Wanderungen 8

Zurückgekehrt von der Hohenburg fand ich die Sennhütte leer, es war der Tag wo das Vieh von der Alpe getrieben wurde. Das lustige Volk der Ziegen und Schweine, die sich sonst in der Umgebung der Hütte herumtummelten, waren verschwunden, die Kühe mit ihrem Geläute bildeten nicht mehr die gewohnte Staffage auf den sonniggrünen Matten, alles war still ringsumher, nur das Tosen der nahen Wasserfälle und der Wildbäche unterbrach die idyllische Ruhe.

       Erst gegen Abend , als der Vollmond schon hoch am Himmel stand, kehrte der Senner zurück, um für den andern

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Tag das übrige Geräthe hinabzuschaffen. So war denn auch für uns die Zeit gekommen, diesem herrlichen Thale Valet zu sagen und wieder zum Bergstocke zu greifen.

       Wir beabsichtigten das Grosse Wiesbachhorn und die Glockerin zu ersteigen, vielleicht auch einem oder mehreren Mitgliedern der zahlreichen Familie der Bärenköpfe unseren Besuch abzustatten, sodann den Abstieg in das Fuscherthal zu nehmen.

       Die Wiesbachhornersteigung wurde mir zu Liebe auf das Programm gesetzt, da ich an der im Juli vom Fuscherthale aus unternommenen Exkursion durch mein Fussleiden verhindert war, Theil zu nehmen. Auch Freund Hofmann war gerne bereit, ein zweites Mal die stolze Spitze zu erklimmen.

       Nachdem wir alle Vorbereitungen zu unserem morgigen schwierigen Tagwerke getroffen hatten, balancirten wir über den schmalen Steg hinüber auf das jenseitige Ufer der Ache, wo uns, vom Mond beleuchtet, das helle Gemäuer der Rainerhütte entgegenschimmerte. Ich setzte mich auf die vor der Hütte befindliche Holzbank und genoss noch lange das zauberhafte Bild einer Mondnacht an diesem Punkte, - rings umgeben von so wuchtigen Felshäuptern, die ihre Riesengestalten in den reinen klaren Mondhimmel emporhoben. Wie eine weissglühende Silberkugel schwebte der Mond im dunkeln Aether und übergoss den ganzen Bergkessel mit seinem sanften Silberlichte, das einen so unaussprechlichen, einen so geheimnissvollen Eindruck auf das Gemüth ausübt! Drüben sah man dann und wann zwischen den dunklen Schatten das Herdfeuer der Sennhütte aufflackern, während aus dem Fenster der Rainerhütte ein Lichtstrom hervorquoll, wo Freund Hofmann noch immer eifrig mit seinem Notizbuche beschäftiget war.

       Erst als die Nachtkühle zu empfindlich wurde, suchte auch ich mein Lager in dem schwellenden Heu der Hütte auf.

       Der Morgen des 18. Septembers war einer der schönsten, die je über die Berge gekommen, und feuerte uns Alle zu

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rascher Thatkraft an. Thomele war von seinem Unwohlsein wieder hergestellt, der frische Proviant war gleichfalls in bester Ordnung, ein wolkenloser Himmel über uns - was wollten wir noch mehr verlangen? -

       Um 5 Uhr 15 Minuten nahmen wir Abschied von dem lustigen und freundlichen Senner der Itzbachhütte und wandten uns jenem Thale zu, in welchem der zerborstene Untere Wielingergletscher herabfliesst. Wir liessen den Fochezkopf zu unserer Rechten und näherten uns über Gerolle und Schutt der Endzunge dieses Gletschers, betraten aber, ehe wir dieselbe erreichten, die nördlichen Abhänge des Fochezkopfes. Bei der weiteren Fortsetzung unseres Weges sahen wir oben, in steilen Felsstufen sich emporbauend, den letztgenannten Gipfel und von demselben eine Firnmulde gegen Osten hinziehen.

       Es entstand nun die Frage, ob es nicht besser wäre, direkt auf den Gipfel des Fochezkopfes hinan zu klettern und von dort aus auf jenen Firnabhang überzusetzen. Namentlich waren Hofmann und Schnell für diesen Plan, während Thomele und ich die Sache für viel zu schwierig und zeitraubend hielten, mit Hinweis auf das bessere Emporkommen längs des Abhanges, auf welchem wir uns befanden.

       Unsere Ansicht fand auch Annahme und wir setzten unseren Marsch oberhalb des zu unserer Linken befindlichen Unteren Wielingergletschers fort. Eine kleine, durch das Herabstürzen der Eismassen von dem Firnsattel des Fochezkopfes gebildete Eisrinne wurde überschritten und der eigentliche Anstieg über Felsterrassen begonnen, die aus sogenannten Bratschen bestehen.

       Die Durchschnittsneigung beträgt 40 Grad, indem sich der horizontale Abstand von jenem östlichsten Winkel des Mooserbodens, der den Namen "In Tressen" fuhrt, bis zur Spitze des Wiesbachhorns [auf circa 9000, der direkte Höhenunterschied auf 6500 Fuss beläuft. Trotz dieser bedeutenden Steigung kommt man über die schiefrigen Wände gut empor, indem die Stacheln der Steigeisen in dem wei-

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chen bröcklichen Gesteine stets festen Halt bieten. Noch schroffer erscheinen aber die uns gegenüberliegenden Wände des Hohen Tenn und des Kleinen Wiesbachhorns, welche den Unteren Wielingergletscher gegen Osten und Norden einschliessen. Es wäre jedenfalls kein leichtes Stück Arbeit, über diese Abhänge das Wiesbachthörl oder das noch jungfräuliche Kleine Wiesbachhorn erreichen zu wollen.

       Der klare Himmel, dessen tiefes Blau uns so recht in das Herz lachte, dazu die verhältnissmässig geringen Schwierigkeiten des Anstieges versetzten uns Alle in die fröhlichste Laune. Ganz vorzüglich war es mein Freund Hofmann, dessen sprudelnder Humor und ungebundene Heiterkeit unsere Lachmuskeln gegen alle Regeln des Bergsteigens in steter Bewegung erhielt. So ging es unter beständigem Gelächter, unter Singen und Jubeln die Wände hinan, welche, je höher, desto mehr an Steilheit abnahmen und schliesslich immer grössere Ansammlungen von Schnee gestatteten, bis wir einen mässig ansteigenden Firnkamm betraten.

       Hier begrüssten uns zum erstenmal die Strahlen der aufgehenden Sonne, welche uns sofort die Schneebrillen aufzusetzen nöthigten, um von dem leuchtenden Firnschnee nicht geblendet zu werden. Da oben, wo mit jedem Schritte die Aussicht umfassender wird, erweitert sich unwillkürlich das Herz im Vollgenuss all' der herrlichen Bilder, die sich nach und nach uns entrollen. Es herrschte aber auch unter uns Allen eine solche Begeisterung, wie noch bei keiner früheren Bergpartie. Freund Hofmann schien sogar Lust zu verspüren, auf jener Firnscheide, welche der erste Ersteiger des Wiesbachhornes von der Kapruner Seite, der wackere Führer Anton Hetz als so gefährlich schildert,

Fussnote: Jahrbuch des Oesterreichischen Alpenvereines 1868 Seite 341.

ein Tänzchen aufzuführen. Uebrigens fanden wir diesen Schneesattel gar nicht so schrecklich, wie Hetz angibt. Allerdings fällt er zu unserer Linken beinahe senkrecht zum Unteren Wielingergletscher hinab, den er bogenförmig gegen das Grosse Wiesbachhorn umsäumt, dagegen hat

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derselbe nach der Seite zum Fochezkopf nur einen geringen Neigungswinkel.

       Je mehr wir uns der Wielinger Scharte näherten, desto flacher wurde der Schneekamm und ohne die geringste Schwierigkeit erreichten wir um 10 Uhr 30 Minuten, also nach 5 ¼ stündigem Anstieg von der Wasserfallalpe aus, den Gipfel des Grossen Wiesbachhorns.

       Wie bei einem so wundervollen Tage nicht anders zu erwarten war, bot sich dem entzückten Auge ein unbeschreiblich schönes, bis in die fernsten Regionen scharf begrenztes Panorama dar. Die von Hofmann bei seiner ersten Ersteigung zurückgelassene Flasche mit den betreffenden Notizen konnten wir nicht auffinden, sie ist wahrscheinlich durch Abschmelzen des Firnes zum Wielingergletscher hinabgefallen, daher wir uns am heutigen Tage die Mühe ersparten, ein ähnliches Wahrzeichen zu hinterlassen.

       Diessmal war die gegen das Fuscherthal zu überhängende Schneewächte bedeutend abgeschmolzen, was den verwegenen Schnell veranlasste, einen Theil derselben hinabzustossen und uns auf jenem der Fuscher Seite zugewandten, steil geneigten Schneehang, einen Sitz zurechtzustampfen , auf welchen wir uns hinabliessen und dicht nebeneinander Platz nahmen. Es war diess eine seltsame Hochwarte, auf der wir da oben klebten und hätte gewiss auf so Manchen, der uns von einem benachbarten Gipfel gesehen hätte, einen Schwindel erregenden Eindruck gemacht, doch bot uns dieses Plätzchen wegen seiner geschützten, warmen und doch so freien Lage einen prächtigen Aussichtspunkt gegen Norden, Osten und Westen.

       Nach einem Aufenthalte von mehr als 5/4 Stunden verliessen wir den Gipfel, wobei bis zur Wielingerscharte die grösste Strecke durch flottes Abfahren zurückgelegt wurde. Sonst benöthigt man beim Anstieg für diesen Weg  zum wenigsten ¾ Stunden, während Freund Hofmann und Schnell binnen 3 Minuten auf der Scharte standen.

       Thomele und ich blieben etwas zurück, da ich vorher auf der steilsten Strecke versuchen wollte, inwiefern ein Führer, der seinen Herrn vor sich am Seil hinabsteigen lässt, bei etwaigem Ausgleiten das Hinabstürzen desselben durch Einhacken

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des Eispickels und Entgegenstemmen, aufhalten kann. Und wirklich, ich konnte zerren und reissen an dem Seile, so viel ich wollte, so brachte ich den starken Mann nicht einen Augenblick zum Wanken. Nach diesem überraschenden Resultate über die vortheilhafte Verwendung der Eisaxt bei Gletscherfahrten, setzten wir uns auf den Schneehang und machten, wie unsere beiden Vorgänger, die uns auf dem Sattel wie kleine schwarze Punkte vorkamen, eine lustige Rutschpartie.

       Ehe ich zu der Beschreibung der darauffolgenden Touren übergehe , kann ich nicht unerwähnt lassen, dass das Grosse Wiesbachhorn am allerleichtesten und schnellsten von der Kapruner Seite und zwar binnen 5 bis 5 ½ Stunden erstiegen werden kann, so ferne man diesen so eben geschilderten Weg an den nördlichen Abhängen des Fochezkopfes einschlägt. Hingegen ist ganz entschieden abzurathen den letzteren Gipfel gegen Süden zu umgehen, wie diess Hofmann beim Hinabwege nach seiner ersten Wiesbachhornersteigung gethan hat und in Folge dessen auf böse Wände gestossen war. Jener von uns eingeschlagene Weg ist auch dem langwierigen und nicht ungefährlichen Anstiege von der Fuscher Seite unbedingt vorzuziehen, zumal die Kapruner Seite die Schattenseite ist und man durch die Gluth der Sonne nicht in gleicher Weise belästigt wird, wie bei der Ersteigung aus dem Fuscherthale.

       Wie schon bei der Schilderung der Wiesbachhorn-Ersteigung im Juli durch meinen Freund Hofmann erwähnt wurde, befindet sich zwischen dem Grossen Wiesbachhorn und der beinahe direkt westlich davon gelegenen Glockerin ein flacher Firnsattel, welchen wir mit dem Namen

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Wielinger Scharte bezeichnet haben. Ueber diesen nun begannen wir den Anstieg zu der uns gegenüberliegenden, in blendend weisses Firnkleid gehüllten Schneekuppe der Glockerin, die wohl ihren Namen von der eigentümlichen glockenähnlichen Gestalt haben mag. Die Schreibart "Glockerin" gegenüber der ebenfalls gebräuchlichen Benennung "Glocknerin" dürfte entschieden die richtigere sein. Ohne alle Mühe erreichten wir über den wenig geneigten Schneehang um 12 Uhr 20 Minuten bereits den sanft gewölbten, jedoch gegen das Kapruner Thal in furchtbar steilen Wänden abfallenden Gipfel derselben.

"Wiesbachhorn von der Glockerin, 18. September". Aus dem Skizzenbuch von Johann Stüdl.

       Die Aussicht war im Verhältniss zu jener des Wiesbachhorns natürlich minder umfangreich, dagegen gewährte der letztere Berg selbst durch seinen zu einer feinen Eisnadel zugespitzten Gipfel einen imposanten Anblick. Gegen Süden überragte uns eine naheliegende Schneekuppe, die mit der Glockerin durch einen Firnsattel verbunden ist. Von diesem Sattel senkt sich ein wildzerklüfteter Gletscher gegen das Kapruner Thal, dessen beständig sich abtrümmernden Eiswände mir am gestrigen Tage auf der Hohenburg zu wiederholten Malen das prachtvolle Schauspiel von niedergehenden Eislawinen gewährt hatten. Ein breiter Schneekamm verbindet die Glockerin mit den Bratschenköpfen.

       Unser Hauptzweck bestand nun darin, über die Situation der Bärenköpfe uns Klarheit zu verschaffen und hauptsächlich darüber Aufschluss zu erhalten, ob die bereits früher entstandenen Bedenken über die Richtigkeit der Keil'schen und Sonklar'schen Karten in diesem Gebiete gerechtfertigt seien oder nicht. Nachdem mittels Aneroidmessungen die Höhe der Glockerin mit 10,730' 3392m gefunden wurde,
Fussnote: Wir haben hier, dessgleichen beim Grossen und Kleinen Bärenkopf zum erstenmale - da bei diesen Gipfeln Keil's und Sonklar's Höhenangaben eklatant unrichtig sind, unsere eigenen, obwohl nur mit Metallbarometer ausgeführten Messungen angegeben; die letzteren dienten uns für gewöhnlich nur dazu, bei grossen Differenzen zwischen Keil und Sonklar die eine oder die andere Angabe als die richtigere anzusehen.  
verliessen

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wir dieselbe nach einem kurzen Aufenthalte von 20 Minuten um 12 Uhr 40 Minuten und stiegen über den vorher erwähnten Firnsattel in südlicher Richtung zu dem uns gegenüber liegenden Schneegipfel empor, welchen wir in 50 Minuten bequem erreichten. Wir fanden hier unsere Vermuthung betreffs der unrichtigen Stellung, Benennung und Höhenangabe dieser und der umliegenden Spitzen in den Keil'schen und Sonklar'schen Karten vollkommen bestätigt. Im Widerspruche mit den bisherigen Vermessungen überragt dieser Gipfel nicht nur jenen der Glockerin

Dieses Blatt 4 aus Stüdls Skizzenbuch zeigt ebenfalls die Problematik der Höhen bzw. der Benennung der "Bärenköpfe" im Glocknergebiet. Stüdl hat die Namen teilweise durchgestrichen und überschrieben. Hier die Beschriftung des Blattes: Oberer Bildrand: "Scharte zw. mittleren Bärenkopf und Hohe Docke". Gipfel von links: "Gr. V." für großes Viesch- (=Wies-) bachhorn, darunter "Fochezkopf" ... "Glockerin" ... "Glockerin" (durchgestrichen), darüber "Größter" ... "Bären" (?) ... mittl. (durchgestrichen), darüber "Kleinster".

Fussnote: Nach Keil ist die Glockerin der zweithöchste Gipfel des Fusch-Kapruner Kammes und überragt den Grossen Bärenkopf, da ersterer nach Keil 10,903' = 3446m, letzterer 10,696' = 3381m hoch ist, um 207' = 65m. Anderseits vindicirt Sonklar dem höchsten der Bärenköpfe eine Höhe von 11,068' = 3498m, dem zweithöchsten eine Höhe von 10,714' = 3386m; schon das blosse Augenmass vermag es darzuthun, dass die hieraus resultirende Differenz von 354' = 112m zu bedeutend ist; nach unserer Messung beträgt der Höhenunterschied zwischen den beiden letzteren Gipfeln nur 95' = 30 m. Dagegen kommt dem Grossen Bärenkopf entschieden die Rolle des höchsten Gipfels im Fusch-Kapruner Kamme nach dem Grossen Wiesbachhorn zu. Nach einer Privatmittheilung des Führers Anton Hetz in Kaprun ist es dem letzteren wenige Tage vor uns, am 15. September 1869 gelungen, den Grossen Bärenkopf gerade von dieser schlimmsten Seite aus zu erreichen. Es ist diess, so viel bekannt, die erste Ersteigung des genannten Gipfels. Professor Demelius aus Graz war somit nicht auf dem höchsten, sondern auf dem zweithöchsten der Bärenköpfe (Jahrbuch des Oest. Alpenvereins 1869 Seite 323).

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sondern auch die übrigen Bärenköpfe. Derselbe ist irrthümlich auf den genannten Karten in jenen Eiscircus einbezogen, der die Firnregion des Bockkargletschers umgibt, während er sich in der Wirklichkeit ausserhalb desselben und zwar vom Kleinen Bärenkopfe fast direkt nördlich befindet. Nach unseren Messungen ergab sich für ihn eine Höhe von 10,790' = 3411m. Wir haben dieser Spitze, den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend, die Bezeichnung Grosser Bärenkopf gegeben.
Fussnote: Besser als all' diese Auseinandersetzungen wird die beigegebene Karte unseres Freundes P. Wiedemann eine richtige Vorstellung von der Lage der Bärenköpfe verschaffen.

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        Die Lage des Kleinen Bärenkopfes ist auf beiden angeführten Karten annähernd richtig gegeben, nur ist dort, wo in jenen Karten der Grosse Bärenkopf steht, das westliche langgestreckte Ende des Kleinen Bärenkopfes zu suchen.

       Sonklar's Messung des Kleinen Bärenkopfes 10714' 3386m stimmt mit der unsrigen 10,695' = 3380m ziemlich überein.

       Auch auf dem Grossen Bärenkopf, der zur Zeit unseres Besuches aus zwei kleinen, dicht nebeneinander gelegenen Schneekuppen bestand, war unseres Bleibens nicht lange, denn zur vollständigen Aufklärung über das uns umgebende Terrain bedurften wir noch der Ersteigung des Kleinen Bärenkopfes, dessen Gipfel eine langgestreckte zu beiden Seiten steil abfallende Firnschneide bildet. Kein Wölkchen war am Himmel, kein Lüftchen regte sich. Die Leichtigkeit, mit der wir von Spitze zu Spitze kamen, die herrliche Rundschau, die wir von allen genossen, versetzte uns in die freudigste Stimmung. Besonders schien Thomele wie umgewandelt zu sein. Der sonst so zurückhaltende Mann war ungeheuer gesprächig, in der fröhlichsten Laune und versicherte mich ein über das anderemal: "ich möge nur befehlen, er führe mich auf alle Berge, wohin ich nur wolle, jedenfalls möchten wir heute noch recht viele Bärenköpfe besteigen, da es ja so gut gehe".

       Lustig und frischen Muthes setzten wir unseren Weg über den Schneeabhang fort, hinab in die tiefe, weite Einsattelung zwischen dem Grossen und dem Kleinen Bärenkopf. Da jedoch der Schneekamm direkt zur letzteren Spitze sich ziemlich steil emporzog, hielten wir uns mehr gegen links, dem Rande des Hochgrubergletschers entlang, dessen Firnregion einen bedeutenden Neigungswinkel zeigt. Trotzdem glaube ich, dass man vom Hochgrubergletscher, namentlich von dessen nördlicher Seite auf unseren Schneekamme ohne übermässige Schwierigkeiten gelangen könnte.

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        Wir benöthigten zum Uebergang vom Grossen zum Kleinen Bärenkopf etwas länger, als von der Glockerin zu ersterem Gipfel, da wir sehr tief herabsteigen mussten; dem ungeachtet kamen wir rasch vorwärts, da uns keine Klüfte aufhielten. Wir erreichten endlich die schmale Firnschneide des Kleinen Bärenkopfs an der zwischen dem letzteren und der Hohen Dock gelegenen Scharte und betraten bald darauf ohne mit irgend welchen Hindernissen kämpfen zu müssen um 3 Uhr 5 Minuten die höchste Erhebung des Kleinen Bärenkopfs.

       Hier sahen wir genau, dass der Fusch-Kapruner Kamm am Mittleren Bärenkopf, der, durch eine Scharte von unserem Berge getrennt, beinahe rein südlich von uns sich befindet, vom Tauernhauptkamm sich ablöst, in einem gegen Nordwesten convexen Bogen zum Kleinen Bärenkopf und zur Glockerin zieht, sodann gegen Nordosten umbiegend, über die Wielinger Scharte zum Grossen Wiesbachhorn hinansteigt. Schliesslich sei noch erwähnt, dass vom Mittleren Bärenkopf der Centralkamm in beinahe westlicher Richtung zum Vorderen Bärenkopf, dem niedrigsten unter den vier Bärenköpfen, fortsetzt.

       Damit glaube ich die Stellung dieser verbreiteten Gipfel genügsam gekennzeichnet zu haben. Nach unseren Messungen ist der Kleine Bärenkopf die zweithöchste Spitze unter den Bärenköpfen und so widersinnig es auch erscheinen mag, dass dieser Berg das Epitheton "Kleiner" führen soll, während der Dritthöchste "Mittlerer" heist, so belassen wir diese Namen, weil dieselben nun einmal bereits durchgängig üblich geworden sind. Wir wollen nicht weiter daran rütteln, um nicht neuerdings die Confusionen über diesen nur mühsam aufgeklärten Theil der Glocknergruppe hervorzurufen.

       Schon Professor Demelius aus Graz, der im Jahre 1865 von der Johannishütte aus den von Keil und Sonklar als Grossen Bärenkopf bezeichneten Berg erstieg, sprach die Vermuthung aus, dass der von Keil und Sonklar als Kleiner Bärenkopf angegebene Gipfel höher sei, als jener, auf welchem

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er sich befand; es freut uns durch unsere Ersteigung dieser Gipfel diess bestätigen zu können.

Fussnote:
Der für die Orientirung über das Gesammtgebiet der Pasterze und für den südlichen Theil des Fusch-Kapruner Kammes äusserst instruktive Besuch des Kleinen Bärenkopfs ist durch die erfolgte Renovirung der Johannishütte wesentlich erleichtert, da man diesen Gipfel entweder gleich Herrn Dr. Demelius über den Eiswandbühel und den Mittleren Bärenkopf oder über die Bockkarscharte und den Bockkargletscher, sodann über die Einsattelung zwischen der Hohen Dock und den Kleinen Bärenkopf erreichen kann. Auch wäre es des Versuches werth, auf letztgenanntem Wege das Grosse Wiesbachhorn - also von der Südseite - zu ersteigen, welche Partie von der Johannishütte aus kaum mehr als 5-6 Stunden in Anspruch nehmen dürfte. Von der Fuscher Seite wäre der Versuch zu machen, über den Hochgrubergletscher auf den Fusch-Kapruner Kamm zu gelangen. Auch von der Kapruner Seite soll nach Aussagen des Führers Hetz in Kaprun der Kleine Bärenkopf direkt zu erreichen sein, jedoch durften bei dieser Tour nach meiner Ansicht nicht unbedeutende Gefahren zu überwinden sein.

       So viel wir erfahren konnten war die Glockerin vor uns noch nie erstiegen worden, obwohl dieselbe von der Wielingerscharte aus leicht zu erreichen ist.

       Sicherlich wird sich aber jeder Tonrist, der nicht specielle Zwecke verfolgt, mehr von der aussichtreicheren Zinne des Grossen Wiesbachhorns, als von den weit unbedeutenderen Trabanten derselben angezogen fühlen.

       Nachdem wir etwa 40 Minuten auf dem Gipfel des Kleinen Bärenkopfes verweilt hatten, mahnte uns die vorgerückte Nachmittagsstunde und die in diesem Monate schon zeitlich zu erwartende Dämmerung an den Heimweg zu denken, den wir nun um so getroster antreten konnten, als der angestrebte Zweck vollständig erreicht war. Nur der steiglustige Thomele wollte noch eine Spitze, entweder die Hohe Docke

Fussnote:
Die Hohe Dock soll erst einmal und zwar in den vierziger Jahren durch den Badinhaber Gregor Mayer aus St. Wolfgang, seither nicht wieder erstiegen worden sein.

oder den Mittleren Bärenkopf erklimmen was uns jedenfalls in die Gefahr gebracht hätte, da oben irgend wo übernachten zu müssen oder bei Finsterniss in das Fuscherthal hinabzuklettern.

       Wir wählten den Abstieg

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über jene Scharte, die zwischen dem Kleinen Bärenkopf und der Hohen Dock - dem südlichen Ausläufer des letzteren - scharf eingeschnitten ist und welche wir bereits bei unserem Heraufweg berührt hatten. Von dieser zieht eine ausserordentlich steile Eisrinne zum Bockkargletscher hinab. Die allzugrosse Neigung derselben, die jedenfalls viel Stufenhauen erfordert hätte, bewog uns knapp an deren Rande die morschen Felswände zu betreten, mit welchen der Kleine Bärenkopf zum Bockkargletscher abstürzt. Mit grosser Vorsicht, um ja auf die Voransteigenden keinen Stein abzulassen, wurde diese Strecke zurückgelegt und die Bergkluft zwischen Fels und Firn überschritten.

       Bald kamen wir am Bockkargletscher selbst an, den wir bereits bei unserem Uebergange aus dem Stubachthale in's Fuscherthal kennen gelernt hatten. Er zeigte jedoch diessmal bedeutend schlimmere Klüfte als bei unserer ersten Ueberschreitung, die zur grössten Vorsicht mahnten. Unzählige Male brach Schnell als der Führer des Zuges ein, da wir nicht mehr genügend Zeit aufwenden konnten den Weg genau zu sondiren. Doch kümmerte sich der verwegene Bursche darum nur sehr wenig, es schien ihm vielmehr dies schliesslich sogar einigen Spass zu bereiten. Bald war der "Hohe Gang" erreicht.

       Hier brachen plötzlich Hofmann's Steigeisen, die erst am gestrigen Tage in Kaprun gemacht worden waren, neuerdings entzwei, glücklicher Weise jedoch zu einer Zeit, wo dieselben gerade nicht mehr dringend nothwendig waren. Eine Stunde früher wäre diess ausserordentlich unangenehm gewesen.

       Welche Wohlthat war es für die Augen, als wir beim Hohen Gang angelangt, dieselben von den Schneebrillen befreien und uns an dem erfrischenden Grün des Fuscherthales laben konnten! Rasch wurden der Hohe Gang und das Remsschartl passirt und nun gings in Galopp hinab zur Zunge des Hochgrubergletscher.

       Von da wandten wir uns jedoch nicht direkt der Thalsohle zu, da es nicht in unserer

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Absicht lag, die Judenalpe zu berühren, sondern wir schritten dem Thalabhange entlang in der Richtung gegen die Vögalalpe, um nach Ferleiten zu gelangen.

       Schon war das Thal in tiefe Dämmerung gehüllt, als wir bald über steile Grasabhänge, bald über Geröll hinabsteigend den Thalboden bei der genannten Sennhütte betraten und bei Einbruch der Nacht um 7 Uhr 10 Minuten beim Lukas Hansl-Wirth in Ferleiten ankamen.

       Doch auch hier war unseres Bleibens noch nicht. Das oftmalige Liegen in Heu hatte in uns ein gewisses Bedürfniss nach Kissen und Matrazen der Art rege gemacht, dass wir uns entschlossen noch am selben Abend, trotz der vier erstiegenen Eiszinnen nach St Wolfgang im Weichselbachthale zu wandern.

       Unsere beiden Führer, die am andern Morgen (Sonntag) nach Dorf Fusch zur Kirche gehen wollten, liessen wir in Ferleiten zurück, während wir einen Knecht aus Ferleiten als Laternenträger nach Bad Fusch mitnahmen. Schon hatte die Kellnerin uns das schönste Zimmer vorbereitet und sogar einige Touristen, die unmittelbar nach uns in Ferleiten eintrafen, hinüber in das Tauernhaus verwiesen, als wir derselben zu ihrem grössten Erstaunen eröffneten, dass wir unser Nachtquartier für heute in St. Wolfgang aufzuschlagen gedächten, hingegen erst morgen wieder über den Schwarzkopf nach Ferleiten zurückkehren wollten.

       Rasch hatte ich meine kleine Handlaterne zurecht gerichtet, und um 7 Uhr 30 Minuten bei tiefer Dunkelheit verliessen wir Ferleiten.

       Wir betraten jenen bei Tage äusserst angenehmen, schattigen und kühlen Fusssteig am rechten Ufer der Fuscher Ache. Unser Laternenmann rannte, da ihm Freund Hofmann stets dicht auf den Fersen blieb, wie besessen voraus, so dass mir bald der helle Schweiss herabrieselte. Aufwärts, abwärts, stets aber hoch über dem Bache, den wir zur Linken rauschen hörten, ging es im Trabe fort. Rings herum tiefe Finsterniss, nur an den Baumstämmen und Gesträuchen, die den Weg umstanden, glitt das matte Licht der Laterne vorüber, nothdürftig im kleinen Kreise den

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Weg beleuchtend, der sich unmittelbar vor den Füssen befand.

       Endlich betraten wir den Fahrweg, der zum Bade führt, verabschiedeten unseren Wegweiser und nach wenigen Schritten klopften wir an dem Thore des Martin Flatscher, der nicht wenig überrascht war, dass zu später Stunde - es war 8 Uhr 40 Minuten - noch Gäste Einlass begehrten, eine nicht minder erstaunte Musterung rief unser zigeunerhaftes Aussehen, vor Allem die von der Sonne und Schnee - glanz tief gebräunten Gesichter hervor.

       Wir hatten uns gefreut, hier eine Masse von Badegästen noch versammelt zu treffen, hatten uns jedoch hierin stark getäuscht, indem sich nur noch ein einziger Fremder im Hause aufhielt und auch dieser längst zur Ruhe gegangen war. Auch in den übrigen Badegebäuden weilten nur wenige Gäste. Rasch wurden nun trotz der späten Stunde Köchin und Kellnerin in Alarm gesetzt, trefflich liessen wir uns das Abendessen schmecken, um so mehr, da wir seit 6 Tagen auf Alpenkost oder kalte Küche angewiesen gewesen waren.

        Ich kann nicht gerade sagen, dass uns am folgenden Morgen (19. September) der Thatendurst besonders frühzeitig aus den köstlichen Betten hervorgetrieben, es war vielmehr die Sonne schon ziemlich hoch emporgestiegen, als wir endlich uns zum Verlassen derselben anschickten. Es durfte auch nach dem gestern zurückgelegten Wege nicht gerade Wunder nehmen, dass unsere Glieder etwas steif geworden und dass ein seltsames Krachen entstand, als Freund Hofmann seine Morgen - Turnübungen wie Hocke, Armschnellen, Stossen und Schwingen u. s. w. anzustellen begann.

       Der erste Genuss, der uns am Tage bevorstand, war ein warmes Bad, das uns wenigstens theilweise wieder civilisirten Menschen ähnlich machen sollte.

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        Schlimm genug sah es jedoch nach wie vor mit unserer Gesichtshaut aus. Zwar hatte das Glycerin in den jüngst verflossenen Tagen eine ganz vorzügliche Wirkung geübt, wir wären ohne dasselbe sicherlich Alle mit zerfetzter Haut von den letzten Touren zurückgekehrt, doch was lag uns an diesem Schönheitsfehler und an dem damit in innigem Zusammenhang stehenden Jucken und Brennen? Die kleinen Schmerzen vermochten es gewiss nicht, uns den Eindruck der jüngsten so trefflich gelungenen Exkursionen zu trüben.

       Je mehr Zeit nach solchen Tagen verstreicht, desto mehr tritt die Erinnerung an die überstandenen Mühsalen und Strapazen in den Hintergrund, desto ungetrübter bleibt das Andenken des Schönen allein, das uns bei diesen Touren vor Augen getreten, in unserer Seele leben. Auf das Bad folgte die Einnahme eines für unsere unverwöhnten Gaumen delicaten Frühstücks, verbunden mit dem langentbehrten Vergnügen, nach geraumer Zeit wieder einmal eine Zeitung in die Hände zu bekommen und Kunde zu erhalten von dem tollen, wechselvollen Treiben der Menschen da draussen vor den Bergen.

       Auf das Dejeuner folgte ein kleiner Spaziergang durch das anmuthig gelegene St. Wolfgang, dessgleichen eine Musterung der verschiedenen Badelokalitäten. Interessant war uns das Gespräch mit dem alten Fuscher Hanns, der ehedem ein kecker Bergsteiger, nun alt und gebrechlich am Stocke sich mühsam dahinschleppt. Mit Begeisterung erzählte er uns von den kühnen Wanderungen, die er in seinen Jugendjahren unternommen, auch für uns blieb sein Lob nicht aus, als wir ihm unsere Tour des gestrigen Tages erzählten.

       Es war ½ 11 Uhr, als wir begleitet von Nikolaus Holzer, dem Sohne des Fuscher Hanns, St. Wolfgang verliessen, um die Ersteigung des Schwarzkopfes anzutreten. Wenn ich diesem Berge trotz seiner verhältnissmässig geringen Höhe eine kurze Beschreibung widme, so hat dies seinen Grund darin, weil der Schwarzkopf der Kulminationspunkt

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eines der fünf ersten Kämme der Glocknergruppe ist und zwar des zwischen den Thälern Fusch und Rauris sich erhebenden Gebirgszuges, der am Brennkogl 9540' 3015 m Keil vom Centralkamm der Hohen Tauern sich ablöst. Der Fusch-Rauriser Kamm wird zwar sowohl vom Tauernhauptkamm, als auch vom Glocknerkamm, dem Fusch-Kapruner und dem Stubach-Kapruner Scheidegebirge an Elevation weit übertroffen, er erreicht nirgends die Höhe von 9000' und ist vollständig unbegletschert, demungeachtet muss er als Scheidewand zwischen zwei Seitenthälern erster Ordnung den bedeutendsten Kämmen unseres Gebirgsstockes beigezählt werden. Um also keine Lücke in unserer Schilderung der Glocknergruppe entstehen zu lassen, seien hier auch dem höchsten Punkte dieses Gebirgszuges und seiner Ersteigung wenigstens einige Worte gewidmet.

       Unser Weg führt uns Anfangs eine kurze Strecke im Weichselbachthale aufwärts über den sogenannten Schönanger, wo noch jetzt die Spuren eines Schlosses zu entdecken sind, das den ehemaligen Urbarpröbsten von Zell am See gehörte. Bald verlassen wir jedoch das Weichselbachthal und steigen zur Rechten gewendet theils durch Wald, theils über Wiesen auf bequemen Pfaden zur Riegeralpe.

       Ohne den geringsten Schatten fernerhin zu geniessen, mussten wir nun in glühender Mittagshitze unseren Marsch fortsetzen. Bald nahm unsere Umgebung einen etwas wilderen Charakter an, ohne dass gerade malerische Punkte uns vor Augen getreten wären. Weder die beiden Schwarzschädel, kahle verwitterte Felsenhäupter, die sich hoch vor uns erhoben, noch auch die sogenannte Blaue Lacke, welche gespeist von den Abflüssen mehrerer zu ihr herniederziehenden Schneefelder eine ausserordentlich schmutzige Farbe besass, so dass die Bezeichnung "Blaue Lacke" wie eine Ironie klang und viel eher der Name "Schmutzige Lacke" gerechtfertigt gewesen wäre, vermochten es, eine Spur von Bewunderung in uns hervorzurufen. Erst als wir auf dem Gipfel des Schwarzkopfes selbst, der erst ganz zuletzt sichtbar wurde, angelangt waren, zog ein gewisses Gefühl der

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Befriedigung in uns ein, das auf dem bis jetzt zurückgelegten Wege keineswegs vorhanden gewesen war.

       Es war ¼ 2 Uhr, als wir das neuerrichtete trigonometrische Signal erreichten, das den höchsten Punkt des Schwarzkopfes bezeichnet. Wir waren gegen unsere sonstige Gewohnheit diesmal äusserst rasch gestiegen, so dass wir den Weg in der kurzen Zeit von 2 ¾ Stunden zurückgelegt hatten.

       Die Aussicht vom Schwarzkopf pflegt als ein Panorama von hervorragender Schönheit bezeichnet zu werden. Und in der That können wir diesem Urtheile nur beistimmen, vorausgesetzt nämlich, dass man den Lohn mit dem geringen Aufwand an Mühe in Zusammenhang bringt. Dass derselbe jedoch im Verhältniss zum Glockner, Wiesbachhorn, Johannisberg, Kitzsteinhorn nur ein Aussichtspunkt zweiter Ordnung ist, bedarf kaum der Versicherung, doch verlangt eben dort die Erreichung des Genusses auch eine weit grössere Anstrengung, als dies beim Schwarzkopf der Fall ist.

       Die Glocknergruppe einerseits, aus welcher besonders stolz das Grosse Wiesbachhorn sich erhebt, während über dem Fuscher Eiskar die funkelnde Pyramide des Glockners zu uns herüberblickt, die Rauriser und Gasteiner Gruppe anderseits bilden den Glanzpunkt der Rundschau. Der Hohe Aar, der Ankogl und die Hochalmspitze treten in den beiden letztgenannten Gebirgsstöcken hoch empor über ihre Umgebung. Dagegen ist uns die Schobergruppe theilweise gedeckt durch den zwischen der Unteren Pfandlscharte und dem Heiligenbluter Hochthor gelegenen Theil des Tauernhauptkammes. Gegen Osten übersehen wir tief unter uns die Thalsohle des Seitenwinkelthales fast seiner ganzen Ausdehnung nach. Im Norden endlich bietet der Zeller See und die pralle Kette der Kalkalpen einen prächtigen Gegensatz zu den uns im Osten, Süden und Westen umstehenden Silberdomen der Hohen Tauern.

       Der Himmel blieb während unseres zweistündigen Aufenthaltes auf der Spitze des Schwarzkopf wolkenlos, doch

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lag ein eigentümlicher Dunst über dem ganzen nördlichen Horizont ausgebreitet. Zusehends wuchsen die röthlich gelben Ringe am Firmament höher und höher empor und waren die Boten, dass mit Gewissheit ein baldiger Umschlag der Witterung zu erwarten sei.

       Sollte uns die für morgen projektirte Ersteigung des Fuscherkarkopfes und des Sonnenwellecks abermals zu Wasser werden? Fast schien es, als ob es jedesmal Regen geben müsste, wenn wir jene Gipfel in Angriff nehmen wollten!

       Wir schlugen unseren Hinabweg in westlicher Richtung ein, um über die Durcheckalpe nach Ferleiten zu kommen. Dieser Pfad ist in gleicher Weise vollkommen gefahrlos, wenn auch im obersten Theile etwas unbequem zu begehen, wie der Weg vom Fuscher Bade zu unserem Gipfel.

       Nach Ueberschreitung einiger Geröllhalden und Alpenwiesen führt uns ein guter Steig von der Durcheckalpe aus, die wegen ihrer reizenden Aussicht auf das Fuscher-Eiskar, das Fuscherthal und den Zeller See häufig von den Fuscher Badgästen besucht wird, im Zickzack hinab durch einen dichten Wald. Hier ist besonders während des Winters der Schauplatz der Hauptthätigkeit der Holzknechte. Wenn der Boden einmal glatt und fest gefroren ist, so werden die Holzstämme über die steilen Abhänge hinabgestossen. Einmal in Schuss gekommen, setzen sie ihren Weg zum Thale mit furchtbarer Schnelligkeit fort. Ein grosser Theil des Holzes gelangt sodann im Frühjahre und Sommer durch Trift hinaus in's Salzachthal, sogar bis in die Salinen nach Hallein.

       Auf der linken Seite der Fuscher Ache dagegen, die im Gegensatz zur Rechten fast nur aus Wiesen besteht, entwickeln die Heuzieher ihre Kunstfertigkeit, in dem sie in toller Jagd oft mit einem 2 - 3 Zentner schweren Heubund über die festgefrornen Thalhänge abfahren.

       Um 6 Uhr Abends trafen wir in Ferleiten ein, doch der Gruss, den uns Thomele und Schnell darboten, war nicht gerade erfreulich: sie prophezeiten auf 's Bestimmteste für morgen einen Regentag.

       Fast hätten wir Lust gehabt,

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neuerdings nach St. Wolfgang zu wandern, um wenigstens mit möglichst viel Comfort die schlimme Laune des Himmels über uns hinwegziehen zu lassen. Zudem hatten wir erfahren, dass heute der sogenannte Hütersonntag sei , wo im Bade ein grosses Fest stattfindet. Wenn nämlich allgemein von den Alpen abgetrieben ist, so kommen am darauffolgenden Sonntag, gewöhnlich dem vorletzten des Monats September, die Senner aus den Alpen rings umher in St. Wolfgang zum Hütertanze zusammen. Es soll ein nicht uninteressantes Kulturbild gewähren, namentlich dann, wenn die durch die Alpenkost wohlgenährten Melker die Knechte, die während des Sommers im Thale gewesen und wegen der strengeren Arbeit gewöhnlich kein so stattliches Embonpoint aufweisen können, zu verhöhnen beginnen. Der Anfangs harmlose Scherz artet leicht in bitteren keilegespickten Ernst aus. Da wir jedoch trotz der schlimmen Auspicien für morgen noch nicht an der Möglichkeit verzweifelten, demnngeachtet unsere projektirte Partie ausführen zu können, so beschlossen wir, in Ferleiten die Nacht zuzubringen.

       Ich will es schliesslich nicht unerwähnt lassen, dass wir am heutigen Tage Gelegenheit hatten, auf eine eklatante Weise uns zu überzeugen, wie die Fremden mitunter von manchen Führern angelogen werden. Unser Begleiter auf den Schwarzkopf, Nikolaus Holzer aus St. Wolfgang, konnte uns gar nicht genug klagen, wie sehr er von seinem Dienstherrn gedrückt würde. Er behauptete uns gegenüber, von dem tarifmässig für diese Partie ihm zukommenden Lohn von vier Gulden dem letzteren drei Gulden abliefern zu müssen, während er für sich selbst nur einen Gulden behalten dürfe, obwohl es heute Sonntag sei, er somit gar nichts an Arbeit versäume.

       Diese ganze Erzählung stellte sich nachträglich, wie uns Herr Pfarrer Nill in Dorf Fusch mittheilte, als pure Erfindung heraus, die lediglich darauf berechnet war, uns noch ein Trinkgeld abzuschwindeln. Es ist daher zu warnen, solche Schilderungen habsüchtiger Führer als reine Wahrheit anzunehmen und wenn auch

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nicht geleugnet werden kann, dass manchmal die Wirthe in der Auswahl der Führer durchaus nicht nach voller Gerechtigkeit verfahren, so sind doch oft solche Klagen, die wir da und dort über den von den Wirthen auf die Führer ausgeübten Druck erfahren, unbegründet oder doch wenigstens stark übertrieben.

        Am 20. September übte Jupiter Pluvius eine schlimme Herrschaft, die Nebel hingen buchstäblich bis zu unserem Hausdache herab. Wieder war die Fuscherkarkopf-Ersteigung zu Wasser geworden. Es goss den ganzen lieben langen Tag in Strömen, als wollte der Himmel all seine Vorräthe an einem Tage uns herabsenden. Da hiess es geduldig in das Schicksal sich fügen und so gut als es eben ging mit den wenigen Unterhaltungsmitteln, die Ferleiten uns bieten konnte, sich befassen. Als jedoch am nächstfolgenden Tage der Regen noch immer in gleicher Unbarmherzigkeit zum Fuscherthale herniederprasselte, da riss uns der Faden der Geduld und wir beschlossen, trotz Nebel und Wind und Sturm aufzubrechen und hinüber nach Kals zu wandern.

       Um 6 Uhr Morgens verliessen wir Ferleiten und wanderten der Unteren Pfandlscharte zu. Ich kann nicht gerade sagen, dass unser Marsch gemüthlich war. Schon nach etwa 1 ½ Stunden waren wir bis auf die Haut nass, dazu genossen wir von den Schönheiten, die dieser Weg bei heiterem Wetter uns bietet, nicht das mindeste. Zum Glück, dass wir ihn Alle schon früher unter günstigeren Verhältnissen kennen gelernt hatten, heute wäre es unmöglich gewesen, auch nur in annähernder Weise sich einen Begriff davon zu machen.

       Zu unserer Linken hatten wir beständig den Bach, der sich in der

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weichen Unterlage tief eingehöhlt hat. Beim Betreten des nördlichen Pfandlschartengletschers waren wir sehr erstaunt, denselben im Gegensatz zu dessen Beschaffenheit am 5. August, wo Freund Hofmann ihn passirt hatte und auf ziemlich viel Klüfte gestossen war, diessmal fast frei von Spalten zu treffen.

       Von dem herrlichen Panorama, das sonst die Scharte bietet (Fuscherthal, darüber die Berchtesgadener und die Lofer-Leoganger Berge , sodann Spielmann, Kloben, Sonnenwelleck, Fuscherkarkopf, Kleiner Bärenkopf, Hohe Dock, Glockerin, Grosses und Kleines Wiesbachhorn, Hoher Tenn) sahen wir nichts. Mit einer Konsequenz, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, beehrte uns der Himmel fort und fort mit neuen Regenfluthen, die uns jedoch trotz ihrer Intensität unmöglich noch mehr durchnässen konnten, als wir es bereits waren. Kleider und Schuhe hatten schon das Maximum von Wasser eingesogen, das sie überhaupt aufzunehmen vermochten.

       Wir stiegen auf dem gewöhnlichen Wege hinab in's Nassfeld, betraten dann, ohne die Wallnerhütte zu berühren, den Pasterzengletscher kurz unterhalb des Absturzes vom oberen zum unteren Boden und überquerten den letzteren in der Richtung gegen den Vorderen Leiterkopf. Dieser wurde sodann in einem Bogen gegen Süden umgangen, bis wir in der Nähe der Leiterer Ochsenhütte den Weg von Heiligenblut nach Kals erreichten.

       Eine grosse Ueberraschung stand uns bevor, als wir bald nach Ueberschreitung des Berger Thörls einen Mann sahen, der schon von ferne, ohne dass wir die Ursache uns erklären konnten, uns zujauchzte und wie wahnsinnig seinen Hut und seine Joppe in die Luft emporwarf. Freund Hofmann in seiner übermüthigen Laune rief dem Manne von Weitem zu, das sei nicht genug, er solle auch Stiefel, Hosen und Hemd nachfolgen lassen. Wie erstaunt waren wir jedoch, als wir beim Näherkommen in fraglicher Menschengestalt den Michel Groder erkannten und von demselben mit einer ganz riesigen Freude begrüsst wurden. Die guten Kalser waren, da wir Anfangs vorgehabt hatten, unsere Partie

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nur auf drei Tage auszudehnen und nun bereits der neunte Tag herangebrochen war, ohne dass wir zurückgekehrt waren und sie in Kals und Heiligenblut nicht das mindeste von uns erfahren hatten, in grosse Sorge um uns gerathen. Der treue Much war uns zum Berger Thörl entgegengeeilt, da er hier noch am ersten uns zu treffen hoffte. Wäre jedoch dieser Gang vergeblich gewesen, so wären die sämmtlichen Führer und noch andere Männer aus Kals, wie es bereits definitiv verabredet war, den nächsten Morgen aufgebrochen, um in den benachbarten Thälern und droben auf der Pasterze, wo man uns verunglückt glaubte, nach uns zu forschen.

       Ja in Kals war man schon nahe daran, Todtenmessen für unsere armen Seelen zu lesen, im benachbarten Windisch-Matrei aber - fama crescit eundo - da hatte man bereits sichere Kunde von unserem Untergange! Bei unserem Einzug in Kals wurden wir allseitig wie vom Tode Wiedererstandene empfangen, gar manches frohe, aus erleichtertem Herzen kommende "Grüss Gott!" wurde uns entgegengerufen.

Anmerkung: Der höchste Punkt der Glocknerwand wurde durch Beschluss des Centralausschusses des Deutschen Alpen Vereines - Karl Hofmann zu Ehren - "Hofmannspitze" benannt.

       
Die strapaziöse, achttägige Rundtour war zu Ende gebracht, wir hatten die sämmtlichen für das Jahr 1869 projektirten Haupttouren glücklich ausgeführt. Zwei Tage der Ruhe in dem liebgewonnenen Kals sollten nun folgen, die um so erquicklicher waren, je wilder draussen Sturm und Regen hausten. Sie wurden fleissig benützt zur ausführlichen Skizzirung des reichhaltigen Materials, das wir 

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uns auf diesen letzten Exkursionen gesammelt hatten.

       Am 24. September war der Rupertstag, der grösste Feiertag im Kalserthale. Rupertus ist der Schutzpatron der Kirche von Kals, aber auch auf andere Weise scheint er für das Gedeihen des Völkchens wohl zu sorgen. Man braucht nur seinen Namensvetter im Groder'schen Wirthshause, den Riesen unter den Kalser Führern zu betrachten, um sich hievon zu überzeugen.

       Schon in aller Frühe waren eine Menge von Gästen aus dem unteren Kalserthale, sogar aus Windisch-Matrei herbeigekommen, den heiligen Rupert am heutigen Tage in seiner höchsteigenen Kirche zu verehren. Sogar ein spekulativer Krämer aus dem Defereggenthale war mit reichen Vorräthen an seidenen Tüchern und buntfarbigen Hosenträgern, an Heiligenbildern und Rosenkränzen, an Ringen und Amuletten und vielen anderen begehrenswerthen Dingen herbeigezogen, auf den schwer zu eröffnenden Geldbeutel der Kalser seine Angriffe zu machen.

       Schon lange bevor der Gottesdienst begann, hatten sich bereits grosse Gruppen vor der Kirche und dem Wirthshause versammelt, stattliche Männer mit breitem, gedrungenen Bau, alle zur Feier des Tages in ihrem höchsten Staate. Gerne trieben wir uns zwischen den Schaaren umher, denn allenthalben trafen wir Bekannte, überall wurden uns herzliche Grüsse entgegen gerufen.

       Auch das Wetter schien zum Glanze des Festes beitragen zu wollen. Die Wolkenmassen hatten sich zerstreut, ein reizender Septembermorgen lag über das Thal ausgebreitet.

       Alles wirkte zusammen, uns trotzdem, dass unsere Pläne zu Ende gebracht waren, dennoch zu einer neuen Partie uns einzuladen. Doch Freund Stüdl hatte für heute und für den folgenden Tag noch eine andere Pflicht zu erfüllen, er musste das Panorama vom Kalserthörl vollenden und mit Hilfe des Thomele die noch fehlenden Namen der Bergspitzen einzeichnen. Somit war ich jedenfalls gezwungen, meine Fahrt ohne die lieben Gefährten anzutreten. Auch Führer Schnell konnte mich nicht begleiten, zu Hause wartete viel Arbeit auf ihn, er war ohnedem schon während

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des ganzen Sommers fast ununterbrochen auf der Reise gewesen.

       So musste ich denn diessmal allein mit zwei neuen Führern meine Partie ausführen. Ich wählte hiezu Michel Groder und Joseph Kerer. Beide waren bereits auf früheren Touren meine Begleiter gewesen, der eine bei unserer Ueberschreitung der Fuscherkarscharte zum Uebergang von Ferleiten nach Heiligenblut, der andere bei meinen beiden Ersteigungen des Grossglockners im September 1867 und im August 1869.

       Ich beabsichtigte am heutigen Nachmittage zur Wallnerhütte an der Pasterze zu wandern und morgen die Ersteigung des Sonnenwellecks und des Fuscherkarkopfs mit dem Abstieg in's Fuscherthal zu unternehmen. Ich wäre diesem Projekte zufolge nicht mehr nach Kals zurückgekehrt. Es kam daher zu einem rührenden Abschied von meinem Freunde Stüdl, den ich ja nun viele Monate lang bis zum Sommer des nächsten Jahres nicht mehr sehen sollte, und von allen Lieben in Kals. Ich dachte nicht, dass ich bald wieder mit ihnen beisammen sein würde.

       Wohl versehen mit Wein und Proviant, mit Seil und Eishacke traten wir nach dem Mittagessen unseren Marsch an; auch das wenige, was ich als Reisegepäck bei mir hatte, Wäsche u. dergl., wurde mitgenommen. Wir schlugen den Weg zum Bergerthörl ein, eine Menge von Bewohnern der höher liegenden Gehöfte kamen uns auf ihrem Gange zur Vesper entgegen, sie riefen uns Alle ein freundliches Lebewohl zu. Komisch war mein Führer J. Kerer. Er genirte sich, den Leuten zu zeigen, dass er die Vesper schwänze und ging daher unten in der Thalsohle auf der linken Seite des Bergerbaches aufwärts, um sich erst später mit uns wieder zu vereinigen.

       Am Hause Schnell's angekommen, konnte ich mir es nicht versagen, dem Manne noch einen Besuch abzustatten und ihm zu danken für sein treues Geleite auf so vielen guten und schlechten Wegen. Er zeigte eine ausserordentliche Freude, dass ich vor meinem Abzuge aus Kals noch einmal zu ihm gekommen sei. »Völli' load thuat's mer, dass Sie

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jetz' schon fort mög'n",

Fussnote:
Es thut mir ganz leid, dass Sie jetzt schon fortgehen wollen.

sprach er mit bewegter Stimme, als wir zum letztenmal die Hand uns drückten. Auch ich nahm mit schwerem Herzen von ihm Abschied, ich hatte den wackeren Burschen recht lieb gewonnen. "Auf 'Wiedersehen im folgenden Jahre!"

       Es herrschte eine drückende Hitze, so dass wir froh waren, als wir in den Schatten des Waldes kamen. Das Wetter war durchaus nicht befriedigend ; seit dem Morgen, der heute so rein und klar begonnen hatte, waren schwere Wolken emporgezogen, so dass wir fast mit Gewissheit auf Regen hoffen durften.

       Als wir daher an der Brücke angelangt waren, wo die Wege zum Bergerthörl und zur Stüdlhütte sich theilen, beschlossen wir nach kurzer Ueberlegnng, in gleicher Weise wie am 2. August, wo ich ebenfalls von Kals zur Ersteigung des Sonnenwellecks und des Fuscherkarkopfs aufgebrochen war und dann wegen des zweifelhaften Wetters zur Stüdlhütte mich gewendet hatte, um wenigstens in einem günstigeren Asyl, als in der elenden Wallnerhütte auf einen Umschwung der Witterungsverhältnisse zu warten, auch heute wieder dahin unsere Schritte zu lenken. Wenn morgen nicht überhaupt jede Partie unmöglich war, so konnte ich nach einem rasch gefassten Plane dann den Grossglockner, am übernächsten Tage dagegen doch noch das Sonnenwelleck und den Fuscherkarkopf ersteigen.

       Doch so auffallendes Wetterglück ich auch im Jahre 1869 genossen hatte, gerade die Bezwingung dieser beiden letzteren Gipfel sollte nun einmal durchaus nicht zur Ausführung kommen. Dreimal schon hatte ich einen vergeblichen Anlauf versucht, einmal war ich bereits bis auf ungefähr Tausend Fuss unterhalb die Spitze des Fuscherkarkopfes emporgekommen, aber immer wieder war in Form von Nebel und Regen mir ein unerwünschter Strich durch die Rechnung gemacht worden. Auch diesesmal sollte es nicht besser gehen.

       Auf dem gewöhnlichen Wege durch das Ködnitzthal 

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kamen wir zur Stüdlhütte; der freundliche Leser kennt denselben bereits aus der Schilderung meines Freundes Stüdl. Wir waren diesesmal in vier Stunden heraufgestiegen. Unser erster Blick nach Ersteigung der Vanitscharte galt dem Westen, welche Aussichten wir wohl für unsere morgige Glocknerfahrt hätten.

       Ein eigenthümliches Schauspiel bot sich uns dar. Dichte, undurchdringliche Wolkenmassen lagen über dem ganzen Horizont ausgebreitet, nur in weiter Ferne zog sich am äussersten Rande derselben ein kleiner lichter Streifen in weitem Bogen von Süden nach Westen. Kein Gipfel der Kalkalpen Südtirols, die von unserer Hütte aus prächtig zu übersehen sind, war verhüllt, doch nur eine winzige Spanne Raumes schien zwischen den höchsten Spitzen und dem schwarzen Wolkenschleier zu liegen, der wie eine riesige Draperie auf sie herabhing.

       Von Norden her kam jedoch über die rechtsseitige Umsäumung des Teischnitzgletschers und seiner tiefer gelegenen Fortsetzung, des Grauen Gletschers, ein trotziges Nebelheer gezogen. Wie fliegende Korps stürmten die wilden Schaaren über die Kreuzwand, die Zollspitze, den Kramul und die zwischen denselben befindliche Kristall- und Frusnitzscharte herüber, bald diesen, bald jenen Gipfel mit ihrem Schleier bedeckend. Eswar ein ununterbrochener Kampf, noch war es unentschieden, welches Geschick uns für den kommenden Tag bescheert sein würde, der lichte Streifen im Süden und Westen blieb sich unverändert gleich.

       Jetzt sandte uns auch die untergehende Sonne, den kleinen Raum zwischen dem Wolkenwalle und den Bergen durcheilend, rasch einige Blicke zu, mit ihrem Schimmer unsere Umgebung zu beleuchten. Doch ein furchtbarer Nordwind brauste mit ununterbrochener Wuth über uns dahin, die Hoffnungen auf das Gelingen unserer Pläne immer tiefer herabzudrücken.

       Ein äusserst interessanter Anblick war uns geboten, als wir gegen den westlichen Rand der Vanitscharte vorgingen, wo der thurmhohe Bruch des Teischnitzgletschers hinab zum Grauen Gletscher uns vor Augen lag. Der herrliche Eisabsturz schien noch einmal so erhaben

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geworden zn sein, aus allen Klüften krochen abenteuerliche Nebelgebilde hervor und suchten sich mit ihren Brüdern zu vereinigen, die aus dem Kessel des Grauen Gletschers emporgeflogen kamen.

       Heulend pfiff der Sturmwind über uns dahin, er hatte mit so furchtbarer Gewalt sich erhoben, dass er die leichten Schieferplättchen, die auf dem Boden umherlagen, aufriss und wie Papierstreifen hoch emporwirbelte.

       Der Aufenthalt da draussen unter den rasenden, entfesselten Mächten der Natur, die verderbendrohend auf uns eindringen zu wollen schienen, war uns beinahe unheimlich geworden; wir zogen uns rasch unter das schützende Dach der Stüdlhütte zurück. Nur der Thermometer, fest angebunden an der Gabel meines Bergstockes, wurde dazu verurtheilt, den wechselvollen Winden als Spiel zu dienen; nach kurzer Zeit, als ich die Temperatur nachsah, zeigte er + 2 Grad an.

       Wir suchten es uns nun im Innern der Hütte so behaglich wie möglich zu machen. Ein grosses Feuer wurde angezündet, es kam zu einer lebhaften Entfaltung der Kochkunst meiner Führer, dazu bereiteten wir uns aus Thee und Rum einen köstlichen Glühwein. Cigarre und Pfeife trugen dazu bei, um uns auch nach Eintritt der Dämmerung noch einige Stunden in gemüthlicher Unterhaltung beisammen sitzen zu lassen.

Michel, kurzweg Much genannt, erzählte uns vom Rauriserthale, wo er mehrere Jahre lang als Knecht zugebracht hatte, bis ihn das plötzliche Auftauchen von Kals als Glocknerstation nach Hause zurückgerufen und ihm als Führer einen guten Erwerb während des Sommers garantirt hatte. Much ist ohne Zweifel einer der tüchtigsten von den Kaiser Führern; an Verwegenheit thut es ihm nur Schnell zuvor. Bei unserer Ersteigung der Fuscherkarscharte hatte sich Much als kühner, unerschrockener Bergsteiger gezeigt und auch morgen wieder sollte er Gelegenheit bekommen, mit seinem Gefährten Kerer in dieser Beziehung sich auszuzeichnen.

       Der letztere ist ein eingefleischter Jäger, wie man kaum einen zweiten finden kann. Er gab eine

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Reihe von Jagdgeschichten zum Besten, wobei natürlich nicht zu vermeiden war, dass manches Wunderbare zum Vorschein kam. Jedenfalls hat sich Kerer durch das tagelange Umherklettern in Fels und Eiswänden, die das Auflauern der flinken Gemsen ihm auferlegt, eine bedeutende Sicherheit im Bergsteigen erworben, mit welcher ausserdem eine grosse natürliche Kraft und Ausdauer verbunden sind. Zumal in der Ueberwindung von steilen Eisabhängen entwickelt er ausserordentlich viel Geschick.

       Die Stunden des Abends auszufüllen, musste ich schliesslich meinen beiden Genossen gar manches von den schönen, grossen Städten erzählen, von dem Leben da draussen auf dem flachen Lande, von jenem Treiben und Trachten der Menschen, von welchem die braven Kalser in ihrem abgeschlossenen Thale kaum jemals etwas vernommen hatten. Doch auch die Gebirgswelt und ihre Wunder wurden Gegenstand der Besprechung und gespannt horchten mir die Führer zu , wenn ich ihnen von den Gesetzen sprach, nach denen die Gletscher sich fortbewegen, von der Entstehung der auffallendsten Erscheinungen der Eisströme, von Gletschertischen, von Moränen, von der Zerklüftung der Gletscher, dem Uebergange von Firn in Eis u. s. f. So kamen wir vom Hundertsten in's Tausendste, unvermerkt war die Zeit rasch vorgerückt.

       Aber so heimlich es da innen auf der kleinen Ofenbank war, so fröhlich uns die Zeit mit unseren Plaudereien vorüberflog, so wenig erbaulich war es draussen vor der Hütte. Mit ungebrochener Gewalt tobte der Sturm fort, kein einziges Sternlein war am Himmel zu erblicken. Schwere Regentropfen fielen herab auf unser Dach, zur Abwechslung schlugen auch die vom Boden aufgerissenen Schieferplatten an die eisernen Stäbe, die die Fensterscheiben schützten. In manchen Augenblicken aber, wenn die Windstösse mit gar zu grimmiger Wuth an unser Obdach pochten, so dass das starke Gebäude bis in seine innersten Fugen erschüttert wurde, das Gebälke ächzte und krachte, da glaubten wir, das Dach müsste in der nächsten Sekunde

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über uns zusammenbrechen. Ich hatte noch niemals im Leben einen so grässlichen Sturm erlebt.

       Es war 9 Uhr als wir unsere Schlafkammer aufsuchten. Tief eingegraben unter dem Stroh, geschützt durch Plaid und Decken, versuchten wir es einzuschlafen. Doch die Heftigkeit des Windes, der die ganze Nacht unaufhörlich fortwüthete, rüttelte uns unzählige Male aus unserem Halbschlummer empor. Als wir am Morgen um 6 Uhr vor unsere Hütte traten, war Alles ringsumher in dichten Nebel eingehüllt. Zwar hatte sich der Sturm gelegt, doch waren unsere Hoffnungen demungeachtet auf ein Minimum reducirt. Schon überlegten wir, ob wir nicht gleich ohne längeren Aufenthalt nach Kals hinabsteigen sollten, doch beschlossen wir, noch einige Stunden auszuharren, ob nicht eine Besserung des Wetters eintreten würde, denn mit einem so eklatanten Misserfolge zu meinen Freunden in Kals zurückzukehren, war eine gar peinliche Sache.

       Wir bereiteten uns nun Thee zum Frühstücke, die Einnahme desselben und die Cigarre halfen die Zeit des Wartens verkürzen. Zu unserer Ueberraschung wurde uns plötzlich ein Besuch zu Theil. Zwei Kalser Gemsjäger traten in die Hütte ein; sie waren seit frühesten Morgen trotz Sturm und Nebel einer Gemsspur nachgegangen, hatten sie jedoch wieder verloren und wollten nun ihre erstarrten Glieder in der Stüdlhütte etwas erwärmen. Sie sahen wie Eskimo's aus, über und über mit Loden bedeckt, kaum dass Augen und Nase aus der Umhüllung hervorschauten. Sie beabsichtigen, wenn der Nebel etwas lichter geworden, auf den Teischnitzgletscher hinaufzusteigen und dort die Spuren wieder aufzusuchen. Dringend baten sie uns, keinen Lärm zu machen, damit die Thiere nicht verscheucht würden.

       Mit Zuversicht behaupteten sie, dass das Wetter nach wenigen Stunden ganz gut würde, denn es wehe jetzt der Tauernwind und der sei stets der Bote schöner Tage; mit Freude nahm ich die Botschaft auf, so sollte doch noch vielleicht der Marsch zur Stüdlhütte nicht umsonst zurück-

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gelegt worden sein. Die Jäger hatten Recht gehabt. Als wir um 8 Uhr vor die Hütte traten, da hatte der Nebel bereits an Dichtigkeit verloren, vereinzelt tauchte da und dort ein Gipfel aus unserer näheren Umgebung hervor. Selbst die Spitze des Grossglockners , die gut erblickt werden kann, wenn man auf die steinerne Bank vor der Hütte hinauftritt, war auf Augenblicke sichtbar, mit einem blendend weissen Gewände bedeckt; es war während der Nacht in den höheren Regionen Neuschnee gefallen.

       So verliessen wir denn um ½ 9 Uhr die Stüdlhütte, doch war der Plan, den Grossglockner zu ersteigen, rasch in einen anderen umgewandelt worden. Es konnte mir wenig Reiz bieten, nachdem ich bereits zweimal von jenem Berge eine vollständig klare Rundsicht genossen hatte, denselben nun abermals bei einem im besten Falle mittelmässigen Wetter zu erklimmen. Ich hatte daher meinen beiden Führern den Vorschlag gemacht, die nordwestlich vom Grossglockner im Glocknerkamme stehende Glocknerwand zu ersteigen; nach Keils Messung kommt derselben eine Höhe von 11,557' 3653m zu, somit der dritte Rang unter den Spitzen der gesammten Gebirgsgruppe der Hohen Tauern; Sonklar dagegen fand dieselbe 11,749' 3714m hoch, wodurch ihr die Stellung vor dem Venediger angewiesen ist und sie im Gebiete der Hohen Tauern der höchste Gipfel nach dem Grossglockner ist, vorausgesetzt, dass die zweite Spitze des letzteren, der sogenannte Kleinglockner nicht als selbstständiger Berg in Betracht gezogen wird.

       Die Glocknerwand war die letzte Jungfrau aus der Zahl der Elftausender in der Glocknergruppe, wir hatten ausser ihr alle Gipfel des Glocknerkammes zwischen dem Eiskögele und dem Grossglockner erstiegen, somit konnte der heutige Tag wohl zur Ausfüllung jener Lücke benützt werden. Zudem munterte uns hiezu gerade die schwankende Witterung auf, bei klarem Himmel hätten wir immer wieder lieber den Grossglockner, der mit weniger Beschwerde zu erreichen ist und ein umfassenderes Panorama bietet, als Reiseziel gewählt.

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        Kopfschüttelnd wird nun Mancher diese Zeilen lesen, wird mit einem gewissen Unbehagen mich auf die Glocknerwand begleiten, es thöricht finden, dass ich mit der Ersteigung dieses Gipfels mich plage, nachdem ich doch zweimal schon den Genuss der weiteren und schöneren Rundsicht auf dem benachbarten Grossglockner genossen. Doch der Bergsteiger wird da gar viel jenem unendlichen Reize zu Gute schreiben, der in der Bezwingung einer noch nie betretenen Spitze liegt. Es ist ein unbeschreiblicher Drang, der uns immer hinauftreibt auf die höchsten Punkte, mit unersättlicher Gier mühen wir uns ab, den Fuss stets wieder auf neue Riesenhäupter zu setzen. Mächtige Motoren sind es, die uns zu diesem Streben verleiteten: Das Gefühl der Freiheit, der Gedanke an jene überwältigende Majestät, die sich da oben auf schwindelnder Warte vor unserer Seele entfaltet. Es ist, als ob wir entrückt wären all' dem kleinlichen Thun und Trachten der Menschen drunten tief im Thale, als ob wir befreit wären von ihren Leidenschaften und Begierden, von ihrem verworrenen Drängen und Treiben, wir glauben die Unendlichkeit vor unseren Augen ausgebreitet, wir fühlen uns selbst als Theil derselben. Und wer einmal eingedrungen in das Schönste, was die weite Erde uns bietet, in das innerste Heiligthum der wundervollen Gebirgswelt, wer einmal von jener Zauberfrucht gekostet, der wird sich nimmermehr losreissen können von den Banden, mit denen die Sehnsucht nach den schönen blauen Bergen ihm das Herz umkettet. In unermüdlichem Verlangen treibt's ihn von einer Spitze auf die andere und desto genussreicher wird unsere Belohnung sein, je grösser der Schatz der Erinnerungen ist, die sich uns an all die Gipfel ringsumher verknüpfen.

       Lasst uns unverzagt zur Glocknerwand emporsteigen!

       Wir schlugen während der ersten Stunde denselben Weg ein, den mein Freund Stüdl im Jahre 1868 bei seiner Tour auf den Kramul und den Romariswandkopf verfolgt hatte. Es ist während der ersten Strecke derselbe Weg, welcher über den vom Grossglockner gegen Südwesten herabziehen-

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den Kamm direkt auf die höchste Spitze desselben führt. Kurz nach Betreten des Teischnitzgletschers bogen wir von dem letzteren Wege gegen die linke Seite ab und durchquerten diesen Gletscher seiner Breitseite nach in der Richtung von Süd gegen Nord. Die Nebel hatten sich seit unserem Verlassen der Stüdlhütte immer mehr zerstreut, so dass wir manchmal Glockner und Glocknerwand ganz frei vor uns liegen sahen, doch war das Wetter noch keineswegs so günstig geworden, dass wir mit Sicherheit auf das Gelingen unseres heutigen Planes rechnen konnten.

       Der Anstieg auf die Glocknerwand direkt vom Teischnitzgletscher aus schien uns jedenfalls wegen des steilen Abfalles der Eisrinnen die hier gegen Süden herabzogen, ziemlich schwierig zu sein, in gleicher Weise wie der Anstieg von der zwischen der Glocknerwand und dem Grossglockner gelegenen Scharte aus. Dagegen erinnerte ich mich auf den Schneewinkelkopf und auf dem Johannisberg einen Schneegrat beobachtet zu haben, der in südöstlicher Richtung zur Glocknerwand hinanzog und der höchstens die Neigung des Kleinglockners - 47 Grad - zu erreichen schien. Wir beschlossen daher, über jenen Kamm unseren Weg zu wählen und zu diesem Zwecke zunächst die zwischen der Glocknerwand und dem Romariswandkopf befindliche Depression im Glocknerkamm als unser Ziel zu wählen.

Wir hatten uns gründlich verrechnet - gerade von der schlimmsten Seite hatten wir den Riesen gepackt.

       Die Ueberschreitung des Teischnitzgletschers ging rasch vor sich, wir hatten dabei von Klüften wenig zu besorgen, nur im obern Theile des Firnfeldes trafen wir auf einige grössere Spalten. Doch erforderte der Weg, da Neuschnee lag, einige Vorsicht, wesshalb wir uns gleich Anfangs beim Betreten des Gletschers durch das Seil verbunden hatten.

       Auf dem Firnfeld trafen wir die Gemsspuren, welche die zwei in der Stüdlhütte mit uns zusammengetroffenen Jäger aufsuchten. Es brachte unseren grossen Jagdliebhaber Kerer ganz in Verzweiflung, dass er jetzt, wo er die Spuren sah, kein Gewehr zur Hand hatte. Hätte er sein Mordinstrument

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bei sich gehabt, so wäre er vielleicht auf und davon gelaufen, die Glocknerwand hätte ihn an jenem Tage gewiss nicht mehr gesehen!

       Rasch schritten wir vorwärts, es herrschte keine angenehme Temperatur. Nach anderthalb Stunden hatten wir die Scharte erreicht, begrüsst von einem eisig kalten Ostwind, der uns entgegenkam. Auf der Pasterze lagen dichte Nebel ausgebreitet, so dass wir den tiefen Abgrund zu unseren Füssen nicht erblicken konnten. Vom Winde gepeitscht flogen sie bäumend und in lange Streifen gedehnt zum Glocknerkamm empor. Doch verhinderte uns dies nicht, unseren Marsch fortzusetzen, denn der blaue Himmel, der überall zwischen den Dunstmassen durchschimmerte, liess uns einen baldigen Umschwung mit Sicherheit erwarten. Wir begannen nun jenen Firnkamm hinanzusteigen, er zeigte anfangs nur geringe Neigung, die höheren Theile waren uns durch den Nebel verborgen. Doch von Schritt zu Schritt nahm die Steilheit zu, so dass wir bald zum Stufenhauen gezwungen waren.

       Die Vermuthung, dass wir hier einen günstigen Anstieg treffen würden, erwies sich durchaus als unbegründet. Dazu war der Anblick, der uns zu Theil wurde, wenn die Nebel zerrissen und wir den jähen Grat erblickten, der sich vor uns noch emporzog, durchaus nicht ermuthigend. Wir erkannten, dass noch eine gewaltige Arbeit unser harrte. Offenbar wäre es das richtige gewesen, wenn wir hier umgekehrt wären und auf der Südseite den Anstieg ausgeführt hätten. Doch täuschten wir uns noch immer über die zu überwindenden Schwierigkeiten, wir hofften, schon nahe der Spitze zu sein. So setzten wir denn unverdrossen unseren Weg fort. Nach Kurzem aber sollte noch Schlimmeres kommen: wir trafen auf blankes Eis, doch nicht bloss auf einige Schritte, sondern zu einer Höhe von mehreren Hundert Fuss empor. Das Umkehren wäre jetzt jedenfalls gefährlicher gewesen als das Weitersteigen. Zur Ueberwindung jenes steilen Kammes waren im Ganzen ungefähr 250 Stufen nothwendig! Da lernte ich die Ausdauer und die Geschick-

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lichkeit des Kerer kennen. Er war beständig an der Spitze des Zuges und bearbeitete mit grimmigen Hieben das Eis, dass weithin die Splitter weg flogen.

       Die wiederholten Aufforderungen des Much, abwechselnd ihn vorausschreiten und die Mühe des Stufenhauens übernehmen zu lassen, beantwortete er stets mit noch kräftigeren Schlägen hinab auf die Eiswand; er meinte, er könne schon allein fertig werden, Much solle nur auf den Herrn aufpassen. Um freier in seinen Bewegungen zu sein, hatte er demselben sogar seinen Bergstock übergeben und schwang nun die Eishacke mit beiden Händen.

       Ich muss gestehen, dass dieser Weg mir ziemlich peinlich wurde. Langsam, Stufe um Stufe, in gemessenen Zeitabschnitten einen glatten Eisabhang von zweinndfünfzig Grad Neigung hinanzusteigen, das war gewiss keine kleine Aufgabe! Was der Weg zur Unteren Oedenwinkelscharte auf Fels gewesen war, das war unser Aufstieg zur Glocknerwand über Eis, mit dem einzigen Unterschied, dass der letztere weniger lang dauerte. Von grossem Vortheile war mir in dieser Situation die eiserne Gabel am oberen Ende meines Bergstockes; ich konnte sie tief in das Eis einhauen und dadurch zu gleicher Zeit mich fest stützen und einem Abgleiten vorbeugen. Auch diente sie mir dazu, mich leichter über die oft weit auseinander stehenden Stufen emporzuarbeiten.

       Bei alle dem hätten wir unmittelbar zu unserer Linken, wenige Schritte oberhalb unserer Bahn, einen verhältnissmässig ganz leichten Weg gehabt. Die Kante des Grates war weit weniger steil, aber sie bestand aus einer überhängenden Schneewechte, wir durften sie nicht betreten ohne die grösste Gefahr durchzubrechen und in raschem Fluge zum Pasterzengletscher hinab befördert zu werden. So hiess es denn mühsam im Traversirschritte eine Spanne nach der andern emporsteigen, unter grossen Anstrengungen eine Position nach der andern erobern. Unsere Lage war um so unerquicklicher, da wir immer wieder von Zeit zu Zeit vom Nebel umschwärmt waren; dazu machte mir die Kälte die Hände vollständig erstarren, so dass ich kaum mehr den Bergstock in meinen

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Fingern fühlte, trotzdem ich mit dicken Fäustlingen versehen war.

       Das Ausrutschen eines einzigen hätte leicht da wir durch das Seil verbunden waren und Kerer der Eishacke seine volle Aufmerksamkeit widmen musste, Much aber durch die zwei Bergstöcke an freier Bewegung verhindert war, uns alle zum Falle gebracht.

       Endlich kamen wir dem Ende des Eisgrates immer näher, wir sahen, wie er sich im oberen Theile verflachte und langsam zu einer aus Fels bestehenden Spitze verlief. Wir hatten das Schwerste glücklich hinter uns. Fast eben ging es nun eine kleine Strecke hin, dann kamen wir zu einigen schroffen Felspartien, die gleichfalls wieder gymnastische Uebungen uns auferlegten. Es waren riesige Schieferblöcke, welche den ganzen Grat einnahmen und nirgends umgangen werden konnten. Kerer kletterte auch hier wieder voran, am herabgelassenen Seile folgten ich und der zweite Führer.

       Wir standen jetzt auf dem obersten Rande der Glocknerwand, die aus einem tief zerscharteten Felskamme besteht. Senkrechte Felszähne erheben sich zwischen den einzelnen Scharten. Der uns zunächst liegende glich einem Thürmchen, auf allen Seiten schien er unnahbar zu sein. Doch auch hier wurde ein Mittel gefunden, um zum Ziele zu gelangen. Much stemmte sich mit der Achsel an den Felsblock an, Kerer stieg auf seinen Rücken, umklammerte den obern Rand der kleinen Veste, mit kräftigem Schwünge hatte er das letzte Bollwerk erstürmt. Für mich war das Nachfolgen leicht, ich wurde einfach am Seile emporgezogen.

       Wir standen auf der nordwestlichsten jener drei ungefähr gleich hohen Zacken, welche die höchste Erhebung der Glocknerwand bilden. Einige weniger bedeutende Felszähne ragten in den Zwischenräumen empor. Es war ½ 1 Uhr; die Ersteigung hatte von der Stüdlhütte weg vier Stunden gewährt, somit eine Stunde länger, als der Aufstieg zum Grossglockner für einen rüstigen Bergsteiger in Anspruch nimmt.

       Mein erstes Gefühl nach Erreichung des Gipfels war Aerger. Deutlich lag uns der Weg hinab zum Teischnitz-

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gletscher, über welchen wir Anfangs den Anstieg zu nehmen vorgehabt hatten, nun vor Augen; er wäre in ungleich kürzerer Zeit und mit weit weniger Beschwerde ausführbar gewesen, als der von uns thörichter Weise gewählte Weg. So war uns doch wenigstens eine bequeme Rückreise gesichert, das Hinabsteigen auf unserem alten Wege wäre gewiss noch weit gefährlicher gewesen, als das Heraufkommen.

       In meinen Plaid gehüllt, lagerte ich mich nun zwischen den beiden Führern auf dem kleinen ebenen Raum, den unser Thürmchen bot. Die Kälte hatte nachgelassen, der Thermometer zeigte +5 Grad, dazu wirkten die Sonnenstrahlen in wohlthätiger Weise auf uns ein. Das Wetter hatte, wie wir richtig vermuthet hatten, sich von Stunde zu Stunde günstiger gestaltet, der Himmel war fast wolkenlos nur in den tieferen Luftschichten schaukelten noch zahlreiche Nebelballen umher. Wir konnten mit den Resultaten der heutigen Partie, die unter so schlimmen Auspicien angetreten worden war, vollkommen zufrieden sein.

       Wir hatten genügende Zeit vor uns; so konnten wir denn unseren Aufenthalt auf der Glocknerwand nach Belieben ausdehnen. Dazu bot uns das Panorama gerade am heutigen Tage so viel des Interessanten, führte uns so wechselvolle Scenerieen vor Augen, dass uns die Zeit gar rasch verstrich. Mehr als zwei Stunden verlebten wir auf unserem prächtigen Plätzchen. Immer heller und klarer entrollte sich unsere Umgebung, von Minute zu Minute wurden die Nebel von der Sonne weiter zurückgetrieben in tiefe verborgene Schlupfwinkel. Vergebens suchten sie die siegende Feindin zu bekämpfen, sie unterlagen rasch, verloren Schritt für Schritt an Terrain. Unser Gipfel selbst blieb während der ganzen Zeit, die wir auf demselben zubrachten, frei von Nebel.

       Besonders schön zeigte sich von unserem Standpunkte aus der Glockner. Er war hier zur regelmässig geformten Felspyramide geworden, während er doch von der Südseite aus einer Eisnadel gleicht. Zahllose weisse Flecken waren

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zwischen den dunklen Felsen sichtbar, die Ueberreste des jüngstgefallenen Neuschnee's.

       Ob die stolze Spitze nicht auch auf dieser Seite erstiegen werden kann? Es wäre ein fünfter Glocknerweg. Die Sage schreibt das Heldenstückchen dem Thomas Enzinger aus dem Stubachthaie zu, demselben, der zuerst aus diesem Thale ganz allein über die Obere Oedenwinkelscharte, den Pasterzen- und den Bockkargletscher in 's Fuscherthal wanderte, doch ist dies wohl nur ein unwahres Gerücht; es wurde nie etwas Näheres über jene Glocknerfahrt bekannt.

       Doch nicht bloss der Glockner selbst, auch all' seine Nachbarn wurden wieder und immer wieder durchmustert; sie boten heute ein merkwürdiges Bild dar. Alles war mit einer Farbe, mit funkelndem Neuschnee bedeckt; nur das Möllthal mit seinen grünen Fluren stand dazu in grellem Kontraste. Wunderbar verwandelt war das Sonnenwelleck, das heute einer prächtigen Schneepyramide glich, während es sonst immer mit grauem Felsgewande bekleidet uns erschienen war.

       Die Fernsicht von der Glocknerwand ist ohne Zweifel der des Grossglockners wenig nachstehend, nur der letztere selbst versperrt einen Theil der unbegrenzten Rundschau. Einen abenteuerlichen Anblick gewährten die zwischen der Glocknerwand und dem Grossglockner im Kamme aufsteigenden Felskegel, die sogenannten Teufelszacken; sie sind ausserordentlich steil, scheinbar auf allen Seiten unersteiglich; ein Freund von neuen Touren kann an ihnen seinen Muth und seine Kraft wohl erproben. Von besonderem Interesse war für uns die Frage, ob wir wirklich auf dem höchsten Punkte der Glocknerwand stünden. Es schien uns, als ob die beiden südöstlich von uns gelegenen Felszähne höher wären, als unsere Zinne, doch ist es eine alte Erfahrung, dass uns auf einem Berge die umliegenden Gipfel, auch wenn sie gleich hoch, ja sogar niedriger sind, über unser Niveau sich zu erheben scheinen. Doch konnte ich, da ich keine Messinstrumente bei mir hatte, nicht bestimmt erkennen, welchen von jenen drei Spitzen der erste Rang zuzuschreiben sei.

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        Um ½ 3 Uhr verliessen wir unsere Warte, um direkt hinab zum Teischnitzgletscher zu steigen. Der Weg war im Verhältniss leicht zu nennen, wir konnten trotzdem, dass der Schnee durch die Einwirkung der Sonne stark erweicht war, eine grosse Strecke durch Abfahren zurücklegen; abwechselnd trafen wir an einigen Stellen auch lose aufeinanderliegende Platten von Chloritschiefer an, die ebenfalls gut zu begehen waren. Lästig fiel uns jedoch der Marsch über den Teischnitzgletscher, da wir bei jedem Tritt fusstief einsanken.

       Um vier Uhr kamen wir wieder in der Stüdlhütte an. Das Wetter war herrlich geworden. Der günstige Ostwind liess auch für die nächsten Tage mit Zuversicht klaren Himmel hoffen. Doch ich konnte demungeachtet morgen keine Partie unternehmen, denn es nahte ein unabwendbares Hinderniss in der Gestalt eines Sonntags. Die Kalser Führer sind in dieser Beziehung unerbittlich - keine Tour wird vor Beendigung des Gottesdienstes angetreten. Ich hatte nur die Wahl, ob ich heute nach Kals oder nach Heiligenblut hinabsteigen wollte. Da entschloss ich mich zu ersterem, in der Hoffnung meinen Freund Stüdl, der schon schrecklich mit seiner Heimreise drängte, zur Verlängerung des Urlaubs um einen Tag zu bewegen, gemeinsam dann morgen zur Stüdlhütte wieder zurückzukehren und eine dritte Glockner fahrt als Schlussstein unserer Exkursionen des Jahres 1869 anzutreten. Um ¾ 7 Uhr in Kals angelangt, wurde ich allerseits mit grösstem Erstaunen empfangen, verwundert wurde mein Bericht über die heutige Tour aufgenommen. Doch auch ich war vollständig befriedigt, als Stüdl nach langem Drängen sich bereit erklärte, auf meinen Vorschlag einzugehen. Am würdigsten Punkte, auf dem Glockner selbst, sollte in wenigen Stunden unser Abschied gefeiert werden.

       Wir haben jetzt die Bergesspitzen, die rings um den Grossglockner sich erheben, der Reihe nach kennen gelernt; dem Glockner selbst seien nun die letzten Zeilen gewidmet. Doch bevor wir zur Ersteigung des Riesen schreiten, wollen

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wir erst auf die Geschichte desselben einen kleinen Rückblick werfen. Kein Berg in den Deutschen Alpen hat ja eine merkwürdigere Vergangenheit aufzuweisen!

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              "Geschichte der Glocknerfahrten" (K. Hofmann).