Der Schatten des Todes

Stüdl hätte also in Salzburg einem beschaulichen und zufriedenen Lebensabend entgegensehen können; und es wäre ihm auch zu vergönnen gewesen, nach allem, was er durchgestanden hatte.

Sohn Max stirbt an Leukämie.

Das Schicksal schlug aber noch einmal grausam zu! Sohn Max erkrankte an Leukämie. Im Spätsommer 1921 machte ihm eine leichte Angina zu schaffen.

Im Hüttenbuch von Stockwinkel findet sich ein Eintrag von Gusti Stüdl vom 9. September: "Vormittags Gewitter. Maxl als Reconvalescent."

Die Krankheit erwies sich aber als hartnäckig und Max wurde rezidiv. Er hatte ja nur mehr eine Niere (Siehe: > "Die Familie - Max"), die die Giftstoffe nicht mehr bewältigen konnte.

Bald kam die niederschmetternde Diagnose: Leukämie! Am 24. November verschied Max Stüdl im 44. Lebensjahr.

Die Familiengruft auf dem Salzburger Kommunalfriedhof existierte bereits.  Der Grabstein war aus der Moldaustadt nach Salzburg transportiert worden. Johann Stüdl hatte die in Prag bestatteten Familienangehörigen exhumieren und nach Salzburg überführen lassen: Den allzu früh verstorbene Vater, der dem Sohn 1858 das Geschäft als schweres Erbe hinteließ, die hochherzige, liebevolle Mutter, die 1879 ihre Augen für immer geschlossen hatte und 4 seiner Geschwister, die schon im Kleinkindesalter verstorben waren.

Eine nahm dabei eine ganz besondere Stellung ein: Sein "engelsgutes Mamilein", seine Lebensfreundin und unvergessliche, liebevolle Gattin Hermine, die er auch nach ihrem Tode nicht in Prag zurücklassen wollte. Was sterblich war an ihr, ruht ebenfalls im Familiengrab. Den Sohn bestattete man nun an ihrer Seite.  

Der greise Vater blieb zurück ­- gramgebeugt!

Vielleicht gedachte Stüdl hier auch der vielen dahingegangenen Weggefährten, die vor ihm das Zeitliche segneten, hatte er doch knapp 2 Monate zuvor schon seinem Schwager und Freund Gustav Neugebauer das letzte Geleit geben müssen, der am 3. Oktober 1921 verstorben war. (Übrigens hatte auch diese Familie die komplette Grabeinfassung und die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen nach Salzburg überführen lassen.)

Auch Stüdls Bruder Franz lebte nicht mehr. Er war im November 1919 in Karlsbad einem Herzinfarkt erlegen, nur wenige Monate nachdem Johann nach Salzburg übersiedelt war. Mit ihm hatte er die legendäre Tour nach Kals unternommen, wo sein segensreiches Wirken für die Bergbevölkerung begann.

Egid Pegger hatte damals den Anstoß zum Bau der Stüdlhütte gegeben. Auch er zählte schon lange zu den Toten, 1873 hatte ihn eine Blutvergiftung dahingerafft.

Stüdls Lieblingsführer, "Thomele", Thomas Groder (+ 1897) und Josef Schnell (+ 1874) sind auf dem Friedhof von Kals begraben.

Den größten Verlust bedeutete es für Stüdl wohl, als 1870 Karl Hofmann, der unvergeßliche Freund und Tourengefährte, 24-jährig den Heldentod starb. Er hat Stüdls Leben nachhaltig beeinflusst, und seiner Initiative ist es wohl zu verdanken, dass der Deutsche (und Österreichische) Alpenverein die "Kinderkrankheiten" überwinden konnte und erfolgreich bis heute besteht. Auch die beiden anderen Mitbegründer des Alpenvereines waren Stüdl schon lange im Tode vorausgegangen. Franz Senn hatte sein sorgenvolles Leben 1884 vollendet, Theodor Trautwein war 10 Jahre später einer Lungenentzündung erlegen.

Maßgeblichen Anteil an der Gründung und Entwicklung der Sektion Prag hatte Victor Hecht, der - unfassbar - jahrelang in geistiger Umnachtung lebte, ehe er 1904 durch den Tod erlöst worden war.

Ein Jahr später stand Stüdl auch am Grabe Eduard Richters, mit dem ihn ebenfalls herzliche Freundschaft und frohes Berg-Erleben verbunden hatte.

Nur wenige von den vielen Begleitern auf Stüdls Lebensweg sind hier erwähnt. Man kann mit Sicherheit annehmen, dass es weit mehr waren, deren Hinscheiden er tief betrauerte.   

Die Enkelkinder

Wenigstens hatte er täglich seine Enkelkinder um sich (Siehe: "Die Familie - Max"), die mithalfen, die allzu trüben Gedanken zu verscheuchen.:

Hansmax, der älteste Sohn von Max Stüdl (* 1910, + 1983) erinnerte sich gerne an seinen Großvater, "dessen herausragende Eigenart eine außerordentliche Präzision bei allen Tätigkeiten" war.

Diese Gewissenhaftigkeit versuchte Großvater Stüdl auch seinem Enkel zu vermitteln: "Ich durfte jeden Tag die wunderbare Taschenuhr meines Großvaters aufziehen; allerdings nur, wenn ich pünktlich um 7 Uhr früh bei ihm erschien. Kam ich auch nur 1 Minute zu spät, dann war diese Arbeit bereits getan, und ich hatte das Nachsehen!" (Zitat Hansmax Stüdl)

Wolfgang Stüdl (*1913, + 1975) hinterließ uns leider keine Erinnerungen an den Großvater.

Aber die 1917 geborene Gertraud (Traute) Lindinger (geb. Stüdl), die letzte noch lebende Enkelin, erzählt über den Großvater: "Ich durfte in seinem Zimmer die 'komischen' Sachen anschauen, wie Steigeisen, Eispickel, Rucksack etc." und "... zum Essen kam er immer zu uns herunter und wir speisten dann gemeinsam. Großvater war immer sehr lieb zu uns." Auch an seine "Arbeit" als "Täfelemaler" erinnert sie sich: "Mein Großvater malte Wegetafeln, fein, mit Alpenblumen verziert."

Traute war 8 Jahre alt, als der Großvater starb. Den Trauer-Kondukt beobachtete sie von einem Fenster im Haus der verwandten Familie Viktor Neugebauer am Rudolfskai aus.

 

 

Noch mehr Sorgen ... und das Ende.

Vorerst aber nahmen die Sorgen kein Ende!

Durch ein schweres Hochwasser 1922 gab der sandige Untergrund des Stüdl'schen Hauses nach. Das Gebäude drohte einzustürzen und musste massiv gestützt werden.

Nur umfangreiche bauliche Maßnahmen konnten eine nachhaltige Sanierung bringen. Was aber an Barvermögen aufgetrieben werden konnte (Gustis Eltern und andere Verwandte sprangen helfend ein und Hypotheken wurden auf das Haus aufgenommen), war, ehe der Baumeister mit den Arbeiten beginnen konnte, schon wieder der galoppierenden Inflation zum Opfer gefallen. (Siehe auch: "Die Familie - Max")

Schwiegervater Stüdl hätte gerne geholfen, doch er besaß selbst nichts mehr!

Er sorgte allerdings vor, tilgte in seinem Testament die Kredite, die er seinem Sohn eingeräumt hatte, und obwohl er sicher gerne seine Stüdlhütte der Sektion Prag hinterlassen hätte, räumte er dieser nur ein Vorkaufsrecht gegenüber seinen Kindern und der Schwiegertochter als Erben ein.

Sein wacher Geist erkannte, dass das Haus, "Die Birne", vielleicht verkauft werden müsste. Er schrieb daher an seine Tochter Ismene nach Graz (31. Dezember 1924) "Es ist fatal, daß man auf ein regelmäßiges Geschäft nie rechnen kann. ... Jetzt ist es mit dem Wirtsgeschäft hier auch eine ungewisse Sache, da der Besuch von so vielen Faktoren abhängt. Gusti geht mit dem Gedanken um, die Birne zu verkaufen, wenn ihr günstige Bedingungen gestellt werden. Die enorm hohen Zinsen der auf das Haus aufgenommenen Kapitalien fressen jegliche Mieten auf. ... Ich hätte gerne gewußt, ob dieses Zimmer, was ich von Eurer Nebenpartei einst gehabt hatte, wieder zu haben wäre, falls es zum Verkauf der Birne kommen sollte ... Sie hat damit sehr große Sorgen, die arme Gusti."

Zu einer Übersiedlung nach Graz kam es allerdings nicht mehr, denn Johann Stüdl schloss schon einen Monat nachdem er diese Zeilen geschrieben hatte am 29. Jänner 1925 für immer seine Augen.

Über die letzten Tage und Stunden von Johann Stüdl berichtete der "Alpenverein Donauland" in seinen "Donauland Nachrichten" vom 1. Februar 1925. Lesen Sie die Abschrift auf der Seite > "Lesestoff / Donauland / Stüdls letzte Tage und Fahrt".

 

 

 

Die Grabstätte der Familie Stüdl auf dem Kommunalfriedhof in Salzburg.

 

 

Nachrufe

Groß war die Trauer über Stüdls Hinscheiden nicht nur bei seiner Familie und seinen Freunden in Salzburg. Von überall her kamen die Mitglieder des Alpenvereines um ihn auf seinem letzten Wege zu begleiten. Es stapelten sich die Kondolenzschreiben und in vielen Publikationen konnte man tief empfundene Nachrufe lesen.

Vor allem in seiner ehemaligen Sektion Prag, nun Deutscher Alpenverein Prag war in den schweren Nachkriegszeiten der Verlust der "Seele des Vereines" besonders schmerzlich.

Hier der Nachruf aus dem "Jahresbericht des Deutschen Alpenvereins Prag über das Vereinsjahr 1925":

 

 

Der Alpenverein Donauland brachte schon 3 Tage nach dem Ableben seines Mentors und Ehrenmitgliedes, in den "Donauland Nachrichten" einen Nachruf auf Johann Stüdl und eine ausführliche Lebensbeschreibung.

Diese sind als Abschriften auf der Seite "Lesestoff" zu finden und können hier mittels Verweis gesamt oder einzeln annavigiert werden. 

> „Donauland – Nachrichten“ Nachruf 1. 2. 1925
Ausführliche Würdigung von Johann Stüdl anlässlich seines Todes.

                         > Seite 24: Johann Stüdl † 
                         > Seite 24: Johann Stüdls Lebenslauf
                         > Seite 25: Stüdl als Alpinist
                         > Seite 26: Der alpine Schriftsteller
                         > Seite 27: Der Organisator
                         > Seite 28: Stüdls letzte Tage und letzte Fahrt  

  

  

Nachrufe bzw. Würdigungen in verschiedenen anderen Publikationen wurden im Internet veröffentlicht. Die entsprechenden Links finden Sie hier:

 

Neue Freie Presse, 30. 1. 1925, Seite 6 (mittlere Spalte) http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19250130&seite=6&zoom=33

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„Wiener Zeitung“ 30. 1. 1925 Seite 7 (2./3. Spalte)
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=19250130&seite=7&zoom=33         

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„Zeitschrift des deutschen und Österreichischen Alpenvereins“ 
1925, Band 56, Seite 1: „Johann Stüdl“.
Nachruf von Dr. Johannes Emmer 
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?apm=0&aid=oav&datum=19250004&seite=00000001            

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„Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins“,
1925,  Band 51, Seite 29: „Johann Stüdl †“ 
(Nachruf von Dr. Johannes Emmer).

http://www.literature.at/viewer.alo?objid=1026197&viewmode=fullscreen&rotate=&scale=3.33&page=47

 

Seite 30: „An Stüdl’s Grab“ (Bericht über die Begräbnisfeierlichkeiten).

http://www.literature.at/viewer.alo?objid=1026197&viewmode=fullscreen&scale=3.33&rotate=&page=48

 

Seite 45 unten: „Zu Johann Stüdl’s Begräbnis“ 
(Grabrede von Dr. Heinrich Hackel, 1. Vorsitzender der Sektion Salzburg).

http://www.literature.at/viewer.alo?objid=1026197&viewmode=fullscreen&rotate=&scale=3.33&page=67

 

 

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Weiter: > "Bergvater Stüdls letzte Bergfahrt"

Todesnachricht für Johann Stüdls Sohn Max.
In allen Nachrufen für Max Stüdl wurde auch des greisen Vaters gedacht.
Nachruf für Max Stüdl aus den "Mittheilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins" Nr. 11 - 12, Seite 89.
Großvater Stüdl wollte bei der Erziehung seiner nunmehr vaterlosen Enkel mitwirken. Pünktlichkeit war ihm sehr wichtig und so sollte sich auch Hansmax diese Tugend aneignen. Er durfte die Uhr nur aufziehen, wenn er auf die Minute genau um 7 Uhr erschien.
Johann Stüdl, kurz vor seinem Tod.
Traueranzeige der Sektion Salzburg des Alpenvereins.
Der Grabstein wurde mit jenem Bronzerelief geschmückt, welches ihm der Deutsche und Österreichische Alpenverein zum 70.Geburtstag überreicht hatte, ergänzt durch folgenden Text:
Titelseite für Johann Stüdls Nachruf im "Jahresbericht des Deutschen Alpenvereins Prag" von 1925