Abschied von Prag

Johann Stüdl an seine Enkelin Ilse Reinitzer: 23. Jänner 1919 "... Du fragst, wie es mir geht. Man lebt in ewigen Sorgen und Bedrücktheit. Heute fährt Gusti (Stüdls Schwiegertochter) nach Salzburg, um sich ihren Kauf gründlich anzusehen. Es ist diese Verkaufsabsicht des Max und Gusti mir ein Damoklesschwert über dem Haupte. Jeden Augenblick gefaßt zu sein, väterliches Heim, das ich mir eingerichtet und verbessert habe zu verlassen, ist sehr bitter."

4. Feber 1919 "...Du wirst durch Mama erfahren haben, daß Max in Salzburg sich ein Gasthaus mit einer gut-gehenden Weinstube gekauft hat und trachtet, von Prag bald weg zu kommen. Es ist dadurch meines Bleibens in Prag auch nicht mehr sehr lange. Sobald ich das Haus und Geschäft verkauft haben werde, ziehe ich nach Salzburg oder Graz. Dadurch erwachsen mir sehr große Sorgen. Ich trenne mich doch nicht so leicht von Prag. Hier habe ich das Grab meines Mütterleins (gemeint ist die Gattin), die Stadt, das Haus, wo ich geboren bin und erzogen wurde, wo ich geheiratet, meine Kinder großgezogen habe; diese schöne, malerisch gelegene Stadt soll ich nun verlassen - für immer ! Ich denke an den Spruch: 'Einen alten Baum soll man nicht übersetzen'. Allerdings machen die Cechen uns Deutschen die Wegreise leicht, aber eingewöhnen werde ich mich anderswo nicht so bald!."

Tatsächlich hatten Sohn Max und Schwiegertochter Auguste beschlossen, mit ihren Kindern Prag zu verlassen; nicht nur, weil die wirtschaftlichen Perspektiven für die Weinstube und das Geschäft sehr schlecht aussahen, sondern vor allem, weil in Prag deutschen Schulen (unmittelbar nach Gründung der Tschechischen Republik) verboten waren, es den Eltern von 3 Kindern aber wichtig erschien, dass der Unterricht in der Muttersprache erfolgte. (Später wurden Deutsche Schulen zwar wieder zugelassen, aber Tschechisch als Pflichtfach eingeführt.)
  

Max und Auguste Stüdl hatten im Oktober 1918 in Stockwinkel am Attersee ein Ferienhaus gekauft. Daher suchte man, im nahe gelegenen Salzburg, nach einem neuen Wohn- und Berufsstandort.

Mit dem Gasthof "Zur Goldenen Birne", zwischen der Salzach und der Judengasse gelegen, hatten sie das Richtige gefunden. Am 10. Jänner 1919 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Schon im Februar übersiedelte die junge Familie in ihr neues Domizil.

Nun war auch für den beinahe 80-jährigen Vater die Zeit gekommen, um von Prag Abschied zu nehmen und seinen Kindern nach Salzburg zu folgen.

Er verkaufte das Haus mit dem Geschäft an Rudolf Rochl, der, wie wir dem nebenstehenden Zeitungsinserat entnehmen können, den Firmennamen (JAN = Johann) STÜDL beibehielt, hatte doch dieser Name nach wie vor einen guten Klang in Prag. Darunter finden wir den neuen Besitzer (NÁSTUPCE = Nachfolger) RUDOLF ROCHL. Der weitere Text bis zur Adresse lautet: "Geschäft für Kolonialwaren, Delikatessen, Tee, Kaffee und Wein".

Dieses Foto zeigt die Eltern von Stüdls Nachfolger Rudolf Rochl und vermutlich dessen Tochter Zdena. Frau Zdena Černicka (rechts im Bild) war so freundlich, anlässlich der Ausstellung "Johann Stüdl Visionär und Erschließer der Alpen" vom 21. November 2013 bis 23. Jänner 2014 in Prag, die hier gezeigten Unterlagen an die Autorin dieser Homepage zu übergeben. 

 

 

"Der Stüdl" war in Prag eine Institution gewesen. Wenn das Geschäft auch weiterhin seinen Namen trug, so stimmte es viele Menschen wehmütig, ja traurig, dass  die Familie weggezogen war.

Das Feulleton in der Nr. 140 "Neues Wiener Tagblatt" vom 22. Mai 1919 hält diese Stimmung recht anschaulich fest:

Stockwinkel am Attersee
Gasthof "Birne" in Salzburg.
Auch auf diesem Papier-Sackerl blieb der Name Stüdl dominant.
Frau Zdena Černicka, Tochter von Rudolf Rochl übergab die hier gezeigten Unterlagen an die Verfasser dieser Homepage.
Ganz anders, als der nebenstehende Artikel von 1919, der fast einem Nachruf gleichkommt, liest sich der folgende Beitrag aus dem Prager Tagblatt von 1925:
"Prager Tagblatt" Nr. 27 vom 31. 1. 1925.