Geralkopf, der Vordere und Hintere Grieskopf, der Grosse und Kleine Eiser. Alle diese Spitzen senden ansehnliche Gletscher herab, die aber nicht das wildzerklüftete Aussehen haben, wie jene des Fusch-Kapruner Kammes, da die Abhänge des Gebirgszuges zwischen den Thälern Stubach und Kaprun namentlich vom Kitzsteinhorn bis zum Kapruner Thörl nicht jene enorme Steilheit entwickeln, wie es bei dem gegenüberliegenden Kamme der Fall ist.

Rechts vom Ende des Karlingergletschers mündet über einem Schuttwalle der Thörlgletscher ein und bildet mit den ihn einschliessenden Felswänden des Thorkopfes und Kleinen Eisers die sogenannte Wintergasse. Ueber dem Felskamm zwischen dem Kapruner Thörl und dem Thorkopf sehen wir einen Theil des Riffelgletschers, der bereits dem Stubacher Thale angehört. Damit wäre flüchtig der

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Kreis jener mächtigen Erhebungen gekennzeichnet, die man von der Hohenburg aus übersieht.

       Jeder, der sich diesen Hochgenuss verschafft hat, wird daher dem Urtheile des Orographen Oberst Sonklar vollkommen beistimmen, "dass das Kapruner Thal geeignet ist durch seine imponirende Grossartigkeit, seine rauhe und stolze Schönheit, seine scharf gezeichnete orographische Architectur und seine räumlich ausgedehnten und anziehenden Gletschererscheinungen ebensowohl das Interesse des Naturforschers und Malers, als das des Touristen zu befriedigen; dass dieses Thal ohne Widerrede als eines der schönsten, eigenthümlichsten und des Besuches würdigsten Theiles der Tauernkette betrachtet werden könne". Möge es daher ja kein Tourist, der sich der Tauernkette nähert, versäumen, auch in das Kapruner Thal einzudringen und falls er nicht über das Kapruner Thörl oder das Riffelthor steigen will, doch jedenfalls der Hohenburg seine Schritte zuzulenken.

weiter: > Seite 453, Kapitel 19 "Ersteigung des Großen Wiesbachhorns
                 vom Kapruner Thale aus". (J. Stüdl)