Wanderungen 9

Fussnote: Die Daten hiezu sind theils der ausführlichen, gleichnamigen Abhandlung von A. Egger in den Publikationen des Oesterreichischen Alpenvereines, Jahrbuch 1865, theils dem Werke von Schultes "Reise auf den Grossglockner", theils den Fremdenbüchern von Kals und Heiligenblut entnommen.

       Drei Perioden sind in der Geschichte der Glocknerfahrten zu unterscheiden: die erste umfasst den Zeitraum von der ersten Ersteigung des Berges bis zum Auftauchen von Kals als Glocknerstation, die zweite erstreckt sich bis zur Entdeckung des neuen Kalser Weges, der Erbauung der Stüdlhütte auf der Vanitscharte und der Herstellung des neuen Glocknerweges; als Beginn der letzten Periode können wir das Jahr 1869 betrachten, wo durch die Vollendung jener Anstalten, die zur gefahrlosen Erreichung der Spitze von Kals aus dienen, der Grossglockner fast in die Reihe der Touristenberge eingetreten ist.

       Zwar hat die erste jener drei Perioden bereits in A. Egger einen Schriftsteller gefunden, der in trefflicher erschöpfender Darstellung sie den Freunden der Alpenwelt zum Gemeingut gemacht, doch scheint es mir nicht ungeeignet, an diesem Platze in kurzer Schilderung auch jene ersten Bemühungen und Erfolge nochmals aufzuzeichnen, des Verdienstes jener Männer nochmals zu gedenken, welche zuerst diese Fels- und Eiswüsten betraten, das Augenmerk der gebildeten Welt auf jenen schönen Winkel des Kärntner Landes lenkten, dem seither zahllose Federn ihr Lob gespendet. So lange der Glockner sein stolzes Haupt erhebt,

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werden die Namen Salm, Schultes, Hohenwart, Hoppe innig damit verwoben bleiben.

       Die erste Anregung zur Ersteigung des Grossglockners ging von Fürst Salm, Fürstbischof von Gurk, im Jahre 1748 aus. Schon auf früheren Exkursionen hatte der edle, für die Natur hochbegeisterte Fürst Heiligenblut berührt und entzückt von dem Anblicke jenes Riesen den Plan gefasst, ihm den Ruf der Unbezwingbarkeit zu benehmen.

       Verschiedene Versuche von Seiten Einheimischer, die Spitze von Osten, von der Pasterze aus zu erreichen, waren an den hier entgegentretenden Schwierigkeiten gescheitert, nun sollte dieselbe von Südosten, vom Leiterthale aus, in Angriff genommen werden.

       Im Frühlinge des Jahres 1799 liess Fürst Salm im oberen Leiterthale am Rande des Leitergletschers eine Hütte herstellen, die Mitte August desselben Jahres vollendet war. Sie war äusserst solid erbaut worden, besass eine Länge von 24, eine Breite von 12, eine Höhe von 6 Fuss und war mit einem ordentlichen Dachstuhl und mit gezimmertem Oberboden versehen. Das Gebäude, an dem eine Thüre und fünf Fenster angebracht waren, war nicht wie eine gewöhnliche Alphütte nachlässig geplankt, sondern überall fest und gut verschlossen, sogar mit einem Blitzableiter versehen. Ausser drei Abtheilungen, deren erste für die Führer und die zweite für die Gäste bestimmt war, während die dritte dem Fürsten als Schlafgemach dienen sollte, war noch eine kleine Küche mit gesondertem Raume angebaut. Salm hatte sogar den Plan gefasst, sich neben der Hütte eine kleine Kapelle errichten zu lassen, doch kam derselbe nie zur Ausführung.

       Die Kosten zur Herstellung dieses Asyls waren sehr bedeutend, da alles Material stundenweit herbeigeschafft, und zwar, da kein Saumweg angelegt werden konnte, auf dem Rücken heraufgeschleppt werden musste. So führt uns Schultes u. a. das Beispiel an, dass fünf Bund Stroh, deren Preis in Heiligenblut selbst fünf Kreuzer betrug, auf einen Gulden zu stehen kamen, bis sie zur Hütte emporgebracht waren. Noch viel ungünst-

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iger gestaltete sich natürlich das Kostenverhältniss bei dem schwereren Material.          

       Nachdem schon am 15. Juni 1799 von zwei Bauern aus Heiligenblut vergeblich der Versuch unternommen worden war, aus dem Leiterthale den Glockner zu erreichen, brach am 19. August Fürst Salm zu seiner ersten Glocknerfahrt auf. Aber die Ungunst des Wetters verhinderte jede Unternehmung, es gelang nicht einmal, bis zum Glocknerkamm vorzudringen. Vier Tage lang war die Gesellschaft durch ununterbrochenes Schneegestöber in der Salmshütte festgehalten, bis sie endlich entmuthigt am 23. August nach Heiligenblut zurückkehrte.

       Doch schon am folgenden Tage besserte sich die Witterung und der Generalvikar des Fürsten, der bekannte Naturforscher Hohenwart, brach mit mehreren Führern und Trägern abermals zur Salmshütte auf. Am folgenden Tage gelangte die Expedition wirklich bis auf die erste Spitze, den sogenannten Kleinglockner und stellte daselbst ein sechs Fuss hohes eisernes Kreuz auf. In ihrer Herzensfreude glaubten sie schon den höchsten Gipfel erreicht zu haben; sie hielten den eigentlichen Grossglockner für ungefähr gleich hoch. Bald aber wurde man den Irrthum gewahr.

       Zur Erinnerung an jene Glocknerfahrt wurde sogar eine eigene Denkmünze geprägt. Ein Bauer Namens Martin Klotz war der erste, der auf dem Kleinglockner angekommen war, er führte fortan den Ehrennamen "Glockner".

       Am 26. Juli des folgenden Jahres traf Fürst Salm abermals in Heiligenblut ein, auch eine Reihe berühmter Naturforscher: Hohenwart, Vierthaler, Hoppe, Schieg, Stanig etc. etc. hatten sich eingefunden, um der Einladung des Fürsten zufolge an den projektirten Glocknerfahrten Theil zu nehmen. Um die Schwierigkeiten der Ersteigung zu erleichtern, waren auf Kosten Salm's nicht nur kleine Hütten auf der Hohenwarte und auf der Adlersruhe, dem letzten Schneeplateau unter den steilen Abhängen des Glockners errichtet, sondern auch zum leichteren Anstieg eine Art Treppe vom obersten Leitergletscher zur Hohen-

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wartscharte hergestellt worden.

       Am 27. Juli trat die Gesellschaft den Marsch zur Hütte auf der Salmshöhe an, die den Winter ganz gut überstanden hatte. Nur Stanig war zu vergleichenden Messungen in Heiligenblut zurückgeblieben. Am nächsten Morgen erreichten die Reisenden mit Ausnahme Salm's und Schieg's, die nur bis zur Hohenwartscharte vordrangen, die erste Spitze; alle möglichen Vorbereitungen hatte man getroffen: an den steilen Eishängen des Kleinglockners waren Pflöcke eingetrieben und Seile herabgelassen worden, welche die Stelle von Geländern vertraten.

       An demselben Tage wurde auch die zweite, höchste Spitze, der eigentliche Grossglockner, seiner Jungfräulichkeit beraubt. Vier Heiligenbluter Zimmerleute, die vorausgesendet worden waren, den Weg auf den Kleinglockner zu bereiten, hatten, während die übrige Gesellschaft sich auf der ersten Spitze niederliess, den Uebergang zur zweiten ausgeführt und die Vorarbeiten begonnen, um auch auf diesem Punkte ein Kreuz aufzustellen.

       Der erste Fremde, der das höchste Ziel betrat, war der junge Mathematiker Stanig, derselbe der im Jahre 1801 die Nördliche Watzmannspitze zuerst erklomm und diesen Gebirgsstock vermass. Er war, als er seine Freunde auf dem Kleinglockner angelangt sah, von Heiligenblut heraufgeeilt und begleitete am folgenden Tage (28. Juli) die Zimmerleute, welche auf der zweiten Spitze das Kreuz errichteten. Ja, er kletterte sogar dem Bewusstsein zu Liebe, noch höher gekommen zu sein, als alle andern , einige Fuss an den Querbalken des Kreuzes hinan.

       Das letztere besass eine Höhe von 12' und war mit vier breiten vergoldeten Blechtafeln und einem gleichfalls vergoldeten Hahn versehen, der als Windfahne zu figuriren hatte. Da die ersten Messungen für den Grossglockner eine Höhe von 11,988' ergeben hatten, so suchte man durch die Aufstellung jenes Kreuzes genau die Höhe von 12,000' zu erreichen.

       Ein Blitzableiter sollte dasselbe gegen das Einschlagen des Blitzes schützen, doch zeigte es sich schon in den nächsten Jahren, dass derselbe schlecht befestigt gewesen.

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Auch einen Barometer liess Salm etwa 8 - 10 Fuss südlich unter der höchsten Spitze anbringen, wohl verschlossen durch eine eiserne Hülle. Drei Schlüssel wurden hiezu verfertigt und dieselben dem Pfarrer von Heiligenblut zur Aufbewahrung übergeben, mit der Vorschrift, sie nur solchen Reisenden auszuhändigen, welche Messungen anzustellen beabsichtigten.

       Noch eines Planes des Fürsten Salm möge hier Erwähnung geschehen, den uns gleichfalls Schultes mittheilt. Er hatte beabsichtigt, zwichen den beiden Spitzen eine Seilbrücke herstellen zu lassen, um den Uebergang über die Glocknerscharte, das Schwierigste der ganzen Partie, vollständig gefahrlos zu machen. Doch zeigten sich hiebei die Hindernisse als zu bedeutend.

       Stanig fand rasch einen Nachfolger, noch im Jahre 1800 erreichte der deutsche Naturforscher Dr. Schwägrichen die höchste Spitze des Grossglockners. Im Jahre 1802 war das Gleiche auch bei Hohenwart und bei Schultes der Fall. Der letztere beschrieb seine Exkursion in einem trefflichen vier Bände starken Werke: "Reise auf den Grossglockner". Diese Schrift trug wesentlich dazu bei, den Ruhm jenes Berges in weitere Kreise dringen zulassen.

       In demselben Jahre erstieg auch Fürst Salm die erste Spitze. Von gelungenen Glocknerexpeditionen in den folgenden Jahren mögen unter andern die von Professor Friedrich Thiersch 1810, Adolph Schaubach 1826, Gebrüder Schlagintweit 1848, Dr. A. v. Ruthner 1852, Oberst K. v. Sonklar genannt werden. Nicht unerwähnt darf es bleiben, dass im Jahre 1853 der damalige Pfarrer von Heiligenblut, Francisci, mitten im Winter, am 13. Januar bis zur Spitze des Kleinglockners hinanstieg.

       Als die kühnste aller Glocknerfahrten mag aber wohl die des P. Korbinian Steinberger bezeichnet werden. Er erreichte am 17. August 1854 allein, ohne Führer, nur mit einem Seidel Wein und einem Stück Hausbrod versehen die höchste Spitze und hatte noch dazu an diesem Tage mit dichten Nebeln zu kämpfen. In einem Tage, innerhalb

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15 Stunden führte er den Weg von Heiligenblut hin und zurück aus, ein in der Geschichte des Grossglockners einzig dastehendes Unternehmen.  

       In Summa ist der höchste Gipfel von Heiligenblut aus bis zum Herbst 1869 ungefähr 100 mal erstiegen worden.  

       Was Fürst Salm mit so grossem Aufwand hergestellt hatte, erlag rasch den feindlichen Elementen der Natur. Die Salmshütte war hart am Rande des Leitergletschers errichtet worden. Hohenwart sagt in seinen Tagebüchern: "An der dem Glockner zugekehrten Seite, wo der Einfall des Windes am stärksten ist, deckt die Hütte bis über das Dach, ein unzerstörbarer Wall von Schutt und Stein." Da jedoch der Gletscher in den nächsten paar Jahren vorrückte, so hatte man gerade die ungünstigste Stelle für dieselbe ausgewählt. Schon im Jahre 1809 war sie von der mächtigen Stirnmoräne stark beschädigt worden.

       Thiersch, der noch in der Hütte übernachtete, berichtet, dass sie durch die Habsucht der Bauern in einen schlimmen Zustand versetzt, dass sogar die Nägel an derselben herausgenommen seien. J. Hofer, der im Jahre 1819 den Kleinglockner erstieg und eine Schilderung seiner Tour 1820 in der Zeitschrift "Hesperus" veröffentlichte, fand die Hütte ihrer Thüre und ihrer Fensterscheiben beraubt, die Stürme hatten alle Bretter aus den Fugen gerissen. Sie war vollständig unbrauchbar geworden.

       1825 wurde sie restaurirt, so dass sie in den zwei folgenden Jahren wieder zum Uebernachten benützt werden konnte, doch schon 1829 war sie neuerdings verfallen. In diesem Jahre wurde sie durch Buchhändler Rohrer aus Brünn renovirt, demungeachtet konnte sie nur in den folgenden zwei Jahren benützt werden.

       1848 fanden die Brüder Schlagintweit die Salmshütte gänzlich zerstört, die Ueberreste derselben begrenzten unmittelbar den Rand der jetzigen Endmoräne des Leitergletschers.

       Ich fand die Ruinen in den Jahren 1867 und 69 in unverändertem Zustande. Noch standen theilweise die Grundmauern des Gebäudes, einige Bretter lagen zerstreut umher zwischen den mächtigen Felsblöcken, welche die ehemalige Hütte umgeben

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        Schneller als diese ging die Hütte auf der Hohenwarte zu Grunde. Schon Schultes im Jahre 1802 traf dieselbe mit tiefem Schnee gefüllt, er sprach seine Ansicht dahin aus, das sie kaum einige Winter hindurch noch erhalten bleiben werde. Im Jahre 1811 verschwand sie vollständig unter den Klafter tiefen Schneemassen, welche sie bedeckten.

       Eine etwas längere Dauer war der Hütte auf der Adlersruhe beschert. Zwar war auch sie nach den Berichten von Schultes bereits 1802 theilweise unter dem Schnee begraben, doch vermochte sie trotz ihrer höheren Lage der Vernichtung besser Widerstand zu leisten, da sie auf Fels, nicht direkt auf den Schneefeldern stand. Nach den Mittheilungen Hofers waren im Jahre 1819 noch die Umfassungsmauern erhalten, nur das Dach fehlte; ebenso fand sie auch Dr. A. v. Ruthner bei seiner Glocknerersteigung im Jahre 1852. Er sagt, dass sie noch immer bei plötzlich eintretendem Unwetter einen, wenn auch nothdürftigen Schutz gewähre. Jetzt ist sie gleichfalls vollständig verfallen.

       Das Kreuz auf der kleineren Spitze war nach Aussagen Schultes' bereits im Jahre 1802 etwas locker geworden. Hohenwart dagegen schilderte es bei seiner wenige Tage vorher ausgeführten Ersteigung als vollkommen feststehend. Bei der Glocknerfahrt von F. Thiersch bot es noch so sicheren Halt, dass man daran das Seil gut befestigen konnte, an dem sich die Reisenden zur Scharte hinabliessen; Hofer jedoch erwähnt 1819 desselben nicht mehr, es scheint in der Zwischenzeit hinabgefallen zu sein.

       Das Kreuz auf der grossen Spitze war schon im Jahre 1802 vom Blitze arg beschädigt worden. Der Blitzableiter war herabgedrückt, zwei Blechtafeln und die Querstange lagen im Schnee auf dem Boden. Zur Zeit meiner letzten Glocknerersteigung am 27. September 1869 fand ich noch einige Reste der letzteren, eine etwa zwei Fuss hohe eiserne Pyramide, zwischen welcher einst das Kreuz aufgerichtet war, und eine von den vier Blechtafeln; sie lag auf dem Boden und musste mir als Sitzplatz dienen;

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noch jetzt nach 70 Jahren zeigte sie einige Spuren von Vergoldung.

       Verhältnissmässig die längste Dauer hatte der Barometerkasten; Dr. A. v. Ruthner fand ihn im Jahre 1852 noch unversehrt, erst im Winter 1852/53 stürzte auch er hinab in die Tiefe.

       Verschwunden oder wenigstens in Ruinen verwandelt, sind nun alle Zeichen, die im Anfange dieses Jahrhunderts durch die Sorgfalt des Fürsten Salm auf den Glockner und in dessen nächster Umgebung errichtet worden sind und doch müssen wir noch immer die Thatkraft und den Opfermuth dieses Mannes bewundern, der die grössten Mühen und Kosten nicht scheute, der Wissenschaft einen Dienst zu erweisen. Sein Name wird nie vergessen werden, so lange noch der Grossglockner auf die Schaaren der Reisenden seine Anziehungskraft übt, so lange es noch Menschen gibt, die nach dem schönen Süden ziehen, der prächtigen Spitze ihre Bewunderung entgegenzutragen!

       Ungleich später als Heiligenblut trat das Tirolerdörfchen Kals als Glocknerstation auf, aber auch ungleich rascher erhob es sich zu blühender Höhe.

       Während in Heiligenblut innerhalb der siebzig Jahre, die seit den ersten Expeditionen des Fürsten Salm verflossen, höchstens achtzig gelungene Glocknerfahrten zu verzeichnen sind, weist Kals vom Jahre 1861 an, wo zum erstenmale unser Berg, der Grenzstein des Tiroler und des Kärntner Landes, von der Tiroler Seite aus durch einen Fremden erklommen wurde, bis zum Jahre 1869 nicht weniger als circa fünfzig Ersteigungen der höchsten Spitze auf.

       Die Gründe dieses Aufschwungs von Kals, das sich im Verhältniss zu Heiligenblut keineswegs durch hervorragend schöne Lage auszeichnet, das keine weitberühmte Glockneransicht besitzt, wie das benachbarte Kärtner Dorf, das sogar nicht einmal zu Wagen, sondern nur auf Fusswegen zu erreichen ist, noch dazu auf der Nordseite durch den beschwerlichen Stubach-Kalser Tauern vom Hauptstrome der Touristen abgeschnitten wird, während nach Heiligenblut von Süden aus eine Fahrstrasse führt und im Norden die vielgepriesene Pfandlscharte auf

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die Touristenzüge eher eine Anziehungskraft übt, statt ihnen ein Hinderniss entgegen zu setzen, finden trotz all' diesen Nachtheilen leicht ihre Erklärung darin, dass die Besteigung des Grossglockners von Kals aus näher, interessanter und weit billiger ist als von der Kärntner Seite. Und wenn nun auch die Heiligenbluter Führer mit ihren Preisen herabgegangen sind, so ist ihnen doch die Wiedereroberung der verlornen Position für alle Zukunft abgeschnitten, seitdem mein Freund Stüdl auf der Vanitscharte eine Hütte erbauen und einen neuen Weg auf den Grossglockner herstellen liess, wodurch die fatale Passage über den Kleinglockner und die Glocknerscharte vermieden wird.

       Doch davon später! Zum erstenmale wurde die Ersteigung des Glockners von Kals aus im Jahre 1854 durch Sekretär Mair aus Lienz angeregt. Er erreichte auch wirklich durch das südlich vom Glockner herabziehende Ködnitzthal und über den Ködnitzgletscher die Adlersruhe und stellte somit die Ausführbarkeit des Planes über allen Zweifel.

       Im folgenden Jahre 1855 ward die erste konstatirte Ersteigung der höchsten Spitze von der Tirolerseite aus unternommen, am 22. September drangen Sekretär Mair und Ingenieur Pegger aus Lienz, beide als verwegene Steiger in weiteren Kreisen bekannt, bis kurz unterhalb der höchsten Spitze vor, wenige Tage darauf wurde dieselbe wirklich von zwei Bauern aus Kals, Georg Ranggetiner und Johann Huter, erstiegen. Der damals eingeschlagene Weg führte vom Ködnitzgletscher über die sogenannten "Blauen Köpfe" auf den Scheiderücken zwischen Ködnitz- und Leitergletscher, und dann über die Burgwartscharte in demselben Kamme auf die Adlersruhe, wo die beiden Wege von Kals und Heiligenblut zusammentrafen. Dieser Weg wurde noch im Jahre 1863 von Julius Payer eingeschlagen, später jedoch wurde derselbe nicht mehr benützt, sondern der Anstieg vom Ködnitzgletscher immer gleich direkt auf die Adlersruhe ausgeführt, eine zwar etwas steilere, aber weit nähere Partie.

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        Im nächsten Jahre 1856 wurde bei Gelegenheit der Landesvermessung durch drei Kalser, Johann Groder, jetzt Glocknerwirth, Joseph Schnell und Peter Huber, eine acht Fuss hohe Stange als trigonometrisches Signal auf der höchsten Spitze errichtet, das jedoch bald den Stürmen und Winden zum Opfer fiel und spurlos verschwand.

       In den folgenden Jahren bis 1861 wurden zwar von Einheimischen zu wiederholten Malen gelungene Glocknerfahrten ausgeführt, aber die gehofften Touristenschaaren wollten noch immer nicht heran kommen.

       Es ist das Verdienst von Fr. Peiritsch aus Wien, dessen Namen wir bereits zu wiederholten Malen bei der Beschreibung unserer Exkursionen anzuführen Gelegenheit hatten, zuerst die Aufmerksamkeit der Alpenfreunde auf Kals gelenkt zu haben. Er hatte im Jahre 1861 den Grossglockner sowohl von Heiligenblut, als von Kals aus erstiegen und veröffentlichte seine Fahrten im Abendblatt der Wiener Zeitung und im ersten Bande der Publikationen des Oesterreichischen Alpenvereins.

       Die zwischen Kals und Heiligenblut gezogene Parallele fiel entschieden zu Ungunsten des letzteren aus. Es waren ihm dort drei Führer oktroirt worden, deren jeder einen Lohn von zehn Gulden beanspruchte, so dass die Kosten der Partie mit den obligaten Trinkgeldern für die Führer und für die zum Empfange jedes glücklichen Glocknerersteigers abzufeuernden Böllerschüsse auf mehr als vierzig Gulden sich beliefen, dagegen kam seine zweite, wenige Tage später ausgeführte Besteigung von Kals aus, wobei zwei Führer genügten und jeder derselben nur einen Führerlohn von sechs Gulden verlangte, um circa 25-30 Gulden billiger zu stehen. Dazu schilderte er die Besteigung von der Tiroler Seite als nicht beschwerlicher, wohl aber als kürzer und bei Weitem anziehender.

       Damit war die Frage zu Gunsten von Kals entschieden. In den nächsten Jahren wurde dasselbe, wenn auch noch nicht die alleinige, so doch die Hauptstation der Glocknerfahrer. 1863 erreichte Julius Payer, der Matador unter den

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deutschen Bergsteigern gleichfalls von Kals aus die höchste Spitze; mit seiner Beschreibung dieser Tour in Petermann's Mitteilungen (1864 Heft IX) holte sich der junge verdienstvolle Mann seine ersten literarischen Lorbeeren, die sich rasch durch seine Leistungen in der Adamello-, Presanella- und in der Ortlergruppe zu einem stattlichen Kranze vereinigen sollten.

       Payer war es auch, der zuerst in Kals beim Unterwirth (jetzt Glocknerwirth) ein Fremdenbuch auflegte und eine ausführliche Schilderung seiner Ersteigung darin aufzeichnete. Das Buch ist bis auf den heutigen Tag in erschöpfender Weise fortgeführt und wird wohl in späteren Jahren zu einem ehrwürdigen Dokumente sich gestalten. Es ist eine Eigentümlichkeit, die uns sowohl in Heiligenblut als auch in Kals entgegentritt, dass nicht gleich von der Zeit der ersten Unternehmungen an ein Glocknerbuch angelegt wurde, sondern erst in späteren Jahren; zum Glück sind uns wenigstens für Kals durch den Sammeleifer des dortigen Pfarrers, Herrn A. Lercher, chronologische Aufzeichnungen aller Expeditionen erhalten. Möge das Kaiser Glocknerbuch nie das Schicksal des alten Heiligenbluter Glocknerbuches erleben, dessen erster Band, die Jahre 1818 - 1856 (exclus.) umfassend, bei dem Brande des Wirthshauses 1864 zu Grunde ging.

       Unter den folgenden Kalser Glocknerfahrten möge hier auch die am 2. September 1864 durch einen österreichischen Offizier, Hrn. H. Heiss, ausgeführte erwähnt werden, der, wie schon oben erwähnt, in dem gleichen Jahre auch mit Führer Schnell allein von der Wurfalpe im Stubachthal den weiten und gefährlichen Marsch über das Kaprunerthörl, den Karlingergletscher und die Pasterze zur Johannishütte in einem Tage zurücklegte. Als er Schnell sein Projekt vortrug, mit ihm als einzigem Führer auch den Glockner zu ersteigen und als dieser einige Bedenken äusserte, es wäre gerathener einen zweiten Gefährten mitzunehmen, da antwortete ihm Heiss: "Gut, wenn Du auch für Dich einen Führer brauchst, dann

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nehmen wir noch einen zweiten Begleiter!" Damit war Schnell's Ehrgeiz tief verletzt, sein Stolz liess ihn ohne weiteres Schwanken die Fahrt unternehmen. Sie kamen auch glücklich auf die höchste Spitze, obwohl ein solcher Schneesturm sie umtobte, dass sie beim Zurückmarsch den Schnee aus ihren Taschen leeren müssten. Erst beim Uebergang vom ersten Gipfel zum zweiten liess sich Heiss von Schnell das Seil umlegen, den Weg bis auf den Kleinglockner hatten sie trotz der Zerklüftung des Ködnitzgletschers und trotz der bedeutenden Neigung von der Adlersruhe zur ersten Spitze zurückgelegt, ohne durch das Seil verbunden zu sein.

       In Harpprecht aus Stuttgart fand am 29. August 1868 Heiss seinen einzigen Nachfolger.

       Am 3. Oktober 1565 führte auch Erzherzog Rainer die Besteigung von der Tiroler Seite glücklich aus.

       Von grösstem Einflüsse auf die Entwicklung der neuen Glocknerstation war Ingenieur E. Pegger aus Lienz. Er regte zum erstenmale den Gedanken an, über jenen Felskamm, der sich zwischen dem Ködnitzgletscher und dem westlich davon gelegenen Teischnitzgletscher erhebt, direkt auf die höchste Spitze hinanzusteigen und dadurch die Ueberschreitung des Kleinglockners und der Glocknerscharte zu vermeiden. E. Pegger hat nicht weniger als dreizehn Glocknerfahrten unternommen, ein nicht unbedeutender Bruchtheil derselben wurde angetreten, um die Realisirung jenes Projektes zu bewirken. Zum erstenmale wurde diese Ersteigung von der Vanitscharte aus zwischen dem Ködnitz- und dem Teischnitzgletscher durch zwei Kalser Führer Joseph Kerer und Peter Groder im Jahre 1864 ausgeführt, über die gefährlichste Passage, den sogenannten "Rothen Fleck", eine hohe steile Felsplatte, gelangten sie mit Hilfe eines Seiles, das ihnen zwei auf dem alten Wege vorausgeeilte Kameraden herabgelassen hatten. Im folgenden Jahre 1865 gelangte E. Pegger selbst, aber diesmal ohne jene Beihilfe, direkt auf den Grossglockner;

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in A. Schoberlechner aus Wien fand er am 12. September 1868 seinen einzigen Nachfolger.

       Es war klar, von wie unendlichem Vortheil es für die Hebung von Kals sein würde, wenn dieser neue Weg durch einige Sprengungen, durch eingelassene Eisenstifte und Drathseile allgemein praktikabel gemacht würde, aber es fehlte den Kalsern an den hiezu erforderlichen Mitteln.

       Da wurde ihnen durch meinen Freund J. Stüdl eine unvermuthete Unterstützung zu Theil. Nachdem er im Jahre 1867 von Kals aus seine erste Glocknerfahrt angetreten und die biederen Bewohner des Kalserthales lieb gewonnen hatte, beschloss er durch die Erbauung einer Hütte auf der Vanitscharte und durch die Herstellung des neuen Weges Kals für die Zukunft zur Hauptstation der Glocknerfahrten zu machen.

       Zuerst wurde im Jahre 1868 mit der Errichtung der Hütte begonnen. In einer Höhe von 8628' = 2727m Keil gelegen, ist sie gegen die Angriffe des Südwindes geschützt durch die Abhänge der Freiwand, die sich oberhalb der Einsattelung erheben, in welcher das Gebäude steht. Vor Lawinengefahr ist sie vollständig gesichert. Die Herstellungskosten derselben waren ziemlich bedeutend, da alles Baumaterial stundenweit heraufgeschafft werden musste, doch wurden dieselben durch die thätige Unterstützung der Kalser Führer wesentlich verringert.

       Die Hütte hat eine Länge von 20, eine Breite von 12 und an der Westseite eine Höhe von 6 ½ Fuss, die jedoch, da das Dach von West gegen Ost ansteigt, an der Ostseite zu einer Höhe von 10 Fuss sich steigert. Die Wände sind fest gemauert und mit starkem Gebälke überdeckt, das Dach wurde aus einer doppelten Lage von Felsplatten hergestellt. Im Innern ist das Gebäude durch eine Zwischenwand in zwei Räume abgetheilt, einen kleinen, in dem ein eiserner Ofen sich befindet und einen grösseren, der als Schlafgemach zu dienen hat. Mit grosser Sorgfalt war Freund Stüdl darauf bedacht, die Hütte möglichst gut durch Geschirre, Kochapparate etc. auszustatten; sogar

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eine kleine Apotheke und ein Fremdenbuch durften nicht fehlen. Zwei vergitterte Fenster sind auf der Ostseite angebracht, die Thüre befindet sich auf der Südseite.

       Nach seiner Vollendung wurde das Gebäude von Pfarrer Lercher und mehreren Kaisern besucht und feierlich als Stüdlhütte getauft. Zum erstenmale konnte dieselbe am 10. August 1868 zum Uebernachten gebraucht werden. Im Jahre 1869 wurde die Stüdlhütte von Fremden über dreissigmal, in dem so ungünstigen 1870er Jahre zehnmal zum Uebernachten benützt; da traten bald einige Mängel derselben hervor.

       Zu wiederholten Malen ereignete es sich, dass eine grosse Gesellschaft von zwölf und noch mehr Personen in der Hütte versammelt war und dass dann der Raum viel zu enge und beschränkt war. Auch das Dach war defekt, es bot gegen Regen und Schneestürme nicht genügenden Schutz; all' diesen Nachtheilen wird im Frühjahr 1871 abgeholfen werden. Die Hütte soll durch einen gleich grossen Anbau erweitert werden, wodurch der Raum derselben verdoppelt wird, an die Stelle des steinernen Daches wird ein hölzernes treten. Dem früheren Uebelstande eines offenen Herdfeuers, dessen beizender Rauch den Kochraum der Hütte erfüllte und alle Anwesenden belästigte, ist bereits im Frühjahre 1870 durch die Freigebigkeit einiger Münchener Alpenfreunde dadurch abgeholfen worden, dass selbe einen kleinen eisernen Ofen auf ihre Kosten aufstellen liessen.

       Im September 1869 hat Stüdl die Hütte dem Thomas Groder, Bruder des Glocknerwirthes, geschenkt, jedoch unter den Bedingungen, dass das Gebäude immer in gutem Zustande erhalten werde und dass die Benützung desselben den Fremden allezeit ohne Entgeltung zur Verfügung stehen müsse.

       Noch weit schwieriger und kostspieliger als die Erbauung der letzteren gestaltete sich die Herstellung des neuen Weges, der im Frühjahr 1869 an die Reihe kam. Ingenieur Pegger leitete die Arbeiten und stellte unent-

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geltlich das hiezu nothwendige Arbeitszeug zur Verfügung.

       Den grössten Antbeil am Gelingen des Unternehmens baben aber nächst Stüdl die Kalser Führer Thomas, Rupert und Michel Groder, die Brüder des Glocknerwirthes. Man kann sich einen Begriff von diesen Strapazen machen, wenn man bedenkt, dass die Arbeiten meist in einer Höhe von über elftausend Fuss, oft bei furchtbarem Sturm und Schneegestöber, bei schneidender Kälte ausgeführt werden müssten, dass manche Passage nur zugänglich gemacht werden konnte, indem Einer von seinen Genossen am Seile herabgelassen wurde und so fast freischwebend die eisernen Stifte und Klammern eintrieb und den dicken Eisendraht durchzog. Mehrere Wochen brachten die wackern Männer in diesen Höhen zu, als Nachtquartier diente ihnen die Stüdlhütte, nur von Zeit zu Zeit kamen sie in's Thal hinab, um schwer beladen mit den Eisenlasten nach wenigen Stunden zurückzukehren. Staunenerregend ist ihre Kraft und Ausdauer. Niemand wollte es glauben, dass sie ihr unendlich schwieriges Werk zu Ende bringen würden. Und doch ist es ihnen gelungen, obwohl ihnen von allen Seiten, sogar von ihren nächsten Freunden und Verwandten in Kals selbst, Anfangs nur Spott und Misstrauen entgegengesetzt wurde.

       Anfangs August war der Weg beendet. 150 eiserne Stifte waren eingeschlagen, 1200 Fuss Eisendraht angebracht worden. Am fünften August brachen bei herrlichem Wetter zugleich mit mir fünf Herrn aus Lienz, darunter Ingenieur Pegger und Dr. Berreitter aus Innsbruck von der Stüdlhütte auf, um feierlich den neuen Glocknerweg zu eröffnen. Freund Stüdl konnte leider an dem Feste, das doch in erster Linie durch sein Verdienst hervorgerufen war, nicht Theil nehmen. Sein Fussleiden bannte ihn unten im Thale fest. In gesonderten Partieen stiegen wir hinan, ich erreichte als der erste mit Führer Joseph Kerer die Spitze in nicht ganz 2 ½ Stunden nach Verlassen der Stüdlhütte. Begeisterte Toaste wurden auf Stüdl, den "Glocknerherrn", wie er seit der Erbauung der Hütte auf der

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Vanitscharte in Kals genannt wird, und auf die braven Groder ausgebracht.

       An demselben Tage gelang mir auch die Ausführung eines zweiten Projektes, das vielleicht nicht ohne Einfluss auf die späteren Ersteigungen des Grossglockners bleiben wird. Mit den beiden Führern Thomas Groder und Joseph Kerer stieg ich am 5. August über den Kleinglockner und die Adlersruhe direkt zur Pasterze hinab, ohne mit besonderen Schwierigkeiten kämpfen zu müssen. Damit war ein neuer, vierter Glocknerweg eröffnet, gewiss für diejenigen nicht unwichtig, die aus dem Fuscher- oder Kaprunerthale kommend, ohne Berührung von Kals oder Heiligenblut die Glocknerfahrt antreten wollen.

       Der Weg erfordert keinen grösseren Aufwand von Zeit und Mühe, als der alte Heiligenbluter Weg. Nur in später Jahreszeit besonders in heissen Sommern, wenn das von der Adlersruhe zur Pasterze hinabziehende Aeussere Glocknerkar eine starke Zerklüftung zeigt, dürften die Terrainverhältnisse sich etwas ungünstiger gestalten. Der Anstieg von der Pasterze zum Grossglockner ist aber auch ohne Bedenken als der interessanteste unter den vier Wegen zu bezeichnen, die jetzt den Reisenden offen stehen, abgesehen davon, dass die aus den genannten beiden Tauernthälern den Glockner zuwandernden Touristen dadurch 2 Tage, unter Umständen noch mehr Zeit gewinnen, dass sie nicht erst nach Kals oder Heiligenblut gelangen müssen, um hier ihren Ausgangspunkt zu nehmen. Doch scheint es, so lange jener neueste Weg den Heiligenbluter, den Fuscher und Kapruner Führern noch unbekannt ist angezeigt, für diese Tour einen der Kalser Führer vorher brieflich nach Fusch oder Kaprun zu bestellen.

Fussnote:
Ein grosses Hinderniss für das öftere Begehen dieses Weges im Herbste dürfte die grosse zu dieser Zeit zu Tage tretende Zerklüftung des Aeusseren Glocknerkars sein, doch könnte dann der An- und Abstieg über den Felskamm, die sogenannte "Lange Kante" geschehen, der den genannten Gletscher gegen Norden begrenzt. Die Heiligenbluter Führer beabsichtigen diesen Felskamm mittelst Sprengungen und Einziehen von Drahtseilen gangbar zu machen.

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        Von besonderem Einfluss auf diese Exkursion dürfte die Restaurirung der Johannisbütte an der Pasterze sein, deren bereits an früheren Orten Erwähnung geschah, und die seit der Reisesaison des Jahres 1870 vollendet ist. Zum Schlüsse möge noch mitgetheilt werden, dass im Jahre 1869 die höchste Spitze des Grossglockners zum erstenmale auch von zwei Damen erreicht wurde und zwar den 24. Juli von einer Engländerin Miss. M. Whitehead und am 21. August von einer Deutschen, Frau von Frey aus Salzburg.

       Es ist oben der Satz ausgesprochen worden, dass der Glockner durch die projektirte Erweiterung der Stüdlhütte und die im Sommer 1870 bewerkstelligte Verbesserung des neuen Weges fast in die Reihe der Touristenberge eingetreten ist.

Fussnote:
Die unermüdlichen Kalser haben im genannten Jahre nicht nur am neuen Kalser Glocknerwege die Zahl der Eisenstifte und die Menge der Drahtseile bedeutend vermehrt und an vielen Stellen diese sogar zu beiden Seiten angebracht, sondern auch der berüchtigten Scharte zwischen dem Klein- und Grossglockner durch ähnliche Vorkehrung ihre Gefährlichkeit benommen.

              Bedenkt man, dass im Jahre 1869 und 1870 von Kals aus nicht weniger als ungefähr 40 Glocknerfahrten angetreten wurden, wovon 29 mit 63 Touristen glücklich das Ziel erreichten, erwägt man ferner, dass durch die immerwährenden Verbesserungen der Gipfel noch leichter zugänglich wird, als diess zur Zeit schon der Fall ist, und dass der Fremdenzug nach Kals mit der Eröffnung der Pusterthaler Eisenbahn immer mehr zunehmen wird, dass da mancher Tag mehr Gäste in dem traulichen Herrnstübchen des Glocknerwirthes vereinigen dürfte, als dasselbe vor nicht geraumer Zeit in Jahren gesehen, so wird man zugeben müssen, dass jener Satz keine zu kühne Behauptung enthält. Dazu ist ja auch die Reise- und Unternehmungslust in fortwährender Zunahme begriffen, gewiss für den Besuch des Glockners in der Folgezeit kein zu unterschätzender Faktor.

       Exkursionen, die ehedem Epoche machend waren, werden nun leicht zu wiederholtenmalen 

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ausgeführt, ohne dass dadurch gerade eine allgemeine Bewunderung hervorgerufen würde. "Die Herren werden immer besser, bald werden sie die Führer, wir die Gefährten sein", sagte einst Schnell kopfschüttelnd zu uns, als er uns von Harpprecht's Touren erzählte. Der Engländer Tuckett hat uns hievon bereits schlagende Beweise geliefert!

       Doch jetzt lasst uns aufbrechen, die letzte Warte noch zu ersteigen, die in der Mitte aller jener Bergeshäupter liegt, die wir nun kennen gelernt, lasst uns vom Könige selbst noch einmal Rundschau halten über all' die stolzen Fürsten, die im weiten Bogen ihn umringen.

        Es ist über den Grossglockner und dessen Ersteigung schon so viel geschrieben worden, dass man fast Abstand nehmen möchte, neuerdings die Schilderung einer Glocknerfahrt zu veröffentlichen. Doch ist es zur Vollständigkeit unserer Arbeit über die Glocknergruppe jedeufalls nothwendig, auch dem Glockner selbst seine Stelle unter all' den übrigen Partien anzuweisen; dazu bieten die von mir unternommenen Glocknerfahrten durch die Verschiedenheit der eingeschlagenen Wege reiche Abwechslung, abgesehen davon, dass ich das seltene Glück hatte, dreimal bei wolkenlosem Himmel auf jenem Gipfel zu stehen und mir dadurch eine eingehende Kenntniss von dem Panorama desselben zu erwerben.

       Wohl kein Berg in unseren Deutschen Alpen übt auf den Wanderer einen so unwiderstehlichen Reiz aus, wie der Grossglockner. Ernst und erhaben thront er in Mitte der ihn umstarrenden Eiswelt, kühn, einer feinzugespitzten

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Nadel ähnlich, erhebt er sein stolzes Haupt gegen Himmel. Und hat er auch den Ruhm, der höchste Berg Deutschlands zu sein, dem Ortler wieder abtreten müssen, so erreicht ihn dieser doch nimmermehr an Schönheit der Formen und an unbeschränkter Rundschau; der letztere wird in nicht gar weiter Ferne von den Ketten der Berninagruppe überragt, während jener, der unumschränkte Beherrscher der Länder rings umher, in ewiger Majestät herabblickt auf die zahllosen Bergeshäupter, die sich alle in Demuth vor ihm beugen.

       Als ich ein kleiner zehnjähriger Knabe zum erstenmale die Spitze eines Berges betrat, als vom Gipfel des Wendelstein die Pracht der Alpenwelt zum erstenmale sich vor meinem Auge entrollte, da wurde mir aus dem Kranze der schimmernden Eisfelder, die mächtig im Süden sich emporthürmten, die schlanke Spitze des Glockners gezeigt. "0, wenn ich doch jemals da hinaufsteigen dürfte!" das war der sehnlichste Wunsch, den ich seit jenem Tage hegte.

       Rasch flogen die Jahre vorüber, mit immer grösserer Stärke wuchs mir im Herzen die Liebe zu den ehrwürdigen Domen der Natur. Das waren die schönsten Augenblicke meines Lebens, wenn ich auf schwindelnder Höhe stand, wenn sich in's Endlose die Bergeswellen vor mir auszudehnen schienen. Und immer wieder suchte ich dann in dem Gewimmel, das mich umgab, den Riesen zu entdecken, der mir so tiefe Ehrfurcht eingeflösst. Unzählige Male hatte ich schon aus unnahbarer Ferne ihn angestaunt, da endlich kam die Zeit, wo ich ihn näher kennen lernen sollte, wo ich die Wunder alle schauen durfte, die er in seinen Tiefen birgt. Noch war ich nicht zwanzig Jahre alt, als ich zum erstenmale das Ziel meiner Sehnsucht erreichte, zum erstenmale den glitzernden Scheitel des Glockners betrat. Damals wusste man noch nichts von einer Stüdlhütte, von einem Glocknerweg, Kals, das stille Tirolerdörfchen, war erst seit Kurzem aus dem unverdienten Dunkel der Vergessenheit getreten, war erst seit Kurzem als neue Glocknerstation zu unerwarteter Bedeut-

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ung gekommen.

       Die Zeiten haben sich rasch geändert, die Glocknerfahrt wird nicht mehr wie in früheren Jahren als eine Art von Heldenstückchen betrachtet, in einigen Decennien, da werden nun wohl an einem Tage mehr Touristen auf der Spitze des Glockners vereinigt sein , als ehedem während eines ganzen Sommers Fremde zu dessen Ersteigung aufgebrochen waren.

       Es war am 9. September 1867, als ich mit zwei Münchner Freunden, den Herren A. Solbrig und P. Wiedenmann, über den Stubach-Kalser Tauern nach Kals wanderte um von hier aus unsere Expedition anzutreten; doch nicht so schnell, als wir dachten, sollte unser Vorhaben gelingen.

       Am 10. September waren wir bis zur letzten Hütte des Ködnitzthales gewandert, während der Nacht aber trat Regen und Schnee ein, wir müssten am folgenden Tage mit herabgestimmten Hoffnungen nach Kals zurückkehren. Vergebens warteten wir auf günstiges Wetter, aber schwere Wolkenmassen umdüsterten den Horizont, unserer Geduld wurden immer härtere Proben auferlegt. Schon hatten wir zu wiederholten Malen das Kalser Glocknerbuch durchstudirt und alles Schätzenswerthe daraus in unser Notizbuch übertragen, schon waren mit mehr oder minder Erfolg alle möglichen Unterhaltungsmittel durchgegangen worden, aber aller Aerger und Missmuth war umsonst. Der Himmel blieb umwölkt.

       Wir dachten bereits ernstlich daran, unseren Lieblingsplan für dieses Jahr unausgeführt zu lassen, da endlich, am 12. September, schien eine günstige Wendung eintreten zu wollen. Ein frischer Tauernwind hatte sich erhoben, eilig zerstreute er die unheimlichen Nebelballen und fegte die an den umliegenden Bergen noch anklebenden Wolken lustig hinweg.

       Schnell wurden jetzt wieder alle Vorbereitungen getroffen, verschiedene martialische Gestalten, die Führer für unsere projektirte Partie, versammelten sich am Nachmittag im Gastzimmer, Stricke und Steigeisen wurden geprüft, Wein in grosse Kannen gefüllt, der mitzunehmende Proviant ausgesucht, und so brachen wir denn endlich, sieben

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Köpfe stark, nämlich, wir drei und die Führer Joseph Schnell, Joseph Kerer, Rupert und Peter Groder, am Nachmittag um 3 Uhr auf, begleitet von den Glückwünschen der freundlichen Wirthsleute und vieler Dorfbewohner, die uns beim Abschied in herzlichster Weise ein gutes Gelingen der Fahrt prophezeiten.

       Komisch war ein altes Mütterlein, das wir unterwegs trafen; als sie uns erblickte, begann sie zu jammern, dass wir noch so blutjunge Kerls seien und schon auf "das schieche Luder 'nauf" wollten. Es sollte besser gehen, als sie geglaubt hatte.

       Von Kals weg marschirten wir zuerst östlich am Bergerbache aufwärts. Nach etwa anderthalb Stunden zweigte sich unser Weg nördlich ab in das Ködnitzthal, während der Hauptweg, die bisherige Richtung beibehaltend über das Bergerthörl nach Heiligenblut führt.

       Ueberraschend war es, als wir kurz nach dem Einbiegen in das Ködnitzthal den Grossglockner erblickten, der sich furchtbar steil und wild über dem Ködnitzgletscher erhob. Um 6 Uhr Abends erreichten wir die Lucknerhütte, die oberste Hütte des Thales; diese war unser Ziel für den heutigen Tag. Die Luft war rein und mild, so dass wir trotz der bedeutenden Höhe von ungefähr 7000' im Freien uns lagern konnten.

       Ein prächtiges Bild breitete sich vor uns aus. Zu unseren Füssen in der Tiefe liegt das vielgewundene Ködnitzthal, eingeschlossen zur Linken und Rechten von der Langwand und Freiwand, von denen besonders die letztere durch ihren fast 3000' hohen steilen Abfall einen imposanten Anblick gewährt. Das Thal gegen Süden schliessend blickt der Hochschober mit seinen Eisfeldern zu uns herüber, noch beleuchtet von der untergehenden Sonne, während schon tiefer Schatten sich über die Thalsohle gelagert hatten. Vor Allem aber zog unsere Aufmerksamkeit der Grossglockner auf sich, der wenige Schritte ober der Hütte sichtbar war, genau untersuchten wir mit dem Fernrohre den morgen einzuschlagenden Weg.

       Es war ein herrlicher Abend und als dann endlich der Vollmond über die Berge emporstieg und die Spitzen

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ringsumher mit seinem zaubervollen Lichte erfüllte, da entfalteten sich uns prächtige Kontraste in der Beleuchtung.

       Die zunehmende Abendkühle trieb uns endlich in die Hütte zurück, wo unsere Führer ein grosses Feuer angezündet hatten, um unser Abendessen zu bereiten. Bald sassen wir Alle um den Heerd herum, in abenteuerliche Gruppen eingetheilt. Fröhlich floss uns die Zeit dahin, es wurde gelacht und gesungen, wir machten den Kalsern Elogen über ihre kolossalen, vertrauenerweckenden Gestalten sie theilten uns ihre Freude mit, dass sie diesesmal so lustige Herren auf den Glockner zu führen hätten.

       Es war schon ziemlich spät, als plötzlich zu unserer Ueberraschung eine zweite Karawane anlangte: zwei Engländer mit drei Führern, die eben erst von Kals heraufkamen und für morgen die gleichen Pläne hatten, wie wir. Thomas Groder war der Leiter jener Partie. Da ging nun das Leben und Treiben erst recht an; es herrschte in der kleinen Hütte zwar entsetzlich wenig Platz, aber gewaltig viel Lärm; merkwürdig war zumal die ununterbrochene Reihenfolge von Missverständnissen, welche die gegenseitige Unkenntniss der Sprache zwischen den Engländern und den Kalsern hervorrief.

       Doch es war jetzt 9 Uhr, somit Zeit, an ein wenig Schlaf zu denken; so krochen wir denn alle zusammen in einen neben der Hütte stehenden Heuschupfen, um für den folgenden Tag neue Kräfte zu sammeln. Aber nur kurz war die Ruhe, schon nach zwei Stunden, um 11 Uhr, wurden wir unseren Anordnungen gemäss von den Führern wieder geweckt, indem wir, begünstigt vom hellen Vollmondlichte, möglichst bald aufbrechen wollten. Das Wetter war herrlich. Rein und wolkenlos dehnte sich das Firmament ober uns aus , nur von Zeit zu Zeit gaukelte gespenstisch ein leichtes Wölkchen um die Spitze des Glockners.

       Rasch wurde nun unser Frühstück genossen, wenige Minuten nach 12 Uhr verliessen wir die Hütte. Unser Weg führte uns an der linken Seite des Ködnitzbaches aufwärts. Der guten Mondbeleuchtung hatten wir es zu danken, dass wir schon nach einer Stunde auf dem Ködnitzgletscher

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standen, während sonst diese Strecke, wenn sie mit Hilfe von Laternen zurückgelegt werden muss, immer einen grösseren Aufwand von Zeit und Mühe verlangt. Nach einer Pause von einer Viertelstunde waren die Steigeisen unter unseren Füssen befestigt und wir Alle in Zwischenräumen von etwa zehn Fuss an einem starken Seile angebunden.

       Voran schritt Schnell, der Hauptführer der ganzen Partie, und dann kam immer zwischen zwei Führern je einer von uns. Noch ein lebendes Wesen befand sich in unserer Nähe: Schnell's Hund, der im Klettern fast ebenso geübt wie sein Herr, ruhig und bedächtig neben dem letzteren herlief. Es hat uns Alle in Erstaunen versetzt, als wir dieses Thierlein so bequem über die abschüssigen Flächen sich fortbewegen sahen, auf denen wir oft nur durch festes Einstossen des Bergstockes und der Steigeisen sichern Tritt zu fassen vermochten.

       Rasch ging es aufwärts, die Kälte zwang zu eiligem Schritte. Der Ködnitzgletscher war an manchen Stellen stark zerklüftet, so dass uns oft Spalten, viele Fuss breit und unabsehbar tief, entgegen gähnten. Mit bewunderungswürdiger Sicherheit verfolgte Schnell seinen Weg durch dieses Labyrinth. Kleinere Klüfte wurden übersprungen, grössere umgangen; besonders, als wir später die Ostseite des Gletschers verliessen und mehr in der Mitte desselben vordrangen, legten wir in kurzer Zeit eine bedeutende Strecke zurück. Nach zwei Stunden waren wir an der letzten steilen Erhebung des Gletschers angelangt. Von da an ging es etwas langsamer, die Neigung wird hier ziemlich bedeutend und endigt schliesslich in einem Winkel von 40 Grad. Doch waren die Schwierigkeiten dadurch vermindert, dass die abschüssige Fläche von einer dicken Lage Schnee's bedeckt war, in der wir immer guten Stand finden konnten.

       Nach einer halben Stunde waren wir am obersten Rande des Gletschers angelangt, etwa zweihundert Fuss unterhalb der Adlershöhe, die hier in einer schroffen brüchigen Wand abstürzt. Da trat unserem weiteren Vormarsche plötzlich ein unvermuthetes Hinderniss entgegen. Kaum

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hatten wir mit dem Anstieg begonnen, so lösten sich unter unseren Füssen eine Menge von grösseren und kleineren Felsstücken los und sausten in rasender Eile über den Gletscher hinab. Und sogleich tönten aus der Tiefe laute Rufe. Es war die etwa eine Stunde nach uns aufgebrochene Expedition der Engländer, welche, bedroht von den direkt auf sie herabrollenden Steinen, uns an der weiteren Fortsetzung unseres Weges hinderte und uns fast eine halbe Stunde lang zu warten zwang.

       Es waren unangenehme Augenblicke. Wir mussten, durchschüttelt von eisig kaltem Winde an die Wand angeschmiegt uns so lange in Geduld fassen, bis die unter uns Befindlichen an einem sichern Platz angelangt waren, wo sie von den unter unseren Tritten sich loslösenden Felstrümmern nicht mehr getroffen werden konnten. Dann erst durften wir unseren Weg wieder fortsetzen. Tief griffen die Zacken der Steigeisen in die lose Schieferhülle ein, schon nach wenigen Minuten hatten wir die Adlersruhe erreicht 10,932' 3453 m, eine etliche Klafter im Gevierte messende fast ebene Fläche, von wo aus gegen Nordwesten der eigentliche Glockner mit seinem schlanken Doppelgipfel sich erhebt.

       Auf der Adlersruhe haben wir die Scheitel des Glocknerkammes erreicht. Hier trifft auch unser Weg mit dem von Heiligenblut heraufführenden Wege zusammen. Wundervoll war die schon jetzt sich entfaltende Rundschau, besonders gegen Osten und Westen, wo kein vorliegender Gipfel mehr die Aussicht hemmt. Noch aber waren nur wenige Punkte mit Bestimmtheit zu erkennen, denn die trügerische Mondbeleuchtung verhinderte eine genaue Orientirung. Majestätisch ist von hier aus der Glockner anzuschauen, der sich vor uns in scharf zugespitzter Kante erhebt; er sah schreckenerregend genug aus, und nicht ohne ein gewisses Bangen schweiften meine Blicke von Zeit zu Zeit hinauf zu dem gewaltigen Riesen.

       Das Wetter war so günstig wie möglich. Die Anfangs vereinzelnd auftauchenden Nebelballen waren vollständig verschwunden, nicht das kleinste Wölkchen war am weiten Horizont zu entdecken, herrlich strahlte der Vollmond

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glänzendes Licht auf uns herab, ein zauberhaftes Glitzern und Schimmern der uns umgebenden Eiswelt hervorrufend und mit fahlem Lichte die fernen Bergesketten übergiessend. Und ihm entgegen tauchten im Osten die ersten lichten Streifen empor, von Minute zu Minute gewannen sie rasch an Ausdehnung. Es war ein Bild von unbeschreibbarer Schönheit und Grossartigkeit.

       Es war 4 Uhr 25 Minuten. Hier wurde nun alles überflüssige Gepäck unter der Obhut von Schnell's Hund zurückgelassen, für welchen der folgende Weg bei aller Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit im Klettern doch eine zu beschwerliche Aufgabe gewesen wäre; das Allernothwendigste: Plaid, Fernrohr, Landkarten und etwas Wein wurde mitgenommen.

       Die ersten sechshundert Fuss geht es noch leicht und ohne Gefahr aufwärts; von da an beginnen erst die eigentlichen Schwierigkeiten der Ersteigung, die oft so sehr übertrieben, oft aber auch so unbedeutend und gering geschildert werden. Die Wahrheit liegt auch hier, wie so häufig im menschlichen Leben, in der goldenen Mitte. Es ist nicht zu läugnen, dass diese letzte Strecke anstrengend und gefährlich ist, doch so furchtbar und grauenerregend sind die Hindernisse nicht, wie sie oft geschildert werden.

       Zudem leisten die Führer das Möglichste; man darf sich auf dieselben unbedingt verlassen. Wir zwar gaben uns die grösste Mühe, ihnen nur geringe Plage mit uns zu machen, aber wir hörten von ihnen doch Fälle erzählen, wo manche "Ersteiger" mehr hinauf geschleppt und gezogen worden waren, als sie selbst hinaufgekommen waren. Solche Helden reden aber dann sicher in der übertriebensten Weise von den überstandenen Gefahren, je weniger sie die letzteren selbst bezwungen, je mehr sie sie den Führern zugeschoben haben. Immerhin aber ist die Ersteigung des Grossglockner auf dem alten Kaiser Wege durchaus nicht unter die leicht ausführbaren Unternehmungen zu zählen.

       Die Neigung des von der Spitze herabziehenden Eismantels, der nur mit einer dünnen Lage von weichem Schnee

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bedeckt war, nimmt jetzt immer zu und erreicht schliesslich den starken Abfallswinkel von 47 Grad.

       Hier nun gingen zwei von den Führern voraus und hieben mittelst ihrer Beile Stufen in das Eis, ungefähr zwei bis drei Zoll tief. Der hiedurch hervorgerufene Aufenthalt war peinlich genug; da wir nämlich, wenn wir etwa fünf oder sechs dieser Stufen hinangestiegen waren, immer wieder warten mussten, bis die nächsten fertig waren, so hatten wir vollauf Gelegenheit, nicht nur durch den schneidend kalten Wind an Händen und Füssen zu erstarren, sondern auch durch das Hinabblicken über den rechts- und linksseitigen äusserst steilen Absturz gegen die Pasterze und den Ködnitzgletscher, die viertausend, beziehungsweise dreitausend Fuss unter uns sich ausdehnten, eine nicht gerade unterhaltende Schwindelprobe zu bestehen. Aeusserst unangenehm war mir das Vorbeisausen der vielen grösseren und kleineren Eisstücke, welche sich in Folge des Stufenhauens beständig loslösten und in überstürzender Hast an uns vorbei ihren Weg in der Tiefe suchten, bald über die östliche Seite der Kante die Pasterze und Kärnten, bald über die westliche den Ködnitzgletscher und Tirol mit ihrem Besuche zu beehren.

       War nun in vielen Beziehungen dieses langsame Vordringen mit einigen Mühen und Unannehmlichkeiten verbunden, so gestattete es anderseits auch als Belohnung manchen entzückend schönen Blick auf den von Sekunde zu Sekunde heller und deutlicher hervortretenden östlichen Horizont, der in einem überaus lieblichen Farbenspiel prangte im Gegensatz zu dem noch in fahle Schatten gehüllten Westen, wo der Vollmond gerade hinter den Bergen verschwand, seine Herrschaft einem erhabeneren Lichte abzutreten.

       Doch es war noch nicht Zeit, mit der Aussicht sich zu beschäftigen; noch musste vorher manches beschwerliche Stück Arbeit zurückgelegt werden, bevor wir uns vollständig dem wohlerworbenen Genuss überlassen durften. Wir waren jetzt über etwa hundert Stufen bei einer aus dem Eismantel hervorstehenden Felsenkante angelangt, die

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aus lose aufeinanderlegenden Chloritscbiefer-Platten besteht; sie war uns ein erwünschter Ruheplatz. Etwas unterhalb dieser Kante, zwischen der Adlersruhe und hier, dehnt sich im Eise eine kleine Kluft aus, die in früheren Jahren manchmal mit einiger Mühe überschritten werden musste. Zur Zeit unserer Ersteigung war dieses Hinderniss nicht vorhanden, indem die Kluft bis zum Rande mit Schnee gefüllt war, so dass wir leicht über dieselbe hinwegkommen konnten.

       Von dieser Felsenkante weg nimmt der Firngrat, der bisher in nordwestlicher Richtung sich emporgezogen hat, plötzlich eine scharfe Wendung gegen Norden an; nach Ueberschreitung von ungefähr 50 Stufen waren wir an jener Stelle angelangt, wo er diese Richtung wieder verlässt und rechtwinklig umbiegend über den Kleinglockner direkt westlich zur höchsten Spitze sich erhebt.

       Langsam ging es aufwärts, immerfort die Blicke gegen Osten gewendet, wo wir jeden Moment das Emportauchen der Sonne erwarteten. Da plötzlich, als wir kaum mehr 30 - 40 Fuss unterhalb des Kleinglockners waren, flammte die vor uns liegende Spitze in glühendem Roth auf; wenige Sekunden darnach trafen auch uns die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Unwillkührlich jubelten wir laut auf, jeder suchte sein Staunen und sein Entzücken dem anderen mitzutheilen. Es war ein impossantes Bild, voll Pracht und Herrlichkeit.

       Nach wenigen Minuten hatten rings um uns die ehrwürdigen Bergriesen ihren schimmernden Hermelin mit einem zauberhaften Purpur vertauscht, während tief unten im Möllthale noch die schweren Schatten der Dämmerung ausgebreitet lagen. Und stahlblau, fast schwarz, wölbte sich ober uns das Firmament, den Uebergang von der lebhaften Gluth des Ostens zu dem dunkeln Grau des Westens vermittelnd. Wem sollte nicht beim Anblick eines so wunderschönen Bildes die Brust schwellen vor Wonne und Seligkeit.

       Nach kurzem Aufenthalte ging es die letzte Strecke hinan, nach wenigen Minuten waren wir auf dem Kleinglockner angelangt. Es war 5 Uhr 25 Minuten, wir hatten

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von der Adlersruhe bis hieher eine Stunde und fünf Minuten gebraucht.

       Der Kleinglockner wird wohl mit Recht nicht als selbständiger Berg, sondern als die niedrigere unter jenen beiden Zacken betrachtet, welche die höchste Erhebung des Glockners bildet. Er besteht aus einem gegen die Pasterze zu überhängenden Schneegrat, aus welchem vier Höcker sich erheben, zwei am östlichen, zwei am westlichen Theile, von denen der letzte, der westlichste, der höchste ist. Dieser Grat muss an dem gegen den Ködnitzgletscher sich herabsenkenden Absturz überschritten werden. Die auf der andern Seite befindlichen Schneewechte war so dünn, dass der Bergstock bei festem Einstossen zu wiederholten Malen durchbrach und wir durch die so gebildete Oeffhung hindurch auf den tief unter uns sich ausbreitenden Pasterzengletscher hinab blicken konnten.

       Vorsicht ist an diesem Orte sehr nothwendig, denn ein Ausgleiten oder Fallen könnte hier unter Umständen nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft verderblich werden. Doch ist bei sicherem, schwindelfreien Tritt keine Gefahr vorhanden, zumal da man am Seile befestigt ist und sich immerfort unter der Obhut der starken Führer weiss.

       Wir waren jetzt am letzten Theile unserer Aufgabe angelangt, der gewöhnlich als das Schwierigste der ganzen Ersteigung geschildert wird: Abstieg vom Kleinglockner zur Scharte, Ueberschreiten derselben und Emporklimmen auf die jenseitige höchste Spitze. Es war wohl den ausserordentlich günstigen Witterungsverhältnissen des Jahres 1867 zuzuschreiben, wo die starke Hitze im Juli und August grosse Schnee- und Eismassen zum Abschmelzen gebracht hatte, dass diese Strecke bei weitem nicht so beschwerlich war, als sie sonst von vielen Glocknerersteigern getroffen wurde. So konnten wir beim Hinabklettern vom Kleinglockner zur Scharte, wo früher oft eine äusserst steile Eiswand überwunden werden musste, an dem festen Gestein, das überall für Hände und und Füsse sichere Anhaltspuukte darbot, ohne grosse Mühe

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uns hinablassen, so dass wir schon nach wenigen Minuten auf der Scharte standen.

       Auch diese, welche aus angewehtem Schnee besteht und nach den verschiedenen Jahren eine verschiedene Gestalt hat, bald höher, bald tiefer, bald sehr schmal wie ein Messerrücken zulaufend, bald wieder etwas breiter ist, war diessmal ausserordentlich gut zu passiren; sie besass eine Breite von durchschnittlich 1 - 1 ½ Fuss. Nur an einer einzigen Stelle war sie so schmal, dass man kaum die beiden Füsse neben einander aufsetzen konnte. Im Gegensatz zu früheren Ersteigern, welche dieselbe mehr oder minder gegen Westen, also gegen die höhere Spitze zu ansteigend fanden, trafen wir sie ganz eben. Die Länge derselben, die so verschiedenartig angegeben, in übertriebenster Weise sogar auf dreissig Klafter geschätzt wurde, beträgt in Wirklichkeit kaum dreissig Fuss.

       Führer Schnell war vorangegangen und ebnete den Weg, indem er mit dem Fusse nach rechts und links den Schnee abstiess oder breit trat. Staunend sahen wir zu, mit welcher Leichtigkeit und welchem Geschick Schnell dieses Geschäft besorgte. Es war, als ob er auf dem ebenen Stubenboden sich befände, so ungenirt bewegte sich der verwegene Bursche auf der Scharte hin und her. Am jenseitigen Ende derselben angelangt, fasste er festes Posto und nun mussten wir, während das Seil hüben und drüben von den Führern stramm gehalten wurde, die Hauptproben unserer equilibristischen Kunstfertigkeit ablegen.

       Ruhigen und sichern Schrittes hatten wir die Scharte überwunden und jetzt befanden wir uns am Fusse des zweiten Gipfels, der sich hier Anfangs furchtbar steil erhebt, so dass er einen Neigungswinkel von über 60 Grad aufweist, dann aber wenig geneigt zum höchsten Punkte emporsteigt. Mit Hilfe der Führer, die an allen schwierigen Stellen mit Ziehen und Schieben uns unterstützten, wurde auch diese letzte Strecke rasch und glücklich zurückgelegt und um 5 Uhr 50 Minuten standen wir auf der Spitze, 12,009' 3796 m hoch über dem Adriatischen Meere. Wir hatten

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sonach bis hierher von der Lucknerhütte 5 ¾, von der Adlersruhe 1 ½ Stunden, vom Kleinglockner aus 25 Minuten gebraucht.

       Erfüllt war nun jener Lieblingswunsch , der so oft schon in Gedanken mich hatte vorauseilen lassen auf die wunderschöne Spitze, aber alle Phantasie war nicht im Stande gewesen, mir ein so majestätisches Rundgemälde vorzuzaubern, wie es jetzt in Wirklichkeit vor meinen Augen sich entrollte. Wer fühlt sich nicht freier und erhabener als die übrigen Menschen, wenn er auf dem Gipfel eines Berges steht und vor sich in unbegrenzter Ferne Gottes herrliche Natur ausgebreitet sieht? Und wie viel schöner ist es dann, wenn jener Berg die höchste Zinne ringsumher, der alleinige Beherrscher der zu seinen Füssen sich ausdehnenden Länder ist! Da herauf dringt nicht Falschheit und Hass, nicht Eigennutz und Zwietracht, da ist alles kleinliche Streben und Treiben verschwunden und all' die Dinge, die den Menschen da drunten Kummer und Sorge verursachen, nur ein Gedanke, der der staunenden Bewunderung füllt unser Herz.

       Der Gesammteindruck ist zu kolossal, als dass er mit Worten beschrieben werden könnte. Es ist, als ob unsere Sprache zu dürftig wäre, als dass wir mit ihrer Hilfe solch herrliche Bilder der Natur beschreiben könnten. Eine so überwältigende Fülle von Pracht und Grossartigkeit lässt sich wohl fühlen, in unserer Erinnerung können wir immer wieder die Genüsse durchleben, die uns da oben geboten waren, nie aber lassen sich dieselben durch eine schwache Feder beschreiben. Auch die begeistertste Schilderung bliebe weit hinter der Wirklichkeit zurück!

       Doch nur selten wird uns auf Erden ein vollkommen ungetrübtes Glück zu Theil, meist wird ein herber Tropfen dem Freudenkelche beigemischt sein. So herrschte auch am heutigen Tage auf der Spitze ein so furchtbarer Sturm, dazu eine so heftige Kälte, dass wir auf dem höchsten Punkte selbst nur wenige Minuten auszuharren vermochten, wir sahen uns gezwungen, einige Fuss unterhalb der Spitze

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gegen Osten uns zu lagern, wo wir gegen den Wind am besten geschützt waren und wo auch die Kälte durch die immer mehr an Kraft gewinnenden Sonnenstrahlen bald gemindert wurde. Da fühlten wir uns denn nach und nach ganz behaglich, um so mehr, da wir alle drei trotz der bedeutenden Höhe von der sogenannten Bergkrankheit: Uebelkeiten, Erbrechen, Athmungsbeschwerden, Anwandlung von Schwindel u. s. f., so wie von Augenschmerzen, die sonst in Folge des Schneeglanzes leicht eintreten, vollständig verschont geblieben waren.

       Kurze Zeit nach uns langte auch die Expedition der Engländer an, die viel schneller als wir heraufgekommen waren, da sie unsere Stufen benützen konnten und so des mühevollen, zeitraubenden Stufenhauens überhoben waren. Fröhlich begrüssten wir uns und bald kam es zu einem ganz entsetzlichen Kauderwelsch, indem wir uns mit Hilfe von deutschem, englischem und französischem Radebrechen äusserst wichtige und interessante Beobachtungen mitzutheilen versuchten.

       Und kurze Zeit nach jenen traf zu unserer grossen Ueberraschung abermals ein lebendes Wesen ein: ein Schmetterling! Sonderbarer Weise findet man diese Geschöpfe oft auf den höchsten, eisbedeckten Gipfeln, wo sie ganz zutraulich den Menschen umflattern.

       Nach und nach suchten wir uns jetzt in dem Gewimmel der uns umgebenden Berge zu orientiren. Landkarten und Fernrohr wurden ausgebreitet, um Alles möglichst genau zu durchforschen. Was zunächst unsere Spitze selbst betrifft, die in den verschiedenen Jahren je nach den Einflüssen der Witterung ihre Gestalt verändert und meist aus einer gegen Norden und Osten überhängenden Schneewechte besteht, so war dieselbe zur Zeit unserer Ersteigung fast ganz schneefrei, eine Folge der warmen Sommermonate des Jahres 1867. Der eigentliche Gipfel ist so schmal, dass kaum sechs Personen neben einander bequem Platz finden können; er fällt gegen Osten 4500 Fuss hoch ausserordentlich steil gegen die Pasterze ab, fast ebenso steil 3500 Fuss hoch

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sich in jähen, unnahbaren Felsabstürzen zur Glocknerwand. Fast direkt gegen Süden, mit geringer Divergenz gegen Westen, zieht sich, den Ködnitzgletscher vom Teischnitzgletscher trennend, ein steiler Felsgrat hinab, derselbe, über welchen jetzt der neue Glocknerweg angelegt ist.

       Auf dem Gipfel selbst ist nur noch ein kleines Andenken an jene Vorrichtungen erhalten, die hier Fürst Salm vor mehreren Decennien treffen liess: eine etwa drei Fuss hohe Pyramide aus Eisenstäben, durch welche ehemals die Vertikalstange des Kreuzes festgehalten wurde. Das letztere ist schon längst verschwunden; an der Spitze jener Pyramide befanden sich in einer kleinen runden Aushöhlung eng zusammengestopft, viele Visitenkarten von früheren Ersteigern. Eine an der Südseite ungefähr 6-8 Fuss unterhalb der Spitze hervorstehende Eisenstange, die fest in den Boden eingetrieben war und eine Höhe von etwa 2 Fuss besass, war durch eine dünne Blechtafel verziert. Die Spuren einer ehemaligen Vergoldung konnten wir daran erkennen: es war wohl ein Ueberbleibsel jener aus vier vergoldeten Platten bestehenden Drehscheibe, die ehemals an dem Kreuze befestigt gewesen war. Von dem Blitzableiter, dessgleichen von irgend einem Ueberreste des Barometerkastens war nicht das Mindeste zu entdecken.

       Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf das Entferntere, auf die grossartige Rundschau, die sich vor uns ausdehnt.

      Es ist immerhin ein etwas gewagtes Unternehmen, das Panorama eines Berges wie des Grossglockners ausführlich schildern zu wollen. Abgesehen davon, dass die Aufzählung einer endlosen Reihe von Namen den Leser nur ermüdet, wird ihm zudem nur ein geringer Gefallen erwiesen, denn trotz der eingehendsten Schilderung wird er sich doch immer nur eine mangelhafte Vorstellung von der Rundsicht verschaffen können.

       Ich habe es bei all' jenen Partien, die in diesem Buche bereits beschrieben wurden, stets vermieden, in langer, vielleicht auch langweiliger Reihenfolge die Namen der von einer Spitze aus sichtbaren Berge

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aufzuzählen, vielmehr habe ich jedesmal nur hier und dort eine interessante Einzelnheit herausgegriffen, in der festen Ueberzeugung, dass es doch nicht möglich sei, ein Gesammtbild hervorzurufen.

       Dagegen soll das Panorama des Grossglockners zwar nicht in allen einzelnen Details, wohl aber im Ganzen und Grossen hier geschildert werden, und zwar aus dem Grunde, weil ich der Ueberzeugung bin, dass ich damit manchem Ersteiger dieses Berges einen Gefallen erweisen werde. Zudem wird man mit Recht verlangen können, dass gerade auf die Rundsicht vom Grossglockner, dessen Besuch in steter Zunahme begriffen ist, hier näher eingegangen werde, da ja in diesem Werke der Grossglockner und seine Umgebung ausführlich beschrieben werden soll.

       Unmittelbar zu unseren Füssen gegen Südosten, Osten und Norden liegt der schön geformte Pasterzengletscher, der in grossen mächtigen Wellen vom Tauernhauptkamm gegen das Möllthal herniederfluthet. Mit Hilfe des Fernrohres konnten wir die Spalten und einzelnen Theile der Moränen wohl erkennen. Auffallend war der stark ausgeprägte Randtalus an der linken Seite des Obersten Pasterzenbodens unterhalb des Fuscherkarkopfs.

       Im Ogivensystem des eigentlichen, d. h. firnfreien Gletschers waren deutlich zwei getrennte Hälften zu unterscheiden, entsprechend den zwei grössten Komponenten dieses Eisstromes, Schneewinkel- und Riffelzufluss. Die Umrandung desselben ist äusserst grossartig, doch dürfte dieselbe vom entgegengesetzten Ufer, etwa vom Fuscherkarkopf aus noch interessanter sein, da sich dort der Glocknerkamm am besten präsentirt.

       Unterhalb des Pasterzengletschers, gegen Südosten, liegt das Möllthal, aus dem gar freundlich Heiligenblut mit seinem schlanken Kirchthurm heraufblickt ; dieses und Stanischka, eine Ortschaft im Kalserthale, sind die einzigen bewohnten Punkte, die man von unserem erhabenen Throne aus deutlich erkennen kann.

       Weiter gegen Süden steigt über dem Leiter- und Ködnitzthal die Schobergruppe auf, aus welcher besonders das Petzeck und der Hochschober hervortreten. Von merkwürdiger Gestaltung ist der links von dem letzt-

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genannten Gipfel gelegene Glödis, ein spitz zulaufender Felskegel. Weiter gegen Südwesten und Westen umgeben uns die vier zum Dorferthale herabziehenden Gletscher: Ködnitz-, Teischnitz-, Frusnitz- und Laperwitzgletscher, die häufig unter dem Kollektivnamen "Kalserkees" zusammengefasst werden. Die Thalsohle des Dorferthales ist jedoch nirgends sichtbar.

       Gegen Nordwesten senkt sich der Glocknerkamm über die Glocknerwand, die sich durch ihren wilden Absturz sowohl gegen den Teischnitzgletscher wie gegen die Pasterze auszeichnet, zum Romariswandkopf hinab welch' letzterer Gipfel uns den weiteren Verlauf des Glocknerkammes zum Schneewinkelkopf verbirgt.

       Und jetzt sind wir im Norden wieder beim Johannisberg angelangt, von wo aus die Pasterze ihre eisigen Fluthen herabschiebt gegen das Möllthal.

       Den schönsten Anblick in unserer näheren Umgebung gewährt uns jedoch das Grosse Wiesbachhorn, das kühn und trotzig im Nordosten sich emporbaut, umgeben von mächtigen Nachbarn. Es scheint allein unter den zahllosen Spitzen, die uns rings umringen, ebenbürtig neben dem Glockner auftreten zu können. Zwischen dem Vorderen und dem Mittleren Bärenkopf schaut die schöne Spitze des Kitzsteinhorn zu uns herüber.

       Es sollen nun auch die Grenzen der Fernsicht, so weit ich sie mit Bestimmtheit erkennen konnte, angegeben werden.

       Im Süden erheben sich die Berge des Venetianischen Gebietes, zur Rechten einen Blick auf die in Dunst gehüllte oberitalienische Ebene gestattend.

       Da die mathematische Aussichtsweite bei einer Höhe von zwölftausend Fuss dreissig Meilen beträgt, so muss von der Spitze des Grossglockners das Adriatische Meer in einer Länge von acht Meilen sichtbar sein. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, mit Hilfe meines Fernrohrs, das sich am heutigen Tage meine volle Zufriedenheit erwarb, das Gesuchte aufzufinden, so konnte ich doch nichts mit Bestimmtheit entdecken. Wohl sah ich einen hellen Streifen in jener Richtung, ob aber dies der Spiegel der Adria gewesen, vermag ich nicht zu entscheiden. Ich habe auch

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bei meinen beiden späteren Glocknerersteigungen, obwohl dieselben gleichfalls vom Wetter ausserordentlich begünstigt waren, nie das Adriatische Meer zu erkennen vermocht; so spreche ich denn die Ansicht aus, dass das letztere von der Spitze des Grossglockners nicht sichtbar ist, obgleich ich dadurch in Widerspruch gerathe mit der Behauptung J. Payers, der dasselbe ganz deutlich gesehen haben will.

       Einen herrlichen Anblick gewähren die weiter gegen Südwesten gelegenen Kalkalpen, welche wie Thürme so starr und jäh sich erheben; unter ihnen zeichnen sich die schneebedeckte Vedretta Marmolada, dann Monte Cristallo, die Sorapiss, Schusterspitze, Civetta etc. durch ihre Höhe und die Schönheit ihrer Formen aus.

       Den interessantesten Theil der gesammten Fernsicht bilden jedoch im Südwesten und Westen die mächtigen Eisgebirge: Adamellostock zur Linken, Ortlergruppe zur Rechten des prächtigen Hochgall, des Kulminationspunktes der bedeutendsten unter den Nebengruppen der Hohen Tauern, der Rieserfernergruppe.

       Noch weiter gegen rechts reihen sich daran die eisigen Gefilde des Oetzthales, während mehr in den Vordergrund tretend die Spitzen der Zillerthaler und der Venedigergruppe emporsteigen, eine weite, grossartige Eiswelt, die hoch über die jenseits des Dorferthales gelegene Landeckgruppe aufragt.

       Wenden wir uns gegen Nordwesten und Norden, so erblicken wir, über unzählige Bergeswellen hinwegschauend, die schwäbisch - baierische Ebene zwar verschwommen, so dass einzelne Punkte nicht deutlich zu erkennen waren, aber doch weit reiner und klarer als den von unserem Standpunkte aus sichtbaren Theil der oberitalienischen Ebene. Von den zwischen der ersteren und unserem Gipfel sich ausbreitenden Bergeswellen treten besonders Innthaler-, Wetterstein- und Kaisergebirge mächtig hervor, mit ihren grauen, massigen Wänden die vorliegenden Pinzgauer Berge weit überragend. Zur Rechten neben dem Kaisergebirge war der Spiegel des Chiemsee wohl zu unterscheiden. Am äussersten Horizont, die Aussicht gegen Norden schliessend, entdecken wir in weiter Ferne über der dunstigen Ebene

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die Donauhöhen und den Böhmerwald, die kaum merklich von der weitgedehnten Fläche abstechen. Zwischen diesen und den Bergen nördlich des Salzachthales setzt sich der mächtige Zug der Kalkalpen über die Gruppe der Lofer-Leoganger Steinberge weiter gegen Osten fort zum Felsmassiv des Berchtesgadener Landes, aus welchem so manche wohlbekannte Spitze zu uns herüberblickte. Fast senkrecht fällt die ganze Kette gegen Süden ab, die weissen schimmernden Zinnen jenseits der Ebene des Saalachthales trotzig erhebend.

       In dieser Richtung lag ein kleiner Nebelstreifen; es war dies das einzige verdeckte Fleckchen Erde von den dreitausend Quadratmeilen, die sich vor uns ausbreiteten. Oestlich vom Gebirgsstock des Berchtesgadener Landes fällt der Kalkalpenzug zum Salzachthal ab, über dessen Einschnitt in verschwindender Ferne einzelne Berge des Salzkammergutes hereinlugen; über das Tännengebirge setzt er sich dann zur Dachsteingruppe fort, welch' letztere die höchste Erhebung der nördlichen Kalkalpen aufweist.

       Die fernsten Grenzen im Osten sind nach Sonklar und Payer der Schneeberg bei Wien und das Leithagebirge an der Grenze von Oesterreich und Ungarn. Näher heran treten an uns in dieser Richtung die Rauriser und die Gasteiner Gruppe, aus welchen hier Ankogl und Hochalmspitze, dort der Hohe Aar weit über ihre Nachbarn emporsteigen.

       Noch schweift das Auge über die vielen Höhenzüge Kärntens und Steiermarks, wo besonders die Karawanken mächtig emporragen, Terglou und Mangert als die bedeutendsten Gipfel in der Richtung über die Adlersruhe sich erheben und jetzt sind wir wieder an der Gruppe des Hochschobers angelangt, von wo aus mit der Beschreibung begonnen wurde.

       Aus den genannten fernsten Aussichtspunkten: Oberitalienische Ebene im Süden, Ortlergruppe im Westen, Böhmerwald im Norden und Leithagebirge im Osten lässt sich leicht erkennen, wie umfangreich und grossartig das Panorama ist, das die Spitze des Grossglockners uns bietet. Es ist in Wahrheit fast des Unermesslichen zu viel; un-

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willkürlich, wenn das Auge über Tausende und abermals Tausende von Gipfeln geschweift ist, wenn es die erhabenen Bergriesen bewundert und angestaunt, die uns fast schaurig und ehrfurchterregend in ihrer starren Wildheit umringen, wenn es über die weiten Schnee- und Eismassen geblickt, die sich zu unseren Füssen ausbreiten, so kehrt es immer wieder zurück zu dem einzigen Punkte, der freundlich und herzerquickend zu uns emporschaut, zu dem lieblichen Heiligenblut, dessen schimmernde Häuschen mit der in ihrer Mitte sich erhebenden Kirche uns daran erinnern, dass noch nicht Alles rings umher in ewigen Tod und nimmer zu erweckende Starrheit versunken ist.

       Wir waren jetzt schon geraume Zeit auf dem Gipfel. Die Kälte war nicht mehr so bedeutend wie bei unserer Ankunft, auch der Wind hatte fast ganz aufgehört, so dass wir bequem die mitgenommenen Karten ausbreiten konnten.

       Während wir nun eifrig beschäftigt waren, uns so viel wie möglich über das uns Umgebende Klarheit zu verschaffen, suchten unsere Führer sich durch allerhand interessante Fragen die Zeit zu vertreiben. Insbesondere strebten sie durch beinahe übermenschliche Anstrengung ihrer Sehorgane die Streitfrage zu lösen, ob ein da drunten auf dem Pasterzengletscher sichtbarer schwarzer Punkt eine Gemse sei oder nicht.

       Dann entwickelte Schnell eine wahrhaft schreckenerregende Gewandtheit im Bergsteigen, indem er an der steilen gegen die Pasterze zu abstürzenden Wand hinabkletterte und auf unsere Ermahnung, doch nicht so tollkühn zu sein, ganz trocken erwiederte, das Ding sei gar nicht so schlimm, wie es aussehe.

       Zur Ehre der wackeren Kalser muss man jedoch sagen, dass sie sich viele Mühe gaben, ihre Lücken in der Kenntniss der uns umgebenden Bergspitzen auszufüllen und dass sie jedesmal eine grosse Freude bezeugten, wenn wir ihnen die einzelnen Gipfel mit Namen bezeichneten.

       Rasch war die uns zugemessene Zeit, die wir hier zubringen durften, verflogen; schon verweilten wir über zwei Stunden auf der Spitze und in den westlichen Eisgefilden

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begannen bereits kleine Wölkechen aus den tiefer liegenden Mulden emporzutauchen. So dachten denn auch wir an den Aufbruch, wenn auch äusserst ungern, um wieder hinabzusteigen zu den übrigen Menschen, über welche wir uns in diesen Stunden so unendlich erhaben gedünkt hatten.

       Noch wurde vorher dem Universum, dann dem Glockner speciell ein freudiges Hoch gebracht, zum Schlusse von meinen beiden Reisegefährten Wiedenmann und Solbrig zur dauernden Erinnerung an den heutigen Tag ein feierliches Schmollis getrunken und jetzt standen wir wieder in Reih und Glied zwischen unseren Führern, am Seile befestigt und sendeten einen letzten Abschiedsblick hinab von der schönen Spitze, die uns so herrlichen Genuss verschafft hatte.

       Es war gerade 8 Uhr. Vorsichtig ging es hinab über die oben beschriebene Wand, indem jeder einzelne von uns von den Führern über die böse Stelle herabgelassen wurde. Langsam, aber sichern Trittes passirten wir dann die Scharte, in wenigen Minuten darauf hatten wir wieder den Kleinglockner erreicht. Nun stiegen wir Anfangs behutsam über die bei unserem Heraufweg eingehauenen Stufen hinab, indem wir bei jedem Schritte mit dem Absätze fest in dieselben einstiessen. Später jedoch trat eine etwas schnellere Beförderungsart ein, indem wir auf den Bergstock gestützt, mit grosser Schnelligkeit über die glatte Fläche hinabfuhren. 50 Minuten nach 8 Uhr standen wir wieder auf der Adlersruhe, wo Schnell's Hund laut bellend uns entgegensprang und mit allen möglichen Liebkosungen seinen Herrn begrüsste.

       Hier nun wurde eine grössere Rast gemacht und dem mitgenommenen Proviant alle Ehre erwiesen; wir konnten uns jetzt ganz gemüthlich Zeit lassen zu dem Reste unseres Tagewerks. Wahrhaft schwindelerregend war es, als wir die Engländer, die etwa eine Viertelstunde nach uns den Gipfel verlassen hatten, über den steilen Eisabhang herabsteigen sahen. Die dunkeln Gestalten, die uns Anfangs wie winzige Punkte erschienen waren, dann aber von Minute zu Minute grösser wurden, bewegten sich langsam wie über

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ein Kirchendach herab auf uns zu - gewiss war es viel grässlicher anzuschauen, als es in Wirklichkeit ist, wenn man in solcher Stellung sich befindet.

       Von der Adlersruhe aus schlugen wir den Weg über die Hohenwartscharte und den Leitergletscher ein, um nach Heiligenblut hinabzukommen. Als wir die erstere um 9 Uhr erreichten, da zeigte es sich, wie gut es gewesen, dass wir am heutigen Tage so früh aufgebrochen waren, denn nicht nur waren die Berge rings umher schon mehr oder minder von dichten Nebelmassen umlagert, sondern auch der Glockner selbst war von Zeit zu Zeit durch einzelne Wölkchen verdeckt, die uns jedenfalls, wenn wir nur kurze Zeit später unseren Weg angetreten hätten, eine so überaus reine Fernsicht, wie wir sie genossen, wenigstens theil weise geraubt hätten.

       Noch war der etwas beschwerliche Abstieg von der Hohenwartscharte zum Leitergletscher zurückzulegen und der letztere selbst, der jedoch weder eine starke Neigung, noch eine bedeutende Zerklüftung aufweist, zu überschreiten. Wenn wir diese Strecke auch nicht so bequem passirten, wie Fürst Salm, von dem uns Schultes in seiner "Reise auf den Grossglockner" erzählt, dass er sich auf einem Schlitten über den Leitergletscher hinabziehen liess, so kamen wir doch gleichfalls ohne grosse Anstrengung an die Endmoräne des letzteren an.

       Rasch war dieselbe überklettert, um 9 Uhr 30 Minuten hatten wir die Salmshöhe erreicht. Das Seil wurde nun zusammengerollt, die Steigeisen, die wir seit mehr als acht Stunden nicht von den Füssen gebracht, fanden in der Kraxe eines Führers ihren Platz.

       Hier verliess uns auch Führer Schnell, dessen wir jetzt nicht mehr weiter bedurften; zwei von den Führern waren bereits von der Adlersruhe aus auf dem nächsten Wege nach Kais zurückgekehrt, so dass wir nun mit Rupert Groder allein unseren Marsch nach Heiligenblut fortsetzten.

       Um 11 Uhr 15 Minuten langten wir in der Leiteralpe an, einigen elenden Hütten, welche den von der Kärntner Seite aus die Glocknerfahrt unternehmenden Besteigern seit dem Verfalle der Hütte

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auf der Salmshöhe als Nachtquartier dienen muss, gewiss kein beneidenswerther Aufenthalt.

       Nach kurzer Rast ging es weiter über den Katzensteig hinab, der sich auf der linken Seite des Baches manchmal hoch über der Thalsohle an abschüssigen Abhängen hinzieht und manche unangenehme Passage darbietet. Tief unter uns rauscht der Leiterbach, oft an 200-300 Fuss unterhalb des Steiges. Obwohl es schon Ende der warmen Witterung war, so war er doch noch an manchen Stellen brückenartig von schmutzigen Schneemassen bedeckt, den Ueberresten der hier in reichlichem Masse alljährig niedergehenden Lawinen.

       Der Weg von der Leiteralpe bis Heiligenblut ist ziemlich monoton; nur der Gössnitzfall, der bereits an anderem Orte seine Beschreibung fand, bietet einen interessanten, doch keineswegs hervorragend schönen Anblick. Um 2 Uhr 15 Minuten langten wir am Ziele an, freundlich begrüsst von den im Gasthause anwesenden Touristen, die uns seit dem frühen Morgen mit dem Fernrohre verfolgt hatten.

       Die ganze Partie war ohne den mindesten Unfall abgelaufen, wir fühlten uns keineswegs überanstrengt, so dass wir am folgenden Tag den weiten Marsch von Heiligenblut über den Grossen Zirknitzgletscher, das Rauriser Goldbergwerk und den Verwaltersteig in's Nassfeld und nach Gastein zurücklegen konnten.

       Meine zweite gelungene Ersteigung des Grossglockners wurde im August 1869 ausgeführt.

       Nachdem ich schon am 2. August mit mehreren Freunden, darunter Herrn Professor J. Wagl aus Graz zur Stüdlhütte gewandert, jedoch durch den tiefen, in der Nacht vom 2. auf den 3. August gefallenen Neuschnee nach Kals zurückgetrieben worden war, traf mich der 4. August abermals auf dem Wege zur Stüdlhütte, um am folgenden Tage den Glockner zu ersteigen. Jedenfalls war es nothwendig, gleichgiltig ob die Fahrt gelingen sollte oder nicht, bis Ferleiten im Fuscherthale zu kommen, da ich am 8. August ohne Gnade und Barmherzigkeit zu Hause eintreffen musste, um 30 Tage lang zu wenig erbaulicher Thätigkeit, resp.

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Unthätigkeit auf dem Münchener Kugelfang und Marsfeld verurtheilt zu sein.

       Durch den Schneefall in der vorletzten Nacht war die Atmosphäre hinlänglich abgekühlt worden, um für die nächsten paar Tage mit Sicherheit auf reinen Himmel rechnen zu lassen. Die Vermuthung zeigte sich als wohl begründet, eine ausserordentliche schöne Aussicht sollte uns Morgen auf dem Glockner bescheert sein.

       Unsere Partie aber hatte sich diesesmal zugleich auch mit der Erfüllung einer schönen Pflicht zu beschäftigen, mit der feierlichen Eröffnung des seit einigen Tagen vollendeten Glocknerweges. Dieses Ereigniss, das für alle Zeiten in der Geschichte des Grossglockners einen denkwürdigen Abschnitt bezeichnen wird, sollte möglichst festlich begangen werden. Zugleich mit mir brachen vier Fremde, Dr. Berreitter aus Insbruck und drei Herrn aus Lienz von Kals auf. Leider war damals Freund Stüdl noch immer durch sein Fussleiden im Thale festgebannt.

       Spät am Abend, als wir fünf Touristen und sieben Führer ziemlich enge in der Stüdlhütte zusammengepropft waren, da erhielten wir unvermuthet einen neuen demungeachtet aber höchst erwünschten Zuwachs. Ingenieur E. Pegger aus Lienz, der erste, der den Grossglockner auf dem neuen Wege ohne Beihilfe erobert hatte, war mit seinem Bruder bald nach unserem Abgange von Kals dortselbst eingetroffen und war als er von unserem Unternehmen Kenntniss erlangt hatte, rasch uns nachgeeilt. In grösster Freude begrüssten wir beide neuen Gefährten für die morgige Partie.

       Prachtvoll war der Morgen des 5. August angebrochen, hell funkelte das Sternenzelt auf uns nerab. Um 3 Uhr 45 Minuten verliessen wir die Stüdlhütte, um gemeinsam über den Teischnitzgletscher bis an den Fuss des eigentlichen Glockners unsere Wanderung zurückzulegen.

       Hier ist bereits ein weiter Gesichtskreis uns eröffnet, am fernsten Rande des Horizontes ist jenseits der Rieserfernergruppe der Adamello-Presanella Stock an der Grenze zwischen Tirol und Italien aufgetaucht, während näher an uns herantretend

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über den Teischnitzgletscher hin das zahllose Heer der Eiszinnen sich ausbreitet, die den Venediger umringen. Es ist ein unbeschreiblich schöner Anblick, den Uebergang von dem tiefen Dunkel der Nacht zu den immer helleren Tinten zu beobachten, mit welchen der Schimmer der erwachenden Sonne die glänzenden Eisfelder übergiesst. Getrennt stiegen wir nun aufwärts, jeder suchte so gut und so rasch wie möglich emporzukommen. Ich war mit Joseph Kerer vorangegangen und hatte, da wir ohne zu rasten unseren Weg verfolgten, bald einen kleinen Vorsprung vor den andern Gefährten gewonnen.

       Doch wir wollen den Weg nun etwas näher inspiciren , den wir bis zur Spitze des Glöckners zurückzulegen haben. Der unterste Theil jenes Felskammes, der vom Glockner gegen Süden, oder genauer gesprochen gegen Südsüdwest sich ablöst, heisst die Scheere, so genannt, weil er den Ködnitz- und den Teischnitzgletscher trennt. Ich will gleich hier mittheilen, dass die Namen, mit welchen die einzelnen Passagen jenes Kammes nun bezeichnet werden und die voraussichtlich bald allgemein gebräuchlich sein werden, von E. Pegger und den Führern stammen, die hier zuerst die Ersteigung unternommen hatten und dass dieselben theils eine historische Bedeutung haben, theils lokale Eigentümlichkeiten bezeichnen. Die erste Strecke vom Teischnitzgletscher aufwärts ist verhältnissmässig leicht zu passiren, einerseits ist hier kein besonders steiler Abfallswinkel zu treffen, anderseits ist ja überhaupt der Chloritschiefer ein Gestein, das dem Bergsteiger ein leichtes und sicheres Emporkommen gestattet, da es meist guten Halt für Hand und Fuss gewährt.

       Ich war so übermüthig geworden, dass ich schon meinen Kerer auszuspotten begann, warum doch die Kalser Führer an Herrichten und an Verbesserung eines so leichten Weges gedacht hätten. Ich hatte zu früh gejubelt. Der Kamm wurde in seiner oberen Hälfte viel schlimmer zu begehen; bald sah ich ein, dass ohne künstliche Unterstützung nur wenige Auserlesene über denselben empor die Spitze des Glockners erreichen würden. Jetzt konnte ich

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es erst schätzen lernen, welcher Muth und welche Kraft dazu gehörten, hier Tage lang an den gefährlichsten Stellen zu arbeiten. Wir waren zur Petersstiege gekommen, wo die ersten Drahtseile angebracht sind; der Name stammt daher, dass Peter Groder, als die Expedition im Jahre 1864 hier an die ersten Schwierigkeiten kam, muthig vorausstieg. Kurz oberhalb der Peterstiege erreichen wir das sogenannte Blaue Brett; es ist jener Platz, wo am Wege eine grosse blaue Platte liegt. Unmittelbar darauf kommen wir zum Hohen Rath. Es ist jener Punkt, wo beim ersten Versuche des Anstiegs Rath gehalten wurde, ob man vorwärts oder rückwärts gehen solle. Das mag freilich eine bedenkliche Sache gewesen sein, da frei emporzusteigen, wo wir jetzt selbst mit Hilfe des Eisendrahtes, der noch dazu manchmal zu beiden Seiten gespannt ist, so dass man wie zwischen zwei Geländern hindurchgehen kann und mit Hilfe der eingetriebenen Eisenstifte, die uns überall sichere Stütze gewähren, mühsam unseren Weg zurückzulegen vermögen.

       Lästig fiel uns zumal der Bergstock, welcher für gewöhnlich lieber in der Stüdlhütte oder am Fuss des eigentlichen Glockners zurückgelassen werden möge. Ich und die beiden Führer Thomas Groder und Joseph Kerer, die für heute mich zu begleiten hatten, waren jedoch gezwungen gewesen, unser Griesbeil
Fussnote: Eine besonders in Heiligenblut häufig angewendete Bezeichnung statt Bergstock.
jedenfalls mitzunehmen, da wir nicht auf unserem alten Wege zurückzukehren gedachten.

       Furchtbar wild ist unsere nächste Umgebung, zur Rechten und zur Linken unendlich steile Felsabstürze hinab zum Ködnitz- und zum Teischnitzgletscher. Stolz erhob sich ober dem letzteren die Glocknerwand mit ihrer dunkeln Felsenkrone mit den jähen Eisfeldern, die sie gegen Süden herabsendet. Lange Zeit scheint sie dem Grossglockner fast ebenbürtig zur Seite zu stehen, erst im letzten Augenblick sinkt sie unter unser Niveau herab. 

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        Wir betreten die Kanzel, den schwindligsten Punkt des ganzen Weges, wo man sich um einen Felszacken herumschwingen muss, während fast senkrecht unter uns die Firnen des Ködnitzgletschers sichtbar sind. Doch ist auch diese Stelle, wenn man nur fest am Drahtseile sich hält, durchaus nicht gefährlich, vorausgesetzt natürlich, dass wir nicht an Schwindel leiden. In letzterem Falle ist überhaupt nicht an eine Ersteigung des Grossglockners zu denken.

       Es folgt die Eisrinne, eine ein paar Klafter lange, eiserfüllte Mulde, die manchmal, wenn sie mit Glatteis bedeckt ist, nur durch eingehauene Stufen gangbar gemacht werden kann.

       Rechts oberhalb derselben kommen wir an den Rothen Fleck, bis wohin die ersten Ersteiger des Grossglockners auf dem neuen Wege allein vorgedrungen waren und wo ihnen dann durch ihre von der Spitze entgegenkommenden Gefährten ein Seil herabgelassen wurde, mit dessen Hilfe sie dann glücklich den Gipfel erreichten. Hier wollte Kerer, nachdem er schon weiter unten zu wiederholten Malen dem entsprechende Aufforderungen hatte ergehen lassen, absolut nicht mehr gestatten, dass ich ohne mit ihm durch das Seil verbunden zu sein, weitergehe. Doch gelang es ihm trotz seines eifrigen Zuredens nicht, mich hiezu zu bewegen, ich wollte durchaus der erste Fremde sein, der von Kals aus ohne Hilfe des Seiles auf den Grossglockner gekommen sei.

       Ganz zu oberst, kurz oberhalb der Spitze haben wir noch das sogenannte Klapfl zu überwinden, den letzten Ort, wo man sich mit Hilfe des Eisendrahtes emporarbeiten muss. Um 6 Uhr 10 Minuten stand ich mit meinem Führer am Ziele, wir hatten von der Stüdlhütte bis hierher nicht mehr als 2 Stunden und 25 Minuten gebraucht. Kurze Zeit nach uns traf Dr. Berreitter mit seinen zwei Führern ein ; er war der Abwechslung halber auf dem alten Wege heraufgestiegen über die Adlersruhe und den Kleinglockner, bald nach ½ 7 Uhr war die ganze Expedition, vierzehn Mann stark, sieben Touristen und sieben Führer, auf der höchsten Spitze versammelt.

       Wie kann heutzutage ein Fest stattfinden, ohne dass

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Reden gehalten und Toaste ausgebracht werden! So musste es denn auch der alte, verwitterte Glockner sich gefallen lassen, dass in hochtönenden Worten der Bedeutung des heutigen Tages gedacht, dass ein begeistertes, aus vierzehn frischen Kehlen erschallendes Hoch auf die Erbauer des neuen Glocknerweges ausgebracht wurde. Fürwahr ein erhabenes Belvedere, um da zu toastiren! Wem sollte nicht die Begeisterung in's Herz steigen, wenn er wie wir einen so unendlich günstigen Tag zur Bewunderung des Glocknerpanorama's getroffen! Bei einer Temperatur von +11 Grad herrschte vollkommene Windstille. Wir kennen bereits die Rundschau, die unser Gipfel bietet, es braucht hier nicht mehr näher darauf eingegangen zu werden. Länger als zwei Stunden genossen wir den denkbar klarsten Anblick des unermesslichen Panorama's.

       Ich hatte den Plan gefasst, von der Adlersruhe aus direkt zur Pasterze hinabzusteigen, jedenfalls der kürzeste Weg um so rasch wie möglich vom Glockner hinab nach Ferleiten zu kommen. Leider war meine Bemühung, Herrn E. Pegger zur Theilnahme an diesem neuen, jedenfalls hoch interessanten Abstieg zu bewegen, erfolglos geblieben, da derselbe von seinem Bruder, welcher von einer kleinen Uebelkeit befallen worden war, sich nicht trennen wollte.

       Um 8 Uhr 30 Minuten nahm ich von der übrigen Reisegesellschaft Abschied und trat, begleitet von deren Glückwünschen, mit Thomele und Kerer den Marsch zur Adlersruhe an. Da wir hiebei die von der Expedition des Dr. Berreitter eingehauenen Stufen gut benützen konnten, so wurde dieser Theil des Weges ausserordentlich rasch zurückgelegt; um 9 Uhr 5 Minuten, somit 35 Minuten nach unserem Abgang von der Spitze, standen wir bereits auf der Adlersruhe.

       Bis hieher war auch Rupert Groder mit uns gegangen, der nun zum Ködnitzgletscher hinabstieg, um ein von Dr. Berreitter verlorenes Fernrohr aufzusuchen; der Gang war freilich unnütz gewesen, denn wie sich später herausstellte, war dasselbe schon bei unserem Aufbruch von der Stüdlhütte durch irgend einen Zufall in Kerer's Rucksack gekommen

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und trat nun mit uns den Weg hinab zur Pasterze an, um erst nach verschiedenen Irrfahrten zu seinem Herrn zurückzukehren.

       Wir hielten auf der Adlersruhe fast eine halbe Stunde lang Rast, erst um 9 Uhr 30 Minuten setzten wir unseren Marsch wieder fort. Vor uns lag das Aeussere (Südliche) Glocknerkar, das von unserem Standpunkt aus in östlicher Richtung zur Pasterze hinabfliesst. Die Neigung des Gletschers war mässig genug, um uns nur wenig Schwierigkeiten entgegenzusetzen, sie erreichte im Maximum nicht über 40°. Nur wegen des weichen unter den Steigeisen sich zusammenballenden Schnee's war das Gehen etwas beschwerlich, Gefahr hatten wir eigentlich keine zu überwinden. Das Hauptaugenmerk war auf das Umgehen der Klüfte

Fussnote:
Wie ich durch briefliche Mittheilung aus Heiligenblut später erfuhr, war jedoch das Aeussere Glocknerkar Ende September bereits so stark zerklüftet, dass es den drei Heiligenbluter Führern Granögger, Pichler und Wallner, welche auf jenem Wege den Glockner ersteigen wollten, unmöglich wurde, ihr Projekt auszuführen: wer also durch das Aeussere Glocknerkar zum Glockner emporkommen will, möge in früher Jahreszeit, wo verhältnissmässig noch wenig Klüfte zu treffen sind, die Partie unternehmen.

zu richten; Kerer entwickelte hiebei ein grosses Geschick als Pfadfinder, er führte uns gut und sicher, Thomele war wie immer der letzte im Zuge, um als der Stärkste unter uns die Voranschreitenden am Seile zu halten und ein Abgleiten zu verhindern.

       Weit besser als wir geglaubt hatten, kamen wir fort, wir hatten uns auf recht schlimme Stunden gefasst gemacht. Zu unserer Ueberraschung, doch auch zu unserer Freude stiessen wir überall auf mässige Schwierigkeiten. Nur zum Schlusse, kurz oberhalb dem Pasterzengletscher hatten wir einige steile Felsplatten zu überwinden. Um 11 Uhr, schon anderthalb Stunden nach dem Verlassen der Adlersruhe, hatten wir die rechte Seitenmoräne des Pasterzengletschers erreicht.

       Der letztere wurde nun in der Richtung gegen die Franz-Josephs-Höhe durchquert; ohne die Wallnerhütte zu berühren, setzten wir durch das Nassfeld unseren Weg zur Unteren 

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Pfandlscharte fort. Um 6 Uhr Abends, 14 Stunden nach unserem Aufbruch von der Stüdlhütte, traf ich mit Thomele, der seit dem Betreten der Pasterze mein alleiniger Begleiter gewesen war, in Ferleiten ein. Die heutige Partie war ein würdiger Schlussstein meiner zweiten Reise in der Glocknergruppe gewesen. Der nächstfolgende Tag brachte mich bei strömenden Regen nach Lofer, am Abend des 7. August kam ich in München an. Zur richtigen Zeit hatte ich die Berge verlassen, es folgte jenes traurige Regenwetter, das fast ununterbrochen während des ganzen Monats andauerte und das Herz so manches steigbegierigen Touristen mit Kummer und Zorn zugleich erfüllte.

       Meine fünfte Glocknerfahrt am 24. und 25. September 1869 war abermals glücklich misslungen, resp. wie sich der freundliche Leser noch erinnern wird in eine Ersteigung der Glocknerwand verwandelt worden, ich hatte Aussicht, dass dafür die sechste in gleicher Weise wie die zweite und vierte desto mehr vom Wetter begünstigt würde.

       Als ich am 25. August nach Kals zurückkehrte und meinem Freunde Studl den Vorschlag machte, auf dem erhabensten Punkte rings umher, auf der Spitze des Grossglockners selbst unseren Abschied zu feiern, da galt es einen energischen Widerstand zu überwinden, Stüdl wollte durchaus nicht um einen einzigen Tag seine Reise mehr ausdehnen, sondern jetzt, nachdem er das Panorama des Kalser Thörl's vollendet hatte, so rasch wie möglich nach Prag zurückreisen. Erst nach stürmischem Bitten und Drängen gelang es mir, ihn zur Theilnahme an der Fahrt zu bewegen. So trafen wir denn, begleitet vom Kalser Wirthe Johann Groder, der auch einmal auf dem neuen Wege den Grossglockner erreichen wollte, dessgleichen von den Führern Thomele, Michel Groder und Joseph Kerer am 26. September abermals in der Stüdlhütte ein.

       Zu unserer Ueberraschung kamen am frühesten Morgen des folgenden Tages noch drei Kalser Bauern herauf, die das ausserordentlich schöne Wetter gleichfalls angelockt hatte, gemeinsam mit uns die Glocknerfahrt zu unternehmen.

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Um 7 Uhr, 3 Stunden nach unserem Abgang von der Stüdlhütte, standen wir auf der höchsten Spitze, auch diesmal wieder bescherte uns ein günstiger Zufall wolkenlosen Himmel. Zwei Stunden lang hielten wir uns auf dem Gipfel auf, um nochmals Heerschau zu halten über die flimmernden Burgen der Glocknergruppe, die uns alle wie alte Bekannte begrüssten.

       Es kam die Stunde der Trennung; am Teischnitzgletscher verliess ich den wackeren Gefährten, den lieben Freund. Während die andern zur Stüdlhütte und nach Kals zurückkehrten, schlug ich mit Michel Groder den Weg über den Ködnitzgletscher und die Burgwartscharte zum Leitergletscher ein, um nach Heiligenblut hinabzusteigen. Am folgenden Tage begleitete mich dieser noch bis zum Heiligenbluter Tauern, allein setzte ich dann meine Wanderung hinab durch das Rauriserthal fort. Die schönsten Zeiten, die ich je verlebt, sie waren in raschem Fluge vorübergeeilt, viele Monate lang sollt' ich die schönen Berge nicht mehr sehen. Lebt wohl Ihr stolzen Riesen, Ihr prächtigen Gletscherströme! Möge es mir vergönnt sein, noch manchen Sommer in Eueren tiefinnersten Heiligthümern zu verleben !

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              in der Glocknergruppe" (Hofmann).