1862: Der Österreichische AV

Als einige Jahre später die folgenden drei Wiener Studenten der Rechtswissenschaften, angeregt durch den Alpine Club in London, daran gingen, auch in Österreich einen Verein für die Erforschung der Alpen zu gründen, fanden sie in Eduard Suess tatkräftige Unterstützung.

Edmund Mojsisovics von Mojsvar (1839-1907) - er betrieb neben dem Jus-Studium auch geologische und geographische Studien und wurde später Geologe an der k.k. Geologischen Reichsanstalt in Wien und unternahm als solcher viele Bergfahrten, um die Alpen wissenschaftlich zu erforschen.

Paul Grohmann (1838-1908) schloss das Jura-Studium zwar ab, übte aber diesen Beruf nicht aus, sondern widmete sich hauptsächlich dem Bergsteigen. Ihm gelangen viele Erstbesteigungen und er gilt als Erschließer der Dolomiten.

Der dritte im Bunde, Guido Freiherr von Sommaruga (1842-1895) wurde Hof- und Gerichtsadvokat sowie Gemeinderat in Wien. Auch er unternahm zahlreiche Bergtouren vor allem in der Glocknergruppe und den Karawanken.

Diese 3 Studenten trafen sich zunächst mit ihrem Professor Suess und dem Advokaten Dr. Anton von Ruthner (1817-1897), Mitglied der Wiener Geographischen Gesellschaft, dem an die 300 Erstbesteigungen in den Ostalpen zugeschrieben werden. Als Hof- und Gerichtsadvokat konnte er bei der Vereinsgründung wertvolle Unterstützung leisten.

Tatkräftige Hilfe, bei der Erstellung der Statuten, erhielt das Trio auch durch Achilles Melingo, Gemeinderat in Wien.

Diese 6 Männer beschlossen nun, das Projekt Alpenverein voran zu treiben und luden zu einer weiteren Besprechung 20 einflussreiche und alpeninteressierte Personen ein, unter ihnen die bekannten Alpinisten Dr. Eduard Fenzel und Friedrich Simony, der soeben den "Physiognomischen Atlas der Österreichischen Alpen" herausgegeben hatte. Es wurde ein aus 7 Personen bestehendes Komitee gegründet, und ein Aufruf an die Freunde der Alpen erlassen, dem zu gründenden Alpenverein beizutreten. Die darin enthaltenen Satzungen wurden am 14. Mai bei der k. k. Statthalterei für Niederösterreich eingereicht und am 1. Juli genehmigt. In der "Wiener Zeitung" vom 3. Juli 1862 erschien darüber folgende Notiz: 

 

Nach der Reisezeit fand schließlich am 19. November die erste konstituierende Generalversammlung statt. 627 Mitglieder zählte der neue Verein bereits am Tag seiner Gründung. Den Bericht darüber finden wir in der "Wiener Zeitung" vom 21. November 1862.

 

Anfangs lautete der Name des Vereines nur "Alpenverein", um auch Interessenten aus anderen Ländern dafür gewinnen zu können. Tatsächlich gab es in Deutschland, vor allem in München bereits einen verhältnismäßig großen Kreis an Alpenfreunden und Bergsteigern, die nach und nach dem neuen Verein beitraten. (Alle 4 späteren Mitbegründer des DAV waren Mitglieder des ÖAV von 1862.)

Erst bei der Wahl des Titels für die Vereinszeitschrift wurde dann die Bezeichnung "Österreichischer Alpenverein" angenommen.

Laut Statuten gingen die Ziele des Vereines in 2 Richtungen, eine ideelle, der wissenschaftlichen Forschung dienende, und eine praktische, die Alpenreisen erleichtern und das Führerwesen verbessern sollte.

Es lag an der Gesellschaftsschicht, aus der sich die Mitglieder - vor allem in Wien - größtenteils rekrutierten, dass der Forschertätigkeit in den Alpen und der wissenschaftlichen Bewertung eindeutig der Vorrang gegenüber der praktischen Tätigkeit im Verein zukam. Kartenwerke wurden herausgegeben, die Berge vermessen und - teilweise - neu benannt, was in der Folge zu einem nicht unerheblichen Wirrwarr an Bezeichnungen führte.

Es gab aber auch Mitglieder - wie z.B. den Kuraten aus Vent im hinteren Ötztal, Franz Senn, der sich durch seine Mitgliedschaft bei seinem Vorhaben Unterstützung erwartete, um der bitterarmen Bevölkerung in den Gebirgstälern zusätzliche Verdienstmöglichkeiten durch den Touristenbesuch zu ermöglichen. Er hoffte auf die Finanzierung des von ihm geplanten und im Bau befindlichen Weges über das Hochjoch, musste jedoch zu seinem Leidwesen erkennen, dass außer einem bescheidenen Zuschuss vom Verein nichts zu holen war. Lediglich private Förderer, unter ihnen auch Johann Stüdl halfen ihm über die gröbsten Schwierigkeiten hinweg. Die Schuldenlast blieb aber den Rest seines Lebens eine drückende, zumal er im Dienste der guten Sache auch noch andere Projekte finanzierte.

Lesen Sie dazu die Kurzbiografie über Franz Senn von Elfriede Klein: 
> "Lesestoff / Franz Senn, der Gletscherpfarrer"

Sowie, auszugsweise, den Beitrag von Helene Gropp im Jahrbuch des ÖAV von 1969: > Helene Gropp „Franz Senn und Vent".

Auch Johann Stüdl dachte zunächst an den Alpenverein in Wien, als er den Kalsern Hilfe beim Bau der Hütte auf der Vanitscharte und dem neuen Weg auf den Großglockner zusagte, erhielt aber ebenfalls einen negativen Bescheid, und beschloß daher die Hütte auf eigene Kosten errichten zu lassen. (siehe > "Die Stüdlhütte in Kals")

Im September 1868, noch vor dem Bau seiner Hütte war Stüdl mit seinem Bruder Franz von Kals kommend in Vent eingetroffen, um hier eine Reihe von Bergtouren zu unternehmen. Siehe: > "Der Bergpionier / Der Hochtourist" 

Den "Gletscherpfarrer" Franz Senn traf Stüdl damals nicht an, seine Leistungen beim Neubau des Widums und vor allem beim Wegebau wußte er aber zu würdigen. Er tat dies auch brieflich und legte seinem Schreiben " ... ein kleines Scherflein für den Wegebau ..." bei.

In seinem Antwortschreiben bedankte dieser sich nicht nur für die willkommene Unterstützung sondern referierte - Stüdls Anfragen folgend - ausführlich über die Berge seines Einzugsgebietes. Eine Abschrift dieses Briefes finden Sie hier: > "Lesestoff / Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl".

In der Folge entwickelte sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine Freundschaft fürs Leben. Die Liebe zur Alpennatur, das tätige Schaffen, um die Berge auch für weniger geübte Touristen zugänglich zu machen, und damit der armen Bergbevölkerung bessere Lebensgrundlagen zu schaffen, war die gemeinsame Basis bei den Bemühungen um einen neuen, "besseren" Alpenverein und später auch  um eine allgemein gültige Führerordnung.  

Beide, Johann Stüdl und Franz Senn gehörten auch dem Schweizer Alpenclub an, und wussten daher, dass es auch anders gehen konnte. Dieser Verein war in Sektionen gegliedert, die in ihren Arbeitsgebieten für Wege- und Hüttenbauten sorgten und auch das Führerwesen gut organisierten. Die Folge war, dass die Schweiz eine wesentlich bessere Infrastruktur für Touristen besaß.

Schon sehr früh reifte in Franz Senn der Gedanke, dass die Struktur des Österreichischen Alpenvereines geändert werden müßte, damit dieser konstruktiv an der Erschließung der Alpen mitwirken konnte. Seine diesbezüglichen Anregungen in Wien fanden aber kein Gehör. So reifte in ihm der Entschluß, eine alpine Neugründung in die Wege zu leiten.

Der Schweizer J. J. Weilenmann (Foto siehe > "Der Bergpionier / Der Hochtourist".)hatte ihm die Vorteile des schweizer Modells dargelegt und ihm die dort gültigen Statuten übermittelt. Mit geringfügigen Änderungen konnten diese auch für einen neuen Verein herangezogen werden.

Zu Beginn des Jahres 1869 schrieb Senn an seinen Freund Stüdl einen ausführlichen Brief, um "...bei unserem Alpenvereinsprojekte ... etwas Reelles zustande zu bringen." Er unterbreitete diesem darin seine Überlegungen und Ideen mit der Bitte " ... mir unverhohlen Ihr Urteil bekannt zu geben ...". Die Abschrift des ganzen Briefes finden Sie hier: > "Lesestoff / Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl".

Stüdl, in seiner bedächtigen Art, zögerte noch, einen Bruch mit dem ÖAV zu riskieren, doch von anderer Seite gab es neue, entscheidende Impulse:

In München und Leipzig gab es schon seit 1866 nachweislich regelmäßige Treffen von Alpenfreunden, wobei vor allem in München die Begeisterung für die Berge beständig wuchs.

Hier gab es auch eine "Filiale des ÖAV", der 25 Mitglieder angehörten. eine besondere Rolle fiel dabei dem Buchhändler Theodor Trautwein zu, der als Prokurist der J. Lindauer'schen Buchhandlung für die Verteilung und den Vertrieb der Zeitschrift des ÖAV in Deutschland zuständig war. In dieser Eigenschaft wurde er auch ein eifriger Werber für diesen Verein. Lesen Sie dazu die Kurzbiografie "Theodor Trautwein, 'die stille Seele' des Alpenvereins" von Elfriede Klein auf der Seite Lesestoff: > Theodor Trautwein"

Karl Hofmann, 1847 geboren, war bei der Gründung des ÖAV gerade einmal 15 Jahre alt. Seit er aber als 10-jähriger mit seiner Mutter den Wendelstein bestiegen hatte, begeisterte er sich mehr und mehr für die Hochgebirgswelt.

Mehr über Karl Hofmann erfahren Sie auf der Seite > "Lesestoff / Johann Stüdl über Karl Hofmann" 

Bei Trautwein in der Lindauer'schen Buchhandlung war er ein "alter Bekannter", denn schon als Kind hatte er sich hier mit Lesestoff über die Berge versorgt. Noch lagen seine ganz großen Touren und Erstbesteigungen (siehe "Der Bergpionier / Karl Hofmann - der Freund") vor ihm, doch trat er bald dem neuen ÖAV bei und las begeistert dessen Publikationen. 

Aber, obwohl er selbst die Veröffentlichung der gewonnenen Erkenntnisse als wichtig erachtete, stellte auch er bald fest, dass dieser Verein sich zu wenig für die Orte einsetzte, die Ausgangspunkte für Bergfahrten waren. Hofmann kam auch nach Kals (er verfehlte Johann Stüdl im September 1887 nur um 14 Tage) und lernte die Sorgen und Mühen der dortigen bitterarmen Bevölkerung kennen. Indem er seine "Wanderungen in der Glocknergruppe"  breiten Leserschichten zugänglich machte, trug er mit zum Aufstieg des kleinen Ortes und der Erreichung besserer Lebensbedingungen seiner Bewohner bei.

Er hörte von der Brandkatastrophe in Heiligenblut, von Muren in Tirol und Überschwemmungen in Bayern, die der ohnehin schon armen Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen. - Und der Alpenverein? Er finanzierte wissenschaftliche Forschung und teure Schriften!

In München wurde am 27. März 1869 die Geographische Gesellschaft gegründet. - Ein deutscher Alpenverein? Hofmann hegte große Erwartungen ... und wurde bitter enttäuscht. Capitän Coldeway, der bekannte Polarforscher hielt den Gastvortrag über die Gletscher Spitzbergens und ersuchte im Anschluss daran um Spenden für eine zweite Polarreise. Es kam eine ansehnliche Summe zusammen ... für eine Unternehmung ins Eismeer, während die Bevölkerung zu Hause hungerte! "Unsere Alpen zuerst!" Beinahe hätte er es hinausgeschrien. Aber nun war es für ihn klar: "Ein Alpenverein für unsere Alpen", das war das Ziel, das Hofmann nunmehr vor Augen hatte. Mit all seinen Fähigkeiten unterstützte er nun Franz Senn, der ja schon seit längerem für die Gründung eines Vereines nach Schweizer Muster plädierte.

 

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Edmund von Mojsisovics von Mojsvar
Paul Grohmann
Guido Freiherr von Somaruga
Als Rechtsanwalt leistete Dr. Anton von Ruthner wertvolle Hilfe bei der Ausarbeitung der Statuten. Von 1863 bis 1867 war er Vorstand des Vereines.
Der Professor für Botanik Eduard Fenzl wurde im 1. Jahr Vorstand des neuen Vereines.
Auch Friedrich Simony, Professor für Geographie und Erforscher der Dachsteingruppe, gehörte dem Gründungskomitee an.
Franz Senn war schon bald Mitglied des Österreichischen Alpenvereins ...
... ebenso wie Johann Stüdl ...
Theodor Trautwein war Bevollmächtigter des ÖAV in München und vertrieb dort die Zeitschrift des Österreichischen Alpenvereins.
Auch Karl Hofmann erwartete sich vom ÖAV mehr Engagement für die notleidende Bevölkerung in den Gebirgsregionen.