Unterschiede

Die in den Statuten genannten Ziele des DAV waren denen des ÖAV durchaus ähnlich. Beide legten Wert auf wissenschaftliche Erforschung der Gebirge, auf Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Forschungen in den Vereinspublikationen, auf Vorträge und künstlerische Arbeiten. Beide hatten auch den Kontakt der Mitglieder untereinander durch Zusammenkünfte und gemeinsames Reisen in den Statuten verankert, und die Erleichterung von Reisen ins Gebirge durch bessere Wege, die Errichtung von Hütten, sowie die Verbesserung des Führerwesens zum Ziel.

Der Österreichische AV hatte sich aber durch seine zentralistische Führung selbst Fesseln angelegt, und war daher gar nicht in der Lage in den entlegenen Dörfern nennenswerte Verbesserungen zu erreichen. Er verlegte sich deshalb mehr und mehr auf den wissenschaftlich-literarischen Aspekt und beschränkte sich bei der praktischen Seite der Vereinsaufgaben auf Eingaben an Behörden und allenfalls kleinere Spenden. Hütten- und Wegebauten erfolgten fast ausschließlich durch Privatinitiativen der Mitglieder.

Der DAV, durch seine wachsende Anzahl an Sektionen, die sich ihre "Arbeitsgebiete" in den Alpen wählten, und bald in regem Wetteifer untereinander standen, entwickelte in kürzester Zeit eine fast unglaubliche Bautätigkeit. Bis Ende 1876 waren 26 Hütten errichtet worden, weitere 6 wurden gerade gebaut oder waren projektiert. Zumindest bis zu den Hütten wurden auch die Wege verbessert, oft auch von dort zu den umliegenden Gipfeln neu angelegt. 

Organisation des Führerwesens

Auch die Organisation des Führerwesens wurde im DAV nun entschlossen in Angriff genommen, wobei Johann Stüdl dabei eine führende Rolle zukam. Er überzeugte schon 1869 die Bergführer in Kals von den Vorteilen eines Zusammenschlusses und verfasste selbst die Statuten für den 1. Bergführerverein der Ostralpen, welche in der Folge Vorbild für alle weiteren Führervereine in der Monarchie wurden.

Im Tiroler Ötztal hatte Franz Senn ähnliche Bestrebungen in Gang gesetzt, und mit großem persönlichem Einsatz erreichte er - gemeinsam mit Stüdl - die Genehmigung einer 18 Punkte umfassenden Führerverordnung für ganz Tirol und Vorarlberg durch die Statthalterei in Innsbruck, erlassen am 4. September 1871. In seinen Briefen an Johann Stüdl hat Senn wiederholt dieses Thema angeschnitten. Besonders ausführlich im Schreiben vom 23. 11. 1871. Siehe: > "Lesestoff / Briefe von Franz Senn an Johann Stüdl"

Obwohl der wirtschaftliche Aufschwung durch den einsetzenden Tourismus in den Talorten bald spürbar wurde, gab es bei der Bevölkerung oft wenig bis gar kein Interesse, die Aktivitäten des Alpenvereines zu unterstützen. Johann Stüdl beklagt dies in seinem Aufsatz "Über Hüttenbau" wie folgt: "Leider fehlt es in manchen Orten an der nöthigen Einsicht und an verständnisvollem Entgegenkommen von Seite der betreffenden Thalbewohner. Statt unsere Zwecke zu fördern, legt man uns so manche Hindernisse in den Weg und es macht sich Indolenz, Engherzigkeit und Missgunst gar oft geltend." Dabei profitierten die Menschen in den Bergdörfern nicht nur durch den zunehmenden Fremdenbesuch, sondern ganz konkret durch materielle Zuwendungen von den Mitgliedern der Sektionen.

 

Die Frauen im Alpenverein

Beiden Alpenvereinen gehörten von Anfang an auch Frauen an. Schon bei der Gründung der Sektion München gleichzeitig mit dem Gesamtverein, zählte diese Sektion 46 Damen zu ihren Mitgliedern, wobei etwa die Hälfte Ehegattinnen der männlichen Mitglieder waren. Gerade die Damen des Vereines im DAV entwickelten emsige Tätigkeit um Care-Pakete mit selbst-Gestricktem und -Genähtem und anderen Liebesgaben zu füllen und an arme Familien im jeweiligen Betreuungsgebiet der Sektionen zu senden. Nach schweren Unwettern, Lawinenabgängen oder Vermurungen wurden auch Sammlungen durchgeführt, um finanzielle Hilfestellung geben zu können.

Auch der technische Fortschritt hielt in den Tälern Einzug. Bessere Herde, Kohlebügeleisen und Kochrezepte für die Wirtinnen, Rucksäcke statt der unpraktischen Kraxen (Foto), Sturmlaternen, Steigeisen und Pickel, Schneebrillen und bessere Seile, sowie Kartenmaterial und Fachbücher für die Führer; für alle diese Herrlichkeiten sorgten die Mitglieder der Sektionen in ihrem jeweiligen Arbeitsgebiet.

Viele Damen waren aber auch hervorragende Alpinistinnen, wie zum Beispiel die "Geogräfin", Hermine Gross, verh. Kmoch, die Stüdl häufig auf seinen Bergfahrten begleitete. Sie war "Bevollmächtigte" des ÖAV in Wels und gründete dort - mit Billigung durch den Vorsitzenden des ÖAV  Dr. Anton von Ruthner - eine "Filiale" der Sektion Prag des DAV, die sich nach ihrer Verehelichung und Übersiedlung nach Prag (später Graz) zwar auflöste, zweifellos aber die Vorläuferin der 1882 gegründeten Sektion Wels des DuÖAV war. Siehe auch > "Der Alpenverein / Die Sektion Prag".

Geselligkeit

Auch das gesellige Leben in den Sektionen entwickelte sich positiv. Es wurden Vereinsabende mit Erfahrungsaustausch und Vorträgen abgehalten, und nach Vollendung von Hütten- und Wegebauten gab es nicht selten fröhliche Feiern auf der Hütte selbst, oder auch am Sektionsstandort.

Im ÖAV hingegen fand das Vereinsleben - wenn überhaupt - fast ausschließlich in Wien statt.

Gravierend wirkte sich die Wien-Lastigkeit bei der Wahl der Ausschussmänner aus, die bei jeder Jahresversammlung mittels Stimmzettel bestimmt wurden. Für auswärtige Mitglieder war es schwierig bis unmöglich, an der Wahl teilzunehmen. Daher waren beispielsweise 1869 von mehr als 1200 Mitgliedern des ÖAV nur 48 an der Wahl beteiligt.

Relativ bald erkannte man in Wien, dass die zentralistische Organisation tatsächlich eine Schwachstelle des Vereines war und versuchte durch den Einsatz von "Bevollmächtigten" in den anderen Kronländern bzw. in Deutschland diesem Mangel entgegenzuwirken. Diese informierten über den Verein, warben Mitglieder an und fungierten als Ansprechpartner für die in ihr Gebiet reisenden Mitglieder. Gelegentlich kam es auch zur Bildung von "Filialen", die allerdings - abgesehen von gesellschaftlichen Kontakten - mit Sektionen nicht wirklich vergleichbar waren.

Obwohl nach der Gründung des DAV ein beträchtlicher Teil der ÖAV-Mitglieder nunmehr der Sektion Wien des Konkurrenzvereines angehörten sank die Mitgliederzahl nur unwesentlich. Viele hatten trotz der Mitgliedschaft im DAV jene im ÖAV nicht gelöscht, und es gab auch weiterhin Neuaufnahmen im ÖAV.

Forschung und literarische Arbeit

Den Schwerpunkt der Vereinsarbeit im ÖAV bildete nach wie vor die Forschung, und damit zusammenhängend die Vereinsschriften, allen voran das regelmäßig erscheinende Jahrbuch. Zwei Drittel des Gesamtbudgets wurden für Publikationen verwendet.

War es am Anfang oft schwierig, aus der Fülle der Einsendungen die richtige Auswahl zu treffen, und gab es nicht selten Unstimmigkeiten, weil vorgelegte Artikel wegen Platzmangels zurückgewiesen werden mussten, so kehrte sich dies nach der Vereinsgründung in München ins Gegenteil, denn auch der DAV brachte mit seiner jährlich erscheinenden "Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins" eine viel beachtete Publikation heraus.

Zusätzlich konnte der Österreichische Touristenclub mit seiner Publikation "Der Tourist" als Konkurrenz betrachtet werden. Zunehmend wurde es nun schwieriger für den ÖAV, qualifizierte Beiträge für die Veröffentlichung im Jahrbuch zu erhalten, und es kam die berechtigte Sorge auf, den hohen Standard nicht halten zu können.

Waren die beiden Alpenvereine auch Konkurrenten, so gab es doch viele Gemeinsamkeiten und auf beiden Seiten standen Männer, die bemüht waren, die Gegensätze zu überbrücken und gemeinschaftlich zu handeln. Karl Hofmann z.B. war im September 1869 nach seinen Glocknerfahrten mit Johann Stüdl nach Wien aufgebrochen, um neuerlich eine Einigung zu versuchen. Obwohl es ihm stets gelang mit seinem sonnigen Wesen und der liebenswürdigen Art die Menschen für sich einzunehmen, erreichte er sein Ziel, die Fusionierung der beiden Vereine, damals noch nicht. Ein Jahr später starb er durch eine Kugel im Deutsch-Französischen Krieg.

 

Weiter: > "Gemeinsam - DuÖAV"

Die schweren, sperrigen Buckelkörbe wurden nach und nach durch praktische Rucksäcke ersetzt.
Das "Ballfest im Zillerthal", Sektion Prag 1886.