Nationalismus und Antisemitismus

Bereits vor dem 1. Weltkrieg hatte sich in vielen Ländern und, speziell auch in Deutschland und Österreich, die Nationalitäten-Frage zunehmend radikalisiert. Nach dem Krieg wurden diese Probleme wieder akut - auch im Alpenverein, der schon in der Südtirol-Frage seinem Prinzip der politischen Unabhängigkeit untreu geworden war. Freilich war der Verein durch den Verlust einiger Hütten in diesem Bereich unmittelbar von der politischen Entwicklung betroffen.

Die einsetzende Inflation und die damit verbundene Notlage der Bevölkerung, schürten nationalistische Tendenzen. Durch die Zuwanderung vieler Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten der Monarchie, insbesondere der sogenannten "Ostjuden", nahm vor allem in Wien der Antisemitismus immer radikalere Formen an.

Undifferenziert richtete er sich auch im Alpenverein gegen alteingesessene jüdische Mitglieder, selbst wenn sie Bergsteiger, oder gar Mäzene des Vereines waren.

Der bekannte Bergsteiger Eduard Pichl und andere Gesinnungsgenossen in der Sektion Austria, der größten und ältesten AV-Sektion Österreichs, strebten die Einführung eines Arierparagraphen an. Als dies in der Hauptversammlung vom 22. Feber 1921 wegen fehlender Mehrheit nicht gelang, ließ sich Pichl, nachdem die jüdischen Mitglieder den Saal verlassen hatten, handstreichartig zum Vorstand der Sektion wählen.

"Donauland"

Nicht alle Mitglieder goutierten diese Vereinspolitik. Sie, und der größte Teil der jüdischen Mitglieder, verließen die Sektion und gründeten den nichtrassistischen Verein "Donauland".

Vor dem Hauptausschuss des DuÖAV in München suchte diese Gruppierung, entgegen den heftigen Protesten einiger österreichischer Sektionen, insbesondere der Sektion Austria, um Aufnahme, als "Sektion Donauland", in den Gesamtverein an (1921).

Johann Stüdl, der 82-jährige hatte sich vehement für die Sektion Donauland eingesetzt. "Das Benehmen der Sektion Austria ist eine Anmaßung ...!" wetterte er, und "Fürchten Sie sich vor den Drohungen nicht, und zeigen Sie, indem Sie die Sektion Donauland zulassen, dass man sich nicht dem Diktat dieser Herren unterwirft!" empfahl er den Mitgliedern, die ihm - wenn auch nur mit knapper Mehrheit - folgten. Mit 14 : 12 Stimmen wurde die Sektion Donauland in den DuÖAV aufgenommen.

Die neue Sektion wußte natürlich, was sie Stüdl zu danken hatte und ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Anläßlich seines 85. Geburtstages erschien in den "Nachrichten der Sektion Donauland" vom 1. Juli 1924 (Titelseite im rechten Bildlauf) eine ausführliche Würdigung. Die Abschrift dieses Textes finden Sie auf der Seite > "Lesestoff / Donauland / Stüdl 85".

Die Sektion Austria stellte daraufhin einen Antrag, dem Hauptausschuss wegen der Zulassung Donaulands, das Misstrauen auszusprechen. Dieser wurde von mehreren Sektionen in Österreich, aber auch einigen in Deutschland, unterstützt, unter Anderem auch von der Akademischen Sektion Wien, deren Ehrenmitglied Johann Stüdl war.

An diese richtete er den dringenden Appell, diese Gesinnung aufzugeben; er würde sonst die Ehrenmitgliedschaft aufkündigen.

Der Brief ist im Folgenden zur Gänze - mit Abschrift - wiedergegeben:

Brief Johann Stüdls an die Akademische Sektion Wien vom 24. Juli 1920.

Die Antwort dürfte Stüdl zwar besänftigt, aber nicht wirklich befriedigt haben, denn die Reaktion fiel etwas frostig aus:

"Sehr geehrter Ausschuß!

Im Besitze Ihres sehr Geschätzten (Schreibens) vom 18tn Oktober erlaube ich mir, zu erklären, daß ich den Inhalt meines Schreibens vom 24tn Juli als gegenstandslos betrachte und zeichne mit vorzüglichster Hochachtung als

Ihr ergebener Joh. Stüdl"

Der Mißtrauensantrag wurde im Verlaufe der Hauptversammlung in Augsburg, wegen seiner Aussichtslosigkeit zwar zurückgenommen, die Antisemiten im DuÖAV verfolgten aber weiter hartnäckig das Ziel, die jüdischen Mitglieder und daher in erster Linie die Sektion Donauland, aus dem Verein auszuschließen.

 

Wirtschaftliche Probleme

Rassismus und Antisemitismus wurden allerdings zunächst durch andere Probleme in den Hintergrund gedrängt. Die wirtschaftliche Lage in Österreich konnte man in zunehmendem Maße katastrophal nennen, und auch in Deutschland wurde die Situation immer schwieriger.

Bei der 48. Hauptversammlung des Alpenvereines in Bayreuth musste von leeren Kassen berichtet und die Mitglieder um eine Nachzahlung ersucht werden.

Obwohl, seitens der antisemitischen Kreise im Verein, Gehässigkeiten und antijüdische Stimmungsmache ständig zunahmen, wurden Anträge gegen die Sektion Donauland fallen gelassen. Man hatte Wichtigeres zu beraten.

Die Agitationen gegen Donauland und die Juden ganz allgemein gingen aber weiter. Ende des Jahres 1922 bildeten 63 vorwiegend österreichische Sektionen den "Deutschvölkischen Bund", der nun die Judenfrage im AV einer "Lösung" zuführen sollte.

Tölzer Richtlinien

Die Hauptversammlung in Tölz (Bad Tölz) hatte sich zuerst wieder mit der eklatant schlechten finanziellen Lage des Vereines zu beschäftigen.

Außerdem wurde, ein schon länger schwelender, Konflikt über das Wesen des Alpinismus in den Vordergrund gerückt:

Zum Ärger mancher Alpinisten, wurden immer noch komfortablere AV-Hütten gebaut, welche dann von Sommerfrischlern gestürmt wurden, sodass für die Bergsteiger oft kaum mehr Platz war. Dazu kam, dass die Hüttenwirte jene bevorzugten, die mehr konsumierten und länger blieben.

Mehr und mehr setzte sich daher die Auffassung durch, man müsse die Hütten den bergsteigerischen Bedürfnissen anpassen, d.h. einfache Unterkünfte mit Selbstversorgungsmöglichkeit - auch im Winter - sollten in erster Linie den Bergbesteigern zur Verfügung stehen.

Außerdem wollte man die AV-Hütten nur mehr den eigenen Mitgliedern vorbehalten und das sogenannte "Gegenrecht" für andere alpine Vereine kündigen. Alle diese Forderungen wurden in den "Tölzer Richtlinien" (siehe nebenstehend.) festgeschrieben und beschlossen.

Neuerlich versuchte die Sektion Austria, auch die Judenfrage auf die Tagesordnung zu setzen. Man wollte aber "diese politischen Momente im Alpenverein nicht haben" und es kam zu keinen ernsthaften Diskussionen darüber.

Es waren ja außerdem bei weitem nicht alle österreichischen und noch weniger deutsche Sektionen antisemitisch eingestellt. Dies belegt schon die Tatsache, dass österreichische Sektionen, zusammen mit der Sektion Donauland, eine großangelegte Sammelaktion für die sogenannte "Deutschlandhilfe" starteten, um bedürftige deutsche AV-Mitglieder mit Lebensmittelpaketen zu unterstützen und deutsche Jugendgruppen unentgeltlich auf ihre Hütten einzuladen.

Adolf Hitler kam an die Macht.

Bis zur nächsten Hauptversammlung in Rosenheim änderte sich die Sachlage jedoch entscheidend zugunsten der Antisemiten.

Hitler war durch den Putsch in München auf der Bildfläche erschienen, und mit ihm erhielt, auch in Deutschland, die antisemitische Strömung stärkeren Zulauf.

Bei der Tagung der österreichischen Sektionen im März 1924 gelang es Pichl, dem Vorsitzenden der "Austria", bisher "abwartende" Gruppen auf seine Seite zu ziehen.

Diese Vorarbeit führte dann in Rosenheim insofern zum Erfolg, als man dort bereit war, die Sektion Donauland zu "opfern", um im Gegenzug "die antisemitische Bewegung aus dem Verein auszuschließen", und die Einführung eines Arier-Paragraphen im Alpenverein zu verhindern.

"Der Verein ist unpolitisch!"

"Der Verein ist unpolitisch!" Dieser Vermerk wurde in die Satzungen des AV aufgenommen. Die Sektion Donauland wurde aufgefordert, von sich aus den Austritt aus dem DuÖAV zu erklären, andernfalls in einer außerordentlichen Hauptversammlung Konsequenzen gezogen würden.

Unter Berufung auf die eigenen Statuten, weigerte sich diese Sektion, der Aufforderung nachzukommen.

Johann Stüdl, inzwischen Ehrenmitglied der Sektion Donauland, verfolgte die Ereignisse mit großem Unbehagen und zunehmender Sorge von Salzburg aus.

Er konnte nicht glauben und wollte nicht wahrhaben, was da im Gange war. Er schrieb mahnende Briefe, denn eine Reise zur außerordentlichen Versammlung nach München konnte er, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes, nicht antreten.

Als aber der Vertreter von "Donauland" im Dezember auf der Durchreise nach München war, fand sich Stüdl am Bahnhof in Salzburg ein, um ihm Mut zuzusprechen und versicherte ihn seiner besten Wünsche.

"Donauland" ausgeschlossen.

Es nützte nichts! In einer außerordentlich stürmisch verlaufenden Sitzung wurde die Sektion Donauland ausgeschlossen.

Auf der Rückfahrt empfing Stüdl den Vertreter des - nunmehr wieder "Alpenverein Donauland" genannten Vereines mit Tränen in den Augen und bekannte bitter: "Ich kann's Ihnen nicht sagen, wie leid mir das tut und wie empört ich darüber bin!" Nach München schrieb er: "Das himmelschreiende Unrecht, das der Hauptausschuss in seiner törichten Angst vor dem Terror ... und die irregeleiteten, verhetzten, nicht genügend orientierten Sektionen ... begehen, wird dem Alpenverein nicht der Frieden, sondern den Fluch der bösen Tat bringen".

Die Geschichte sollte ihm recht geben. Das Schicksal ersparte ihm die Bestätigung, denn, nicht einmal 2 Monate später, schloss er seine Augen für immer.

Der Alpenverein Donauland widmete seinem Ehrenmitglied schon 3 Tage später, am 1. Feber 1925 in den "Donauland-Nachrichten, Zeitschrift des Alpenvereins Donauland" einen tief empfundenen Nachruf, eine fundierte Lebensbeschreibung, sowie in mehreren Kapiteln eine ausführliche Würdigung seiner Leistungen für den Alpenverein und die alpine Sache ganz allgemein.

Auf der Seite > "Lesestoff / Donauland / Nachruf" finden Sie eine Abschrift all dieser Texte.

 

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Sein Tod bedeutete für diese Sektion tatsächlich einen schweren Verlust, ...
... was auch in diesem berührenden Nachruf zum Ausdruck kam. Eine ausführliche Beschreibung von Johann Stüdls Lebenslauf ergänzte die Berichterstattung.