"Hochverehrter Schwager ..."

Der 80-jährige Johann Stüdl hatte schweren Herzens sein Haus und Geschäft in Prag verkauft und war im März 1919 seinem Sohn und dessen Familie nach Salzburg gefolgt. Mit bangen Erwartungen, wie wir seinen Briefen an die Enkelin Ilse Reinitzer entnehmen können.

Er bewohnte nun im 2. Stock zwei salzachseitige Zimmer mit Balkon, und lebte sich überraschend schnell in der neuen Heimat ein.

Der im Folgenden ungekürzt wiedergegebene Brief an Gustav Neugebauer beweist die nachdrücklich. Dieser war mit der Schwester von Stüdls Gattin Hermine verheiratet (siehe > "die Familie / Gattin Hermine").

 

                                                "Salzburg, Goldene Birne den 1. April 1919   

       Hochverehrter Schwager !

Überzeugt, daß Du herzlichsten Anteil nimmst an unserem Schicksale, berichte ich Dir, daß wir endlich nach mehrfachen Monitionen (=Kontrollen) (u. reichlicher Verspätung) in Salzburg ankamen.

Es ergab sich am kommenden Tag, daß unsere 3 Handkoffer, die wir wegen den Monitionen als Gepäck aufgaben verschwunden sind. Hoffentlich sind dieselben irgend verführt worden und kommen doch irgendwo zum Vorschein.

Dagegen fanden wir in der Goldenen Birne eine zwar nicht hochelegante, aber gemütliche, nette, saubere Unterkunft.

Ich beherrsche 2 etwas niedrige, aber außerordentlich freundliche Zimmer mit der Aussicht auf die Salzach u. das drübrige Ufer! Die Zimmer sind bürgerlich, behaglich u. nett eingerichtet, wie man etwa vor 50 Jahren sich einzurichten pflegte. Der Eingang, die Gänge sind etwas altertümlich.

Dagegen die Weinstube außerordentlich nett und geschmackvoll in altdeutschem Stile eingerichtet, so recht behaglich! freundlich! insbesonders gemütlich. Der Besuch derselben ist ein ziemlich lebhafter und verkehrt die beste bürgerliche Gesellschaft, Offiziere, pens. Beamte und auch junges Völkchen, Damengesellschaften mit Vorliebe.

Ein größerer Saal ist im 1. Stock, der an Vereine und geschl. Gesellschaften fast täglich vergeben wird.

Die Zimmer sind aber dadurch nicht beunruhigt, da dieselben zumeist nach der anderen Seite gelegen sind.

Ich freue mich jedesmal auf die Stunde des Essens, da Max, Gusti u. ich sehr schnell unter den Stammgästen bekannt wurden und recht liebe Ansprache haben. Wollen wir für uns alleine sein, so gibt es hierzu genug passende Sitzgelegenheiten.

Zu unserer größten Überraschung kam vorgestern Dein Sohn Viktor mit seiner lieben Frau nach Salzburg! zur Birne. Sie logieren zwar im roten Krebs Hotel, sind aber die meiste Zeit bei uns, insbesondere bei den Mahlzeiten, die wir gemeinsam in der Weinstube einnehmen.

Seine Angelegenheiten betreibt er mit Eifer. Es geht zwar langsam vorwärts, aber doch. Leider ist noch keine passende Wohnung gefunden worden, doch wird hoffentlich ein günstiges Resultat sich erreichen lassen.

Über seine Angelegenheiten und deren Stand wird Viktor Dir schreiben, sobald er etwas zur Ruhe kommt."

Tatsächlich übersiedelte nicht nur Viktor Neugebauer mit seiner Familie nach Salzburg (er erwarb das Spielwarengeschäft "Neumüller" am Rathausplatz), sondern noch im selben Jahr 1919 auch dessen Bruder Otto mit Familie, der die Mayrische Buchhandlung in der Theatergasse lange Jahre führte.

Auch der Vater, Gustav Neugebauer, kam zusammen mit seinem Sohn Otto nach Salzburg. Ihm gehörte in Prag "Am Graben" die alteingesessene Buchhandlung "Kosmak & Neugebauer". An ihn ist der vorliegende Brief gerichtet. Hier nun die Fortsetzung:

 

"Wir erwarten baldigst die Ankunft der Möbelwägen, die leider so manches bringen, was wir hier bereits hätten u. wir das Vorhandene u. das Ankommende irgendwie einlagern müssen.

Herrlich wäre es, wenn auch Du Dich entschließen würdest, hierher zu kommen. Wir beide würden uns als 'Ausgedinge' behaglich einrichten u. gemütlich die Zeit vertreiben. Bei Deinem großen Verständnis für die Alpennatur würdest Du Dich hier bald heimisch und zufrieden fühlen.

Der Menschenschlag ist hier ein ganz anderer als in Prag! Viel gemütlicher, freundlicher, zutunlicher. Überall wird man sehr freundlich begrüßt und behandelt. Auch die Behörden sind sehr zuvorkommend.

Also denke daran, daß in Salzburg drei Menschen wohnen, die Dich mit offenen Armen empfangen werden, sobald Du Dich entschließen solltest, nach Salzburg zu kommen."

Nicht zuletzt diese positiven Prognosen werden die Familie Neugebauer bewogen haben, ebenfalls nach Salzburg zu übersiedeln.

Gustav Neugebauer kam im Spätherbst 1919 in die Salzachstadt. Das "behagliche Ausgedinge" der beiden alten Herren dauerte allerdings nicht einmal zwei Jahre, weil Gustav Neugebauer 1921 verstarb.

Stüdl schließt den Brief:

 

"Mit tausend herzlichsten Grüßen von Max und Gusti

                                                          Dein aufrichtiger Schwager Hans."

 

Welch ein gravierender Unterschied zu dem pessimistischen und von Trennungsschmerz bestimmten Brief aus Prag, den Stüdl, nur 3 Monate zuvor, am 4. Feber an seine Enkelin Ilse Reinitzer geschrieben hatte. (Siehe: > "Das Geschäft - Abschied von Prag")

Wenn es Stüdl und seinem Schwager Neugebauer auch nicht lange vergönnt war, sich "gemütlich die Zeit zu vertreiben", so blieb die enge Verbundenheit zwischen den Familien doch weiter bestehen; nun eben in der nächsten und übernächsten Generation. 

Als in Salzburg 1989 der 150. Geburtstag von Johann Stüdl gefeierrt wurde, nahm auch der damals 83-jährige Otto Neugebauer daran teil. 

In einer kurzen Rede brachte er seine Erinnerungen an den Onkel  den Anwesenden zu Gehör. Nebenstehend das von ihm selbst verfasste Konzept.

Ilse Reinitzer, Stüdls "herzliebstes Ilserl" hatte 1923 den Chemiker Josef Stark geheiratet. Ihr Großvater war aus diesem Anlass nach Graz gereist, um an der Feier teilzunehmen. 

Am 10. Feber 1925 brachte Ilse in Graz ihren Sohn Udo zur Welt.

Johann Stüdl erlebte aber seinen ersten Urenkel nicht. Er starb 12 Tage vor dessen Geburt. Ilse Stark übersiedelte mit ihrer Familie später ebenfalls nach Salzburg.

In seinem letzten Brief an Tochter Ismene, die Großmutter des kleinen Udo, vom 31. Dezember 1924 überlegte Stüdl, ob er wohl wegen eines "Hexenschusses" in der Lage sein würde, die Reise nach Graz anzutreten, um seinen Urenkel zu sehen...

 

Weiter: > "Der Schatten des Todes"

In seinem Brief an Gustav Neugebauer beschreibt Johann Stüdl ausführlich sein neues Domizil. Hier die Vorderseite des Hauses in der Judengasse, gezeichnet von Stüdls Ur-Ur-Enkelin Brigitte Klein (siehe "Die Familie - die Nachkommen").
Unter diesem Dach des Gasthofs "Birne", im 2. Stock, "beherrschte" Johann Stüdl "2 etwas niedrige, aber außerordentlich freundliche Zimmer mit Aussicht auf die Salzach."
Johann Stüdl blickt von seinem Balkon über die Salzach ans andere Ufer.
Stüdls Weinstube in der Birne, vom Vater als "... außerordentlich nett und geschmackvoll ... so recht behaglich ..." beschrieben.
Viktor Neugebauer erwarb das Spielwarengeschäft "Neumüller", Ecke Rathausplatz/Getreidegasse in Salzburg. Hier fehlt ein entsprechendes Foto.
Otto Neugebauer erwarb die "Mayrische Buchhandlung" in der Theatergasse in Salzburg. Hier fehlt ein entsprechendes Foto.
Stüdl freute sich darauf, das "Ausgedinge", zusammen mit seinem Schwager, gemütlich zu genießen.
Erinnerungen an meinen Großvater von Otto Neugebauer.