In schwerer Zeit

Grund zum Feiern gab es bald nicht mehr für Johann Stüdl. In Prag radikalisierten sich zunehmend die nationalen Gegensätze, wie das Nationalitäten-Problem in der gesamten Donaumonarchie drängend wurde. (siehe > "Lesestoff / Fachbereichsarbeit von Anja Heidenberger / Das Schicksal der Sudetendeutschen", Seite 4)

Dabei war Stüdl alles andere als ein Nationalist. Deutschtümelei war ihm ebenso zuwider, wie die Abneigung der tschechischen Mitbewohner gegen alles Deutsche.

In einem Brief an seinen Freund Karl Hoffmann tritt diese Haltung klar zutage: "... dass doch alle der Teufel lothweise holen möchte, die in Jegliches und Alles nationale Tendenzen hineinlegen, und damit auch in anderen Vereinen solche heraufbeschwören wollen, oder zu wittern glauben, die doch mit all diesen nationalen Reibungen nicht den entferntesten Zusammenhang haben. Ich habe mir sofort vorgenommen, nur solche Mitglieder und deren Gewinnung (für die Sektion Prag) im Auge zu haben, denen das Wort 'Deutsch' kein Greuel ist. Dadurch entgehen allerdings einige Alpenkenner und Alpenfreunde der Prager Section, doch tröste ich mich, dass ihre Liebe zu den Bergen unmöglich so groß sein kann, wenn sie so kleinherzlich denken ..."

Anlass für diesen Ausbruch war Herr Moritz Umlauft, der "... sonst ein guter Bergsteiger ..." Protest eingelegt hatte gegen die Bezeichnung "Deutscher Alpenverein", wie auch "deutsche Gaue" oder "Deutsche Alpen".

Die weitere Entwicklung zeigte, dass Umlauft (Foto) einer der wichtigsten Proponenten der Sektion Prag wurde, und mit Freund Stüdl auch gemeinsame Bergtouren unternahm. (siehe > "Der Bergpionier / Eduard Richter")

Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch der Hinweis, dass Johann Stüdls Bruder Karl Mitglied des panslawistisch orientierten "Sokol"  (=Turnervereinigung. Siehe > "Lesestoff / Fachbereichsarbeit von Anja Haidenberger / Das Schicksal der Sudetendeutschen", Seite 5) und "Director der Cechischen Nationalbank" war.

Stüdl und seine Geschwister waren ja in einer Zeit groß geworden, in der Tschechen wie Deutsche einfach Böhmen waren, und zwar im besten Sinne des Wortes. Die Prager Deutschen fühlten weniger österreichisch, fanden sich eher von der Wiener Regierung im Stich gelassen und richteten ihr Augenmerk schon deshalb verstärkt auf die eigene böhmische Heimat.

Zudem war Stüdls Wesen überhaupt nicht auf Konfrontation ausgerichtet. Er war liebenswürdig, verbindlich, hilfsbereit und in seiner ganzen Einstellung überaus liberal. Trotzdem wurden er und sein Sohn plötzlich mit gehässigen Anzeigen eingedeckt. Meist ging es um angebliche Überschreitungen der Öffnungszeiten. Wenn diese auch nicht bewiesen werden konnten und es auch nie zu einer Verurteilung kam, so bedeutete es doch unnützen Ärger, unnötige Wege und verlorene Zeit.

Auch im Geschäftsverkehr machte sich das Gegeneinander zwischen den beiden Volksgruppen immer stärker bemerkbar. Tschechen wollten (oder sollten) nicht mehr in deutschen Geschäften einkaufen, tschechische Händler und Bauern nicht mehr an Deutsche liefern.

Dazu kam, dass sich die wirtschaftliche Situation der Monarchie insgesamt ständig verschlechtert hatte, und nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde sie schlichtweg katastrophal.

Aus der Zeit von Jänner 1917 bis Feber 1919 sind etliche Briefe von Johann Stüdl an seine Enkelin Ilse Reinitzer erhalten, mit der Stüdl in regelmäßigem Briefwechsel stand.

Er nahm regen Anteil am Wohl und Wehe des "herzliebsten Ilserl", die damals in Wien eine Schule für Gartenbau besuchte und im angeschlossenem Internat lebte, während die Eltern und Geschwister in Graz zu Hause waren.

Gleichzeitig war dieser Briefwechsel aber auch eine Möglichkeit für den Greis (Stüdl war damals beinahe 80 Jahre alt) sich seine Sorgen ein wenig von der Seele zu schreiben.

Oft ging es dabei um die gesundheitlichen Probleme seiner Gattin (siehe > "Die Familie / Gattin Hermine") oder seines Sohnes Max (siehe > "Die Familie / Max") und dessen Familie.

Aber auch die Schwierigkeiten im Geschäft sprach er immer wieder an. (siehe nebenstehende Briefausschnitte.)

Der Mangel an lebensnotwendigen Gütern betraf aber nicht nur das Geschäft. "Habt Ihr auch so große Kohlennot?" fragte Stüdl seine Enkelin in seinem Brief vom 7. November 1917, und weiter: "Hier ist es ganz entsetzlich. Wir heizen nur das Schlafzimmer, wo wir auch speisen und schreiben, kurz uns aufhalten..." Dabei war der Vater von Stüdls Schwiegertochter (Rudolf Northoff) Kohlenhändler in Prag!

Nicht zuletzt waren aber auch die politischen Verhältnisse und der Fortgang des Krieges dazu angetan, den alten Mann in tiefste Verzweiflung zu stürzen: "Die politischen und Kriegsverhältnisse machen sich auch geltend und sind uns darin schlimme Zeiten voll Sorge beschieden. Eine traurige Zukunft für mich alten Mann, der der Ruhe endlich bedarf, und diese mir nicht beschieden ist. Mir täte nur das Ausruhen in der Ewigkeit am wohlsten."

Nein, noch gab es kein Ausruhen für ihn, sondern noch mehr Kummer und Schmerz:

Mit diesem Telegramm vom 18. 10. 1918 informierte Stüdl seine Enkelin Ilse vom Ableben der Großmutter. (Mehr darüber siehe: > "Die Familie / Gattin Hermine")

Fast zur selben Zeit war auch der 1. Weltkrieg verloren, und das Schicksal der Monarchie besiegelt. Österreich wurde Republik. Am 28. Oktober wurde in Prag ein Nationalrat einberufen und ein unabhängiger tschechoslowakischer Staat proklamiert. (Siehe > "Lesestoff / Fachbereichsarbeit von Anja Haidenberger / Das Schicksal der Sudetendeutschen" Seite 8)

Wieder gibt uns ein Brief Stüdls an seine Enkelin Aufschluss über die Lage: "17. 11. 1918: Hier in Prag geht es sehr lebhaft einher ... Der Jubel der Cechen hat keine Grenzen. Wie uns Deutschen dabei zumute ist, kannst Du Dir wohl denken."

Die tschechische Bevölkerung in Prag feiert die Gründung der Tschechischen Republik während die Deutschen der Zukunft mit Sorge entgegensehen.

Mit dem Ende des 1. Weltkrieges und dem Zerfall der Monarchie gab es auch keine Hoftitel mehr. Stüdl behalf sich zunächst mit Durchstreichen bzw. Überkleben der nunmehr verbotenen Bezeichnungen. Später ließ er ein einfaches Geschäftspapier drucken. Die ausrangierten Briefbogen verwendete er noch nach Jahren für den privaten Briefverkehr.

 

Weiter: > "Abschied von Prag" 

Nach anfänglichen nationalistischen Vorbehalten, wurde Moritz Umlauft ein sehr aktives Mitglied der Sektion Prag des D.u.Ö.AV. und Freund und Tourengefährte von Johann Stüdl.
Brief von Johann Stüdl an seine Enkelin Ilse Reinitzer vom 30. 4. 1918. Im Briefausschnitt folgender Text: "Im Geschäft habe ich große Sorgen, da keine Ware zu bekommen ist. Die man haben könnte, ist entzetzlich teuer ..."
26. 7. 1918: "Die Sorgen ... um das Geschäft bedrücken mich sehr, da gar so wenig Artikel zu haben sind und man den Laden so schrecklich leer an Waren und Kundschaften hat. Ich habe zwar nur die Hälfte des Personals; auch das hat nicht viel zu tun!"
28. 9. 1918: "In größter Sorge sind wir jetzt ob der schlimmen Situation in Bulgarien ... Wir Deutschen leben wie auf eiinem Vulkan, der uns jeden Augenblick vernichten kann."
28. 9. 1918: "Im Geschäft geht es immer flauer. Es sind immer weniger Artikel zu haben. Eine sorgenvolle Zeit."
"k.u.k." gab es nicht mehr, nach dem Zerfall der Monarchie. Es war auch untersagt, diese Bezeichnungen in der Tschechischen Republik weiter zu verwenden. Stüdl behalf sich zunächst, indem er die inkriminierten Stellen einfach überklebte oder durchstrich.
Kurze Zeit, ehe er sein Geschäft auflöste, verwendete Stüdl noch dieses einfache Briefpapier.