"Bergvater Stüdls letzte Bergfahrt"

War Stüdls Seele wund, dann heilten die Berge. So zog es ihn auch in seinen letzten Lebensjahren in luftige Höhen.

Gewalttouren in den Hochalpen waren natürlich nicht mehr möglich. Zu seiner Hütte auf der Vanitscharte gelangte er auf dem Rücken eines Mulis.

Auch stieg er auf das Torrenner Joch, wo die Sektion Salzburg ein Unterkunftshaus errichtete. Das in Amerika lebende Mitglied dieser Sektion  Carl von Stahl hatte das Haus mehrfach (!) finanziert. Mehrfach deshalb, weil auch hier das Geld schon seinen Wert verloren hatte, ehe die Bauarbeiten weit genug gediehen waren.

Stüdl wollte diesem Gönner eine Weihnachts-Freude bereiten und das neue Haus für ihn malen. Heinrich Hackel erzählt in seinem Buch "Meine Berge, mein Leben" diese nette Geschichte über Stüdls Aufenthalt auf dem Torrenner Joch:

"Das Haus war erst im Rohbau fertig und so musste er mit den Bauarbeitern in einer Baracke hausen, für den alten Mann sicherlich kein geringes Opfer. Wenn die Leute das Frühstück kochten, scheuchte ihn der beizende Rauch vom Lager. Und ganz schlimm stand es um die 'sanitären Anlagen'! Man sagte ihm, daß hinter den Latschen eine Latrine sei. Wie im Felde üblich, war über zwei eingerammte Pfosten eine Stange gelegt. Diesem System gegenüber aber war er 'der Greis, der sich nicht zu helfen weiß'. Er klagte: 'Ich bin doch kein Vogerl!' "

Diese, und auch die folgende Erzählung, sowie alle anderen Texte über Johann Stüdl aus Heinrich Hackels Buch finden Sie ungekürzt auf der Seite > "Lesestoff / Meine Berge, mein Leben".

 

 

 

In diesem Buch erzählt auch Marie Hackel, die Frau des Autors und Hüttenwirtin der Söldenhütte (heute Heinrich Hackel Hütte), am Südabhang des Tennengebirges eine ganz reizende Geschichte:"Vater Stüdls letzte Bergfahrt" Hier einige Ausschnitte daraus:

"Kleine Söldenhütte, du sonniges Almparadies am Südhang des Tennengebirges! Dir sollte die Ehre zuteil werden, dem lieben, alten Vater Stüdl das letztemal die Wunder der weiten Bergwelt ins junggebliebene Herz zu zaubern. Acht Tage haben deine trauten Räume ihn, den Ahnherren unserer großen Familie, beherbergt, auf daß ihm noch einmal das große, tiefe Glück des Bergerlebens zu eigen werde ...

Sie segeln dahin: Tage voll leuchtendem Sonnenschein, Tage voll trübem Grau. Im Hüttel aber war es immer helle; da wurde fleißig gearbeitet. Wenn Vater Stüdl der jungen, braven Wirtschafterin zurief: ,Kathele, was gibt's jetzt zu tun?', da kam die bittende Antwort: ,Herr Stüdl, die Lampe brennt halt nicht - das Fenster wär' einzukitten - das Schloß sperrt nicht!' Und er zerlegt mit gefurchter Stirn die Lampe und putzt und ölt; er kittet das Fenster wie ein geborener Meister; er schreibt bedächtig Hüttentarife doppelt und dreifach; und legt die rechte Hand das vollendete Werk zur Seite, so greift die linke schon herzhaft das neue an ...

Noch ein Tag der Ruhe und des Friedens, dann naht der Abschied. - Ein Sommerabend voll schmerzlich wundersamer Milde! Vater Stüdls Blick hängt verloren an dem Größten dort in der Kette der Hohen Tauern: es ist ja "sein" Berg, der Großglockner, und er selbst hieß ja "der Glocknerherr"! Schweigen um uns. Ich störe sie nicht, die heilige Stunde; denn ich weiß, daß seine Seele jetzt den hohen, fernen Berg umkost und sucht und sucht, bis sie, allen Weltrichtungen zum Trotz, mit innengewandtem Sinn ein einsames Hüttchen erspäht - seine Hütte! ... Da greife ich sanft nach der gütigen Hand neben mir und streichle sie; ist mir's doch, als müßte ich einen kleinen Schmerz und eine heiße Sehnsucht im Keime ersticken!"

An diese, Johann Stüdls letzte Bergfahrt erinnert eine Marmortafel am Wegrand von der Wengerau zur Heinrich Hackel Hütte (früher: Söldenhütte).

Rechts im Bild die Enkelin von Johann Stüdl, Traute Lindinger; links: Ihre Tochter Gundi Hauser.

 

 

 

Auch in Salzburg gibt es eine Gedenktafel an seinem Wohn- und Sterbehaus, Judengasse 1. Das Reliefbild ist ein Abguss jenes Originals, welches Johann Stüdl von der Sektion Prag zum 70. Geburtstag als Geschenk erhalten hatte, und das nun seinen Grabstein auf dem Salzburger Kommunalfriedhof schmückt.

 

 

 

Johann Stüdls letzte Lebensjahre zeigt auch der folgende Ausschnitt aus dem Film "Johann Stüdl - Visionär und Erschließer der Alpen", produziert von Ladislav Jirásko - ALPY spol.sr.o, Prag.

Eine Kurzfassung des gesamten Filmes sehen Sie hier : > "Startseite / Film"

 


Weiter: > "Zeichner und Maler / Die besten Lehrer".

Das Stahlhaus auf dem Torrenner Joch. Stüdl zeichnete es, um Carl von Stahl eine Freude zu machen. Er hatte das Haus finanziert.
In der Nähe des Stahlhauses wurde für Carl von Stahl dieses Denkmal errichtet.
Die Söldenhütte - heute Heinrich Hackel Hütte - war das Ziel von Johann Stüdls letzter Bergfahrt.
Gedenktafel an Johann Stüdls Sterbehaus, Salzburg, Judengasse 1.