Max

Am 6. August 1878 kam schließlich der Stammhalter, Sohn Max auf die Welt, der sich bald zum Liebling der ganzen Familie entwickelte.

Unten links: das Taufmatrikelbuch der Pfarre St. Nikolaus in Prag des Jahres 1878
mit dem Eintrag von Max Stüdls Geburt und Taufe in der vorletzten Rubrik.

Hier der entsprechende Ausschnitt mit teilweiser Textabschrift:

Nun, da drei Kinder das Haus bevölkerten, versuchte auch Vater Hans mehr Zeit daheim zu verbringen. Die Phase der extremen Bergfahrten war vorbei, und wenn er jetzt in die Alpen fuhr, tat er dies fast ausschließlich im Dienste des Alpenvereines, um Führerversammlungen abzuhalten, Hütten zu inspizieren bzw. Baugründe für neue Hütten auszumachen und gegebenenfalls den Bau von Hütten zu überwachen.

Schule und Beruf

1888
1897

Nach dem Abschluss von 5 Klassen Volksschule in Prag, trat Max zunächst in die Realschule in Prag ein, und wechselte nach 2 Jahren in die Staats-Realschule in Salzburg, die er 3 Jahre lang (Herbst 1891 bis Sommer 1894) besuchte.

Zurück in Prag absolvierte er dort die 3-klassige Handelsschule und trat am 15. 9. 1897 als Volontär in das väterliche Delikatessen-Geschäft in der Prager Kleinseite ein.

Von September 1898 bis Oktober 1899 war er Volontär bei der Firma Kattus in Wien, und kehrte dann als Prokurist wieder in das Stüdl'sche Geschäft zurück.

1914 eröffnete er im selben Haus eine Weinstube, die anfangs erfolgreich geführt werden konnte, später durch die Kriegswirren aber keine Gewinne mehr brachte. 

Max Stüdl hatte einiges vom Pioniergeist und auch das Organisationstalent seines Vaters geerbt.

Selbstverständlich war er Mitglied des Alpenvereines. Er war nicht nur ein exzellenter Felskletterer, sondern auch in vielen anderen Sportarten sehr bewandert.

Der begeisterte Ruderer stand lange als Obmann an der Spitze des Prager Rudervereines "Regatta". Mit ebenso großem Enthusiasmus huldigte er der jungen Sportart des Schneeschuhlaufens (= Schifahren) und gründete in Prag den Deutschen Schneesportverein, dessen Obmann er mehr als 10 Jahre lang, bis zu seiner Übersiedlung nach Salzburg (1919), war.  

Auch in der Mozartstadt gehörte er bald als Funktionär dem Salzburger Skiklub an. Darüber hinaus "machte er sich", so lesen wir im Nachruf einer Salzburger Zeitung, "auch um die Förderung des gerade in den letzten Jahren emporblühenden Fußballsportes verdient."

Nicht zuletzt war er ein ambitionierter Tennisspieler und daher auch Mitglied im Tennisclub von Prag, später auch in Salzburg.  

Schwere Krankheiten

Allerdings - auch hier eine Parallele zum Vater - hatte er immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die jedoch wesentlich gravierender waren und derentwegen er die sportlichen Aktivitäten zunehmend einschränken musste.

1907 stellten die Ärzte fest,dass die ständigen Nierenschmerzen schwerwiegende Ursachen hatten und eine Operation unumgänglich war. Zunächst stellte sich auch eine Besserung ein, doch das Attest von Dr. Arthur Götzl aus dem Jahre 1915 (nebenstehend) weist auf weitere Komplikationen hin.

Im Herbst 1918 erkrankte Max lebensgefährlich an einer Lungenentzündung. Im Brief vom 6. Oktober 1918 teilte Johann seiner Enkelin Ilse mit, welche Sorgen ihn bedrückten: "In erster Reihe die schwere Erkrankung meines Sohnes Max an einer sehr heftigen epidemischen Grippe. Eine teilweise Lungenentzündung hat diese Krankheit für ihn lebensgefährlich gemacht ..." und weiter: "Zu diesem kommt auch die Sorge um die Großmama, die besonders heute sich recht schwach fühlt und zu Bett geblieben ist. Das wird wieder eine Verschlimmerung ihres Zustandes zu bedeuten haben, sonst wäre sie nicht zu Bett gegangen, wenn sie sich halbwegs kräftig fühlt."

Max Stüdl überwand seine schwere Krankheit, doch kaum war er genesen, starb Hermine Stüdl am 17. Oktober 1918.

Gusti

Noch jemand machte sich wegen Max' schwerer Krankheit große Sorgen: Gusti, seine Gattin.

Auf einem "Alpinen Kränzchen" der Sektion Prag des DuÖAV hatten sich Max Stüdl und Auguste Northoff, Gusti, wie sie allgemein genannt wurde, kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick und schon am nächsten Tag trafen bei der jungen Frau Rosen und der erste Liebesbrief ein.

Im Mai 1909 wurde Verlobung gefeiert und noch im selben Jahr, am 16. September gab es die Hochzeit.

Baby Gusti 1887
Der Teenager, Auguste Northoff um 1900

Auguste Stüdl war das 4. von 6 Kindern des Ehepaares Rudolf Northoff und Franziska geb. Exner.

Rudolf Exner war Kohlenhändler und außerdem 35 Jahre lang Rechnungsprüfer der Sektion Prag des DuÖAV. Es war also kein Zufall, dass sich Gusti und Max bei einem Alpenvereins-Fest kennenlernten.

 

 

Aufgewachsen ist Gusti aber nicht bei ihren Eltern, sondern beim Bruder ihrer Mutter, Hugo Exner und dessen Frau Franziska (geb. Hiessberger) in Purkersdorf bei Wien.

Die Hochzeitsreise, Start einer sehr glücklichen Beziehung, führte ins Berchtesgsadener Land, wo zwei Watzmann-Touren und zwei Kar-Wanderungen auf dem Programm standen. Weiter ging es zum Segeln an den Gardasee und schließlich nach Venedig zum Baden in der Adria.

Um das Glück perfekt zu machen, wuchs die junge Familie. Zunächst kam am 18. 6. 1810 Sohn Hansmax auf die Welt. Es folgten am 26. 6. 1913 Wolfgang (Wolf) und am 7. 1. 1917 Gertraud (Traute).

1917 kam Traute. Da war die Familie komplett.

Doch das Glück ist ein Vogerl ...

Der verlorene 1. Weltkrieg brachte den Zerfall der Monarchie und die Errichtung der Tschechischen Republik, mit der Folge, dass für die Prager Deutschen das Leben zunehmend schwieriger wurde.

Mehr über das Schicksal der Sudetendeutschen (und Prager Deutschen) lesen Sie in der gleichnamigen Fachbereichsarbeit von Anja Haidenberger. > "das Schicksal der Sudetendeutschen" Wir danken Frau Haidenberger für die Zustimmung zur Veröffentlichung ihrer Arbeit im Rahmen dieser Homepage. Die geehrten User finden darin interessante Hintergrundinformationen über die Entwicklungen im heutigen Tschechien und der Slowakei, die das weitere Leben von Johann Stüdl und seiner Familie entscheidend beeinflussten.  

Zunächst hagelte es Anzeigen wegen nicht eingehaltener Geschäftszeiten (das Delikt wurde aufgrund von Lichtschein  unter den Türen angenommen). Auch wenn diese behördliche Willkür keine Folgen zeitigte, weil ein tatsächliches Vergehen nie nachgewiesen werden konnte, so war es doch unangenehm, kostete Zeit und unnötige Wege.

Viel gravierender für die junge Familie war, dass es nun keine deutschsprachigen Schulen mehr geben durfte. Max und Gusti Stüdl hatten inzwischen 3 Kinder, die Söhne Hansmax und Wolf sowie das Töchterchen Traute. Die Eltern fanden es wichtig, dass  die Erziehung der Kinder in der Muttersprache erfolgte und so beschlossen sie, Haus, Geschäft und Weinstube in Prag zu verkaufen und nach Salzburg zu übersiedeln, wo Max Stüdl das Gasthaus "Zur Goldenen Birne" in der Judengasse erwerben konnte.

Der Vater, Johann Stüdl schrieb an seine Enkelin Ilse in Wien: 

23. Jänner 1919

Nur 10 Tage später, schüttete Stüdl erneut seinem "herzliebsten Ilserl" das Herz aus:

4. Feber 1919

Max und Gusti gingen nun mit Eifer daran, das etwas heruntergekommene Haus zwischen Judengasse und Rudolfskai in Salzburg zu renovieren und für Gäste noch attraktiver zu machen. 

Schon vor der Übersiedlung nach Salzburg hatte sich das Ehepaar Stüdl ein kleines Anwesen in "Stockwinkel" zwischen Nussdorf und Unterach am Attersee gekauft.

Stockwinkel am Attersee

Hier verbrachten sie erholsame und glückliche Stunden. Hier konnten sie entspannen nach dem anstrengenden Gasthaus-Trubel; und hier konnten sie ihre Sorgen vergessen, denn Weltwirtschaftskrise und Inflation hatte inzwischen auch Salzburg erreicht.

Gerade hier aber lauerte das größte Unglück für die junge Familie: Eine leichte Erkältung - vielleicht bei einer Segeltour aufgefangen - machte Max im September zu schaffen. "Auch die Stockwinkler Sonne brachte nur wechselnd Besserung" schrieb Gusti in ihr Tagebuch - und weiter: "In ganz wenigen Tagen wußten wir, dass es bitterer Ernst war, die Erkrankung. Leukämie! - Der Schreck! Zittern - hoffen - beten ... wie wollte ich den Kalender stehen heißen!" Es nützte nichts! Max Stüdl starb am 4. 11. 1921. "Geht fort von uns und läßt uns allein", schrieb Gusti verzweifelt in ihr Tagebuch... 

Todesnachricht für Max Stüdl.

Tatsächlich hatte Auguste Stüdl nicht nur den Verlust des geliebten Lebenspartners zu beklagen; es häuften sich in der Folge Schwierigkeiten, die kaum zu bewältigen waren.

Drei unmündige Kinder waren zu versorgen. Die kleine Traute war noch nicht einmal 5 Jahre alt. Wolf, nach einer Kinderlähmung halbseitig gelähmt bedurfte besonderer Fürsorge. Und Hansmax, der "Große" war auch erst 11 und gerade ins Gymnasium eingetreten.

Wolf Traute Hansmax

Zu betreuen waren aber auch 2 alte Männer: Ihr Schwiegervater, Johann Stüdl im 82.  und ihr Ziehvater Hugo Exner im 70. Lebensjahr. Beide bemüht, Gusti zu helfen und sie nach Möglichkeit zu unterstützen - und doch eine Belastung.

Die größten Probleme bereitete aber "Die Birne", die eigentlich die ausreichende Versorgung der Familie sicherstellen sollte.

In ihrem Nachlass fand sich diese Visitenkarte mit einem Spruch auf der Rückseite, der deutlich macht, wie trostlos sie in ihrem Inneren war, auch wenn sie nach außen hin heiter und fröhlich wirkte.

Das Jahrhundert-Hochwasser der Salzach von 1920 hatte die Fundamente des Hauses unterspült, und das Gebäude begann sich zu setzen, was umfangreiche bauliche Maßnahmen erforderlich machte.

Gerade zu dieser Zeit aber hatte die Inflation ihren Höhepunkt erreicht. Waren an einem Tag die Mittel für den Baumeister bereitgestellt, so waren sie am nächsten schon nichts mehr wert!

Um wenigstens den sicheren Aufenthalt in den Räumen zu gewährleisten, wurden mit Säulen und Balken umfangreiche Stützungen vorgenommen, was natürlich potentielle Gäste abschreckte. Das einst florierende Geschäft warf kaum mehr Gewinne ab.

Aus einem Brief von Johann Stüdl wissen wir, dass "Gusti mit dem Gedanken umgeht, die Birne zu verkaufen, wenn ihr günstige Bedingungen gestellt werden. Die enorm hohen Zinsen, der auf das Haus aufgenommenen Kapitalien fressen jegliche Mieten auf."

Auch der Aufenthalt in Stockwinkel brachte kaum Entspannung und Erholung, denn Gusti galt als außerordentlich gastfreundlich, was zur Folge hatte, dass bei schönem Wetter das Haus und der Badesteg stets überbelegt waren.

Um Sohn Wolfgang trotz seiner Behinderung Beschäftigung und Einkommen zu sichern, hatte die Mutter für ihn in Stockwinkel eine Hühnerfarm eingerichtet. Der kaum 14-jährige war davon allerdings nur wenig begeistert, und so blieb die nötige Arbeit größtenteils auch an ihr hängen.

Trotzdem war Gusti ein heiter Mensch geblieben, und ihren Kindern eine fröhliche Mutter. Wann immer es möglich war, unternahm sie mit ihnen Berg-, Rad- oder Schitouren.

Auch in der Freizeit gönnte sie sich keine Ruhe! Es nimmt daher nicht Wunder, dass die Gesundheit darunter litt. Ein Ohnmachtsanfall am 5. März 1933 war das erste deutliche Anzeichen einer beginnenden Lungenentzündung. Trotz des Einsatzes der neuen "Wunderwaffe Penicillin" gelang es den Ärzten nicht, das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Es schien, als wäre ihr Lebensmut gebrochen und Gusti hatte wohl auch keine Kraft mehr, um gegen die Krankheit anzukämpfen. Nach 12 qualvollen Tagen mit starken Schmerzen folgte sie ihrem geliebten Max in die Ewigkeit. Gusti Stüdl war 45 Jahre alt geworden.

Ein schweres Erbe traten die Jugendlichen an. Hansmax wenigstens, konnte dank der Unterstützung durch Verwandte das begonnene Studium in Wien fortsetzen.

Wolf versuchte es zunächst doch, mit der Hühnerfarm sein Auskommen zu finden, wechselte dann aber in verschiedene andere Berufe.  

Traute war gerade erst 16 Jahre, als die Mutter starb. Das Elternhaus wurde wegen der hohen Schulden unter Zwangsverwaltung gestellt und später verkauft. Traute mußte die Schule verlassen und - zunächst als Küchenhilfe - arbeiten. Dabei wurde ihr vom Lohn sogar noch ein Betrag zur Schulden-Tilgung abgezogen.

Immerhin konnte sie weiter in dem Haus wohnen. Erst nach ihrer Hochzeit und der Geburt des ersten Kindes übersiedelte die junge Familie nach Parsch.

Stüdls Enkelin Traute Lindinger mit ihrer Tochte Friedl auf dem Grabendach ihres Elternhauses (Gasthof Birne), das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Besitz der Familie war.(1942)
Max Stüdl 2 1/2 Monate alt.
ca. 4 Monate alt
Max Stüdl ca. 3 Monate alt.
Max Stüdl vor dem Hradschin in Prag, um 1900.
Über dem Eingang zum elterlichen Haus am Radetzkyplatz, Prag-Kleinseite (heute Malostranske 22), zeigte dieses Schild Max Stüdls Weinstube an.
Die Fuchsbergbaude im Gebiet der Schneekoppe (tschechisch: Śnjeżka), Riesengebirge (tschechisch: Krkonose) war sozusagen das Vereinslokal für den von Max Stüdl ins Leben gerufenen Deutschen Schneesportverein.
In diesem Attest von Dr. Götzl heißt es: "Bei Herrn Max Stüdl mußte wegen Knickung des linken Harnleiters und Vereiterung die linke Niere operativ entfernt werden. Die rechte Niere scheidet Eiweiß aus."
Gusti Northoff als Verlobte. 1909
Die Hochzeit von Max und Gusti Stüdl fand am 16. September 1909 in der Karolinenthaler Pfarrkirche statt.
Gustis Eltern: Rudolf und Franziska Northoff
Hugo Exner, Gustis Ziehvater.
Max und Gusti Stüdl 1910.
Glückliche Gusti mit ihrem ersten Kind: Hansmax
Max und Gusti Stüdl mit ihren Kindern Wolfgang und Hansmax 1914.
Erst viele Jahre später, bei einem gemeinsamen Besuch in Prag um 1960, sahen Wolfgang, Traute und Max, ihr Elternhaus wieder.
> In Druckschrift: "... es ist diese Verkaufsabsicht des Max und Gusti mir ein Damoklesschwert über dem Haupte. Jeden Augenblick gefaßt zu sein, väterliches Heim, das ich mir eingerichtet und verbessert habe, zu verlassen, ist sehr bitter ..."
> in Druckschrift:"... Du wirst durch Mama erfahren haben, daß Max in Salzburg sich ein Gasthaus mit einer gutgehenden Weinstube gekauft hat, und trachtet, von Prag bald weg zu kommen. Es ist dadurch meines Bleibens in Prag auch nicht mehr allzu lange ..."
Briefpapier wurde gedruckt ...
... Briefkuverts gestaltet ...
... und Inserate plaziert, wie hier im Programm des Salzburger Landestheaters.
Stüdls Refugium in Stockwinkel am Attersee.
Nachrufe für Max Stüdl in verschiedenen salzburger Zeitungen.
Stützmaßnahmen am Haus Judengasse 1 (Gasthor Birne) nach dem Hochwasser der Salzach von 1920.
Todesnachricht für Auguste (Gusti) Stüdl.