Ein Haus mit großer Geschichte

Das Haus am Kleinseitener Ring 271 - von Stüdl oft als düster und drückend beschrieben, hat eine lange und bedeutsame Geschichte:

Schon im 14. Jahrhundert, genau um 1398 wird es als Eigentum des St. Thomas Klosters erwähnt.

Das ehemalige Stüdl-Haus wird überragt von der mächtigen St. Thomas-Kirche.

1420 ging es in den Besitz des Stadtschreibers Wenzel Bitova über. Während der Hussitenkriege wurde es niedergebrannt.

Wenzel Bitova baute das Haus wieder auf, und schenkte es 1436 der neuen "Kleinen Stadt Prag" (später "Kleinseite"), die dort ihr Rathaus einrichtete. Aus dieser Zeit stammen die beiden Gefängnisräume im Innenhof. An der Türe des einen ist der böhmische Löwe und im Hintergrund der Turm der ehemaligen Festung aus dem Jahre 1257 zu sehen.

Diese Tafel am ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Stüdl erinnert an die Zeit, als es noch Rathaus der "Kleinen Stadt" (später "Kleinseite") war.

Die Gemeinde verkaufte dann das Gebäude und verlegte das Rathaus in das heutige Kleinseitner Gesellschaftshaus.

Bis 1501 besaß es der bekannte Bürger Nikolas Rai, der im Keller des neuen Rathauses hingerichtet wurde.

1503 gab es in der Kleinseite eine gewaltige Feuersbrunst, der auch die Häuser am Kleinseitner Ring zum Opfer fielen.

Der Schleifer Duchek errichtete hier und auf der Brandstätte nebenan ein neues Haus, das bis 1723 einstöckig war. Später erwarb es der Bauherr Dominik Bossi. Seine Witwe verkaufte es 1652 an den Wachszieher Vorlov.

3 Jahre hatte es der Geschäftsmann Peroni, nach ihm die Familie Siska und von 1732 bis 1741 bewirtschaftete hier die Familie František Sigk das Gasthaus "Zu den 3 Bären" (später in Verbindung mit dem Nachbarhaus "Zum weißen Ochsen" umbenannt).

Am 8. April 1741 erhielt "Johann Gottlob Zimmermann, bürgerlicher Kauf- und Handelsmann" die Berechtigung, "zur Kauff und Handelschafft, mit Haltung eines offensichtlichen Handels=Gwölb in der königl. Kleinen Stadt Prag in drittseitigen Hauß, an Ring ... zu offenen Handel und Wandel, nach Kauffmanns Gebrauch zu führen..." (siehe Legitimationsschein vom 8. April 1741) Er erwarb das Haus 1757.

Jacob Schoffo führte nach dem Tode des Johann Zimmermann das Geschäft für dessen Witwe. Er ehelichte deren älteste Tochter und wurde, in Übereinstimmung mit den übrigen Erben, Eigentümer des Unternehmens. Er erbot sich aber, den jüngsten Sohn seines Schwagers, Anton Zimmermann in das Geschäft aufzunehmen, und künftig als "Schoffo und Zimmermann" zu firmieren. (siehe Brief des Schoffo vom 2. Oktober 1779)

Am 15. September 1785 erhielt auch Jakob Schoffo die Legitimation zur Führung des Geschäftes. Schoffo und später sein Nachfolger Johann Hawranek waren bereits Lieferanten der kaiserl. Höfe von Maria Theresia, Josef II, Leopold II und Franz I. Hawranek belieferte außerdem den königlichen Haushalt des sächsischen Hofes, als dieser 1813 in Prag weilte.

Dieses gut eingeführte, renommierte Geschäft übernahm 1845 Andreas Stüdl, Johanns Vater. 1866 kaufte er auch das Haus.

Ein Gewölbe im Inneren des Hauses mit vielen Unterschriften an den Wänden lässt den Schluss zu, dass hier oftmals fröhlich gefeiert wurde. Vater Andreas Stüdl war offensichtlich ein fröhlicher, weltoffener und geselliger Mensch. Sein Tod 1858 hinterließ wohl eine gewaltige Lücke, die zu füllen Gattin Antonia kaum imstande war, hatte sie doch noch 3 unmündige Kinder (Klothilde 17 J, Karl 12 J. und Franz 9 Jahre alt) zu versorgen, während der Älteste, Hans (19 Jahre alt) im fernen Dresden studierte.

"A. C. Stüdl's Wwe." versuchte auch mit dem Geschäft über die Runden zu kommen, doch war sie damit bei Weitem überfordert. Der Einkauf im Ausland stagnierte, Angestellte bereicherten sich, Kunden blieben aus. Der Bruder sah die Schwierigkeiten und holte Hans zurück nach Prag. Pflichtbewusst führte dieser zunächst das Geschäft für seine Mutter und brachte bald den Erfolg zurück, bis er schließlich 1872 selbst Eigentümer wurde.

Aufnahme von 2008
Das Haus - rechts im Bild - liegt sehr zentral. Hier der Blick zur Karlsbrücke. Aufnahme um 1915.
Das alte Haus, mit seinen Gewölben und - hier im Bild - den ehemaligen Gefängniszellen, empfand Johann Stüdl als düster und bedrückend.
In einem niederen Raum im 1. Stock des Hauses befindet sich dieses Gewölbe mit Signaturen; u.A. auch von Andreas Stüdl und seinem Bruder Pius.